EIN REISSBRETT AUS WINTER,
alles pro forma,
der abend reiter darüber.
ich hätte ein klares aug
und den sinn für sterne.
ich bin vierzig jahre.
meine beine sind in einen
einzigen stiefel genäht.
ich bin ein hüpfender
unter guten läufern.
ein bißchen innenleben freisetzen
mehr oder weniger für nachwelten
oder nähere nachmittage zitieren
Nein, keineswegs soll mit diesem Motto angedeutet werden, daß Artmanns Lyrik hier der Seelenpoesie oder ähnlichem zugeordnet wird; wohl aber unterstützen diese Zeilen – immerhin die letzten seines bislang letzten Gedichtbuchs – die Auffassung, daß Artmanns Gedichte nicht nur, wie immer wieder betont, gemacht, sondern auch, wie vielleicht zu oft nicht wahrgenommen, von jemandem gemacht sind.
Fällt es denn nicht auf – das Leben des Dichters im Hinterkopf −, daß sein häufigstes Personal der Soldat, der Dichter und der Frauenlob sind? Hat nicht sein Vergnügen am Versteckspiel hinter allen möglichen Fantomasken gelegentlich auch etwas Notwendiges? (Dichter ist ja nicht nur der, der sich erinnern, sondern immer auch der, der nicht vergessen kann.)
Und doch ist es immer auch Rollenspiel, heiteres Ausprobieren.
Taghell ist es in Artmanns Gedichten, auch da, wo es um Nocturnes geht. Scheinbar geheimnislos, verführen sie doch ständig zum Wiederlesen. Sie sind artifiziell und einfach, sind gran maniera und dolce stil nuovo.
Das früheste Gedicht Artmanns ist jetzt genau ein halbes Jahrhundert alt. Alt? Alles, was er geschrieben hat, hat etwas von jener schönen Blauäugigkeit, die nur Kindern und Dichtern geglaubt wird: und mit einem Mal wird alles möglich.
Diese Auswahl zusammenzustellen, war schwer und leicht zugleich. Schwer natürlich, von weit über tausend Gedichten nicht einmal jedes zehnte nehmen zu können. Und welches? Das beste? Das wichtigste? Das typischste? Das populärste? Das liebste? Das, das man nicht vergessen kann? Und leicht, weil seit der zehnbändigen Ausgabe, die Klaus Reichert bei Rainer und Renner gemacht hat, nahezu alles griffbereit ist, ihnen sei Dank.
Jochen Jung, Nachwort
aus einem halben Jahrhundert Artmannscher Dichtung.
H.C. Artmann zur Ehre und uns zur Freude hat der Residenz Verlag achtundachtzig Juwelen aus Artmanns Schatzkästchen zum Vorlesen und Selberlesen in ein Büchlein verpackt – das bedeutet achtundachtzig Mal staunen, gruseln, rätseln, nachdenken, sich wundern, kopfschütteln, schmunzeln. Das Buch sei den Verwaltern sprachlichen Gutes österreichischer Zunge ans Herz gelegt, zeigt es ihnen doch, daß der Horizont unserer Sprache bis weit in „wenceslao weibelfrostens lant“ hineinreicht; es sei Artmannkennern ans Herz gelegt, zeigt es ihnen doch, daß er nicht nur „med ana schwoazzn Dintn“ schreibt; es sei uns allen ans Herz gelegt, die wir uns darüber freuen, wie er mit Gefühl und Witz sein Spiel mit vorrätigem Sprachmaterial treibt. Empfehlung!
