Text+Kritik: Friederike Mayröcker – Heft 84

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Text+Kritik: Friederike Mayröcker – Heft 84

TEXT+KRITIK-Friedrike Mayröcker – Heft 84

Ich träume von blauen
Erleuchtungen.
Ich halte mein Herz hoch
wie eine bang flatternde Taube.
Der Mond steht im grünen
Scheitel der Stille.
Ein Horizont von Kerzen

 

 

 

Eine Art zu leben

− Laudatio zur Verleihung des Literaturpreises der Stadt Bad Gandersheim am 8. Oktober 1982 in Frankfurt an Friederike Mayröcker. −

Eine Laudatio zu halten gehört nicht erst heute und nicht erst in Hinsicht auf eine Autorin wie Friederike Mayröcker zu den Unternehmungen, die der Quadratur des Kreises verzweifelt ähnlich sehen. Denn wie soll man denn loben und preisen, was von Lob und Preis und Genugtuung nicht weniger weit entfernt ist, nicht weniger weit entfernt sein kann, wenn es denn gelten soll, als was wir tagtäglich um uns herum sehen und hören, wenn wir das Fenster zur Straße und die Morgenzeitung auch nur einen Spalt weit öffnen. Ein jegliches Klagelied hat es heute leichter zu gelten als irgendein Loblied. Und wohin es führt und wie es aussieht, wenn von Zeit zu Zeit dagegen Fanfarenstöße geblasen werden (Herr Kästner, wo bleibt das Positive?), das haben erst jüngst wieder die Literaturdebatten gezeigt, als es hier in Frankfurt um den Goethepreis für Ernst Jünger ging und in einer Hamburger Wochenzeitung um die sogenannte Weltuntergangsstimmung im zeitgenössischen deutschen Gedicht. Solchen Fanfarenstößen, wo immer und wann immer sie geblasen werden, liegt ja eine Verwechslung zugrunde: als sei es je in der Kunst darum gegangen, dem Vorgefundenen den Segen zu geben als einem Naturgewächs, das es ja nicht ist, sondern das je Vorgefundene ist doch bloß die Summe des mühsam Erstrittenen, auf dessen rund und schöne Positivität in aller Regel gerade die Anspruch erheben, gegen die es erstritten wurde. Der Kunst ist, mit einem Wort von André Breton, die Wirklichkeit nicht die Summe der Fakten; sie ist ihr die Summe der Möglichkeiten. Darin allein ist ihre Positivität zu finden: offen auf einen Horizont hin, über den auch der Künstler nicht hinausblicken kann – worüber er oft genug verzweifelt ist −, auf den aber zuzustreben, wenn auch rückwärts blickend auf jene ,Fakten‘, aus denen er seinen Stoff zieht, er nicht unterlassen kann: darin ähnlich jenem seltsamen Vogel Merops, welcher, wie Jean Paul in der Vorschule der Ästhetik beschrieben hat, zwar dem Himmel den Schwanz zukehrt, aber doch in dieser Richtung in den Himmel auffliegt.
Wie also ein Werk loben, das zwischen diesen Polen ausgespannt ist? In dem, am Ende eines (frühen) Gedichts mit dem Titel „Mysterium“, die drei Zeilen stehen.

preisende Blicke haben mich aus
den müden Steigbügeln meiner
Empfindung gehoben geräuschlos?

Daß zu den Möglichkeiten des Lobens das Wegloben zählt, eine Operation durch Laserstrahlen gewissermaßen, ist bekannt; daß es auch die des Zulobens dessen gibt, was doch offen bleiben möchte: der Empfindung, der als Steigbügel dringend gebrauchten, der viel gepriesenen, die doch im Ernstfall so wenig wiegt, so wenig gelten soll, das steht in diesen drei Zeilen. Es steht aber sehr ruhig da: offenbar kann es sich behaupten. Offenbar läßt es sich weder weg- noch zuloben, denn es ist diesem bewährten Verfahren listig einen Schritt voraus. Nämlich unmittelbar vor den Klagezeilen

preisende Blicke haben mich aus
den müden Steigbügeln meiner
Empfindung gehoben geräuschlos

steht die Zeile:

ich bin vor Dir und lobsinge.

