Glückwünsche an Adolf Endler

Adolf Endler wäre am 20.9.2010 80 Jahre geworden.

Mashup von Juliane Duda zu der Kategorie „adhoc“

adhoc

Das gerade Hans-Dieter Schütt im Neuen Deutschland vom 10.9.2010(!) daran erinnert, hätte ihn womöglich (bis zum Lachen) erschüttert. Aber wer weiß. Auf Planetlyrik finden sie hier die Artikel über den Autor, der 2009 starb.

Deine Prosa ist Jazz

− Bei-sich-bleiben: Zum 80. Geburtstag von Adolf Endler. −

Als der Leipziger Jazzkritiker Bert Noglik Anfang der 80er Jahre Adolf Endler bescheinigte „Deine Prosa ist Jazz“, nahm Endler das selbstverständlich als Lob und freute sich „diebisch“. Er sah seine Arbeit angemessen beurteilt. Er beschrieb, wie ihn diese Musik 1942 als Zwölfjähriger über BBC, AFN und auch Radio Moskau gehört, zu faszinieren begann, „ein Generationserlebnis“. Eine schöne Vorstellung: Endlers 80. Geburtstag, gefeiert mit Jazzmusik nach seinem Gusto. Sein Tod am 2. August 2009 hat auch das nicht mehr zugelassen.
Adolf Endler wurde am 20. September 1930 in Düsseldorf geboren, als Sohn eines aus Böhmen stammenden Vaters und einer flämischen Mutter. Daß er als Heranwachsender nicht vom Gift des Nazismus infiziert wurde, führte Endler auf diese Verbindung zurück.
1955 siedelte er in die DDR über, durchaus aus politischen Gründen. Näheres dazu, aber auch zu seiner rheinländischen Kindheit im Krieg, zu seiner Zeit am Leipziger Literaturinstitut und den kulturpolitischen Auseinandersetzungen in der DDR, in dem dieser Tage posthum erschienenen Buch Adolf Endler: Dies Sirren. Gespräche mit Renatus Deckert (Wallsteinverlag).
In der DDR arbeitete Endler beim Trockenlegen der Wische, einem großen Meliorationsprojekt der DDR, als Kranführer und Transportarbeiter im Zellwollwerk in Wittenberge, wie im Gedicht „Nachts im Schwefel oder Transportarbeiternacht“ (1962) beschrieben:

O Schwefel, stäube aus dem Waggon! Wir treiben dich weiter.
Schwefel, nachts wie vereister, glitzernder lockender Schnee!
Schwefel, am Morgen vergilbend, am Tag gelb wie Glühender Eiter!
(…)
Mit geschwefelten Haaren taumeln wir schwer in den Morgen

Nach und nach begann sich Endler an den Verhältnissen in der DDR zu reiben, lange bevor er 1979 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Von da an war Endler, bis auf den bei Reclam Leipzig erschienenen Gedichtband Akte Endler (1981; 2., erweiterte Auflage 1988) in der DDR als Autor offiziell nicht mehr existent. Bücher wie »Ohne Nennung von Gründen. Vermischtes aus dem poetischen Werk des Bobbi ‚Bumke‘ Bergermann (1985) und Schichtenflotz. Papiere aus dem Seesack eines Hundertjährigen (1987) erschienen nur im Westen. Endler blieb aber für die Interessierten durch weitergegebene Bücher und Texte, durch Wohnungslesungen und seltenen öffentlichen Lesungen ein rarer, aber wichtiger Autor. Er hat diese wenigen Gelegenheiten gut genutzt, ohne falsche Rücksichtnahme, kannte auch hier, wie beim Schreiben, keine Tabus. Seiner Art zu schreiben, das Vermischen von Dokumenten, Zeitungsmeldungen u.ä. mit phantastischen und grotesken Geschichten, von ihm selbst „Phantasmagorisches Schreiben“ genannt, merkt man an, daß sie ihm selbst viel Spaß bereitete. Es war befreiend, ihm zuzuhören, oder wie es Wolfgang Hilbig ausdrückte: „Jedesmal, wenn man etwas von Dir liest, glaubt man, man müsse sich augenblicklich totlachen. Doch dann merkt man plötzlich, daß man schon tot war, und daß man sich wieder lebendig gelacht hat.“ Thorsten Ahrend, Endlers langjähriger Lektor, nennt das ein „Bei-sich-bleiben gegen alle Zumutungen“. Für ihn ist das „Subversiv sein“ eine „Endlersche Grundkonstituente, im bürgerlichen oder eher unbürgerlichen Leben und in der Literatur“. Endler hat der DDR einen Spiegel vorgehalten, den deren Offizielle vielleicht für einen Zerrspiegel hielten, aber für mich wurden dieser Staat, seine Vertreter, seine Verhältnisse nie kenntlicher.
Endler war für viele jüngere Autoren wichtig, als Autor wie als moralische Institution. Er selbst dazu in seiner Dankesrede für den Bremer Literaturpreis (2000): „Immer wieder entdeckt hat mich (…) eine Handvoll Dichter-Kollegen vom nunmehr zerspellten Prenzlauer Berg (Andreas Koziol, Frank-Wolf Matthies, Peter Wawerzinek, Jan Faktor, Wolfgang Hilbig), durch deren Gedichte, Essays, Erzählungen ich gleißend hin- und hergeistere, daß es nur so fetzt.“
1999 erschien die umfangreiche Gedichtsammlung Der Pudding der Apokalypse. Gedichte 1963 – 1998 (Suhrkamp). In seiner Nachbemerkung vermutete Endler, dieser Band würde ihn „als eine der verwachsensten Gurken der neuen Poesie zeigen“. Aber Anerkennung und Begeisterung waren groß. Jens Jessen nannte den Band, so kühn wie richtig, „den in Wahrheit bedeutendsten vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts“.
Auf Endlers Grab auf dem Pankower Friedhof steht eine wunderschöne Stele mit einem seiner Gedichte. Außerdem sind darauf zwei Figuren zu sehen, von Helge Leiberg entworfen, eine Tänzerin und ein Saxophonist. Es ist Jazz.