Max Dreier, österreichisches bibliothekswerk, 1996
Bibliothek und Biographie
plötzlich lag ich in einem brachfeld und dreißig meter vor mir war ein maschinengewehr aufgebaut das wie eine kanone aussah weil es zwei räder hatte und dahinter lagen zwei russische burschen in meinem eigenen alter und die artillerie schoß wieder einmal zu kurz und der dreck spritzte durch die gegend und ich dachte mir du kannst ja die zwei haberer nicht so einfach mir nix dir nix abschießen aber ich hatte sie genau im visier kimme und korn und ich war einer der sich auf den schießplätzen nicht nur einen sonderausgang geschossen hatte und dann blitzte es noch gelber als die sonne und mir drehte es den magen um er kam mir hoch in den schlund und wollte ausbrechen tat es aber dann doch nicht aber wer sich einmal den ellenbogen angestoßen hat das närrische bein den musikantenknochen der wird das gefühl verstehen das ich in der rechten hüfte hatte au meine nieren rief ich das weiß ich noch ganz genau und dann wälzte ich mich so gut es in dem hohen gras ging einige meter nach links und zog die unbedeckte birne ein und das zworädrige maschinengewehr ballerte unverdrossen nach der stelle an der ich noch vor sekunden gelegen hatte und die deutsche artillerie schoß wieder einmal viel zu kurz und der dreck richtete seine braunen fontänen nach dem blauen himmel und ich sagte mir verdrossen au scheiße mich hats erwischt.
Daß H.C. Artmann diesen atemlosen Bericht seiner Verwundung als Wehrmachtssoldat an der Ostfront am 11. Juli 1941 überhaupt schreiben konnte, hatte er wohl einer Erfindung des Verlagshauses Langenscheidt zu verdanken: dem Taschenwörterbuch. Denn die russische MG-Kugel, die ihm einen Durchschuß der rechten Hüfte und dann einen mehrmonatigen Aufenthalt im Lazarett einbrachte, durchquerte zunächst der Länge nach den gesamten Buchblock eines deutsch-spanischen Vokabulars, das Artmann in der rechten Brusttasche seiner Uniform mit sich führte. Das Projektil wurde durch den 1931 gedruckten Band daran gehindert, in den Oberkörper einzudringen und zudem wohl derart abgebremst, daß sich der Getroffene noch selbst aus der unmittelbaren Gefahrenzone retten konnte. Artmanns Hüfte wurde gleichwohl nie wieder völlig hergestellt, was nur belegt, wie schlimm alles hätte enden können, wenn er nicht auch an der Front seinem Interesse für Sprachen nachgegangen wäre. Sein – mit Gerhard Rühm – „ausgesprochener Spanienfimmel“ hat Artmann also ganz offensichtlich das Leben gerettet.
Selten dürften ein Menschenleben und ein Buch auf derart enge Weise miteinander verknüpft gewesen sein wie in diesem Falle, wo es wohl sonst hätte heißen müssen: Ohne Buch keine Biographie. Artmann war sich der Bedeutung des durchschossenen Langenscheidts, der so ganz anders durchschossen“ war, wie der gleichlautende bibliothekarische Begriff meint, bewußt. Er hütete das Stück wie seinen Augapfel und war sehr wählerisch in der Frage, wem er den devotionaliengleich behandelten Gegenstand vorführte. Hans-Christoph Buch – bei diesem Schriftstellerfreund aus Berliner Tagen bewahrheitet sich das nomen est omen in bemerkenswerter Form – erinnert sich, daß der Band „nur wenigen Auserwählten“ gezeigt wurde. Diesen Betrachtern wird es schwergefallen sein, sich der auratischen Wirkung des Buches zu entziehen. Anhand der Dichterreliquie, die sich nun im Besitz von Artmanns Tochter Emily befindet und auch von dieser als ein Schatz empfunden wird, bestätigt sich ein Satz des Bibliophilen Rudolf Adolph – „Jedes Buch hat seine Geschichte“ – auf exzeptionelle Weise.
