Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl

Mayröcker-Requiem für Ernst Jandl

PARAPHRASE AUF 1 GEDICHT
VON ERNST JANDL

(„in der küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein pferd“ EJ)

in der Küche stehn wir beide
rühren in dem leeren Topf
schauen aus dem Fenster beide
haben 1 Gedicht im Kopf

6.6.2000 

 

 

Friederike Mayröcker Requiem für Ernst Jandl

Requiem, lat. Liturgie: die Totenmesse, besonders am Begräbnistag als Kernstück der Exsequien, benannt nach dem Anfang ihres Introitus ,Requiem aeternam dona eis, Domine‘ (,Herr, gib ihnen die ewige Ruhe‘).
Ein halbes Jahrhundert gemeinsamen Lebens, und das hieß ganz selbstverständlich auch: gemeinsamer literarischer Arbeit, verband und verbindet Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Unmittelbar nach dem Tod des Gefährten im Frühsommer des Jahres 2000 hat Friederike Mayröcker den Schmerz des Verlustes in einer stillen und zugleich leidenschaftlichen Todesklage zu bewältigen versucht, die zu einem Gesang von berückender Intensität wird. In diesem Dokument von tapferster Zartheit ruft sie Erinnerungen an Erlebnisse der gemeinsamen Jahre auf, macht sich Offengebliebenes jäh bewußt, liest Jandls Texte neu. Vor einer plötzlichen und existentiellen Leere erschreckend, fragt sie nach Möglichkeiten und Weisen des Weiterlebens und -arbeitens und hört nicht auf, zu einem Gegenüber zu sprechen. „Der Verlust eines so nahen Menschen, eines HAND- und HERZGEFÄHRTEN ist etwas ganz und gar Erschütterndes, aber vielleicht ist es so, daß man weiter mit diesem HERZ- und LIEBESGEFÄHRTEN sprechen kann nämlich weiter Gespräche führen kann und vermutlich Antworten erwarten darf. Einer einstmals so stürmischen Aura, nicht wahr. Jetzt gestammelt gehimmelt, und weltweit.“

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2001

 

In der Küche ist es kalt

(…)

Dagegen kommt Jandls persönliche letzte Botschaft sehr diskret daher, als „widmungsgedicht“, gerichtet an die Gefährtin seines Lebens und Schreibens. In einfachen Zeilen hält er fest, daß er vom Tod des Vaters und vom Tod der Mutter geschrieben hat, und schließt – um die Trias zu vollenden: „du / schreibst dann / daß ich / tot bin“.

Friederike Mayröckers Requiem ist die Erfüllung dieses Wunsches oder Auftrages. Der erste dieser sechs Texte ist wenige Wochen nach Jandls Tod, im Juli 2000, geschrieben. Er ist ein Zeugnis von Trauer und Erschütterung, und berührt den Leser durch seine zarte Empirie. Die Autorin fixiert das Bild des Dichters auf Krankenlager, der die im Oberlichtfenster erscheinenden Flugzeuge zählt, und zeigt ihn auf dem Totenbett, „1 Zähnchen, in die Oberlippe eingebissen“.
Aber der Leser soll auch den lebenden Jandl im Gedächtnis behalten, und so lesen wir eine Szene aus dem Winter 88, aus der unbeheizbaren Nordküche von Jandls Wohnung. Beim Suchen nach Manuskripten zieht die Freundin und Kollegin diesen Vierzeiler hervor:

In der Küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein pferd

Im Juni 2000, drei Tage vor Jandls Tod, schreibt Mayröcker dazu diese Kontrafaktur:

in der Küche stehn wir beide
rühren in dem leeren Topf
schauen aus dem Fenster beide
haben 1 Gedicht im Kopf

Dieses eine Gedicht, und die lebenslange Suche danach, ist nicht das einzige, das Ernst Jandl und Friederike Mayröcker verband. Das sie immer noch verbindet.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.6.2001

Kantiger, liebvoller Rückblick

Friederike Mayröcker (geboren 1924) lebte über fünfzig Jahre mit Ernst Jandl zusammen. Sein Tod im Jahre 2000 hat, rund ein Jahr später, zum Requiem geführt. Sechs unterschiedlich lange Texte „rinnen als schwarze Tränen“ in knappe fünfzig Seiten kantige Prosa mit eigener und eigenwilliger Diktion, lyrisch verdichtet und assoziativ dem Leben nach-denkend. Es sind Szenen einer Beinahe-Ehe: Friederike Mayröcker taucht bis zu den Oberarmen in lebendig gebliebene Tinten-Bilder. Das Heft kann durchaus als Vorstufe zum 2005 erschienenen Und ich schüttelte einen Liebling gesehen werden.

Andreas Gryphius, amazon.de, 29.10.2007

sprachgewaltig

Friederike Mayröcker veröffentlichte etwa ein Jahr nach dem Tod Ernst Jandls, den Band mit dem Titel Requiem für Ernst Jandl, dem sie zwei Gedichte, eines von ihr und eines von ihm, voranstellt, was dem Werk eine sehr persönliche Note verleiht. Es ist schwierig ein Werk Mayröckers in Worte zu fassen; es besticht durch seine Vielfalt von Formen und Methoden, die sich immer wieder selbst in Frage stellen; Formen, die sich selbst misstrauen, aber gerade daraus immer neue poetische Energien gewinnen. Mayröckers Prosa verzichtet auf das Narrative als Klammer, d.h. es kann nicht wirklich eine Inhaltsangabe gegeben werden. Im Requiem für Ernst Jandl zeigt sich Mayröcker von geradezu stupender Klarheit; und sie charakterisiert die Besonderheit des Schreibens: Das Schreiben als ein Werk der Einsamkeit, aus der es kein Entrinnen gibt. Als Resümee könnte man feststellen, dass der Tod nicht sprachlos macht, sondern im Gegenteil sprachmächtig.

