Gertrud Fussenegger: Zu Peter Hilles Gedicht „Seegesicht“

Im Kern

Im Kern

– Zu Peter Hilles Gedicht „Seegesicht“ aus Peter Hille: Gesammelte Werke. Band 1. –

 

 

 

 

PETER HILLE

Seegesicht

Die Küste ruht.
Hohles Tritonengetut.
Silberne Wunden der Flut.
Tobende Augen der Wut.
Krähende Pausbacks auf prustenden Rossen,
Plätschernde leuchtende purpurne Flossen,
Neckisch Bedräuen mit Zacken und Spießen,
Kräftig erfassendes Leiberumschließen.

Sieh eine Muschel fleischgelb und zart,
von Amorinen flüsternd bewahrt.
Hingegossen ruhende Linien,
Grüßender rauschen Palmen und Pinien.
Angeblühete rosige Brüste,
Lächelnde sonnengestreifte Küste.

Fürder kein Dräuen mit Zacken und Spießen,
Lallend einnickendes Leiberumschließen,
Schlummernde Pausbacks auf ziehenden Rossen.
Grünhinflüsternde finstere Flossen.
Stierende Augen der Wut.
Erloschene Wunden der Flut,
Fernes Tritonengetut,
Die Küste ruht.

 

Aufruhr der Elemente

Else Lasker-Schüler schrieb über den kurz zuvor verstorbenen Freund:

St. Peter Hille
war eine Welt…

In unserem Gedicht trägt diese Welt meerische Züge. Der Großstadt-Vagabund, der Hille war, verliert (und findet) sich in der Vision dramatisch bewegter Natur.
Ich muß gestehen: Beim ersten Lesen fiel mir Böcklin ein; dann erinnerte ich mich an die Steilküste von Lanzarote, wo ich einmal Gelegenheit fand, der Brandung stundenlang ungestört zuzusehen. In meiner Erinnerung kamen mir Hilles Bilder mit einemmal sehr einleuchtend vor, ich mußte ihnen recht geben: der bestimmende Eindruck, den die Brandung hervorruft, ist „Wut“, elementare Wut, welche die „silbernen Wunden“ des Gischts aufreißt, welche die „tobenden Augen“ der Wirbel rund um die Riffe dreht und aus den tieferen Schichten etwas wie ein „hohles Tuten“ tönen läßt.
Im Zug der Personifizierung der Elemente taucht Mythologisches wie von selbst auf: „Rosse“ (des Poseidon?), „krähende Pausbacks“ (übermütiges Gesinde der Schaumgeborenen?), Nereiden und Fischmänner. Hille vermeidet es zwar, seine antikischen Anspielungen namentlich aufzuführen und damit auf Bildungsgut einzugrenzen. Dafür läßt er uns ihr Getümmel sehen, wie es flüchtig auftaucht zwischen Wellen und Wasserschleiern, ein Getümmel zwischen Kampf und Zärtlichkeit, zwischen Balgerei und Umarmung.
In der nächsten Strophe wird die Szene intimer. Der Dichter ruft sich selbst zu betroffenem Innehalten:

Sieh eine Muschel fleischgelb und zart
von Amorinen flüsternd bewahrt…

Ein Symbol höchst persönlicher Sehnsüchte, und schon öffnet sie auch – wie ein Schlüssel – einen neuen Ausblick, weg von Brandungswut und -getobe, auf die „hineingegossen ruhenden Linien“ einer paradiesischen Bucht, deren „Palmen und Pinien“ um so „grüßender“ rauschen, als sich dort als Zielpunkt aller „Seegesichte“ mit „angeblüheten rosigen Brüsten“ Kindhaft-Weibliches zeigt, das den Küstenwanderer anlockt und zugleich festbannt.
Darum:

Fürder kein Dräuen mit Zacken und Spießen…

Der Aufruhr der Elemente ist abgeflaut, „eingenickt“. Haben die Gezeiten gewechselt? Ist Ebbe der Flut gefolgt? Freilich bleibt des Unheimlichen noch immer genug: „Grünhinflüsternde finstere Flossen“ und „Stierende Augen der Wut“. Die Gewalt der Dämonen ist aus der Welt Peter Hilles nicht wegzudenken. Von fernher mahnt sie immer mit „Tritonengetut“. Sie mag sich für einen Augenblick seliger Ermattung zurückgezogen haben: sicher ist es, daß sie zurückkehrt und den Heimatlosen einholt, immer wieder einholt, bis er, der oft obdachlos Vazierende, Kneipenbruder und Kaffeehaushocker, Ende April 1904 auf einem Berliner Vorortbahnhof mit einem Blutsturz zusammenbricht. Dann gilt auch für ihn:

Die Küste ruht.

Gertrud Fussenegger, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 10, Insel Verlag, 1986

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