Gert Neumann: Innenmauer

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gert Neumann: Innenmauer

Neumann-Innenmauer

Jetzt weiß das Nun
doch nicht von Zeit;
ach du liebe Zeit,
kann dich kein Wort
in Ewigkeit erreichen,
bleibt Zeit für Zeit
zum alten und Nichts
nimmt ab, Alles ist neu
wenn wesentlich vergeht
das Nun allein durch Innehalten.

Nunmehr lässt sich sagen:
Die Liebesgeschichte ist vogelfrei;
und keiner wird doch fragen,
welches Nun in ihr vergangen sei

 

 

Der Berliner Autor

ist noch kaum mit Gedichten hervorgetreten, es gab bisher keine eigenständige Publikation, doch wer diesen sprachsensiblen Prosaisten (Elf Uhr, Anschlag) kennt, den wird dieser „Gedichtanfall“, wie er seine vorliegende Lyrikschöpfung nennt, nicht unbedingt überraschen.

Verlag Ulrich Keicher, Ankündigung, 2003

 

Ein Porträt in Selbstaussagen

Neumann: Es ist so und so gewesen und so oder so gekommen. Man hat Vieles über sich ergehen lassen – teilweise sehr bewußt – in der Hoffnung, man käme mit seiner Arbeit irgendwo an.
Nun wird es Zeit zu klären, wo genau man angekommen ist.
Wenn man sich jetzt mit seiner Biographie identifiziert, dann schafft man es nicht mehr, davon zu sprechen, wovon man eigentlich sprechen sollte. Denn was die Biographie bedeutet ist von Anfang an durch ein Selbst in Frage gestellt.
Um es auf die Spitze zu treiben:
Es war ja immer zu vermuten gewesen, daß die an einem herumnagende Biographie wahrscheinlich kein Schicksal hat.
Es war eher anzunehmen gewesen, daß die Notwendigkeiten, die es gab, einem die oder jene Biographie zu verschaffen, verschwinden.

Wir sitzen mit Gert Neumann in seiner Pankower Altbauwohnung zusammen. Der voyeuristische Blick gleitet hinüber zur Speisekammer, die sich der Autor als Schreibstube hergerichtet hat: An der Bücherwand ein Leisten, beheftet mit schreibmaschinenbedruckten Manuskriptseiten, die in Augenhöhe ihr Kaleidoskop entfalten; eine alterümliche Reiseschreibmaschine siedelt auf einem Tischchen, das hinausblicken läßt auf ein verkehrsumrauntes Stillleben aus Vorgartenwipfeln, hervorscheinenden Fassaden und einem Himmelsfleck, der immer wieder von den stählernen Silhouetten der An- und Abflieger durchzogen wird.
Gert Neumann erzählt aus seiner Biographie, die in äußeren Brüchen und innerer Konsequenz so stark mit seiner Poetologie verflochten ist, wie wohl bei wenigen anderen Autoren.
Er selbst trennt methodisch (s.o.) die äußere von der inneren, selbstbestimmten Lebensgeschichte; trotzdem gibt es verbindende Eckdaten:

Gert Neumann wird 1942 in Ostpreußen geboren; seine Mutter ist als Sozialfürsorgerin dorthin dienstverpflichtet worden.

Neumann: Im Februar ’45 sind wir von dort geflohen, in einem irren Bus, als die Stadt schon unter Beschuß stand. Wir sind an Panzern vorbeigefahren und, keine Ahnung wie, irgendwann in Bayern angekommen. Später bin auch ich in meinem Leben der Frage begegnet, ob die in Erinnerung gekommenen Bilder aus eigenem Erleben oder aus Erzählungen stammen, die ich als Kind hörte.

Sein Vater fällt noch im April 1945.
1946 zieht die Familie auf Initiative der Mutter nach Mecklenburg, wo sie vier Jahre lang eine NeubauernsteIle inne haben. Schon damals sei ihm Einiges aufgefallen:
„Z. B. das Thema Scharlatanerie der Natur und den Dingen gegenüber.“

Nächste Station wird 1949 Halle:

Neumann: Meine Mutter hat dort dann irgendwie Karriere gemacht. Sie ist nach Berlin zu den Weltfestspielen entsandt worden und bewegte sich plötzlich in literarischen Kreisen. Ihre Aufgabe war es, die Festspiele literarisch vorzubereiten. Keine Ahnung, wie das gekommen ist, jedenfalls war sie plötzlich in dieser Welt. Wir Kinder waren für einige Zeit in einem Kinderheim. Meine Mutter hat dann aber irgendwann Schwierigkeiten bekommen, und sie wurde wieder aus dieser literarischen Welt herauskatapultiert. Na, jedenfalls hat sie sich dann mit dem Thema der Kollektivierung einen literarischen Namen gemacht: Sie hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Der Weg über den Acker und ist so Schriftstellerin geworden. Es war das erste Buch über die Kollektivierung, und sie hat, so empfand ich später, damit die literarische Welt moralisch an der Gurgel gepackt.

