Hans Bender (Hrsg.): Was sind das für Zeiten

Bender-Was sind das für Zeiten

SCHWEIGEN DER REST, ERWACHEN

der lärm betäubt mich ich schlafe ein
eindrücke höhlen mich aus ein lallen
witzelt erschlafft mit hörigem mund
was dir passt passiert, unangemessen
siehst was dir schmeckt nur, verzehrt
du selbst fügst dir zu was sich zutrügt
abra deine welt fällt mit dir zusammen
alle welt fällt in jedem auseinander
wie du dir trümmer flüchtig auftürmst
die türmchen gelassen zertrümmerst
hast du den müll zu mehl zermahlen
eitel- und heiterkeiten des augenblicks
wie du dich einängstest, stolz voranstelzt
das ziel vor augen etwas zurückzulassen
bleibendes, leibhaftig, welkendes wesen
wiederholst du dich, verlierst dich
heikel- und eiterkeiten des augenblicks.
doch gewiss, mein obmann achtet meiner
dass ich mich recht und gut verdinge
und unser beider spatz nicht auffliege
wir nicht verzweifeln an unserm geiz
so weitermachen als würd was geschehen
unsere milden nachbarn aufsuchen
die uns gehen lassen, empfangen, kommen
sich zu erzählen wies gewesen wäre.
artefaxen die gegenstände auch um uns
kann man den dingen fast ins auge sehen
wenn wir sie nur fest genug anstarren
kommen wir so bald als wirklich zur sache
schliessen, wann denn, von wenn auf dann
uns in obacht und aberwitz ein.
wir wissen zwar es geht nicht auf
missen dass es nicht darauf ankommt
sinnen ob drauf hinausläuft
dass alles in einem eingeht, restlos
nur schweigen der rest zum ende erwachen

Stefan Döring

 

Nachwort

Diese Anthologie sammelt Gedichte aus der Bundesrepublik, der DDR, aus Österreich und der Schweiz, die zwischen 1978 und 1988 veröffentlicht oder geschrieben wurden. Sie ist die Fortsetzung meiner Anthologie In diesem Lande leben wir, 1978 im Carl Hanser Verlag erschienen und noch vorrätig als Taschenbuch (Fischer 5006). Wie jene Sammlung soll auch diese neue aufzeigen, was vorliegt an deutschsprachiger Lyrik und wie sie sich ausweist in der Vielfalt ihrer Beispiele, einzeln und nebeneinander. Das alles gibt es also? Die Auswahl ist auch geprägt von mir, dem Herausgeber. Er will sowohl den Bestand als auch die Autonomie des einzelnen Gedichts oder Autors beachtet sehen.
Die „Lyrik der achtziger Jahre“ läßt sich so scharfkantig, wie andere sie schon datieren oder postulieren, nicht eingrenzen. Keine gleichgestimmte Formierung ist zu erkennen. Keine „Richtung“ oder „Gruppe“ hebt sich hervor. Keine poetologischen Programme lassen sich zitieren wie jene von Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Günter Herburger, Yaak Karsunke, Peter Rühmkorf, Jürgen Theobaldy und anderen, die in den 60er und 70er Jahren die Haltung zum Gedicht verändert und die Lyrik-Diskussion entzündet haben. Die Kennzeichnung „experimentelle Lyrik“ ist nicht mehr in Gebrauch; die Eigenschaft der Lyrik, „subversiv“ wirken zu wollen, nicht auszumachen. Zu keiner Zeit gab es so viele Preise und Stipendien für Lyrik; so viele Lyrik-Tagungen und Lyrik-Lesungen. Mehr Gedichte werden geschrieben als früher.
Viele oder viel zu viele haben es gelernt, sich in Gedichten auszusprechen, ohne daß sie dabei sehr auf die Gestalt ihrer Gedichte achten. Eher Übergänge als neue Ansätze von der Lyrik gestern zur Lyrik heute sind zu beobachten. Dennoch, ein Prozeß vollzieht sich. Die Jahrbücher der Lyrik verzeichnen und lenken ihn. Gedichtbände, die Jahr um Jahr erscheinen, bestimmen das Niveau und halten die Beachtung und Kritik gegenwärtiger Lyrik lebendig. Bekannte Autoren, die seit vier, drei, zwei Jahrzehnten dazugehören, haben weitergeschrieben. Autoren und Autorinnen, junge, zwischen 1950 und 1960 geboren, profilierten sich und suchen nach neuen Inhalten, anderen Formen und Sprechweisen. Eben, gegen Ende des Jahrzehnts, macht eine Gruppe von Lyrikern in der DDR mit „Stimmen und Techniken einer anderen Literatur“ auf sich aufmerksam. Die von Egmont Hesse herausgegebene Anthologie Sprache & Antwort (collection S. Fischer, Frankfurt am Main 1988) will in Interviews und Gedichten die „eigenwillige Sprache“ und „Ausforschung der Möglichkeiten des Wortes und der lyrischen Techniken der Moderne“ beweisen.
Von Bert Brecht ist der Titel dieser Anthologie entliehen, von seinem im Exil verfaßten Gedicht „An die Nachgeborenen“, das nun aus weiter Ferne sein „Gedenkt!“ herüber ruft. Vor allem drei Zeilen werden oft nachgesprochen:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gedicht über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.

