H.C. Artmann: Wenn du in den Prater kommst

Artmann/Zabka-Wenn du in den Prater kommst

es fällt aus alten briefen
so manches gilbe wort,
das trägt die graue amsel
in blaue morgen fort.

die diebe auf den dächern
auch nehmen viel mit sich:
die welkende narzisse,
den dünnen abschiedsstrich,

den cognac und die villa,
die traute tändelei,
das ei der reichen meute,
die späte liebelei.

das meiste blieb verschwunden,
nur wenig kam zurück;
in stunden der besinnung
verachtet man das glück.

aus zieren messingdosen
entsteigen blumenfraun;
auf heiden, mooren, moosen
will ich mein bett aufbaun.

es zittern sonnenringe
der liebsten auf dem leib,
im rummel letzter tage
der genien zeitvertreib.

behüte euch gott, madame,
mich manannán mac lir −
ihr fließt mit eurem schatten
und der delphin mit mir.

ich bin am rhein geboren,
mein nam ist madigan,
ich säe dunkle lettern
aus hellem äroplan..

 

 

Diese Auswahl von Gedichten

aus etwa 30 Jahren kann durchaus als notwendige Ergänzung zum Prosaband Der handkolorierte Menschenfresser (Volk und Welt 1984) verstanden werden. H.C. Artmann (geboren 1921 in Wien) ist in allen literarischen Gattungen gleichermaßen bewandert. Was ihn als Erzähler und Dramatiker auszeichnet, gilt in ganz besonderem Maße auch für den Lyriker: Artmanns ausschweifende Phantasie, inspiriert von allem, was je die Gemüter von Zuhörern zu erregen vermochte, ist gebändigt durch die Anstrengung der Form und durch die Kunst, Phantasie zu einer Sache des genauen Hinsehens zu machen.
Artmann benutzt altvertraute Motive, Bilder, Klänge, bewährte und abgegriffene, anspruchsvolle und triviale, um mit ihnen zu spielen, die ihnen innewohende Musikalität von neuem zum Klingen zu bringen und sie so in etwas Eigenes zu verwandeln.
Vergebens sucht man das lyrische Selbstbekenntnis in den Zeilen. Auch das unvermittelte Ich ist maskiert, in die Rolle des romantischen Liebhabers, des Schwerenöters oder Moritätensängers geschlüpft. Artmanns poetische Existenz erschließt sich aus der plastisch-bizarren Topographie seiner Landschaften, aus den Abgründigkeiten seiner Kasperlfiguren, doch in ihrem Kern bleibt sie rätselhaft. Seine Verwandlungsspiele aber, Strategien der Befreiung vom gegenwartsverhafteten Dasein, setzen Poesie frei: Die Beschwörung einer bunteren, lebendigeren, auch schrecklicheren Welt wird zur Möglichkeitsform einer Zukunft, die ganze Menschen hervorbringt – und dafür die Dichter braucht.

Verlag Volk und Welt, Beizettel, 1988

 

Verführung zur Poesie oder Kamanda tanzt vor Artmann

Für Beate Sawall, die den Meister so meisterlich durch Salzburg kutschierte, obschon man überhaupt nichts sehen konnte

1.
Am 30. April 1995, abends gegen 21 Uhr, begann Kama Kamanda vor H.C. Artmann zu tanzen, und der Dichter war stinksauer. Wie es dazu kam, werde ich später erzählen.

2.
In den bei den letzten Jahren meiner 31jährigen Tätigkeit in der Berliner Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz sah ich des öfteren in der Cafeteria einen Mann Mitte vierzig, der H.C. Artmann zum Verwechseln ähnlich sah, nur etwas kleiner und stämmiger. Er saß an einem Tisch und las die Zeitung, die er ziemlich nah an sein Gesicht hielt. Seine Brille hatte er dabei auf die Stirn geschoben. Manchmal lag ein Stapel alter Bücher vor ihm auf dem Tisch, woraus ich schließen konnte, daß er nicht nur zum Zeitunglesen in der Bibliothek war. Er rauchte selbstgedrehte Zigaretten und war etwas nachlässig gekleidet. Ein Sohn von Artmann? Einer der es weiß, oder einer, der ihn vielleicht nie kennengelernt hat? Ich hatte in den zwei Jahren nicht den Mut ihn anzusprechen. Wenn er von der Zeitung aufsah und seinen Blick schweifen ließ, hatte er einen zugleich konzentrierten, abwesenden und mürrischen Gesichtsausdruck. Er war H.C. Artmann wie aus dem Gesicht geschnitten, und er sah aus wie ein Poet, der in alten Büchern nach verborgenen Schätzen der menschlichen Phantasie sucht, weil er der eigenen nicht traut.

3.
Ich wähne Artmann jetzt in elysischen Gefilden, wo er als oberster Dichter (alle anderen verehrungswürdigen verstorbenen Dichterinnen und Dichter mögen mir verzeihen) die seligen Geister, die ich auch die schönen Engel nennen könnte, das Handwerk der Poesie lehrt. Ist es nicht tröstlich für uns zu wissen, oder uns wenigstens vorstellen zu können, daß die Schutzengel, die wir im Leben so dringend brauchen, bei einem solch souveränen Meister in die Lehre gegangen sind? Aber genug der Paradiesschwärmerei, wenden wir uns einer von Artmanns edlen Jacken zu!

