Gert Ueding: Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Über den Gartenzaun gesprochen“

Im Kern

Im Kern

– Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Über den Gartenzaun gesprochen“ aus Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß. 

 

 

 

PETER RÜHMKORF

Über den Gartenzaun gesprochen

Der Ursprung von drei Weltreligionen
eine Dünendrift aus verminten Zonen –
Da empfiehlt es sich schon
in gemäßigten Ländern
durch ein selbstverfaßtes Idyll zu schlendern.
Während ich – schaut nur hin –
meine Blümchen tränke,
wieder Mordsradau in
der Dreigöttersenke –
die ballern uns noch den Erdball entzwei
wegen ihrer dreierlei Rechthaberei.

Unverbindlicher Wink übern Gartenzaun:
Bloß nicht ewig den eigenen Götzen vertraun,
und sich statt an Gebetsbüchern dummzulesen:
Hier sind Hacke, Harke,
Schaufel und Besen,
und nach zwei drei Jahren erblüht für jeden
vor der eigenen Haustür ein Garten Eden.

 

Wink übern Gartenzaun

Seit Lessings Nathan hat sich im Heiligen Land ersichtlich nichts geändert, denn natürlich ist mit der „Dünendrift aus verminten Zonen“ Palästina gemeint, wo Judentum, Christentum und zuletzt noch der Islam entstanden. Angesichts der Dauermisere wendet sich der „ungläubige Buchstabendruckser“ (so nennt sich der Verseschmied selber im Widmungsgedicht des Bandes, in dem unser Gedicht steht) von der politischen Großwetterlage ab und dem Garten vor der eigenen Haustür zu. Doch belässt er es nicht dabei, der Rückzug soll musterhaft (über den Gartenzaun hinaus) gelten, empfiehlt sich als eine Art Wegweiser zum irdischen Paradies. Aus dem unangemessenen Vergleich spricht die sarkastische Ironie, in der Rühmkorf ein unübertrefflicher Meister war und die, verbunden mit schnoddriger Respektlosigkeit, den unverwechselbaren Rühmkorf-Ton ergibt: Man hört geradezu seine Stimme, wenn man diese einerseits frei rhythmisierten, andererseits schön gereimten Verse liest.
Doch das ist nicht alles. Nicht nur, dass sich die Gedanken des häuslichen Kleingärtners in Nathans Land bewegen, er sucht auch den Kontakt zu dieser Idealfigur oder vielmehr zu dem humanistischen Bekenntnis, mit dem Lessing sie ausgestattet hat. Denn immer noch geht es um das Problem, das in diesem (wie in Goethes Iphigenie) so „verteufelt humanen“ Drama zur Entscheidung stand und mit der berühmten Ringparabel gelöst werden sollte: Nicht die drei Heiligen Schriften (die „Gebetsbücher“ unseres Gedichts) entscheiden darüber, welches die wahre Religion ist, sondern das menschliche Handeln, die Praxis der Gläubigen, nicht ihr Bekenntnis. Oder, um es Rühmkorf gemäß mit einem englischen Sprichwort zu sagen, das Friedrich Engels so gerne zitierte: Das Essen ist der Beweis des Puddings.
Rühmkorf spitzt diese Moral von der Geschicht’ noch zu: auf die ganz handfesten Geräte „Hacke, / Harke, / Schaufel und Besen“. Womit er nun aber auf eine höchst populäre Formel anspielt, die ausgerechnet aus einem der kanonischen Bücher stammt, deren „Rechthaberei“ er vorher verworfen hat: „In den letzten Tagen“, verkündet der Prophet Micha, wird Frieden herrschen und die Völker werden „ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen“. Die Pointe der unterschwelligen Anspielung in Rühmkorfs Gedicht: Sie stammt aus dem Alten Testament, das von allen drei Rechthabern in der Dreigöttersenke anerkannt wird und den schnoddrigen Versen von unvermuteter Seite Autorität verleiht.
Eine gebrochene Autorität natürlich. Denn noch eine weitere populäre Reminiszenz aus der Lessing-Gegend grüßt mit Rühmkorfs Worten herüber, nämlich Voltaires Candide, dessen Quintessenz aller Ähnlichkeit zum Trotz doch so anders lautet. Nachdem der naive Held des kleinen Romans alle Ideale und die Illusionen sowieso verloren hat, lehrt ihn ein alter Türke der Weisheit letzten Schluss:

Ich meinerseits erkundige mich niemals, was in Konstantinopel vorgeht, schicke meine selbstgepflanzten Gartenfrüchte hinein, und damit holla!

Candide folgt dem Beispiel und wird fortan seinen Garten bearbeiten und seine Paradiesträume auf diesem Stück Erde einzäunen.
Mit solcher Anspielung greift Rühmkorf auf das schon zitierte Widmungsgedicht zurück: vom Paradies auf Erden bleibt der Paradiesvogelschiss, der eines Tages in des Dichters Garten fiel und einen Baum mit lauter beschriebenen Blättern sprießen ließ. Den Baum einer anderen, nämlich dichterischen Erkenntnis, die auch unser Gedicht auf zweideutige Weise beflügelt. Es übt sich in Bescheidenheit und Übermut zugleich, empfiehlt den Weg Candides in ein „selbstverfaßtes Idyll“ dichterischer Existenz hinterm Gartenzaun und verknüpft sie dann doch mit dem unveralteten Programm der Aufklärung, mit der Kritik an Götzen und Gebetsbüchern, an selbstverschuldeter Dummheit und dem mörderischen Radau des Krieges. Der poetische „Wink übern Gartenzaun“ und die friedliche Arbeit vereinen sich zur einzig noch möglichen frohen Botschaft: Nur das praktische Handeln eines jeden in seinem Garten, in welchem Land auch immer, könnte den Garten Eden als irdische Tatsache ein kleines Stück weiter fort betreiben.

Gert Uedingaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Sechsunddreißigster Band, Insel Verlag, 2013

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