Gerd Adloff, junge Welt, 18.9.2010

Für Adolf Endler am 7. August 2009

Wenn mehr als zwei oder drei Autoren zusammensitzen, ist es gemeinhin ja so, dass Abwesende eher schlecht wegkommen. Das Bemerkenswerte daran, jenseits der richtigen, echten Freundschaften, die natürlich anderes meinen: Freund und Feind wechseln mitunter ja nach Tischordnung. „Dran“, dass über ihn hergezogen wird, ist dann irgendwie mal jeder.
Mir will es scheinen, dass Adolf Endler da eine fast singuläre Ausnahme ist. In der ganzen großen Literaturwelt gibt es überhaupt niemanden, der von Eddi Endler nicht mit dem allergrößten Respekt gesprochen hätte, sprechen würde.
Zu „Orplid“ ins Cafè Clara kamen sie alle: die vielleicht miteinander schon lange nicht mehr redeten: die ansonsten überhaupt gegen Lesungen waren; die zumindest selbst keine machten. Oder normalerweise astronomische Honorarforderungen hatten. Bei Brigitte und Adolf Endler waren sie alle. Ein Who ist sho der neueren deutschen Poesie.
Dass es so niemanden gibt, der von Eddi Endler jemals schlecht gesprochen hätte, ist umso erstaunlicher, als er selbst ja weiß Gott keine klaren Worte oder gar Lästerreden gescheut hat. Oder gerade nicht? Vielleicht liegt es im Gegenteil DARAN, sodaß es überhaupt nicht erstaunlich ist? Sondern folgerichtig? Schweigen frisst Schweigen ist immerhin Radlof Edels Lieblingsdevise.

Jedermanns Freund war Endler ganz gewiss nicht. Die heute hier sind, klar, haben zu Eddi alle ein freundschaftliches, ein familiäres, ein liebevolles Verhältnis. Und natürlich sagt es auch etwas aus über jemanden: wen er Freund nennt, wer ihn einen Freund nennt. Endler konnte ein großer Freund sein. Ich will nicht Anwesende nennen und dabei dann unweigerlich einen Namen ungewollt vergessen, sondern es sollen nur beispielhaft Autoren genannt sein, die vor ihm gegangen sind: Klaus Schlesinger etwa, Wolfgang Hilbig, Karl Mickel. Freundschaften, gewiss nicht frei von Streit und Meinungsverschiedenheiten – gerade nicht!! −, aber immer und ohne jeden Vorbehalt verlässlich und vollkommen frei von der Gefahr des Verrats.

Das gilt sogar für die Menschen, deren Freund Endler nun gerade nicht war. Niemand musste fürchten (bzw. konnte sich in der Hoffnung wiegen), Endler würde ihm oder ihr ins Gesicht lauter Freundlichkeiten sagen und hinterm Rücken uns gegenüber Dritten ganz anderes. Eddi bei einer Schummelei zu ertappen, einer Lüge gar – mir ist das geradezu ein nicht vorstellbarer Gedanke. Ausgeschlossen. Es gab da kein Taktieren oder Mal-so-mal-so-Reden. Davon konnten auch seine, ja Feinde ist vielleicht nicht das richtige Wort, besser vielleicht: „die von ihm weniger Geschätzten“ ausgehen. Und nicht selten habe ich solche Leute wie verschämt und gewunden eingestehen hören: Sie wussten das auch. Und nicht einmal sie sprachen Schlechtes über Endler.
Wen Eddis Zorn und Lästerrede traf, fast will es mir selbstverständlich vorkommen zu sagen: der musste es auch verdient haben.
Von Johannes R. Becher und Endlers Meinung über dessen Sonettkunst wollen wir hier gar nicht lange reden. Am Ende wird der Name Johannes R. Becher in die Literaturgeschichte nur dadurch eingehen, dass er als Figur in zahllosen Texten von Adolf Endler vorkommt.
Wieso kommt mir dieser Mann so GERADE vor, der sich doch selbst als eine der verwachsensten Gurken der neueren Poesie bezeichnet hat? Der von den reichlich krummen Wegen seines Lebens sprach, das ihn 1955 in die kunstfreundliche DDR führte? Das Gedicht „Ichkannnixdafür“ oder „Akte Endler“ werden nicht wenige hier kennen, fast sind sie ja sprichworthaft geworden.
Endler war für mich früh, für viele in meiner Generation, die nach Orientierung abseits verordneter Sprechblasen suchten, eine Instanz. Wir wurden früh süchtig nach den Reden des irren Fürsten, den Exzessen Bubi Blazezaks, dem Inhalt des Seesacks eines Hundertjährigen, nach Bobbi Bumke Bergermann, den Jungs von Ypsilon Acht und ihrem Lagebesprechungswinkel. Nach der schleimlösenden, phantasmagorischen Prosa, nach den Versen echter Dankbarkeit und den Versen der Entsagung.
Und den Ratschlägen, die der Träger der Broncemedaille des Deutschen Turn- und Sportbundes sich im Gedicht durch den Volksmund selbst gab:
Tabus? – Wat denn, wat denn! Wenn du det nur allet ümma in unsahn Sinne anfassen duhst…

