H.C. Artmann: Eine Lektion in Poesie wird vorbereitet

Artmann-Eine Lektion in Poesie wird vorbereitet

zu hause lesen wir hölderlin anders
und anders in der fremde
ist es unsagbares
das uns zu sagen bleibt
frage die bäume
oder die ränder der flüsse
die zigarette die nutzlos
am munde der becher
verraucht
wir wissen nicht vieles
doch bleibt uns manches zu wissen
als anschlüsse der kamine
und geräusche heimkehrender autos
und das licht an der decke
das gleich einer lüge die augen blendet
und wären wir doch der wahrheit
nähergekommen so gerne
wie der efeu dem baum

 

 

1961 übersiedelte Artmann

für mehrere Jahre nach Schweden, zuerst nach Stockholm, dann nach Lund, zuletzt nach Malmö; das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken (1964), eines seiner ersten Bücher, ist ein literarisiertes Tagebuch dieser Jahre in Schweden. 
Auch nach seiner Rückkehr aus dem Norden lebte Artmann eher unstet, war häufig auf Reisen, wohnte in Graz und Berlin und dazwischen, 1969/70, auch in Rennes in der Bretagne.
Vor kurzem tauchten an verschiedenen Orten, in Koffern und Truhen, bei der damaligen Begleiterin Artmanns, Barbara Wehr, bisher unpublizierte Arbeiten von H.C. Artmann auf, die in der nomadischen Zeit der 60er Jahre entstanden sind: Ein Heft, das neben Übersetzungen von Carl von Linnés Lappländischer Reise ein originales, handschriftliches Tagebuch von 1963 enthält, private Notizen über das Leben in Lund, Poesien in Schwedisch und Französisch; und maschinschriftliche Blätter aus der Bretagne mit Gedichten, Gedichtanläufen, Variationen, Prosatexten.
All das erlaubt uns, der Entstehungsphase von Artmanns Werk beizuwohnen, seinem Spiel mit literarischen Epochen und Stilen, mit Sprachen und mythologischen Räumen: nordische Helden, französische Schäfereien, Pop und Naturlyrik: alles ist möglich, und nichts davon ein Geheimnis – Artmann zeigt vor, wie aus Klängen und Formen, aus Rhythmus- und Bildervariationen unterschiedliche Poesien gemacht werden. Und wie manche Anläufe gelingen und andere scheitern.
Artmanns autobiografische Skizze aus Malmö endet mit den Worten: „… a gesagt, b gemacht, c gedacht, d geworden. Alles was man sich vornimmt, wird anders als man sichs erhofft…“

Droschl Literaturverlag, Ankündigung

 