Überträgt man diese Sentenz auf eine Bibliothek, so finden sich in den Regalen Geschichten sonder Zahl vereinigt. Auch dieses Phänomen brachte der Büchersammler auf einen kurzen Nenner: „Bibliotheken sind Autobiographien“. Zunächst einmal im buchstäblichen Sinne, denn der Besitzer hinterläßt oft Spuren in den Büchern, die weit über den eigenhändigen Namenszug und Besitzeintrag hinausgehen. Gerade im Falle der Sammlung Artmann liefert ein nicht geringer Teil der Bestände einen wertvollen biographischen Zugriff, weil er in der Regel nicht nur das Datum und den Ort seiner Erwerbung auf dem Vorsatz des gekauften Buches festhielt, sondern in teils langen Listen zudem akribisch vermerkte, wo und wann er im jeweiligen Band las. Die Eintragungen auf dem Vorsatz eines Lehrbuchs der norwegischen Sprache für den Selbstunterricht zeigen nicht nur den Namen des Eigentümers in verspielter Sütterlinschrift und informieren über Ort und Tag des Kaufs („Wien 23.8.1940“), sondern acht weitere Vermerke belegen ferner, daß Artmann an der russischen Front außer spanisch offenbar auch norwegisch lernte, daß er diesen Studien noch weitere dreißig Jahre lang treu blieb und daß ihn das Buch sowohl bei seiner Übersiedlung nach Schweden („Falköping, 7.11.61“) als auch nach Frankreich („Rennes, 6.2.70“) begleitet hat. „Jede organisch angelegte Bibliothek ist Topographie der Persönlichkeit“, heißt es bei Rudolf Adolph. „Wir können in ihr das Leben der Besitzer ablesen“. In einer Art Lesebiographie kann man sich Artmann vor allem von einer Seite nähern, die für die Entwicklung als Autor von prinzipieller Bedeutung gewesen ist: seiner Lektüre. Golo Manns einprägsamer Satz, „Wir sind alle, was wir gelesen“, ist eben mehr als nur ein Bonmot. Es liegt auf der Hand, daß sich mittels Erwerbungs- und Arbeitsvermerken zentrale Phasen innerhalb der Karriere des Schriftstellers Artmann herausfiltern lassen. So hat er etwa die Texte des für sein Werk so immens wichtigen spanischen Surrealisten Ramón Gómez de la Serna (1888-1963) um 1950 und in den Jahren danach gekauft – den hier abgebildeten fand er übrigens 1956 in Barcelona. Sein Interesse für das literarische Vorbild hielt jedoch weit darüber hinaus an, denn in den 1970er und 1980er Jahren kamen weitere Bände hinzu, die er in Palma de Mallorca und in Kiel erstand.
Bibliothek und Werk
„Ob, was und wieviel ein Dichter gelesen hat, braucht an sich keineswegs aufschlußreich zu sein“. Diesen Satz stellte der Lyriker und Literaturwissenschaftler Michael Hamburger an den Beginn seiner Studie über die Bibliothek Hugo von Hofmannsthals. Man kann dem nur zustimmen. Denn in der Tat sind weder die Lektüre noch der Besitz von Büchern zwingende Voraussetzung für das Schreiben, ja mancher Autor vertritt gar die entschiedene Meinung, allzu umfangreiche Belesenheit schade der eigenen Originalität. Vertreter dieser Spezies sind gar nicht so selten. Sie leiden an der vom britischen Forscher Harold Bloom diagnostizierten Anxiety of influence. Diese Einflußangst kannte zwar auch H.C. Artmann, allerdings nur in bezug auf die Gegenwart. Auf die Frage, ob er zeitgenössische Literatur lese, antwortete er: „Nix. Da habe ich Angst, mich irgendwie zu verlieren. Ich lese eigentlich nur Gedichte und lerne dadurch die Sprachen wieder“. Trotzdem zählt Artmann zu jenen Autoren, die in nicht zu unterschätzendem Ausmaß Literatur aus Literatur machen. Alle Lektüre, die nicht wirklich weiterhalf, betrauert Artmann in Gestalt seines Erzählers in Nachrichten aus Nord und Süd: „ich las ich las so manches jahr und was ich las es ward zu rauch mir blieb kein wörtlein das ich klug verwenden könnt“. Seine Bibliothek ermöglicht einen aufschlußreichen Blick in die Werkstatt eines Autors, der gerne zitiert, der Gelesenes mit Einfallsreichtum und Virtuosität abwandelt, der Geborgtes auf spielerische Art anwendet, der Gedrucktes in neue literarische Zusammenhänge stellt. Die systematische Durchsicht der gesamten Sammlung ist aufregend, weil sie vielfältige Bezüge zwischen einzelnen Büchern und Themen quer durch den Bestand eröffnet – und eh man sich versieht, befindet man sich im lebhaftesten Dialog mit dem Autor und dessen Werk. Und darüber hinaus mit dem Werk anderer Autoren, etwa Mitgliedern der Wiener Gruppe, wenn man in Rechnung stellt, daß Artmann die Lesefrüchte seiner oft extrem frühen Lektüre von Texten, die aus bis dato unbekannten literarischen Avantgarden Europas hervorgegangen waren, zu teilen bereit war und durch Leihgaben seiner Bücher zudem als großer Literaturvermittler gelten kann: Artmanns Bibliothek hatte außer ihrem Besitzer noch zahlreiche weitere Nutznießer und anteilnehmende Rezipienten. Genauso, wie Artmann von den Sammlungen anderer Autoren profitieren konnte.