Endler war eine solche Instanz auch, aber das muss ich hier nicht ausführen, für viele, vielleicht ist es erlaubt, das so generalisierend zu sagen: für die Autoren des Prenzlauer Berges, für die Prenzlauer-Berg-Connection, der er den Namen gab ebenso wie der Sächsischen Dichterschule.
Nicht zuletzt wurde Eddi zu einer Instanz, weil er, als ich zu lesen begann, längst fern von opportunistischen Zugeständnissen an die Kulturpolitik, mit den eigenen frühen Suchbewegungen und Irrungen nicht verschwiegen umging. Im Gegenteil, er stellte sie fast demonstrativ aus, sich selbst zum Objekt von Spott, Hohn, Scham machend.
Ein bisschen kommt es mir merkwürdig vor, gerade bei dem Pathos scheuenden Eddi so etwas wie einen Moralbegriff so hochzuhalten, aber es ist trotzdem so, Dieses Bei-sich-Bleiben gegen alle Zumutungen, das beschreibt diesen Dichter. Es gehört freilich sofort dazu und darf nicht erst in zweiter Linie mitgedacht werden: Es geht nicht lediglich um eine politische Haltung, denn mit der Vokabel „Dissident“ sind ja nicht alle Fragen beantwortet. Insofern sie dafür benutzt wird, letzte Antworten vorzugaukeln, ist diese Vokabel jemandem wie Endler im Gegenteil hoch verdächtig gewesen. So hat er vollkommen klar und glaubwürdig differenziert, als eine ganze Literaturrichtung in den Orkus verschoben werden sollte, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Literatur und dem zugrunde liegenden Schreib- und Lebenskonzept des Prenzlauer Bergs auf der einen und dem Verhalten einiger ihrer Protagonisten auf der anderen Seite. Gerade das Ausprobieren, das Experimentieren, das Spielen mit dem Sprachmaterial bezeichnet bei Endler ein Bei-sich-Bleiben. Subversiv sein ist für mich eine Endler’sche Grundkonstituente, im bürgerlichen oder eher unbürgerlichen Leben und in der Literatur. Er selbst sah sich in der Tradition von René Char oder André Breton, er war ein Kenner surrealistischer Literatur, er hatte ein Faible für Dada. Er experimentierte und collagierte, sammelte Zitate von „Bummi“ bis „Der Diensthund“ wie ein Besessener (in einem gerade veröffentlichten längeren Gespräch gesteht er, dass er schon in jungen Jahren 30 Zeitschriften monatlich durcharbeitete). Was oft und vielen verborgen geblieben ist, weil Eddi selbst niemals darum ein großes Getue gemacht hat: Er war ein enzyklopädisch belesener Mann, der sich in den deutschen und internationalen Literaturströmungen nicht nur des zwanzigsten, aber im zwanzigsten besonders, ausgekannt hat wie nicht leicht ein zweiter. Seine viel zu wenig gelesenen Essays geben eine Ahnung davon.
Aber er protzte nie mit Wissen, sondern liebte das Understatement.

Was bei Endler so leichtgemacht wirkt, was Lachen erzeugt beim Zuhören und Lesen, das fußt auf einem riesigen Berg ästhetischer Voraussetzungen. Er hatte auch deshalb ein untrügliches Gespür für Qualität. Von fremden Texten und von eigenen, immer wieder überarbeitete er sie, arrangierte sie neu in andere Kontexte. Ich bin ein Vertreter des Deutschen Humors!, schmetterte er Frau Prof. Dr. Löffler mit Ausrufezeichen entgegen. Schwarzhumorig hat Endler sich genannt, mit scharfer Neigung zum Grotesken.
Ich – dumm. Ich mach anders!, könnte vielleicht als Motto über all meinem Geschreibsel stehen, heißt es im Tarzan.
Wer jemals Endler lesen gehört hat, wird seine donnernde Stimme stets mithören beim Lesen. In der oft melancholischen Atmosphäre der Literatur in der DDR war er eine anarchische Urgewalt. Keine Klage darüber, dass man nichts ändern könne an den versteinerten Verhältnissen, sondern das Spiel mit dem surrealen Material, zu dem ihm die DDR mehr und mehr wurde. Bei seinen Lesungen, seit seinem Verbandsausschluss 1979 immer seltener in öffentlichen Räumen, immer häufiger in Wohnungen in Berlin oder später in Leipzig Connewitz, war das dominierende Geräusch ein wieherndes Gelächter des Publikums. Aber eben gerade nicht das selbstgenügsame, sich auf Schenkel und Schulter klopfende Gelächter, das nur die bestehenden Verhältnisse befestigt, sondern ein Höllengelächter, das an den Grundfesten rüttelt. Das etwas Unheimliches hat. Hilbig hat das in einer Laudatio auf Endler genau beobachtet und beschrieb es so: Es war ein Gelächter wie zum Selbstschutz, mit einem unauflöslichen Zusammenhang von Lachen und Trauer.
Endlers phantasmagorische Prosa, seine manchmal so hallodrihaft daherkommenden Verse zeichnen von einer immer verrückter werdenden Wirklichkeit, die auch heute nicht einfach vergangen ist, ein viel genaueres Bild als tonnenweise Bücher, die sich realistisch nennen. Endler auf das Stichwort DDR zu reduzieren, das hat Manfred Behn schon früh so lax wie richtig zurückgewiesen: Armer Joyce, den nur die Dubliner verstanden hätten. Natürlich sind Literaturpreise kein Kriterium, aber es ist doch nicht ohne Aussage, dass nach 89 vom Brüder-Grimm-Preis, vom Preis des SWF, über den Huchel-Preis, den Bremer-Literaturpreis, den Nossack-Preis bis hin zum Rainer-Malkowski-Lyrikpreis vor wenigen Monaten fast alle wichtigen Literaturpreise der Bundesrepublik Adolf Endler zuteilwurden.

Wir alle haben diesen Dichter, dessen Stimme vor gar nicht langer Zeit noch so raumfüllend donnerte, dessen Kichern so ansteckend wirkte, in den letzten Jahren schwächer werden sehen. Seine Kräfte schwanden, Krankheiten machten ihm zu schaffen, sodass ihn nicht selten Resignation überfiel. Zur Seite standest du ihm, Brigitte, seit Anfang der Achtziger, dein halbes Leben, das dir wie ein ganzes vorkommen wird.
Er schrieb weniger zuletzt, sichtete stattdessen mit deiner Hilfe die Zettelkästen und Hefter, ging schon geschriebene Fassungen wieder und wieder durch.
Es entstanden neue Bücher, und ich hatte das Glück, seit Tarzan am Prenzlauer Berg an allen den Büchern in verschiedenen Verlagen ein bisschen mitzutun. Von Endler stammt die unsterbliche Notiz: Herumgetrieben hat er sich, sonst nichts, herumgetrieben bis zum vierzigsten Lebensjahr – und immer im selben Zimmer! Auf seine Verlagsbeziehungen trifft das nicht zu, in der DDR, verzögert oder gar nicht gedruckt, leuchtet das sofort ein. Aber auch in der Bundesrepublik vor 89 gab es fortwährende Herumzieherei. An den Wechseln seit dem Ende der DDR bin ich nicht ganz unbeteiligt; vor mir versuche ich mich zu entschuldigen: Ichkannnixdafür!, aber eine Begebenheit sei hier gestanden: Als ich vor mittlerweile schon wieder mehr als 5 Jahren meinen damaligen Verlag verließ (zwei Endler-Bücher waren dort mit einigem Erfolg erschienen), besuchte ich Eddi und riet ihm, zu bleiben für die noch zu schreibenden Bücher, zumal das Renommee des Hauses mir die für ihn beste Lösung zu garantieren schien. Er wehrte unwirsch ab. „Wer soll sich denn dort für meine Krümelchen interessieren?! Ich lieg da wie’n Findelkind.“ – wir verabredeten, dass er auf jeden Fall Signale abwarten solle und nicht vorschnell handeln. Aber das schien ihm nur Formsache. „Wenn de mich mitnehmen kannst, komm ich lieber mit.“ So er. Und ich versprach ihm, was mir selbstverständlich schien: nie könne ich in einem Verlag sein, in dem es für den Dichter Endler keinen Platz gäbe.
Ich bin unendlich dankbar für das Vertrauen, das mir nun über fast 20 Jahre gegeben wurde. Wir haben 8 Bücher miteinander in die Welt gesetzt; und im nächsten Frühjahr wird es ein weiteres geben.

