H.C. Artmann: Das poetische Werk – Frühe Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von H.C. Artmann: Das poetische Werk – Frühe Gedichte

Artmann-Das poetische Werk – Frühe Gedichte

gelöstes . planetarisches
deutliches vorgefühl
früheren gekauertseins
ausgesogenes . befriedetes
präzise gestimmte gleichung
zum kollektiv der restopfer
der bestiarien beordertes
aufgeflochtenes am schwungrad
der lagunenseichte der ventrikel
klimatisches bedürfen an wasser
dienlich auf vermessung bezogen
stündlich vermehrt vom bewußtsein
der kaperzüge botanischer kreuzigung
am gereiften termitenbau des traums.

 

 

Editorische Notiz

Wie die Drucknachweise zeigen, sind die meisten der frühen Gedichte, wenn überhaupt, nur verstreut in Zeitschriften erschienen. Eine erste größere Sammlung kam erst 1966 (Verbarium, Walter Verlag, Olten) zustande; „vollständig“ erschienen die frühen Gedichte in dem von Gerald Bisinger herausgegebenen Band ein lilienweißer brief aus lincolnshire (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1969). Ein Gedicht aus dem lilienweißen brief – „drei japanische zeilen“ im Erstdruck Seite 28 – wurden vom Autor gestrichen. Hinzugekommen ist ein Gedicht, das erst nach Drucklegung des Suhrkamp-Bandes auftauchte („mein herz“) sowie „verbaristische szenen“. Hinzugekommen ist ferner die Widmung zu „entwurf zu einer klage für einen gefallenen“. Das Gedicht aus den epitafen, „pontius pilatus“, trägt in einer Fassung den Titel „gebet für chile“, hier fehlen die Einzüge, Vers 8 heißt „ellipsenferse“ (statt der ellipsenferse“) und die letzte Zeile „polar und polar“) ist auf zwei Zeilen verteilt („polar und / polar“)
Die Entstehung der Gedichte finden sich im Inhaltsverzeichnis.

Rainer Verlag und Verlag Klaus G. Renner

Editorische Notiz der Verleger

Die Idee zu einer mehrbändigen, aufgegliederten Ausgabe des damals schon auffällig vielschichtigen poetischen Œuvres von H.C. Artmann in der „Kleinen Reihe“ des Rainer Verlages – naheliegend erschien es damals – entstand 1967. Sie wurde – wie die meisten „Ideen“ von Verlegern – aufgrund dieser und jener Entwicklung (des Autors, seiner ständigen Wohnwechsel, des kleinen Verlages und seiner Probleme) ad acta gelegt, eigentlich aber nie aus dem Gedächtnis entlassen.
1969 erschien die von Gerald Bisinger mit Liebe und Fleiß betreute Sammlung Ein lilienweißer Brief aus Lincolnshire im Suhrkamp Verlag. 1978 auch in Taschenbuchform, die bis dahin vollständigste Zusammenstellung der Gedichte, welche bis heute Gültigkeit und Wirksamkeit erlangt hat.
Viele Jahre später, im Herbst 1991 also – was im Durcheinander der Frankfurter Buchmesse nicht möglich – nämlich bei einem Besuch der Renners bei Rainers im ungarischen Fünfkirchen, gerät diese „Idee“ wieder ins Blickfeld: ein mehrbändiges Werk, verteilt auf zwei Schultern.
Salzburg, Wohnort des H.C., liegt zwischen Fünfkirchen und München, zwischen Rainer und Renner. H.C. gibt also wenige Tage später sein Placet, bekundet Wohlwollen, avisiert gar seine Mitwirkung. Auch Klaus Reichert in Frankfurt am Main – nobilder und aufrechter Herausgeber vieler Werke H.C.s – wird sofort gewonnen.
1992 – Klaus Reichert hat seine nicht mühelose Arbeit angefangen, fortgeführt und mit H.C. abgestimmt – die, von den Verlegern übernommen, die Bandzahl der Gesamtausgabe auf zehn Stück (ursprünglich acht) ausgeweitet bzw. begrenzt. Die redaktionelle Arbeit des Herausgebers und des Autors ist vorläufig abgeschlossen.
Im Sommer 1993 beginnen Pretzell und Renner unter Nutzung der typographischen Vielfalt einer 1992 erworbenen leistungsfähigen Photosatz-Maschine die Ausführung der ersten Bände.
Frühjahr 1994 – Beendigung der Satzarbeiten. Die Drucklegung kann beginnen…

