Georg Trakl: Gedichte

Trakl-Gedichte

DER HERBST DES EINSAMEN

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Furcht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Geberde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

 

 

 

Nachwort

I

Blickt man von Süden her über den von Touristen und ihren Autos unpassierbar gemachten Mozartplatz in Salzburg, so hat man ein vierstöckiges, frei stehendes Haus vor sich, in dem sich das jedem Besucher der Stadt bekannte Café Glockenspiel befindet. Rechts neben dem Haus liegt der kleine Waagplatz, nur ein paar Meter lang und breit, begrenzt von der gleichen Häuserfront, die auch den Mozartplatz nach Osten abschließt. Im Hause Waagplatz Nr. 2 wurde Georg Trakl 1887 geboren, im gegenüberliegenden Hause Nr. 3, eben jenem mit dem Café, hat er seine Kindheit und Jugend verbracht. In den Räumen des heutigen Cafés befand sich bis zum Jahre 1913 die Eisenhandlung des Tobias Trakl. Die zahlreiche Familie bewohnte die oberen Stockwerke.
Der Eisenhändler, ein gutmütiger, stiller, kaisertreuer Kleinbürger, war beliebt und erfolgreich. Er wurde nicht nur Hausbesitzer, er ließ seine sechs Kinder Gymnasien beziehen und von Gouvernanten und Musiklehrern unterrichten. Materielle Sorgen hat die Familie zunächst nicht gekannt – sie setzten erst nach dem Tode des Vaters kurz vor dem Weltkrieg ein. Georgs Kindheit in der herrlichen, von Glorie und Verfall gezeichneten Stadt hätte unbeschwert sein können, wären da nicht ein paar beunruhigende Umstände gewesen. An der Seite eines freundlichen Mannes, dem nichts über eine Partie Karten und ein Glas Bier ging, zeigte Frau Maria Trakl Sinn für Höheres, sammelte Möbel und Kunstgewerbe, bekundete aber auch einen Hang zur Selbstisolierung – nie ertrug sie lange Mann und Kinder, sie verfiel in Schweigen, zog sich in ihre Zimmer zurück, die sie mit den erworbenen Schätzen füllte, zeigte sich ganze Tage nicht und erschien erst wieder, und nur für kurze Zeit, wenn sie ihre Sammlungen vor jedem fremden Blick verschlossen hatte. Schaut man heute auf die Fotografien der Kinder, hat man einen weiteren Grund zum Nachdenken. Von den Gesichtern der Geschwister, ernsten, ganz durchschnittlich lieben Kindergesichtern heben sich zwei ab: das Gesicht Georgs und das der jüngeren Schwester Grete. Wie, fragt man sich, sind diese beiden wilden, einander so ähnlichen Masken in diesen friedlichen Clan geraten…

II
Der unerfreulichste Aspekt, den unter Umständen ein Dichter bieten kann, ist nicht von ihm verschuldet, sondern von seinen Exegeten. Otto Basil macht sich mit Recht lustig über eine Trakl-Kirche, die von den Dunkelheiten eines Genies lebt und die Schreckenslaute des Bedrängten für einen Quell der Erkenntnis ausgibt. Die manischen Offenbarungen, die aus dem Mund dieser Verse fallen, weisen keine Wege; sie verkünden nicht, sie künden an; sie sind der unerwartete Windstoß, der dem Hagelschlag vorausgeht. Trakl hat sein Geheimnis, wie jeder Mensch. Seine Geschwister, seine wenigen Freunde haben von ihm gesagt, er sei ein ganz normaler Junge gewesen, der gern spielte, im Garten tobte, Karl May las. Später habe er sich in sich selber zurückgezogen, seine Leistungen in der Schule hätten sich verschlechtert. Mit siebzehn Jahren flüchtet Trakl zum erstenmal in den Ätherrausch. Als er wegen schlechter Leistungen von der Schule abgeht, wird er Lehrling in einer Apotheke. Von diesem Moment an hat er leichten Zugang zu jenen Drogen, denen er verfällt. Es bleibt nicht dabei. Daß er oft schon vormittags mehr als einen Liter Wein trinkt, weiß man aus seinen Briefen.
Und man kennt die einzige, die verbotene Liebe zu seiner Schwester Grete, weil sie in den Gedichten steht. Die Briefe an Grete hat die Familie vernichtet. Trakl war nicht der Mann mündlicher oder schriftlicher Geständnisse. Selbst den vertrauten Freunden oder Förderern gegenüber geht er nicht über Andeutungen hinaus. Ludwig von Ficker, dem Herausgeber des Brenner, schreibt er im Herbst 1913 einen Brief, dessen eigentliche Bedeutung dem Empfänger selbst unbekannt blieb und für den es bis heute keinen Schlüssel gibt:

Es haben sich sonst in den letzten Tagen für mich so furchtbare Dinge ereignet, daß ich deren Schatten mein Lebtag nicht mehr loswerden kann… Mein Leben ist in wenigen Tagen unsäglich zerbrochen worden, und es bleibt nur ein sprachloser Schmerz, dem selbst die Bitternis versagt ist.

Inzest und Rausch einerseits, die Unfähigkeit andererseits, sich über eine heuchlerische Gesellschaft hinwegsetzen zu können – beides macht das Verhängnis eines Lebens aus. Trakl blieb den Vorurteilen seines Milieus verhaftet, es war ihm nicht möglich, sich aus ihnen zu befreien. Aus den Kavernen dieser Dichtung hallt es von Schuld. Trakls einziger Widerstand gegen das, was er durchlebte, was ihn umgab, war Klage und das Aufrufen einer archaischen Zeit ohne Entfremdung, „da in seiner Kammer der Mensch Gerechtes sann“. Trakls Haß auf seine Zeit, auf die Städte Wien und Innsbruck, auf die Leiden der Armen, auf die Schmach einer Operettenkultur und die Jagd nach Geld formuliert sich nicht im Gedicht, er wird von den Freunden bezeugt. Einer erzählt, wie Trakl mit starrem Gesicht eines Tages gesagt habe: „Ich wünsche jedem Deutschen das Beil des Henkers.“ Was Trakl meinte, sagt eine andere Episode mit anderen Worten. Da trug man bei einer Dorfkirmes hinter der Blasmusik einen geschmückten Kalbskopf an ihm vorbei, der als Preis beim Wettschießen ausgesetzt war. Trakl, sagt der Zeuge, habe an allen Gliedern zu zittern begonnen und gesagt: „Das ist unser Herr Jesus Christus.“

III
Trakls Leben verlief ereignislos, freudlos, erfolglos zwischen Salzburg, Wien und Innsbruck. Es war nicht lebbar. Ein junger Mensch schlug die Apothekerlaufbahn ein, weil sie, nach seinem Scheitern an der Schule, als einzige ihm ein Universitätsstudium ermöglichte und weil er Drogen brauchte. Er bestand die notwendigen Prüfungen, wurde Magister der Pharmazie, leistete als Einjährig-Freiwilliger seine Militärzeit ab, auch diese im pharmazeutischen Bereich.
Die Versuche, eine bürgerliche Existenz zu führen, schlugen fehl. Er litt bereits an Angstzuständen, floh von den Straßen, konnte kein Verkehrsmittel benutzen. Ein paarmal war er Beamter. Dies ist der Verlauf eines solchen Versuchs: Ende 1912 soll er einen Posten im Arbeitsministerium erhalten. Er bittet um einen Aufschub von vier Wochen, erhält ihn und schreibt einen Monat später, nachdem er zwei Stunden Dienst getan hat, sein Abschiedsgesuch.
Der Gymnasiast hatte begonnen, Gedichte zu schreiben oder, mit dem Wort seiner Umwelt, zu „spinnen“. Zwei Einakter des Neunzehnjährigen hatte das Salzburger Stadttheater aufgeführt. Die frühen Gedichte, jene also, die vor 1910 geschrieben wurden, hatte Trakls Jugendfreund Buschbeck vergeblich Verlagen angeboten. Buschbeck hat sie übrigens Jahrzehnte später, nämlich 1939, herausgegeben, ohne dem toten Trakl damit einen besonderen Dienst zu erweisen. Das eigentliche Werk Trakls, das an die zweihundert Seiten füllt, entsteht in den letzten vier Lebensjahren. Zu Trakls Lebzeiten erscheint, von wenigen Beiträgen in Zeitungen und Zeitschriften abgesehen, nur ein schmaler Band Gedichte bei Kurt Wolff. Die Größe dieser Dichtung, die vom späten Hölderlin herkommt in jenem Sinn, daß wirkliche Dichter einander das Wort erteilen, wird von wenigen erkannt, von Ludwig von Ficker vor allem und seinen Mitarbeitern. Karl Kraus schreibt über Trakl:

… Es sind die Vollkommenen, die fertig wurden, als es zu spät war. Sie sind mit dem Schrei der Scham auf eine Welt gekommen, die ihnen nur das eine, erste, letzte Gefühl beläßt: zurück in deinen Leib, o Mutter, wo es gut war!

Es existiert noch Trakls telegrafische Antwort an Kraus:

Ich danke Ihnen einen Augenblick schmerzlichster Helle.

IV
In den letzten Monaten vor dem Krieg verläßt Trakl ein paarmal die gewohnte Umgebung. Einmal ist er in Venedig, einmal in Berlin. Für einen Moment scheint seine materielle Not ihr Ende zu finden: Ludwig Wittgenstein, der später so berühmt gewordene Philosoph, will, nachdem er Erbe eines großen Vermögens geworden ist, einigen bedeutenden Dichtern eine beträchtliche Summe zukommen lassen, einen Teil soll Rilke erhalten, einen anderen Trakl. Als Ludwig von Ficker zusammen mit ihm die Bank betreten will, in der das Geld bereitliegt, weigert sich Trakl die Schwelle zu überschreiten und flüchtet.
Am 24. August 1914 bricht der Medikamentenakzessist Trakl mit seiner Sanitätsabteilung nach Galizien auf. Während der Schlacht bei Grodek hat er einen Verbandplatz zu leiten, der ohne ärztliche Hilfe ist. Vor seinen Augen erschießen sich Schwerverwundete, die ihre Qualen nicht mehr ertragen. Um den Verbandplatz schaukeln tote Bauern in den Bäumen, die man als angebliche Spione erhängt hat. Während des Rückzugs schreit Trakl plötzlich, er könne so nicht weiterleben. Er versucht, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Man reißt ihm die Pistole weg und bringt ihn in die Psychiatrie nach Krakau. Dort sieht ihn Ficker noch einmal. Trakl spricht nur davon, daß man ihn vor ein Kriegsgericht stellen werde.
Er stirbt ein paar Tage später, siebenundzwanzig Jahre alt, durch Kokain, das er heimlich bei sich getragen hatte. Seine Schwester Grete tötet sich drei Jahre darauf.

Stephan Hermlin, Nachwort

 

Der Herbst des Einsamen

– Vor hundert Jahren, am 3. November 2014, starb der Dichter Georg Trakl: Eine Erinnerung an die Zeit, als die erste Begegnung mit seinen Versen zu einer Zäsur in meinem Leben wurde. –

