BERYX DECADACTYLOS
Ach wäre doch alles nur Kauderwelsch,
fremd, wie die Wasserpalme im Wörterbuch,
fern, wie auf der Landkarte das Feuerland,
wäre es in mir und nur erfunden, gäb es doch
jungfräuliches Land über die Sprache hinaus −
in ihrem Süßwasser ruhte zehnfingrig ein Fisch,
blätterte ich im Zufall und fände sie dort,
diese Sprache, jungfräulich und völlig verrückt,
wir würden bauchreden, wie Karstwasser im Berg,
dolina, uvala, polje – sprächst du,
nicht wie zu jemand, der wirklich existiert
gleich einem Wörterbuch, vom Zufall aufgeblättert,
meine Antwort hieße: Flammenufer, Feuersteinjahr,
und würdest denken Felsenfalten, Lavasteine,
es gäbe keine Geschichten ich sehnte mich nicht
nach wirklicher Landschaft, Gesicht oder Haut,
erdachte Zeit, getrost könnten wir baden
zehnfingrige Fische, dort im Teich des Unbekannten.
körperloser Name, gestreichelt treiben
− natürlich nicht von mir, sondern einfach nur so.
Krisztina Tóth
Deutsch von Oliver Mertins
Wie in jedem durch die Wende erschütterten Land leben auch in Budapest zwei Seelen in einer Brust: Die der bösen Vergangenheit mit ihren guten Seiten und der der guten Gegenwart mit ihren bösen Seiten. Die eine liefert den Stoff der Tradition, eine mit Weltschmerz gesättigte Geste aus dem Geiste großbürgerlicher Vergangenheit, die andere durchtränkt diesen Stoff mit den Insignien der Konsumwelt und ihren sozialen Verzerrungen. Auf höchst ungarische Weise werden die Werte der ungarischen Poesie mit Themen verschmolzen, die in ihr eigentlich keinen Platz haben. Das Neue, das Zeitgemäße, das, was hip ist oder high macht, wird von der Sprache des kleinen Landes verschlungen, daß die nationale Selbstbehauptung zuletzt immer gewahrt bleibt. Am Ende hat es dann doch wieder mehr zu tun mit Attila József als mit dem gestreckten Stoff oder der Acid-Party.
In unzähligen Fragmentierungen und Brechungen spiegelt sich diese Dichotomie – eine auf große Prospekte angelegte Architektur mit Neigung zum Prunkvollen und der unerbittliche Zugriff von McDonalds, der Deutschen Bahn und Trash-Läden – im Gedicht wider. Manchmal klingt das, als versuche diese Sprache, das, was morgen sein wird, nachzuholen.
Tief im Herzen aber ist die ungarische Lyrik mit einem Hang zur Selbstgenügsamkeit und Autarkie ausgestattet, lediglich der Druck durch außerkulturelle Kräfte beugt die „echte“ ungarische Poesie den internationalen Einflüssen. Zwar liebt man Baudelaire oder Hölderlin, aber Namen dieser Größenordnung haben kraft Erwähnung bereits ein solches Kaliber, daß sich der regelrechte Einfluß, der durch das Werk entstehen könnte, begrenzen läßt. Die Gedichte behaupten sich eben gerade in der Spannung zwischen Prätendiertem und diesem: Hoppla, jetzt wird es doch etwas ganz anderes.
Man fühlt sich bei der literarischen Szene der Donaumetropole an die inzwischen zerrüttete Situation des Prenzlauer Bergs erinnert. Was alle verbindet, ist stärker als das, was die einzelnen voneinander trennt. Der Underground ist die gemeinsame Schmusedecke, der Alkohol gehört zum Anstand. Hier begegnet man noch dem Dichter mit den rollenden Augen der dem stechenden Blick. Man triffst sich in Cáfes oder in Salons, man redet über Massive Attack oder Grunge so, als versuche man, das einem Gehörlosen zu vermitteln. Die Gesten sind düster, ungestüm, oder vom Weltschmerz gesättigt, aber man ist Dichter, und es ist großartig, darunter zu leiden.