Gert Neumann besucht nun – man logiert mittlerweile am Rande Berlins – in Hohen Neuendorf die Schule:

Neumann: In dieser Zeit habe ich gesehen, wie sich diese Nachkriegsgedankenwelt konkret zusammenbraute; vor allem mit welchen zynischen Mitteln die beim Entstehen von Ideologie unbequemen Probleme weggekürzt wurden. Natürlich bedeuteten solche Wahrnehmungen für mich, den Konflikt der Treue zur Muttersprache ausleben zu müssen.

Nach dem Schulabschluß ist sich Neumann unsicher, welchen Beruf er ergreifen soll: Erst einmal wird er Traktorist – „eine ideologische Entscheidung“ −, später lernt er Schlosser.

Neumann: Ich hatte eigentlich vor, in der Arbeitswelt zu leben, aber auch eine Sehnsucht, Regisseur oder ähnliches zu sein. So wollte ich Anfang der sechziger Jahre mal Kulturfunktionär werden; ich habe mich sogar auf eine offene Stelle beworben…

Vorerst jedoch geht er zur Armee, freiwillig, um sich davon zu überzeugen, „ob dort das Thema Humanismus existiert, wie das von der ,Nationalen Volksarmee‘ behauptet wurde.“

In die Landwirtschaft zurückgekehrt. fängt Neumann ernsthaft mit dem Schreiben an.

Neumann: Ich hatte immer so ein Gefühl mir gegenüber, das hieß: Du bist ein Sehnsuchtsschreier. Denn mein Schreiben war aus einer Sehnsucht nach etwas ganz Bestimmten motiviert. Manchmal sah das scheußlich aus, was dabei herauskam. Aber ich hatte sehr gute Texte gelesen, vor allem die Russen: Tschechow, Dostojewski usw., und so wußte ich, es gibt eine Qualität im Raum, die liegt über dem Sehnsuchtsschrei.

Sein Texte bringen ihm schließlich ein Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher ein, welches 1969 mit der zwangsweisen Exmatrikulation endet.

Neumann: Ich hatte gerade einen Text geschrieben, der sich langsam dem „Thema“ annäherte, als mich die Ideologiewellen an das Literaturinstitut spülten. Eigentlich war ich froh, doch noch an der Universität angekommen zu sein, und ich habe mich dort auch ganz wohl gefühlt. Zwei Jahre bin ich dort gewesen, bis ich raus bekam, daß diese Leute mit mir etwas vorhaben, was wieder mit dem Diletantismus der Ideologie zu tun hat. Ich habe mich davon überzeugt, daß es wahr ist, daß ich solch eine Rolle in dieser Gesellschaft spielen soll, und ob es wahr ist, daß ich etwas Anderes will. Ich habe dafür zu sorgen versucht, daß in meiner Antwort keine Konstruktion durch Effekte war, die aus der Wirkung des Gesagten in fremder Bedeutung entsteht. Ich habe mich schließlich entschieden, mit meiner Antwort auf der Seite des Volkes anzukommen, das nicht die verkürzten Wahrheitssätze spricht, wie das die Ideologie machte, an der ich ja irgendwie teilnahm.

Hennrich/Zmarzlik: Als Grund für Ihre Relegation führte man, wie Sie selbst sagen, eine angebliche Provokation von Ihrer Seite an. Wie kam es dazu?

Neumann: Das ging sehr lange. Ich war erst überhaupt nicht in der Lage, zu sagen, was eigentlich los ist. Nach und nach habe ich mitgekriegt, wo die Interessen der anderen lagen, von denen ich allerdings hoffte, daß sie nicht so seien. Es gab da einen bestimmten Augenblick, wo ich ziemlich bewußt ein Wort gesagt habe, um zu prüfen, ob meine Verdachte ihnen gegenüber richtig sind. Die Reaktion zeigte: Ja, sie sind richtig.
Das war vor dem Tribunal, das über meine Exmatrikulation entscheiden sollte und mir die Frage vorgelegte: „Warum ist eine Kunst- und Kulturprognose notwendig?“ Diese Frage hat für mich alles geklärt. Sie offenbarte, welches Desinteresse dem „Gespräch“ gegenüber herrschte: Die Machtfrage war von vorneherein entschieden. Ich verwendete in diesem Zusammenhang das Wort „Machthaber“ und sah, wie die Augen aufleuchteten – darauf hatte man nur gewartet.
Ich hatte schon vorher – was mit zu dem Tribunal führte – davon gesprochen, daß eine „semantische Mauer“ existiert, durch die hindurch man sich nicht verständigen kann. An diesem Begriff, der von Lars Gustavson stammt, haben sie dann irgendetwas festgemacht. Sie haben einfach nur „Mauer“ gehört, und ich habe gemerkt, in welchen Niederungen sich die Verständigung abspielt, ab wann die Mechanismen anfangen zu greifen, an welchem Punkt das Gespräch für sie egal wurde. Ich habe das einfach verachtet.

