über den lagunen verändert sich das licht.
nicht unfern der ufermauern von le vignole
höre ich die motoren der letzten maschine.
aufgeflogen sind irgendwo wilde enten, ja,
von der atmenden oberfläche des wassers, aus
graugewordnem grün in aufkommendes hellila.
hier, vauo, zwischen pinien, umzingelt von
modesty blaise und mandrake und fantomas,
schreibe ich, so gut ich vermag, meinen gruß
nimm ihn, du sokrates unter den deutschen,
du hand, die das ihre tut und den weg weist,
du uhrzeiger der rechten stunde – denn wer
sonst hätte die gezeigt in zeiten unglaublich
unrühmlicher muße?
ein stern, der den abend
bringt über die bewegung der bäume, der ihre
kraft läutert, sie reinigt, ist aufgegangen
vor meinem fenster und mischt schlaf und tag
wie ein weiser. er tut das seinige ohne aufwand.
ich kenne viele, vauo, und nur wenige – manche
verbleichen zu bald,
andere doch sind von bestand:
wer aber wäre dir gleich im schönen abend?
Dieser Band bringt die großen Zyklen hirschgehege und leuchtturm (1962) und landschaften (1966). Dazwischen steht eine in ein lilienweißer brief aus lincolnshire nicht näher bezeichnete Gruppe von Gedichten, die der Autor als Vorstufen zu den landschaften bezeichnet. In diese Gruppe wurden fünf Gedichte aufgenommen, die im lilienweißen brief unter der Verlegenheitsüberschrift „Elf vereinzelte Gedichte“ (1960) standen. Es sind dies „halali frau herzogin von aquitanien“, „unter einer araucaria kircheriana haben samson“, „ein lilienweißer brief aus lincolnshire“, „liebe verehrte orchideengrüne primaballerina“, „wie wieland schmied in der waldhütte zu leben“. Au dieser Zeit stammt auch das Gedicht „lehrgang in sieben tagen gottes“.
Der Zyklus landschaften wurde nach dem lilienweißen brief gedruckt und mit den Erstdrucken verglichen. Wir verweisen hier auf den Text H.C. Artmanns zu den landschaften in Band 10 dieser Ausgabe.
Der Abschluß des Bandes bildet das für V.O. Stomps geschriebene Gedicht „über den lagunen verändert sich das licht“, das erst in der erweiterten Taschenbuchausgabe des lilienweißen briefes nachgedruckt wurde.
Die Entstehungsdaten der Gedichte befinden sich im Inhaltsverzeichnis.
Rainer Verlag und Verlag Klaus G. Renner
Ich betrachte die folgenden texte als bloße inhaltsverzeichnisse für den leser, als literarisierte inhaltsverzeichnisse freilich; als anhaltspunkte und als ideen für noch nicht existierende, erst in der vorstellung sich vollziehende gegebenheiten. Ich versuche mich also praktisch in ausgriffen auf die zukunft. Ein inhaltsverzeichnis weist auf etwas hin, das erst zu realisieren wäre: es ist ein vorentwurf, und ein solcher befaßt sich mit der zukunft.
Mit diesen texten soll ein weg, eine methode gefunden werden, um von der engen und allgegenwärtigen vergangenheit, wie sie da in der literatur als abgehalfterter Ahasver herumgeistert, wegzukommen. Hiermit soll der sehnsucht nach einer besseren vergangenheit entgegengetreten werden; wehmütiges sicherinnern ist fruchtlos, ein abgestorbner kirschbaum, der sich nie mehr beblättern wird. Wohl bin ich romantiker – aber war nicht jede romantik von etwas erfüllt, das uns hin und wieder gegen ende des winters gleich einer noch unrealen frühlingsbrise überfällt?
Auch die konventionelle science-fiction ist meist nichts anderes als in die zukunft projizierte vergangenheit (kenntlich allein schon am imperfektstil), obendrein dominiert der vergangenheitscharakter jedenfalls eindeutig in ihr.
Warum inhaltsverzeichnis? Warum so viel unausgeführtes? Warum nur angedeutetes? Warum nur versprechungen? – Warum denn nicht? Eine eindeutige antwort soll nicht gegeben werden, weil sprache festlegt; jeder leser mag jedoch für sich herausfinden, was diese texte ihm persönlich an möglichkeiten anbieten.