4.
Anfang 1967 bewohnte ich noch sein Zimmer in der Kleiststraße in Berlin. An einem Wochenende wollte ich mir einen flotten, improvisierten Abend machen. Ich besaß keine besonders attraktive Jacke mehr, und so beschloß ich, eine von H.C.’s edlen Jacken, die seit Monaten in einem großen Schrank im Flur dieser Gemeinschaftswohnung wie verloren rumhingen, zu requirieren; er war längst ausgezogen, und zu dem Zeitpunkt angeblich auf Reisen. Ich dachte, er hätte die Jacken vergessen. Ich machte mich also fein und zog los. Nach etwa vier Stunden spülten der Alkohol und mein überhitztes Gemüt mich in eine Kneipe am Savignyplatz. Und da saß er, inmitten von mir unbekannten Leuten. Ich ging auf sie zu, um sie alle zu begrüßen, da rief er: der unverschämte Kerl aus Luxemburg hat meine Jacke an; zieh die Jacke aus, die gehört mir, das ist meine schönste Jacke! Ich lief rot an und begann zu stottern. Er meinte es ernst. Zieh diese Jacke aus, wiederholte er. Ach H.C., stotterte ich, die hängt doch da im Schrank, und ich dachte… Da gibt es nichts zu denken, brüllte er, diese Jacke ziehst du jetzt sofort aus, oder es gibt Krach! Wir waren beide alkoholisiert. Diese Jacke habe ich mir von meinem Honorar gekauft, erklärte er den anderen, die mich nun plötzlich herablassend und mitleidig anschauten. Das machte mich wütend. Die hast du dir von deinem Honorar gekauft, brüllte ich zurück, daß ich nicht lache, die hat dir deine Geliebte geschenkt! Er stand auf. Jemand ging dazwischen. Ich zog die Jacke aus, schmiß sie auf einen Stuhl und verließ das Lokal. Zuhause konnte ich nicht einschlafen und wußte, das war’s mit der Dichterfreundschaft. Eine schlimme Nacht. Aber es kam anders. Drei Tage später erschien ein junger Mann, den ich nicht kannte, und holte die restlichen Jacken aus dem Schrank. Das Corpus delicti, das er mitgebracht hatte, legte er auf den Schreibtisch. Es täte H.C. schrecklich leid, sagte er, er hätte die Jacken tatsächlich vergessen, wie schön, daß du ihn daran erinnert hast. Übrigens, diese Jacke gehört dir. Ich habe mich nicht mehr getraut, sie noch einmal anzuziehen. Ich hing sie zurück in den Schrank, und als ich zwei Monate später aus der Wohnung auszog, hing sie immer noch dort.

5.
Ich nenne ihn nicht den „Größten“, den „Einmaligen“, den „Begnadeten“. Ich nenne ihn ganz unbefangen und voller Freude „den Glückbringenden“. In meinen Skizzen habe ich ihn fatalerweise den „Erlösenden“ genannt. Bei Zeus und Schneewittchen, das hätte ihm nicht gefallen! Aber wieso konnte es mir durchrutschen?
Befinde ich mich jetzt in meinen Depressionen, ohne es vorhergeahnt haben zu können, anstatt an den nach Lavendel, Rosen und Flieder duftenden Gestaden der Poesie in einer feuilletonistischen und klaustrophobischen Schreibhölle?

6.
Im Herbst 1966 bedeutete H.C. Artmann die Lösung all meiner unlösbaren Probleme. Er sagte mir am Telefon, laß den ganzen Scheiß da unten, das wird sowieso nichts, komm nach Berlin, hier kannst du schreiben, hier kannst du auch einen Job finden, du kriegst mein Zimmer in einer Künstler-WG, da kannst du dich einrichten, ich wohne jetzt im Grunewald, da ist es viel schöner. Sag mir Bescheid, wann du kommen willst, ich kümmere mich dann um dich. Das war ein ernstzunehmendes Angebot eines Dichters, der damals die ersten Wonnen seines Ruhms sichtlich genoß, und ich folgte ihm aufs Wort. Es war seine Entscheidung für mein Leben, das ich mir damals nur so vorstellen konnte: leichtfüßig, leichtgläubig, nobel schreibend, den Damen die schönsten Gedichte zu Füßen legend, den Göttern ein Wohlgefallen. Und die schönen Künste, sonst nichts. Ohne diese seine Entscheidung wäre ich schon sehr früh in meinem Leben ins Abseits geraten.