Die Zeilen wurden meist mißverstanden. Erich Fried hat sie genau gelesen und interpretiert. Sie sind, meint er, „kein Aufruf zur Abwendung von der Natur zugunsten der Politik“; Brecht habe „die Wichtigkeit des Nichtverschweigens der Untaten“ betonen wollen (Erich Fried in: Ausgewählte Gedichte Brechts mit Interpretationen. Herausgegeben von Walter Hinck, Frankfurt am Main 1979). Wir wissen zudem: Brecht liebte Bäume, Natur, Landschaft. Auch als „Naturlyriker“ hat er einen hohen Rang.
„Was sind das für Zeiten.“ Ein Fragesatz ohne Fragezeichen, an die Lyriker gerichtet: auf die Zeiten, auf ihre Taten und „Untaten“ zu achten und auf sie zu reagieren. Das Gedicht bezeugt es, welcher Stunde, welchem Ort, welchem Anstoß es seine Entstehung und Botschaft verdankt. Dabei ist nicht allein das Thema gemeint, auch die Gestalt des Autors ist erkennbar, seine Liebe, sein Zorn, sein Temperament. „Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn / deutet auf Unempfindlichkeit.“ Auch das ist ausgesprochen im Gedicht „An die Nachgeborenen“.
Die Anthologie beginnt mit dem Kapitel: „Jahreszeiten, Mißgeschicke, Nekrologe“. Die Autoren dieser Gedichte sind im festgesetzten Zeitraum verstorben. Wir lesen die Gedichte von Ernst Meister, Nicolas Born, Volker von Törne, Wolfgang Weyrauch, Peter Huchel, Rainer Brambach, Erich Arendt, Reinhard Priessnitz, Rolf Bossert, Jörg Fauser und Rose Ausländer deshalb mit gesteigerter Aufmerksamkeit. Wir lesen den Lebenslauf und das Schicksal ihrer Autoren mit. Leitfiguren der Lyrik sind abgetreten: Meister, Huchel, Arendt. Sie kamen noch aus festgefügten Traditionen und überschaubaren Epochen. Weyrauch, ein Beweger und Programmatiker der Lyrik, hat sich bald nach 1945 dem, was nur tradiert und schon wieder restauriert war, entgegengestemmt. Er hat „Expeditionen“ befürwortet und junge Leute vorgestellt. Andere Gedichte, die dem ersten Kapitel folgen, halten die Erinnerung an Leitfiguren des vergangenen Jahrzehnts – und nicht nur an Lyrikerwach: an Paul Celan, Johannes Hübner, Heinrich Böll, Uwe Johnson, Peter Weiss, Peter Szondy und andere.
In diesem Lande leben wir war in zehn Kapiteln gruppiert, um die Themenfelder sichtbar werden zu lassen, in denen sich die Lyrik der 70er Jahre bewegte. In der neuen Anthologie wurde die thematische Unterteilung – auch weil sie in anderen Anthologien nachgeahmt wurde – ersetzt von einer Gruppierung nach dem Lebensalter. Übersichtlich folgt Autor nach Autor in der Reihenfolge der Geburtsjahre. „Zu dem Wert eines ,Gedichts‘ gehört das ,Gesicht‘ des Verfassers‘“ notierte Brecht, als er anonyme Gedichte beurteilen sollte. Vom Lebensalter ist es gezeichnet, von der Biographie, vom Klima der Literatur. Schon deshalb unterscheiden sich die Gedichte der einzelnen Kapitel. Traditionen werden sichtbar; der Anteil der Älteren an der Lyrik der Gegenwart; der Drang der Jüngeren nach neuen Möglichkeiten.
Die Pluralität der Auswahl und Sammlung erzeugt keine Harmonie, eher einen Bestand an heterogenen Haltungen, Vorsätzen, Formen, Sprechweisen. Alles scheint erlaubt. Ungereimte, offene Gedichte und Gedichte, die noch streng gereimt auf festen Versfüßen stehen. Gedichte, die irritieren wollen mit ungewohnten, alogischen Satzgefügen oder Kombinationen. Gedichte, die spielen mit vorgefundenen Elementen, die Zitate, Redensarten wie Spolien in neue Fassaden einfügen. Doch keine „Wende-Lyrik“ weil sie die Aufnahme in eine Anthologie nicht verdient; statt dessen Erlebnisgedichte, Erzählgedichte, Schnappschüsse, Monologe, Sprüche; Anagramme, Epigramme, Elegien, Sonette, mehr als vorher.
Die Themen bleiben gegenüber der Anthologie vor zehn Jahren fast konstant. Gedichte, die über das Gedicht selbst reflektieren: poetologische Gedichte. Gedichte, unterwegs, auf Reisen angeregt. Gedichte, deren Wahrnehmungen sich ganz auf die alltäglichen Vorgänge und Dinge richten, sie beschreiben und besprechen. Liebesgedichte; Gedichte, die sich dem Nachbarn, dem Fremden, dem Arbeitslosen, dem Kranken oder Sterbenden zuwenden. Noch Natur- und Landschaftsgedichte. „Heimat“ verlorene und wiedergefundene, im schönen bedrohten Idyll. „Zeiten“ −, darin ist auch die Vergangenheit aufgenommen: „Ereignisse / Sind im Gedächtnis geblieben“ (Heinz Czechowski): Krieg und Vertreibung; die „Untaten“ Hitlers, des Holocaust. Ulla Hahn erinnert an Gertrud Kolmar und fordert dazu auf, deren hinterlassenen Brief „langsamer“ zu lesen: „Immer wieder von vorn“.
Das politische Gedicht ist weniger laut, weniger zornig. Emigration und Immigration sind eine neue Situation. Unüberhörbar die Stimmen der Lyriker, die aus dem Banat kamen. Mißtrauen bleibt wach, am Staat hier und am Staat dort: „Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat“ (Volker Braun). Die Geschichte steht nicht still. Volker von Törne hinterließ seine Unruhe: „Der alte Schrecken geht einher mit neuen Waffen.“ Ilse Aichinger klagt und warnt: „Ich trau dem Frieden nicht.“ Das ökologische Gedicht darf nicht verstummen: Die Zerstörung der Erde und des Waldes, die Vergiftung des Wassers und der Luft reizen zum Protest und zur Anklage derer, die sie verschulden. Die Ohnmacht des Dichters schwingt in der Empörung mit. Die Sintflut oder die Apokalypse wird beschworen. Günter Grass variiert das „Vater unser“:

Müll unser
Strände lang.
Während abhanden wir
niemand Verlust sein werden.

Günter Kunert verzeichnet den Schock nach dem GAU von Tschernobyl:

… weil nun anders als vordem
der Wind weht
Was er vor sich hertreibt
über die unseligen Plätze
deiner mühevollen Anwesenheit
entblößt dich bald
bis auf die Knochen.

Nirgendwo sonst sind die „Zeiten“, in denen wir leben, und wie Gedichte auf sie reagieren, so bedrohlich gegenwärtig.
Die „Zeiten“ und die „Zeit“ selber sind Themen der Gedichte, ohne daß sie immer so programmatisch sich äußern wie in den angeführten Zitaten. „Liebe Zeit! Was war es, / im Ganzen gesehen?“ fragt Hermann Lenz. Viele Gedichte summieren und kommentieren Zeit-Ereignisse, politische, gesellschaftliche, soziale, beängstigende: „… die von Minute zu Minute kleiner werdende Zeit“ (Hans Magnus Enzensberger). Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche, Utopien sind wie eh und je Thematik und Motivik vieler Gedichte. Walter Helmut Fritz bezeugt es mit seiner ernstgemeinten Anrufung:

Komm näher, Frieden, komm,
damit wir die Rüstungen ablegen können
und ein Ende haben Erstarrung
Elend, Unterdrückung, Gewalt.

Joseph Brodsky, der Lyriker, Essayist, Nobelpreisträger von 1987, hat es ebenso einfach wie bildhaft gesagt, was Gedichte sein wollen und wie sie zu werten sind: „Gedichte sind nichts anderes als ein Spiegel der Zeit.“ Die Leser dieser neuen Anthologie – so wünsche ich es als Herausgeber – sollen nun in diesen Spiegel hineinschauen.

Hans Bender, Nachwort, 1.5.1988

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Naheliegendes:

  1. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Das verlorene Alphabet
  2. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Punktzeit
  3. Christoph Buchwald & Elke Erb (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1986
  4. Christoph Buchwald & Jürgen Becker (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1987/88
  5. Christoph Buchwald & Gregor Laschen (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1984

Einen Kommentar schreiben