Ich möchte ein paar Sätze zitieren am Schluss, die Sie alle kennen; das ist unoriginell, aber ich kann das nicht besser sagen, als Wolfgang Hilbig es in seiner Liebeserklärung an Endler gesagt hat: „Lieber Eddi, ich habe nach deinen Büchern stets wie nach einem Strohhalm gegriffen. Du bist einer der Schriftsteller, die man notwendig nennen muss… Jedesmal wenn man etwas von dir liest, glaubt man, man müsse sich augenblicklich totlachen. Doch dann merkt man plötzlich, dass man schon tot war und dass man sich wieder lebendig gelacht hat.“

Wir danken dir so viel, und wir können dir das nicht zurückgeben, so gern wir dich wieder lebendig lachen würden.

Adolf Endler starb am 2. August 2009 in Berlin. Die Trauerrede wurde am 7. August 2009 auf dem Städtischen Friedhof in Berlin-Pankow gehalten.

Thorsten Ahrend, in: Die Addition der Differenzen, Verbrecher Verlag, 2009

Laudatio auf Adolf Endler

Zum Brandenburgischen Literaturpreis Dezember 1994

Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, verehrte Damen und Herren,

lesen Sie lieber die Bücher von Adolf Endler. – Wir, die wir uns hier eingefunden haben, um dem diesjährigen Träger des Brandenburgischen Literaturpreises unsere Reverenz zu erweisen, wir kennen natürlich mehr oder weniger seine Gedichte und Prosatexte, aber eine Laudatio wird in der Regel auch noch veröffentlicht. Daher noch einmal:
Lesen Sie die Texte von Adolf Endler, diese Laudatio müssen Sie nicht unbedingt gelesen haben. – Eine solche Rede gehört im allgemeinen zum Ritual einer literarischen Preisverleihung: an dergleichen Veranstaltungen habe ich mehrfach teilgenommen, in allen Fällen mit großer Sympathie für die Preisträger, um die Preisrede habe ich mich stets, auf Kosten eines Kollegen, herumgewunden, an dieser hier aber komme ich nicht vorbei. An dieser will ich nicht vorbei, denn sie gibt mir Gelegenheit, in einem Wort eine schon lange gehegte Empfindung auszusprechen, und dies sogar noch öffentlich. Ich lasse diesem Wort ein gewisses Zögern vorausgehen, denn es gebührt diesem Wort. Und eigentlich gehört, was es ausdrücken will, zum ganz normalen Umgang mit der Literatur, meiner Ansicht nach jedenfalls, doch unser Umgang mit der Literatur ist nicht mehr normal. Unser normaler Umgang mit der Literatur ist aufgefressen worden von der Kritik und ähnlichen Medienereignissen; daß dies so ist, hat seine Geschichte: die Wehrlosigkeit der Literatur, und ihre Benutzbarkeit, an der sie selbst schuld ist, weil viele ihrer Vertreter nicht akzeptieren wollen, daß sie keine Macht hat … die Macht haben zu wollen, das ist aber eine Feigheit, und diese hat die Literatur oft genug zu einer Art Kampfmaschine in den Arenen simulierter Moral werden lassen. Wenn Sie über die grotesken Finals dieser Schaukämpfe etwas wissen wollen, dann kann ich Ihnen nur noch einmal empfehlen: Lesen Sie Adolf Endler.
Von dieser Geschichte zehren wir noch heute. Unter anderem deshalb ist dies eine Zeit, in der sich reine Lobreden immer schwieriger zu gestalten scheinen, sie werden allzu oft in Verteidigungsreden umfunktioniert. Nicht genug, daß der Preisredner sich auf Punkte konzentriert, in denen er sich mit dem Preisgekrönten einig glaubt … wonach die Schlußfolgerung nicht unbedingt falsch wäre, der Redner habe im Grunde genommen sich selbst verteidigt … noch mehr, es ist üblich geworden, daß man eine Laudatio dazu benutzt, Meinungen auszubreiten, die man schon lange einmal loswerden wollte.
Am Ende werde ich solchem Brauch auch nicht entgangen sein, doch es kann dies vielleicht gerechtfertigt werden mit dem Versuch, eine Teilantwort zu geben auf die Frage nach der ,Welthaltigkeit‘ einer Literatur, die im Osten geschrieben wurde … in unserem speziellen Fall eine Literatur, die in ihren bisherigen Hauptsachen nur im Osten geschrieben sein konnte, und die aus dieser Tatsache kein Genügen für irgendeinen ,Bonus‘ abgeleitet hat, sondern etwas ganz anderes, nämlich Trauer.
Das Wort ,Welthaltigkeit‘ ist nicht meine Erfindung: es war ein Bestreben der Literatur darin ausgedrückt, die im Osten geschrieben wurde, es war ihr nahegelegt von der sozialistischen Literaturplanung, anfangs zumindest noch, und es war eine Erfüllungsanforderung aus der Kritik von draußen, und draußen verstand man sich als ein Teil jener ,Welt‘, in der man das gute Reden hatte, das ihr Gehalt war.
Das gute Reden hat bis heute nicht aufgehört, denn es ist bis heute von keiner Idee getrübt, wie es den Gehalt der Mauer gestärkt habe, die den Osten von der Welt abgeschnitten hat.
Eigentlich rede ich hier an gegen eine Fiktion, dieser ,Weltgehalt‘ ist vielleicht eine Fiktion … dann wäre auch sein Postulat eine Fiktion, und es ginge von der wenig zuversichtlichen Annahme aus, die Welt könne vor irgendeinem Beton zu Ende sein.
