Gerhard Falkner: Zu Gerhard Falkners Gedicht „Schmerzkopfen in Kiev“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Gerhard Falkners Gedicht „Schmerzkopfen in Kiev“. –

 

 

 

 

GERHARD FALKNER

Schmerzkopfen in Kiev
Vermessen von Distanzen

Ich bin da. Ich erlebe, während ich erlebe,
was ich erlebe, dass ich erlebe:

WIE mein Schritt auf die Straße
Betretenheit auslöst, WIE das Pflaster
sich windet, tak? WIE Leute
die heute die Straße entlang gehen,
ihren Tritt in Gang bringen, tschut’-tschut’
WIE der Gang die durch Träume
gemilderten Menschen vorwärts treibt, WIE
die Bewegung die Verbindung
zur glücklichen Luft freischaltet, tak?
WIE links und rechts der Straße
die Sätze rauschen
die Katzen aus alten Matratzen
kriechen und Hunde Stunde um Stunde
mit geschlossenen Augen ihr
Hundeleben riechen, WIE die Grammatik
der Schlafzimmer ihren Sinn einbüßt
weil der gebührenpflichtige Geliebte
(auf immer)
die Türe hinter sich zuzieht

WIE oft braucht es, um über sich
WIE über einen Schmerz hinwegzukommen
ein Vielfaches an Sprache
WIE oft braucht es
Kondensatoren hinter den Ohren
frischen Alarm
oder einfach stabile regionale Festnetze
seht doch, WIE durch die geöffneten Fenster
die Seele in sinnlosen Seufzern verpufft
zerrieben zwischen Halswirbeln
Klingkopfschwingen, Herzklopfen
Schmerzkopfen

TON

die Ferne ist dem Ungewissen zum
Verwechseln ähnlich, es gleicht: das Wunderbare
dem Gefundenwerden, der Fremde ist
vom Fremden nicht zu unterscheiden
ein Big Mac ist (schließlich) WIE der andere
ZWISCHEN DER WAHRHEIT GIBT ES KEINEN UNTERSCHIED
sogar die wütend blühende blaue Aster
die leise bebend sich dem Herbst entgegenstellt
ist ganz WIE ihre wilde Schwester, blau –
von hartem Wuchs und fest entschlossen
sich auf eine Differenz nicht einzulassen
jeder ist nur für sich ein Einheimischer
(allein Liebespaare sind zweiheimisch
damit sie sich mischen können, tak?)
Ansonsten beginnt das Exil vor der Haustür
Ein falsches Wort genügt!
(und man ist draußen)

Ich bin ein Mann und nicht umgekehrt, (tak?)
Ich trage die Heimat WIE ein Handtuch
über den Schultern, falls ich
verloren gehe.
Der Name ist eingestickt. Als Monogramm.
Der Platz auf dem Handtuch
genügt für die Heimat, tschut’-tschut’?
Ich könnte auch auf der eigenen Hand
Platz nehmen, ohne Tuch, und hätte noch Heimat genug!
Dass ich keine Zeit habe für die Zeit
liegt aber nicht an der Zeit
Dass ich keinen Raum für den Raum
liegt auch nicht am Raum –
Der Traum vom öffentlichen Raum
ist gepflastert mit den winzigen Modulen
fluktuierender Freiheit, mit überschüssiger
Freude, politischen Wirkstoffen und den
in Javaskript erstellten Leuchtkäfern
der Nacht und des stillen Vergnügens.
Oh diese stillen Vergnügen und nicht umgekehrt!
Oh dieser braunen Erde schönstes Abverlangen.

TON

Nehmen Sie Kiev zum Beispiel:
Es ist einfach anders, tak?
Obwohl es natürlich nicht einfach ist,
denn es ist nicht natürlich!
Es ist künstlich, wie jede Stadt.
(Mit künstlichem Licht und drei Generationen
von künstlicher Intelligenz.)
Nicht jede Stadt ist schöner als künstlich.
Kiev ist schöner als künstlich.
Wer Geld hat will es zeigen.
Wer oben wohnen kann will oben wohnen.
Die EJACULATIO PRAECOX ist aber kein geeigneter Vorschuss
auf eine mittelfristige Finanzplanung.
Rohstoffe brauchen Energie.
Ohne Poesie kollabieren die Märkte.
Noch Jahre nach dem Dot.com-crash
mangelte es mir an Mitteln
die Philosophie, die Diktatur des Hohen Tons
und das Nachtleben
unter einen Hut zu bringen