Das erste Gedicht, das ich von Georg Trakl las, war „Der Herbst des Einsamen“, das zweite „Grodek“. Die Texte, mit Schreibmaschine abgeschrieben, besitze ich noch immer, lose Blätter in einem Schnellhefter zu „Lyrik der Neoromantik und des Expressionismus“. Den Hefter hatte ich zu Beginn meines Studiums angelegt, Mitte der Achtzigerjahre. Vorn die Mitschriften und Exzerpte zur Vorbereitung des Seminars, hinten, auf dem Hefterdeckel, ein paar eigene Schreibversuche, spontane Kritzeleien, nur einzelne Wendungen und Worte.
Die Begegnung mit Georg Trakls Gedichten war als Ereignis so groß und umfassend, dass ich es zunächst kaum verstehen konnte. Zwei Nächte lang schlief ich kaum, um alles über den Heeresapotheker, Morphinisten und Opiumesser aus Salzburg zu lesen, was in unserer Institutsbibliothek vorrätig war. Dabei hätte ich nicht sagen können, woher die unmittelbare Wirkung dieser Gedichte auf mich eigentlich rührte:

Unter Dornenbogen
O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.

– Ja. – Ja? Ich hatte kaum Lektüre-Erfahrung, ich war nicht gebildet oder „vorgebildet“, ich kam vom Bau (Baufacharbeiter mit Abitur hieß meine Lehre, mit Fächern wie Baukonstruktionslehre, Werkstoffkunde, Statik) und hatte erst ein gutes Jahr zuvor, während meiner Armeezeit, begonnen zu lesen. Trakl schlug mich vollständig in Bann.
Tatsächlich zählten die Seminare zur Lyrik des Barock, der Romantik und des Expressionismus zu meinen ersten Exkursionen ins Gebiet der Literatur. Und genauso lesen sich meine Exzerpte zu Trakl im Expressionismus-Hefter – beflissen und bemüht um jedes Detail einer unbekannten Welt, die ich erobern wollte, weil ich gespürt hatte, dass sie mein Eigenes enthielt oder damit in Verbindung stand. Am Ende umfasste mein Exzerpt gut zwanzig Blätter, mit blauer Tinte eng beschrieben, auf dem breiten Blattrand für Ergänzungen sind die Signaturen der gelesenen Bücher vermerkt, fast ausschließlich Titel aus Vorkriegszeiten, eine Dissertation von 1926, ein Artikel der Zeitschrift Klingsor oder Das Sinnesleben des Dichters von Dr. med. Walther Riese, Stuttgart 1928. Aus heutiger Sicht eine krude Anhäufung hochtrabender literarischer Vergleiche (meist Hölderlin, auch Goethe) und hermeneutischer Exzesse von „Schauungen der Seele“ über „intuitive Gesichte“ bis hin zur „geistig-intuitiven Wesensschau“ – und auch das Wort vom „neuromantischen Chaotiker“ habe ich notiert.
Ich verstand wohl nicht viel, aber ich spürte, dass all diese Inaugural-Dissertationen und Analysen etwas umkreisten, das mir in Gedichten wie „Herbst des Einsamen“, „Sonja“ oder „Elis“ vom ersten Lesen an begegnet war: die „blaue Stille“, die „braune Stille“, das „Wandeln in Verlassenheit“ oder ein Vers wie „Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster“ im Gedicht vom „Traum des Bösen“.
Schließlich war ich von meinen Nachtschichten mit Lektüre und Exzerpieren derart übermüdet, dass ich im Seminar, auf das ich mich doch so sorgfältig vorbereitet hatte wie auf kein anderes bisher, keinen einzigen Satz herausbrachte. In einer Art Dämmerzustand oder Halbschlaf lernte ich, wie ein Versmaß namens Endecasillabo funktioniert – ein fünfhebiger Jambus zieht sich durch mit Auftakt und klingender Kadenz, bis ein gedachtes Metrum und der Rhythmus des Ganzen harmonieren. Elf Silben, die Hauptbetonung immer auf der zehnten. Ergebnis ist der Eindruck von Feierlichkeit: „Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle“, so hebt der „Herbst des Einsamen“ an. Ich lernte etwas über Vokalistik (das A bei Trakl als ein Laut bittender Erhabenheit), über Assonanzen und den Klang des Ganzen – wie das Musikalische die Sinneinheit des Gedichts übernimmt und es dabei zu Korrespondenzen vordringt, die weiterschwingen in der Tiefe unseres Selbst.
Vielleicht hatte mein Schweigen im Seminar auch damit zu tun, dass ich irritiert war vom Schwung der Deutungen, dem Pathos der Hermeneutik alter Schule und erst später begriff ich, was diese allererste Zeit mit Trakls Versen für mich eigentlich bedeutete: den Beginn eines neuen, eigenen Lebens. Eine Verwandlung, eine Zäsur. Erst jetzt, mit Trakls „Herbst des Einsamen“ im Ohr, konnte ich mein bisheriges Dasein auf Baustellen und in Maurer- und Zimmermannsbrigaden endgültig hinter mir lassen – so dachte ich damals.
Was genau genommen ja niemals geschieht, denn alles, was war, bleibt für immer ein Teil des eigenen Lebens, und auch das Bauwesen geht ins Schreibwesen ein, wenn nicht als Thema oder Stoff, so doch als eine Einstellung im Umgang mit der Sprache, und auch sonst war es damals noch lange nicht vorbei. Als die Mauer fiel, kam der Maurer wieder ins Spiel: „Du hast ja noch dein ganzes Werkzeug, Junge“, sagte meine Mutter, als wir am 10. November, einen Tag nach der Grenzöffnung, miteinander telefonierten – ein Dasein als Maurer schien ihr unter allen Umständen geeignet, eine Existenz zu sichern, geeigneter jedenfalls als die Literatur.
Was also war dieses Neue, das von Trakls „Herbst des Einsamen“ ausging? Kurz gesagt: Es war das Erlebnis des Gedichts, eine Art Epiphanie – etwas wird in Worten hörbar, das sich nicht in Worte fassen lässt. Und nicht nur etwas, sondern vielmehr, das Eigentliche, Wesentliche, so jedenfalls empfand ich es damals. Dazu das Gefühl, den Eingang in eine neue Freiheit gefunden zu haben, die Verheißung einer eigenen, phantastischen Welt jenseits der öden, reglementierten, die uns umgab.
Wie seltsam dabei, dass es gerade die Gedichte Georg Trakls waren, die dieses Gefühl einer Öffnung bewirkten, Gedichte, in denen doch eher die Bilder von Abschließung und Abwendung überwiegen, eine Abkapslung vom äußeren Leben, die mir wie eine Unabhängigkeitserklärung vorkam:

In blauem Kristall
Wohnt der bleiche Mensch, die Wang an seine Sterne gelehnt…

Ja, sicher, er ist allein und bleich, aber ganz für sich, und er hat seine eigenen Sterne, für euch unerreichbar, dachte ich, aber für ihn so nah und vertraut, dass er jederzeit seine Wange daran legen kann. So ungefähr. Die Wohnorte der Seele sind ein großes Thema in Trakls Werk – Franz Fühmann hat in seinem großen, unübertroffenem Essay Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht darauf hingewiesen. Die Sehnsucht nach einer Behausung des Eigenen, Geistigen war etwas, das auch uns umtrieb, damals im Seminar. Die Literatur konnte das sein, daran hatte ich fortan keinen Zweifel mehr, und genau das war der Beginn jenes neuen Lebensgefühls.
Voraussetzung dafür waren zweifellos die Umstände der Zeit Mitte der Achtzigerjahre. Die Verweigerung von Gefolgschaft wird eine Rolle gespielt haben – die Dichter der sogenannten mittleren Generation (unserer Väter, wenn man so will) dominierten die Literatur der Gegenwart mit ihren an Brecht und der Aufklärung geschulten Poetologien. Und mindestens ebenso wichtig scheint mir heute die überbordende Emotionalität der jungen Jahre, als ein Gedicht als die kostbarste Sache der Welt angesehen werden konnte und ebenso behandelt wurde. Heute kann man das belächeln, diese manchmal unerträgliche Ernsthaftigkeit, jenen Überschuss an Glauben und Gefühl, ohne den jedoch kein tragfähiger Anfang zustande kommt und der auch in späteren Zeiten fortwirkt als eine Art Glutkern im Umgang mit Literatur, trotz gewachsener Skepsis und nachlassender Neugier.