7.
Vom 25.-29. Mai 1964 lud die damals schon als Grande Dame der Luxemburger Poesie (es gab vor ihr tatsächlich keine uns bekannte Dichterin in unserem Land) verehrte, die schöne Anise Koltz zu den zweiten Mondorfer Dichtertagen. Sie hatte mich bereits vorher kontaktiert, denn sie kannte Gedichte von mir, die in der wöchentlichen Literaturbeilage des Luxemburger Wort, der auflagenstärksten, allerdings auch katholischen Tageszeitung Luxemburgs, erschienen waren.
Ich verkehrte viel in ihrem Haus in Luxemburg-Stadt; sie war verheiratet mit dem um einige Jahre älteren Dr. Rene Koltz, dem ärztlichen Direktor von Bad Mondorf. Leider ist dieser vortreffliche Mann, ohne den die für Luxemburg so wichtigen Dichtertage nie zustande gekommen wären, allzu früh verstorben. Ich war eine Art Hausfreund geworden, ich fühlte mich bei ihnen geborgen wie sonst nirgendwo. Anise und Rene verstanden mich, sie hörten mir zu, wir lachten viel, zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich verstanden und geachtet. Aber man munkelte; ich war oft mit Anise allein. Ich schränkte meine Besuche ein und war trotzdem in sie verliebt, was ich ihr nie gesagt habe. Selbstverständlich sollte ich Gast in Mondorf sein. Anise erzählte mir Wunderdinge von einem neu entdeckten österreichischen Dichter, den sie eingeladen hatte, und der die Einladung glücklicherweise angenommen hatte. Aber sie meinte damals nicht H.C. Artmann, sondern Thomas Bernhard. Also, Thomas Bernhard kam, Horst Bingel, Wolfgang Bächler, Wolfgang Weyrauch, Christa Reinig, Christine Lavant, Horst Bienek, Johannes Poethen, um nur einige zu nennen, ebenso viele Dichter aus Belgien und Frankreich; ich erinnere mich voller Dankbarkeit an Maxime Nemo, den damaligen Präsidenten der Société Jean-Jacques Rousseau, der mich später mit E.M. Cioran bekannt machen sollte. Aus Holland Willem Enzinck. Von Luxemburger Seite selbstverständlich Anise Koltz, meine Freunde Roger Manderscheid und Lambert Schlechter, mein späterer Freund Michel Raus, der sich zum renommiertesten Literaturkritiker des Landes mausern sollte, Edmond Dune, den ich als Dichter in französischer Sprache am meisten mochte, Nic Weber u.a.. Ich bin mir nicht sicher, ob jüngeren Lesern von heute der Name Christa Reinig bekannt ist, sie ist gerade 80 geworden und lebt zurückgezogen in München.
Und nun stand er da, der Hagestolz, der „homme du monde“ mit dem Monokel und lehrte den allzu wilden, doch ängstlichen Debütanten die Poesie. In den Händen hielt Artmann ein schönes, in der Schweiz ediertes Buch aus seiner Feder, das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken. Von da an war ich nicht mehr in irgendwelchen undefinierbaren Gedichten zuhause, sondern in der Poesie.
Aber meine Lage war katastrophal. Verheiratet mit einer von meinen Eltern nicht akzeptierten „deutschen“ Frau (mein Vater: es gibt anständige Mädchen genug in Luxemburg, du heiratest mir nicht die Tochter eines Nazis!), des Elternhauses verwiesen, vom Staat zwangsweise wegen guter Abiturnoten von der Universität Bonn geholt und in eine Offiziersschule nach Belgien abkommandiert, (es gab damals keine Wehrdienstverweigerung und die Luxemburger Armee brauchte dringend Reserveoffiziere), gehänselt von Freunden wegen dieser Armeegeschichte, und, als Dichter durch die Zeitung schon ein wenig bekannt, verlacht von allen Luxemburger Universitätsstudenten im Ausland als Schreiberling in Uniform, denn erstens waren sie alle „antimilitaristisch“ eingestellt, wie ich übrigens auch, und zweitens hatten sie mit Poesie nichts am Hut. Luxemburg ist klein, und alles spricht sich schnell rum. Von meiner Not, von meiner inneren Zerrissenheit und Verzweiflung hatten sie keine Ahnung. Außerdem war die Poesie für mich nur eine Geschichte am Rande, ich wollte Musikwissenschaftler werden, vergessene Komponisten ausgraben. Artmann, dem ich das alles erzählte, verstand mich auf Anhieb, ohne nachzufragen. Scher dich nicht drum, sagte er, geh deinen Weg als Dichter. Was ihn nicht daran hinderte, mit meiner schönen Frau Karin zu flirten und zu tanzen, bis ich vor Eifersucht platzte und dazwischen ging. Ansonsten tranken und plauderten wir wie in einem Pariser Salon der Aufklärungszeit, er ganz Vicomte und ich ganz Abbé. Alles schien, dank seiner leichten und unbeschwerten Verse, einer galanten und friedlichen Zeit entgegenzuschweben. Politik spielte keine Rolle, die Aufarbeitung von Geschichte auch nicht. Um wohlgemeinte und äußerst gelehrte Vorträge wie „Kann die Poesie die Welt verändern?“ kümmerten wir uns nicht. Wir wußten, daß nicht.

