Hans Magnus Enzensberger: Die Elixiere der Wissenschaft

Enzensberger-Die Elixiere der Wissenschaft

BIBLIOGRAPHIE

Dies ist für dich geschrieben.
Windungen unter der Rinde,
Zitterschrift hinter den Schläfen,
Ameisenwege.

Das ist keine Kunst.
Gedruckte Schaltung,
Kommunismus
der Polypeptide,
elektronische Schlüsselblumen,
Lerchen, programmgesteuert.

Nimm und lies,
alter Selbstmörder.

Genetische Manifeste,
Permutationen, Triller.
Jeder Kristall ein chef d’œuvre.
Libellenaugen zu konsturieren
ist keine Kunst,
aber Weltreiche sind simpler gebaut.

Diese Brennessel
könnte von Proust sein:
Feedback-System zweiten Grades,
ultrastabil.

Bis dir das Buch in die Hand kommt,
ist es zum Lesen
vielleicht schon zu dunkel.

Ob die Libellen
ohne uns auskommen werden,
wissen wir nicht.
Es ist anzunehmen.

Wirf das Buch fort
und lies

 

 

Inhalt

Hans Magnus Enzensberger hat sich seit seinen literarischen Anfängen immer wieder mit naturwissenschaftlichen Themen, mit Wissenschaftsgeschichte und mit den Erkenntnismethoden und Biographien der Forscher beschäftigt. Seine mittlerweile legendären „Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“ wurden vor mehr als einem Vierteljahrhundert in dem Band Mausoleum veröffentlicht. Für ihn ist es ganz selbstverständlich, daß die Poesie und die Wissenschaften nicht nur eine gemeinsame Wurzel haben, sondern ihre Begegnung auf Augenhöhe heute mehr denn je zukunftsträchtig und notwendig ist. Daß ein Poet sich mit Mathematik und Chemie, Medizin und Teilchenphysik und Genetik zu beschäftigen hat, wenn er in der Literatur ernst genommen werden will, gilt ihm als ausgemacht; um so mehr, als die Entdeckung der Poesie in den Wissenschaften selbst „unseren trägen Hirnen ein gewisses Fitneß-Training und ganz ungewohnte Lustgefühle verschaffen könnte“.
Für diesen Band hat Enzensberger Gedichte aus seinem Gesamtwerk bis hin zu seinem zuletzt erschienenen Band Leichter als Luft (1999) und unveröffentlichten Manuskripten zusammengestellt; dazu gesellen sich acht umfangreiche, z.T. bislang ungedruckte Aufsätze.

Suhrkamp Verlag, Ankündigung

 

Das Heimweh nach dem Stahlstich im Blätterteig der Zeit

− Wehrlos vor der eigenen Brillanz: Hans Magnus Enzensberger präsentiert seine Elixiere der Wissenschaft als Mischgebräu aus Metapher und Anekdote. −