Jane, amazon.de, 11.6.2006

Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl

Sie war Gefährtin, Muse, Gesprächspartnerin, immer präsente Adressatin, Kritikerin, Frau, Geliebte und Verbündete durch all die Jahre. Friederike Mayröcker, nun allein, schreibt noch einmal über Ernst Jandl, jetzt „gestammelt, gehimmelt und weltweit“. Ein Dialog, wie er die beiden Schriftsteller über ein halbes Jahrhundert gemeinsamen Lebens verband, ein verschwiegendes Gespräch, ein sinnfälliger Grund, der alles fundierte und in zarten Korrespondenzen und (fast) diskreten Widmungen zum Ausdruck kam. Nun also die Fortsetzung des Gesprächs mit dem HAND- und HERZGEFÄHRTEN; Hoffnung, Appell und eine neue Wirklichkeit, die nach Wegen des Weiterlebens und -schreibens sucht.
In dem von Mayröcker so meisterlich beherrschten Parlando werden wir mitgerissen in ein Liebesgeflüster, in eine Klage und einen Ruf, der bei aller Trostlosigkeit durch seine dunkel-glänzende Schönheit zugleich intim und kostbar erscheint. Die zeitlebens so kunstvoll gelegten Spuren der Erinnerungen, die wie Palimpseste sich übereinanderlegen und ein Leben umkreisen, zeigen sich nun als vollendet; jedoch: noch lange nicht zuende. Unsterblich wird er sein, dieser Roman, diese Totenklage.
Was solch faszinierende Dichtung spricht und verschweigt, wo sie in geheime Labyrinthe Einblick gewährt und verschattete Vergangenheiten zu Glücksmomenten erhellt, das ist in diesem Requiem so nah und zugleich kunstvoll-distanzierend aufgehoben, so schmerzlich-schön, so wortgewaltig und verschwiegen, daß wohl nur ER gegeben haben mag zu sagen, was man leidet.
Und weil es solch vollkommene Sprach-Kunst ist, die vor dem Verstummen rettet und den Schmerz erträglich macht, verbietet es sich einmal mehr, dieses Widmungsgedicht zu unterbrechen und aufzusplittern, um biographische Brocken daraus zu exhumieren. Wenn Mayröckers Klage selbst entsprechende Spuren legt, dann nur, indem sie zeigt, wie das eigene zu etwas anderem geworden ist. Biographie findet, wenn überhaupt, also quasi als Anhang in den kleineren, älteren beigegebenen Texten statt. Zum Beispiel in Mayröckers Lesart von Ernst Jandls „in der küche ist es kalt“ oder dem berühmten „ottos mops“. Doch – auch hier hören wir vor allem dieses musikalische Sostenuto, melancholisch, triste, formvollendet, unvergänglich.
Friedricke Mayröckers Requiem für Ernst Jandl ist Totenlob und Trauermusik, Epitaph und Eloge zugleich. Und so ist diese verzweifelte und souveräne Reaktion auf das Hinscheiden des Gefährten ihres Lebens und Schreibens (Nein, „ich will nicht mehr weiden“ – diesmal „ist er zu weit gegangen“) auch eine große Huldigung an die Dichtung, die größere Hoffnung. Für ihn, Ernst Jandl, für Sie, Friederike Mayröcker und für beide gemeinsam.

Iris Denneler, literaturhaus.at,
 30.5.2001

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Rolf-Bernhard Essig: Es ist so 1 Unglück
literaturkritik.de, Juni 2001

Andreas Kohm: Die Welt in Sprache verwandeln
Mannheimer Morgen, 11. 8. 2003

Mayröckers 90er im Akademietheater gefeiert
Salzburger Nachrichten, 21.12.2014

Barbara Petsch: Akademietheater: Zu viel Musik für Mayröcker
diepresse.com, 21.12.2014

Hans Haider: Höflicher Jazz zum großen Wort
Wiener Zeitung, 21.12.2014

Martin Lhotzky: Ein Zerbrecher und Verstörer ist der Tod
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. 12. 2014

Christine Dössel: „Intimes Sprechen, lässiger Sound
Süddeutsche Zeitung, 3. 8. 2016

Barbara Petsch: Zaubrisches Sprechen über Unaussprechliches
Die Presse, Wien, 3. 8. 2016

Michael Wurmitzer: In Grado oder Meran oder unter dem weißen Totenlinnen
Der Standard, Wien, 3. 8. 2016

 

Es geht nicht ohne den anderen

− Friederike Mayröcker und Ernst Jandl
. –

Da ist kein Platz für ihn. Nicht an diesem Ort, ihrer Wohnung. Überall liegen Zettel, kleben selbst an den Wänden, Tausende von Gedanken auf Papier gekritzelt. Man sieht es kaum mehr, das Klavier, auch nicht die Kommode, Stühle und den Schreibtisch. Alles scheint zu versinken unter der Papierflut. Nur die Schreibmaschine, eine kleine Hermes-Baby ist noch nicht bedeckt. Die Wohnung ist, wie Bewohnerin Friederike Mayröcker sagt, „meine Schwitzhütte, mein Närrinnenkasten“. Ernst Jandl, der Schriftsteller, der Geliebte, der Seelenverwandte, wird hier nicht wohnen können. Ein Versuch Ende 1956 scheitert. „Man muss getrennt sein, eine halbe Stunde zu Fuß, beziehungsweise fünf Minuten mit dem Taxi“, schreibt Ernst Jandl. Das Alleinsein, es ist die unbedingte Voraussetzung für kreatives Schaffen.
„Ich glaube, dass die erste Forderung einer Künstlerin die völlig unabhängige Lebensform sein muss“, sagt Friederike Mayröcker. Sie entscheidet sich gegen eine Familie, gegen Kinder. „Künstlerinnen brauchen die vollständige Isolation ohne dass sie für jemanden da zu sein haben.“ Die Urlaubstage, die Jandl und Mayröcker seit ihrem Kennenlernen 1954 gemeinsam verbringen, sind die wenigen Tage, in denen Mayröcker keine Zeilen zu Papier bringt.
Das Schreiben jenseits der Norm verbindet von Anfang an. Das Paar will nicht anknüpfen an bisher Dagewesenem, will in Prosa und Lyrik Grenzen überschreiten, Experimente wagen. Viele Texte entziehen sich einer Einordnung in Gattungskategorien. Wie etwa Mayröckers Nada. Nichts – ein Theaterstück und doch nicht bühnentauglich. Jandls Sprechgedichte – „schtzngrmm“ – lösen 1957 einen Literaturskandal aus. Beide werden boykottiert, in Österreich nicht gedruckt. Ihr literarisches Schaffen liegt in dieser Zeit fast völlig brach; sie gehen an Schulen, unterrichten Deutsch und Englisch.
„Der ungeliebte Beruf ist Verrat an meiner Begabung“, schreibt Friederike Mayröcker verzweifelt. Erst zehn Jahre später fassen die beiden Schriftsteller in Deutschland literarisch Fuß. Es geht nicht ohne den anderen. Der andere, das ist der Spiegel. Jandl und Mayröcker tauschen ihre Texte untereinander aus. Man diskutiert stundenlang. Ist dieses Wort richtig? Fügt sich jener Rhythmus ein? Jandl ist mit seiner Kritik sehr direkt. Mayröcker jedoch muss behutsam vorgehen, riskiert sonst seinen Jähzorn oder ihn in tiefe Depressionen zu stürzen. Die Angst, nichts aufs Papier zu bringen, quält Jandl ohnehin. Während sie täglich von vier Uhr morgens bis mittags schreibt, leidet er häufig unter Schreibblockaden: „Da werfe ich schon mal den Füllfederhalter aufs glotzende Weiß, dass dort wenigstens ein Fleck sei.“
Sie ermutigt ihn, drängelt sich niemals vor, sagt: „Ich habe mit meinen Partnern immer das Gefühl gehabt, ich möchte im Hintergrund stehen, ich mache es gerne.“ Ohne Neid erkennt Jandl an: „Friederike schreibt größere Literatur.“ In seinem 1980 verfassten Theaterstück Aus der Fremde heißt es über „eine gleichaltrige Kollegin, seine langjährige Freundin“, sie sei „als Künstlerin weit über ihn hinausgekommen“.

