Hans Christian Kosler: Zu Karl Kraus’ Gedicht „Traum vom Fliegen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Karl Kraus’ Gedicht „Traum vom Fliegen“ aus dem Band Karl Kraus: Schriften. Band 9. Gedichte. –

 

 

 

 

KARL KRAUS

Traum vom Fliegen

Und wieder mir träumte, ich wäre geflogen,
und dieses mal war es doch sicherlich wahr,
denn ich hatte so leicht wie die Luft ja gewogen
und hatte die Knie an den Körper gezogen,
und es ging wie im Flug, im beherztesten Bogen
hoch über der schwergewichtigen Schar,
es war keine Täuschung, ich war nicht betrogen,
es flogen die Stunden, die Tage, das Jahr.

Mit fliegenden Hoffnungen vollgesogen,
so wach’ ich mit müderen Gliedern auf.
Zu Lande ist Leben; und angelogen,
vom leichtesten Trug an der Nase gezogen,
aus allen Himmeln zur Erde geflogen,
da lieg’ ich, da liegen die Lügen zuhauf.
Und trotzdem bleib’ ich dem Traume gewogen,
so läuft er sich leichter, der Lebenslauf.

 

Die Fügung des Unbeugsamen

Wenn die Dummheit sich schlafen legte, ging er ans Werk. Dann breitete er die „papierne Schande“ namens Zeitung vor sich aus, um zu wissen, was er tagsüber versäumt hatte, und stimmte jenes satirische Hohngelächter an, das von seiner Treffsicherheit bis heute wenig eingebüßt hat. Karl Kraus war ein Nachtarbeiter und ein Workaholic, der bis zur Erschöpfung am Schreibtisch saß. Für angenehme Träume fehlte ihm die nötige Ausgeruhtheit. Meist war es der Albtraum Realität, der ihn bis in den Schlaf verfolgte. Die Klage, in der sich Lust und Qual verbanden, liest man oft in seinem 20.000-Seiten- Werk: daß sein Stoff „ach, nur die Notwehr gegen den Stoff“ sei und die Bewältigung dieses Stoffes ein nicht endendes Fieber hervorrufe.
Wenn in Kraus’ Glossen und Satiren von Träumen die Rede ist, dann sind es in der Regel Angst-, Fieber- und Albträume, die ihm „die Gesichte und Geräusche des Tages“ bereiteten. Daß es die mit positiven Assoziationen besetzte Welt des Traums in seinem Werk dennoch gibt, ja in den Gedichten eine wichtige Rolle spielt, fand bisher wenig Beachtung. Wie dem Ursprung, der das Ziel war, wie den Themen Liebe, Kindheit und Natur kam dem Traum die Bedeutung einer Gegenwelt, eines Refugiums zu, dessen Geheimnisse der Satiriker nicht gelüftet wissen wollte. Sein lebenslanger Feldzug gegen die Psychoanalyse beruhte auf nichts anderem als auf einer tiefen Abneigung gegenüber einer Wissenschaft, die in den Traum „wie in eine Tasche“ griff.
So charakteristisch der 1919 entstandene „Traum vom Fliegen“ für eine Vielzahl von Gedichten ist, in denen dem Traum gehuldigt wird, so ungewöhnlich nimmt er sich doch in seiner Diktion aus. Kraus konnte die Tonfälle seiner Gegner brillant nachahmen, doch wenn er von sich selbst sprach, war sein Repertoire an sprachlicher Gestik gering. Unter der Berufung auf das Weltgericht übte er sich in Selbstgerechtigkeit und sentimentalen Beteuerungen, wenn er – was er gerne tat – von der Unerbittlichkeit seiner Gegnerschaft Rechenschaft ablegte. Nichts von alledem in diesem schlichten Gelegenheitsgedicht. Auch das feierliche, oft schwer erträgliche Pathos seiner Lyrik fehlt. Statt dessen meint man eine Art Galgenhumor zu vernehmen, mit welcher der genarrte Träumer sich in seine Niederlage fügt. Und noch etwas verblüfft an diesem Gedicht: die Selbstvergessenheit, mit der Kraus seinen sich verordneten Größenwahn ablegt. Der Unmensch qua seines Amtes begibt sich in die Position des Mitmenschen.
Wie immer man den „Traum vom Fliegen“ deuten mag – ob als Tagtraum, als konkreten oder als übertragen gemeinten, gar sexuellen Traum: Er ist mühelos von jedermann nachvollziehbar. Wer kennt sie nicht – den lang herbeigesehnten Höhenflug und die „aus allen Himmeln“ erfolgte unsanfte Landung. Kraus hat der achselzuckenden Gelassenheit, mit der er die zerstobene Illusion dem Alltag zuordnet, auch formal Gestalt verliehen. Der auffällige Rhythmus der vierhebigen Verse und die einprägsamen Reime gesellen sich dem Auf und Ab des Lebenslaufs akustisch an.
Es ist einmal mehr „die andere Seite“ des Nörglers, die aus diesem Gedicht spricht. Der sonst so Unbeugsame gibt klein bei, streckt vor der Eigengesetzlichkeit des Traums die Waffen. „K. K. – Mundus? Noch lange nicht. Ein geniales Teilchen“, lautet einer der Seitenhiebe, die Peter Altenberg Karl Kraus gelegentlich verpaßte. Es scheint, als habe Kraus mit diesem Gedicht, das er auf seinen Lesungen immer wieder vortrug, dem Einspruch des Freundes stattgegeben.

Hans Christian Kosler, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

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