Genowefa Jakubowska-Fijałkowska: Poesie sitzt nicht in der Sonne

Jakubowska-Fijałkowska: Poesie sitzt nicht in der Sonne

***

ich war die tochter
eines anstreichers

könnte
Christus werden

jetzt
ganz egal

das kreuz
oder deine arme

 

 

 

 

Sein ohne Schein

Über Genowefa Jakubowska-Fijałkowska

Genowefa Jakubowska-Fijałkowska hat einen roten Pagenkopf und ein markantes Gesicht. Ihr Blick ist direkt, fest und etwas ironisch. Es ist ein Blick, der unter die Haut geht und bei dem man sich etwas unwohl und recht unbehaglich fühlen kann. Ihre Poesie ist auch unbehaglich, unbequem, düster. Sie erzählt von zerrütteten zwischenmenschlichen Beziehungen, von Krankheit, Sucht und Depressionen, von Gewalt, Leid und Blut, von Verwahrlosung, Demütigung und Tod. Nichts für lyrische Schöngeister, denn der Stoff, aus dem ihre Gedichte sind, ist das nackte, ungeschminkte Leben: so, wie sie es kennen gelernt hat. Bertolt Brecht hätte seine Freude daran: Ihr Augenmerk richtet die polnische Lyrikerin nämlich auf jene, die im Dunklen sind. Die im Lichte sieht sie eher nicht, denn lange Zeit war das Leben im Dunklen ihr eigenes Leben.

Sucht und Sauerkraut

Genowefa Jakubowska-Fijałkowska schreibt über eine kleinstädtische Welt, die von Armut, Aussichtslosigkeit, Gewalt, Hass und Hässlichkeit geprägt ist. Eine gottverdammte Welt, in der es keinen Trost und keinen Halt mehr gibt, denn der Herrgott ist nach Florida verreist. Ihre Gedichte erzählen von der Banalität des Bösen im Alltag. Dieses Böse ist unspektakulär und fällt nicht auf, denn es treibt sein Unwesen im Verborgenen: in heruntergekommen Wohnungen, Hinterhöfen, schummerigen Kneipen und auf Bahnhöfen in der siebten Provinz. Zum anderen gehört es zur zermürbenden und abstumpfenden Routine des Alltags, dass zwischen dem Einkaufen, Putzen, dem Aufwärmen von Fertiggerichten, dem Trinken und Fixen, dem tristen Sein ohne Schein die Männer ihre Frauen und Töchter vergewaltigen – und in der Küche stinkt Sauerkraut. Es ist das Leben von Menschen, die die Gesellschaft ausgestoßen hat oder die sich in ihr nicht zurechtfinden können. Eine tragische Existenz, geprägt von Sucht und Entzug, von Depressionen und ihrer vergeblichen Linderung durch Antidepressiva, in der das verwahrloste und haltlose Individuum seinen niedrigsten Instinkten nachgeht und das Abnormale zur Norm wird. Ein Teufelskreis, aus dem es wie bei Malcolm Lowry oder Charles Bukowski eigentlich kein Entkommen gibt, denn die zur Hölle Verdammten sieht man nicht, will man nicht sehen.

Poesie schmerzt

Genowefa Jakubowska-Fijałkowskas Lyrik ist schonungslos und scharf wie der geschmack der rohen zwiebel im mund. Die von ihr beschriebene, an den Rändern der Gesellschaft lebende Welt ist unappetitlich wie eine aufgeweichte kippe im pissoir. Die Straßen der für die „Normalen“ unsichtbaren Städte sind bevölkert mit mageren Hunden, verlassenen Frauen oder Frauen, die zu Gebärmaschinen degradiert werden und jedes Jahr behinderte, ungewollte und ungeliebte Kinder zur Welt bringen. Die Männer sind verkaterte kerle, die blaue augen haben und schnell kommen. Der Geschlechtsakt ist ein Akt der Verzweiflung, die Frauen ziehen immer den Kürzeren, deshalb sehnen sie sich nach gleichgeschlechtlicher Liebe. Auch hinter der scheinbar intakten bürgerlichen Fassade tun sich Abgründe auf: Auf dem Klo eines Büros steht ein Mülleimer, und dort liegt ein neugeborenes kind in der plastiktüte. Eine Dichterin, die sich von der Wirklichkeit, welche lange ihre Wirklichkeit war, inspirieren lässt, weiß, dass poesie schmerzt oder etwas schmerzt und dann ist es poesie. Für sie ist Poesie auch ein therapeutischer Prozess, in dem sie sich das Erlebte von der Seele schreibt, damit ihre Seele und ihr Verstand gesunden können. Doch das Aufschreiben ist erst der zweite Schritt denn Gala, wie sie von Freunden genannt wird, hat ihre Gedichte zuerst vollständig und sozusagen druckreif im Kopf, bevor sie sie zu Papier bringt. Ihre Lesungen sind beeindruckend: Sie rezitiert ihre Gedichte aus dem Gedächtnis, eins nach dem anderen, fast ohne Pause, sodass man den Eindruck hat, einem ergreifenden Monodrama beizuwohnen.