Hand- und Herzgefährte
Und doch sind es seine Texte, humorvoll, leicht zugänglich, die beim breiten Publikum besser ankommen. In den 80er-Jahren, bei ihren gemeinsamen Lesungen in Frankreich und Italien, erkennen sie, dass sich ihre Werke, anfangs noch sehr ähnlich, auseinander entwickelt haben und unterschiedliches Publikum ansprechen. Mayröcker weigert sich fortan, mit Jandl aufzutreten, gequält von der steten Angst, vom Zuhörer nicht verstanden zu werden. Trotz aller Furcht oder gerade deswegen – die Zuflucht, das Schreiben, bleibt. Denn: „Ohne dieses Schreibenkönnen wären wir längst wahnsinnig geworden.“
Ihre Liebe? Ohne Literatur nicht vorstellbar. Noch über den Tod hinaus. Als Ernst Jandl im Juni 2000 stirbt, hört Mayröcker nicht auf, zu ihm zu sprechen, widmet ihm ihre Gedanken in dem Buch Requiem für Ernst Jandl:

Der Verlust eines so nahen Menschen, eines Hand- und Herzgefährten ist etwas ganz und gar Erschütterndes, aber vielleicht ist es so, dass man weiter mit diesem Herz- und Liebesgefährten sprechen und vermutlich Antworten erwarten darf.

Sylvie-Sophie Schindler, Der Münchner Merkur, 27.9.2005

 

Beiträge zu einer Theateraufführung von Friederike Mayröckers: Requiem für Ernst Jandl

Reinhard Kriechbaum: Worüber hat er mit mir geschwiegen
drehpunktkultur.at, 24.12.2014

Martin Lhotzky: Ein Zerbrecher und Verstörer ist der Tod
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.1.2015

 

Die Droge Dichtung – Hölle, Höhle oder Himmel

− Als Magierin des Wortes oder Paradiesvogel der Avantgarde wird sie gefeiert: Die Wiener Dichterin Friederike Mayröcker. Das erste Interview mit der Büchner-Preisträgerin. −

Hilke Prillmann: Frau Mayröcker, was empfanden Sie, als Sie erfuhren, dass Sie den Büchnerpreis bekommen?

Friederike Mayröcker: Ich habe geheult. Stundenlang habe ich geweint. Es war Freude, aber auch furchtbare Traurigkeit, weil die Menschen, die ich so geliebt habe, es nicht mehr erleben konnten – Ernst Jandl und meine Mutter.

Prillmann: „Magierin des Wortes“, „Alchemistin der Sprache“, auch „Paradiesvogel der Avantgarde“ hat man Sie genannt. Kann man Sie einfach als größte lebende Dichterin deutscher Sprache bezeichnen?

Mayröcker: Als bescheidener Mensch kann ich darauf nicht antworten.

Prillmann: Sie sind nach Ernst Jandl (1984) und H.C. Artmann (1997) die dritte Büchnerpreisträgerin aus der Wiener Gruppe von Dichtern, die mit experimenteller Poesie Aufsehen erregten. Was war so avantgardistisch an Ihrer Wortkunst?

Mayröcker: Wir trauten der herkömmlichen Sprache nicht mehr und haben damals nach dem Kriege versucht, etwas Neues zu machen. Wir haben aus Büchern, Zeitungen und Zeitschriften Texte montiert Sprachcollagen als Sprachverfremdung.

Prillmann: Georg Büchner war mit seinem Hessischen Landboten und auch mit Dantons Tod ein stark politisch-historisch engagierter Autor. Inwiefern fühlen Sie sich ihm verbunden?

Mayröcker: Besonders sein Lenz begeistert mich, sein Psychogramm über den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz. Er war ein Freund Goethes, der ihn dann jedoch ablehnte, weil ihm Lenz’ Bewusstseinslage, das psychisch Kranke, zuwider war. In meiner Dankesrede zum Büchnerpreis werde ich „Lenz“ in den Mittelpunkt stellen.

Prillmann: In Ihrem Gedicht „an eine Mohnblume“ heißt es: „aus meinen Köpfen sprieszt das Feuerwerk der Tränen“, und vom „Feuerrad in der Brust“ sprechen Sie. Ihr Element ist das Wortfeuer. Ist eine Dichterin wie Sie ein weiblicher Prometheus?

Mayröcker: Womöglich, aber ich würde es von mir nie sagen.

Prillmann: Wer Sie liest, denkt an Ernst Jandl, Ihren „Hand-, Herz- und Liebesgefährten“; und wer Jandl liest, denkt an Sie. Ihrer Beziehung verdanken wir die anrührendsten Liebesgedichte unserer Zeit, etwa Ernst Jandls:

ich liege bei dir, deine arme
halten mich, deine arme
halten mehr als ich bin.
deine arme halten, was ich bin
wenn ich bei dir liege und
deine arme mich halten.

Und bei Ihnen heißt es im Requiem für Ernst Jandl als Paraphrase auf sein Wintergedicht („in der küche ist es kalt…“):

in der Küche stehn wir beide
rühren in dem leeren Topf
schauen aus dem Fenster beide
haben 1 Gedicht im Kopf

Sind die Gedichte gleichsam Ihre gemeinsamen Kinder?

Mayröcker: Nein, ganz ausgeschlossen. Wir haben von Anfang an grundverschieden gearbeitet. Aber wir waren gegenseitig unsere ersten und besten Kritiker. Wir haben beide das Absurde und den Wortwitz gepflegt. Anders als Ernst Jandl habe ich sehr viel Prosa geschrieben. Meine Prosa könnte ich mit der Arbeit eines Steinmetz vergleichen, die Gedichte dagegen sind gleichsam meine Aquarelle.

