Georg Guntermann zu Peter Paul Zahls Gedicht „innenwelt“

Im Kern

Im Kern

– Zu Peter Paul Zahls Gedicht „innenwelt“ aus dem Band Peter-Paul Zahl: Alle Türen offen.

 

 

 

PETER-PAUL ZAHL

innenwelt

zwanzig meter vor meinen augen
die außenmauer: sehr hoch sehr weiß
darüber ein leerer himmel
der wird nie richtig blau
davor der hohe drahtzaun
gekrönt von stacheldraht
und zwischen mir und dem zaun
ein stück wüste: der rasen
total verbrannt

aus allen fenstern
dröhnen die hysterischen stimmen
der reporter in montreal
die mit anabolika vollgestopfte
rennende stemmende schwimmende
springende androiden besingen

elf mal am tag die nachrichten:
in beirut
schlachten faschisten frauen
kinder und greise ab
verteidigen 650 fedajin
das lager tel zaatar
die waffen der faschisten kommen
aus israel das die grenze öffnet
zum süd-libanon hin
und pflaster klebt unter den salven
von blitzlichtern
sich feiern läßt
für diese wahrhaft humanitäre geste

in tel zaatar
krepieren menschen wie fliegen;
kein wasser keine ärzte
keine medikamente keine sanitäter
keine desinfektionsmittel
200 tote 500 tote 1000 tote
500 verwundete 1000 verwundete
5000 verwundete

ich weiß wie es ist
verwundet zu sein
ich weiß wie es ist
keine ärztliche versorgung zu erhalten
ich weiß wie es ist
nicht zu schreien
weil das grauen über das
was der mensch dem menschen anzutun
in der lage die lippen versiegelt
ich weiß wie es ist
angst zu haben und ohnmächtige wut
sich krepieren zu spüren
ich krepiere mit
in tel zaatar

in heidelberg rügt
ein kritiker meine gedichte
ihnen fehlt sagt er
der pragmatische gestus
der neuen alltagslyrik

und „das politische in den spezifischen
formen der poesie zu sagen

ihnen fehlt“ sagt er
die „sensibilisierung
für sprache gesellschaft
und innenwelt

 