H.C. Artmann: Eine Lektion in Poesie wird vorbereitet

1961 übersiedelte H. C. Artmann für mehrere Jahre nach Schweden. Die Stationen waren Stockholm, Lund und Malmö, letzteres bereits aus einem seiner ersten Bücher, das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken (1964), bekannt. Ein kleines literarisches Teilergebnis dieses Aufenthalts liegt nun in einer wohlfeilen, ansprechenden bibliophil aufbereiteten Ausgabe unter dem Titel Eine Lektion in Poesie wird vorbereitet vor. 
Gefunden wurden diese bislang unpublizierten Arbeiten bei der damaligen Begleiterin von H.C. Artmann, Barbara Wehr, so teilt es jedenfalls der Verlag mit.
Auf 65 Seiten gibt dieses schön gestaltete Bändchen Tagebuchaufzeichnungen, Arbeitspläne, Prosaskizzen, -texte, Gedichtansätze, -variationen und endlich auch die Gedichte aus dieser Zeit preis. Im ersten Teil, schwedisches Tagebuch, finden sich – wenn auch nicht gerade in übermäßiger Anzahl – Hinweise auf einzelne Arbeiten des Autors und Übersetzers. So etwa am Beginn: „3.7.63 Athanasio Kircher: Sphinx mystagoga … ill. Amstelodami 1676. 
Die illustrationen zu diesem buch Kirchers will ich herausgeben. Die bibliothek zu Lund besitzt ein schönes exemplar. Noch andere werke Kirchers sind hier, so unter anderem die China illustrata u. eine deutsche Übersetzung der Hall & Schallkunst … oder so ähnlich./Fotostatkopior./“ Wünschenswert dazu wäre ein Kommentar, in dem man näheres über Athanasio Kircher und die geplante Herausgeberschaft des Autors findet, zumal zwei Seiten später von „Einem ms. entwurf zu K.’s illustrationen“ die Rede ist, den der Dichter gemacht hat.
Auch zu Artmann als Übersetzer von Carl von Linnés „Lappländischer Reise“ finden sich zwei Hinweise, eine launige Überlegung zu und ein Zitat von Linné in der Artmannschen Übersetzung.
 Zudem wird dem Leser auch ein kleiner Einblick in das schwedische Leben von Österreichs faszinierendstem Poeten und Dandy gegeben: „Hoffe, dass morgen geld aus Frankfurt kommt. Bin vollkommen pleite, besitzer einer handvoll 2 öre-stücke. Fananama!“ Wer wissen will, was dieser letzte Ausdruck wohl bedeuten mag, findet die Auflösung am Ende des Buches, wo die schwedischen Ausdrücke und Sätze übersetzt sind.
Neben Privatem, eher Nebensächlichem, wie etwa der Frage nach dem Preis eines Schaukelstuhls, finden sich auch launige amüsant zu lesende Überlegungen: „Gibt es heutzutage noch hommes du monde? Der unterschied zwischen einem homme du monde und dem dandy […] Recht interessante schlüsse. L’homme conservateur. Wie besser ist doch ,conservateur‘ verglichen mit konservativ! Der dandy am rande des abgrundes.“
 Während sich der erste Teil mit derlei begnügt, gewährt der zweite, bretonische miszellen, einen Einblick in die Werkstatt des Dichters. Und daraus stammt auch der Titel des Bandes, Eine Lektion in Poesie wird vorbereitet.
Hier zeigt Artmann, wie durch Variationen, Erweiterungen etc. Gedichte entstehen, dabei wird deutlich, was er am Beginn dieses Abschnitts behauptet: „es geht mir um die kleinen punktuellen Eindrücke, die vereinzelten Momente des Abenteuerlichen, Bizarren“. Dies kann der Leser anhand dieser Dichtungen nachvollziehen, einzelne Stufen können nebeneinander bestehen, ohne einander aufzuheben, was jedoch nur möglich ist, weil der Dichter selbst meint: „Beide Arten der Darstellung, die harmonische wie die unfertige, sind für mich absolut gleichwertig.“
Damit wird dieses schmale Bändchen zur Fundgrube für all jene, die mehr von der Dichtung H. C. Artmanns erfahren möchten.

Susanne Zobl, literaturhaus.at,
3.9.1998

Eine Lektion in Poesie

− H.C. Artmanns Tagebuch. −

Die wilden Jahre tragen die Ortsnamen der Einsamkeit. Lund und Malmö, später Rennes in der Bretagne heissen die verschwiegenen Domizile des Dichters, der 1961 aus Wien flüchtet, um der Schmach des schnellen Erfolgs zu entgehen. H.C. Artmann reist den Frauen hinterher, er schreibt das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heissen brotwecken (1964) und notiert in ein Tagebuch verlorene Poesie von „duftzäzilien“ oder prosaischer: „Ich habe hunger, ich esse keks.“
Gefunden wurden H.C. Artmanns schwedisch-bretonische Aufzeichnungen in Truhen und Koffern, sie mehren ein Werk, das längst bei seinen Lesern ankommt und doch immer noch unterwegs ist. Die Verlegenheit der hastig publizierten Gesamtausgaben wird den Lebensabend Artmanns begleiten, das jetzt entdeckte Tagebuch macht sie nur noch spürbarer. In einem Einband von gehobener Schlichtheit und mit dem spröden Titel Eine Lektion in Poesie wird vorbereitet enthält das Buch den Fluch des Trivialen („Bin vollkommen pleite, besitzer einer handvoll 2-öre-stücke. Fananama!“), ausschweifende Poesien aus dem Klang französischer und schwedischer Wörter und das grandiose Scheitern am Gedicht. „matt beugt sich der hohe schierling“, schreibt Artmann mit den zarten Bögen seiner Schrift, sich korrigierend: „matt, in der farbe einer abendstunde / beugt sich langsam der hohe schierling“, oder: „langsam und matt in der farbe einer / abendstunde beugt sich der hohe schierling“. Von poetischen Epiphanien ist im Tagebuch die Rede, dem „überraschenden erkennen einer beliebigen situation“ und einer dichterischen Freude am Fragment.
H.C. Artmanns schmales Tagebuch ist sein Werk in nuce. Es hält mit seinen Notaten eine Poetik fest, die über Jahrzehnte genauso gültig geblieben ist, wie sich ihre Praxis stets verwandelte. H.C. Artmann ist der Dichter als „l’homme conservateur“ oder, wie es im Tagebuch heisst: „Wie besser ist doch ,conservateur‘ verglichen mit konservativ!“

Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung

Der König ist tot – Es lebe der König!

− Rede für H.C. Artmann. −

Eine Rede will ich halten, den Lebenden und den Toten, auf den Dichter Hans Carl Artmann, den lebenden und den toten, und weiß dabei gar nicht, ob Sie sich überhaupt vorstellen können, was er als Dichter war und geblieben ist – Dichter nämlich, also erheblich mehr als, ein bloßer Lyriker oder Poet, von dem Begriff Autor oder Literat ganz zu schweigen; ein Prosaist war er beileibe nicht, außer vielleicht insgeheim und nur sub rosa, kurz: was ein Artmann ist – nicht zu verwechseln mit einem Schreiber, schon gar nicht mit Schreiberlingen und der ganzen Schriftstellerei, Gott bewahre ihn davor, er hat es ja insgesamt recht gut getan, dann hol der Teufel aber auch die Männer der Feder samt den anderen Helden dieser Zunft. Das Roß Pegasos hat er nie geritten, und der Lorbeer bei ihm nur eines gekrönt, nämlich das Gulasch: ein Artmann, das ist aber auch, trotz Fleiß und Industrie, noch lange kein Reim- und Verseschmied, sondern der miglior fabbro del parlar ossian – für einen poeta doctus aber dann doch zuwenig dozil, als poeta vates zuwenig fade und für einen Poetaster ein zu großer Kenner von Poe und Mann von Geschmack: die Poetik hatte es ihm zwar angetan, mehr aber noch ein fescher Hintern, was Ethik war und das sogenannte Engagement der Poesie, war bei ihm stets enragiert, doch dann gleich wieder abrasiert, Gesichter hatte er ja so viele wie Bärte und nicht alle waren falsch, mehr aber noch besaß er Hemden und eine unbescholtene Weste, nach der Mode aber ist er dabei nie gegangen, den Rock bar jeder Medaillen, aber in der Uhrentasche klimperten stets ein oder zwei Lira für die anderen Lyriker, die armen Hunde, freigebig war er ja mit sich selbst, der Liederjan: doch ein Artmann ist zu redlich für einen Schönredner, zu geistreich für einen Schöngeist, und beileibe kein Literat, außer für einen Liter Wein, einen guten, der Rest ist für die Ratzen, den Musen tischt man eben Besseres auf, aber welcher zuerst? Erato wahrscheinlich, weil sie einem pauschal die eigenen Irrtümer vergibt und noch kein erratum seinen Gedichten geschadet hat – und dann Urania für die Sterne und Thalia für das Lachen.