Prillmann: In Ihrem Roman brütt oder die seufzenden Gärten, 1998, haben Sie geschrieben: „Ich habe alles falsch gemacht, alles vertan, verloren, versäumt, ich habe die falsche Richtung eingeschlagen, vielleicht ist Sprachästhetik, um die es mir seit den Anfängen gegangen ist, die falsche Zielsetzung gewesen in dieser von Ungeheuerlichkeiten erschütterten Zeit.“ Eine Absage an das Sprachexperimentelle in Ihrem Werk?

Mayröcker: Nein, das ist nur ein Spiel mit den Möglichkeiten. Für mich ist mein Weg der einzig mögliche gewesen.

Prillmann: Ernst Jandl und Sie, beide zunächst Fremdsprachenlehrer, waren fast ein halbes Jahrhundert beisammen, aber sie hatten getrennte, eine halbe Stunde zu Fuß voneinander entfernte Wohnungen. War solche Distanz lebens- und werknotwendig?

Mayröcker: Ernst Jandl hat in meiner Gegenwart sehr inspiriert arbeiten können. Ich dagegen konnte nur schreiben, wenn ich allein war. Für den Alltag waren wir beide unfähig. Er hatte eine Haushaltshilfe. Zum Essen sind wir ins Gasthaus gegangen, ich kann leider nicht kochen.

Prillmann: Wo machten Sie am liebsten Urlaub?

Mayröcker: In Österreich. In der Steiermark, in Rohrmoos. Wir hatten dort einige Sommer ein Haus gemietet, inmitten eines wilden, verwucherten Gartens, eine Art Idylle. Das Haus war ziemlich alt, aber man musste nicht aufpassen, dass man etwas kaputtmacht. Es war eh schon alles kaputt. Und es war so richtig nach unserem Geschmack.

Prillmann: Ihre Wohnung in der Zentagasse in Wiens 5. Bezirk ist schon legendär. Es gibt berühmte Fotos von Ihrem mit Büchern und Notizzetteln voll gestopften „Elendsquartier“. Hölle, Höhle oder Himmel für Sie?

Mayröcker: Inzwischen ist es nur noch eine halbe Höhle, weil ich die Wohnung über mir auf Lebenszeit zugemietet habe. Dort hat Ernst Jandl in seinem letzten Lebensjahr gewohnt, weil er die Stiegen in seiner alten Wohnung nicht mehr steigen konnte und bei mir im Haus ein Lift ist. Meine beiden Wohnungen sind Hölle und Himmel zugleich. Hölle, weil ich in meiner Unordnung, die sich inzwischen wie Efeu hinaufgerankt hat auch in die obere Wohnung, bald nichts mehr finde. Eine Art Himmel, wenn ich arbeite und Texte gelingen.

Prillmann: Schreiben Sie inzwischen mit einem PC?

Mayröcker: Ich habe noch nie versucht, am Computer zu schreiben, und will es auch nicht. Zu meiner Schreibmaschine habe ich ein ganz intimes Verhältnis. Allerdings ist es inzwischen schon die vierte oder fünfte Hermes Baby. Die letzte habe ich vor etwa vier Jahren gekauft und hoffe, es reicht gerade bis zu meinem Tod.

Prillmann: Aber wenn Sie „150“ werden?

Mayröcker: Das habe ich gesagt, als Ernst Jandl noch gelebt hat. Jetzt will ich eigentlich nicht mehr 150 werden.

Prillmann: Weil Ihnen vielleicht nichts mehr einfiele?

Mayröcker: Es ist die Angst, dass einem das Schreiben nicht mehr gelingen könnte. Material habe ich kisten- und körbeweise. Auch wenn ich unterwegs bin in der Stadt, habe ich meinen Notizblock dabei und schreibe, was mir auf- und einfällt. Drogen zum Schreiben, Alkohol etwa, habe ich nie gebraucht. Beim Schreiben trinke ich sehr viel Mineralwasser. Das Schreiben selbst ist für mich eine Droge, eine Sucht.

Prillmann: Sie tragen meist Schwarz. Ihre Lieblingsfarbe?

Mayröcker: Im Winter Schwarz, im Sommer auch Weiß. Es ist unkompliziert.

Prillmann: Ihre Lieblingsblume?

Mayröcker: Duftende weiße Lilien.

Prillmann: Im vorigen Jahr ist Ernst Jandl gestorben. Vor sieben Jahren starb Ihre Mutter. Sie schreiben: „der Tod ist das Schrecklichste, das uns widerfahren kann“. Ist Ihr Schreiben Protest gegen den Tod und zugleich, wie Rilke es auch sah, „eine Art von Liebesakt“?

Mayröcker: Das Requiem für Ernst Jandl habe ich aus Verzweiflung geschrieben. Und dann sind Gedichte an ihn entstanden, fast jeden Tag ein Gedicht. Auch wegen meiner Mutter habe ich Schuldgefühle. Ich hatte sie jeden Tag besucht; ihre Schwäche und Hinfälligkeit aber verstehe ich in dem Alter, in dem ich heute bin, viel besser. Und dann denke ich: Wird man erst wirklich Mensch, wenn man uralt ist? In einem Gespräch gestand mir Elias Canetti, auch er habe Angst vor dem Tod, und ich habe gedacht: „Mein Gott, auch der große Canetti kann mit dem Tod nichts anfangen, hasst ihn.“

Prillmann: Was war die glücklichste Zeit in Ihrem Leben?

Mayröcker: Vielleicht meine Kindersommer in Deinzendorf, im Weinviertel, nahe der Grenze zu Tschechien. Mein Vater, ein Schuldirektor, war ein sehr heiterer Mensch. Meine Mutter neigte eher zur Melancholie, aber durch sie habe ich meine große Liebe zur Natur. Mein Urgroßvater war Förster. Sehr glücklich waren dann die jeweils zweimonatigen Ferien mit Ernst Jandl. Die glücklichsten Momente aber sind eigentlich die, wenn man ein Werk beendet hat. Es kann auch nur ein Gedicht sein. Man liest es immer noch einmal und denkt: Habe das wirklich ich gemacht?

Prillmann: Dichten ist eine geistige, aber auch psychisch-physische Höchstleistung. Wie sieht Ihr Tagesrhythmus aus?

Mayröcker: Früher habe ich schon morgens um fünf im Bett Notizen gemacht, mich nach dem Aufstehen gleich an die Maschine gesetzt und so bis elf, zwölf Uhr gearbeitet. Dann bin ich zu meiner Mutter zum Essen gegangen. Sie starb im Jahr meines 70. Geburtstages, und dann hat sich viel geändert. Heute arbeite ich eher am Nachmittag, ein, zwei Stunden an der Maschine. Gegen halb elf gehe ich schlafen. Ich habe große Blutdruckschwankungen und meine Augen werden immer schlechter. Aber Lektüre ist für mich sehr wichtig: Hölderlin, Celan, Jean Paul und natürlich auch Goethe, seine Gedichte. Von den zeitgenössischen Autoren lese ich Botho Strauß oder Durs Grünbein sehr gern.