Im Bestand der Bibliothek stößt man auf einige, die schriftstellerische Tätigkeit Artmanns erhellende Entdeckungen. Man muß sich vergegenwärtigen: Als Leser war Artmann nicht gleich Artmann. Da las der Prosaautor, der Lyriker, der Dramatiker, der Übersetzer oder schlicht der Fan bestimmter Kollegen bzw. einer speziellen literarischen Richtung. Manches Buch bot verläßliche Auskünfte, andere lieferten eine Fülle von Stoffen und Motiven, nach denen er gezielt fahndete, viele dürften auch den Lesehunger gestillt haben. Die ungeheure Vielfalt der Lektüre wird deutlich, wenn man die mit Artmanns Büchern gefüllten Regale abschreitet. „Dann lese ich“, resümierte er: „über alte Philosophien, Druidentum, Zauberei, Mythologien, prähistorische Texte, mittelhochdeutsche Lyrik, Ritterromane. Ich habe eine Riesensammlung von Comics. Echte, alte. Die beste Literatur ist ja Donald Duck. Mickey Mouse mag ich nicht, dafür Asterix. Und Comics aus den zwanziger Jahren, die sind sehr schön. Aber die Horror-Comics und diese Sex-Comics, die sind alle blöd“. Die Liste ließe sich noch um manche, vor allem triviale Gattungen erweitern, besonders die Kriminalliteratur sollte an dieser Stelle Erwähnung finden. „Weißt, daß ich eine wunderbare Sammlung Tom Shark habe?“ fragte Artmann den Zeichner Janosch, als dieser ihn besuchte. „Wart, ich zeig dir’s… Ich habe viel daraus in meinem Dr. U. zitiert…“ Seine ungewöhnliche Bibliothek war ihm Reservoir, Arbeitsinstrument und handwerkliches Rüstzeug für die äußerst virtuos angewandte „ars combinatoria“. Irgendwo Entlehntes mit dem Eigenen zu verschmelzen sei, so stellt Michael Hamburger schon zu Zeiten fest, als das Phänomen der Intertextualität in der Wissenschaft noch unter dem zweifelhaften Etikett der Quellen- und Einflußforschung firmierte, „eine durchaus dichterische Fähigkeit“. Manchmal dürfte das Gelesene einen bestimmten Ton getroffen, eine Art von Sound geliefert haben, den Artmann dann kunstvoll nachzuahmen im Stande war, ohne sich des direkten vorgefundenen Wortlauts zu bedienen. „Da fallen Zitat und authentische Stimme in eins“, meint mit Klaus Reichert der langjährige Freund und Editor Artmanns, „das Zitat klingt nur so als wäre es eines, und unter der eigenen Stimme klingt immer die andere hindurch“. So entstehe ein dauernder „Aneignungs- und Austauschprozeß“. Der Schriftsteller pflegte eine Art symbiotische Beziehung zu seinen Büchern: Wie die Ameise die Blattläuse melkt, um an Zucker zu gelangen, war der lesende Dichter Artmann stets auf der Suche nach TextsteIlen, die seine eigenen Produkte versüßten. Im Falle seiner Auseinandersetzung mit der Dichtung des Barock machte er selbst vor der chamäleonartigen Aneignung des im 17. Jahrhundert üblichen Äußeren eines Buches wie Satz, Drucktype und aufwendigster Gestaltung des Titelblatts nicht halt.