Von meiner Zunge zum Pflaster
sind es 1 METER 59, tak?
Von meinem Herzen zur Andreaskirche (Andrijivs’ka Tsverkva)
sind es 24 Meter 36
Etwa 1.600 Meter sind es bis zum     Dnjepr
dem schönsten Dnjepr aller     Dnjepr
Zwischen der Haustür von     Sidorenko
und dem Fernseher von     Petrenko
liegen nicht Welten sondern 7 Meter 10
(der Abstand von     Klitschko beim Gong in die 4. Runde
zum Sessel von     Petrenko beträgt 2 Meter 14)
Alle Dinge existieren nur durch ihre Entfernung zueinander
NUR DURCH DISTANZEN WERDEN DINGE WAHR.
Vom Theater     Koleso zur bunten Mauer
mit den     Wyschyanka misst mein Laser Distanzmesser
23.    Komma sieben/eins/zwo Meter
(die Berge des Herzens sind natürlich bedeutend höher –
aber das ist auch bloß wieder so eine elende
intertextuelle Anspielung!)
16 Meter weiter oben, die Bühne steht bereits, eröffnet heute,
am 1. Oktober
das Festival: Spielnase / Nasenspiele!

TON

WENN im Herbst die schweren, glühenden Kürbisse
der Ukraine in die Stadt gebracht werden um die
Obststände der Märkte zu beleuchten oder die
paradiesischen Tomaten mit ihrem betäubenden Rot
auf den Theken der Supermärkte
die Narkose des Herbstes einleiten, WENN die
psychedelischen Nebelscheinwerfer sich auf die Augen
der Vorstädte richten, die Pullover länger, die Legierungen
härter und die Mäntel dicker werden
endet die Zeit, wo den jungen Frauen, WENN sie sich bücken
die bonbonfarbenen Stringtangas
aus dem tief sitzenden Hosenbund blitzen, tschut’-tschut’
und man sich abends die Dialoge Platons WIE EISBEUTEL
auf das erhitzte Gemüt legt / um einschlafen zu können
WENN draußen gesprochen wird, auf der Straße
verbinden sich die     Gerüche der Küche
mit den     Gerüchen der Bäume und Plätze
mit den     Gerüchen der Frauen, Betten und Tennisplätze
mit den      Gerüchen der Künste und der Gerüchte
und den     Geräuschen der Geräusche
mit den     Geräuschen
die Geräusche in den     Gerüchen
knistern mit ihren Einkaufstütentüten, alles knistert
die Plätze platzen aus allen Nähten
die Läden aus allen Regalen
die Systeme aus allen Netzwerken
Man muss, wenn man sich in Luft auflösen will
nur nach draußen gehen: die Öffentlichkeit ist das
letzte private Versteck tak? Man darf nur nicht
vor den Schaufenstern von Prada und Vuitton
stehen bleiben (Prada, sage ich, nicht Prawda!),
auch nicht vor der Nationalbank
erst recht nicht vor den Flagshipstores
von Adidas und Apple
man muss zu den Virtuosen des Atemholens
und des Luftschöpfens vordringen
zu den Wasserträgern, Würgeengeln, Web-Designern
Man braucht kein Passwort,
kein Schibboleth, um verloren zu gehen
es ist: so einfach, wie Tokio mit dem Nokia zu erreichen
man muss, will man sich wirklich wollen
die gelben Kokosteppiche in den Dielen
der türkischen Einwanderer bis zum Kaukasus gehen
um endlich, an den fremden Grenzen
auf die eigenen zu stoßen

TON

Dnjepr! Dnjepr!
Sidorenko! Pedrenko! Klitschko, Pedrenko, Koleso
Wyschywanka! Komma! tak? Komma: Tschut’-tschut’? tak!

Die Sonne ist ein verbrühtes Brötchen
über den glimmenden Giebeln von Kiev!
Wie Speere fliegen ihre Strahlen
hinaus in die ananasgelben Ebenen (DER UKRAINISCHEN HERBSTE)
als trügen sie Post für die Steppe!
Es gibt, wenn es ZEIT wird in Kiev,
eine Hochsprache und eine Tiefsprache, tak?
Mit der Hochsprache werden Brücken gebaut
Bürotürme und Einkaufscenter
mit der Tiefsprache Kanäle, Metros,
Untergrundbetriebe
Auch die Hölle der finsteren Antriebe –
der inneren Abgründe
fußt auf der Tiefsprache, tschut’-tschut’,
die Schattenreiche, bewacht von den schwarzen
Drachen von Porsche und Lexus
in denen schlurfend die Ananke
die Stellplätze in den Tiefgaragen
Die Ölquellen der Korruption.
Es wird Zeit. Die Abstände zwischen allen Dingen
betragen nur noch wenige Millimeter.
Dann verwischen sich die Unterschiede!
Und auch vom Himmel kommt kein Segen mehr
Vom Himmel gehen
die heruntergeladenen Klingeltöne
direkt aufs Handy!