Also wie steht es jetzt mit der Mathematik, diesem Probstein allen wissenschaftlichen Denkens? Haben wir, die Nichtmathematiker, eine Chance zu kapieren, womit sie sich beschäftigt? Hans Magnus Enzensberger beklagt sie sehr, die Ignoranz der Allermeisten, die sich beifallheischend für völlig unbeleckt und unbeleckbar erklärt, für „unmathematisch“ im selben Sinn, wie es unmusikalische Seelen gibt, doch mit weit besserem Gewissen. Auch ein unmusikalischer Mensch, meint Enzensberger, könne doch wenigstens ein oder zwei Lieder singen, wenn auch vielleicht etwas krächzend. Gewissermaßen mit der linken Hand führt er an einer Stelle eine mathematische Operation aus und bemerkt: „Es ist ein Kinderspiel.“ Das mag sein – sofern es sich bei dem Kind, das da spielt, um Blaise Pascal handelt. Uns alte Esel aber soll es kränken und beschämen.
Die Frage nach Möglichkeiten der Kontaktaufnahme ist damit noch nicht entschieden. Als Beispiel dafür, wie auch dem Laien komplexe mathematische Probleme auf eine fassliche Weise auseinandergesetzt werden, benennt Enzensberger das vor einigen Jahren erschienene Buch Fermats letzter Satz von Simon Singh. Wer es aber gelesen hat, der wird sich auch seiner tiefen Frustration entsinnen: nicht etwa, weil er nicht verstanden hätte, was ihm zugemutet wurde – sondern weil der Autor an einem bestimmten Punkt dieser sich über Jahrhunderte erstreckenden Problemgeschichte einfach aufgehört hat, etwas erklären zu wollen, und von da an dem Laien auf sein Interesse nur noch anekdotisches Kleingeld herausgibt. Es hilft da gar nichts, dass Enzensberger in seinem einleitenden Essay „Zugbrücke außer Betrieb oder Die Mathematik im Jenseits der Kultur“ mal wieder auf die Schulen schimpft: Wer einmal das entsagungsvolle Lächeln eines Mathematikers gesehen hat, der aufgefordert wurde, seine Arbeit zu erläutern, der muss erkennen, dass die intellegible Welt an diesem Punkt schmerzlich und hoffnungslos entzweigerissen ist und die Hohenpriester dieses Fachs ihr Geheimnis wahren müssen auch dann, wenn sie es viel lieber teilten. Etwas kleinlaut merkt Enzensberger schließlich an: „Auch für mich bleibt die Zugbrücke zu ihrer Insel hochgezogen.“
Wozu also der ganze Zinnober? Was bringt Enzensberger von dieser aufwendigen Nicht-Begegnung als intellektuellen Gewinn wirklich heim ins Land des Schriftstellers und der Gemeinverständlichkeit? Wie sich bald erweist: isolierte Sustantive, ohne genaue Kenntnis ihrer Bedeutung rein auf den Wallunsgwert hin gesammelt wie einst von Gottfried Benn: „Die Mathematik kennt Wurzeln, Fasern, Keime, Büschel, Garben, Hüllen, Knoten, Schlingen, Streifen, Strahlen, Fahnen, Flaggen, Spuren, Kreuzhauben, Ober- und Unterkörper, Geschlechter, Skelette, Maximal-, Haupt- und Nullideale, Ringe, Einsiedler, Monster, Irrfahrten…“ usw. usw. Das ist hübsch; aber es ist recht wenig und wird darum rasch langweilig.