Diese Arbeitsweise spiegelt sich im schriftlichen Nachlaß des Autors kaum wider, um derart intensive intertextuelle Verfahren also nachvollziehen und belegen zu können, benötigt man den ständigen Zugriff auf die Bücher des Autors. Doch nicht nur deshalb ist die Erhaltung von Artmanns Bibliothek als geschlossenes Ensemble von ganz außergewöhnlicher Bedeutung für die Erforschung seines Werks.
Bibliothek und Nachlaß
Artmanns Bibliothek muß nicht deshalb ein besonderer Wert beigemessen werden, weil sie die Schausammlung eines Bibliophilen voller Pracht- und kostbarer Erstausgaben ist, sondern weil sie die viel benutzten Bände eines Schriftstellers vereinigt, der mit Literatur gelebt und gearbeitet hat. Und obwohl er nicht ständig mit dem Stift in der Hand las, müssen die Bücher Artmanns gewissermaßen als Ersatz für den fast marginal zu nennenden schriftlichen Nachlaß gelten, der nur 14 Archivboxen umfaßt. „Nie ist einer nachlässiger mit seinen Manuskripten umgegangen“, heißt es unisono. In einer Typologie literarischer Nachlaßgeber, deren Pole zwischen dem pedantischen Archivar seiner selbst und dem eher chaotischen Minderer seiner Bestände liegen, müßte man Artmann letzterer Gruppe zuordnen. Klaus Reichert bedauert dies als dessen Herausgeber besonders:
Er hat eine Laxheit gegenüber seinen Skripten gehabt. Er hat sie verloren, liegengelassen. Es tauchen immer wieder Sachen auf, die zufällig Freunde irgendwo gefunden haben. Er hat nicht, wie andere Dichter das machen, die Besessenheit, alles aufzubewahren, alles schön abzulegen, zu ordnen usw. Es interessiert ihn das, was er im Augenblick schreibt, die Maske, in die er sich im Moment hineinbegeben hat. Das ist es, was ihn interessiert. Was er früher einmal geschrieben hat, ist ihm eigentlich egal.
Viele Geschichten, die vom traurigen Schicksal zahlreicher Handschriften und Typoskripte künden, passen sehr gut zur Mythisierung des eigenen Lebens. So soll, berichtet Artmann an einer Stelle, ein Hausmeister im schwedischen Malmö, wo er Anfang der 1960er Jahre lebte, nach seinem Auszug einen „Großteil des dort entstandenen Œuvres vernichtet“ haben. Ein Rezensent berichtet schon 1966, nach Erscheinen des Gedichtbands verbarium davon, daß er sich schwer tue bei der Frage, ob diese Verse auch die besten Verse Artmanns seien:
Der Zufall liest nicht nach qualitativen Prinzipien aus. Vielleicht hat Artmann viel bessere geschrieben, vielleicht sind gerade sie verlorengegangen, haben sich zumindest nicht angefunden, sind aus des verschwenderischen Poeten Füllhorn in private Laden, Alben und Archive geflattert. Es heißt, Sammler klaubten ihm die Sachen unter der Feder weg.
Fest steht jedenfalls, daß es Artmann zeitlebens nur seinen Freunden zu verdanken hatte, daß sein Werk einem größeren Leserkreis überhaupt in gedruckter Form zugänglich war. In einer Besprechung des Bandes ein lilienweißer brief aus lincolnshire wird die archivarische Treue der Freunde Artmanns etwas mokant kommentiert:
Die starke Gruppenintimität jedoch, das Freundschaftsgefolge, die nach wandernden Bewunderer des „Meisters“, überhaupt das Klüngelhafte im literarischen Leben Österreichs, brachten es fertig, daß kaum ein Text Artmanns verlorenging, während er selbst, genialisch-unbekümmert, seine Gedichte „verschmiß“, sie in seinen dauernd wechselnden Wohnorten liegen ließ oder sie ohne Abschrift aus der Hand gab. Das Nachwort von Gerald Bisinger macht deutlich, welche Querverbindungen, welches Ausforschen, Sammeln, Bewahren von anderer Seite diese mustergültige Edition erst ermöglichten.