In der deutschen Literatur in östlicher Hinsicht findet sich zu den Texten von Endler kaum etwas Vergleichbares, ihre Originalität, ihr Gehalt und ihre Welt sind einer Atmosphäre erwachsen, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nur an dem Ort zu finden war, auf dem sie spielen … und sie spielen dort so evident, daß man geneigt ist zu sagen, sie sind diese Atmosphäre. Ich für meinen Teil wüßte nichts über Ostberlin ohne die Texte Endlers, obwohl ich ein paar Jahre dort gewohnt habe. Aber es geht in der Literatur nicht so sehr darum, etwas zu wissen, ihre Erfahrungsweise ist eine andere. Die Erfahrung der Ausgrenzung zum Beispiel ist eine spezifische Erfahrung dieser Welt, und man erfährt nichts über sie, wenn man um ihren Tatbestand weiß. Das trifft zu auf die meisten, die ihren Kopf ab und zu hier hereinsteckten … sie erfuhren nicht einmal etwas von der Ahnung, daß sich Ostberlin (mit seinem Umland, das von ihm gesteuert war) gelegentlich in eine vakante Immobilie verwandeln könne: zwei Spaziergänger auf ihrem Nachhauseweg, Adolf Endler und Erich Arendt, schienen davon allein etwas zu ahnen. Was wird aus dieser Welt? das ist die ahnende und unauflösliche Frage in Endlers Texten … die Frage nach dem Weltgehalt solcher Texte ist eine simulierte Frage, und sie ist geeignet, die Ausgrenzung, nach deren Folgen sie zu fragen meint, noch zu vertiefen.
Die Folgen der Ausgrenzung sind bekannt: die Einwohner auf dem Territorium der DDR – so nannte man das damals −, die eigentlich eingegrenzt waren, fühlten sich immer mehr ausgegrenzt, sie nahmen den behaupteten Mangel ernst; immerhin informiert, daß die ,Welt‘ existent sei, wenn auch, vermutlich, draußen, machten sie sich auf die Suche nach dieser Welt. Was daraus wurde, ist bekannt: sie veränderten das Bild der Welt in ein paar Monaten so grundlegend, daß einer der Führer der alten Welt, der amerikanische Präsident Bush, plötzlich merkwürdig zurückgeblieben und fast lächerlich aussah, als er 1989 verkündete, er wolle nun den Kalten Krieg beenden. Denn die Leute in Ostberlin, Leipzig, Magdeburg, Dresden, Prag, Budapest usw. waren gerade im Begriff, dies zu tun.
Und wer, so muß man inzwischen fragen, grenzt sich jetzt aus, wenn man der Literatur des Prenzlauer Bergs, wie ich es mehrfach gehört habe, eine Sprache für Eingeweihte vorwirft. Aber vielleicht war das schon nicht mehr ein Vorwurf, sondern nur noch eine Klage. Nach einem Vorwurf konnte es nur klingen, wenn es von der westdeutschen Kritik kam, wo man sich in der Welt der Bücher von Arno Schmidt, zum Beispiel, sehr eingeweiht fühlte, jedenfalls sagte man dessen Romanen nicht das Gegenteil nach, und auch, fast noch mehr, in das mythologische Dublin von James Joyce war die westdeutsche Kritik eingeweiht. Um im Prenzlauer Berg eingeweiht zu sein, hätte man ein paar S-Bahn-Stationen weiter fahren müssen als gewohnt, aber es lag der Zwangsumtauschsatz davor. Wenn man hier Leute aus dem Westen traf, die sich um Literatur kümmerten, so kamen diese aus Amsterdam oder aus Austin in Texas. Dementsprechend klingt das, was man im westdeutschen Feuilleton über uns nachlesen kann. Wenn es dort um Endler geht, stoßen wir auf Hilfsbegriffe wie soziographisch, ethnologisch usw. – wir geben uns Mühe zu vergessen, daß die Ethnologie von stalinistischen Ideologen einst als eine Art Nachfolgeorganisation des Kolonialismus angesehen wurde … nein, dergleichen Assoziationen sollten uns eigentlich gestohlen bleiben.
Ich weiß nicht, ob es eine bündige Definition geben muß für die Jahre, die vor dem Ende der DDR lagen: womöglich für die Historiker, für die Literaten vielleicht nicht unbedingt. Man hat es aber gerade unter den Schriftstellern versucht: Einschlußsituation, Übergangsgesellschaft … wenn diese Begriffe auch auf ihre Weise stimmten, sie gingen, zumindest der letztere, von falschen Voraussetzungen aus.
Es gab einen anderen Begriff, der ebenfalls richtig war und dennoch realitätsblind: er hieß Leseland. Nachdem der zuständige Minister für Kultur die Bezeichnung zum öffentlichen Gebrauch freigegeben hatte, waren wir für diejenigen, die uns von außerhalb begutachteten, endlich ganz zu einem Volk von Idealisten geworden. Aber damit war der Begriff ,Leseland‘ natürlich auch zum Abschuß freigegeben. Und folgerichtig war nach der Wende für einen Hauptteil des westdeutschen Feuilletons und für dessen Leser, und für deren westlich zurückgebliebene Sachverständige aus dem Osten, der ganze Prenzlauer Berg eine Installation der Stasi. Wozu dann noch die Spitzel und Wanzen in der Szene … auch darauf erfolgte die richtige Antwort: das Monstrum bespitzelte sich natürlich andauernd selber.
Nein, das Bild, das vom Prenzlauer Berg kursierte und das es nach der Wiedervereinigung zu demontieren galt, war eine Gemeinschaftserfindung des DDR-Kulturministeriums und des westdeutschen Feuilletons. Und freilich war es der deutschen Kritik (es gab eigentlich nur eine: die öffentliche deutsche Kritik war die des westdeutschen Feuilletons) auf dem schwierigen und konspirativ-unsicheren Gelände, in den inoffiziellen Bereichen dieses ,Leselands‘ unheimlich, sie korrespondierte lieber mit den Verlautbarungen der HV Verlage (Hauptverwaltung Buchhandel und Verlage im DDR-Kulturministerium, mit den Mannen Hermann Kants oder Klaus Höpckes. Überhaupt muß man sich fragen, was dort draußen unter dem Begriff ,Lesen’ verstanden wurde. So wie die Formel Höpckes im deutschen Feuilleton repetiert wurde, schien da manchmal fast die Unterstellung mitzuschwingen, wir hätten das, was wir hier lesen durften, auch noch geglaubt. Solche Wortschöpfungen zum Beispiel wie Glühende Verfechter …
Die Antwort, was dies bedeuten könne, lautete: Bald Asche, allzubald Asche, mein Kind! (Adolf Endler: Tarzan am Prenzlauer Berg. S. 177)