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt…

Das zweite Trakl-Gedicht, das wir im Seminar besprachen, war „Grodek“. Es hatte mich damals nicht im gleichen Maße berührt wie „Der Herbst des Einsamen“, ich wusste auch kaum etwas darüber, meine Exzerpte gaben dazu nichts her. Ich wusste auch nicht, dass Grodek in Galizien liegt, bei Lemberg, hatte keine Ahnung von den Hintergründen des Gedichts, das mir heute als eines der stärksten erscheint. Nach der Schlacht bei Grodek war Trakl zwei Tage mit neunzig Schwerverwundeten in einer Scheune eingeschlossen, ohne Arzt und ohne Medikamente. Mit Soldaten, die darum bettelten, erschossen zu werden und solchen, denen das noch selbst gelang. „Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder“ – Trakl war ihr Sanitäter, er war verantwortlich. Die Wände der Scheune seien voller Blut und Gehirn gewesen, so heißt es in einem Augenzeugenbericht, auf den sich Ludwig von Ficker bezieht, Trakls Freund und Förderer.
Als Trakl nach zwei Tagen das Notlazarett verlassen konnte, hingen die Bäume voller Leichen, eine Vergeltungsaktion der k.u.k. Armee, der Trakl angehörte. „Was kann ich tun, wie soll ich helfen?“, soll er den Toten zugerufen haben. Im Oktober 1914 wurde Trakl zu „Beobachtung und Diät“ nach Krakau gebracht. Er hatte versucht, sich umzubringen, und er hatte sich als Dichter bezeichnet, was den Ärzten des Garnisonshospitals ihre Diagnose („Geistesstörung“) zu bestätigen schien. Wenige Tage vor seinem Tod bittet Trakl den Kurt Wolff Verlag telegrafisch um die Zusendung eines Exemplars von Sebastian im Traum, jener Sammlung, die auch das Gedicht „Der Herbst des Einsamen“ enthält. Am 3. November stirbt der Dichter an einer Überdosis Kokain, das er heimlich immer bei sich trug. Sein neues Buch hat er nicht mehr gesehen.
Am 6. Februar 2008 hatte ich eine Lesung von Gedichten in Innsbruck, im Literaturhaus am Inn, in dem auch das Archiv des Brenner untergebracht ist, jener Zeitschrift, in der Trakl die meisten seiner Texte publiziert hat. „Hier liegt Trakl“, plötzlich hatte ich diesen Gedanke, mitten in meiner Lesung – warum nicht schon eher, fragte ich mich später, auf dem Heimweg, als ich den Augenblick ins Notizbuch schrieb, es war, als hätte erst das Lesen der Gedichte ein Licht eingeschaltet in meinem Kopf. Und tatsächlich: Genau in meinem Rücken, hinter der Bühne, backstage sozusagen, lag der Eingang ins Brenner-Archiv. Nach der Lesung fragte ich danach, und es stellte sich heraus, dass der Leiter des Archivs im Publikum gewesen war. Zwei Minuten später hielt ich das Kästchen mit Trakls letztem Brief (dem sogenannten Testamentsbrief) in den Händen.
Oben lag der Brief mit dem Vermächtnis („dass meine liebe Schwester Grete, alles was ich an Geld und sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll“), darunter die letzten beiden Gedichte, „Klage“ und „Grodek“. Vor seinem Tod hatte Trakl den Brief mit den Gedichten nach Innsbruck geschickt – zur Veröffentlichung im Brenner. „Grodek“: das leicht fleckige graue Papier und die Bleistiftschrift – ein paar Sekunden hielt ich das Blatt in den Händen. Keine andere Dichtung hat mich schlaflos gemacht. Gut zwanzig Jahre nach unserem Seminar mit Lektürenächten und Exzerpten stand ich in Innsbruck, in der obersten Etage eines Hochhauses mit Blick auf den Inn, gelehnt an einem Archivschrank aus, Stahl und starrte auf das Blatt mit dem Gedicht. Es war, als hätte ich eine ziemlich lange Reise gemacht und wäre plötzlich angekommen.
Das erste Gedicht mit dem Titel „Klage“ war klar und akkurat in der Handschrift – um Fehlern im Druck vorzubeugen, erklärte der Archivar. „Grodek“ jedoch, das zweite Gedicht, war nur bis zur fünften Zeile gut lesbar. Mit dem Vers von den sterbenden Kriegern und „der Klage ihrer zerbrochenen Münder“ endete das Bemühen des Dichters um eine gute Druckvorlage – als wäre es ihm plötzlich nicht mehr darauf angekommen. Trakl hatte aufgegeben, mitten im Gedicht.
„Wahrscheinlich hat er es schon geahnt, ein paar Tage später war er tot.“ Der Archivar nahm mir das Blatt aus den Händen und verwahrte es im Kästchen. „Oben etwas Staub auf dem Stahlschrank, klimatisierter Raum, zehnte Etage“, steht in meinem Notizbuch über diesen Tag in Innsbruck. Nicht nur der Glutkern der frühen Jahre (die Bereitschaft abzuknien vor einem guten Gedicht) ist entscheidend für das Schreiben, auch die manische Sucht nach dem Detail, wie belanglos es auch immer erscheint – nur etwas Staub auf einem Stahlschrank, in dem „Grodek“ liegt.