Zuckerkorn und Rosine

Enzensberger jedoch setzt große Hoffnung auf solche „Metaphern“, in denen sich Sprache und Wissenschaft zu schneiden scheinen. Dankbar zitiert er das Wort von der „erkenntnisleitenden Funktion der Metapher“ gerade auch in den Naturwissenschaften, die sich auf ihre formelhafte Exaktheit so viel zugute halten. Gerne möchte er das Kompliment erwidern: Und so sucht er in dem langen Aufsatz „Vom Blätterteig der Zeit. Eine Meditation über den Anachronismus“ einen geistesgeschichtlichen Komplex durch Rückgriff auf ein mathematisches Verfahren zu erläutern.
Das Phänomen, mit dem er sich beschäftigt, ist also der Anachronismus. Ihn will er nicht einseitig als Rückschlag und Querständigkeit verstanden wissen, als das, was sich dem Strom der Zeit in den Weg stellt, um ihn unnötigerweise zu behindern; sondern er erklärt die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen für den grundsätzlichen Zustand der Welt, der sich mit wachsender Komplexität der Lebensverhältnisse nicht etwa ausgleicht, sondern immer weiter differenziert. „Der Systemtheoretiker zieht in eine Altbauwohnung. Der Waffenexperte geht am liebsten in die Oper. Die Dekonstruktivistin leidet an Liebeskummer.“ Der Gedanke ist nicht ganz neu, aber sicherlich zutreffend. Neu ist das Bild, das Enzensberger benutzt, um beide vorherrschenden Modelle des zeitlichen Verlaufs, die ihm in gleicher Weise übertrieben simpel erscheinen, zurückzuweisen und an ihre Stelle ein drittes zu setzen. Nicht linear und nicht zyklisch gingen die Dinge vonstatten – sondern wie eine Bäcker-Transformation! Viel Raum wird nun auf deren Darstellung verwendet.
Der Bäcker, der einen Blätterteig anfertigt, walzt die Masse aus, bis sie doppelt so breit, aber nur noch halb so dick ist, schneidet sie dann in zwei Stücke, legt sie aufeinander und wiederholt den Vorgang etliche Male. Wo nun in den – stets gleichbleibenden – Koordinaten dieser Masse steckt jeweils ein bestimmtes Zuckerkorn oder eine Rosine? Es stellt sich heraus, dass sie auf einer zwar vorbestimmten, aber durchaus erratischen Bahn ihres Weges durch den Teig ziehen und mal mehr rechts oben hinten, mal mehr unten in der Mitte zu finden sind. Dann, nach immerhin zehn Seiten, kommt Enzensberger zur Nutzanwendung: „Weder ist es den Reaktionären aller Spielarten je gelungen, die Welt auf die Zustände irgendeiner – mehr oder weniger imaginären – guten alten Zeit zurückzuführen, noch hat sich durch politische, technische oder kulturelle Revolutionen ein für allemal abschaffen lassen, was im ungeheuren Teig der Zeit an Potentialen verborgen liegt.“
Der ungeheure Teig der Zeit. Man fühle jeder Metapher auf den Zahn, worin ihr Tertium comparationis besteht, und man wird ahnen, wohin sie den Ahnungslosen entführt. Zeit ist hier aufs erstickendste als Raum angeschaut, dicht gepackt und scharf begrenzt; die Elemente in ihm sind, ohne dass dem Autor dies aufzufallen scheint, sämtlich als so abzählbar wie unzerstörbar vorgestellt. Wie schlägt hier etwa die Sterblichkeit des Individuums zu Buche, die man doch als den wichtigsten einzelnen Faktor der Weltgeschichte wird auffassen müssen? Gar nicht; es hat sich zu einem rosinenförmigen Ahasver gewandelt. Ohne es zu merken, ist Enzensberger doch wieder beim alten Bild der Konstellation gelandet, er steht der Astrologie näher als er glaubt; sein Gegenentwurf bleibt gefangen im zyklischen Modell, nur dass die Zahnräder dieser Kuchenuhr elliptische Gestalt und exzentrisches Gebaren angenommen haben, so dass die Sache schwer überschaubar wird. Und, nebenbei: Das vorrangige Ziel, nämlich das Überlappen des Alten und Neuen im Anachronismus sinnfällig zu machen, verfehlt dieser Blätterteig vollkommen, denn in jeder seiner Phasen kennt er nichts als die reine Synchronie.
Wenn etwas für Enzensberger typisch ist, dann diese Wehrlosigkeit vor der Brillanz des eigenen Einfalls. Darum geht er der Metapher so leicht auf den Leim; was er aus ihrer Fulguration an Erleuchtung gewinnt, das sinkt ihm durch ihre Willkür wieder in Nacht zurück, und es ist für den Geblendeten finsterer als zuvor. Enzensbergers Versuch, der Welt der Wissenschaft auf literarischem Weg beizukommen, verlässt sich deswegen noch auf eine zweite Stütze: die Anekdote. Denn anders wird man die biografischen Langgedichte, die zumeist schon vor einem Vierteljahrhundert im Mausoleum: Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts erschienen sind, kaum subsumieren können. Das Muster ist immer das gleiche: Alle hatten sie mehr oder weniger einen Sprung in der Schüssel, die Herren Wissenschaftler und Technokraten, Alan Turing nicht anders als Frederick Winslow Taylor. Bei Condorcet „z.B. / die weiße Schleife im Haar: Trifft es zu, dass seine Mutter ihn / aus Bigotterie der Heiligen Jungfrau weihte, und dass er unter Prälaten ging, / bis er fünfzehn war, in Häubchen und Krinoline, eingesülzt in Gebete?“