Bezeichnend ist, daß sich im Nachlaß von Hannes Schneider, einem Autor aus dem Umfeld der Wiener Gruppe und Initiator der Zeitschrift Eröffnungen, mehr Texte Artmanns befinden, als in dessen Nachlaß selbst überliefert sind, darunter als einmaliges Stück der Entwurf zum Manifest gegen die Wiederbewaffnung Österreichs vom 17. Mai 1955. Diese erstaunliche Nachlässigkeit in bezug auf die Dokumentation seiner schriftstellerischen Arbeit gilt freilich nicht für die etwa 3500 Bände seiner Bibliothek, die – gerade weil es an nachlaßtypischen Materialien mangelt – wegen ihrer Arbeitsspuren und Marginalien sowie der beigelegten Notizzettel den vielleicht zentralen Kern des literarischen Vermächtnisses von H.C. Artmann ausmacht.
Bibliothek und öffentliche Sammlung
Als die Bibliothek Artmanns vor deren Erwerbung im Jahr 2004 in seinem Salzburger Haus besichtigt wurde, konnten sich die Besucher davon überzeugen, daß die so prall gefüllten Regale keineswegs von der „leise[n] Langeweile der Ordnung umwittert“ waren, die der bibliophile Philosoph Walter Benjamin einst beschworen hat. Die auf dem Vorsatzblatt und dem Frontispiz verwendeten Aufnahmen, die die frühere Aufstellung dokumentieren, belegen, daß Artmann seine Bücher weder alphabetisch noch nach Fachgebieten aufgestellt hatte. Dabei dürften regelhafte und regellose Aufstellung parallel existiert haben. Manchmal sind Inseln auszumachen, wo sich innerhalb der Reihen eindeutige Verwandtschaftsbeziehungen konstatieren lassen, wo offensichtlich nach einem System gegenseitiger Sympathien oder Antipathien gestellt wurde, wo es im Nebeneinander derart heftige Kontraste gab, die nach längerem Überlegen doch prima vista verborgene Übereinstimmungen beinhalten. Über weite Teile der Bücherborde freilich ist keinerlei Regel erkennbar, auch mehrbändige Werke stehen nicht beieinander. Artmann hat die aus diesem Grunde fälligen Suchzeiten bisweilen beklagt und hat darin bekannte Vorläufer wie Christoph Martin Wieland. Dem wurde vorgeworfen, daß er in seiner etwa 6000 Bände umfassenden Bibliothek voller literarischer Preziosen nicht recht Ordnung hielte, worauf er entgegnete: „Mein Wille ist nicht schuld daran, sondern – wie soll ich sagen? – mannigfacher, oft nur kleiner Gebrauch, Zerstreuung, Vergeßlichkeit… da sammeln sich Bücher, die besser an ihrem Orte ständen, da werden andere verlegt, und ich suche sie überall, wo sie nicht zu finden sind“. Artmann war sich der Problematik bewußt. Er gab die Schuld an dem Mix von subjektiver Ordnung und objektivem Chaos auf seinen Regalen den beengten Verhältnissen im Salzburger Haus. Hinzu kam der zweite Standort mit seiner Wiener Wohnung: „Ich habe meine ganzen Bücher in Salzburg“, sagte Artmann in einem Gespräch. „Ich habe in Salzburg noch viermal so viele Bücher wie hier stehen. Oder fünfmal so viele. Ich hätte sie schon längst aufgegeben, die Wohnung. Aber ich kann die Bücher nicht aufgeben“. Barbara Wehr, eine langjährige Freundin Artmanns, die als Professorin für italienische und französische Sprachwissenschaft an der Universität Mainz tätig ist, ließ das nicht gelten und rief Artmann dazu auf, diesen Zustand nicht andauernd zu beklagen. Sie stellte ihm die zentrale Frage: „Wann ordnest Du Deine Bücher?“
