Gennadij Ajgi: „Widmungsrosen“

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gennadij Ajgi: „Widmungsrosen“

Ajgi-„Widmungsrosen“

DICHTER

Jan Satunowskij zum 60. Geburtstag

aus der zeit der Knochenbrecher
ins Amenichsche Heute
passieren mark und bein des Dichters
auf der Unabwendbaren Achse
ungewohnter Poesie:
statt des gesangs – solche Geduld
daß unterm feurigen Himmel des Gasometer-Orts
die Sonder-Behandlung überstehend
wahrnehmbar dem andern Himmel als lautloses flimmern
die maske des körpers abgeworfen vomKnorpel
des alles-erduldet-habenden Worts

(21. Februar 1973)

 

 

 

Zeichenhaftes Sprechen

– Zu Gennadij Ajgis lyrischem Suprematismus. –

Gennadij Ajgi wurde am 21. August 1934 im Dorf Schajmurschino in der Tschuwaschischen Autonomen Sowjetrepublik geboren. Sein Vater war Lehrer und ein Liebhaber von Puschkin, den er ins Tschuwaschische übersetzte, sein Großvater mütterlicherseits schamanischer Priester. Ajgi schrieb schon als Kind Gedichte. Von 1953 bis 1959 studierte er in Moskau am Literaturinstitut, zu seinen Lehrern gehörten Viktor Schklowskij und Michail Swetlow. 1958 erschien sein erster Gedichtband auf tschuwaschisch, 1960 wechselte er – auf Anraten Nazim Hikmets und Boris Pasternaks – zum Russischen über und wurde so nach eigenen Worten zu einem „tschuwaschischen Dichter, der russisch schreibt“. Indessen konnte er seine russischen Gedichte – in der Sowjetunion – nur vereinzelt publizieren. Ab 1961 war Ajgi mehrere Jahre am Moskauer Majakowskij-Museum tätig. Er verlor seinen Posten, nachdem er durch „nonkonformistische“ Ausstellungen futuristischer Dokumente bei den Behörden Mißfallen erregt hatte. In der Folge profilierte sich Ajgi als Übersetzer ins Tschuwaschische, hörte aber nie auf, russische Verse zu schreiben. Mittlerweile umfaßt sein Werk Dutzende von (meist bibliophil edierten) Bänden, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Im Kontext der russischen Gegenwartslyrik nimmt es einen singulären Stellenwert ein.
Ajgis Poesie weist Bezüge zur tschuwaschischen Volks- und Kunstdichtung (Michail Sespelj, Waslej Mitta) auf, verleugnet aber auch nicht Impulse von Baudelaire, Verlaine, von Welimir Chlebnikow und Jiři Wolker. Allein, von Einflüssen läßt sich hier kaum reden, sind gelegentlich auch „Versatzstücke“ auszumachen. Da Ajgi nicht so sehr an ästhetischen Programmen und Verfahren, sondern an einer poetischen Weltschau interessiert ist, konnte für ihn Kierkegaards Existenzphilosophie, vor allem aber die Suprematismus-Theorie des russischen Avantgarde-Künstlers Kasimir Malewitsch (1878–1935) konzeptuell zu einem weit bedeutenderen Stimulus werden.
Das 1962 entstandene Gedicht „Kasimir Malewitsch“ führt Ajgis und Malewitschs Zeichensprache zusammen:

KASIMIR MALEWITSCH

aaaaaaaaaaaaaaaa„und es steigen die felder gen himmel“ („aus einem gesang“)

wo bloß des Vaters bild das werk bewacht
ist man auf kreisverehrung nicht erpicht
und schlichte tafeln brauchen kein gesicht

doch von fern – als wüßte der kirchengesang
fortan keine sänger mehr ihn zu beerben
und wäre gefügt gleich einer stadt
die keinerlei zeitspannen kennt

so schuf sich damals ein anderer wille
einen raster eigener ordnung –
stadt – seite – eisen – lichtung – quadrat:

– schlicht wie unter asche ein feuer das trostreiche Witebsk

– beim zeichen eines winks wurde Welimir ausgeliefert und genommen

– und El er ist wie eine linie bleibt er dem abschied fern

– das ist wie ein biblisches Ende: Schnitt – Vollendung – Charms

– in latten ist von andern ausgeführt

– des weißen sargs entwurf

und – es steigen – die felder – gen himmel
von jedem – geht – eine richtung
jedem stern – entgegen
und es schlägt ein eisenende schwingend
bei kargem dämmerschein
und es schließt sich der Kreis: wie vom Himmel gesehn
ist die arbeit zu sehn wie vom himmel

(Übersetzung: Felix Philipp Ingold)

Sein poetisches Ziel sei es, meint Ajgi, „den Prozeß des Lebens“, „das Wesen der Dinge in ihren natürlichen Räumen“ wiederzugeben, nicht aber zu „besiegeln“ oder „darzustellen“. Das Wort (in der Poesie) sei nicht Gedankenträger, sondern „Handlung“, „Akt“, Malewitsch formulierte 1922 in seiner Grundlegung des Suprematismus:

Vielleicht kann der Maler zum wahren Interpreten der Natur, der Wirklichkeit werden, wenn er in seiner Arbeit nichts anderes sieht als die Arbeit der wahren Natur, wenn er die Natur als gegenstandslose Erregung betrachtet und nicht als scheinbare Wirklichkeit.

Von derselben Erregung spricht Ajgi, wenn er den Schaffensprozeß definiert: nicht als Dialog mit dem „Objekt“, sondern als gleichsam mediale Übertragung der Ding-Impulse mittels rhythmischer Gleichgestimmtheit. („Poesie ist Denken in Rhythmen.“) Bei Malewitsch heißt es:

Sobald ein Schaffender beginnt, seine Erregung durch den Rhythmus auszudrücken, befindet er sich in Einklang mit der kosmischen Wirklichkeit.

Postuliert Malewitsch diesbezüglich die „Gegenstandslosigkeit als befreites Nichts“ – am reinsten versinnbildlicht im weißen Quadrat –, so befreit Ajgi das Wort von seiner konventionalisierten Bedeutung, macht es zum Zeichen per se, das – in Interrelation mit anderen Zeichen – ein rhythmisch instrumentiertes „Kräftefeld“ ergibt. Ajgis Schlüsselwörter – „Feld“, „Fenster“, „klar“, „Lichtung“, „sein“, „Schnee“, „weiß“, „All“ – ergeben zwar gesamthaft einen Code, ein ebenso kohärentes wie signifikantes semantisches Feld, sind aber, im einzelnen, als magische „Erregungserzeuger“, als quasi-sakrale Zeichen („die Dichtung ist sakrale Handlung“) zu verstehen, die durch den jeweiligen Kontext verändert werden können. So erfährt das Wort „Feld“ – in tschuwaschischen Gebetstexten ein Ausdruck für seelische Freiheit – bei Ajgi diverse Metamorphosen von „Nichts“ bis zu „Heimat“, wobei eine „Feld“-Idee (in Anlehnung an Platos Ideentheorie) die verschiedenen Bedeutungen gleichsam antizipiert. Sind für Ajgi die Beziehungen zwischen den Wörtern ein Pendant zum animistisch-pantheistischen Verbundensein der Dinge, so versteht er die Genese des Wortes aus einem sprachlosen Zustand (mithin den Vorgang des Schaffensprozesses) nicht anders als Malewitsch:

Auf dem weißen Felde des Verstandes teilte sich das Dunkel, und es entstanden unterschiedliche Einzelerscheinungen, die zueinander in Beziehungen gerieten und die verschiedensten Kombinationen und Verbindungen ergaben.