Die Füße der Unglücklichen

Das ist rettungslos geschwätzig und verrät von der Leistung dieser Leute überhaupt nichts. Die wird stattdessen über den immerselben Kamm des Genie-Klischees geschoren: arm waren sie, verkannt, soziale Idioten, doch ihrer Zeit natürlich weit voraus. „Dann saß der Alte wieder / unbezahlt, schlaflos, unbemerkt, gichtig, im Hôtel de Cluny. / Die Stadt war dunkel. Angst, Hunger, Wucher und Inflation. / Eine Viertelstunde lang Stille, dann wieder das Scharren der Feder.“ So heißt es von Charles Messier, dem Entdecker der Sternhaufen, aber es gibt wirklich keinen Grund, warum sich damit nicht auch die Lebensbilder von Charles Babbage oder Étienne Jules Marey schmücken ließen. Unausgesprochen steckt in diesen säkularen Legenden die Idee des Heiligen: dass nämlich der Fortschritt der Welt sich der Füße der Unwürdigen und Unglücklichen bedient und den Betreffenden damit ein schmerzensreiches Glück ganz eigenen Zuschnitts bereitet, auch wenn es das MG ist, das sie erfinden.
Und es erfüllt diese Balladen etwas, das man das Heimweh nach dem Stahlstich nennen könnte. In dem Maß, wie die szientifischen Errungenschaften der Gegenwart im infinitesimal Großen und Kleinen, dem allzu Raschen und allzu Abstrakten ihre Bildfähigkeit verlieren, wächst den Funden und Konstrukten früherer Epochen der Wissenschaft, die man einmal verächtlich als überholt abgetan hat, ästhetischer Reiz zu und die Romantik einer altertümlich reichen Präzision.
„Astrolabium“ nennt Enzensberger ein Gedicht, und es ist ein einziger langgezogener Seufzer nach den „vergangenen Wörtern aus Messing“: „Auf der Planisphäre das gestochene Bild / der Himmelskugel, Azimute, / Almukantaraten und Horizont, / und über ihr kreisend ein zartes Netz / aus feinen Stegen, an deren Spitzen / Aldebaran, Rigel, Antares und Vega / zu sehen sind.“ Ja, wer da mitreisen könnte in der prächtigen Sommernacht!
Insgesamt hat Enzensberger mit seinen Elixieren der Wissenschaft ein rechtes Sammelsurium der Zweitverwertung aufgetischt, oder, etwas freundlicher ausgedrückt: einen Längsschnitt durch sein bereits gedrucktes Werk, insofern es zum Thema zu gehören scheint; die ältesten Stücke haben fast vierzig Jahre auf dem Buckel. Davon, dass die Gedichte, Zeitungsartikel und Essays in dieser Zusammenstellung einander neu erhellen würden, kann eigentlich kaum die Rede sein. Vielmehr tut jedes davon, was Enzensbergersche Texte nun einmal zu tun pflegen, manchmal auf ärgerliche und manchmal auf charmante Weise: Sie wetterleuchten im Schein einer phosphoreszierenden Intelligenz und zerstäuben – Kinderspiel! – einen feinen Hochmut. Man lese sie, wie sie geschrieben sind, als Blitzlichter, nicht als Herdfeuer der Erkenntnis, und man ist mit ihnen wohl bedient.

Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung, 9.3.2002

Die letzten Mohikaner der Metaphysik erleben gerade ihre manische Phase

− Wer mag, nenne diesen Zustand Nüchternheit: Hans Magnus Enzensberger singt ein neues Lied von den zwei Kulturen. –

