Gëzim Hajdari: Mondkrank

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gëzim Hajdari: Mondkrank

Hajdari-Mondkrank

Aus Ohio bist du
durch ozeanische Nächte gekommen,
zu Gast in der via del Cipresso
und in den Versen, die in mir geboren.
An diesem Sonnabend aus Sonne und Reif
werde ich nicht ausgehen,
um die Anthologie des Regens zu verkaufen,
ich werde auf dich und deinen Norden warten,
in meinem Anzug aus zweiter Hand,
einem Weihnachtsgeschenk
und dem neuen Hemd,
das mir Freunde in Ioles Laden
hinter dem Tor auf der piazza Valchèra kauften.
Vor Freude konnte ich gestern Abend
nicht einschlafen, wie ein verlassenes Kind des Südens.
Mein Gott, wie glücklich ich war,
als ich dich lächelnd
aus dem Bummelzug steigen sah,
an jenem Sonnabend aus Rotkehlchen und Sonne

 

 

 

Ich suche ein unschuldiges Land

– Zu Gëzim Hajdari. –

Die Poesie raubt der Schönheit das Geheimnis der Gerechtigkeit, das der Geschichte verwehrt blieb.
Rachel Bespaloff

In einem Interview rückt Gëzim Hajdari (*1957) die ethische Dimension des Wortes in seiner albanischen Ursprungskultur in den Mittelpunkt seines Schaffens: in seiner Heimat habe sich die Bevölkerung aus Opposition zu den osmanischen Herrschern, jahrhundertelang mittels eines nur mündlich überlieferten Gesetzescodex, des Kanun, regiert. Der Bruch des Ehrenwortes, im Albanischen besa, galt Jahrhunderte lang als die schwerste aller Verfehlungen – hing doch an ihm die Aufrechterhaltung des gesamten gesellschaftlichen Gefüges. Hajdaris Poetik entspringt der Ehrfurcht vor dem Wort, das nicht nur Tatsachen schafft, sondern selbst bereits eine Tatsache ist.
Dichtung ist für ihn in diesem Sinne nicht Ort ästhetischer Experimente, sondern der von alters her bewährte Rahmen für die direkte Konfrontation mit den Wunden und dem Schmerz der Welt. Damit fallen dem Wort im Wesentlichen zwei Funktionen zu: diejenige des Vermittlers und des Ermittlers widersprüchlicher und abgründiger Welterfahrung.

Gëzim Hajdaris Gedichte kommen von weither.
Aus einem Land und einer Sprache, die den wenigsten Menschen hierzulande geläufig ist – war Albanien doch von allen Ländern des ehemaligen Ostblocks dasjenige, das sich am radikalsten hinter undurchdringlichen Grenzen gegen den Rest der Welt abgeschottet hatte. Hier ist Hajdari geboren und aufgewachsen, hier hat er albanische Literatur an der Universität von Elbasan studiert und seine ersten dichterischen Versuche unternommen.
In den Jahren unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Regimes Hodscha, arbeitete er als Journalist für führende albanische Tageszeitungen und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der republikanischen Partei seines Landes. Doch in einem von Korruption und Kriminalität unvorstellbaren Ausmaßes geprägten Klima, stieß sein politisches Engagement rasch an die Grenzen des schlechterdings Realisierbaren. Enttäuscht von den wenig ermutigenden wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen unter Hodschas Nachfolger Sali Berisha, zog er sich rasch wieder aus der Politik zurück und verlies aus Protest gegen die kriminellen Verhältnisse, die er unermüdlich in der Öffentlichkeit angeprangert hatte, Albanien im Jahre 1992. Seither lebt er als Exilant im italienischen Frosinone, einer Kleinstadt im Süden Roms.
Nach schwierigen Anfangsjahren begann er, neben seiner Muttersprache auch auf Italienisch zu schreiben. Häufig entstehen seine Gedichte seither in beiden Sprachen parallel. So ist auch der vorliegenden Band in der italienischen Originalausgabe zweisprachig erschienen – wobei die italienische Version, die meiner Übersetzung zugrunde liegt, in diesem Falle die ursprüngliche ist.
Hajdaris rasch wachsendes Werk hat Italien große Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ist mit zahlreichen angesehenen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, während es in seiner Heimat Albanien bis heute konsequent ignoriert wird. Auch nach seinem Rückzug aus der Politik hat der Autor nicht aufgehört, unermüdlich die Versäumnisse im Modernisierungsprozess seines Heimatlandes öffentlich anzuprangern. Das epische Poem „Poema dell’esilio“ ist sein in diesem Zusammenhang aussagekräftigstes Werk: eine gnadenlose Abrechnung mit der Gegenwart und der jüngeren Geschichte seines Landes. Der Versuchung, sich wie viele andere Intellektuelle mit dem neuen Regime zu arrangieren, hat der Autor widerstanden, was ihn in Albanien zu einer persona non grata hat werden lassen. Die schwierige Situation des Exils erlebt Hajdari bewusst als Preis für seine moralische Unbestechlichkeit.