Das Klagelied also ausgestellt als ein Loblied: indem es überhaupt ein Lied geworden ist. Erst im Windschatten der kräftigen Setzung ich (…) lobsinge zählt die Klage darüber, daß Empfindung nicht zählen soll. Erst so kann die Klage gehört werden als Stimme und wird nicht im Meer des Mitleids oder im Meer der Gleichgültigkeit ertrinken.
Da ist er, der Vogel Merops, welcher zwar dem Himmel den Schwanz zukehrt, aber doch in dieser Richtung in den Himmel auffliegt. Augenscheinlich ein subversives Tier, das übrigens in Jean Pauls Vorschule der Ästhetik nicht zufällig im Paragraphen über die vernichtende oder unendliche Idee des Humors auftaucht. ,Vernichtend  o d e r  unendlich‘ – diese Wortverbindung beschreibt eine gewöhnlich viel zu harmlos verstandene Gemütskraft, die vielleicht die poetische, die schöpferische Kraft schlechthin ist, indem sie die unabänderlich erscheinende Summe der Fakten aufsprengt (also vernichtet) und zurückverwandelt in jene (unendliche) Summe der Möglichkeiten, die Breton als die Wirklichkeit der Kunst bezeichnet hat. Diese Wortverbindung ,vernichtend oder unendlich‘ scheint mir sehr genau den Impetus zu bezeichnen, der dem Werk von Friederike Mayröcker zugrunde liegt. Kein geringerer nämlich, als der Versuch, die ursächlichen Zusammenhänge, in denen zu denken wir seit Jahrtausenden gewöhnt sind und die auch die Kunst und die künstlerischen Techniken bis zum Anfang unseres Jahrhunderts beherrscht haben (und zu ihrem größeren Teil noch bis heute beherrschen, trotz Joyce, Picasso, Arnold Schönberg, pars pro toto) wieder und wieder zu bestreiten und ihnen die assoziative Logik des Erzählens und das Beharren auf der Wörtlichkeit der Sprache entgegenzusetzen. Schreiben ist für mich nicht nur Analyse eines Atemzugs, eines Blicks, einer Reise an Orte der Kindheit, eines Tatbestands, hat Friederike Mayröcker einmal in einem Gespräch über ihre Arbeit gesagt, sondern auch die Beziehung zur Verbalwelt von gestern oder heute, es ist ein verbaler Umschlagplatz aller Erscheinungen oder Erfahrungen des Tages. Von einer anderen Seite her hat es 1978 im „Jardin pour Friederike Mayröcker“, einer Sondernummer der österreichischen Literaturzeitschrift neue texte, ihr tschechischer Kollege Ladislav Novak in seinem kurzen Text „Eine Art zu leben“ beschrieben:

Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren mit Friederike Mayröcker und Ernst Jandl die großartige Prager Sammlung des analytischen Kubismus von Picasso und Braque durchgeschaut habe. In beiden wird die Wirklichkeit in kleine Fragmente zersplittert, in ganz konkrete und frischgesehene Fragmente, die dann nach einem inneren, ,kubistischen‘ Gesetz geordnet sind, wenn auch dieses Gesetz manchmal überwiegend ,nur‘ das Gesetz des Zufalls und der reinen Poesie ist. Man muß die Welt des Kalküls, des Gewinns und der Macht zerschlagen, um die Möglichkeit einer neuen, menschlicheren Welt zu finden, wo Teile der alten Welt überleben und sich weiter entwickeln können. Destruktion wird heutzutage notwendige Voraussetzung für eine wirklich neue Konstruktion. Dies soll aber keineswegs ein Plädoyer für den politischen Terror sein. Terror und kreative Destruktion sind zwei wesentlich verschiedene Dinge.

Hier ist der Fluchtpunkt skizziert, auf den die Dichtungen der Friederike Mayröcker zustreben. Nicht umsonst ist dieser Text überschrieben „Eine Art zu leben“. Wie schon bei Picasso und Gertrude Stein und ihrem Pariser Kreis ist eine solche Kunst eine Art zu leben; ihre Bedingung ist die Aufhebung der Grenze zwischen Leben und Kunst.