Das gibt Ärger. Es sei denn, „der Shakespeare-Forscher, der noch nie eine Seite von Darwin gelesen hat, der Maler, dem schon schwarz vor Augen wird, wenn von komplexen Zahlen die Rede ist, der Psychoanalytiker, der nichts von den Resultaten der Insektenforscher weiß“ – es sei denn also, diese und andere „unfreiwillig komische Figuren“, die Hans Magnus Enzensberger aufführt, lesen seinen Band Die Elixiere der Wissenschaft nicht. Womit leider gerechnet werden muß, denn „bekanntlich“, schreibt der Autor, „ist die Ignoranz eine Himmelsmacht“.
Enzensbergers neues Buch versammelt Essays, Aufsätze, Zeitungsartikel und Gedichte aus beinahe vierzig Jahren schriftstellerischer Arbeit an den Tatsachen. Das verbindende Sujet ist die Wissenschaft. Zu den leidenschaftlichsten Stücken zählt der Vortrag „Zugbrücke außer Betrieb“, 1998 gehalten auf dem mathematischen Weltkongreß in Berlin. Auf diesen Auftritt ist die Mathematikerzunft mindestens so stolz wie auf den Beweis des Vierfarbensatzes, denn endlich erkannte ein Intellektueller aus dem anderen Lager ihren Beitrag zur Kultur an und beklagte noch dazu, daß die Kollegen Geistesgrößen in Deutschland überwiegend ungebildet seien, weil sie keinen blassen Schimmer von Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften hätten. Was umgekehrt keineswegs der Normalfall ist: Unter Naturforschern und Mathematikern ist profunde Kenntnis der Geisteswissenschaften recht häufig anzutreffen.
Das alte Lied von den zwei Kulturen, möchte man meinen. Doch nein, es ist ein neues Lied, und zwar ein garstigeres, weil politisches: Einige Naturwissenschaften schicken sich mittlerweile an, das Menschsein selbst zu verändern – das müßte doch das größte Thema der humanistisch Gebildeten werden? Ist es aber nicht. Und wenn, dann urteilen sie zumeist, ohne sich zuvor um die Tatsachen zu bemühen.
Nicht, daß Enzensberger der erste oder einzige Literat wäre, der aus den Naturwissenschaften Funken schlägt. Aber er ist weithin so ziemlich der einzige, der sie ernst nimmt. Als abschreckendes Beispiel des Gegenteils möge Botho Strauß’ Essay „Beginnlosigkeit“ gelten, in dem Karikaturen kosmologischer Theorien verwurstet werden oder, noch spektakulärer, das öffentliche Sinnieren Peter Sloterdijks über sogenannte Anthropotechniken. Von letzterem unterscheidet sich Enzensberger auch durch das, was er selbst „common sense“ nennt. Ihn wendet er gerne polemisch. Die Postmodernen etwa, für die sich die Welt in Simulationen auflöst, kommentiert er trocken: „Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt“, und die Heilsversprechen der Gentechnik kontert er mit dem Hinweis, daß der therapeutische Imperativ glaubhafter wäre, „wenn er es mit Krankheiten wie der Malaria oder der Tuberkulose aufnähme, an denen Jahr für Jahr Millionen sterben“. Da ist von seinem früheren Linkssein dann doch etwas übriggeblieben, wohl der beste Teil: Das Leid der Massen bleibt eine empörende Tatsache.
Immer geht es um die Wirklichkeit. Auch dort, wo von den abstraktesten Ideen der Wissenschaft die Rede ist – so ganz anders als bei jenen, die beispielsweise über Unschärferelationen, Quantensprünge und Elementarteilchen schwafeln, ohne jemals ein Lehrbuch der Physik in die Hand genommen zu haben. Enzensberger dagegen ist sogar zum Europäischen Kernforschungszentrum CERN gefahren, um in Augenschein zu nehmen, was die Hochenergiephysiker dort treiben. Es kam der Essay „Die unterirdische Kathedrale“ heraus, in dem die Tatsachen und die Ideen auf jenen Plätzen anzutreffen sind, die ihnen jeweils zukommen. In diesem Essay schreibt Deutschlands bester Wissenschaftsjournalist.
Und ist doch ein Dichter. Einer, der daran festhält, „daß die Poesie von allem handeln kann, was der Fall ist“. In den Essays und Artikeln klingt unüberhörbar der Poet durch, und dann gibt es natürlich auch die Gedichte selbst, mit denen dieser Sammelband nicht spart. Oft spielen sie mit den Metaphern, deren sich die Wissenschaft bedient; begleitet werden sie von einem Postskriptum, in dem der Autor einen Ausblick auf die blühende Metaphernlandschaft der exakten Wissenschaften gewährt.