Auf die frage, welche von diesen möglichkeiten mir selbst am meisten am herzen liegen, kann ich nur antworten: jene, die in die westliche, in die atlantische richtung weisen, jene abenteuer, die ich bei der lektüre der fragmentarischen altirischen dichtung er-lebte, durch-lebte und noch heute weiter-lebe.
H.C. Artmann, aus: Unter der Bedeckung eines Hutes, Residenz Verlag, 1974.
Die Idee zu einer mehrbändigen, aufgegliederten Ausgabe des damals schon auffällig vielschichtigen poetischen Œuvres von H.C. Artmann in der „Kleinen Reihe“ des Rainer Verlages – naheliegend erschien es damals – entstand 1967. Sie wurde – wie die meisten „Ideen“ von Verlegern – aufgrund dieser und jener Entwicklung (des Autors, seiner ständigen Wohnwechsel, des kleinen Verlages und seiner Probleme) ad acta gelegt, eigentlich aber nie aus dem Gedächtnis entlassen.
1969 erschien die von Gerald Bisinger mit Liebe und Fleiß betreute Sammlung Ein lilienweißer Brief aus Lincolnshire im Suhrkamp Verlag. 1978 auch in Taschenbuchform, die bis dahin vollständigste Zusammenstellung der Gedichte, welche bis heute Gültigkeit und Wirksamkeit erlangt hat.
Viele Jahre später, im Herbst 1991 also – was im Durcheinander der Frankfurter Buchmesse nicht möglich – nämlich bei einem Besuch der Renners bei Rainers im ungarischen Fünfkirchen, gerät diese „Idee“ wieder ins Blickfeld: ein mehrbändiges Werk, verteilt auf zwei Schultern.
Salzburg, Wohnort des H.C., liegt zwischen Fünfkirchen und München, zwischen Rainer und Renner. H.C. gibt also wenige Tage später sein Placet, bekundet Wohlwollen, avisiert gar seine Mitwirkung. Auch Klaus Reichert in Frankfurt am Main – nobilder und aufrechter Herausgeber vieler Werke H.C.s – wird sofort gewonnen.
1992 – Klaus Reichert hat seine nicht mühelose Arbeit angefangen, fortgeführt und mit H.C. abgestimmt – die, von den Verlegern übernommen, die Bandzahl der Gesamtausgabe auf zehn Stück (ursprünglich acht) ausgeweitet bzw. begrenzt. Die redaktionelle Arbeit des Herausgebers und des Autors ist vorläufig abgeschlossen.
Im Sommer 1993 beginnen Pretzell und Renner unter Nutzung der typographischen Vielfalt einer 1992 erworbenen leistungsfähigen Photosatz-Maschine die Ausführung der ersten Bände.
Frühjahr 1994 – Beendigung der Satzarbeiten. Die Drucklegung kann beginnen…
Klaus G. Renner und Rainer Pretzell, Nachwort
Fitzgerald Kusz: Kuppler und Zuhälter der Worte.
Die Weltwoche, 18.8.1994
Andreas Breitenstein: Die Vergrößerung des Sternenhimmels.
Neue Zürcher Zeitung, 14.10.1994
Thomas Rothschild: Die Schönheit liegt in der Abwesenheit von Nützlichkeit.
Badische Zeitung, 15.10.1994
Franz Schuh: Weltmeister jedweder Magie.
Die Zeit, 2.12.1994
Albrecht Kloepfer: Hänschen soll Goethe werden.
Der Tagesspiegel, 25./26.12.1994
Karl Riha: Wer dichten kann, ist dichtersmann.
Frankfurter Rundschau, 6.1.1995
Christina Weiss: worte treiben unzucht miteinander.
Die Woche, 3.2.1995
Dorothea Baumer: Großer Verwandler.
Süddeutsche Zeitung, 27./28.5.1995
Armin M.M. Huttenlocher: Narr am Hofe des Geistes.
