Friederike Mayröcker: Ausgewählte Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Friederike Mayröcker: Ausgewählte Gedichte

Mayröcker/Mayröcker-Ausgewählte Gedichte

DER AUFRUF

Mein Leben:
ein Guckkasten mit kleinen Landschaften
gemächlichen Menschen
vorüberziehenden Tieren
wohlbekannten wiederkehrenden Szenerien

plötzlich aufgerufen bei meinem Namen
steh ich nicht länger im windstillen Panorama
mit den bunten schimmernden Bildern

sondern drehe mich wie ein schrecklich glühendes Rad
einen steilen Abhang hinunter
aller Tabus und Träume von gestern entledigt
auf ein fremdes bewegtes Ziel gesetzt:

ohne Wahl
aber mit ungeduldigem Herzen

 

 

Dieser Band

legt eine von der Autorin selbst getroffene Auswahl ihrer Gedichte aus dreieinhalb Jahrzehnten vor. Die Auswahl zeigt die Entwicklung eines erstaunlichen Werks.

Auf die Entstehung ihrer Texte eingehend, sagte die Autorin: „Ich komme von auszen, dringe nach innen vor – erst von da suche ich meinen Weg von innen nach auszen.“ Oder: „Ich schalte, um meine ,Bewusztseinsmaschine‘ in Gang zu bringen, auf Erinnerungspunkte irgendwelcher Vergangenheit, bringe dadurch, wenn es gelingt, etwas ganz intensiv in die Mitte meines Bewusztseins, wo es lebendig dasteht, zu sehen, zu hören, zu riechen, zu betasten, in einer Eigenbeweglichkeit, die es aus dem Zustand des Eingebettetseins in einen Erinnerungslauf befreit. Es steht für sich selber da, … statisch, und zugleich in einem Strahlungskranz von Assoziationsmöglichkeiten.“

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1979

 

Beiträge zu diesem Buch:

Karl Krolow: Im poetischen Kraftfeld
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.4.1979

Kurt Marti: o. T.
Reformatio, Juni 1979

Beatrice von Matt: Mächtige Redefiguren
Neue Zürcher Zeitung, 13.8.1979

Marie Theres Nölle: Flug und Verharren
Zürichsee-Zeitung / Allgemeiner Anzeiger / Grenzpost, 4.7.1987

Reinhard Priessnitz: o. T.
Norddeutscher Rundfunk, 28.4.1979

P. Schmid: Drei Jahrzehnte Poesie
Die Furche, 30.5.1979

Hans Dieter Schmidt: Immerhin das Wichtigste
Main-Echo, 19.9.1979

Rita Terras: Friederike Mayröcker: Ausgewählte Gedichte 1944-1978
World Literature Today, Heft 54, 1980

Liesl Ujvary: Gedichte sind eine Lebensform
Die Presse, 7./8.7.1979

Liesl Ujvary: o. T.
Sender Freies Berlin, 22.7.1979

Liesl Ujvary: Gedicht als Lebensform
Siegfried J. Schmidt (Hrsg.): Friederike Mayröcker, Suhrkamp Verlag, 1984

 

„Die Poesie ist nur ein Hauch“

Düsseldorf: Ein großes Treffen der Dichter soll es werden, das dreitägige Poesiefest im Düsseldorfer Geburtshaus Heinrich Heines an der Bolkerstraße vom 23. bis zum 25. September: Durs Grünbein und Michael Krüger werden unter anderem kommen und lesen, auch Cees Nooteboom, Lutz Seiler und Oswald Egger. Das Motto aber hat – als eine Art Schirmherrin der Poesie – die Grande Dame der deutschsprachigen Dichtkunst ersonnen, die Wiener Lyrikerin Friederike Mayröcker (86): „also war mir als flöge eine weiße Taube vorüber…“

Lothar Schröder: Welchen Geist wollen Sie mit Ihrem Motto für das Poesiefest im Heine Haus beschwören?