*

Damit bin ich beim Leben der diesjährigen Trägerin des Gandersheimer Literaturpreises angekommen. Nach dem Beschriebenen ist das aber kein anderes Kapitel, sondern das gleiche, bloß unter verändertem Blickwinkel betrachtet.
Friederike Mayröcker, 1924 in Wien geboren als einziges Kind eines Lehrers, der auch Gedichte schrieb, und einer Puppenmacherin, lebt bis heute in Wien, war seit 1946 Englischlehrerin an Hauptschulen und ist seit 1969 vom Schuldienst beurlaubt; ihr ausschließlicher Beruf ist das Schreiben. Sie lebt in einer kleinen Einzimmerwohnung mit Ölofen, die sie ihr Elendsquartier nennt – Bilder davon gibt es im erwähnten „Jardin pour Friederike Mayröcker“ – und die von Jahr zu Jahr kleiner wird, nämlich zuwächst mit Schreibmaterial: größeren, kleineren und kleinen Styroporplatten, an die Wände genagelt, gegen die Wände gelehnt, gegeneinander, voreinander gelehnt, jede vollgesteckt mit größeren, kleineren und kleinen Notizzetteln, Zeitungsausschnitten, -ausrissen, Briefen, Skizzen (wenn das nicht Wort für Wort angenagelt ist, findest du gar nichts mehr, ein mehrfach wiederkehrender Satz in einem neueren Prosatext, Bericht einer Reise nach Nizza, vielleicht besser gesagt ,Text mit einer Reise nach Nizza‘). Weiteres wucherndes Schreibmaterial: Manuskriptstapel und -bündel, Bücherstapel bis unters Bett, die Häkelpüppchen der Mutter; du hast keinen Platz mehr auf deinem Klavier, steht im Nizza-Text, denn neben dem Fernseher ist dein kleines Postamt: eine alte Zigarrenschachtel, die dir Oswald Wiener einmal geschenkt hat, und links vorne der Plattenspieler und dahinter zwei Radioapparate, über der geschlossenen Klaviatur (Liddeckel). Das letzte Wort zeigt die Sprungstelle dieser Art zu leben, zeigt den Übersprung in die Logik der Assoziationen.
Alles zusammen zeigt eine ungeteilte literarische Existenz. Die Reisen aus Wien heraus: Lesereisen zumeist, und meist gemeinsam mit dem Gefährten Ernst Jandl, dem sie seit 1954 in Freundschaft und Zusammenarbeit verbunden ist, durch England, Frankreich, Italien, Holland, Luxemburg, Polen, die Schweiz, die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten. (Aus dem Text einer amerikanischen Kollegin, Margareta Deschner, gedruckt im „Jardin pour Friederike Mayröcker“:

Deutschunterricht in Dallas, Texas. Aus dem Tonbandzimmer stürzt ein Kollege: „The tape has gone crazy. It’s making up things!“ Die Studenten im Labor haben endlich einen neuen Kontinent entdeckt.)

Oder Reisen als Irritationen: aus der Sowjetunion kommt sie 1978 zurück mit einem einzigen Buchstaben, dem großen lateinischen Druckbuchstaben R, mit einer schwarzen Feder ausgezogen, schräg nach links geneigt, das eine der beiden Beine ein bißchen wacklig auf der imaginären Horizontallinie, der eingeübten Schulheftlinie; darüber in winziger, aber sehr klarer und sicherer Schrift: Friederike Mayröcker: im mai erfahrungen, von anfälligkeit, während einer rußlandreise. Und Reisen als poetische Landnahme: Sie landen im Elendsquartier auf neuen Styroporplatten als Notate, wenn das nicht Wort für Wort angenagelt ist, findest du gar nichts mehr, Leben in Sprache verwandelt, vielleicht, wahrscheinlich gleich als Sprache erlebt: der Rohstoff zu ihren Texten. Ausgearbeitet sieht das dann so aus (ich zitiere noch einmal aus dem Nizza-Text, überschrieben „Sainte Nice“):

.. nach dem Unikum, jetzt an die 25 Tage danach, das Erschrecken, das heiße Erschrecken, der Tränenstrom“, rufst du, „im Anblick des Meers, auf der Promenade des Anglais, die glühende Augensekunde, jene gleichzeitige Verlorenheit und bewußte Ballung des Auges so daß ich es fühlen konnte,  w i e  i c h  s c h a u t e, wie ich, beinahe nur noch aus Augen bestehend, den Vorgang des einsaugenden und wieder ausströmenden Atems nachahmend, mit allen meinen Augen mich öffnete, mich fortgleiten ließ über das unbekannte glänzende gläserne Meer – zwölf Schwäne am offenen Himmel..“ Habitus (schäumendes kleid), nervus opticus, EINGEBILDE, schäumendes Meer.. wenn das nicht Wort für Wort angenagelt ist, findest du gar nichts mehr.