TON

 

Anmerkung zu „Schmerzkopfen in Kiev“

Das Gedicht „Schmerzkopfen in Kiev“ wurde innerhalb von drei Tagen in Kiev für das Festival „Spielstraße – Straßenspiele“ geschrieben, das unter dem Thema „Öffentlicher Raum und sein Wandel nach der Wende“ auf dem berühmten Andreassteig stattfand, einer alten, denkwürdigen Pflasterstraße, die aus der ehemaligen Altstadt heraus und hinauf zur großartigen St.-Andreas-Kirche führt. Es handelte sich bei dieser Veranstaltung um ein Exzellenzprojekt des Goethe-Instituts.
Da der öffentliche Raum (für mich) eher ein Phänomen der Kommunikation darstellt, denn als ein solches des materiellen Ortes, habe ich meinen Text zwar deutlich lokalisiert, das Gedicht aber in ein kommunizierendes Verhältnis gesetzt mit seinen „Ansprechpartnern“, nämlich den anonymen Konstrukteuren des öffentlichen Raums, also den Leuten, die seine Wirkung und Energie in täglicher Wiederholung bestreiten und in Gang halten.
Dabei ging es darum, über verschiedene Ebenen der Kommunikation Verstehen und Nicht-Verstehen um die Achse eines Gedichts zu demonstrieren. Die einen verstehen das Gedicht nicht, obwohl sie die Sprache verstehen, die anderen, weil sie die Sprache nicht verstehen. Einmal liegt es an der Komplexität der Sprache, ihrer korrumpierenden Bildlichkeit und ihrer andersartigen Anwendung, auf der anderen Seite an der Fremdheit, Unverständlichkeit und tatsächlichen Anderssprachlichkeit.
Dazwischen sollte es Durchlassventile gaben: „tak“, „tschut’-tschut’“, oder, auf der anderen Seite, ganz einfache, wie dicke Holzscheite im Feuer liegende deutsche Sätze. Zu diesem Zwecke habe ich neben der Arbeit am eigenen Text Interviews aufgenommen mit Personen, die kein Deutsch verstanden, vorwiegend Frauen, und habe sie mit Gesten animiert oder ermuntert, mir auf meine in Deutsch gestellten Fragen Auskunft zu geben.
Die Fragen waren etwa: „Entschuldigung, können Sie mich verstehen, obwohl Sie kein Deutsch sprechen? Wollen Sie es nicht vielleicht einfach mal versuchen? Wir sprechen doch alle die gleichen Buchstaben! Ich kann Sie ja auch nicht verstehen und rede mit Ihnen. Wohnen Sie auch in einem dieser schönen Häuser?“ und dergleichen.
Wie erwartet gerieten die Antworten zu einer Mischung aus Verwirrung, Ablehnung, Gelächter, Hilflosigkeit, Gegenfragen, auch kleine Aufschreie waren darunter, gespickt jedenfalls mit vielen „Njet“.
Ich hatte nun auf der einen Seite einen hochgradig mit Bedeutung aufgeladenen Text, und auf der anderen Seite spontane Aussagen der Hilflosigkeit, der Amüsiertheit, der Notwehr.

Mein Gedicht „Schmerzkopfen in Kiev“, das absichtlich weiträumig und komplex sein sollte, pendelnd zwischen einer Poesie des unmittelbar Einleuchtenden und einer sperrigen Metaphorik, die sowohl das Erleiden der Antwortlosigkeit reflektieren sollte, wie auch die ganze Potentialität des Ansprechbaren widerspiegeln, habe ich skandiert mit den Wörtern „tak“ und „tschut’-tschut’“. Beide haben die Funktion eines Passwortes, um sich in die jeweils andere Kommunikationsebene einzuloggen.
„Tak“ (was etwa: „ja“, „nicht wahr“, „okay“ bedeutet) taktet in auffälliger Weise die wörtliche Rede und rhythmisiert sie, was ich mir für mein Anliegen zunutze gemacht habe, „tschut’-tschut’“ („ein bisschen“) zwitschert dann immer wieder mal dazwischen.
Aus den Interviews wurde ein Loop geschnitten, der während der Lesung von „Schmerzkopfen in Kiev“ immer dort, wo „TON“ steht, eingeblendet wurde. Angestrebt war ein Auspendeln von Verstehen und Nicht-Verstehen, wie es im öffentlichen Raum ununterbrochen verhandelt wird. Während der Aufführung brach es dann auch äußerst wirkungsvoll die hermetische Kruste des Gedichts.
Eine weitere Verknüpfung mit der Struktur des öffentlichen Raums sollte darin liegen, ins sozusagen künstliche Gedicht ein räumliches Gitter zu legen, eine fingierte aber glaubwürdig klingende Topographie.
Zu diesem Zwecke ließ ich mir einen Laser-Distanzmesser besorgen, mit dem ich auf dem Andreassteig die genauen Distanzen zwischen Klingelschildern vermessen wollte, was mir ein Netzwerk oder Koordinatensystem echter Namen und echter Entfernungen zur Verfügung gestellt hätte, über dem ich poetische Kommunikation hätte entstehen lassen können.
Dies scheiterte jedoch daran, dass es auf dem Andreassteig keine Klingelschilder gibt, und sich auch sonst kein Hinweis findet auf die Namen der Hausbewohner.