Friederike Mayröcker: Die Taube ist ja zunächst der Inbegriff des Friedens. Und dabei denke ich natürlich auch gleich an Picassos Friedenstaube. Meine Affinität zur bildenden Kunst ist besonders groß und für meine Dichtung wichtig. Ich habe aber auch an den Heiligen Geist gedacht, der den Dichter inspiriert. Ich finde, ohne eine Inspiriertheit kann es kein richtiges Schreiben geben. Denn letztlich ist die Poesie nur ein Hauch, ein Wind. Wenn ich solche nächtlichen Einflüsterungen habe, muss ich sie immer gleich festhalten – sonst weht dieses Geheimnis am Tage gleich wieder weg.

Schröder: Ist Poesie also auch etwas Flüchtiges?

Mayröcker: Na ja, die Dichtung kann vorbeiziehen, wenn man nicht offen ist für sie. Dann muss sie sogar vorbeiziehen. Und bei mir ist die Situation und Stimmung sehr oft so, dass ich gar nicht schreiben kann.

Schröder: Hilft Ihnen beim Schreiben irgendein Ritual, ein besonderer Ort oder eine besondere Zeit?

Mayröcker: Das ist der frühe Morgen, um vier oder fünf Uhr; und dann fange ich gleich an zu schreiben – also noch im Bett. Meine Stimmung und meine Verfassung ist in dieser frühen Stunde dann meist eine wehmütige.

Schröder: Wird die Dichtung für Sie auch zu einem Selbstgespräch?

Mayröcker: Eigentlich nicht. Es braucht immer eine Ansprache, immer ein Du. Für mich ist alles Dichten vielmehr ein langer Versuch, etwas festzuhalten; und oft gelingt genau das leider nicht.

Schröder: Sie haben einmal selbst die Frage nach dem Zweck des Dichtens gestellt und auch danach, ob am Ende nicht doch alles vergeblich ist.

Mayröcker: Es kommt immer auf die Qualität an. Aber auch dann gilt: Wenn man sehr lange schon und auch viel geschrieben hat, werden es am Ende vielleicht vier oder fünf Gedichte sein, die überleben; mehr nicht. Ich habe viele hundert Gedichte geschrieben, und ich muss damit leben können, dass es wahrscheinlich nur wenige sind, die sich dem Leser auch eingeprägt haben.

Schröder: Ist es wichtig, Gedichte auswendig aufsagen zu können?

Mayröcker: Ich selbst kann merkwürdigerweise keines meiner Gedichte aufsagen, nicht einmal sehr kurze. Aber grundsätzlich ist das Memorieren von Lyrik schon eine sehr gute Aufgabe und auch eine Übung. Besonders für junge Menschen. Denn damit wandeln sich Gedichte zu einem geistigen Besitz, den man mitnehmen kann.

Schröder: Leben wir eigentlich in poesiefernen Zeiten?

Mayröcker: Im Gegenteil. Ich mache so viele Lesungen, und dabei merke ich zunehmend, wie besonders ganz junge Menschen der Lyrik sehr nahe kommen können. Das ist schön und ermutigend, welche Bedeutung Verse für junge Leser wieder bekommen.

Rheinische Post, 10.9.2011

 

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Friederike Mayröcker und Elke Erb.

Protokoll einer Audienz. Otto Brusatti trifft Mayröcker: Ein Kontinent namens F. M.