Klaus G. Renner und Rainer Pretzell, Nachwort

Ich betrachte die folgenden texte…

Ich betrachte die folgenden texte als bloße inhaltsverzeichnisse für den leser, als literarisierte inhaltsverzeichnisse freilich; als anhaltspunkte und als ideen für noch nicht existierende, erst in der vorstellung sich vollziehende gegebenheiten. Ich versuche mich also praktisch in ausgriffen auf die zukunft. Ein inhaltsverzeichnis weist auf etwas hin, das erst zu realisieren wäre: es ist ein vorentwurf, und ein solcher befaßt sich mit der zukunft.
Mit diesen texten soll ein weg, eine methode gefunden werden, um von der engen und allgegenwärtigen vergangenheit, wie sie da in der literatur als abgehalfterter Ahasver herumgeistert, wegzukommen. Hiermit soll der sehnsucht nach einer besseren vergangenheit entgegengetreten werden; wehmütiges sicherinnern ist fruchtlos, ein abgestorbner kirschbaum, der sich nie mehr beblättern wird. Wohl bin ich romantiker – aber war nicht jede romantik von etwas erfüllt, das uns hin und wieder gegen ende des winters gleich einer noch unrealen frühlingsbrise überfällt?
Auch die konventionelle science-fiction ist meist nichts anderes als in die zukunft projizierte vergangenheit (kenntlich allein schon am imperfektstil), obendrein dominiert der vergangenheitscharakter jedenfalls eindeutig in ihr.
Warum inhaltsverzeichnis? Warum so viel unausgeführtes? Warum nur angedeutetes? Warum nur versprechungen? – Warum denn nicht? Eine eindeutige antwort soll nicht gegeben werden, weil sprache festlegt; jeder leser mag jedoch für sich herausfinden, was diese texte ihm persönlich an möglichkeiten anbieten.
Auf die frage, welche von diesen möglichkeiten mir selbst am meisten am herzen liegen, kann ich nur antworten: jene, die in die westliche, in die atlantische richtung weisen, jene abenteuer, die ich bei der lektüre der fragmentarischen altirischen dichtung er-lebte, durch-lebte und noch heute weiter-lebe.

H.C. Artmann, aus: Unter der Bedeckung eines Hutes, Residenz Verlag, 1974.

 

Beiträge zur Gesamtausgabe: Das poetische Werk

Fitzgerald Kusz: Kuppler und Zuhälter der Worte
Die Weltwoche, 18.8.1994

Andreas Breitenstein: Die Vergrößerung des Sternenhimmels
Neue Zürcher Zeitung, 14.10.1994

Thomas Rothschild: Die Schönheit liegt in der Abwesenheit von Nützlichkeit
Badische Zeitung, 15.10.1994

Franz Schuh: Weltmeister jedweder Magie
Die Zeit, 2.12.1994

Albrecht Kloepfer: Hänschen soll Goethe werden
Der Tagesspiegel, 25./26.12.1994

Karl Riha: Wer dichten kann, ist dichtersmann
Frankfurter Rundschau, 6.1.1995

Christina Weiss: worte treiben unzucht miteinander
Die Woche, 3.2.1995

Dorothea Baumer: Großer Verwandler
Süddeutsche Zeitung, 27./28.5.1995

Armin M.M. Huttenlocher: Narr am Hofe des Geistes
Der Freitag, 25.8.1995

Jochen Jung: Das Losungswort
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.1995

 

für Hans Carl Artmann alias Quirinus Kuhlmann

hast du die wasserblauen Augen angebunden
an jeden schönen Gegenstand der Welt
an jeden schönen Gegenstand der Innensprache
hast du den Werkelkasten dieser Welt
so lang und süß gedreht deine Musik
singt in uns drin dein Wellenhaupt
beherrscht die Kunstnatur das Wellenhaupt
der Kunstnatur wird lösen unser aller Qual
erlösen uns von jedem Schmerz −
und hast Gezweig und hast in rosa Zweigen (Zungen) angebunden
schattiges Auge rund und groß beschattet vom Gedicht
das ohne Ende blühe : blüht

Friedericke Mayröcker

Artmann, Artista (1921–2000)

Ja, blutig ist der Ernst, gespitzt der Stift
Man dichtet alle Tage seines Lebens, bis
Daß der Tod, mein lieber Mann, dich
Den Stift (und alles andre) fallen läßt.
Gefällt der Baum, gefällt der Mann
Was heute reich, ist morgen bleich (geschenkt)
Des Lebens Saum vernäht mit spitzer Nadel
Verknotet. Verweht der Blätter großer Haufen
Was nie verzagt, erkundet auf der Flur
Erjagt Stock, Stab und Hollerbrand. Er jagt!
Erliegt nicht. Sieh, die Draperie des Schönen, Wahren
Unverständigen, dahin die Kälte vieler Tage.

