H.C. Artmann: Artmann, H.C., Dichter

Artmann/Dreissinger-Artmann, H.C., Dichter

an enden der zweige himmel
die vögelchen noch in grau
wieviel zeit hat es?
wieviel uhr ist es?
das gestern das nun das morgen
sehnliches warten
auf die laue milch der sonne
über kurz oder lang
sommer über das was
nicht tibet ist
nicht ferneres blühn
einer arktis
man streicht tage
an fingern ab
eine längere periode
des singens.

Als Sohn eines Schuhmachermeisters

wurde H.C. Artmann in Wien geboren und ist dort aufgewachsen. Mit neunzehn Jahren eingezogen, im Krieg verwundet, nach kurzer Gefangenschaft entlassen, kehrte er auf mancherlei Umwegen nach Wien zurück. Dort knüpfte er erste Kontakte mit jungen progressiven Schriftstellern und fand sich rasch ermutigt, die eigene Vorstellung von Dichtung und Dichter-Sein in die Praxis umzusetzen. In nur wenigen Jahren wurde er zur Verkörperung der poetischen Existenz wie kaum ein zweiter und ist es – ein Parzival, der zum Lancelot wurde – bis heute geblieben. Dabei entsprach er nie dem Typus des schwermütigen Weltflüchtlings: Er ist menschenfreundlich und lebenszugewandt, und die Unhöflichkeit des Spielverderbers liegt ihm fern. Artmann ist heiter nicht zuletzt aus Anstand und Ritterlichkeit.
Mit gutem Grund hat man das Werk schon immer ungern von seiner Person getrennt. Dem trägt dieses Album Rechnung: es ist eine Biographie in Bildern, durchflochten von Texten, die erst in den letzten Jahren entstanden und großteils für dieses Buch geschrieben sind. Sie zeigen ein farbiges Dichterleben: selbst aus dem Schwarz-Weiß der Fotos blitzen immer wieder Artmanns blaue Augen.

Residenz Verlag, Klappentext, 1986

Nachsätze

Jetzt ist das Album voll. Es standen etwa tausend Bilder zur Verfügung, rund hundert davon wurden für dieses Buch ausgewählt. Es sind Standfotos eines bewegten Lebens, Momentaufnahmen selbst dann, wenn es sich um ausgeklügelte Porträts handelt: Im nächsten Augenblick erhob sich Artmann und ging weiter, fast immer erhobenen Hauptes.
So sehe ich aus, sagen diese Bilder und zugleich: So will ich aussehen. Die Grenze zwischen Pose und Haltung, zwischen Stilisierung und Stil verwischt sich. Auf den meisten dieser Fotos blickt Artmann direkt in die Linse, in das Auge des Fotografen, in das des Betrachters: Schau mich an, heißt das und zugleich: Schau nicht hinter mich.
Daß ein Fotoalbum keine Biografie ersetzen will, versteht sich; wohl aber will es ein Leben widerspiegeln. Wenn es dabei als Bildersammlung notwendig lückenhaft ist, so werden diese Lücken durch die eingestreuten Texte mehr als geschlossen: Sie weisen über dies besondere Leben hinaus, übertreffen dessen Wirklichkeit durch das noch Wirklichere: die Poesie. Nichts anderes wollte und will H.C. Artmann zeit seines Lebens…

Jochen Jung, Nachwort

Meine heimat…

Meine heimat ist Österreich, mein vaterland Europa, mein wohnort Malmö, meine hautfarbe weiß, meine augen blau, mein mut verschieden, meine laune launisch, meine räusche richtig, meine ausdauer stark, meine anliegen sprunghaft, meine sehnsüchte wie die windrose, im handumdrehen zufrieden, im handumdrehen verdrossen, ein freund der fröhlichkeit, im grunde traurig, den mädchen gewogen, ein großer kinogeher, ein liebhaber des twist, ein übler schwimmer, an schießständen marksman, beim kartenspiel unachtsam, im schach eine null, kein schlechter kegler, ein meister im seeschlachtspiel, im kriege zerschossen, im frieden zerhaut, ein hasser der polizei, ein verächter der obrigkeit, ein brechmittel der linken, ein juckpulver der rechten, unbehaglich schwiegereltern, ein vater von kindern, ein Judas der mütter, treu wie Pilatus, sanft wie Puccini, locker wie Doctor Ward, schüchtern am anfang, schneidig gen morgen, abends stets durstig, in konzerten gelangweilt, glücklich beim schneider, getauft zu St. Lorenz, geschieden in Klagenfurt, in Polen poetisch, in Paris ein atmer, in Berlin schwebend, in Rom eher scheu, in London ein vogel, in Bremen ein regentropfen, in Venedig ein ankommender brief, in Zaragoza eine wartende zündschnur, in Wien ein teller mit sprüngen, geboren in der luft, die zähne durch warten erlernt, das haar nach vorne gekämmt, die bärte wie schlipse probiert, mit frauen im stehen gelebt, aus bäumen alphabete gepreßt, karussells in wäldern beobachtet, mit lissabonerinnen über stiegen gekrochen, auf tourainerinnen den morgen erwartet, mit glasgowerinnen explodiert und durchs dach geflogen, catanesinnen verraten, kairenserinnen bestürzt, bernerinnen vergöttert, an pragerinnen herangeraten, grüßgott gesagt, feigen gestohlen, revolver entdeckt, aus booten gestiegen, papierdrachen verwünscht, masken verfertigt, katakomben gemietet, feste erfunden, wohnungen verloren, blumen geliebt, schallplatten verwüstet, 150 gefahren, unrat gewittert, lampione bewundert, monde verglichen, nasen gebrochen, parapluies stehengelassen, malaiisch betrieben, positionen ersonnen, bonbons zertreten, musikautomaten gerüttelt, dankbar gewesen, heidenangst verspürt, wie der hirsch gelaufen, die lunge im maul gehabt, unter rosen geweilt, spielzeug gebastelt, rockärmel verpfuscht, Mickey Spillane gelesen, Goethe verworfen, gedichte geschrieben, scheiße gesagt, theater gespielt, nach kotze gerochen, eine flasche Grappa zerbrochen, mi vida geflüstert, grimassen geschnitten, ciao gestammelt, fortgegangen, a gesagt, b gemacht, c gedacht, d geworden.
Alles was man sich vornimmt, wird anders als man sichs erhofft…

H.C. Artmann, aus: das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken, Walter Verlag, 1964

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Fakten und Vermutungen zum Autor + Reportage
Nachruf auf H.C. Artmann: FAZ
10. Todestag + Interview 12Büchnerpreisrede
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H.C. Artmann 1980 in dem berühmten HUMANIC Werbespot „Papierene Stiefel“.

Naheliegendes:

  1. H.C. Artmann: Achtundachtzig

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