8.
Auch in Berlin führten wir keine weltverbessernden Gespräche. Er schleppte mich zu Chotjewitz, zu Vagelis Tsakiridis, Tsak genannt, wir waren mal mit Gerhard Rühm, Gerald Bisinger oder Elfriede Gerstl unterwegs, ich lernte unheimlich viele bekannte Leute kennen, was mich einschüchterte. Eines Nachts landeten wir beide mit Rühm in der kleinen Ladenwohnung einer Kunststudentin in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs, reichlich angetrunken und hundemüde, und dort schliefen wir sofort allesamt vollbekleidet ein, Artmann auf ihrer Couch, Rühm und ich mit ihr in ihrem Bett. H.C. und ich lasen zusammen in Hertha Fiedlers Kreuzberger Weltlaterne, wo damals der Maler Friedrich Schröder-Sonnenstern saufend Hof hielt (Pompidou sollte einige seiner Bilder erwerben). Wir saßen und tranken mit Robert Wolfgang Schnell, Günter Bruno Fuchs und den Rixdorfern Malern und Graphikern, Uwe Bremer, Johannes Vennekamp, Arno Waldschmidt und Ali Schindehütte. Wir versackten bei dem Maler Kurt Mühlenhaupt in dessen Kneipe Leierkasten. Kurzum, ein wahres Dichterleben, das mich zeitweilig die Realität vollkommen vergessen ließ. Mein Zimmernachbar in der Wohnung, der liebe Gerhard Juckoff, ein ewiger Student der Philosophie und ein leidenschaftlicher Haschischraucher, verschaffte uns beiden jede Menge Jobs: Dreher in einer Metallfabrik, Hähnchenbrater, Regalauffüller, Dachteerer (wir haben eine ganze Siedlung in Haselhorst mit neuer Dachpappe belegt und geteert), Kinokassierer, Kohlenträger, Zeitungsausträger, Hilfskellner. Später sollte ich dann allein für drei Jahre Nachtwächter bei der Berliner Bahnhofsmission werden. In der Wohnung Kleiststraße wurde ziemlich viel gefeiert. Ossi Wiener feierte da drei Tage und drei Nächte lang das Erscheinen seines Buches Die Verbesserung von Mitteleuropa. Amouren kamen und gingen, bei jedem. René Block, der spätere Galerist, wohnte gegenüber und neben mir zur Linken wohnte der gottbegnadete Zeichner Günther Neumann, von dem ich später hörte, er sei in einem Zen-Kloster verschwunden. Auch Heidi Springfeld, die spätere und mutige Galeristin der Avantgarde, war mit von der Partie. Und auch der etwas stillere und liebenswürdige Michael Behn, ebenfalls späterer Galerist in Berlin-Mitte mit seiner Frau Monika, die damals teilweise noch die Freundin meines unermüdlichen Freundes Gerhard Juckoff war.
Artmann ließ sich kaum noch blicken. Er reiste. Die Zeiten des Vicomte und des Abbés gingen im Gewühl der Studentenproteste 1968 unter. Weltrevolution war angesagt, Mao hieß der neue Dichter! Wie gruselig! 1969 verließ H.C. Berlin, er ging, glaube ich, zuerst nach Frankreich, dann nach Salzburg.
Meine Frau Karin kam 1967 noch einmal nach Berlin. Wir hatten 1965 einen Sohn bekommen, den Alexander, und sie wohnte in Mehlem bei ihrer Mutter. Wir weinten gemeinsam auf Artmanns Bett, wir umklammerten uns; unsere Liebe war trotz allem nicht erloschen, aber eine Zukunft unter diesen schwierigen Umständen war dem Sohn nicht zumutbar. Und ich konnte nicht mehr zurück. Sie beschloß, sich scheiden zu lassen. Sie wird wohl in ihrem späteren Leben keinen Kontakt mehr zu Artmann gehabt haben. In den darauf folgenden Jahren traf ich H.C. Artmann nur noch sporadisch in Berlin. Wenn in irgendeinem Gespräch das Wort Dichter fiel, war mir, als müßte er augenblicklich zur Tür hereinkommen.

9.
Ich habe Artmann in Berlin den Werdegang des geliebten und verehrten Deutschlehrers meines Vaters erzählt. Es war vielleicht unser einziges, politisch angehauchtes Gespräch. Dieser Mann war im In- und Ausland eine geachtete Kapazität, Tausenden von Luxemburger Gymnasiasten brachte er Goethe, Schiller, Stifter und Hölderlin nahe. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh er nach Deutschland, wurde geschnappt und in Luxemburg nach einem kurzen Prozeß, in dem er zum Tode verurteilt worden war, erschossen. Übrigens an einem Ort, dessen Namen man sich als Hinrichtungsstätte auf der Zunge zergehen lassen kann: Heilig-Geist-Plateau. Eigentlich ein Ort zum Träumen. Er war einer der größten Nazis Luxemburgs gewesen. Darüber war Artmann sichtlich erschrocken. Eine halbe Nacht lang ereiferten wir uns dann über Louis-Ferdinand Céline, den genialsten Poeten unter Frankreichs Romanciers. Auch er ein fürchterlicher, unappetitlicher Kollaborateur, (die Juden an den Galgen, und zwar sofort) dem allerdings die Flucht nach Dänemark (!) gelang. 1946 zum Tode verurteilt, acht Jahre später begnadigt und ehrenvoll wieder in Frankreich aufgenommen, wo er weiter ungeniert, als sei nie etwas gewesen, Interviews gab und Bücher publizierte. Und dann geschah etwas, das in der ganzen Literaturgeschichte seinesgleichen suchen dürfte: dieser Mann, dieser unausstehliche Egomane, als Landesverräter zum Tode verurteilt, verachtet und verehrt zugleich, wurde ausgewählt, als erster noch lebender französischer Schriftsteller in der legendären Dünndruck-Luxusedition der Bibliothèque de la Pléiade mit seinem Gesamtwerk vertreten zu sein! Wie konnte das geschehen?