Diese Aufgabe hat die Wienbibliothek im Rathaus übernommen, und Artmann somit posthum einen lange Zeit gehegten Wunsch erfüllt: „Ich hatte mal einen Traum, da hatte ich die ganzen Bücher beieinander, und da war ich sehr begeistert“. Bei der Aufstellung konnte es jedoch nicht darum gehen, die originale Reihung zu rekonstruieren. Es wurde vielmehr eigens eine spezielle Systematik entwickelt, die die uneingeschränkte Benutzbarkeit der Sammlung gewährleistet. Tatsächlich kann sich der Benutzer durch die fast komplett aufgestellte Bibliothek der Leseleistung Artmanns auf einzigartige Weise annähern. Selbst Bände, bei denen eine Reparatur notwendig wäre, wurden trotz, bisweilen auch wegen all ihrer – mit den Worten des Dichters Karl Wolfskehl – „Ehrenmarken, Narben und Alterszeichen“ bei der Aufstellung berücksichtigt. Neben wohlerhaltenen Erstausgaben sind spätere Auflagen, abgenutzte Bände, abgegriffene Umschläge und eingerissene Broschuren zu finden. Zudem sind viele Bücher gebräunt und stockfleckig. Zuweilen haben sie offenbar als Unterlage für eine Tasse Kaffee oder ein gepflegtes Glas Wein gedient. Anderen Bänden sieht man an, wie sie unter der räumlichen Bedrängtheit in Salzburg gelitten haben. Generell waren Artmann der Fund samt darin enthaltenem Text wichtiger als der Zustand eines Buches. Die nicht immer rosige finanzielle Situation des Autors tat ein übriges, wie sich Friedrich Polakovics erinnert, der häufig bei Artmanri in Breitensee, wo Polakovics noch heute wohnt, zu Gast war: „In seinem Kabinett in der Kienmayergasse hat er ein zusammengenageltes Regal gehabt, da sind seine meistens broschürten Bände drinnengestanden, so billig wie möglich, wie es halt damals gegangen ist“. Natürlich wußte Artmann einen schönen alten Druck durchaus zu schätzen, wie man seinem schwedischen Tagebuch, in dem es wie in seinen realen Kalendern nur so von Lektürehinweisen wimmelt, entnehmen kann:
Heute morgen ist mein guter Quixote, den ich vor achtzehn monaten in Stockholm zurücklassen mußte, wieder bei mir angekommen. Lederrücken, goldtitel und braunfleckiges papier sind ja nicht so ganz nach meinem geschmack, aber was will man? Die ausgabe ist von 1840, bei Baudry, Librería Europea, no 3, Quai Malaquais, cerca deI Pont des Arts und der druck ist angenehm zu lesen.
Bei Artmann bewahrheitet sich, daß jeder Sammler und Leser Moriz Sondheim zufolge „seine eigene Bibliophilie [besitzt], die ihn beglückt“. Artmann schreckte trotz aller Bücherliebe aber nicht davor zurück, sich im Notfall von einigen Bänden zu trennen. Als es Anfang der 1950er Jahre Mode war, den Künstlertreffpunkt Strohkoffer zu besuchen, brauchte er das nötige Kleingeld dafür:
Ich bin halt auch hingegangen. Und war dann fast jeden Abend dort. Immer dann, wenn ich einen Schilling g’habt hab. Das Trinkgeld für die Garderobe. Das war das Wichtigste. Sonst hätt’ ich mich geniert. Manchmal hab’ ich Bücher versetzt, um den Garderoben-Schilling zu kriegen. Meine Anatole-France-Sammlung hab ich so verschleudert.