Dies ist also das eine: Der Dichter läßt sich von den Metaphern der Wissenschaft entzünden, von den „Riemannschen Flächen“ etwa oder den „Hausdorff-Räumen“. Das andere: Er benutzt die Forschungsergebnisse selbst als Metaphern. Das ist ein ungleich anspruchsvolleres Vorhaben und zugleich eines, das nicht nur poetisch, sondern auch theoretisch ist – aus welchem Grund Einwände gestattet sind. Ein Beispiel: In seinem schon 1983 erschienenen Gedicht „Hommage à Gödel“ beschreibt er den mathematischen Befund, daß sich in jedem hinreichend mächtigen Kalkül Sätze formulieren lassen, die zwar wahr, aber nicht mit den Mitteln dieses Kalküls beweisbar sind. Woraus der Dichter folgert: „Du kannst dein eignes Gehirn / mit deinem eignen Gehirn erforschen: / aber nicht ganz.“ Ein bloßer Analogieschluß, kein zwingender. Zeilen eines Gedichts, in schlußfolgernder Diktion geschrieben. Kurz vorher heißt es „doch bedenk: / Gödel hat recht“, und das erinnert wohl nicht zufällig an den Duktus Brechtscher Lehrgedichte. Ebenso wie das Auftauchen von Karl Marx in dem Gedicht über Charles Babbage: Er „prüfte die Rechnung nach und befand sie für richtig“.
Lakonische Poesie, in der die Tatsachen gewissermaßen in Eigenfrequenz schwingen. Der letzte Satz des Buches sieht „die Poesie auch dort am Werk, wo niemand sie vermutet“, und darin äußert sich nicht etwa hündische Demut des Dichters angesichts der modernen Demiurgen, sondern ganz im Gegenteil ein poetisches Selbstbewußtsein. Hier wird die Poesie der Forschung herauspräpariert. Ohne Verherrlichung derselben, eher mit Staunen und durchweg kameradschaftlicher Ironie, etwa wenn von den Kosmologen die Rede ist, den „letzten Mohikanern der Metaphysik“. Besonders die Gedichte über historische Gestalten aus Forschung und Technik zeigen, daß Enzensberger keineswegs zu jenen siebenhundert Brechtschen Intellektuellen gehört hätte, die der Dramatiker einen Öltank anbeten ließ. Etliche der Gedichte Enzensbergers entstammen dem Band Mausoleum (1975). Sie sind überaus aktuelle Kritik der Wissenschaft und ihrer Hagiographie und zeigen vor allem die Leistungen der Großen im Kontext ihrer individuellen Biographie und ihrer Klassengeschichte. Gottfried Wilhelm Leibniz: „Wie ein Automat“. Condorcet: „Ahnherr der rüdesten Technokraten“. Babbage: „Zwangsneurotiker“. Malthus: „Unter den Propheten der Katastrophe der Muntersten einer“. Das alles ist sorgsam recherchiert und nicht ohne Respekt für die Riesen der Forschung geschrieben: „Aber wehe, wenn Jàncsi aus Budapest / anfängt zu denken“ – das ist John von Neumann.
Im Jahre 1991 veröffentlichte Hans Magnus Enzensberger das Gedicht „Ein Hase im Rechenzentrum“. Da hat eine kleine Kreatur Angst vor der Technik, und doch ist sie den Computern und Monitoren und Druckern überlegen; ihre Zukunft steht außer Frage. An anderer Stelle jedoch äußert Enzensberger, Parteigänger des biologischen Lebens, ernstliche Sorge um die Zukunft, namentlich in seinem zuerst in dieser Zeitung erschienenen Text „Putschisten im Labor“. Hier kritisiert er die hegemoniale Position der Informatik und Biologie, die sich als „Leitwissenschaften“ den besten Zugang zu den Ressourcen Geld und Aufmerksamkeit erobert haben. Den in diesen Wissenschaften spukenden Phantasien von der Selbstabschaffung der Gattung rückt Enzensberger kritisch zu Leibe – auch diesmal wohlinformiert, was nicht von allen Kritikern der Biotechnik gesagt werden kann – und diagnostiziert eine „manische Phase“ dieser Disziplinen. An deren Ende könnte öffentlicher, militanter Widerstand stehen, schreibt er, gegen den Wackersdorf oder die Aktionen radikaler Tierschützer harmlos wirken, geht es dann doch „nicht mehr um abstrakte Risiken“, sondern „um die eigene Haut, um Zeugung, Geburt und Tod“.
Enzensberger ist eben politisch geblieben. Überzeugungen haben sich verändert, die Haltung indes blieb über die Jahre die gleiche, weshalb denn auch der Stil der aus so unterschiedlichen Zeiten stammenden Texte durchgehend dem entspricht, was wir an diesem Autor haben: Hier blickt jemand die Welt an, möglichst genau, und entdeckt Erregendes, das von größerer Realität ist als all die Einbildungen, die der gewöhnliche Geistesbetrieb so hervorfördert. 