10.
Ich war sowohl in, als auch am Rande seines schillernden und konsequenten Dichterlebens. Ich habe H.C. allerdings nie nach meinen publizierten Sachen gefragt. Hat er jemals meinen ersten, noch in Luxemburg im Selbstverlag 1964 kurz nach den Mondorfer Dichtertagen erschienenen Gedichtband Apoll kaputt erhalten? Michel Raus sollte das Buch Jahre später einmal als den Einbruch der Moderne in die Luxemburger Literatur benennen. Hat meine Erzählung Die Bärenhäuterin, die meine Freundin Sylvia Jacobi 1983 unter Aufbringung ihres ganzen gesparten Geldes in einer wunderschönen Ausgabe vorlegte, die editorisch sowohl von meiner zweiten Ehefrau Andrea Jacobs als auch von meinem Freund Thomas Hesse so liebevoll betreut wurde, und im Spiegel eine bemerkenswert positive Aufnahme fand, allerdings unter dem irreführenden Titel Pornographisches Kammerspiel, woraufhin ein Stuttgarter Bordell zwanzig Exemplare bestellen wollte, was aber dankend abgelehnt wurde, H.C. jemals erreicht? Hat er dieses Buch gelesen? Vielleicht befindet es sich in seinem Nachlaß. Ende 1966 stellte mich Günter Grass in einem Schöneberger Buchladen auf eine sehr sympathische Art und Weise dem Publikum als wilden jungen Dichter aus Luxemburg vor. Ob er sich daran noch erinnern kann? Für ihn war Artmann kein Thema.

11.
Mit dem Autobiographischen tue ich mich sehr schwer. Ich habe die ganzen Jahre keinen Versuch unternommen, in die Seele des Dichters H.C. Artmann hineinzublicken. Sie offenbart sich in seiner Poesie. Jochen Jung hat es in seiner schönen und klaren Rede anläßlich des 75. Geburtstages des Dichters auf den Punkt gebracht: seine Poesie entproblematisiert, sie gibt dem Leser das Gefühl, im Haus der Dichtung aufgenommen zu sein. Genau diese Erkenntnis hatte ich 32 Jahre zuvor, als ich Artmann in Mondorf zum ersten Mal vorlesen hörte. Ich habe danach nie mehr über Poesie nachgedacht, sie war selbstverständlich und nicht mehr zu hinterfragen. Im Juli 2005 sagte ich im Centre National de Littérature in Mersch (Luxemburg) in meiner Rede zur Verleihung des Prix Servais für meinen Gedichtband Jenes Gedicht & Mit nichts über meine Beziehung zu H.C. Artmann und zur Poesie: es ging darum, die Schönheit transparenter zu machen, die Sensibilität zu verdichten, das Gehirn zu durchlüften, die Herzen zu erleichtern. Dem möchte ich jetzt noch hinzufügen: das poetische Handwerk verlangt, daß man das Schwere in Schwerelosigkeit verwandelt, und ich behaupte, Artmanns Leben und Schreiben noch einmal flüchtig überfliegend, es geht nicht ohne Amouren und Schwärmereien, denn ohne sie hat man nicht die ruhige Hand, ein schönes Gedicht zu schreiben.
Fürwahr, H.C. Artmann war und bleibt der unvergleichliche Miraculix der Poesie, dessen Mixturen einen Vorgeschmack geben auf die Vorzüge des Paradieses.