Dieser Bücherschwund zu Lebzeiten Artmanns ist naturgemäß nicht kompensierbar. Aber zu weiteren Verlusten oder gar zur endgültigen Auflösung der Sammlung wird es wegen ihrer geschlossenen Erwerbung durch die Wienbibliothek nicht kommen. Das ist auch heute nicht selbstverständlich. „Nur wenige Privatbibliotheken haben das Glück“, schreibt Roland Folter in seinem noch immer gültigen Standardwerk, „geschlossen erhalten zu bleiben und dadurch ein geistiges Bild ihrer Besitzer der Nachwelt zu überliefern. Das Schicksal der meisten ist es, aufgeteilt, verkauft, verstreut zu werden“. Denn selbst die Bibliotheken von so prominenten Schriftstellern wie W.G. Sebald, dessen Texte ähnlich intensive Rückschlüsse auf die Lektüre des Autors zulassen wie bei Artmann, drohen zu zerfallen, weil einschlägige Institutionen (im Falle Sebalds das Deutsche Literaturarchiv in Marbach) aufgrund der vielen „Dubletten“ von einer geschlossenen Erwerbung absehen und nur solche Bände übernehmen, die eindeutige Arbeitsspuren tragen. Doch wer definiert diese? Eindeutige Festlegungen sind hier noch nicht getroffen, so daß der Forschung ohne Not unwiederbringliche Verluste drohen. Freilich sind sich nur wenige Literaturwissenschaftier dieser Gefahr bewußt, wie etwa Sven Hanuschek, der ein Verzeichnis der Bibliothek des Dramatikers Heinar Kipphardt vorgelegt hat, um dessen Bücherbesitz wenigstens in Katalogform zu überliefern.
Die Schicksale von Dichterbibliotheken beschäftigen seit jeher insbesondere die Eigentümer selbst. „Ausserdem will ich es nicht zulassen“, schrieb beispielsweise Petrarca an Boccaccio,
dass die Bibliothek eines Mannes, wie du einer bist, zerstreut wird und in unwürdige Hände fällt. Denn obwohl wir getrennt voneinander lebten, waren wir doch durch unseren Geist miteinander vereint. Deshalb will ich, dass unsere Sammlung auch nach unserem Tod zusammenbleibt. Wenn Gott meinem Wunsche entsprechen will, dann wird sie völlig ungeschmälert an einen heiligen und frommen Ort verbracht werden, an dem man sich unserer in alle Ewigkeit erinnern wird.
Petrarcas Sorge war berechtigt. Sowohl seine als auch die Büchersammlung von Boccaccio wurde in alle Winde verweht. Nur noch wenige Exemplare sind einem der beiden Dichter der Renaissance zuzuschreiben. „Ja, ich habe Sorge um meine Bücher“, äußerte auch Artmann kurz vor seinem Tod. Seine Schützlinge hätte er gerne an sicherem Ort versorgt gewußt: „Ich wollte ein Waisenhaus, ein Orphaneum für Bücher machen. Damit die Bücher nicht in alle Welt verstreut werden. Da sammelt einer ein ganzes Leben an Büchern, und dann, zack, stirbt er, und dann sind die völlig zerstreut, liegen die herum“. Die Wienbibliothek hat sich der Bücherwaisen Artmanns angenommen. Allen. Walter Benjamin stand solchen Übernahmen privater Kollektionen durch öffentliche Einrichtungen skeptisch gegenüber: „Das Phänomen der Sammlung verliert“, kommentierte Benjamin den Tod eines Bücherherrn, „indem es sein Subjekt verliert, seinen Sinn. Wenn öffentliche Sammlungen nach der sozialen Seite hin unanstößiger, nach der wissenschaftlichen nützlicher sein mögen als die privaten – die Gegenstände kommen nur in diesen zu ihrem Recht“. Das soll sich mit der geschlossenen Erwerbung und der kompletten Aufstellung der Bücher Artmanns ändern: Jeder Besucher der allgemein und frei zugänglichen Sammlung kann in die Rolle des von Benjamin zitierten Subjekts schlüpfen. Die Bedeutung der über Jahrzehnte zusammengetragenen Bibliothek Artmanns, ihr Gewinn im einmaligen Ensemble der nun in der Wienbibliothek versammelten und zur ständigen Verfügung gehaltenen Bände zeigt sich mit jedem Titel, den man dort findet. Ihr Wert steigt mit jeder Benutzung. Ohne Zweifel hätte sich H.C. Artmann darüber sehr gefreut…
Marcel Atze, Einführung aus: Marcel Atze und Hermann Böhm (Hrsg.): „Wann ordnest du Deine Bücher?“ Die Bibliothek H.C. Artmann, Sonderzahl Verlagsgesellschaft, 2006.
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H.C. Artmann 1980 in dem berühmten HUMANIC Werbespot „Papierene Stiefel“.