Doch was an ihm war nun Dichter – dichter als was, werden Sie fragen. Nun, sehen wir vom Dichten einmal ab, denn das steht auf einem anderen Blatt – nein, halt: die Frage bleibt trotzdem, wie es dorthin kommt. Wie würden Sie’s denn machen, wollten Sie von den Amseln und ihrer grünverschlossenen Botschaft berichten? Wollten Sie mit ihnen pfeifen? Da nützen die Leimruten und Netze, die Fernrohre und Flinten nichts, die Finten schon eher, doch auf der Lauer liegen muß man schon selber, mit einem Auge dafür und einer gewandten Hand, mit Geduld und Spucke, die Amseln sind flink, sie reden nicht mit jedem, und wenn, steht’s nicht im Wörterbuch, kurz, ein wenig Fortüne braucht es schon, womit wir beim Thema wären: Fortuna kennen Sie sicher, das Schicksal und sein Riesenrad, die Lotterie, bei der an Brot und Gulden nichts zu gewinnen ist, vielleicht noch die Huld der Götter, nichts Genaues weiß man darüber nicht; doch haben Sie auch schon von Fortunas Schwester gehört?
Mit ihr hat’s der Dichter hauptsächlich zu tun, sie schenkt ihm sein Glück, die Göttin der Gelegenheit ist sie und heißt Occasione, aber so leicht macht sie’s einem nicht, daß es mit ihrem Namen getan wär’, Kompliment und es freut mich, hübsch ist sie ja und hat schwarzes Haar – aber das ist es ja, sie trägt es lang übers Gesicht, damit man sie nicht sieht, wenn sie kommt, und sie nicht zurückhalten kann, wenn sie vorüber ist, die Gelegenheit, und es braucht schon einen Dichter, um mit ihr ein paar Worte zu wechseln, und einen Meister seiner Kunst, was sage ich, einen Artmann, um sie für ein paar Augenblicke zum Bleiben zu überreden. Und eine glückliche Hand hat er ja dabei, er verstand sich darauf, als verstünd’ es sich von selbst, daß sie sich zu ihm auch noch zu Tische setzt, selbstredend federführend – da schauen sich die anderen groß an, die Süßholzraspler, und sie schauen ihm schon lange vergeblich von ihm alles ab, oder schlimmer, sie probieren’s mit Gewalt: bei den Haaren herbeigezogen wird’s dann, wie’s richtig heißt. Gedichte aber sind immer Gelegenheiten, sie zeugen von unseren Angelegenheiten und Abgelegenerem noch, aber es braucht eben jemanden, der uns das zeigt und es bezeugen kann, wir sind ja immer auf der Suche nach dem gestrigen Tag, und was der richtige Artmann ist, der hat dieses privilegium für den Verkehr mit den höheren Sphären, welche die Erde erst zum Drehen bringen, der hat ein klares Aug’ und Sinn für die Sterne, und er führt Buch darüber, und wie viele Seiten genau es waren, das wissen heute noch nicht einmal seine Herausgeber und Verleger, soviel daraus ist im Wind davongeflattert.

