Gerhard Rühm: BRAVO

Rühm/Rühm-Bravo

I

aus der ferne kommen plötzlich schritte. nähern sich. sind ganz
aaaaanah! gottlob, die tür ist noch offen.
lys assia singt für albert schweitzer „das alte karussell“.
und dann ist es wieder still.

dieser mai ist gekommen.
wenn laya tanzt, schaut ihr keiner in die augen.
um gottes willen, keine haare! ein schrei des entsetzens aus 1000 kehlen.
tränen im richtigen moment.
das schlingern des wagens warf sie gegeneinander. kein wunder! heute war donnerstag.

„was sagen sie, blond?“
träumte er?

„ich hatte einen chevrolet, modell 1948, von längst verblichener schönheit.“

3 augen und 1 dekolleté.

mit schwung hinein! im film ins wasser, im atelier auf die matratze.
die anstrengung dieses unternehmens führt am nächsten tag ihren tod herbei.

jetzt glaube sie endlich, eine grosse schauspielerin zu sein.

erst bumste sie gegen den Wagen vor ihr, dann an den kotflügel des anderen hinter ihr.
ein herrliches leben? vielleicht auch ein trauriges leben.
zunge entgleiste.
entsetzt.

von angst gepeinigt, bittet wanda den bruder des geliebten um hilfe. er hilft.
aber seine hilfe ist teuflisch.

„ava hin, ava her“, meinte er, meinte er.

leise rieselte der schnee vom nächtlichen himmel. sie schluckte ein paar flocken. so gut war willy noch nie. hoppe, hoppe reiter.
sie lächelte matt. „geh zu ihr und grüss sie von mir – wenn auch nur mit den augen.“
„selbstverständlich.“ im nächsten augenblick raste er davon. dünne narbe über der wange. schwäne für marlene.

curd jürgens wird geschminkt.
sie treibt es zu arg. es geht abwärts. er darf nicht herunterfallen. jedes herz sehnt sich nach liebe. „sie wollte mein fahrrad nehmen“, antwortete curd.
was kostet die welt?

sie halten das für einen regenschirm?

eines steht fest: was frank sinatra auch immer sein mag, er ist ein liebling der frauen.

nackt!

was soll das bedeuten?

das rettende schiff kommt.

sie verschluckte sich. konnte es nicht fassen, dass mit den tieren etwas nicht stimmen sollte, wenn sie dabei war. der routinierte schauspieler öffnete selber. man merkte fast keinen unterschied.
um es kurz zu machen.
zwischen mann und krull.
damenhüte. ritt 50 jahre. und die heimatlichen damen mussten sich beim waschen oder bei anderen gelegenheiten so tief bücken, dass auch die lenden geschminkt werden mussten.
maria (zuversichtlich): „auch ich werde kommen…!“

der mond schien zwar nicht, aber wolfgang preiss versuchte trotzdem schattenspielchen auf layas dekolleté.
vico torriani küsste das publikum und kletterte über eine feuerwehrleiter, um caterina valente blumen auf die dachterrasse zu bringen. als er ihren nackten körper in der sonne erblickt, verliert auch er den kopf.
beide sind glücklich.
selbst im strömenden regen sang vico noch immer.
und caterina valente, die das schiff kommandierte, war eine der lustigsten.
da tauchte maria auf.
mitten im singen blieb plötzlich seine stimme weg.
eine frau im publikum schreit auf.
„werfen sie“, sagt der arzt. „schlagen sie. ja, schlagen sie meinetwegen alles hier kurz und klein. aber sprechen sie, um gottes willen, nicht mehr. kein wort in den nächsten tagen! sonst wird ihre stimme vielleicht nie mehr…“
alles erbricht.
vico öffnet den mund und schliesst ihn wieder.

sie glich einer zerstörten sprungfedermatratze, aus der nach allen seiten die drähte hängen. wie gut, dass einer horst heisst. sie wischte die hand mit einem taschentuch ab und hängte dieses jahrelang über ihr bett.
in deckung, ihr fische.
stummes klavier.
er war am frühen nachmittag in wien.
hellseher hemingway wirkt im pustertal.
hedy zieht sich an.
„wir wollen noch einmal von vorne anfangen.“
hildegard knef lacht dazu.