Die Verbindungen sind es, die im Rahmen von Ajgis Metapoetik und Metagrammatik von besonderer Signifikanz sind. In pseudo-asyndetischen, bis zu fünfgliedrigen Wortverbindungen, die an die „quotation substantives“ etwa im Englischen oder Französischen, gelegentlich aber auch, was ihre Funktion anbelangt, an die synthetischen Quasi-Nebensätze der Turksprachen (zu denen auch das Tschuwaschische gehört) erinnern, bringt Ajgi auf kompakte Weise ganze Sachverhalte zum Ausdruck, wobei die gängige Syntax willentlich umgekrempelt und oft bis zur Unverständlichkeit deformiert wird.
Ajgi begründet dieses Prozedere – fast moralisierend – mit dem heutzutage akzelerierten Zerfall zwischenmenschlicher Beziehungen. Richtiger aber wäre, hier von einem poetikimmanenten und daher zwingenden Rückzug ins Vorsyntaktische zu sprechen, einem Rückzug, der – wie in Ajgis hermetischen Gedichten der siebziger Jahre – einer Kommunikationsverweigerung gleichzukommen scheint. Scheint: denn Ajgi schreibt, wie aus seinen Widmungsgedichten und verschiedenen Selbstaussagen hervorgeht, an präzise Adressaten, mögen dies auch Freunde, also „Eingeweihte“ sein – der Musiker Andrej Wolkonskij, Olga Iwinskaja, der Germanist Konstantin Bogatyrjow. Für letzteren, der im April 1976 Opfer eines KGB-Attentats wurde, verfaßte Ajgi einen poetischen Nekrolog mit dem vielsagenden Motto „Denen, die wissen“, in dem er mehr intuitiv als explizit die Tragödie jener Nacht evozierte.
Aktuell (im üblichen Wortsinn) ist Ajgi nie, er will es nicht sein. Alltägliches, Behaftbares ist ihm zu vordergründig, selbst das Ich soll nie als „Ich“ in Erscheinung treten. Gegenstände, Situationen, Menschen, Orte, die es nicht zu beschreiben, sondern zu erzeugen gilt, sollen „wesenhaft“ angenähert werden:

In jenem niemandsdorf
schienen
die ärmlichen lappen am pfahlzaun
nirgendwessen.
Und die welken darüber waren nirgendwessen…

(„wolken“).

Das Indefinitpronomen ist für Ajgis Poetik ebenso konstitutiv wie der Vergleich, namentlich der negative. Die Negation – schon in der Barocklyrik zur Umschreibung des unaussprechlichen Gottes eingesetzt – dient auch Ajgi zu einer „Definition“ der Phänomene Gott, Tod, Sein, Raum. Dabei geht es Ajgi jedoch nicht um eine diskursive Annäherung an die „ewigen Dinge“ im Sinne philosophischer Lyrik, sondern um ein vorsichtiges Einkreisen der Begriffe, bis sich diese gleichsam selber enthüllen.
Ajgis Texte sind strenggenommen ein einziger Text mit kommunizierenden Teilen, wobei die Gedichteinheiten in ihrer ungebundenen Form ihrerseits offen strukturiert sind, Konjunktionen (und, aber) am Gedichtanfang sollen deutlich machen, daß der Text gar nicht anfängt, sondern bereits existiert (und wir in ihm), daß der Text in beide Richtungen transparent ist. Auch Ajgis eigenwillige Interpunktion dient – wo nicht der Intonation – dem nämlichen Prinzip der Transparenz. Ein Doppelpunkt am Gedichtende markiert da eine Öffnung, wo im Regelfall ein Abschluß erwartet wird.
Dichtung sei eo ipso geistiger Widerstand, ein Kampf gegen jede Form von Automatismus, meint Ajgi. In seinen Versen, die keiner Schule, keinem deklarierten Ismus, keiner Modeströmung verpflichtet sind, erweist sich Ajgi als ein Dichter der Behutsamkeit und feinster Unterscheidungen. Sein schlichtes, aber differenziertes Themen- und Wortrepertoire läßt sich schon an den Gedichttiteln ablesen: „Kiefern: Abschied“, „Feld – blüht jasmin“, „Blumen von für mich“, „Erneut: Rückkehr der Angst“, „Dämmerung: in den Pausen des Schlafs“.
Ajgis verbale Unsinnlichkeit – intendiertes Resultat seiner Suche nach dem „Wesen der Dinge“ – erinnert nicht von ungefähr an Malewitschs Ungegenständlichkeit, seine abstrakte Differenziertheit an die „Finesse der Weiße“ des Malers. Der „nahe Schnee“, das „letztliche Land“ – mit seinen ungewöhnlichen Epitheta deutet Ajgi Räume an, die ausgespart bleiben, deren Nuancen aber vom Leser zu einem Ganzen vervollständigt werden sollen. Mit Malewitsch wäre hier von einem Bewußtsein zu reden, das „nicht mehr mit verschiedenen Materialien, sondern nur noch mit Erregungen operiert“.