Lutz Seiler, Süddeutsche Zeitung, 31.10./1./2.11.2014

 

ODER TRAKL
der die menschheit sah
aufgestellt vor feuerschlünden
nacht in traurigen hirnen
neunzehnhundertvierzehn
bei grodek dann
seufzten die geister der erschlagenen
zehn lagen übereinander geschichtet
stöhnten die gepeinigten
schwer verwundet in der scheune
seine augen weit aufgerissen
blank das entsetzen
was kann ich tun?
wie soll ich helfen?
es ist unerträglich
der menschheit ganzer jammer
hier hat er ihn angefasst
machtvoll unversieglich
o weißer engel
schwester du

Jürgen Schneider

 

 

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Adrien Finck: Trakl hier und heute
Hans Weichselbaum (Hrsg.): Trakl-Forum 1987, Otto Müller Verlag, 1988

Zum 100. Todestag des Autors:

Norbert Hummelt: Strassen der Verwesung
Neue Zürcher Zeitung, 21.7.2014

Gunnar Decker: Wahrheit ist Schmerz
Neues Deutschland, 3.11.2014

Arno Widmann: „So einsam war es in der Welt“
Frankfurter Rundschau, 2.11.2014

Beatrice von Matt: Blaue Stille, dunkle Gifte
Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2014

Gerald Heidegger: „Wie weh ist die Welt …“
orf.at, 3.11.2014

Dieter Kaltwasser: Lasst ihn in seiner Einsamkeit
literaturkritik.de, 3.11.2014

Peter Paul Wiplinger: Trakl – eine Betrachtung
editionslabor.de, 3.11.2014

Jan Kuhlbrodt: Der erste Kontakt
signaturen-magazin.de

Fakten und Vermutungen zum Autor + Touri-Website + Archiv 1 + 2
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
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Gedenkartikel: Uwe WittstockUwe Kolbe
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