 

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Daniela Riess-Beger: „ein Kopf, zwei Jerusalemtische, ein Traum“
Katalog Lebensveranstaltung : Erfindungen Findungen einer Sprache Friederike Mayröcker, 1994

Ernst Jandl: Rede an Friederike Mayröcker
Ernst Jandl: lechts und rinks, gedichte, statements, perppermints, Luchterhand Verlag, 1995

Zum 75. Geburtstag der Autorin:

Bettina Steiner: Chaos und Form, Magie und Kalkül
Die Presse, 20.12.1999

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Nico Bleutge: Das manische Zungenmaterial
Stuttgarter Zeitung, 18.12.2004

Klaus Kastberger: Bettlerin des Wortes
Die Presse, 18.12.2004

Ronald Pohl: Priesterin der entzündeten Sprache
Der Standard, 18./19.12.2004

Michael Braun: Die Engel der Schrift
Der Tagesspiegel, 20.12.2004.
Auch in: Basler Zeitung, 20.12.2004

Gunnar Decker: Nur für Nervenmenschen
Neues Deutschland, 20.12.2004

Jörg Drews: In Böen wechselt mein Sinn
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2004

Sabine Rohlf: Anleitungen zu poetischem Verhalten
Berliner Zeitung, 20.12.2004

Michael Lentz: Die Lebenszeilenfinderin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004

Zum 85. Geburtstag der Autorin:

Elfriede Jelinek, und andere: Wer ist Friederike Mayröcker?
Die Presse, 12.12.2009

Gunnar Decker: Vom Anfang
Neues Deutschland, 19./20.12.2009

Zum 90. Geburtstag der Autorin:

Herbert Fuchs: Sprachmagie
literaturkritik.de, Dezember 2014

Andrea Marggraf: Die Wiener Sprachkünstlerin wird 90
deutschlandradiokultur.de, 12.12.2014

Klaus Kastberger: Ich lebe ich schreibe
Die Presse, 12.12.2014

Barbara Mader: Die Welt bleibt ein Rätsel
Kurier, 16.12.2014

Sebastian Fasthuber: „Ich habe noch viel vor“
falter, Heft 51, 2014

Marcel Beyer: Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag am 20. Dezember 2014
logbuch-suhrkamp.de, 19.1.2.2014

Maja-Maria Becker: schwarz die Quelle, schwarz das Meer
fixpoetry.de, 19.12.2014

Sabine Rohlf: In meinem hohen donnernden Alter
Berliner Zeitung, 19.12.2014

Tobias Lehmkuhl: Lachend über Tränen reden
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2014

Arno Widmann: Es kreuzten Hirsche unsern Weg
Frankfurter Rundschau, 19.12.2014

Nico Bleutge: Die schöne Wirrnis dieser Welt
Der Tagesspiegel, 20.12.2014

Elfriede Czurda: Glückwünsche für Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Kurt Neumann: Capitaine Fritzi
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Elke Laznia: Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Hans Eichhorn: Benennen und anstiften
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Barbara Maria Kloos: Stadt, die auf Eisschollen glimmt
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Oswald Egger: Für Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Péter Esterházy: Für sie
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

 

Zum 93. Geburtstag der Autorin:

Einsame Poetin, elegische Träumerin, ewige Kinderseele
Die Presse, 4.12.2017

Zum 95. Geburtstag der Autorin:

Claudia Schülke: Wenn Verse das Zimmer überwuchern
Badische Zeitung, 19.12.0219

Christiana Puschak: Utopischer Wohnsitz: Sprache
junge Welt, 20.12.2019

Marie Luise Knott: Es lichtet! Für Friederike Mayröcker
perlentaucher.de, 20.12.2019

Herbert Fuchs: „Nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens“
literaturkritik.de, Dezember 2019

Claudia Schülke: Der Kopf ist voll: Alles muss raus!
neues deutschland, 20.12.2019

Mayröcker: „Ich versteh’ gar nicht, wie man so alt werden kann!
Der Standart, 20.12.2019

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Bild von Juliane Duda mit den Zeichnungen von Klaus Ensikat und den Texten von Fritz J. Raddatz aus seinem Bestiarium der deutschen Literatur. Hier „Mayröcker, der“.

 

Friederike Mayröcker – Trailer zum Dokumentarfilm Das Schreiben und das Schweigen.

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