Womit ich abermals den Blickwinkel verstellt habe und bei den Texten angekommen bin, Texten in mehr als dreißig Büchern aus 26 Jahren (ihr erster Prosaband, Larifari. Ein konfuses Buch erschien 1956, ihr jüngster Gedichtband Gute Nacht, guten Morgen, in diesem Frühjahr). Ein sehr einfaches Gedicht aus diesem letzten Band führt mitten hinein in die Beschaffenheit aller dieser Texte:

Menschenalter
aus dem Schlaf
plötzlich um fünf
gepeinigt von Selbst-
vorwürfen und Angst
es sei beinah schon zu spät
meine alte Mutter
über Indizien meiner
Frühzeit auszufragen −
letzte Zeugin
einer mir dunkel gebliebenen
Vorgeschichte.

Analyse eines Atemzugs. Festgehalten der Schock, es könne der Faden zu jener dunkel gebliebenen / Vorgeschichte abreißen, die die Autorin bei anderer Gelegenheit, in einer Selbstdarstellung 1967 in Walter Höllerers internationaler Anthologie Ein Gedicht und sein Autor eine Art Dunkel-Kammer genannt hat, in der schon alles vorausentwickelt wurde, und die, ganz im Sinne eines Satzes von Franz Mon, das noch immer unabgegoltene Arsenal ihres poetischen Stoffs und ihrer Schreibobsession ist. Der Satz von Franz Mon: Das Uneindeutige ist das Konkrete. Was identifiziert ist, ist auch bereits verschwunden. Dies ist übrigens ein verblüffend einfacher Schlüsselsatz für die konkrete Poesie, an der schon so viel und so oft verärgert herumbuchstabiert worden ist. Tatsächlich ist es ja die täglich erfahrene Unendlichkeit der Widersprüche, die die Wirklichkeit so uneindeutig macht; auch dann noch, wenn wir sie uns sehnlichst überschaubarer wünschen. Aber wirklich ist nicht, was wünschenswert ist, sondern was ist. Und die Hilfskonstruktionen, die dem Bedürfnis nach Überschaubarkeit entgegenkommen, sind mannigfaltig, die bekannteste die Aufteilung der Welt in gut und böse, schwarz und weiß, rechts und links, und Ost und West. Konkret sind solche Konstruktionen nicht, sondern gerade in höchstem Maße abstrakt!
Auf diesen Befund realisiert die Kunst, die Poesie, indem sie die endlose Zahl der Widersprüche beim Wort und als unendliche Zahl von Möglichkeiten nimmt und ständig auch sich selber wieder aufsprengt. Ihr Stoff ist eben dieses Uneindeutige, noch nicht Identifizierte, noch nicht Abgelegte, noch nicht Abgegoltene, noch nicht Verschwundene. Also was noch in Bewegung ist. Also was noch bewegt. Aus einer kurzen Werkstatt-Niederschrift von Friederike Mayröcker während der Arbeit an ihrem Buch Arie auf tönernen Füßen. Metaphysisches Theater 1970:

Die meine Arbeit begleitenden Theorien und Ansichten befinden sich in einem Zustand permanenter Bewegung, die zwar ihr Tempo ändert, sich aber an keinem Punkt fixieren läßt, weil dadurch die Arbeit selbst abreißen würde. Was ich jetzt zu meiner Arbeit sage, könnte nur eine Aussage über einen fiktiven Fixpunkt sein und müßte womöglich morgen widerrufen werden. Freilich erscheinen solche Fixpunkte, fiktiv, mir selbst beinahe ebenso oft, als ich Arbeiten zu Ende führe. Ich kann mich daran erfreuen, wie diese Punkte, in einer Reihe gesehen, einander widersprechen, ein Durcheinander von Stimmen ergeben, und nie einen Chor. Hier ließe sich vielleicht aussortieren, ein Querschnitt versuchen, – aber was würde dieses Wissen mir, d.h. meiner Arbeit, eintragen, und wäre es ein Wissen? Mich selbst befragend, welcher Art das sei, was ich mache, kommen mir Antworten wie: TRAUM / aber aus BETON; SCHMETTERLING / aber aus EISEN („Iron Butterfly“); LEBEWESEN / aber aus PLASTIK.