12.
Im April 1995, bei den vorletzten Mondorfer Dichtertagen, hatte H.C. Artmann Beate und mich eingeladen, ihn in Salzburg zu besuchen. Einige Wochen später erfuhren wir, daß unsere Kartenwünsche für die Salzburger Festspiele Ende August erfüllt werden konnten. Es paßte also. Ich wollte ihm außerdem einige neue Texte vorlegen, was ich noch nie getan hatte, denn ich hatte nicht ganz den Mut, sie einfach so beim Residenz-Verlag einzureichen. Ich wollte nur seine Meinung hören, ihn allerdings nicht als Fürsprecher haben.
Wir wollten ihn überraschen. Es war ein ganz schlimmer Regentag, einer der fürchterlichsten, vermute ich, die Salzburg je erlebt haben dürfte. Wir hatten seine Adresse und einen kleinen zerfetzten, völlig unzureichenden Plan der Stadt, auf dem ich wenig entziffern konnte. Aber wir waren guter Dinge und brauchten eine geschlagene Stunde, bis wir in einem Vorortviertel, das unglücklicherweise nur aus Einbahnstraßen zu bestehen schien, im strömenden Regen vor seinem Haus hielten. Ich klingelte mehrmals, und nach ungefähr fünf Minuten öffnete sich oben ein Fenster. Na da seids ihr ja endlich, rief er, ich komme runter. Beate, die in solchen Situationen sehr schüchtern ist, hatte wie durch ein Wunder ihre Schüchternheit abgelegt, und munter stiegen wir hinter ihm hinauf zum ersten Stock. Rosa Pock, seine Frau, war leider nicht anwesend. Es ist mir bis heute nicht vergönnt gewesen, sie persönlich kennen zu lernen. Rosa ist leider nicht da, sagte er, die ist irgendwo mit Eliette von Karajan unterwegs. Mit Eliette von Karajan? Und schon war Beate wieder schüchtern. Er lobte meine Texte und ermunterte mich zu einem Versuch beim Residenz-Verlag. Ich zeig euch jetzt mal was, sagte er, verschwand für einen Moment und kam wieder mit einer großen Kiste aus Holz, mit grüner Seide beschlagen, wenn ich mich recht erinnere; er öffnete sie, und siehe da, es war sein poetisches Gesamtwerk in einer sündhaft teuren Luxusedition von Rainer und Renner. Je zwei Bände, alle in derselben Aufmachung, aber in verschiedenen Farben, lagen seelenruhig in einer Vertiefung übereinander, und man konnte sie anhand eines kleinen seidenen Bändchens hochheben und herausholen. Jetzt war es an mir, noch schüchterner zu sein als Beate. Ich hatte dergleichen noch nie gesehen. Das war der Beweis: nur der glückbringende Dichter kann so geehrt werden. Und Beate sagte auf ihre unnachahmliche Art, das freut mich aber für dich, H.C.!
Er war daraufhin sichtlich gerührt. Nachdem wir nun dieses editorische Wunderwerk genügend bestaunt hatten, zeigte er uns noch die letzte Abrechnung vom Suhrkamp-Verlag. Sie schuldeten ihm noch 1,79 DM. Beate ist noch heute der Meinung, es seien nur 79 Pfennig gewesen, und um ihr einen Gefallen zu tun, korrigiere ich mich und schreibe: sie schuldeten ihm noch 79 Pfennig.
Es war an der Zeit, ihn zum Essen einzuladen. Eigentlich wollten wir mit ihm ins Restaurant des Goldenen Hirschen, aber er lehnte ab. Das ist was für Touristen sagte er, fahren wir lieber zum Prinzen Altenburg auf Schloß Aigen, das wird euch gefallen. Zu einem Prinzen? Auf ein Schloß? Muß das sein? fragte Beate. Das muß sein, sagte er, aber wie kommen wir jetzt dahin? Es ist ziemlich weit, und bei dem Regen! Macht nichts, sagte Beate und fuhr los. Wir machten uns auf zu einer anderthalbstündigen Höllenfahrt, dreimal kreuz und quer durch ganz Salzburg. Manchmal mußte Beate anhalten, weil wir nichts mehr sehen konnten. H.C. dirigierte die Fahrt souverän vom Beifahrersitz. Jetzt die dritte Straße nach links, sagte er, und dann die zweite nach rechts. Aber wo war Schloß Aigen? Wir müssen zurück, sagte er, ich glaube, ich habe mich geirrt. Wir müssen jetzt geradeaus bis zu einer Bahnüberführung, dann die vierte nach links und dann sind wir da. Plötzlich waren wir auf der Autobahn nach Linz. Sind wir hier richtig, fragte H.C., und Beate antwortete, ich sehe überhaupt nichts mehr, wir müssen anhalten. Plötzlich waren wir wieder im Zentrum. Hier sind wir ganz falsch, sagte H.C., Schloß Aigen liegt im Südosten. Und wo ist Südosten, fragte Beate kleinlaut. Na im Südosten, antwortete er. Plötzlich schrie er: ich habe mich geirrt, wir müssen mehr nach Norden! Die Scheibenwischer versagten vor den herabprasselnden Sturzbächen. Wir mußten für zehn Minuten stehen bleiben. Im Fond des Wagens konnte ich auf meinem kleinen dämlichen Plan überhaupt nichts erkennen. Wir fuhren weiter, und H.C. dirigierte. Um diesen Platz müssen wir ein Mal halb rum, dann die zweite rechts. Danke, sagte Beate. Halt, sagte er, die erste nach rechts, aber da waren wir schon wieder auf der Autobahn. Wenn du in Wien zu Abend essen willst, scherzte ich, wir haben nichts dagegen, aber dann müssen wir auch in Wien übernachten, sonst wird das zuviel für Beate. Halts Maul, sagte er, ich muß mich konzentrieren, fahr jetzt mal nach rechts, Beate. Aber Beate verwechselt schon mal rechts mit links, und H.C. war ganz und gar nicht einverstanden mit ihrer Richtung. Man merkt, daß du Salzburg nicht kennst, sagte er, aber es ist doch eine wunderschöne Stadt, oder nicht? Dann sagte ich, Beate, halt mal bitte an. Aber warum denn, sagte H.C., wir sind doch gleich da! Wir sind morgen um halb sechs in der Früh da, antwortete ich. Beate hielt an. Ich stieg aus, denn ich wußte, es mußte jetzt ein kleines Wunder geschehen, ein kleines Salzburger Wunder, wenn wir jemals ankommen sollten. Der Regen hatte für einen Moment aufgehört, und da stand am Straßenrand ein junger Mann zwischen vierzehn und sechzehn Jahren, in einem Gehrock aus Seide und Brokat, mit einer gepuderten, weißen Perücke, mit einem Degen an der Seite und einem Dreispitz auf dem Kopf. Um seinen Hals hing an einem roten seidenen Band der Orden vom Goldenen Sporn. Herr Mozart, sagte ich, können Sie uns helfen, wir suchen Schloß Aigen, das soll hier in der Gegend sein. Ist es auch, antwortete er, die zweite Straße nach rechts und sie stehen davor. Und weg war er.
Schloß Aigen war tatsächlich mal ein Schloß gewesen. In einem Anbau befand sich eine noble Gaststätte. Ihr Besitzer hieß Niki Altenburg, ein Prominentenwirt. Artmann behauptete, es handelte sich um den Prinzen Altenburg, einen Nachfahren eines mit dem Prinzentitel geadelten unehelichen Sohn Kaiser Franz Josephs oder eines Erzherzogs. Sei’s drum, der richtige oder falsche Prinz, ein jovialer Mann, hieß uns willkommen und führte uns direkt zum Stammtisch. Wir waren der Hölle entronnen, und waren dankbar für alles, was man uns auftischte. Natürlich gab es den teuersten und auch besten Wachauer Riesling, natürlich gab es vom Feinsten, was die österreichische Küche zu bieten hat. Im hausgemachten Bouillon zärtlich gegartes Rindfleisch vom Ochsen, Filet und Hüfte, dazu Kalbszunge. Und als Vorspeise leicht sautiertes Kalbsbries, meine absolute Lieblingsspeise. Und noch eine Flasche Riesling! Und noch eine! Welch herrlicher Abend! Wir plauderten über unsere abenteuerliche Fahrt und über die schönsten Werke der Weltpoesie. Ich erinnere mich, ihn nach dem Verbleib des Dichters Franz Josef Czernin gefragt zu haben. Der sitzt in einem Forsthaus und dichtet, was soll er sonst machen, war seine lapidare Antwort. Weit nach Mitternacht brachen wir auf. Den Herrn Altenburg haben weder Beate noch ich gewagt, nach seinem wahren Status zu fragen.
Ohne weitere Irrungen und Wirrungen landeten wir vor seinem Haus. Wir umarmten uns und er ging ins Haus hinein. Rosa Pock war noch nicht zurück. Beate und ich sollten ihn bis zu seinem Tod nicht wiedersehen. In unserer Pension in Anif, bei der Mündlbäuerin, schwärmten wir noch die halbe Nacht, dabei kamen wir auch auf den schlauen Fuchs Kama Kamanda zu sprechen.

