Gerd Adloff: Versensporn 4

Adloff-Versensporn 4

ÄLTER WERDEN

Gestern das Mofa frisiert
und heute den Rollator.
Aber zwischen Kinderportion
und Seniorenteller lebte es sich nicht schlecht
zumeist.
Gut, oft hast du den Hals nicht voll genug gekriegt
den Mund zu voll genommen
ihn dir verbrannt
und mitunter war es regelrecht zum Kotzen.
Aber meistens war es gut
Nachschlag, All you can eat, Omelett surprise
bei dir fast immer ohne faule Eier.
Aber noch schmeckt dir das Leben
und das Essen auf Rädern kennst du
nur aus dem ICE.
Also, was solls.
Hast du die Jacke noch, mit der Aufschrift
„Born to be wild“?
Lass den Schriftzug ändern
in „Born to be old“
und zieh es einfach durch.

 

 

 

Wir sind

einander in Struga/Makedonien bei den Struga Poetry Evenings begegnet. Das war noch vor der „Wende“. Nach dem damals kommunistischen Jugoslawien durften ja bestimmte, vertrauenswürdige und von ihren jeweiligen Organisationen delegierte Personen aus den kommunistischen Staaten ausreisen und an solchen Verbrüderungsfestivals, wie ich sie nannte, die – außer den PEN-Treffen in Bled – sowieso inhaltsleer waren, teilnehmen. Der Gerd Adloff fiel auf, weil er ein „Rotschädl“ war, also rote Haare und einen ebenso roten Ho Chi Minh-Bart hatte. Er war klein von Statur und untersetzt gebaut. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mit ihm ins Gespräch kam, er war – so wie viele aus den meisten kommunistischen Ländern – sehr zurückhaltend; „schaumgebremst“ nannte ich das. Die hatten gelernt, sich zu ducken und das war zu ihrer Haltung geworden. Nur einige Ausnahmen gab es, die Revoluzzer, die im vertraulichen persönlichen Gespräch das System, die herrschende Struktur, die Parteibonzen, die Auswüchse, die Fehlentwicklungen kritisierten. Der Adloff gehörte nicht dazu. Man sprach nur über Belangloses. Natürlich hatte er wenig Geld, fast keine Devisen. Und so bezahlte ich ihm ein paar sowieso billige Eintritte in diverse Museen und andere Sehenswürdigkeiten. Dafür war er dankbar. Sollte ich einmal nach Berlin kommen, könne ich auf seine Gastfreundschaft zählen. Umgekehrt auch, sagte ich, aber das wird ja kaum der Fall sein. Aber es war dann doch der Fall. Ich kam nach der Wende nach Berlin, lebte bei der Familie in einer eher engen Behausung, aber im schönen ehemals jüdischen Scheunenviertel, in einem kleinen Zimmer voll mit Büchern. Und er kam nach Wien und logierte in meiner ebenerdigen „Atelierwohnung“, blieb einige Tage und war von Wien begeistert. Das war’s dann aber auch. Ein paarmal haben wir noch miteinander korrespondiert, dann versickerte diese Bekanntschaft im Sand der Zeit. Bei ihm in Berlin aber bekam ich einen Gedichtband des Dichters Gennadij Ajgi in die Hand, und die Gedichte – natürlich ins Deutsche übersetzt – faszinierten mich. Ich hatte Gennadij Ajgi als kettenrauchenden, stets schweigenden Menschen vorher einmal bei einer langen Autobusfahrt von Struga nach Skopje kennengelernt, soweit das möglich war. Beim PEN-World-Congress in Warschau 1999 bin ich ihm dann wiederbegegnet. Da war er völlig verändert, wirkte jugendlich, war auch so angezogen, sprach mit mir und den anderen und lachte. Ich habe ein paar schöne Porträts von ihm gemacht, die ich ihm nach Moskau geschickt habe. Und als Juror habe ihn für den Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur vorgeschlagen. Niemand von der Jury, außer der Mayröcker, kannte ihn und seine Literatur. Ein Juror und sehr bekannter Verlagsmensch wippte nur mit seinen Beinen, verzog irgendwie Geringschätzung ausdrückend seinen Mund und sagte arrogant: „Muß man den Herrn kennen?!“ Das zeigt eine Facette des österreichischen Literaturbetriebs und seiner oft geistlosen Provinzialität.

Peter Paul Wiplinger: Schriftstellerbegegnungen 1960–2010, Kitab-Verlag, 2010

 

 

KINDEREIN
Für Gerd Adloff

Mutter habe ich gelöchert
mit brennenden Fragen
Vater mit Warum Warum verrückt gemacht
Schwesterlein verängstigt
mit Zeitungsausschnitten
und dem Bruder das ABC
rückwärts beigebracht
Hundertmal mußte ich HEIDERÖSLEIN
und GOETHE schreiben
über eine Woche sprach ich nur
gereimt – Jetzt bin ich Dichter
alle sagen: ES MUSSTE JA SO KOMMEN

Peter Wawerzinek

 

Fakten und Vermutungen zu Versensporn
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