Günter Blöcker: Zu Gottfried Benns Gedicht „Menschen getroffen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Menschen getroffen“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte. −

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Menschen getroffen

Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben −
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!
Ich habe Menschen getroffen, die
mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.

 

Das menschenbrüderliche Timbre

Mit einer Betroffenheit, die anzeigt, wie anders es sonst in der Welt zugeht, stellt der Dichter fest, daß es auch dieses gibt: die Zurücknahme der eigenen Person bis an die Grenze der Selbstverleugnung; eine Bescheidenheit, die es als unzart, ja als anmaßend empfindet, auch nur auf dem eigenen Namen zu bestehen. Es ist ein fast anekdotischer Gedichtanfang oder könnte es sein, wäre er nicht von jenem Ton bewegten Staunens durchwirkt, der ihm die lyrische Qualität verleiht und das besondere, fast möchte ich sagen: menschenbrüderliche Timbre. Auch das gehört zu Benn, mehr, als das Klischee vom egomanischen Intellektualisten es wahrhaben will; und ebendeshalb habe ich mich für dieses späte Gedicht aus dem Jahre 1955 entschieden.
Die zweite Strophe mit dem nachdrücklich wiederholten „Ich habe Menschen getroffen“ vermittelt gesteigerte Betroffenheit. Stärker noch als in den Anfangszeilen wird deutlich, daß es sich um eine Irritation besonderer Art handelt: nicht um ärgerliches Befremdetsein, sondern um einen Akt produktiver Beunruhigung, um Wesenserweiterung. Steht hinter der ersten Strophe ein leises Kopfschütteln, dem die aufgelockerte Bauweise mit ihren eher gedichtfremden Konversationselementen entspricht, so hat die zweite Konsistenz eine festere Gangart.
Jetzt geht es nicht mehr um Zartgefühl, das sich als – noch so liebenswerte – Schwäche äußert; es geht um Zartheit, die sich gegen eine widrige Umgebung behauptet, ohne dem eigenen Gesetz untreu zu werden. Drastisch und unkonventionell wird der soziale Aspekt herausgestellt: die überfüllte Stube, das Lernen am Küchenherd mit zugehaltenen Ohren. Wir erfahren, wogegen das Zarte sich zu behaupten hat; und wir erfahren, daß es dennoch das Zarte bleibt. Das ist sein Triumph. Die Verwunderung des Autors wird Bewunderung.
Dementsprechend gewinnt sein Vortrag an Intensität, das poetische Vokabular erweitert sich: Nausikaa und die reine Stirn der Engel, aber auch das mondäne „ladylike“. Benns lyrischer Stil ist universell, er überfliegt Zeit und Raum – wobei Satzbau und Zeichensetzung nicht kleinlich gehandhabt werden. Doch der Autor ist souverän genug, den Flug millimetergenau an dem Punkt abzubrechen, wo es gefährlich werden könnte. Behutsam begibt er sich aus der metaphorischen Gefahrenzone (Engel, Gräfinnen und die homerische Heldin) zurück in die Realität der lyrischen Erfahrung. Er blickt nach innen, um dort Antwort auf die Frage zu finden, „woher das Sanfte und das Gute kommt“.
Es versteht sich, daß dies eine Frage ist, die jenseits aller Antworten liegt. Auch das „lyrische Ich“, das vielzitierte, oft beschworene, kann nicht mehr tun, als unsere Empfänglichkeit für das im Unbeantwortbaren eingeschlossene Wunder zu wecken und zu stärken. Die letzte Zeile mit dem wehmütig-dunklen „Und muß nun gehen“ ist das Eingeständnis einer Ohnmacht – einer Ohnmacht freilich, die dadurch, daß sie sich artikuliert, sich auf diese Art artikuliert, mehr in uns bewirkt, als selbst die beste Antwort es könnte.

Günter Blöcker aus: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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