13.
Bei den Mondorfer Dichtertagen im April 1995 gab es ein völlig neues Konzept. Es gab sogenannte „Diners-lecture“, das heißt, es sollte vor, während und nach viergängigen opulenten Menus gelesen werden. Das war Artmanns und meine Sache nicht. Einige Dichter waren wegen dieses merkwürdigen Arrangements erst gar nicht nach Mondorf gekommen. Horst Bingel etwa faxte: „ich werde nicht nach Mondorf kommen, denn ich lese nie als Salatblatt zu Diners“. Dennoch aßen wir mit großem Genuß, hörten aber kaum hin. Ich erinnere mich an bombastische, nicht enden wollende, pathetische, zähflüssige, langweilige und hohle französische Lyrik. H.C. Artmann entschwand immer wieder, er war oft müde, wirkte etwas unkonzentriert und desinteressiert. Was sollte ihm denn das alles noch bedeuten? Es war geplant, daß er, Clemens Eich, der Sohn von Günter Eich und Ilse Aichinger, und ich am letzten Abend, allerdings auch nach einem opulenten Diner von vier Gängen im Restaurant des alten feudalen Kurhotels Hotel du Grand Chef, in einem größeren Saal vor ungefähr vierzig Abiturientinnen und Abiturienten aus ganz Europa, die alle gut Deutsch konnten, aus unseren Werken vorlesen sollten. Wir freuten uns auf diese Lesung und hatten unter uns ausgemacht, daß jeder nicht mehr als zwanzig Minuten lesen sollte. Die jungen Menschen tafelten in besagtem Nebenraum (auch da wurde dick aufgetragen, es gab Seezunge und Hirschmedaillons). Sie waren fröhlich und ausgelassen, es gab kein Alkoholverbot.
Plötzlich wurde es ruhiger im Nebenraum, und ich hörte eine ziemlich hohe Männerstimme irgendetwas auf Französisch vortragen. Die Jugendlichen fingen an zu lachen, dann begannen sie zu kreischen; da war mir alles klar. Das kann nur der verflixte Kama Kamanda aus Zaire sein, sagte ich zu Artmann, den das alles zu irritieren begann. Kenn ich nicht, antwortete er. Wirst du aber jetzt kennenlernen, sagte ich. Clemens Eichs Gesicht lief rot an. Was soll das hier, fragte er aufgeregt, wo sind die Organisatoren? Ich ging in den Nebenraum, und tatsächlich, da stand er, der gute Kama Kamanda, der jedem, den er traf, erzählte, er würde der nächste Präsident von Zaire sein, der aber in Wirklichkeit schon seit langem auf belgischer Seite an der belgisch-luxemburgischen Grenze lebte und dort auf Flohmärkten seine Lyrik verkaufte. Der zukünftige Präsident des Zaire persönlich! Da stand er, machte Witze, erzählte aus dem Stegreif afrikanische Dorfgeschichten und Märchen; er war nicht zu bremsen und die Jugendlichen fanden das alles ganz toll. Clemens Eich geriet außer sich und Artmann schickte mehrere Kellner nacheinander in den Nebenraum, Kamanda solle verduften, wir wären jetzt mit unserer Lesung an der Reihe! Von den Organisatoren der Mondorfer Dichtertage war niemand zu sehen. Das ärgerte ihn am meisten. Aber Kamanda ließ sich nicht beirren, im Gegenteil, er setzte noch einen drauf, er fing an zu singen, zu tanzen und zu trommeln. Die Abiturienten waren wie aus dem Häuschen. Das war eine Lesung ganz nach ihrem Geschmack. Die Situation eskalierte. Artmann sagte zu mir, hast du zufällig eine Pistole in der Tasche, den knall ich jetzt ab, der hat hier sein letztes Liedchen gesungen! Und Clemens Eich schrie, hör auf du Scheißkerl, du hast hier nichts zu suchen! In Wirklichkeit war Kama Kamanda offizieller Gast in Mondorf, war aber nicht für eine Lesung vorgesehen. Dann wagte ich den großen Coup. Ich ging auf ihn zu, was die Jugendlichen irritierte, denn sie brüllten nicht stören, nicht stören, aber es war mir egal, ich ließ mich auch nicht beirren, auch ich wollte meine Lesung, obschon ich hätte wissen müssen, daß die unter diesen Umständen überhaupt nicht mehr möglich war. Ich ging auf Kamanda zu und sagte, hör mal Präsident, hör mal gut zu, du machst jetzt hier…, aber weiter kam ich nicht, er sagte nur unter dem Beifall der vierzig Jugendlichen, fous le camp, auf Deutsch, verpiß dich. Ich gab auf. Wir waren dabei, uns lächerlich zu machen. Dann mußte ich auf die Toilette und als ich zurückkam, sagte mir Beate, Clemens Eich und H.C. hätten unter lautem Protest das Hotel verlassen. Der Spaßvogel aus Belgien aber tanzte und trommelte weiter. Als wir später im Hotel in unseren Betten lagen, hörten wir die noch lachenden und kreischenden Jugendlichen in einen bereitstehenden Bus einsteigen. Am nächsten Morgen ging alles sehr schnell. Artmann hatte schon gefrühstückt, ein Wagen der österreichischen Botschaft hielt vor dem Hoteleingang, die bringen mich jetzt zum Flughafen, sagte er. Dann umarmte er uns, stieg in den Wagen ein, kurbelte das Fenster runter und sagte: und daß ihr mir nicht vergeßt, mich in Salzburg zu besuchen. Den Vorfall erwähnte er mit keinem Wort.