Hennrich/Zmarzlik: Wie verhielten sich Ihre Kommilitonen? War ein Gespräch auf dieser Ebene möglich, oder war der Druck zu stark?

Neumann: Das ist eine Sache, die mich bis heute beschäftigt. Manchmal scheint es mir, als ob ich völlig weltfremd bin. Die Menschen haben Übereinkünfte, bei denen mir absolut schleierhaft ist, wie sie zustandegekommen sein mögen. So war das mit den Kommilitonen, die haben an der richtigen Stelle abgewunken.

Hennrich/Zmarzlik: Nach dem Motto: Das hat doch alles keinen Sinn?

Neumann: Ja, genau. Mir ist bis heute rätselhaft geblieben, wie diese Übereinkünfte zustandekommen, wann die eigentlich besprochen werden. Insofern also weltfremd. Ich habe damals wirklich eine Masse von untalentierten Leuten vor mir gesehen, von denen ich mich gerne getrennt habe. Für mich blieb dort kein Gespräch übrig. Wenn man heute betrachtet, wer zu dieser Zeit an diesem Institut gelehrt und studiert hat, dann muß das fast zwingend so sein. Im Grunde war das eine Parteischule der SED. Später habe ich in meinem Text „Die Reportagen“ versucht über die Dimension des dort eigentlich erhofften Gesprächs zu schreiben.

Hennrich/Zmarzlik: Der Ausschluß aus dem Literaturinstitut hat für Gert Neumann auch familiäre Konsequenzen.
Seine Frau trennt sich mit den gemeinsamen Kindern von ihm, weil er sich weigert über seine „Verfehlungen“ öffentlich Rechenschaft abzulegen. Für seine Mutter ist er nun eindeutig zum Staatsfeind geworden.
In der Folgezeit arbeitet er zunächst bei einem privaten Schlosser, danach verdient er seinen Unterhalt als Bühnenarbeiter am Leipziger Theater.

Neumann: In diesen Jahren habe ich die Texte für Die Schuld der Worte geschrieben, völlig fern von der wirklichen Welt, nur um meinen Gegenstand zu erkennen. Das war wahnsinnig schwer. Ich war ganz ohne Sprache, als ich anfing. Nach dem Institut hatte ich alles verbrannt oder weggeschmissen und begann nun zum dritten Mal von vorn.
An einigen Texten habe ich ein Jahr oder länger gearbeitet, total auf der Suche nach einem Moment zwischen den Wörtern, das recht hat. Aber wer hat das Recht sich dort zu befinden? Ich habe es einigermaßen hingekriegt, das zu beantworten.

Anfang der Siebziger Jahre – in der DDR wird der Realsozialismus verkündet, der seinen Bürgern u.a. die Freuden des Konsums garantieren will – arbeitet Neumann als Haushandwerker im Konsument-Warenhaus in Leipzig, der sogenannten „Blechbüchse“.
Seine Motivation sei es gewesen, zu erfahren, was Konsum als Selbstzweck noch mit dem zu tun habe, was der Staat vorher bloß Sozialismus nannte.
Die Realität drückt Neumann förmlich nieder: Er wird krank, erleidet, wie er das in Elf Uhr nennt, einen „Psychounfall“.

Neumann: Meine Erwartungen an die Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, waren sehr hoch und wurden überhaupt nicht beantwortet. Es war alles sehr zynisch dort, und genau dies hat mir ein scharfes Signal gegeben: Du mußt noch einmal zurückkehren und dich mit der Realität genau beschäftigen. So bin ich auf den Gedanken gekommen, dieses Buch Elf Uhr zu schreiben.
Das hat mich davor bewahrt, der Realität gegenüber sentimental und nicht in der Lage zu sein, über ihre Erscheinungen hinaus noch etwas zu vermuten. Das war der Plan: Durch das Buch das, was ich vermutete, nach und nach sehen zu lernen.
Das konnte keine Geschichte sein.
Und auf einmal, nachdem ich dies und das hingeschrieben hatte, ging es mir gut.
Es gab auch Stellen, an denen ich mir Vorwürfe gemacht habe, von der Qualität der „Schuld der Worte“herunterzugehen, etwas ganz deutlich aussprechen zu müssen. Manchmal war ich im Zweifel, ob das so in Ordnung ist, oder ob ich jemandem nach dem Mund rede. Aber das andere wurde mehr und wuchs, so daß ich mir schließlich ganz sicher war, daß es richtig ist.

Noch während Neumann an Elf Uhr arbeitet, wendet sich überraschend der Fischer-Verlag an ihn. Sie machen den Vorschlag, ihn zu publizieren, und so werden 1979 Die Schuld der Worte und bald darauf Elf Uhr in der BRD verlegt.