Der Freitag, 25.8.1995
Jochen Jung: Das Losungswort.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.1995
Ich habe ihnen das gedicht „landschaft 8“ vorgelesen. Es stammt aus einem zyklus von zwanzig gedichten, die unter dem gleichen titel stehen. Ich möchte ihnen – nach maßgabe meiner fähigkeit, die allerdings nicht besonders aufs essayistische geht – zunächst erläutern, was für mich das wort „landschaft“ bedeutet und welchen platz es im haushalt meiner sinnlichen erfahrungen einnimmt.
1961 fiel mir in Stockholm das puch lter Laponicum von Carl von Linné in die hand. Linné war damals, anfang des 18. jahrhunderts, student der naturwissenschaften und erhielt ein stipendium, das ihm nach Lappland zu reisen ermöglichte, um dort natur und bewohner zu studieren. Über diese reise verfaßte Linné einen umfangreichen wissenschaftlichen bericht. (Er ist in der bibliothek zu Stockholm zu sehen). Gleichzeitig aber führte Linné ein privates tagebuch über seine beobachtungen, meist unter den schwierigsten umständen, während kurzer rastpausen oder auf dem reittier. Dieses tagebuch ist fetzenhaft, bruchstückartig, unvollständig und unvollkommen. Aber als ich es las, war mir sofort klar, daß ich hier etwas für mich ungeheuer wichtiges gefunden hatte. Daß ich das buch später übersetzte, ist eigentlich nur eine randerscheinung. Was mich faszinierte, war nicht der behäbige und distanzierende bericht eines naturforschers, sondern es waren die strahlenden momentaufnahmen winziger dinge, seien sie organischer oder anorganischer, materieller oder sozialer art: abgesprungene, isolierte details und im strahlenglanz ihrer leuchtenden faktizität. Hier finden sich minibeschreibungen von pflanzen und gerade aufgebrochenen blüten oder eines bestimmten sonnenwinkels, in dem sie erglühen. Da gibt es listen von mineralien und holzarten, von kochrezepten und interieurs von rauchstuben, badekammern und auch ungewollt „poetische notizen“ über merkwürdige augenkrankheiten oder, meinetwegen, harnleiden, vogelarten, lurcharten, mitternachtssonnenerscheinungen, und alles in der wertfreien gleichzeitigkeit des daseins. Ich will ihnen aus diesem buch ein paar beispiele geben, die meine faszination erklären:
„Die lerche sang den ganzen weg für uns, sie zitterte in der luft
Ecce suum tirile, tiriIe, suum tirile tractat
Im walde, an der jenseitigen seite des sumpfes, standen alle arten lycopodia: sabinae, cupressi, abietis bifurcati.
Nomina plantarum:
Botska. wird gegessen, alias Rasi. Engelwurz
Fatno. Angelica. Caulis. Engelwurz
(stengel und blätter)
Jerja. Sonchus purpur.
Gänsedistel
Jert. Ölsenich, wird als Ingwer gebraucht.
Hótme. Rausch- oder Trunkelbeere, Moorbeere
Cheruna. Schneehuhn, zart und klein
Lues. Großer Lachs
Stabben. Frauenfisch.
Ketke. Vielfraß. usw.
Ich hatte sogleich nach meiner ankunft ein zimmer bekommen und mich eben hingelegt, als ich an der wand ein licht erblickte. Ich fürchtete einen brand, sah aber gleich darauf durchs fenster, wie die sonne ganz rot aufging, was ich noch längst nicht erwartet hatte. Der hahn begann zu krähen und die vögel zu singen. Allein der sommer wollte nicht kommen.“ Und so geht es weiter.
Es sind beobachtungen, nicht feinsinnig, nicht ästhetisierend und exklusiv, sondern handfest und sich berufend auf die groben tatsachen, denen das leben gerade in diesem landstrich unterworfen ist. Linné hat sich wortlisten zusammengestellt, behelfsmäßige vokabelsammlungen und alles trägt in sich ein moment des surrealen und gleichzeitig eine augenblickshafte erscheinung des willens und der selbstbehauptung, die das einzelne bild und das isolierte wort hineinstellt in eine umgreifende erfahrung. Wir kennen den begriff vom automatischen schreiben. Er ist hier nicht anzuwenden. Aber das erzwungene schreiben unter widerstrebenden umständen, das rasche festhalten von eindrücken hat ein ähnliches ergebnis. Es sind vorfabrikate an worten und erscheinungsketten, erfahrungsbrocken, abgegrenzt und in der abgegrenztheit spontan und versehen mit dem reiz des spontanen, den das feinsinnige, langsame beobachten und aufschreiben kaum zu erreichen vermag.