Noch ein Wort zum Titel „Schmerzkopfen in Kiev“.
Es ist nicht einfach, ein längeres Gedicht in drei Tagen zu schreiben. Oft brauche ich für so etwas drei Monate oder länger.
Ich musste mich also „mit allen Mitteln“ unter Druck setzen, was den erholsamen Schlaf nicht eben begünstigte. Nach der zweiten Nacht bat ich im Goethe-Institut um eine Aspirin.
Eine Angestellte gab mir aus ihrer Handtasche eine kleine weiße, namenlose Tablette. Als ich ihr sagte: „Das ist aber kein Aspirin“, antwortete sie:

Nein, aber ist auch gut gegen Schmerzkopfen.

Ich ging sofort ins Hotel zurück und änderte meinen Arbeitstitel.
Für mich ist „Schmerzkopfen“ nicht nur ein Versprecher, ein Lapsus im Kommunikationssystem, es klingt auch wie ein vertracktes, aus dem Takt geratenes Herzklopfen, anknüpfend an das immer wieder eingestreute „tak?“, es hätte entstanden sein können durch einen Schüttelreim, und es schien mir ein günstiges sperriges Wort für ein nervöses Abtasten des öffentlichen Raums.

Der öffentliche Raum
Der öffentliche Raum ist nicht einfach der freie Platz zwischen einem Konglomerat von Häusern, sondern eine Rubrik des Bewusstseins. Er hat als Platz, Straße, Park oder dergleichen eine ganze Reihe von Perzeptionskontrollen zu durchlaufen, bevor er als solcher erlebt wird.
Dass der öffentliche Raum als öffentlicher Raum erlebt wird, ist seine Voraussetzung.
Mehr als seine „Hardware“, also das Material in seiner gesamten Vielgestaltigkeit, in der die urbane Struktur sich abbildet, ist er ein Phänomen der Kommunikation.
Ein nicht kommunizierter öffentlicher Raum existiert nicht, da mögen noch so viele Häuser um ihn herumstehen, und noch so viele Menschen in ihm herumlaufen.
Der öffentliche Raum, so wie er kommuniziert wird, bestimmt im Grunde genommen den Kurswert einer Stadt.
Etwas altmodisch ausgedrückt könnte man auch sagen: Er ist die „Ausstrahlung“, die eine Stadt besitzt.
Ein unendlich vielfältiges Konzert von Stimmen und Gegenstimmen arbeitet ununterbrochen an der Bewertung des öffentlichen Raums, und zwar sowohl im kleinen Maßstab der privaten und lokalen Intervention, als auch im großen Stil der internationalen Begegnung und Durchdringung.
Der vitale öffentliche Raum wird meist erzeugt oder geschaffen von jugendlichen Kräften am Rande der Konventionalitäten und der städtischen Konfektion. Er ist sowohl die Bühne für Zeitgeist und Mode, wie auch die für Arbeit, Wohnraum, Kontinuität, Wohlstand, Konsum etc.
Der künstlerische Typus ist die wichtigste Größe in jenem Stimmungsbarometer, nach dem die internationale Attraktivität einer Stadt sich ausrichtet. Er allein schafft es, dass die Berliner Kastanienallee heute stärker weltweit kommuniziert wird als die New Yorker 5th Avenue.
Die Bauwerke und die Gebäude sind lediglich die Kulisse, durch die der Mensch ins Private verschwindet, die Infrastruktur weiter nichts als der verwirklichte Plan, die Menschen potentiell in Bewegung zu halten.
In bestehende, gut funktionierende öffentliche Räume einzugreifen, die sich nach den Gesetzen der Hochkomplexität selbst organisiert haben, ist nicht sinnvoll.
Der Leitsatz der IT-Branche: „Never change a running system“ gilt auch hier!

Gerhard Falkner, die horen – Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, Heft 4, 2010

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