Das Gedicht gibt keine Rätsel auf beim ersten Lesen. In alltäglicher, ,prosaischer‘ Sprache wird Wirklichkeit benannt und beschrieben. Und dieser Eindruck verstärkt sich, wenn wir das Gedicht in seinen sechs Strophen gegen die Biographie des Autors halten, mit zeitgeschichtlichen und politischen Fakten vergleichen. Die erste Strophe stellt den Ort des Schreibens vor: ein Gefängnis – Peter-Paul Zahl befindet sich, am 24.5.1974 zu vier, in zweiter Instanz am 12.3.1976 zu fünfzehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in Haft; in einem Brief aus der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf vom 24.6.1976 beschreibt er das, was er aus seiner Zelle sieht, analog zu Zeile 3 bis 5 als „smog plus weiße außenmauer“. Die zweite Strophe gibt Aufschluß über die Zeit des Schreibens. Die Vermutung des Lesers, es handele sich um einen (heißen) Sommer, von Zeile 9 f. nahegelegt, wird bestätigt: die 21. Olympischen Sommerspiele im kanadischen Montreal (Z. 13) fanden in eben jenem für Europa außerordentlich trockenen und heißen Sommer 1976 statt; sechs Doping-Fälle wurden geahndet, das heißt, teilnehmende Sportler der Einnahme von unerlaubten, das Muskelwachstum fördernden Substanzen (Z. 14) überführt. Die dritte Strophe bekräftigt diese Datierung. Im Kampf um „tel zataar“ (Z. 22), ein Flüchtlingslager, moslemische Enklave im christlichen Wohngebiet im Osten von „beirut“ (Z. 18), erreicht der libanesische Bürgerkrieg im Hochsommer 1976 seinen blutigen Höhepunkt. Die kämpfenden Parteien werden benannt: die so genannten „faschisten“ (Z. 19), verschiedene christliche Milizen, unter ihnen die „Phalangisten“, greifen das Flüchtlingslager an, dessen Insassen, 10.000 bis 30.000 Personen, zum großen Teil „frauen/kinder und greise“ (Z. 19 f.), von den „fedajin“ (Z. 21), Kämpfern der palästinensischen Widerstandsorganisation Al Fatah, verteidigt werden. Über die Herkunft der „waffen“ (Z. 23) der Angreifer wird berichtet: Es sind Waffen aus der Sowjetunion und Ägypten, von Israel im Verlaufe des letzten israelisch-ägyptischen Krieges erbeutet und, über die „zum süd-libanon hin“ (Z. 24 f.) geöffnete Grenze, den libanesisch-christlichen Kampfverbänden zur Verfügung gestellt. Die verzweifelte Situation des vom Nachschub abgeschnittenen, ringsum eingeschlossenen Lagers wird verdeutlicht (Z. 32–34). Und auch die Angaben schließlich über die (steigende) Anzahl der Toten und Verwundeten (Z. 35–37) halten den realen Zahlen, der Zeitungsmeldungen etwa, stand. In der Strophe 5 wird der Blick zurück gewendet von den Ereignissen draußen auf das ,private‘ Leben des schreibenden „ich“. Doch auch hier lassen sich wieder Parallelen zur realen Biographie des Autors festhalten: Peter-Paul Zahl ist „verwundet“ (Z. 39) worden bei seiner Festnahme am 14.12.1972 in Düsseldorf nach einem Schußwechsel mit zwei Polizeibeamten, Zahl hat sich darüber beklagt, direkt nach seiner Festnahme „keine ärztliche versorgung“ (Z. 41) erhalten zu haben, und auch die in den Zeilen 43, 48 angesprochenen Gefühle lassen sich mit denjenigen vergleichen, die Zahl für sich und seine Situation bei der Verhaftung und in der Haft in Anspruch nimmt.
Um was also geht es in diesem Gedicht? Darum, erlebtes Leben unverändert, nicht-verschlüsselt wiederzugeben, in einer Weise, die nicht auch auf sich selbst, die Art der Wiedergabe aufmerksam machte? Auch die letzte Strophe hat unmittelbaren Realitätsbezug, direkte ,Wirklichkeits‘berührung. Als Nachtrag gewissermaßen zitiert der Schreibende aus einer Kritik, die zu seinen (vorangegangenen) Gedichten geschrieben worden ist: Zahls Kritiker heißt Michael Buselmeier, die drei Zitate stammen aus einem Aufsatz, in dem sich der Heidelberger Literaturkritiker und Autor 1977 mit Zahls erstem Gedichtband Schutzimpfung (1975) auseinandersetzt. Sie sind wortgetreu aus der Vorlage übernommen bis auf eine Ausnahme: Vorbereitet durch die Steigerung des Trikolons, eingeleitet durch das retardierend eingeschobene, ironisch-sarkastisch wertende „sagt er“ (Z. 59), erfolgt in den beiden letzten Gedichtzeilen eine Umstellung: „innenwelt“ rückt im Gedicht an das Ende des Zitats, der Schluß des Gedichts wird gleichlautend mit der Überschrift. Das Gedicht selbst wird damit zur Antwort auf die Kritik, zur Kritik des Kritikers, das negative Urteil des anderen wird, ohne weiteren Zusatz, zum positiven Selbstkommentar, der Dichter nimmt – selbst enthaltsam – Stellung. Also noch einmal: um was geht es? Was hat es mit der „innenwelt“ auf sich? Unser erster Blick war zu kurz. Der Plan, das Gedicht in seinen einzelnen Strophen jeweils an der Realität zu verifizieren, ist nicht zureichend; das Gedicht, seinem Inhalt nach als bloße Beschreibung von Wirklichkeit verstanden, bleibt unvollständig erfaßt.