Man sieht hier, wie der Versuch einer theoretischen Beschreibung der eigenen Arbeit, alle herkömmlichen literarischen Gattungsbezeichnungen sprengend, geradezu traumwandlerisch in diese Arbeit selbst zurückläuft: in ein Gedicht, ein hartes Gedicht, das dem Prozeß dieser Beschreibung und seiner Behauptung, alle Fixpunkte seien fiktiv, sogleich wieder den Prozeß macht: indem es einen neuen Fixpunkt setzt:

TRAUM / aber aus BETON;
SCHMETTERLING / aber aus EISEN („Iron Butterfly“);
LEBEWESEN / aber aus PLASTIK.

Als Kürzest-Poetik angeboten (und damit auch gesichert gegen ideologische Vereinnahmung), ist dieser Text doch zugleich, als Gedicht, eine nichts beschönigende Diagnose der Verhältnisse, in denen wir leben: nämlich mit Resten von Lebendigkeit, aufgehoben in den schönen alten Wörtern ,Traum‘, ,Schmetterling (Butterfly)‘ ,Lebewesen‘, eingesperrt in unsere eigenen Produkte, Beton, Eisen, Plastik. Wirklich ist nicht, was wünschenswert ist, sondern was ist. Aber den Resten von Lebendigkeit sind die Texte von Friederike Mayröcker insistent auf der Spur. Die Lebendigkeit der Texte selbst beruht auf dem Aushalten der Widersprüche, auf dem Widerstand gegen ihre Planierung, sei es in Richtung Leben oder in Richtung Tod. Insofern sind sie unter anderem ein kräftiges Plädoyer gegen die lyrische Schönschreiberei. Es stehen da die Wörter Beton, Eisen, Plastik. Doch es stehen auch da die Wörter Traum, Schmetterling, Lebewesen. Etwas überlebt und wird beschworen, es möge lebendig bleiben. Wenn irgend etwas, so ist sicher am ehesten dies die Aufgabe der Kunst.

(…)

Gisela Lindemann

 

Inhaltsverzeichnis

− Friederike Mayröcker: Texte 1944 – 1982. Eingeleitet und kommentiert von Gisela Lindemann
− Ernst Jandl: Zu fünf Gedichten von Friederike Mayröcker
− Gisela Lindemann: Eine Arte zu leben
− Wendelin Schmidt-Dengler: Demontage und Variationen. Versuche sich den Texten Friederike Mayröckers zu nähern
− Heinz F. Schafroth: Mut zur Autorisierung subjektivistischer Weltsicht. Fünf Kapitel oder Kapitelanfänge zu Friederike Mayröcker
− Heidemarie Stegmann-Meissner: Motive und Variationen in Texten von Friederike Mayröcker
− Lisa Kahn: Lasset freundlich Bild um Bild herein. Das ,euphorische Auge‘ Friederike Mayröckers
− Peter Christian Loidl: Bibliographie zu Friederike Mayröcker
− Notizen

 