Um aber wieder auf die leidige Frage des Komparativs zurückzukommen, auf das dichter als was: der Dichter ist eben dichter dran, er ist dicht auf und hört sie früher kommen, die Göttin der Gelegenheit erkennt er schon am Rascheln ihrer Unterröcke, ja, er hört sie überhaupt als erster, wie er die Brennesseln wachsen hört und die Fische sich schneuzen: mit dem Gehör ist es ja so eine Sache, die Amseln singen fünf Noten für eine, die man als normal Sterblicher hört, und das nachzupfeifen, das bedarf auch einer Akrobatik des Zungenschlags, nicht nur dieses ordinäre Schnalzen der sogenannten Lyriker, die vielleicht noch den Balzgesang der Truthähne imitieren können, doch eine Amsel, mein Lieber, ist nichts für ein Erntedankfest, eine Amsel ist ein Kunstwerk aus hellem Blut, wie das meiste auf dieser Welt, das wir für gewöhnlich übersehen, zugegeben, sie machen sich ja oft unsichtbar, die Amseln, außer irgendwelchen Mamsellen im Park am Sonntag, dem Gärtner und zwei oder drei Evangelisten bekommt unsereins sie zunehmend seltener zu Gesicht, sie gehören eben einer seltenen Spezies an, genau wie die Artmänner, aber das heißt doch nicht, daß das nichts wäre, im Gegenteil. Mit einem aber haben Sie recht, müssen die Dichter immer von der Fauna und Flora reden? Worauf ich nur erwidern kann, hat die Flora schon einmal mit Ihnen? Was er Ihnen zu bedeutschen hat, kann also gewiß nicht schaden.
Habe ich bedeutschen gesagt? Wenn, dann war’s bei weitem zuwenig, oder glauben Sie, es gäbe nur die deutsche Amsel, amstel teutonic? Was ein rechter Ornithologe ist mit th und erst recht ein Artmann ohne, der kennt sich aus in Nord und Süd, erst recht, wenn er vernarrt ist in sein Fach, der kennt den Amselschlag nicht nur auf Englisch, sondern auch ihr gallisches Schnäbeln, der hat ihre italienischen Cousinen an der Hand, der kennt das tyk tyk ihrer schwedischen Schwestern: ja, ein Artmann klopft dort auf den Busch, wo sie zu Hause ist, nämlich in Irland, er nennt sie bei ihrem richtigen Namen, nämlich luin, er kennt sie gut, er hat sie ja oft genug aus seinem Bier gefischt, in das sie dort zugegeben öfter fallt, daran steht die irische Gattung der ossianischen und überozeanischen, der bretonischen und walisischen in nichts nach, und mit dem büll-büll der persischen Nachtigall oder weiland dem teutschen Vogel Greiff nimmt sie’s allemal auf. Doch ich will Ihnen nicht den Dichter als Vogelhändler vorstellen, vielmehr den Artmann, was Amseln nach Athen tragen heißt, für die Eulen ist ja der Jandl zuständig, für den Kuckuck die Mayröcker, für die Elster der Rühm, für die Drossel der Kolleritsch und so weiter. Aber ich sehe schon, aus Vögeln machen Sie sich nichts. Das Dichten aber hat damit viel zu tun. Denn dieses bringt, wie der Artmann sagt, dieses bringt die rechte Menschlichkeit.
Eine Amsel macht noch keinen Dichter, zwei schöne Zeilen auch noch nicht, was einen solchen auszeichnet, ist nicht nur die consecutio temporum und die constructio ad sensum, sondern eben, daß der Dichter dichter ist als andere, ein ganzer Kerl, ein weltgewandter, ja, ein kontinentaler Mensch: das ist sein contenuto, oder auf Deutsch seine contenance. Das Dichten ist eine Haltung: nicht die gebückte am Schreibtisch, sondern die kerzengerade. Und was ein Artmann ist, der legt denn auch sein ganzes Gedicht auf die Waage, ohne die Gewichte zu falschen, der hat sozusagen exemplarisch Rückgrat – und das ist ohne Eitelkeit erst eine Pose, nur wenn das Leben auch eine Bühne ist, deren einzelne Akte Poesie sind. Und Poesie ist das, was auf einen zukommt, sich ereignet und einem zustößt: der Artmann ist eben der Adlatus eines Advents, er ist gewappnet oder hat wenigstens die richtige Verkleidung parat: Agent, Adjutant oder Arsène Lupin, seine Luft- und Flaschenposten, den Kassiber und den Spickzettel dabei. Kleine Taschenkunststücke, werden Sie sagen. Aber was hat unsereiner denn schon aus dem Ärmel zu ziehen?