KIEFER: ABSCHIED

Zeit, daß Schlicht (Sonne ist Schlicht).

Und solch – ein Abschied (gleichsam Augenschein – in einen Seelen-Blick, egal-einnehmend: Sonne).

Auch ihr seid nicht bloß Hall, Erhabenheit. Ihr, zusammen mit der Sonne, wart Entsprechung – dem Glanz der Schlichtheit hinter der Welt:

Liebe
(unsre nicht) –

dies-Kein:

(Leuchtend):

Tod –

(der so schlicht ist, daß: nein).

Feld – blüht Jasmin

aaaaadoch wie sollte
aaaaajene Grundlegung
aaaaaauch nicht sein: die dem gedanken allerorten gegen-
wärtig ist: wie ein gewisses nicht-welträumliches Gerippe! –

aaaaawas: wie Gottes-Gegenwart:

aaaaaes spürend: unaufhebbar:

aaaaawie sollte es daselbst nicht sein: im jähen durcheinander
von Raum-sowohl-wie-Zeit:

aaaaaund: unsrer Herzlichkeit! –

aaaaawie es so ist (gleichsam der seelen grundlegung)
aaaaada: nach jeglicher ins bild gebrachten insel
aaaaavon weiß (von zweiter weißglut gleichsam: farbe des
verlebten: eben erst idee gewordnen!):

wie ist dieses nicht-welträumliche Gerippe hell bei
dämmerung! –

aaaaader Sichtliche Leuchtet: durch inseln
aaaaavon weiß: im feld: dem immer weißern

(1971)
(Übersetzung: Felix Philipp Ingold)

Ilma Rakusa, revidierte Fassung des Aufsatzes in: Neue Zürcher Zeitung, 8./9.12.1979

 

DIE SEKUNDE – jähe Weiße
beim Erwachen aus dem vorvorletzten
Akt – kennen wir
auf keine Weise:

kommt er gelegentlich vom Ein-
kauf oder von der Frau
nach Haus, verschlägt
ihm einer mit dem Nagelschuh die Stimme, bis
er kaum noch ist: so

wird dort geblendet und verrückt:

Hoch! Zeit dessen, was „ich bin!“ umsonst
– „wer weiß?“ – war auch der Fall
ins Revolutionsmuseum, war der
Gang zur Sickergruft:
aaaaaaaaaaaaaaaaaadie bücklings
übersetzten Verse aus Duino sind
wie seine alten Jahre auf
den Tag genau erzählt: was bleibt –

die unableitbare helle Kälte.

(für Ajgi; zur Erinnerung an Konstantin Bogatyrjow)

Felix Philipp Ingold

 

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Zum 75. Geburtstag des Autors:

Volker Sielaff: Die Welt als Welt-All und Welt-Markt
poetenladen.de, 21.8.2009

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