Poesie ist Therapie

Die am 21. Dezember 1946 in der zehn Kilometer von der oberschlesischen Kohlemetropole Katowice (Kattowitz) entfernten Kleinstadt Mikołów geborene Genowefa wuchs in einer Umgebung auf, in der Alkoholmissbrauch zur Normalität gehörte: Getrunken wurde aus jedem und ohne jeden Anlass. Schon als kleines Mädchen schrieb sie, denn sie konnte sich mit der Wirklichkeit nicht abfinden. Mit 26 Jahren hatte die literarische Autodidaktin, die unter anderem als Bürobotin, Bahn- und Lagerarbeiterin und als Putzfrau arbeitete, ihr Debüt: Die angesehene Literaturzeitschrift Odra in Wrocław (Breslau) veröffentlichte elf ihrer Gedichte. Sie wurde von der Kritik gelobt und auch andere polnische Literaturzeitschriften druckten ihre Lyrik. Ich schrieb und trank, sagt sie. Damals war das noch nicht destruktiv, denn niemand wird Alkoholiker von einem Tag zum anderen. Seit Anfang der 1980er konnte sie nicht mehr schreiben, zehn Jahre lang trank sie häufig bis zur Besinnungslosigkeit, nach einem Delirium wurde sie in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingeliefert und auf Entzug gesetzt, hatte dann 1991 einen Rückfall und musste sich einer Alkoholentgiftung unterziehen. Als sie trocken war, stand sie vor der Wahl: Entweder du lebst, oder du trinkst. Sie entschied sich für das Leben, begann wieder zu dichten aus dem Gefühl heraus, dass Poesie die Welt, in der es so viel Leid, Gewalt und Ungerechtigkeit gibt, zwar nicht verändern oder besser machen kann, doch sie lindert den Schmerz der Existenz. Für mich ist Poesie und überhaupt das Schreiben Therapie. Genowefa Jakubowska-Fijałkowska hat ihre Sucht bekämpft und hilft nun anderen dabei, das zu tun. Sie arbeitet als Suchtbeauftragte im Amt ihrer Heimatstadt Mikołów. Seit 1994 veröffentlichte sie sieben Lyrikbände in Polen, ihre Gedichte wurden zu Hörspielen verarbeitet und von Radio Kattowitz gesendet. Neben dem Dichten sind Fernreisen ihre große Leidenschaft, doch über die Eindrücke, die sie unter anderem in Israel, Peru, Indien, Nepal, Uganda, Tansania, Südafrika, Sibirien, in der Mongolei oder zuletzt in Madagaskar sammelte, kann sie nicht schreiben. Vielleicht deshalb, weil das in der für sie so typischen knappen Form nicht zu schaffen ist.