Gerhard Falkner und Orsolya Kalász, Vorwort
Die Lyrikanthologie Budapester Szenen wurde in weitgehender Abstimmung mit den jüngeren und jüngsten literarischen Gruppierungen Budapests entwickelt. Orsolya Kalász hat zusammen mit Janos Térey, István Kemény und anderen auf der Grundlage einer umfassenden Bestandsaufnahme eine Auswahl getroffen, die, wenn auch nicht absolut vollständig, so doch mit Sicherheit repräsentativ ist.
Sonett, Moritat und sentimentale Suada gehören zusammen mit dem Reim und der gebundenen Zeile noch immer zur poetischen Grundausstattung, und es ist ganz selbstverständlich, daß der Zeitgeist am leichtesten im „ungezwungenen“ lyrischen Parlando Fuß faßt.
Die Dichter Buxhoeveden, Döring, Koziol und Mertins haben auf der Grundlage der Übersetzungen von Orsolya Kalász an deutschen Fassungen gearbeitet, die unterschiedlichen Anliegen folgen.
Zuerst ist da die Übersetzung, das Dienen nach bestem Wissen und Können, notorisch zerrissen zwischen Klang und Inhalt, zwischen Musik und Text. Dann gibt es die Übertragung, die die Aussage gelegentlich verläßt, wo der Klang es fordert. Ihr folgt die Nachdichtung, die analog arbeitet und unter Aufopferung von Sinnstellen auf den kongenialen Eindruck hinarbeitet, und zuletzt die adaptive Nachdichtung, die das fremde Gedicht ganz im eigenen Sprachwillen des Übersetzerdichters widerspiegelt.
Für jedes dieser Konzepte finden sich Beispiele in diesem Band.
Gerhard Falkner, Sommer 1999
leben auch in Budapest zwei Seelen in einer Brust: Die der bösen Vergangenheit mit ihren guten Seiten und der der guten Gegenwart mit ihren bösen Seiten. Die eine liefert den Stoff der Tradition, die andere durchtränkt ihn mit den Farben der Konsumwelt. Auf höchst ungarische Weise werden die Werte der ungarischen Poesie mit Themen verschmolzen, die in ihr eigentlich keinen Platz haben. Das Neue, das Zeitgemässe, das hip ist oder high macht, wird von der Sprache des kleinen Landes verschlungen. Am Ende hat es dann doch mehr zu tun mit Attila József als der der Acid-Party.
DuMont Buchverlag, Klappentext, 1999
Rezensionsnotizen gesammelt von perlentaucher.de
adolf endler alexander von bormann andreas koziol aufbau verlag carl hanser verlag cees nooteboom cornelia jentzsch der prokurist dieter m. gräf dorothea von törne druckhaus galrev edition qwert zui opü edition rugerup elster verlag felix philipp ingold folio verlag fritz schönborn gerhard wolf harald hartung ilma rakusa jürgen brôcan janus press jan wagner joachim sartorius luchterhand literaturverlag michael braun nico bleutge peter böthig peter wawerzinek rainer verlag roughbook rowohlt verlag s. fischer verlag sibylle cramer sieglinde geisel suhrkamp verlag theo breuer tobias lehmkuhl urs engeler editor verlag neues leben verlag philipp reclam jun. leipzig verlag volk und welt wallstein verlag werner irro wulf segebrecht
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Theo Breuer stellt den Ithaka Verlag vor.
Mike Scott von The Waterboys spricht über sein Album „An Appointment with Mr Yeats‟.
erschienen 18. Mai 2012
erschienen 14. Mai 2010
erschienen 28. Dezember 2009
erschienen 17. Mai 2012
erschienen 21. Februar 2010
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