Jede Zeit hat ihre Helden. Aber Sie brauchen sich bloß einmal umzusehen; außer nachts am Himmel werden Sie jene, die Sie suchen, nicht mehr finden, und die dort oben sind – Orion, Bootes, Herakles, und wieder dieser Pegasos −, sie alle waren zu Lebzeiten auch nichts anderes als die Husaren und Seiltänzer von damals, die alle irgendwann einmal ihrer Uhren im Wald verlustig gingen. Was jedoch ein Artmann ist, der bringt sie uns zurück, wenn auch ein wenig anders ausstaffiert: so viele Namen wie Jahrhunderte, Pere Ubus und Villons, Strawanzer und Schlawiner, Falotte und Lanzelotte, Frankensteine und all die seinen, von Semiramis bis Echnaton, von Anselm bis Antonia, von Pontius bis Pilatus, ja, ein Artmann, der kennt die Zauber-, Segens- und Verfluchungssprüche, der zitiert sie uns herbei, alle diese bösen Kasperln und Hanswurstein – und mit welcher Tinten er seine Sprüch’ dann schreibt, das brauche ich ihnen ja nicht zu sagen, der Gottseibeiuns könnt’s nicht besser, aber schlimmer noch: was ein Artmann ist, der bringt sie auch unter die Leut’ – man muß sich das einmal vorstellen, der rückt mit seiner ganzen tiefschwarzen Romantik in das Wien vor dem Staatsvertrag ein, samt schwarzsilbernen Kandelabern, Schleifen aus schwarzem Flor und weißen Astern am Frack: es hat genützt, den Staatsvertrag haben die Österreicher erhalten, denn nicht der Raab, sondern diese Augustins aus dem Stehgrab haben die Russen im Stegreif unter den Tisch gesoffen, obwohl dann letztlich bei den Wienern nicht viel hängenblieb, sie sitzen ja noch immer in ihren Kaffeehäusern, wo man ihnen Brom in Häferl rührt, damit sie nicht der Schlag trifft, daß aus Österreich eine Republik der Dichter geworden ist, was sage ich, eine Anarchie, nein – die Monarchie eines H.onoris C.ausa Artmann und dero Gnaden mehr: Herrscher über beiderlei Patagonien, das kakanische Transsylvanien und das Franz-Josef-Land samt Residenz bei Achatz am Walde, wo er nut den Eichhörnchen hofhält. Und es bricht mir das Herz, Hans Carl ist tot, Le Roi est mort – Vive le Roi!
Denn der König war ein stiller, er hatte kaum was für solche Ehrbezeigungen übrig, und gestorben ist er schon gar nicht, er hat sich eher unters Volks gemischt, was ein Artmann ist, der verabschiedet sich bloß auf Französisch, auf Ehren hat er ja nie was gegeben, und so liegt er auch jetzt lieber unter den Ähren im Weizen, an der Grammatik der Grannen und Rispen ist ja noch viel zu tun, die Amseln lispeln ihm das ihre zu, sie erzählen ihm nun die Geschichte des Windes, und die Göttin all der dichterischen Gelegenheiten kaut an einem Halm herum, sie sieht aus wie eine richtige Landstörtzerin Courage und er ein Springinsfeld, wie hübsch sie ihm gewesen sein muß, als er sie schon von seinem Bett aus sah, ich bin mir sicher, sie trug die Haare offen und ihr Mieder halb aufgeknöpft. Mögen all die anderen auch glauben, es wäre sein Sterbetag gewesen, so weiß ich’s besser: er hatte nur wieder einmal Geburtstag. Herr Gott noch mal: paß auf ihn auf, er war nicht bloß nur ein Dichtersmann, sondern einer, der’s noch besser kann, eben dein Hans Carl Artmann!

(Der König ist tot war ursprünglich eine Hommage anläßlich H.C. Artmanns 75. Geburtstag, die ich ihm damals noch im Präsens vortrug, ohne daß ihm das geringste schelmische Glitzern in die Augen gekommen wäre – Gentleman, der er war, schwieg er stets zu solchen Kapriolen; ebenso aufrecht und gerade starb er dann auch, wie seine Frau Rosa erzählte, eines wahren Dichters Tod.)

Raoul Schrott, aus: Raoul Schrott: Handbuch der Wolkenputzerei, Carl Hanser Verlag, 2005

 

ARTMANN, ARTISTA (1921–2000)

Ja, blutig ist der Ernst, gespitzt der Stift
Man dichtet alle Tage seines Lebens, bis
Daß der Tod, mein lieber Mann, dich
Den Stift (und alles andre) fallen läßt.
Gefällt der Baum, gefällt der Mann
Was heute reich, ist morgen bleich, (geschenkt)
Des Lebens Saum vernäht mit spitzer Nadel
Verknotet. Verweht der Blätter großer Haufen
Was nie verzagt, erkundet auf der Flur
Erjagt Stock, Stab und Hollerbrand. Er jagt!
Erliegt nicht. Sieh, die Draperie des Schönen, Wahren
Unverständigen, dahin die Kälte vieler Tage.