Zeitschriftenlese

Es gehört wohl zu den stärksten Passionen junger, selbstbewusster Zeitschriftenmacher, die jeweils amtierenden Literaturpäpste zu grimmigen Bannflüchen zu reizen. Auch im Falle von Heinz Ludwig Arnold, dem Erfinder der Zeitschrift Text + Kritik, kam es zu Verwerfungen, als der junge Germanistikstudent im November 1962 den großen Friedrich Sieburg, seines Zeichens Chefkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, um ein existenzsicherndes Inserat für seine neue Zeitschrift anging. „Sie scheinen nachgerade an einem hoffnungslos gewordenen Qualitätsbegriff festhalten zu wollen“, so komplimentierte Sieburg artig den jungen Editor, um anschließend die Peitsche zu zücken: „Sie nennen für die erste Nummer drei Namen, die mir alle drei gleich widerwärtig sind, nämlich Günter Grass, Hans-Henny Jahnn und Heinrich Böll. Das ist … eine trübe Gesellschaft, dem deutschen Waschküchentalent entstiegen und gegen alles gerade Gewachsene feindselig gesinnt.“ Zwei Jahrzehnte später, so behauptet die Legende, war es Sieburgs Nachfolger Marcel Reich-Ranicki, der mit derben Beschimpfungen der „Schweine-Bande“ um „Arnold-Dittberner-Kinder“ nicht geizte.
Der so Attackierte ließ sich nicht einschüchtern. Der damals 22-jährige Arnold setzte in seinen ersten beiden Heften unverdrossen auf seine Hausgötter Grass und Jahnn – und es gelang ihm scheinbar mühelos das, was bei Rainer Maria Gerhardt, dem heute vergessenen Literaturgenie der Nachkriegszeit, noch in astronomisch hohen Schulden und einem tragischen Freitod geendet hatte. Unter dem ursprünglich von Arnold gewünschten Zeitschriftentitel fragmente hatte Gerhardt schon 1951/52 in seinem großartigen literarischen Journal dem restaurativen Nachkriegsdeutschland die Leviten gelesen, war aber an notorischem Geldmangel und ästhetischer Kompromisslosigkeit schon früh gescheitert.
Heinz Ludwig Arnold und seine frühen Mitstreiter Gerd Hemmerich, Lothar Baier und Joachim Schweikart hatten mit Text + Kritik mehr Glück. Das Konzept, sich in kritischen Aufsätzen immer nur einem wichtigen Gegenwartautor zu widmen, schien zunächst nur auf ein germanistisches Fachpublikum zu zielen. Nachdem er aber auf listige Weise beim Chefmanager von HAPAG-Lloyd eine Spende von 1000 DM rekrutiert hatte, begann Arnold mit seinem neuen Literaturblatt von Göttingen aus die literarische Welt zu erobern. Das Debütheft über Günter Grass, ein 32 Seiten-Heftchen, ist noch heute, in stark erweiterter und aktualisierter Fassung, zu haben. Für den Eröffnungsbeitrag, eine „Verteidigung der Blechtrommel“, hatte Arnold den Brüsseler Germanisten Henri Plard gewinnen können, den er während seiner literarischen Lehrjahre als Sekretär Ernst Jüngers kennen gelernt hatte. Auf sein literarisches Adjutantentum bei Ernst Jünger, das von 1961 bis 1963 währte, blickte Arnold später mit einigem Ingrimm zurück, zuletzt in seinem Text + Kritik-Heft zu Jünger, das die schärfste Kritik am Anarchen aus Wilflingen enthält, die jemals aus literaturwissenschaftlicher Perspektive geübt wurde.
Die Lust an der literaturkritischen Auseinandersetzung zeichnet ja nicht nur das Jünger-Heft, sondern viele andere Projekte der edition text + kritik aus, die 1969 im juristischen Fachverlag Richard Boorberg ein festes verlegerisches Fundament gefunden hatte und dort ab 1975 als selbständiger Verlag agieren konnte. Text + Kritik war nie ein Forum für urteilsschwache Germanisten, die jede interpretative Wendung mit einem Überangebot an Fußnoten absichern, sondern ist bis heute die bevorzugte Schaubühne für philologische Feuerköpfe, die cum ira et studio für oder gegen einen Autor und sein Werk eintreten. So muss jeder Autor, dem die Ehre zukommt, in einem Text + Kritik-Heft analysiert und seziert zu werden, mit kritischen Dekonstruktionen des eigenen Werks rechnen.
Mittlerweile hat die öffentliche Aufmerksamkeit nachgelassen, aber die angriffslustige Essayistik ist auch nach insgesamt 157 Heften das Markenzeichen von Text + Kritik geblieben. In Neuauflagen und Aktualisierungen wurden veraltete Urteile revidiert, beim Wechsel der Denkschulen und Interpretationsmethoden aber auch so mancher Purzelbaum geschlagen. In der 5. Auflage des Ingeborg Bachmann-Heft exponierte sich z.B. eine schrille feministische Literaturwissenschaft, der Sonderband Nr. 100 über „Literaturkritik“ publizierte massive Attacken auf Marcel Reich-Ranicki. Einem euphorischen Sonderheft über „die andere Sprache“ der „Prenzlauer-Berg-Connection“ folgte mit der Nummer 120 alsbald die Selbstkorrektur im desillusionierten Blick auf den Zusammenhang von „Literatur und Staatssicherheitsdienst“. Die subtilsten, stilistisch funkelndsten Schriftsteller-Entzauberungen haben in den letzten Jahren Hermann Korte und Hugo Dittberner verfasst. Über Sarah Kirsch, in der Nummer 101, findet man z.B. die wunderbare Sentenz, die Dichterin schreibe „Gedichte, die durch forcierte intellektuelle Unterbeanspruchung langweilen“. Diesen Königsweg literaturkritischer Unruhestiftung will Text + Kritik nicht mehr verlassen.

Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, April 2003
Fakten und Vermutungen zu TEXT+KRITIK

 

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Friederike Mayröcker und Elke Erb.

Protokoll einer Audienz. Otto Brusatti trifft Mayröcker: Ein Kontinent namens F. M.

 

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Daniela Riess-Beger: „ein Kopf, zwei Jerusalemtische, ein Traum“
Katalog Lebensveranstaltung : Erfindungen Findungen einer Sprache Friederike Mayröcker, 1994

Ernst Jandl: Rede an Friederike Mayröcker
Ernst Jandl: lechts und rinks, gedichte, statements, perppermints, Luchterhand Verlag, 1995

Zum 75. Geburtstag der Autorin:

Bettina Steiner: Chaos und Form, Magie und Kalkül
Die Presse, 20.12.1999

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Nico Bleutge: Das manische Zungenmaterial
Stuttgarter Zeitung, 18.12.2004

Klaus Kastberger: Bettlerin des Wortes
Die Presse, 18.12.2004

Ronald Pohl: Priesterin der entzündeten Sprache
Der Standard, 18./19.12.2004

Michael Braun: Die Engel der Schrift
Der Tagesspiegel, 20.12.2004.
Auch in: Basler Zeitung, 20.12.2004

Gunnar Decker: Nur für Nervenmenschen
Neues Deutschland, 20.12.2004

Jörg Drews: In Böen wechselt mein Sinn
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2004

Sabine Rohlf: Anleitungen zu poetischem Verhalten
Berliner Zeitung, 20.12.2004

Michael Lentz: Die Lebenszeilenfinderin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004

Zum 85. Geburtstag der Autorin:

Elfriede Jelinek, und andere: Wer ist Friederike Mayröcker?
Die Presse, 12.12.2009

Gunnar Decker: Vom Anfang
Neues Deutschland, 19./20.12.2009

Zum 90. Geburtstag der Autorin:

Herbert Fuchs: Sprachmagie
literaturkritik.de, Dezember 2014

Andrea Marggraf: Die Wiener Sprachkünstlerin wird 90
deutschlandradiokultur.de, 12.12.2014

Klaus Kastberger: Ich lebe ich schreibe
Die Presse, 12.12.2014

Barbara Mader: Die Welt bleibt ein Rätsel
Kurier, 16.12.2014

Sebastian Fasthuber: „Ich habe noch viel vor“
falter, Heft 51, 2014

Marcel Beyer: Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag am 20. Dezember 2014
logbuch-suhrkamp.de, 19.1.2.2014

Maja-Maria Becker: schwarz die Quelle, schwarz das Meer
fixpoetry.de, 19.12.2014

Sabine Rohlf: In meinem hohen donnernden Alter
Berliner Zeitung, 19.12.2014

Tobias Lehmkuhl: Lachend über Tränen reden
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2014

Arno Widmann: Es kreuzten Hirsche unsern Weg
Frankfurter Rundschau, 19.12.2014

Nico Bleutge: Die schöne Wirrnis dieser Welt
Der Tagesspiegel, 20.12.2014

Elfriede Czurda: Glückwünsche für Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Kurt Neumann: Capitaine Fritzi
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Elke Laznia: Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Hans Eichhorn: Benennen und anstiften
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Barbara Maria Kloos: Stadt, die auf Eisschollen glimmt
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Oswald Egger: Für Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Péter Esterházy: Für sie
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

 

Zum 93. Geburtstag der Autorin:

Einsame Poetin, elegische Träumerin, ewige Kinderseele
Die Presse, 4.12.2017

Fakten und Vermutungen zur Autorin und Interview 1 + 2 + 3 + 4
Archiv 1 + 2 + KLG
DAS&D + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Friederike Mayröcker – Trailer zum Dokumentarfilm Das Schreiben und das Schweigen.

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