In welche Teile läßt sich das Gedicht gliedern? In den Strophen 1 und 5 ist vom „ich“ die Rede, erscheinen Formen des Personalpronomens der Ersten Person; die Strophen 2 bis 4 präsentieren Gegenstände der Welt ohne sprachliche Präsenz des Sprechenden. Das Gedicht lebt also, so ließe sich fürs erste vermuten, aus einer Spannung zwischen Ich und Umgebung, Innen und Außen, Subjekt und Objekten. Im Verhältnis zwischen diesen beiden einander entgegengesetzten Bereichen vollzieht sich eine Entwicklung, und diesen Prozeß zeichnet das Gedicht in der Abfolge seiner Teile nach.
Das „ich“ der ersten Strophe ist nicht Herr seiner selbst: im Dativ des Personal- (Z. 8) und Possessivpronomens (Z. 2) eingefangen, ist es zur Bewegungslosigkeit gezwungen: eine finite Verbform nur (Z. 5), zweimal das resultative Partizip Perfekt Passiv (ironisch: Z. 7; ernst: Z. 10) – erzwungene Ruhe, beziehungslose Distanz zur (fast handgreiflich nahen) Umgebung bildet sich ab in sprachlich Unverbundenem: im abweisenden Asyndeton („sehr hoch sehr weiß“, Z. 3), auch in der parataktischen Fügung, die einem Relativpronomen das Demonstrativpronomen („der wird nie richtig blau“, Z. 5), einem Nebensatz den Hauptsatz vorzieht und damit die Trennung vergrößert. Die „Worte sind so aufgemauert wie die Wände um den, der sie erfindet“. Die Szenerie ist karg, das „stück wüste“ (Z. 9) läßt die Vorstellung entstehen von „Einsamkeit, Angst und Hitze, von Schweißausbrüchen, Durst und Erschöpfung“. Nur horizontale und vertikale Linien werden gezogen, kahle, inhalts„leere“ (Z. 4) Flächen vorgestellt: Mauer und Zaun, die den Blick versperren, dem Auge keinen Anhaltspunkt zum Verweilen bieten – das „ich“ bezieht aus der äußersten Einschränkung der Möglichkeit differenzierter sinnlicher Wahrnehmung, aus der „sensorischen Depravarion“ seine Form der Sinnlichkeit.
Das isolierte „ich“ ist mit der Außenwelt verbunden durch die sinnliche Wahrnehmung des Gesichts und („aus allen fenstern / dröhnen“, Z. 11 f.) des Gehörs. Die eigene unmittelbare Anschauung (Strophe 1) wird ergänzt durch die Wahrnehmung fremder unmittelbarer Anschauung (Strophe 2), die bewegte Welt der Gegenstände und Aktionen ,draußen‘ stellt sich dem „ich“ entgegen (Strophe 2 bis 4). Doch diese Erfahrung der Welt ist nicht planeindeutig. Gerade so, wie der Ablauf des sportlichen Geschehens (14.7. bis 1.8.1976) zeitlich eingebettet ist in den Zeitraum der politisch-militärischen Ereignisse (22.6. bis 12.8.1976), wird eine Differenz zwischen zwei Ebenen der Realität deutlich (Strophe 2 – Strophe 3, 4): Schein, der sich zu Unrecht als Wirklichkeit, ,Erscheinung‘, die sich fälschlich als ,Wesen‘ ausgeben will, vermeintlich Heiles, Positives, das sich als Zerstört-Negatives enthüllt.
Dem zur Bewegungslosigkeit verurteilten „ich“ wird Bewegung par excellence, Leben, vor Tätigkeit strotzend, vorgehalten, doch die aufgereihten Partizipien Präsens („rennende stemmende schwimmende / springende“, Z. 15 f.) verweisen auf die Krampfhaftigkeit des Zwanges zur Höchstleistung, verraten, daß es sich um falsche, in sich leerlaufende Bewegung, um ,totes Leben‘ handelt. Die Tätigkeit ist Ersatz, in ihrer synthetisierten Dynamik nur Surrogat, ebenso wie ihre Träger: „androiden“ (Z. 16) meint etwas Abgeleitetes, ein Zerrbild: „mit Chemikalien hochgezüchtete Wettkampfmaschinen, die von fanatischen Reportern hochgejubelt werden“, sind mißgebildete Zukunftsfiguren, gemessen an jenem Ideal des Menschen, an das in Reminiszenz antiker Heldenepen das „besingen“ (Z. 16) erinnert.
Weiter vermittelte Realität kommt zur Sprache in Strophe 3: in elf „nachrichten“ (Z. 17) sozusagen (Z. 18–20, 21 f., 23 f., 24 f., 26 f., 28 f., 30 f., 32, 33 f., 35, 36 f.) ersteht ein anderes Bild von ,Wirklichkeit‘, ausschließlich finite Verbformen des Präsens teilen eine andere Art von Bewegung mit, in einer vom hörenden-sprechenden „ich“ bestimmten Sicht: Schein-Aktivität ist durch Handlung abgelöst, aus Spiel ist Ernst geworden, die Sportberichterstattung vom Kampf um Sekunden und Zentimeter weicht der Beschreibung von Gewalt und Gegengewalt im Kampf um die Befreiung.
Schon in der Authentizität der Namensnennung („fedajin“, Z. 21; „tel zataar“; Z. 22) liegt Parteinahme. Die Wahl der Verben unterläuft das Nachrichten-Deutsch freilich viel deutlicher („schlachten […] ab“, Z. 19 f.). Im bewußten Arrangieren der Bestandteile einer Meldung werden gezielt Assoziationen hervorgerufen: das Enjambement „unter den salven / von blitzlichtern“ (Z. 26 f.) vermag es, den aggressiven Hintergrund („waffen“ Z. 23) einer vorgeblich unparteilich-karitativen Aktion ironisch-beißend bloßzulegen. So wird sogar an einer syntaktisch nicht sogleich überschaubaren Stelle im Gedicht (Z. 26: „pflaster klebt“) für einen Augenblick des Lesens die Konnotation „Blut“ möglich: intransitives Verb und das Substantiv als Subjekt statt des von Zeile 24 („israel das“… ) geforderten transitiven Verbs mit vorangestelltem Akkusativobjekt. Aus der Wahrnehmung der ersten Strophe ist Interpretation geworden, die angekündigten „nachrichten“ sind mit umdeutendem Kommentar durchsetzt. In der Wiedergabe des objektiven Mediums übermittelt sich die wertende Stellungnahme des Subjekts.