Neumann: Das Buch Elf Uhr hat ja einen ganz sicheren Hintergrund, und ich war überzeugt:
Das ist eine Qualität, und Qualität wird antworten. Es gab im Westen rasend hoch angebundene Kritiken, aber auch verletzend hoch angebundene. Ich stellte fest, daß sie im Westen jedoch für das Thema, dem sich Elf Uhr zu stellen versuchte, keine Verantwortung übernehmen wollten. Ich war enttäuscht, eigentlich hätte eine andere Verständigung stattfinden müssen, denn die Qualität jenseits der Methode der Kritik der Verhältnisse etwas zu sagen, war ja gesetzt. Dann bin ich im Osten in der Opposition rumgelaufen, um hier Verbindung herzustellen, aber das war unmöglich; z. B. habe ich Robert Havemann das Manuskript zugespielt, und der war hoch begeistert. Aber als wir uns dann kennengelernt haben und über die Aussichten von Widerstand jenseits der Verhältnisse sprachen, lief es wieder auf das Gleiche hinaus, wieder auf Liebe des Effektes statt darüber hinausgehender Arbeit. Havemann sah das übrigens auch als oppositionelles Dilemma an.
Die Opposition war nicht im Geringsten dem Augenblick gegenüber verantwortlich, sie haben nur von der Wirkung gelebt.

Kurz bevor Die Schuld der Worte erscheint, wird Gert Neumann verhaftet. Für den Anfang sei das in gewisser Weise eine provozierte Konfrontation gewesen, meint er lakonisch. Da er wußte, daß mit dem Erscheinen des Buches im Westen die Verhaftung ansteht, versuchte er, das Gesetz des Handeins nicht aus der Hand zu geben:

Neumann: Mir war Eines ganz klar: Ich durfte nicht als „Opfer“ im Gefängnis sitzen, denn das würde die Lesart meines Buches, das ja im Westen erscheinen mußte, total bestimmen und das Lesen von jeder Verantwortung für das Thema entfernen. Ich wollte aber das Täter-Opfer-Schema aufbrechen und den Versuch machen, mich auf verblüffende Weise jenseits der Mechanismen der Macht zu bewegen, die sich zu legitimieren meint, wenn sie behauptet, sie könne jede menschliche Stimme von ihrem gewählten Gegenstand abbringen und auf den Dialog mit der Macht verpflichten. Der Gedanke, dem ich für mein kommendes Handeln verpflichtet war, war, daß konspiratives Handeln den Hochmut der Macht akzeptiert.

Neumann schickt in diesem Sinne das Manuskript nicht etwa auf Schleichwegen an den Fischer-Verlag, sondern versendet es mit der Post in der Annahme, daß es auf diesem Wege am direktesten bei der Stasi landet.
Nach zwei Tagen kommt das Paket tatsächlich beim Verlag an, was ihn außerordentlich erstaunt und einen neuerliche Versuch hervorruft: Diesmal gehen neunundneunzig Seiten in Briefform auf den Weg und gelangen tatsächlich zur anvisierten Behörde – auch die Stasi hat offensichtlich Gewohnheiten.
Prompt wird Neumann, wie kalkuliert, verhaftet:

Neumann: Ich habe schließlich die bei dieser Art der Begegnung zustandegekommene Bedrohung einer hohen Gefängnisstrafe für den Fall einer Veröffentlichung von Elf Uhr im Westen angenommen. das heißt, die mir vorgelegte „Belehrung“ des Stasi unterschrieben. Mit diesem Augenblick in dieser Begegnung wußte der Stasi nicht mehr, ob ich nun verrückt bin oder ein Märtyrer sein möchte; sie hatten den Sinn ihrer Bedrohung verloren. Es war für mein weiteres Leben sehr wichtig gewesen, dieses Ende des Täter-Opfer-Schemas im konkreten Zeitraum für einige Sekunden in meine Erfahrung gebracht zu haben. Über den vollen Umfang dieser Erfahrung zu sprechen, bedeutet allerdings, sich mit mancher bis auf den heutigen Tag herrschenden Bequemlichkeit beim Erzählen und beim Zuhören zu beschäftigen. Meine heutige Arbeit ist an dieser Stelle angekommen, und ich vermag im Moment nur zu sagen, daß es sich für mich lohnt, den damals erahnten Verdacht über die Gültigkeit eines Geschehens, das sich „Verhaftung, Hausdurchsuchung, Bedrohung usw.“ nannte, nicht aus neu möglicher Bequemlichkeit fallenzulassen. Damals bin ich da einigermaßen gut durchgekommen.

Hennrich/Zmarzlik: Wie meinen Sie das: Sie seien gut durchgekommen?