In mannigfacher Hinsicht haben seine besonderen Lebensumstände den Schaffensprozess der vergangenen Jahre geprägt, ja mit einigem Recht könnte man das Thema des fremden Blicks als das Herzstück seines rasch wachsenden Werkes bezeichnen, das neben Lyrik auch kritische Reisereportagen aus Afrika und Asien umfasst.
Bewusst erfährt der Autor seine Existenz in der Fremde als menschliche und künstlerische Herausforderung. Keinesfalls identifiziert er sich mit der Rolle des Opfers, im Gegenteil wird ihm sein persönliches Schicksal zum Sinnbild der existentiellen Kondition des Menschen als Fremder im eigenen Haus. Seine Ursprungskultur und die seiner, wie er es nennt – zweiten Heimat, treten in ein ebenso konfliktreiches wie dynamisch-produktives Verhältnis zueinander.
Wie in Giuseppe Ungarettis berühmtem Gedicht „Der Wanderer“ vollzieht sich auch Hajdaris Welterfahrung im Spannungsfeld von Ideal und Wirklichkeit, der beständigen Suche nach dem unschuldigen Land und der Einsicht, dass kein Ort der Erde dem Menschen wirklich zur Heimat werden kann.
Hajdaris Verse vergegenwärtigen dieses Drama in starken und zugleich universellen Bildern und Metaphern; daher rührt ihre Wucht und ihr unverwechselbarer Zauber. Nahezu rückhaltlos entblößt der Dichter seine Wunden, um an ihnen die Wunde deutlich zu machen: keine Zeile, in welcher der Leser seine Präsenz nicht unmittelbar spürte. Der Mut, sich rückhaltlos auszusetzen, macht seine Verse durchlässig und damit der individuellen Erfahrung seiner Leser ohne intellektuelle Verbrämungen unmittelbar zugänglich.
In offener Konfrontation zu den zeitgenössischen Strömungen in der europäischen Lyrik, geht es Hajdari um die alten Fragen der Menschheit, um das Verhältnis von Zivilisation und Natur, von westlicher und östlicher Hemisphäre, um Mythen und Archetypen, die auch im Unterbewusstsein des modernen Menschen als Kraftquellen und Verstörungen weiterwirken. Geprägt von den balkanischen Epen seiner Kindheit und Jugend, beeindrucken seine Gedichte durch die Fülle der Sinnes – und Natureindrücke. Farben, Aromen und Geräusche explodieren in der Gegenwart des Gedichts und lassen die Lektüre zu einem sinnlichen Erlebnis werden. Mensch und Natur erscheinen als eine, in der modernen Welt zwar problematische, dennoch aber unauflösliche Einheit, deren Verhältnis von reziproker erotischer Anziehung – und Abstoßung geprägt ist.
Trotz des Schmerzes und der Verzweiflung, die aus ihr spricht, ist Hajdaris Lyrik von leidenschaftlicher Liebe zum Leben getragen: konsequent betrachtet er die Welt unter der Perspektive ihrer möglichen Rettung. Von sich selbst sagt er: Ich bin ein Dichter, der liebt, jeden Tag, in jedem Augenblick.
In diesem Sinne sind seine Gedichte nicht zuletzt ein Hymnus an das Leben, die Liebe und die Schönheit, deren unleugbare Bedrohung sie für den Dichter umso begehrenswerter macht: wie eine schwer zu erobernde Frau umwirbt er sie mit der Erotik antiker Symbole und Metaphern.

Stefanie Golisch Monza, Nachwort, 31.10.2007

Stimmen der Kritik

… der Leser erliegt der Faszination dieser essentiellen Sprache, die, gezeichnet vom Schmerz, bis in die tiefsten Wurzeln des Seins dringt, und so dessen Wesen zu Tage fördert, die lymphatischen Triebe ebenso wie ein bohrendes existentielles Unbehagen, ein mal de vivre, in das Hajdaris Verse verstrickt ist und das im Titel des Bandes zum Ausdruck kommt.
Simona Wright

Gëzim Hajdari ist mittlerweile als Lyriker bekannt, der Albanien eine eigene Stimme verliehen hat, ist es ihm doch gelungen, seine Heimat, die Darsia, zum Sinnbild einer universalen Befindlichkeit zu machen.
Cristina Bernussi

Endlich ein Dichter unserer Zeit, der in der Gegenwart lebt und wirkt, in Europa und die Welt bereisend.
Armando Gnisci

Bei Dante wird das Exil, das Haften an der weltlichen Heimat, vom ewigen Leben überragt; bei Hajdari führt das Exil zur Überwindung jeder Bindung an eine weltliche Heimat ; des Menschen letzte Zuflucht ist sein eigener Körper. Es ist die Befindlichkeit des ewigen Waisen, der sich einzig auf seine eigenen Kräfte verlassen kann. Der Vergleich mit Dante liegt nahe, denn nach meiner Kenntnis ist es schwierig, nicht nur in der italienischen Literatur, einen Lyriker zu finden, dem es gelungen ist, dem Exil und der Entwurzelung universellen Ausdruck zu verleihen.
Raffaele Taddeo

Hajadri gehört zu jenen Dichtern, deren Schicksal unauflöslich in ihr Schreiben verwoben ist: es ist unmöglich von ihren Gedichten zu sprechen, ohne den Blick zugleich auf ihr Leben zu richten. Ihre Kraftquellen liegen dort, wo für andere Dekadenz und Ästhetizismus beginnen. Dichter, die mit ihrer eigenen Person für ihr Werk einstehen, kann man heute an fünf Fingern abzählen.
Luigi Manzi

Wenige Dichter haben wie Hajdari in solch profunder Weise der Merkwürdigkeit Ausdruck verliehen, die Sprache zu bewohnen, und kaum ein zeitgenössischer Lyriker ist sich in einer Epoche der Sprachspiele so sehr des Wortes und seines Wertes bewusst.
Viktor Berberi

 

Beitrag zu diesem Buch:

Gerrit Wustmann: Mondkrank im Exil
fixpoetry.de, 10.3.2014

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Gëzim Hajdari spricht mit Ennio Cavalli und liest eigene Gedichte.

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