Erreicht wird dies durch sorgfältige Auswahl und bewußte Anordnung der verwendeten sprachlichen Mittel. Sie ermöglichen genau in der Mitte des Gedichts, im Wechsel zwischen Strophe 3 und 4, eine Verschärfung. Karge Zusammenfassung des Nachrichten- und Datenmaterials, von der Schlagzeilentechnik übernommen, verfehlt ihre Wirkung nicht: Mit lakonischer Kürze erreicht der Autor, „Meister der Aussparung“, eine Intensivierung des Eindrucks. Parallelismus asyndetischer Reihung (Z. 32–34) und Klimax der Zahlen (Z. 35–37) wollen eindringliche Mahnung und Beschwörung. Das „ich“, das sich erzwungenermaßen in sprachlichen Versatzstücken, den Medien abgeborgt, befindet, kann nur versuchen, in der steigernden Montage dieser Versatzstücke sich eben von ihnen und ihrer plakativen Weltsicht, vom unverbindlich-reißerischen Zeitungsstil zu distanzieren. Die Umgebung hat „in den Wörten dessen, der gegen sie revoltiert, einen spiegelschriftlichen Abdruck hinterlassen“. Der Versuch, die vorgegebenen Sprach- und Denkmuster zu überschreiten, gelingt in einzelnen Formulierungen, in denen das Grauen des Geschehens nur angerührt wird („krepieren menschen wie fliegen“, Z. 31), weit schlechter als in der Komposition der gesamten Strophe: Die Steigerung, die in der Aufzählung (Z. 32–34) vom Leben zum Tod führt („wasser“ – „desinfektionsmittel“), wird aufgefangen (Z. 35–37) und in den einander übertreffenden Zahlen zum Höhepunkt und Abschluß gebracht. Das (sprachlich ausgesparte) „ich“ ist zum pseudounmittelbaren Beobachter des Geschehens geworden, die Teilnahme, das Mit-Leiden bereitet sich vor.
Bisher fand sich im Gedicht das grammatische Subjekt nie an der ersten Stelle des Satzes (Ausnahme: Z. 5, 23), waren die Umstände (Angaben des Ortes: Z. 2, 4, 6, 8, 11, 18, 30; und der Zeit: Z. 17) wichtiger als die Personen, traten die Personen nicht als ,Subjekte‘ auf. In Strophe 5, der umfangreichsten des Gedichts, wird dies entscheidend anders. Das „ich“ stemmt sich gegen die Objekte der Außenwelt, viermal beginnt es gleichlautend einen Satz, füllt eine Verszeile aus (Z. 38, 40, 42, 47), bis das Ergebnis offensichtlich ist: In der Aktionsform des Unterliegens gewinnt das „ich“ seine Souveränität zurück:, in der Ohnmacht der Solidaritätserklärung „ich krepiere mit“ (Z. 50) erfährt es seinen Wert. Das Mit-Erleben, die Imagination des „ich“ befähigen es dazu, die Isolierung für sich aufzuheben, die Trennung von den Gegenständen der Welt zu überwinden, im Innen (Z. 51) eine Verbindung nach Außen (Z. 30) herzustellen. Im Pathos der wiederholenden Beteuerung – so die Problemlösung des Gedichts – versichert sich das „ich“ der eigenen Würde. Es gelangt zu einem Selbst-Bewußtsein, das aus der eigenen Isolierung vom Leben draußen (Strophe 2) die herausragende Bestimmung ableitet, einsam in der Zelle das Gewissen der Welt wachzuhalten (Strophe 3, 4).
Von dem so gewonnenen, moralisch bestimmten Standpunkt aus wird die Auseinandersetzung mit dem Kritiker geführt (Strophe 6). Die Gegenüberstellung der Ortsangaben („in tel zataar / in heidelberg“, Z. 51 f.) bereits weist auf die Unverhältnismäßigkeit der Maßstäbe der Kritik hin, kündigt die Beschränktheit der zitierten Einwände an. Die Position des Kritikers – so die Überführung des moralischen Arguments in Sprachkritik – wird herbeizitiert als angestrengte Attitüde, als eitle Ausstellung von Fachbegriffen einer selbstvergessenen Disziplin, als ebenso nicht-sachgerechte wie ,unehrliche‘ Haltung, von der der einfache, sachlich-nüchterne, um Anschaulichkeit bemühte ,ehrliche‘ Ton des Gedichtes effektvoll sich abhebt. Der Kritiker, gegen den das „ich“ sich wendet, ist zugleich selbst Schriftsteller, Verfasser von Lyrik. So wird die „sarkastische Benutzung des Ausdrucks ,Innenwelt‘“ im Gedicht, wie Zahl selbst erläutert, zum Vorwurf auch gegenüber jenen „Autoren, deren ,pragmatischer Gestus der neuen Alltagslyrik‘ nur Nabel und Alltag von hiesigen Autoren des Neuen Mittelstands abschildert und ,Außenwelt‘, Massaker, Leiden anderer, täglichen Faschismus unerwähnt läßt.“
,Innenwelt‘ des in der Haft eingeschränkten Lebens ist kurzerhand als Chiffre für den gesellschaftlichen Zustand insgesamt aufgefaßt und interpretiert worden, so von Hermann Peter Piwitt in seiner wohlmeinenden Laudatio auf Zahl anläßlich der Verleihung des Förderpreises für Literatur der Stadt Bremen am 26.1.1980:

,Innenwelt‘, das heißt hier Eingeschlossensein hinter Gittern und Mauern, im Vollzug zu sein so wie Millionen in diesem Land vollzogen werden an Fließbändern, in Wohnsilos, stillgelegt beim Bier im ,Pestlicht des Fernsehens‘, wie Rolf Dieter Brinkmann einmal schreibt, nur aufgeschreckt manchmal, wenn sich Burt Lancaster oder Erroll Flynn als Freibeuter gegen die Obrigkeit erheben.

Die „innenwelt“ in einem weiteren, positiven Gegen-Sinne aber, so führt uns das Gedicht vor, ist nichts von vornherein, fraglos Gegebenes, kein unproblematischer Besitz, sondern aufgegeben, etwas zu Erarbeitendes; sie ist Ergebnis einer Anstrengung des „ich“. Das Gedicht bildet in der Abfolge seiner Teile diesen Prozeß nach. Ausgangspunkt, Aufgegebenes (Strophe 1) ist die Distanz zwischen Subjekt und Objekt, die Trennung von Innen und Außen, als Ferne der Nähe passiv erlitten. Ziel, Lösung (Strophe 5) ist die Verbindung von „ich“ und Gegenständen der Umwelt, ihr übereinstimmen im Erkenntnisvorgang: Nähe der Ferne, aktiv geleistet. Das Gedicht wird damit zum Versuch einer Grenzüberschreitung. Nicht allein der individuell-biographische Hintergrund des Dichters in der Haft ist damit gemeint, „Schreibweise […] der Selbstbefreiung“ aus der „Isolation“; dieses Gedicht aus dem Gedichtband mit dem Titel Alle Türen offen signalisiert mehr. Der Vorsatz, aus eingeschränkter Erfahrung ein Bild der Umgebung entstehen zu lassen, die Welt im Kopf zu (re)konstruieren, ist der Versuch eines Überschreitens, Überschreibens der Grenzen auch schlechter (,Buselmeierscher‘) Innerlichkeit. Die Erfahrung des Fremden ist nur möglich, bestimmt sich allein nach Maßgabe der eigenen, vorgängigen Erfahrungen. ,Realität‘ erweist sich als Leistung des Subjekts, als übersteigen des Aktuellen: Wirklichkeit als Anstrengung der Phantasie. „Wirklichkeit“ in diesem Sinne „hat mit der Zelle“, in welcher der Autor Zahl lebt, „nichts mehr zu tun. Sie muß neu geschaffen werden, und dieser Anstrengung verdanken viele [seiner] Gedichte ihre Schlüssigkeit und Schönheit“. Das Gedicht „innenwelt“, auf den ersten Blick Beschreibung von Wirklichkeit, erweist sich bei näherem Hinsehen als reicher: Der Prozeß der Beschreibung von Wirklichkeit wird mit vorgestellt – politische Lyrik, die auf anderes zeigt und sich selbst dabei nicht vergißt.

Peter Bekes, Wilhelm Große, Georg Guntermann, Hans-Otto Hügel, Hajo Kurzenberger (Hrsg.): Deutsche Gegenwartslyrik, Wilhelm Fink Verlag, 1982

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