Neumann: Ich habe meines Erachtens verhindert, ins Gefängnis zu kommen, weil ich genau gewußt habe, wenn ich ins Gefängnis gehe, bei meinem Gewissen dem Gehalt gegenüber, bin ich eigentlich schlimmer als die Diktatur. Ich wußte seit 1969, nach meinem ersten Zusammenstoß mit der Staatsmacht und den Dingen, die in der ČSSR passiert waren, daß diese Gesellschaft nur noch auf einer scheinbaren Verabredung auf einen Gehalt beruht, der in Wirklichkeit nicht mehr existiert – daß ich mich also dieser Lüge nicht ausliefern darf. Wenn ich also mit dieser tiefen Kenntnis über das mögliche Geschehen dennoch auf naiv behauptete Weise ins Gefängnis gehe, bin ich eigentlich der Geiselnehmer, der die Existenz der Macht bestätigt, um sich das Gefühl zu verschaffen, irgendetwas zu machen, ohne deshalb über seine Vorstellung von möglicher Verantwortung sprechen zu müssen.

Hennrich/Zmarzlik: Würden Sie das als individuelle Lageeinschätzung ausweisen, oder würden Sie sagen, das war ein verbreitetes Urteil innerhalb der politischen Oppositionsbewegung?

Neumann: Zu der Zeit war es eine individuelle Einschätzung. Ich hatte bestimmte Pläne in meinem Leben und wollte nicht in die Niederungen hinein, weil ich es einfach nicht verantworten konnte, ein politisch Verfolgter zu werden, der ich trotzdem geworden bin. Das ist das Paradoxe daran, daß man doch nicht entkommt. Aber das ist ein neues Thema…
Später habe ich festgestellt, was Polen oder die ČSSR anging, daß ähnliche Gedankengänge auch dort zustandegekommen sind. In den achtziger Jahren habe ich ein wichtiges Essay von Adam Michnik gelesen, in dem es um dasselbe geht, und Václav Havel bekommt das auch raus. Beide sagen: Wenn man entlassen wurde und nun nicht mehr im Gefängnis sitzt, ist plötzlich eine Leere da, die einem mitteilt, daß man etwas falsch gemacht hat.
Nachdem ich meine eigenen Erfahrungen gemacht hatte, bin ich diesem Gedankengang also wiederbegegnet und habe mich sehr gefreut, anscheinend richtig gedacht zu haben. Mit dem Kriegsrecht in Polen ist es dann offenkundig geworden, daß das Thema Widerstand im Realsozialismus in eine absolute Sackgasse geraten ist. Man konnte nichts mehr machen, außer einen Widerstand erfinden, der sich nicht von den Zwängen diktieren läßt. Dabei geht es ja auch um Literatur, und ich habe versucht, sie an jenen Zwängen vorbeizuschiffen.

Hennrich/Zmarzlik: Wie sah dieser Widerstand für Sie aus?

Neumann: Ich habe mir gesagt, daß etwas auftauchen muß, jedenfalls in meinem Leben, was den verlorengegangenen Gehalt verteidigt. Da fing ich an, über methodische Dinge nachzudenken. Ich habe die Ideologiesprache gesehen, was die so redet und habe gedacht: Mein Gott, wie ist es eigentlich möglich, das mit dem zu verknüpfen oder diesen oder jenen Satz zu bilden. Welche Tiefen, die berührt worden sind, da verschliffen werden. Ich habe mir gesagt, solange ich diese Tiefen nicht ausgelotet und mir bekannt gemacht habe, wird es mir genauso gehen. Das war absolut notwendig im Osten, und ich glaube, es ist noch immer notwendig. Ich befasse mich zur Zeit mit Stephane Mallarmé, und der macht ja nichts anderes. Der beschäftigt sich mit solchen Kleinigkeiten, daß Du wirklich verblüfft bist, was alles in ihnen steckt: z. B. die vollkommen unbekannte Dimension des Nichthandelns.

Ständig in Atem gehalten durch zermürbende Stasioperationen, die ihn in mitunter kafkaeske Situationen bringen (Eine auf ihn angesetzte, scheinbar alltäglich daherfabulierende Kneipenbekanntschaft flicht auf einmal Bruchstücke nur Neumann bekannter und in der untersten Schreibtischschublade verwahrter Manuskripte in den „Smal-Talk“), wechselt Gert Neumann das Metier und wird Heizungsmonteur in einer evangelischen Einrichtung. Sieben Jahre kriecht er wie ein Höhlentaucher in den verrußten Kanälen der Heizanlage umher; dennoch ist hier ein Ort, an dem Texte und Gespräche im Rhythmus der Arbeit entstehen. In dieser Zeit schreibt er Die Klandestinität der Kesselreiniger.
Als sein Arbeits- und Gesprächspartner an Lungenkrebs stirbt, wechselt Neumann wieder einmal den Brotgeber: Nun arbeitet er unter mönchischer Schirmherrschaft:
Das Oratorium Leipzig, das sich auf seine Weise wie Neumann „das Gespräch“ zur Aufgabe gemacht hat. beschäftigt ihn bis zur Wende. Am Tag der 4.- November Demonstration in Berlin ist Neumann zu Gast bei einem Grazer Colloquium mit dem Titel „Weitersprechen“, als es ihm beim Vortrag seines Textes die Sprache verschlägt:

Neumann: Ich hatte gerade Berichte über die Berliner Veranstaltung gehört und an der Idee einer angemeldeten Demonstration Schaden genommen.