Vielleicht sind die Veränderungen, die 1989 – also zufällig auch noch 200 Jahre nach der Französischen Revolution – begannen, ihren Lauf zu nehmen, wenn man sie denn revolutionär nennen will, tatsächlich zuerst eine semantische Revolution gewesen. Wenn ich Endler lese, dann komme ich von dem Verdacht nicht los, wir seien vielleicht 200 Jahre mit den falschen Begriffen umgegangen: in Endlers Texten hat dieser Zustand eine gewisse Spitze erreicht, er wird schrill und überschlägt sich, ein Zustand, wiehernd wie das Gelächter, das seine Geschichten bei öffentlichen Lesungen oft schon prophylaktisch auslösten … wie zum Selbstschutz, denn wenn man die Texte später nachlas, waren sie eigentlich beklemmend oder todtraurig. Nein, im Grunde kann man keine anderen Charakteristika für seine Texte finden, als die, die er uns selbst vorgeschlagen hat, zum Beispiel: Vorbildlich Schleimlösend. Wirklich bin ich beim wahllosen und nächtelangen Herumlesen in seinen Büchern immer tiefer hineingetaucht, und es kochte etwas um mich, und es braute sich da etwas zusammen, ich sagte mir abwehrend, es sei nur die Luft des Prenzlauer Bergs, doch es half mir auch nicht weiter … und tatsächlich trifft auf einige seiner Geschichten das Wort zu, das er mir angehängt hat, besonders auf diejenigen, die etwa um das Jahr 2008 spielen, Devils Lake, North Dakota, nämlich das Wort höllisch, und ohne diese Texte hätte ich nur einen weit hergeholten Begriff von der Hölle gehabt … und ich redete mich immer wieder heraus und sagte, so weit sind wir noch nicht, aber dann waren wir irgendwie doch schon so weit. Und jedesmal, wenn ich aus diesem Ansturm der Wörter endlich wieder auftauchte, dann war der Schleim in der Tat ab. Und ich mußte mir sagen, diese Texte haben im besten Sinne eine reinigende und befreiende Wirkung. Und nach der Lektüre dieser Bücher hatte das ganze Herumstochern in der Literatur und in der Sprache plötzlich wieder einen Sinn.

Jetzt bin ich fast am Ende dieser Rede, und ich muß endlich zu dem Wort kommen, das ich schon eingangs angekündigt habe. Das Wort heißt ,Liebe‘, und es kommt in Bezug auf die Literatur immer seltener vor, nicht weil es so selbstverständlich wäre … nein, dieses Wort ist so verschüttet vom Kampfgeschrei des Literaturbetriebs, in dem es um die restlichen Pfründe geht, daß es wie eine Hilflosigkeit wirkt, wenn man es gebraucht.
Ich hatte es mit dieser Laudatio ziemlich leicht, sie ist fast persönlich geworden, im persönlichen Bereich kann man auf sogenannte Werkanalysen verzichten, von denen ich keine Ahnung gehabt hätte. Ich hatte hier die öffentliche Gelegenheit, meinen Dank abzustatten an einen Autor, von dessen Büchern ich mich lange Zeit förmlich ernährt habe.
Lieber Eddi, ich habe nach Deinen Büchern stets wie nach dem berühmten Strohhalm gegriffen. Du bist einer der Schriftsteller, die man notwendig nennen muß … was ich allerdings mit einem gewissen Vorbehalt sage, denn dies kann zu einer schweren Anforderung werden für einen Schriftsteller: was aber zu wenden wäre, darüber entscheidest Du. Deshalb komme ich noch einmal auf die angenehmste Seite an Dir zurück: auf den unauflöslichen Zusammenhang von Lachen und Trauer. Jedesmal, wenn man etwas von Dir liest, glaubt man, man müsse sich augenblicklich totlachen. Doch dann merkt man plötzlich, daß man schon tot war, und daß man sich wieder lebendig gelacht hat.

Wolfgang Hilbig, Laudatio auf Adolf Endler zur Verleihung des Brandenburgischen Literaturpreises, Dezember 1994

In memoriam Adolf Endler

„Ich schreibe wie jemand, der sich die Pulsadern aufschneidet“, notierte der Dichter Giorgos Seferis am 7.9.1926 in seinem Tagebuch – was zumindest eine pathetische Umschreibung für den „existentiellen“ Wert der Dichtung in seinem Leben war. Adolf Endler hat genauso geschrieben, gefühlt und gelebt. Er war „Dichter“, durch und durch. Eine Mischung aus Transportarbeiter des Worts, belgischem Bohemien, antifaschistischem Eremiten und „böhmischem Zigeunergeiger“. Er erschien mir immer wie ein pulsierendes Intellektum, ein energiegeladenes Bündel.
Ich „entdeckte“ ihn 1979 über seine wunderbaren Nachdichtungen der Gedichte des Alexandriners Konstantin Kavafis, die mir in gewisser Weise Vorbild waren für meine spätere eigene Arbeit:

Ihr Plätze und ihr Viertel, Gegend, wo ich wohne,
Die ich vor Augen habe und durchmesse, Tag für Tag:
Ich war’s, der euch erfand in größtem Glück und tiefster Traurigkeit,
Die vielen Episoden, mannigfachen Wesen –
Jetzt ganz und gar voll Leben und Gefühl, sei’s nur für mich.