Prillmann: Und Zeitungen? Ibsen wurde von kleinen Zeitungsnotizen zu großen Dramen inspiriert. Machen Sie eher aus großen Dramen eine kleine Notiz, ein Gedicht?

Mayröcker: Zeitungen haben für mich eine Rolle gespielt, als ich noch Collagen schrieb, eine Zeile herausgenommen und durch spielerisches Ver-Hören oder Ver-Lesen eine Assoziationskette ausgelöst habe. Dazu kamen Traumworte, etwas Wunderbares. Im Traum höre oder lese ich Worte, fast wie auf einem Monitor.

Prillmann: Nach dem Krieg waren Sie zunächst Lehrerin. Hatten Sie Spaß daran?

Mayröcker: Zuerst, 1946, waren die Kinder wirklich lieb. Wir saßen in Mänteln da, haben alle gefroren und Hunger gehabt. Doch mit dem wachsenden Wohlstand wurde es immer schwieriger, obwohl ich in einem armen Arbeiterbezirk unterrichtet habe. Die Kinder waren verwöhnt und aufbrausend. Nach 23 Jahren, 1969, habe ich den Schuldienst quittiert. Das war für mich wie ein Geschenk. Ich habe mich befreit und wunderbar gefühlt: Ich habe ein zweites Leben begonnen, das nur noch aus Poesie bestand, aus Schreiben.

Prillmann: „Begraben alle, ich lebe“, heißt es in Ihrem Gedicht „Ein Gleiches“. Welchen Wunsch haben Sie noch?

Mayröcker: Zu schreiben! Man könnte das Schreiben als Euphorie des Schreibenden bezeichnen. Man muss in einem Ausnahmezustand sein, um schreiben zu können. Es käme mir sonst wie Gotteslästerung vor. Ich glaube an einen Heiligen Geist, an einen Geist, der über mir ist und mich zu einem gewissen Grade lenkt, mir Einflüsterungen gibt. Es kommt nicht alles von mir. Es kommt durch mich hindurch.

Die Welt, 15.7.2001

Friederike Mayröcker: „Es ist ein einziges Chaos“

− Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker, 76, über ihre Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis, ihr Leben mit Ernst Jandl und die Trauer über seinen Tod. −

Volker Hage: Frau Mayröcker, am Samstag dieser Woche sollen Sie in Darmstadt die wohl wichtigste deutsche Literatur-Auszeichnung, den Georg-Büchner-Preis, entgegennehmen. Freuen Sie sich?

Friederike Mayröcker: Als ich den Anruf erhielt, ob ich den Preis annehmen würde, habe ich mich sehr gefreut. Dann aber bin ich in der Wohnung umhergelaufen und habe geheult: So, jetzt ist der Büchner-Preis da, und Ernst Jandl ist nicht mehr da! Ich war todunglücklich. Ich hatte nicht gedacht, dass es mich ein Jahr nach seinem Tod noch einmal so erwischen würde. Dann habe ich aber gleich angefangen, an meiner Rede zu arbeiten. Das hat mir geholfen.

Hage: Ihr Lebenspartner Ernst Jandl, dem Sie 1954 begegneten, war als Schriftsteller bekannter als Sie, mit einigen seiner Gedichte geradezu populär. Gab es Spannungen?

Mayröcker: Ich war völlig neidlos. Ich habe mich über seine Erfolge gefreut. Und er war begeistert, wenn bei mir mal etwas gut gelaufen ist.

Hage: Heißt das, Sie lebten immer in reiner Harmonie?

Mayröcker: In der ersten Zeit haben wir uns so geliebt, dass wir uns ständig gestritten haben. Immer über Lächerliches, nie über Literatur. Später war es wirklich die reine Harmonie, besonders in der allerletzten Zeit.

Hage: Sie mussten beide eine Weile warten, bis Sie ­ zeitgleich 1956 ­ einen Verlag fanden: Ihre Texte galten als experimentell und extrem unverkäuflich.

Mayröcker: In der Phase haben wir uns gegenseitig Mut machen müssen.

Hage: Sie haben in Ihrem Requiem für Ernst Jandl, einem kleinen Prosaband voller Erinnerungen, berichtet, dass Sie nach seinem Tod überhaupt erst wieder langsam das Lesen lernen mussten.

Mayröcker: Ich war zunächst so verzweifelt, dass ich immer nur herumrennen und heulen musste. Ich konnte nicht still sitzen. So kam es zu diesem Buch. Wenn ich schon nicht lesen konnte, wollte ich wenigstens schreiben. Entstanden sind so das Requiem und viele Gedichte über Ernst Jandl, die noch nicht veröffentlicht sind.

Hage: Können Sie sich vorstellen, über das Requiem hinaus die Geschichte Ihrer Gemeinschaft mit Jandl zu erzählen, ganz konventionell und ausführlich?

Mayröcker: Ich habe schon daran gedacht. Aber ich brauche Zeit. Ich kann mir das vorstellen. Was übrigens oft missverstanden wurde: Es gab, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie eine literarische Zusammenarbeit zwischen uns beiden.

Hage: Stimmt es, dass Jandl sich in den letzten Jahren seines Lebens kaum mehr für das Schreiben interessierte?

Mayröcker: Ja, er hatte das Interesse verloren. Ich habe ihm immer wieder gesagt: Leg doch die neuen Sachen in eine Mappe! Er hat ja hier und da etwas notiert, oft nur ein paar Zeilen. Aber das dann abzulegen und zusammenzuhalten, das konnte er nicht mehr. „Die Literatur ist aus“, hat er gesagt.

Hage: Halten Sie denn Ordnung bei Ihren Texten?

Mayröcker: Nein, es ist ein einziges Chaos. Meine Wohnung kann außer mir niemand mehr betreten, überall Papiere, Entwürfe, Bücher, Zeitungen. Das hat sich nun wie Efeu in die Wohnung darüber ausgebreitet, in der Ernst Jandl am Schluss wohnte. Es ist praktisch kein Platz zum Sitzen mehr.

Hage: Wie kommt das?

Mayröcker: Wo immer ich stehe und gehe, mache ich Notizen auf Zettel, die ich dann irgendwo hinlege…

Hage: … und die Sie dann später wiederfinden?

Mayröcker: Ich habe körbeweise Material. Aber wenn etwas zu lange liegt, geht die Zündkraft verloren. Außerdem kann ich meine eigene Schrift oft nicht mehr lesen.