Hennrich/Zmarzlik: Wir haben unter anderem über Stasi-Inszenierungen der irrsinnigsten Art und Weise gegen Sie gesprochen. Gleichzeitig betonen Sie immer wieder, daß Sie nicht wissen wollen, wer aus dem Freundes- und Bekanntenkreis daran beteiligt war. Mit anderen Worten: Sie wollen ihre Akten nicht einsehen. Warum?

Neumann: Ich habe eine grundsätzliche Entscheidung getroffen, daß diese Menschen Menschen sind, die ich aus meiner Antwort, die ich zu geben versuche, nicht herauslassen darf. Sie werden Gründe gehabt haben, IM oder sowas zu sein. Wenn ich ihnen eine Antwort gebe, die über ihre Gründe hinausreicht. kann ich eventuell mit einem Interesse bei ihnen rechnen, das die Fixierung auf ihre Schuldfrage unwichtig werden läßt. Sobald du nur auf die Tatsache, daß einer ein Spitzel ist, antwortest, hast du ihm eigentlich nichts zu sagen.

Hennrich/Zmarzlik: Hat dieses Verhältnis zu den Tätern etwas mit Christlichkeit zu tun? Mit Christlichkeit in einem nichtreligiösen Sinne vielleicht? Ich erinnere mich an die Formulierung in Elf Uhr von der „Ignoranz des Atheismus“.

Neumann: Ja, das hat schon etwas damit zu tun. Wenn man sich die Kultur des Atheismus anschaut, ist es wirklich erstaunlich, zu welcher Dummheit sie gerade in unserem Jahrhundert fähig war. Ich habe immer gewußt, daß dort der Begriff einer Gnade sich selbst gegenüber fehlt. In diesem Zusammenhang hat mich das Buch Hiob immer konkret interessiert. Auf Leute, die angeblich mit Gott zu tun haben und klagen, antwortet Hiob z. B.: „Seid endlich still und nehmet an“ … Er weiß, da befindet sich noch eine Figur darüber. Hier findet sich eine Höhe des christlichen Gedankens, die mich ernsthaft beschäftigt.

Hennrich/Zmarzlik: Ist Hiob Ihnen auch wichtig, weil er die Geste eines eilfertigen Annehmens verweigert, weil er mit seinem Schicksal hadert?

Neumann: Genau. Er hadert in einem unchristlichen Maß mit seinem Schicksal. Er beschwert sich bei Gott, weil er annimmt, daß er geprüft wird. Zu dieser Prüfung gehört, daß er, als jemand, der wirklich überzeugt ist, daß es Gott gibt, sich von dieser Prüfung nicht erdrücken läßt.

Hennrich/Zmarzlik: Sondern sagt, ich bin der Prüfling…

Neumann: … und ich verstehe das. Aber das bedeutet noch lange nicht, daß ich demütig werde; was willst Du denn mit einem Demütigen? Du brauchst jemanden, der die Notwendigkeit für die Schärfe der Frage erkennt. Das ist auch die Schärfe der dem Abendland insgesamt gestellten Frage. Es muß eine Antwort geben, die über die Demut hinausreicht.
Diese Antwort zu finden, ist eine Aufgabe. Ich bin ganz sicher, daß diese Kenntnis von der Dimension der Aufgabe willkommen ist bei anderen Menschen, daß sie auch keinen Schaden anrichtet. Es war nötig aus der DDR mit dieser Kenntnis hervorzugehen. Es war auch aus diesem Grunde nötig, kein Opfer zu werden.

Hennrich/Zmarzlik: Ich habe das Gefühl, daß die BRD in gewisser Weise noch atheistischer – in ihrem Sinne – ist als die DDR, weil der Götzendienst weniger faßbar ist. Wenn Sie z. B. in der „Dimension Bitterfeld“ die veränderte Oberfächenstruktur der Dinge beschreiben, scheint mir dos eine Klage über den Verlust von Resonanzraum zu sein.

Neumann: Es war schon ziemlich hart wahrzunehmen, daß man im Westen keine Ahnung von der Tiefe der im Osten besprochenen Problematik hat. Sie waren wirklich der Meinung, wir lebten jetzt gemeinsam in der Freiheit. Aber was das alles bedeutet, die Erfahrungen, mit denen man ja aktiv in die Freiheit gekommen ist…

Hennrich/Zmarzlik: Stimmt, diese Erfahrungen sind fast vollkommen verschwunden…

Neumann: Es ist schwer zu ertragen, daß ein Gespräch über die Art dieser Enttäuschung nicht existiert. Ich habe angenommen, daß die Freiheit mit ihrer Erscheinung und der riesigen Dimension dahinter ganz bewußt umgeht. Man hat gehofft, daß – auch durch den Widerstand, der hier geleistet wurde – die Freiheit endlich anfängt, sich über diese gesicherte Dimension zu unterhalten. Es ist schon enttäuschend mitzubekommen, daß es offensichtlich gar keine Dimension gibt, die das Element des Widerstands erbittet.