Ein geborener Dichter, wie man so sagt.
Geboren wird man irgendwo, geborgen nie
Im Blätterwerk der Bücher, Manuskripte
Zwischen Leintüchern die Kühle auf der Haut
Tut gut nach dem erschriebenen Fieber.
Geboren, mein lieber Mann, wird man am Wald
Ein Bündel Heu die Wiege. Ohne Hufe. Geboren,
Mein lieber Mann, wird man als Tier
Mit nassem Fell bei Hörnerklang
Zwischen Moos und Matsch in der Früh um sechs
Und später wieder von einer Frau
Die Hörner setzt man sich selber auf.

Voilà un homme. Verzierungsreich und ohne
Zacken in der Krone, zwischen den Zeilen.
Ein geborener Dichter, wie man so sagt.
Man sagt so viel, das dann verweht, vergeht.
Besser so. L’homme qui ne rit jamais.
(Um eine weitre Diskussion zu meiden:
Als Mensch erzieht man sich selbst. Punkt.)
Schutz, Schild und Scham, die Worte, Worte,
Wenn’s denn gelingt am Abend, in der Nacht
Und nie ohne ein Gedicht im Nacken –
Schutz, Schild und Scham, alles prächtig
Wie’s aus dem Munde kam, Zähne stark, wortmächtig.

Ein Herr von hoher Gestalt, zerbrechlich
aller Sinne mächtig, aufrecht der Gang, das Wort
Ein Eingeborener der großen Städte
Wien, Berlin, Djakarta, ein Prinz von Dänemark
Durchlaucht auch ohne Land, beliebt in Karlsbad
Malaien und Molukken fallen nieder vor Respekt
Es zuckt die Feder, ruckt der Versfuß
Ruckedikuh, Blut ist im ausgetretenen Schuh
(Wer sagt, daß Dichten kein blutig Handwerk ist
Für Hand und Fuß und Hirn nur ein Genuß
Wer sagt, mein lieber Mann, was Dichter leiden?)
No one. Da schweigt des Dichters Höflichkeit.

Aufrecht der Gang, das Wort schneidend
Und gleichzeitig spielerisch, ja zierlich gesetzt.
Es dient ein Stöckchen mit einem silbernen Knauf
Dem Gang des Herrn, dem Gang der Welt
Das Stöckchen schlägt den Takt sehr taktvoll
Keine Orthopädie muß helfen im Moosigen
Aufrecht lehnt man sich an ein Regal, bestückt
Mit Büchern, man bleibt stehn, geht wieder aus
Träumt sich von Wien (vulgo: Wean) nach Tanger
Nach Karlsbad nun nicht mehr, man schreibt
Man lebt so eben, vertieft in die Sage des Waldes
Ein virulenter Mann, der alles kann, (jetzt) konnte.

Gefällt der Baum, die Blätter fallen
Segeln leis zur Erde, zu Erde wirst du
Du weißt es schon, mein lieber Mann, (wie alle)
Zu Staub, zu Erde, gefällt ist dann der Baum
Zerbrechlich ist der Mensch wie böhmisches Glas
Knochen brechen auch, sie knacken nur sehr leis
Hilfreich und prächtig ist das Dichtungswerk
Und blutig sind die Steaks, die Kipferln, die
Es nähren. Und wenn denn nicht, was hilft
Was rettet?, nichts, no one und nevermore
Es spricht niemand, die Gedichte schweigen
Nein, wiederum, man muß sich tief verneigen.

Ursula Krechel

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Fakten und Vermutungen zum Autor + Reportage + Archiv
Interview 1 + 2 + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachruf auf H.C. Artmann: FAZ
70. Geburtstag10. Todestag

 

 

H.C. Artmann 1980 in dem berühmten HUMANIC Werbespot „Papierene Stiefel“.

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