 

 

 

Alles gefunden, nichts erfunden

– Gerhard Rühm montiert Klischees von gestern neu. –

Gerhard Rühm hat es zuwege gebracht, als Schriftsteller ernst genommen zu werden, ohne daß er jemals selber eine bedeutende dichterische Phantasie entwickelt hätte. Seine Phantasie entzündet sich nicht am neuen Erfinden der Wirklichkeit, sondern er erfindet bevorzugt Methoden, wie sich Fundstücke, die ihm in die Finger kommen, organisieren lassen, auf daß sie in neuen Zusammenhängen zu funkeln beginnen. Nichts ist in seinem jüngsten Buch erfunden, aber alles gefunden.
Triviales aus den fünfziger Jahren hat Rühm diesmal zusammengetragen. Magazine wie Bravo versuchten schon damals, Starkult zu betreiben, indem sie aus mittelmäßigen Künstlern Götter formten. Es ist ein bedeutender Sprachaufwand vonnöten, wenn man einem Publikum eine Welt vorgaukeln möchte, wie sie von vielen gewünscht wird, aber nicht vorzufinden ist. Und wenn es um die Sprache geht und wie sie die Welt verändert, ist Gerhard Rühm, ein Spezialist für verborgene Anwendungsmöglichkeiten von Wörtern, zur Stelle. Er kauft Wörtern, Sätzen und Texten nicht einfach ab, was sie vorgeben, sein zu wollen, er greift Teile aus einem Ganzen heraus, stellt sie in ein anderes Umfeld – und schon beginnt sich der Sinn zu wandeln.
Solch ein Umgang mit der Sprache hat lustvolle Qualitäten. Es bereitet nicht nur Freude, der Sprache und den vertrauensseligen Benützern derselben eins auszuwischen, dieser Umgang setzt wie nebenbei Energien frei, die etwas klar machen. So einfach ist das nämlich mit der Sprache nicht, hinter dem Sinn eines Satzes verbirgt sich möglicherweise ein anderer, hinterhältiger Sinn, mit dem der Erfinder gar nichts zu schaffen haben will.
Stars und Erotik, Klatsch und Tratsch und Dummheiten aller Art, das ist der Stoff, aus dem die Träume in billigen Magazinen sind. Aber was kann so ein Finsterling wie Rühm, der sich anscheinend interessiert in solchen Blättern umsieht, daraus machen!
Er macht nichts lächerlich, er zeigt auf vertrackte Weise, wie lächerlich der Rummel um die Kultobjekte einer Gesellschaft sowieso ist. Und indem in diesen Texten der Mief und die muffig-dumpfe Atmosphäre einer Zeit aufgehoben ist, in der es überdies ziemlich prüde abgegangen sein muß.

der gefreite nahm sie in die hand, betrachtete sie aufmerksam, gab sie curd zurück und flüsterte: „überleb’s! ich bin musiker!“ curd spürte, wie ihm das herz bis zum hals klopfte. ray charles haut auf die pauke. bing crosby liefert fruchtsaft. little richard predigt.

Rühm ist nicht nur Sprach-Collagist, dem Band sind einige Bildcollagen beigegeben, die im scharfen Schnitt Gegensätzliches zusammenbringen.

Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, 26.11.1994

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Klaus Kastberger: Nackte Brüste von damals
Falter, 25.11.1994

Heinrich Schwazer: Zeitgeist
Südtirol Profil, 12.12.1994

dr: Die Fünfziger. Lose Sitten
Die Wirtschaftswoche, 22.12.1994

O. N.: Die Wiener Gruppe läßt grüßen
Oberösterreichische Nachrichten, 5.1.1995

Janno Ferk: Rühms Sittenbild
Die Furche, 2.2.1995

O. N.: Dichtung aus Wahrheit
Tiroler Tageszeitung, 2.8.1996

André Bucher: Restenverwertung
Neue Zürcher Zeitung, 7.1.1997

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Michael Lentz: Spiel ist Ernst, und Ernst ist Spiel
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.2.2010

Paul Jandl: Dem Dichter Gerhard Rühm zum 80. Geburtstag
Die Welt, 12.2.2010

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Apa: „Die Mutter der Wiener Gruppe
Salzburger Nachrichten, 12.2.2015

Fakten und Vermutungen zum Autor + Vita
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde OhlbaumGalerie Foto Gezett
Dirk Skiba Autorenporträts
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Gerhard Rühm liest seine seufzer prozession am 10.11.2009 in der Alten Schmiede zu Wien.

 

Monika Lichtenfeld und Gerhard Rühm lesen unter anderem Sprechduette beim Literaturfestival Sprachsalz im Parkhotel bei Hall in Tirol (10.–12.9.2010)

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