Hage: Sie schreiben Lyrik und Prosa. Oder ist das für Sie gar nicht so zu trennen?

Mayröcker: Das ist ein großer Unterschied! Ich spüre es fast körperlich. Es fühlt sich anders an, ich sitze anders. Das Schreiben von Gedichten hat für mich etwas mit Aquarellzeichnen zu tun, während die Prosa mehr Bildhauerei ist.

Hage: Die fünf Bände Gesammelte Prosa, mit denen Sie der Suhrkamp Verlag nun ehrt, umfassen zusammen rund 2500 Seiten. Wird für Ihre Lyrik Vergleichbares folgen?

Mayröcker: Das wäre schön. Aber das würde noch wesentlich umfangreicher ausfallen.

Hage: In Ihrer Prosa gehen Sie verschlungene Wege. In einem Ihrer Bücher sagt die Ich-Erzählerin, dass sie sofort abbreche, wenn sich etwas wie eine „Erzählhaltung“ einstelle. Warum?

Mayröcker: Bei mir ist es am Anfang immer so, dass ich einen schönen Erzählweg betreten möchte, doch schon bald sabotiere ich ihn, ganz bewusst. Ich sabotiere den geraden Weg, biege ab und fühle mich erst dann ganz in meinem Bereich. Sonst würde ich schnell die Lust am Schreiben verlieren.

Hage: Eine Eigenart von Ihnen war früher die Schreibung „sz“ für „ß“ ­ fast eine Art Markenzeichen. Sie haben das aufgegeben?

Mayröcker: Der Buchstabe fehlte auf meiner Maschine. Das war der ganze Grund. Ich schreibe aber immer noch „sz“, der Verlag macht „ß“ daraus.

Hage: Ist die Zeit der Experimente für Sie vorbei?

Mayröcker: Pures Experiment habe ich nur zu Beginn betrieben, 1971 habe ich aufgehört. Es war mir zu blöd. Eines Tages hat man es satt. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie jemand dabei bleiben kann. Das macht Spaß, aber irgendwann muss man das hinter sich lassen.

Der Spiegel, 26.10.2001

Hand- und Herzgefährten, ganz ohne Kochtopf

– Jahrzehntelang wurden Friederike Mayröcker und Ernst Jandl als kommunizierende Gefäße der österreichischen Literatur wahrgenommen. Aber ein Poeten-Duo wollte das Paar nie sein. –

Unlängst wurde der kleine Wiener Schlüsselpark – er schließt seine Tore mit Einbruch der Dunkelheit – in Ernst-Jandl-Park umbenannt, im Beisein, wie es in der Agenturmeldung hieß, seiner „einstmaligen Lebensgefährtin Friederike Mayröcker“. Die Dichterin entledigt sich der Aufgaben einer Dichterwitwe, wie das Foto zeigte, mit melancholisch-scheuer Freude. Was aber nicht heißt, dass sie darüber das Dichten aufgegeben hätte, im Gegenteil: Seit Jandls Tod vor fünf Jahren hat sie Buch um Buch in memoriam herausgebracht – das Requiem für Ernst Jandl (2001), Die kommunizierenden Gefäße und den Gedichtband Mein Arbeitstirol (2003), jüngst den Erinnerungstext Und ich schüttelte einen Liebling.
Im Jahr 1954 hatten die beiden zusammengefunden, zwei Englischlehrer mit literarischen Ambitionen:

die ehe zu vermeiden, dauerte einige jahre, dann hatten wir es geschafft. (…) unser leben ist, seit vierzig jahren ein gemeinsames, ohne eine gemeinsame wohnung, und ohne kochtopf.

Das sagte Ernst Jandl in einer „rede an friederike mayröcker“ zum 70. Geburtstag. Bis zuletzt, als seine Gesundheit schon stark angegriffen war, verlief ein Gutteil der täglichen Kommunikation zwischen den beiden übers Telefon. Zum Schreiben musste ein jeder allein sein, man traf sich danach, um einander das Entstandene zu zeigen, um Kritik auszutauschen.
Mit den Klischees, die von schreibenden Paaren im Umlauf sind, hat diese Beziehung, wie Klaus Kastberger in seinem Beitrag zu einem neuen, üppig illustrierten Jandl-Sammelband einleuchtend darlegt, wenig zu tun. (Zu Jandls 80. Geburtstag ist soeben auch eine Ausgabe seiner Kriegsbriefe erschienen.) Gegen das Abgestempelt-Werden zum Poeten-Duo haben Mayröcker und Jandl sich lange und hartnäckig gewehrt, sie wollten keine gemeinsamen Auftritte, Besprechungen, Portraits. Noch in seinem letzten Lebensjahr empörte Jandl sich über ein nicht autorisiertes Maskenball-Foto von Joseph Gallus Rittenberg, das ihn als Clown und seine „Fritzi“ als Prinzessin zeigte. Bei Jandl war wohl auch die Sorge im Spiel, er als der Populärere, der fulminante Vorleser und bärbeißige Interviewpartner, könnte die Introvertierte in den Schatten stellen.
Als Charakteristikum für das Zusammengehören dieses Paares hat Heinz Schafroth einmal den Schrägstrich – nicht das „und“, nicht den Bindestrich – ausgemacht, den Schrägstrich, den Mayröcker so liebt, weil er durchsichtig sei und zugleich Distanz erzeuge. Zwischen den Œuvres der beiden scheint freilich eher ein trennender Punkt oder Doppelpunkt angebracht. Jandl hat die Erläuterung ihrer unterschiedlichen Auffassungen einmal mit dem überraschenden Bekenntnis verbunden, sie beide seien „christen“:

friederike mayröcker nennt den, oder einen, heiligen geist die quelle ihrer inspiration; es gibt, für sie, in ihrer kunst etwas, das von außen kommt, und zwar von oben, während ich nicht sicher bin, wo oben ist.

So disparat Mayröcker und Jandl in Thematik und Ton anmuten: sie haben das ganz Andere am Anderen stets bewundert. Ernst Jandl neigte dazu, den Höhenkunst-Nimbus seiner Gefährtin noch zu nähren, sie habe, „von so vornehmen geistern wie bach und hölderlin angeführt, (…) in ihrer kunst eine glorreiche höhe erklommen“. Er selbst deklarierte sich in kokettem Understatement als Vertreter einer „aufgeklärten massenkultur“:

F. M. schreibt große Literatur, und ich erhalte den deutschen Kleinkunstpreis.

Nur unter vier Augen – Mayröcker hat sich immer wieder darauf bezogen – kritisierte er das Abgehobene, das Elitäre ihrer Produktion, der zu folgen ihm immer schwerer falle. Zugleich war der um ein Jahr Jüngere der unbestrittene Außenminister des Paares, Sprachrohr in allen Angelegenheiten des Literaturbetriebs, der ihn als Popstar und sie als scheue Dichterin und beide als Eheleute wahrnahm:

garnicht einfach, sie auch in die akademie der künste in berlin zu bringen – eheleute in der gleichen abteilung, das kommt doch nicht in frage. und den büchner-preis hat ja schon ihr gatte, ernst jandl.