Hennrich/Zmarzlik: Fühlen Sie sich heute einsamer?

Neumann: Nein, ich habe ja meinen Kontakt zum Thema mitgebracht. Nur habe ich mich gewundert, wie wenig Anlaß in Deutschland besteht, dieses Thema zu besprechen. Außerdem hatte ich etwas Wichtiges zu tun; ich mußte herausbekommen, ob das Thema, das ich für gesichert halte, nicht vielleicht doch aus dem Druck der Verhältnisse entstanden ist.

Hennrich/Zmarzlik: Die Frage ist, ob es ein transportables, ein übergebbares Thema ist?

Neumann: Meine Antwort ist: Ja. Ich glaube, das für mich geklärt zu haben; die Erfahrung ist gemacht. Aber ich habe noch ganz schön zu tun, alles zur Kenntnis zu nehmen, was solche Verständigung verhindert.
Ich überlege, was man methodisch tun muß, um die eben genannte Verständigung in Freiheit zu unterlaufen. Ein schönes Beispiel ist, was wir zusammen in der Uni fertiggekriegt haben. Das zeigt, daß diese Enttäuschung nicht bestehen bleiben muß.

Hennrich/Zmarzlik: Könnten Sie uns zum Schluß Ihren methodischen Konkretisierungsversuch, sprich: ihr Projekt „Gulliver“ erläutern?

Neumann: Ich beschäftige mich damit, eine „Werkstatt für Metalle, Texte und Situationen“ einzurichten, die Menschen und Gegenstände in besonderer Weise zusammenführt. Meinen jüngsten Versuch habe ich „Gulliver“ genannt, weil ich auf die Bedeutung des Kleinen im Großen hinweisen wollte; oder anders gesagt: Auf das Besondere im Allgemeinen.
Mit „Gulliver“ wurde bezweckt, eine Begegnung zu ermöglichen, die nicht an den heute üblichen Verwerfungen von Material und Gespräch teilnimmt.
Ich bin der Meinung, daß die besondere Erfahrung mit den Dingen, die aus dem Sozialismus gerettet werden konnten, für das Gespräch in Deutschland von großer Bedeutung wäre.

Hennrich/Zmarzlik: Gert Neumann, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch!

(Das Gespräch führten Andrea Hennrich und Joscha Zmarzlik unter Mitarbeit von Kai Hafemeister)

Roland Berbig & Vanessa Brandes (Hrsg.): Flechtwerk – Berliner Studenten und deutsche Literatur nach 1989/90. Materialien für eine ausstehende Literaturgeschichte der Berliner Universität, 1995