Ein geborener Dichter, wie man so sagt.
Geboren wird man irgendwo, geborgen nie
Im Blätterwerk der Bücher, Manuskripte
Zwischen Leintüchern die Kühle auf der Haut
Tut gut nach dem erschriebenen Fieber.
Geboren, mein lieber Mann, wird man am Walde
Ein Bündel Heu die Wiege. Ohne Hufe. Geboren,
Mein lieber Mann, wird man als Tier
Mit nassem Fell bei Hörnerklang
Zwischen Moos und Matsch in der Früh um sechs
Und später wieder von einer Frau
Die Hörner setzt man sich selber auf.

Voilà un homme. Verzierungsreich und ohne
Zacken in der Krone, zwischen den Zeilen.
Ein geborener Dichter, wie man so sagt.
Man sagt so viel, das dann verweht, vergeht.
Besser so. L’homme qui ne rit jamais.
(Um eine weitre Diskussion zu meiden:
Als Mensch erzieht man sich selbst. Punkt.)
Schutz, Schild und Scham, die Worte, Worte,
Wenn’s denn gelingt am Abend, in der Nacht
Und nie ohne ein Gedicht im Nacken –
Schutz, Schild und Scham, alles prächtig
Wie’s aus dem Munde kam, Zähne stark, wortmächtig.

Ein Herr von hoher Gestalt, zerbrechlich
Aller Sinne mächtig, aufrecht der Gang, das Wort
Ein Eingeborener der großen Städte
Wien, Berlin, Djakarta, ein Prinz von Dänemark
Durchlaucht auch ohne Land, beliebt in Karlsbad
Malaien und Molukken fallen nieder vor Respekt
Es zuckt die Feder, ruckt der Versfuß
Ruckedikuh, Blut ist im ausgetretenen Schuh
(Wer sagt, daß Dichten kein blutig Handwerk ist
Für Hand und Fuß und Hirn nur ein Genuß
Wer sagt, mein lieber Mann, was Dichter leiden?)
No one. Da schweigt des Dichters Höflichkeit.

Aufrecht der Gang, das Wort schneidend
Und gleichzeitig spielerisch, ja, zierlich gesetzt.
Es dient ein Stöckchen mit einem silbernen Knauf
Dem Gang des Herrn, dem Gang der Welt
Das Stöckchen schlägt den Takt sehr taktvoll
Keine Orthopädie muß helfen im Moosigen
Aufrecht lehnt man sich an ein Regal, bestückt
Mit Büchern, man bleibt stehn, geht wieder aus
Träumt sich von Wien (vulgo: Wean) nach Tanger
Nach Karlsbad nun nicht mehr, man schreibt
Man lebt so eben, vertieft in die Sage des Waldes
Ein virulenter Mann, der alles kann, (jetzt) konnte.

Gefällt der Baum, die Blätter fallen
Segeln leis zur Erde, zu Erde wirst du
Du weißt es schon, mein lieber Mann, (wie alle)
Zu Staub, zu Erde, gefällt ist dann der Baum
Zerbrechlich ist der Mensch wie böhmisches Glas
Knochen brechen auch, sie knacken nur sehr leis
Hilfreich und prächtig ist das Dichtungswerk
Und blutig sind die Steaks, die Kipferln, die
Es nähren. Und wenn denn nicht, was hilft
Was rettet?, nichts, no one und nevermore
Es spricht niemand, die Gedichte schweigen
Nein, wiederum, man muß sich tief verneigen.

Ursula Krechel

 

„Spielt Artmann! Spielt Lyrik!“ (Teil 1)

„Spielt Artmann! Spielt Lyrik!“ (Teil 2)

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor + Reportage +
Archiv + Sammlung KnupferIMDbKLG + ÖM
Interview 1 + 2 + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachruf auf H.C. Artmann: FAZ
70. Geburtstag10. Todestag

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Uferartmann“.

 

Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm Die Jagd nach H.C. Artmann von Bernhard Koch, gedreht 1995.

 

H.C. Artmann 1980 in dem berühmten HUMANIC Werbespot „Papierene Stiefel“.

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