Schon während der übersetzung des Linné-buches begann ich mit der niederschrift eines imaginären tagebuches. Es erschien unter dem titel Das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken. In diesem tagebuch wollte ich nicht mein tägliches dasein in seiner abfolge darlegen. Ich versuchte vielmehr, den Blick zu schärfen für die voluminösen einzelheiten dieses täglichen daseins: voluminös nota bene als qualitativer begriff. Ich bin in dieser zeit viel gereist und reisen bedeutet für mich nicht fortbewegung, sondern wohnen dort, wo ich vorbeifahre, sichtbares aufnehmen und mit diesem sichtbaren mein eigenes gesicht zu verändern.
Meine lust, landschaft oder welt zu sehen, ist nicht reguliert vom ehrgeiz eines kartenstechers oder eines geographen, die schlüssige oder geschlossene zusammenhänge und betrachtungen liefern mögen, genau wie auch mein ehrgeiz nicht dahin geht, in einem „klassischen“ romanwerk ein geschlossenes und schlüssiges dasein vorzugeben. Meine vorstellung von landschaft bedeuten der grashügel, über den ich gestolpert bin, der geruch einer straße, um punkt zwölf uhr und nicht später, das singen einer elektrischen säge, während ich hinter den verstaubten stores eines hotelzimmers sitze oder das: in der grünen intimität wuchernder brennessel-wälder die wässer meines bierrausches abzuschlagen.
Ich habe versucht, ihnen die art darzustellen, in der ich landschaften sehe, empfinde und sie in mir identifiziere. Was ich hier erzählt habe, sind voraussetzungen, private einzelheiten: ein gedicht zu schreiben ist etwas anderes. Was sie von mir gehört haben und hören werden, ist unter anderem getragen von dem wortmaterial: gewitter, kuh, schatten, schäfer, loden, gewitter, kuh, messing, leine, hülse, blitz, messing, jüngling.
Hinter diesen worten stehen vorstellungen, die „ich“ habe, die ich mehr oder weniger privat besitze, aber diese vorstellungen geben kein gedicht. Ich habe vorstellungen und setze sie ein. Dieser einsatz entfremdet mir in gewisser weise meine privaten vorstellungen: denn worte haben eine bestimmte magnetische masse, die gegenseitig nach regeln anziehend wirkt; sie sind gleichsam „sexuell“, sie zeugen miteinander, sie treiben unzucht miteinander, sie üben magie, die über mich hinweggeht, sie besitzen augen, facettenaugen wie käfer und schauen sich unaufhörlich und aus allen winkeln an. Ich bin kuppler und zuhälter von worten und biete das bett; ich fühle, wie lang eine zeile zu sein hat und wie die strophe ausgehen muß. Der blitz begattet sekunden, die hülsen finden sich in messing, die kuh nimmt gewitter auf hörner, Freyas reinheit reizt den jüngling, der schäfer kratzt sich am glied, der jüngling kratzt sich am glied, der mann von der bahn kratzt sich am glied und versieht seinen griff.
Sie sehen, meine damen und herren, ich rede nicht von meinen gefühlen; ich setze vielmehr worte in szene und sie treiben ihre eigene choreographie.
Meine gedichte, die ich hier unter anderem vorlese, heißen „landschaften“. Sie sehen, daß es keine landschaften im hergebrachten sinne sind, sondern innere landschaften, imaginäre paysagen, landschaften, die die worte sich selbst schaffen oder die durch worte neu erstellt werden.
H.C. Artmann, aus: Walter Höllerer (Hrsg.): Ein Gedicht und sein Autor, Literarisches Colloquium, 1967
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H.C. Artmann 1980 in dem berühmten HUMANIC Werbespot „Papierene Stiefel“.