Der wusste, dass auch Poetinnen Menschen aus Fleisch und Blut sind, denen es in ihrer zugewucherten Zettel- und Bücherklause nicht gleichgültig ist, was man draußen von ihnen denkt. Mayröcker hat den Büchner-Preis 2001 bekommen, ein Jahr nach Jandls Tod.
Die Führungsrolle des „Hand- und Herzgefährten“ hat sie in einem „Vierzeiler für E. J.“ unmissverständlich bekannt:

du bist der Herr
ich bin der Knecht
ich bin ein Tragtier auch
(zurecht) (,ein Plagetier‘)

Dennoch taugt diese Dichtergenossin nicht für den Part der zweiten Geige, wie Klaus Theweleit ihn für die typische kreative Muse beschrieben hat. Der Vierzeiler ahmt Jandls lakonisch-brachiale Reimfügung nach, aber er relativiert die Stringenz zum Schluss durch typisch Mayröcker’sches Lavieren, durch ein zauderndes Einverständnis in Klammern, durch ein Zitat.
Dieses schreibende Ich lässt sich seine Sprache nicht nehmen, die Beeinflussung ist wechselseitig; vielleicht hat Klaus Kastberger recht, und es passt der Schrägstrich doch auch zwischen die Werke der beiden, als Grenze und zugleich als doppelter Spiegel, hier die programmatische Reduktion, dort das Sich-Verschwenden im Schöpferischen.
Die emotionale Fallhöhe zwischen Mayröckers und Jandls Texten über die Liebe vergröbert das Raster des Vergleichs. Zu ihrem Gedicht „Winter-Nachtigall“ bemerkte er:

Und warum nicht gleich ,Kopulation im Auto‘?

Die de-erotisierende Unflätigkeit, die Jandl etwa in „älterndes paar. ein oratorium“ geradezu niederschmetternd vorexerziert hat, war die eine Tonlage, die ihm in eroticis passend schien, die andere war mehr oder minder gutmütiger Spott. Geradezu idyllisch für Jandls Verhältnisse sein „Gstanzl“ über die gemeinsame Sommerfrische – „hotel puchberger hof“:

i friis mai suppn
du schaust dawäu dei bost aun
so brauch ma nix reedn
dafia schlogt uns de kost aun.

Das unsauber gereimte „Tragtier“/„Plagetier“ in Mayröckers „Vierzeiler“ deutet auf eine tragende Rolle im (getrennten) Haushalt, auch auf die Bürde der Verantwortung für Alltägliches, die viele der Dichterin nicht zutrauen würden. Ernst Jandls zyklothyme Veranlagung, die sich in seinem Werk (als Depression etwa in der Sprechoper Aus der Fremde) widerspiegelt, verlangte der Partnerin einiges ab: Je älter und kränker er wurde, desto mehr wurde sie zur Aufsichtsperson, das Kräfteverhältnis schien sich verkehrt zu haben.
In Und ich schüttelte einen Liebling spricht Friederike Mayröcker zum ersten Mal unverdeckt von sich und ihrem Lebensmenschen, von ihrem vermeintlichen Versagen, in seinen letzten Tagen, und überhaupt – sie referiert „EJs“ Klagen, sie sei „keine gute Frau“, sei zu ehrgeizig, lebe nur für ihre Arbeit. Sie spricht über das Mitreißende seiner Erwartungen und über seine Reaktion auf ihre frühen Gedichte: herzliches Lachen; die bekennende Humorlose musste erst lernen, das als Lob zu deuten. Wir erfahren, was Ernst Jandl am Morgen seines Todestages gesagt, wie ihm 1955 die erste Cola geschmeckt hat, dass die beiden sich auf ihre alten Tage einig waren in ihrer Trauer über den „SPRACHVERLUST“, den der Siegeszug des Englischen dem Deutschen beigebracht habe, und dass sie doch einmal ein Jahr zusammengewohnt haben, in Berlin, in einer „groszen Wohnung in einer schönen Villa“.
„ich schreibe jetzt figural“, behauptet das Ich immer wieder fast trotzig, offenbar gegen eigene frühere Erzählbedenken und ästhetische Selbstfesselungen. Diese Prosa entblößt sich, stilistisch und persönlich, doch sie ist nie kunstlos – auch Schreib- und Denkfiguren sind „figural“, Mayröcker bleibt der kontrollierten Ausschweifung treu. Die neue Lust am Zusammenhang ermutigt sie indes zu konzisen Aussagen über sich selbst, immerhin spricht sie von diesem Buch, dessen Entstehungsgeschichte wir hier einmal mehr zugleich erleben, unverblümt als „Beichte“:

Und ich hatte gerne diesen Vorhang vor meinem Gesicht, meine Haare, und das Beruhigungsmittel (Demetrin, 50 Stück) holt mich herunter aus meinem Himmel, nämlich Ausnahmezustand.

Oder:

Ich wuszte nie etwas zu sagen, ich war nicht fähig ein Gespräch zu beginnen oder auf ein Gespräch einzugehen (…), ich unterhalte mich lieber mit mir selbst oder ich lese in einem Buch.

Der Titel gibt eine in sich verzahnte Zweiheit vor, die Liebesgeschichte und die Schreibanstrengung. „Und ich schüttelte einen Liebling“: das hat eine aggressive Note, es steckt eine – noch so liebevolle – Handgreiflichkeit drin; und es evoziert die Vorstellung einer emsigen Frau Holle, die so lange die Federbetten der Notizzettelchen aufschüttelt, bis kristalliner Wortschnee herniederfällt. Der Leser darf sich dann berieseln lassen, er soll sich, geht es nach der Autorin, nicht anstrengen müssen.
Mayröckers Poetik ist eine des Kaleidoskops – das einen Liebling schüttelt –, aber es fügen sich auch andere Erinnerungsmuster und -bilder ein, Vater und Mutter, eine große Liebe namens Ely, viele namentlich genannte Freundinnen und Freunde – man muss nicht alle biografischen Anspielungen und Private Jokes verstehen, um von der Intensität des Textes berührt zu werden. Mayröckers „Psychomontage“ (Reinhard Priessnitz) funktioniert radikal subjektiv, ganz auf die überempfindliche Weltwahrnehmung eines Ichs angelegt, jedoch nicht solipsistisch.
Die Memoiren und Memorabilien eines gemeinsamen Dichterlebens sind, samt Trauerflor, hineingewirkt in ein Gewebe aus lyrischen Glanzlichtern, bedenkenlos angeeigneten Lektüre-Funden und poetologischen Selbstbeschreibungen, die mitunter den merkwürdigen Eindruck erwecken, Mayröcker wolle den Germanisten die Arbeit abnehmen. Ihre Kunst ist jedenfalls, so opulent sie wirkt, zu einem Gutteil Auswahl und Aussparung, nicht bloß die wilde Jagd („im luziden Fiaker Fieber“), sondern auch das unvermittelte Innehalten, die Ernüchterung im rettenden Schreibrausch:

Heute morgen nach dem zweiten Erwachen denke ich über den Satz von Gertrude Stein nach, der lautet: „ich bin ich weil mein kl. Hund mich kennt“, und als EJ starb hatte ich den gröszten Teil meiner Identität eingebüszt.

Man kann, das legt Mayröckers großartig unpathetischer Epitaph nahe, es sich auch häuslich einrichten in Trauer und stiller Verzweiflung. Das Lebendigwerden der Toten in der Schrift hat etwas Tröstliches. Und tröstlich müsste für die Dichterin auch sein, was der Gefährte ihr zu Lebzeiten zugebilligt hat: Kunst „läßt sich nur bewerkstelligen mit dem anspruch, vor allem an einen selbst, auf einen ersten platz“. In seiner Geburtstags-Eloge zeigte Jandl nicht nur Verständnis für die Macht des Ehrgeizes, da verzichtete er ausnahmsweise auch auf den Schutz der Ironie:

doch hätten wir von ihr und ihrem werk kaum etwas erfaßt, würden wir nicht in jeder ihrer äußerungen die unerschöpfliche kraft ihrer liebe erkennen.

Daniela Strigl, Cicero

Theo Breuer: „Wie eine Lumpensammlerin“ – Vermerk zu Friederike Mayröckers Werk nach 2000
poetenladen.de, 20.12.2014

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Friederike Mayröcker und Elke Erb.

Protokoll einer Audienz. Otto Brusatti trifft Mayröcker: Ein Kontinent namens F. M.

 

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Daniela Riess-Beger: „ein Kopf, zwei Jerusalemtische, ein Traum“
Katalog Lebensveranstaltung : Erfindungen Findungen einer Sprache Friederike Mayröcker, 1994

Ernst Jandl: Rede an Friederike Mayröcker
Ernst Jandl: lechts und rinks, gedichte, statements, perppermints, Luchterhand Verlag, 1995

Zum 75. Geburtstag der Autorin:

Bettina Steiner: Chaos und Form, Magie und Kalkül
Die Presse, 20.12.1999

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Nico Bleutge: Das manische Zungenmaterial
Stuttgarter Zeitung, 18.12.2004

Klaus Kastberger: Bettlerin des Wortes
Die Presse, 18.12.2004

Ronald Pohl: Priesterin der entzündeten Sprache
Der Standard, 18./19.12.2004

Michael Braun: Die Engel der Schrift
Der Tagesspiegel, 20.12.2004
Auch in: Basler Zeitung, 20.12.2004

Gunnar Decker: Nur für Nervenmenschen
Neues Deutschland, 20.12.2004

Jörg Drews: In Böen wechselt mein Sinn
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2004

Sabine Rohlf: Anleitungen zu poetischem Verhalten
Berliner Zeitung, 20.12.2004

Michael Lentz: Die Lebenszeilenfinderin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004

Wendelin Schmidt-Dengler: Friederike Mayröcker

Zum 85. Geburtstag der Autorin:

Elfriede Jelinek, und andere: Wer ist Friederike Mayröcker?
Die Presse, 12.12.2009

Gunnar Decker: Vom Anfang
Neues Deutschland, 19./20.12.2009

Zum 90. Geburtstag der Autorin:

Herbert Fuchs: Sprachmagie
literaturkritik.de, Dezember 2014

Andrea Marggraf: Die Wiener Sprachkünstlerin wird 90
deutschlandradiokultur.de, 12.12.2014

Klaus Kastberger: Ich lebe ich schreibe
Die Presse, 12.12.2014

Barbara Mader: Die Welt bleibt ein Rätsel
Kurier, 16.12.2014

Sebastian Fasthuber: „Ich habe noch viel vor“
falter, Heft 51, 2014

Marcel Beyer: Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag am 20. Dezember 2014
logbuch-suhrkamp.de, 19.1.2.2014

Maja-Maria Becker: schwarz die Quelle, schwarz das Meer
fixpoetry.de, 19.12.2014

Sabine Rohlf: In meinem hohen donnernden Alter
Berliner Zeitung, 19.12.2014

Tobias Lehmkuhl: Lachend über Tränen reden
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2014

Arno Widmann: Es kreuzten Hirsche unsern Weg
Frankfurter Rundschau, 19.12.2014

Nico Bleutge: Die schöne Wirrnis dieser Welt
Der Tagesspiegel, 20.12.2014

Elfriede Czurda: Glückwünsche für Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Kurt Neumann: Capitaine Fritzi
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Elke Laznia: Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Hans Eichhorn: Benennen und anstiften
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Barbara Maria Kloos: Stadt, die auf Eisschollen glimmt
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Oswald Egger: Für Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Péter Esterházy: Für sie
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

 

Zum 93. Geburtstag der Autorin:

Einsame Poetin, elegische Träumerin, ewige Kinderseele
Die Presse, 4.12.2017

Zum 95. Geburtstag der Autorin:

Claudia Schülke: Wenn Verse das Zimmer überwuchern
Badische Zeitung, 19.12.0219

Christiana Puschak: Utopischer Wohnsitz: Sprache
junge Welt, 20.12.2019

Marie Luise Knott: Es lichtet! Für Friederike Mayröcker
perlentaucher.de, 20.12.2019

Herbert Fuchs: „Nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens“
literaturkritik.de, Dezember 2019

Claudia Schülke: Der Kopf ist voll: Alles muss raus!
neues deutschland, 20.12.2019

Mayröcker: „Ich versteh’ gar nicht, wie man so alt werden kann!
Der Standart, 20.12.2019

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Bild von Juliane Duda mit den Zeichnungen von Klaus Ensikat und den Texten von Fritz J. Raddatz aus seinem Bestiarium der deutschen Literatur. Hier „Mayröcker, der“.

 

Friederike Mayröcker – Trailer zum Dokumentarfilm Das Schreiben und das Schweigen.

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