SlimPoetry

Genowefa Jakubowska-Fijałkowska wird von der polnischen Literaturkritik gern mit dem ebenfalls aus Mikołów stammenden Dichter Rafał Wojaczek (1945–1971) verglichen, der im Alter von 26 Jahren in Wrocław an einer tödlichen Mischung aus Medikamenten und Alkohol starb. Wojaczek, der sich zu einem poète maudit, zu einem Breslauer Rimbaud und Clochard an den schmutzigen Kanälen der Oder stilisierte und von Eros und Thanatos geradezu besessen war, ein exzessives Leben führte und unter einem Selbstzerstörungswahn litt, schrieb ebenfalls sehr deutlich und radikal über die Schattenseiten der Existenz. Inhaltlich sind sich beide Dichter also recht ähnlich, denn in ihren Werken herrscht ein Klima der Sucht, wie Jakubowska Fijałkowska es bezeichnet. Die Dichterin aus Mikołów nimmt jedoch in der neueren polnischen Literatur eine Sonderstellung ein, weil sie die drastischen Inhalte ihrer Lyrik, die eher eine Antilyrik ist, in eine äußerst knappe, stellenweise aphoristische Form kleidet. Sie ist eine Meisterin der Reduktion und der überraschenden Pointen. Ihre – abgesehen von den Eigennamen – mit kleinen Buchstaben geschriebenen Gedichte sind lyrische Miniaturen, sie bestehen aus wenigen Worten, sind extrem „schlank“, fast schon „anorektisch“. Sie meidet Adjektive, Euphemismen und andere sprachliche Schnörkel, verzichtet auf die Interpunktion. Ihr Vokabular ist präzise, schonungslos und messerscharf, denn die von ihr beschriebene Welt der Gescheiterten, Süchtigen und Gewalttätigen kennt kein Erbarmen. Wie in einem Film noir holt sie das Verborgene ans Licht und beleuchtet für einen kurzen Augenblick die geschlossene Gesellschaft der kaputten Existenzen, die dieses Universum – mehr das Nichts als das Sein – bevölkern, bevor sie wieder in der Finsternis, in dem Klima der Sucht und der destruktiven Triebe versinken. In ihrer Lyrik bringt sie die Verzweiflung über die Alternativlosigkeit der conditio humana, die von Herkunft und Geschlecht, vom familiären und sozialen Umfeld, von Geschichte, Tradition und Religion bestimmt wird, zum Ausdruck und lehnt sich zugleich gegen dieses verhängnisvolle Erbe auf. Deshalb treten in ihren Gedichten immer wieder Protagonistinnen und Protagonisten auf, welche die seit eh und je angeblich schicksalhafte Ausweglosigkeit der Existenz verkörpern, der sie sich fügen und daran zerbrechen müssen, weil es die Kassandren, auf die niemand hört, prophezeit haben. Genowefa Jakubowska-Fijałkowska holt die mythischen, fiktiven Gestalten (Penelope, Iokaste und Ödipus) in die Gegenwart und zeigt ihr Weiterleben als Klischees: Frauen und Männer, die in ihre tradierten Rollen gezwängt werden. Die Lyrikerin zweifelt diesen literarischen und faktischen Determinismus an, denn eine andere Interpretation der Mythen dürfte auch möglich sein, wie zum Beispiel: ich bin Kains schwester mein name ist Abel oder ich war die tochter eines anstreichers könnte Christus werden.

Die Leiden der Leiber

Mit dem Band Poesie sitzt nicht in der Sonne stellt der Pop Verlag zum ersten Mal in Deutschland einen repräsentativen Querschnitt durch das außergewöhnliche Werk von Genowefa Jakubowska-Fijałkowska vor. Die in dieser Anthologie versammelten 130 – bis auf zwei – titellosen Gedichte muten wie Standfotografien an, in denen sie das Leben der Menschen am Rande der Gesellschaft festhält. Es gilt also eine Lyrikerin zu entdecken, deren lakonische und deshalb so einprägsame Schilderungen der von Gewalt und Selbstverstümmelung, von Alkohol, Drogen und anderen Krankheiten, von Entzug und Medikamenten verwüsteten Körper an Gottfried Benn erinnern. Er erlebte die Leiden der Leiber als Arzt, sie erfuhr als Suchtkranke und Patientin das Leid am eigenen Leib. Ihre Poesie ist in Zeiten des Schönheitswahns und des Irrglaubens an die ewige Jugend eine ungeheure Provokation. Sie zeigt die Menschen in ihrem selbstverschuldeten und unverschuldeten Elend: eine vor McDonalds sterbende Junkie, der niemand Beachtung schenkt, und einen Vater im Oberteil des Pyjamas und nassen Pampers, der die ihn pflegende Tochter an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt. Es ist eine verstörende, häufig schmerzliche Lektüre, in der sich kaum erträgliche Bilder des Verfalls und der Verwahrlosung mit poetischen Bildern mischen: spannend und fesselnd vom ersten bis zum letzten Gedicht.

Urszula Usakowska-Wolff, Nachwort

 

Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
Fakten und Vermutungen zur Autorin

 

Genowefa Jakubowska-Fijałkowska stellt ihren Lyrikband „Paraliż przysenny“ am 16.9.2016 am Mikolowski Institut vor. Teil 1/2

 

Genowefa Jakubowska-Fijałkowska stellt ihren Lyrikband „Paraliż przysenny“ am 16.9.2016 am Mikolowski Institut vor. Teil 2/2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.