Endler war für mich eine ernste Angelegenheit, sein Alter Ego Bubi Blazezak ein polternder universeller Geist. Endler gewann eine knisternde Klarheit in seinen ausschweifenden Texten, und zugleich durchdrang ihn ein entwaffnender Humor, den er mehrfach in diversen Samistad-Drucken, z.B. in den Bizarren Städten, kucken ließ. Denn von Endler wurde kaum was veröffentlicht zu DDR-Zeiten, dafür konnte man ihn oft im kleinen Kreis erleben, lesen hören, und ab und an schwang er auch sehr gekonnt außer-literarische Fahnen.
Adolf Endlers Existenz war einer der Gründe, warum man es als Intellektueller noch in der DDR aushielt. Ich empfand es jedenfalls damals so. Er war der Tarzan des Prenzlauer Bergs, ich war der Neger in Pankow. Endler bedeutete für mich eine Art Heimat in der transzendentalen DDR-Obdachlosigkeit.

Asteris Kutulas, facebookseite bizarre städte, 16.1.2013

Prenzlauer Berg hat sich als kreative Nische erledigt

− Ein Abgesang auf den Prenzlauer Berg – und eine Erinnerung an den großen Dichter Adolf Endler. −

Es soll einmal eine Zeit gegeben haben, da sind die Menschen, die Künstler selbstverständlich auch, die Besten der Besten, beinahe in Agonie verfallen. Es hätte wahrhaft nicht viel gefehlt und die Menschen wären in jener angesagten Region verblödet. Zu reden ist von Prenzlauer Berg, dem Stadtbezirk mit auffallend hohem Künstleranteil, was allein schon verschiedenste Ängste, Größenwahn und existenzielle Auswüchse mit sich bringt.
Unterstellung schafft Misstrauen, Schuld, Außenpolitik. Die seelische Unruhe Einzelner ruft den Staat auf den Plan. Die Ministerien bilden Fettaugen aus, heuern Schleifsteine an, schicken Hornochsen und Hornissen. Der Kampf ums Eigene führt geradewegs in die Pantomime. Der Kampf um die internationale Anerkennung beginnt mit der Gedichtzeile dessen, der hohnlacht. Hohnlachen schafft die schönsten Balladen. Und: Die Liedermacherei ist eine völlig überbewertete Kunstform. Losungen fordern Schmähreden heraus. Chorgesang bedient sich übler Nachreden. Hetze wird Koloratur. Der stumme Schrei ist immer noch Widerstand im Kleinen.
Wie was zu dem wurde, zu dem es geworden ist, von dem wir meinen, es zu kennen: Die Prenzlauer-Berg-Szene muss endlich als das gewertet werden, was sie von Beginn an war – ein überladener Frachter, ein Hirnschiff, eine Barkasse, die sich selbst für etwas Größeres hielt. Gechartert von einer Crew, die sich als Ziel der Reise sah und nach außen vorgab, nach A.R. Penck-Hausen unterwegs zu sein. A wie Anmut, Anhöhe, Anarchie. R wie Ruhe, Ruhm und Rum. Man wird vielleicht staunen, was von all dem Seemannsgarn später noch in den Geschichtsbüchern vermerkt ist. Oder man wird vergeblich suchen, und niemand wird je nachvollziehen können, worum es einmal ging, als es um etwas zu gehen schien, was wirklich wichtig war; so wichtig, dass es vergessen wird. Die Chancen für ein völliges Vergessen stehen unerwartet gut.
Spätestens mit dem Tod von Adolf Endler im vorigen Jahr – er hätte am Montag seinen 80. Geburtstag gefeiert – hat sich der Prenzlauer Berg als kreative Nische erledigt. Vom ganzen Rummel bleibt am Ende nur die Erinnerung, eine anrührend flimmernde Fassade. Und ein paar Namen werden bleiben. Manch eine Aktion verdient das Prädikat engagiert, nicht ohne einen gewissen Charme. Es wurde gesungen, gemalt, gelesen, gefetet, gekrochen, geröhrt, gestottert, gehauen. Es wurde gestochen, geschwiegen, gerockt und mitunter richtig gut gemeinsame Sache gemacht. Aber immer auch gleich dokumentiert. Mitunter war das Dokumentieren von Aktivität die Aktivität schlechthin. Oft fanden die Protagonisten in großer Gruppe zusammen. Per Familienfoto in ausgeklügelter Aufstellung dokumentiert. In geräumigen Zimmern, anheimelnden Küchen. Hier und da bildeten sich zarte Grüppchen, streitbare Kleinstkollektive, kunsthandwerkliche Freundschaftsgruppen.
Man wollte schon etwas tun, gegen etwas sein, den Staat anknurren, die Bonzen spießen, Spießer peitschen, Bürger schrecken. Nur bringt das, was nachhaltig genannt werden kann, eine arg magere Ausbeute. Das Fazit lautet: Mehr als gewesen ist, ging nun wirklich nicht. Mehr als nicht geworden ist, kann nicht aufgelistet werden. Was wer gemeint, gesagt, gewollt, bewiesen hat, wo der Hebel hätte vielleicht angesetzt werden sollen, das ist nicht mehr von Bedeutung. An welchem Tag eventuell wer wem in die Suppe hätte spucken müssen, lässt sich am Kneipentisch zum x-ten Male erzählen. Wer Ohren hingehalten bekommt, darf sie ruhig stopfen.
Bloß, mit dem Mauerfall bekam das Leben in Prenzlauer Berg und darüber hinaus eine ganz andere Sinnlichkeit übergeholfen. Die früheren, jedermann in der Sackgasse dienlichen Grundlagen und begünstigenden Lebensbedingungen zum Schaffen wie zum Erhalt und Ausbau von Kunst sind abgeschafft. Anstelle von Muße und Kopfanarchie stülpten sich die Komponenten des ganz gewöhnlichen kapitalistischen Alltags über uns, als wären wir alle nur Einkaufstüten und Einwegflaschen.