14.
Im Juni 1996 veröffentlichte Alfred Kolleritsch in manuskripte Nr. 132 einen Teil meiner Arbeit Apollini et Musis anläßlich des 75. Geburtstages von H.C. Artmann. Friedrich der Große hatte diesen Spruch über dem Eingang seiner neuerbauten Hofoper Unter den Linden in vergoldeten Lettern anbringen lassen. Ich konnte keinen besseren, und vor allem keinen schöneren Titel finden.

15.
Ich bin in den letzten Jahren zunehmend skeptisch geworden gegenüber dem Geschriebenen, und ich habe keine Theorie, was es im einzelnen und gesamtgesellschaftlich bedeuten mag. Aber ist die Artmann’sche Poesie nicht der Beweis dafür, daß wir nicht in der Hölle leben? Und denen, die mir das Gegenteil beweisen wollten, würde ich sagen, dann ist sie die klarste Anweisung, wie man ihr gefahrlos entfliehen kann.

Jean-Paul Jacobs, aus: Marcel Atze und Hermann Böhm (Hrsg.): „Wann ordnest du Deine Bücher?“ Die Bibliothek H.C. Artmann, Sonderzahl Verlagsgesellschaft, 2006.

 


 


 

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Nachruf auf H.C. Artmann: FAZ
70. Geburtstag10. Todestag

 

 

H.C. Artmann 1980 in dem berühmten HUMANIC Werbespot „Papierene Stiefel“.

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Jan Wagner: Lob des Spreewals
Der Tagesspiegel, 11.6.2016

Stefan Sprenger: Dass der Mensch der Stil sein möge
Sprache im technischen Zeitalter, Heft 218, Juni 2016

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + KLG 1 & 2
Porträtgalerie:  Galerie Foto Gezett
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