Dichte Texte

In einem Interview wurde Heiner Müller von Alexander Kluge gefragt, woran man auf der Intensivstation denke. Die Antwort lautete: „An die dichten Texte.“
Auf den ersten Blick mag es merkwürdig scheinen, an dieser Stelle Heiner Müller anzuführen, hat dieser doch mit Neumanns Texten wenig gemeinsam. Mit einer Ausnahme vielleicht: Der Dichtheit der Sätze.
Dichtheit soll hier verstanden werden als ein Prinzip des Schreibens, das beinhaltet, den Texten eine Poetik des Widerstandes einzuschreiben; und zwar nicht über eine Reflexion, die die Ästhetik des Widerstandes zum Gegenstand hat, sondern mit der Forderung, innerhalb der Sprache widerständig zu sein.
Neumanns Texte weisen diese Dichtheit auf. Mit einem traditionell-analytischen Literaturverständnis ist ihnen also nur schwer beizukommen; allzuschnell würde man in sprachliches Unterholz geraten. Festgeglaubte Bedeutungen verschwimmen, die Worte umkreisen das Sagbare nurmehr, gezeichnet von dem Wunsch, endlich eine Sprache zu finden, in der das Sagbare auch aussprechbar ist.
Würde man Wittgensteins Sprachtheorie nicht unzumutbar vereinfachen mit dem Satz: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“, könnte man Neumann wittgensteinsches Sprachverständnis in poetischer Übersetzung unterstellen: Der immer wieder, sei es durch Nichtachtung vorhandener Zuschreibungen bzw. oder durch hinzufügende Neu-Interpretation, in Frage gestellte Gebrauch der Worte vermittelt poetische Distanz zum Sprachspiel der Macht. Aber gerade in der aufzeigbaren Differenz zwischen herrschendem Sprechen und poetischem Neuformieren entsteht auch die Spannung, die einem Text seine Dichte verleiht. Die Faszination literarischer Texte liegt ja gerade im Bewußtwerden neuer Deutungszuweisungen im Kontrast zu sämtlichen früheren Implikationen eines Wortes. Hier beginnt die Freiheit des Autors und seine Verantwortung, dem Sagbaren die genommene Würde zurückzugeben. Und hier findet sich auch „die Schuld der Worte“, denn natürlich erhalten die Sätze im Sprachspiel der Macht nicht allein dadurch ihren Ablaß, daß sie in Poesie transformiert werden. Wörter sind Funktionen; sie sind in unterschiedlichen Kontexten einsetzbar und damit mißbrauchbar. Ihre Schuldigkeit besteht also allein darin, sich überhaupt gebrauchen zu lassen, und die verlieren sie nicht durch bloßes Erscheinen im poetischen Sprachspiel. Das Wissen um die mögliche Schuld der Worte ist somit lediglich eine hinreichende, keine notwendige Bedingung für dichte Texte.
Hinzukommen muß die Fähigkeit des Autors, die Worte widerständig zu machen, mit und durch sie eine Poetologie zu formulieren, die anschreibt gegen jede vorherrschende Interpretation der Erscheinungen der Welt.
Gert Neumanns Ringen um Sprache produziert Dichtheit, gerade weil er um ihre Determinierung und Festlegung durch die Sprache der Macht weiß. „Gibt es eine Hoffnung; und gibt es denn tatsächlich eine deutsche Sprache, in der meine Sätze zu Sätzen werden können?“, fragt er sich in Elf Uhr. Oder werden die Sätze durch ihre Verpflichtung unter eine „Diktatur“ zu Betrügern, weil es „doch nur der Effekt ist, der sie zu Sätzen machen kann?“ Was nichts anderes heißt, als daß ein Schreiben gegen die Verhältnisse möglicherweise eben nur diese Verhältnisse zum Gegenstand hat und darüber hinaus vermuteten Gehalt vermissen läßt. Die Neumannsche Poetik des Widerstandes ist eben eine Gratwanderung und angekommen an diesem Punkt, scheint sie gescheitert. Nun begreift Neumann seine Texte jedoch als „einen Ort der Sprache, an dem sich ein bestimmter Sprachprozeß“ vollzieht, der für ihn eine „unübersehbare Objektivität“ besitzt. Dieser Prozeß bindet dialektisch das Scheitern mit ein und dadurch, daß es sich dem Leser mitteilt, konstruiert sich eine Wahrhaftigkeit, die der Sprache die benannte „Objektivität“ gibt. D.h. die Schuldigkeit der Worte wird nicht verdrängt oder gar negiert, sondern innerhalb poetischer Strukturen produktiv ausgehalten – mit der Neumannschen Hoffnung, daß es eines Tages ein Sprachbewußtsein geben kann, das zugleich von der Würde der Dinge und des Menschen handelt.
„Ich schrieb, daß das wichtigste Bekenntnis für die Poesie der Satz sei: Wir wissen wenig. Daß die freie Auseinandersetzung mit dem Leben, dessen Würde nicht durch unsere dekretierenden Sätze verletzt werden dürfe, eine Sprache unserer Generation schaffen würde, deren Mangel so unendlich quälte.“
Der Prozeß dieser Auseinandersetzung spiegelt sich in Gert Neumanns Texten: die eben darum, nach allen vorgängigen Erläuterungen, dichte Texte sind.

Andrea Hennrich in: Roland Berbig & Vanessa Brandes (Hrsg.): Flechtwerk – Berliner Studenten und deutsche Literatur nach 1989/90. Materialien für eine ausstehende Literaturgeschichte der Berliner Universität, 1995

 

GERT NEUMANN

er öffnete die tür und begrüßte mich mit  „monsieur“, da hatte er eine leichtigkeit, die ich nicht erwartet hatte nach dem flüchtigen eindruck seiner person bei anderem anlass.
dann ging er den flur hindurch und wies auf die sessel, das wirkte wieder schwer, langsam, auch hinfällig.
im reden gebrauchte er oft das wort „konzentration“. nun kam er mir vor wie ein stein. bearbeitet, ein kern, den er aus sich selbst gehauen hatte.
das profil hatte mehr stärke, als wenn er mir frontal ins gesicht sah.
er schied genau zwischen realität und wirklichkeit. mit beharrlichkeit verweigert er den zutritt von erscheinungen.
er sucht sich freunde in büchern und schreibt briefstücke, deren empfänger er ist.
er weiß, dass die worte ihm etwas erzählen, nicht er mit den worten. und dass ein gespräch immer zwei gespräche sind, eins nur im jeweils anderen.
so führten wir durch die worte zwei gespräche, die sich über den zeichnungen und texten, die auf dem tisch lagen, trafen.

juli 2017

Christian Ulrich

 

GERT NEUMANN

Tatsachenbericht
der Wolf
ein Formular
das Rotkäppchen
ein Amtsweg
das Blumenmeer
die Stütze
der kahle Wald
die Republik

Peter Wawerzinek

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Mark Siemons: Wörterschuld
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.7.2002

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Porträtgalerie:

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Gertneumann“.

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