All die neuen, ungefragt jeden freien Platz besetzenden Hirsche trugen zu ihren Machenschaften ein Gesicht. Die ernüchternde Brutalität der Veränderung zum deutschen Gesamtwesen verteilte Visitenkarten, tönte von Plakaten, Briefkastenzetteln, gab voll den Ton an, überstimmte alles und jedermann, machte gestandene Leute zu Wabbelmasse. Der Pudding der Apokalypse, wie einer von Endlers Gedichtbänden heißt. Oder um jetzt hintereinanderweg einmal mit den Buchtiteln Adolf Endlers treu in chronologischer Reihung zu kommentieren: Es zog eine Zeit auf, die den Morgenruf Erwacht ohne Furcht gebraucht hätte, den Weg in die Wische anzutreten, wo es galt, das Sandkorn zu finden, das ins Getriebe geworfen gehört, den Lauf der Dinge zu stören. Denn wir wollen nicht die Kinder der Nibelungen sein, Verlierer in diesem besseren Land. Nackt mit Brille. Man hat immer Zwei Versuche, über Georgien zu erzählen. Das Leben ist ein langer Reisebericht. Verwirrte klare Botschaften erreichen uns eh nur über die Gedichte, die Nadeln sind in Nadelkissen. Oder uns spricht Prosa an, der Akte Endler entnommen, Gedichte aus 30 Jahren, die einer nur schrieb und einer nur schreiben konnte, der Tarzan am Prenzlauer Berg war, der Tagebuch führte, ohne Nennung von Gründen, Prosa stapelte, Prosa stach, wie man Torf sticht, Schichtenflotz zu erlangen, die pflanzliche Absonderung, die durch innerliche Austrocknung hart wird, im Lebenskamin lodert.
Denn das Leben ist für den, der es zu gestalten weiß, eine Fortsetzungszüchtigung, gegen die wir alle anzulaufen haben, die wir ein bisschen vom Schlag der alten Griechen sind: „Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: Von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus“ (Homers Odyssee, 11. Gesang, 593–600. Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt).
Vorbildlich schleimlösend, nicht Homer, der auch, nein, die späte Prosa Adolf Endlers, als er zu Essays sich aufschwang, die keine Fragen mehr offenlassen. Die Antwort des Poeten sind die besten Sudelblätter, deren einer schreibend fähig ist. So etwas wie die rücksichtloseste Warnung vor Utah, das absolute Einreiseverbot in Form des lockendes Reisebuches. Da hat einer nun endlich das Greisenalter erreicht, kann ungestört, unbehelligt, ja vielleicht auch nur noch auf den schnöden Nachruhm hinaus ins nahezu leere, verwaiste All schweigen, schreiben, reden. Alte und neue Gedichte streiften uns, ob nun in Aschersleben wohnhaft oder im Arsch der Welt. So sieht sie nun einmal aus: Eine deutsche Karriere auf der künstlerischen Ebene durch Täler, den Höhen zu, nur über die Krähenüberkrächzte Rolltreppe zu erreichen, für Nicht-Insider hier einmal fast beamtisch gesprochen: Neunundsiebzig kurze Gedichte aus einem halben Jahrhundert genügen für den Anfang aufs Ende zu. So weit Endler original in Titeln und Thesen.
Um zu wissen, wie es sich mit der Zunge angefühlt hat, um zu fühlen, wie es zum Ohr hinein im Hirnkosmos verrauschte, hier ein Zitat Endlers aus seiner Rede zum Bremer Literaturpreise im Jahr 2000: „Ich selber auch wundere mich ja zuweilen über die halsbrecherisch anmutende Zickzackroute, die ich nicht nur zwischen den extremen Polen Sozialistischer Realismus und Dadaismus/Surrealismus, sondern nicht minder zwischen Mecklenburg und Oberlausitz, Berlin-Mitte und Leipzig-Connewitz gekurvt bin. Schon als Dreißigjähriger, ich erinnere mich genau, habe ich mich manchmal gefragt: Na, ob du das noch lange aushältst? Und auch heute stehe ich von Zeit zu Zeit vorm Spiegel und prüfe mein nunmehr zerknittertes Auge: Wie ist es möglich, daß du überhaupt noch lebst, dirty old man?“
Die verstörende Zeit, der komplexe Umbau, Abbau des Prenzlauer Berges wie eine Notoperation ohne Notwendigkeit. Nur keine Bange. Um Endler bleiben einige Autoren gruppiert, wie Krähen, die Toten und die Lebenden eben, bei seinem Grabsteinen hockend, Wache schiebende, das Jahr hindurch getreue Vögel. Eine Handvoll Dichter-Kollegen vom nunmehr zerspellten Prenzlauer Berg (Andreas Koziol, Frank-Wolf Matthies, Jan Faktor, Wolfgang Hilbig), durch deren Gedichte, Essays, Erzählungen ich gleißend hin- und hergeistere, dass es nur so fetzt. Ich möchte bei dem Barock, dem Futurismus, dem Realexistenten der damaligen Zeit, einige noch benennen: Johannes Jansen, Leonhard Lorek, Brigitte Struzyk, Florian Günther, Dieter Kerschek, Gerd Adloff, Cornelia Schleime, Detlef Opitz, Gert Schönfeld, aber auch Peter Brasch, Jayne-Ann Igel, und die Kacholdgabi natürlich und Wüstefeldmichael, auch wenn da von mir einige Dichter beigemengt worden sind, die keinen Nachweis auf Prenzlauerberg-Zugehörigkeit erbringen müssen, wo es doch um ist und aus mit dem Bezirk.
Neben Endler nenne man stellvertretend für alle Zukurzgekommenen einen weniger wackligen Wackeren: Bert Papenfuß. Aus der ersten allgemeinen Verunsicherung der insgesamt verunsicherten gesamten Zittertruppe reagierte Papenfuß so angenehm rasch und früh und weise im Voraus, indem er sagen konnte, was er unheilvoll aufziehen sah. Dass nun die Zeit des Umzugs gekommen ist, sprich: dass der Prenzlauer Berg nunmehr in Mitte stattfindet. Wer es noch beherrscht, wer es nicht lassen kann, widme sich weiterhin der Konspiration und Geheimniskrämerei, der Paranoia und den gegenseitigen Verdächtigungen.

Peter Wawerzinek, Der Tagesspiegel, 19.9.2010

Am 23.9.2010 reden im LCB Peter Wawerzinek, Katja Lange-Müller, Peter Schneider und Hajo Steinert über den Einfluss des verstorbenen Dichters Adolf Endler.

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