Die Elixiere der Wissenschaft sind Mittel, sich klare Sicht zu verschaffen. Wer mag, nenne diesen Zustand Nüchternheit.

Gero von Randow, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.3.2002

Vom Fliegenden Robert lernen

Eine Grundregel für Anthologien besagt, dass die Summe ihrer Teile mehr ergeben muss als die Addition einzelner Texte. Da das, was in ihnen versammelt wurde, in der Regel bereits an anderen Orten zu haben war, hat der Leser ein Recht auf einen ästhetisch-intellektuellen Überschuss, der sich ergibt, wenn Texte aus unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen nun erstmals beginnen, miteinander zu sprechen. Die Elixiere der Wissenschaft, das neue Buch von Hans Magnus Enzensberger, ist eine Anthologie, genau genommen eine Lyrikanthologie, in der 8 Essays zwischen 57 Gedichte eingearbeitet wurden. Mit Texten aus 10 seiner Bücher, mit Zeitungsartikeln (deren Erstdruck leider nicht angegeben wurde) und Unveröffentlichtem hat Enzensberger eine manchmal provozierende, immer anregende Schnittmenge aus denjenigen seiner Texte gebildet, die ein deutliches naturwissenschaftliches Wasserzeichen tragen. Wie sehr es sein Werk prägt, ist nun erstmals klar und umfassend zu sehen. Hier hat ein Lyriker seine eigene Wissenschaftsgeschichte komponiert, mit streitbaren Passagen: Einem Zeitungsartikel über die Genforschung ist ein ebenso langer Kommentar als Antwort auf Zuschriften angefügt. Das Buch verknüpft elegant Probleme und Persönlichkeiten der Mathematik, Physik, Biologie, Medizin, Anthropologie, stellt aus diesen unterschiedlichen Perspektiven immer wieder die faustische Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, und staunt darüber, warum immer wieder ein Mensch bis zur Selbstaufgabe sich anschickt, Unerhörtes zu erforschen und Unglaubliches zu erfinden. Enzensberger verfolgt, wie zwischen Marktgesetzen, Eigensinn und Zufallsprinzip sich letztlich unvorhersehbar herausbildet, was wir mit dem ambivalenten Begriff „Fortschritt“ belegen. Zentral sind denn auch die zwanzig „Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“, Porträts, die über die Hälfte der Texte des Mausoleums (1974) ausmachen – Arbeiten, die vermutlich zu den aufwendigsten seiner lyrischen Produktion gehören und die sich auch heute überraschend frisch lesen. Überhaupt wundert, wie sehr dieser Autor, der unter dem Signum Zickzack (so der Titel seines letzten Aufsatzbandes) seine Unabhängigkeit und Nichtfestlegbarkeit hütet, sich doch in seinen Grundinteressen treu geblieben ist. Schon das frühe Gedicht „Bibliographie“ aus Blindenschrift (1964) spielt die Kunst (das von Menschen Gemachte) aus gegen die Natur und setzt folglich die genaue Naturbeobachtung als eine primäre Lektüre („Dies ist für dich geschrieben / Windungen unter der Rinde“) gegen die sekundäre des Bücherfreundes. Das Gedicht weist auf die unbegreifliche Ästhetik der Schöpfung hin – „Libellenaugen zu konstruieren / ist keine Kunst“ oder in der Gegenfigur: „Diese Brennnessel / könnte von Proust sein“ – und endet mit dem Imperativ: „Wirf das Buch weg und lies.“ Dieser Gestus des 35-Jährigen, der Andacht und Hochmut vereint, ist dem 73-Jährigen geblieben. Reizvoll variieren die Elixiere Themen in Essay und Gedicht. So endet der Aufsatz „Das digitale Evangelium“ mit einer Absage an die „Medienpropheten, die sich und uns entweder die Apokalypse oder die Erlösung von allen Übeln weissagen“, und mit einem Glaubensbekenntnis an die Wirklichkeit:

Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychiatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlass. Das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch, doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben.

Es gehört seit je zur Strategie von Enzensbergers Rhetorik, ein Klischee aufzubauen, um damit einen stärkeren Aufwind für die eigene Argumentation zu haben. Im „Postskriptum“, das das Verhältnis von Poesie und Naturwissenschaften reflektiert, geht er darin jedoch ein wenig zu weit und rennt Flügeltüren ein, die er selbst immerhin schon vor über 40 Jahren im Museum der modernen Poesie (mit Berufung nicht zuletzt auf Poes The Philosophy of Composition) geöffnet hat. Kein ernst zu nehmender Lyriker der Gegenwart wird die „Poesie ausschliesslich als Spezialistin für den Ausdruck von Gefühlen“ verstehen – was um Himmels willen heisst „Gefühl“? –, und so mutet es seltsam an, wenn einer der grossen Lyriker unserer Zeit über seine Kollegen sagt: „Auch manche Lyriker haben sich vom Schema des neunzehnten Jahrhunderts emanzipiert und begriffen, dass die Poesie von allem handeln kann, was der Fall ist.“ Vom Fliegenden Robert zwischen den Disziplinen muss sich auch der gemeine Leser manchmal schulmeistern lassen: „Die beiden Unvollständigkeitssätze Gödels (…) sind bekannt genug. Auch dürfte sich herumgesprochen haben, dass Fermats letzter Satz (…) bewiesen worden ist.“ Die Rezensentin gesteht, dass sie beides ohne weitere Recherche nicht erklären kann – und hat sich damit disqualifiziert. Sie hat das Buch aber trotzdem sehr gerne gelesen.

Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung, 28.5.2002

Verschönert das Sinnlose

Die Elixiere des Teufels sind harmlos im Vergleich zu den Elixieren der Wissenschaft, die Hans Magnus Enzensberger aus dem zweiten für das dritte Jahrtausend zubereitet. Während es bei E.T.A. Hoffmann nur ein braves Mönchlein ist, das nach dem Genuss des Teufelzeugs in ein Delirium von Lust und Verbrechen fällt (vier Menschen kommen dabei ums Leben), reißen die Elixiere der Wissenschaft die ganze Menschheit in den Untergang.
Der romantische Dichter lässt die teuflische Raserei in ein himmlisches Versprechen münden. Der poetisch kalkulierende Kritiker entbietet den „Engel der Abstraktion“, der am Ende einsieht, dass alles kurzschlüssig, falsch und zwecklos gewesen ist. In der alten Romantik konnte man noch glauben, dass überhaupt etwas passiert, wenn der Zaubertrank verabreicht wird. Die Mixtur der Wissenschaft führt hingegen zur Einsicht, dass alles im Grunde nichts ist, nichts bedeutet und gleichwohl (in „unaufhaltsamen Fortschritt“) alles noch schneller zu Ende bringt: „O Wissenschaft! Ecstasy! Euthanasie!“
Doch selbst die Überdosis des Elixiers führt nicht schnurstracks in den Untergang. Erst kommt die Ekstase, und bevor der Tod sich einstellt, werden noch einige Bücher geschrieben. So jedenfalls ist es bei Hans Magnus Enzensberger, der dokumentieren will, was er den Wissenschaften verdankt. Für ihn, so soll man den Titel seines Sammelbandes auch verstehen, sind die Elixiere der Wissenschaft eine Quelle der Inspiration.
Tatsächlich hat Enzensberger, im Unterschied zu manchem anderen Intellektuellen, die Wissenschaften nie gemieden. In der Schule hatte er in Mathematik sogar die besten Noten; sein Studium beendete er mit einer glänzenden Dissertation über Clemens Brentano. Der Techno-Expressionismus seiner frühen Gedichte hat stets mit der exakten Fantasie der Wissenschaften gespielt, und die Brillanz seiner Essayistik verdankt sich nicht zuletzt seiner begierigen Rezeption der jeweils neuesten Erkenntnis. Wenn er schon in der Blindenschrift von 1964 den „Kommunismus der Polypeptide“, die „elektronischen Schlüsselblumen“ oder die „programmgesteuerten Lerchen“ nicht als „Kunst“ gelten lassen will (und sie gerade darin zum Kunstwerk werden lässt), besteht seine ästhetische Provokation aus der Akrobatik auf dem gespannten Seil zwischen Poetik und rationalem Kalkül.
Die Elixiere vermischen Texte aus einem Zeitraum von über 35 Jahren. Neben leichtfüßigen Gedichten stehen schwerfällig und angestrengt die in Verse gefassten Nachrufe aus dem Mausoleum des Fortschritts. Dazwischen finden sich Prosatexte in kritischer, aber auch konstruktiver Absicht. Der Dichter begnügt sich nämlich nicht damit, an die mitunter großen Effekte seiner ästhetischen Springprozession zwischen Kunst und Wissenschaft zu erinnern: Er möchte begründen, dass dieses Verfahren unentbehrlich ist. Vor allem die Wissenschaft benötige die produktive Kraft der Fantasie.
Das ist eine richtige, wichtige These, die Enzensberger kundig und witzig illustriert. Dass ihm dies vornehmlich an Beispielen aus der Geschichte der Mathematik gelingt, zeigt, dass er eine Ausnahmeerscheinung im literarischen Kosmos der Gegenwart ist. Er hat keine Angst vor Zahlen, Formeln und Beweisen. Das erklärt, warum er sich in seinen poetischen Anfängen so sicher im Umfeld der formalisierten Semiotik bewegen konnte, ohne je in den Fehler zu verfallen, mit dem Rechenschieber zu reimen.
Sein Plädoyer für die universelle Leistung der Fantasie stützt Enzensberger auch auf die Einsicht in die unersetzlichen Leistungen der Metaphern und Analogien. Ohne sinnliche Vermittlung kommt keine Erkenntnis in Gang. Die Wissenschaft beruht zwar auf Begriffen, die aber haben einen lebendigen Untergrund, aus dem sie durch die Fantasie ins Bewusstsein gehoben werden.
Diese alte Einsicht, auf die schon Platon das Wissen gründet und die Kant veranlasst, der Einbildungskraft eine zentrale Stellung zu geben, preist Enzensberger wie eine große Entdeckung an. Vor dreißig Jahren hätte er damit vielleicht noch einige hartleibige Positivisten in Unruhe versetzen können. Heute hat sein passioniertes Werben für die wissenschaftliche Dignität der Fantasie nur noch den Charakter einer nachholenden Illustration. Aber dass „Schwarze Löcher“ oder „Rote Riesen“, „weißes Rauschen“, oder „Quarks“ Metaphern sind, lässt man sich gern noch einmal sagen. Schließlich ist nicht auszuschließen, dass sich dadurch die Zahl der Studienanfänger in Physik erhöht.
Zu den großen essayistischen Leistungen gehört die Zeitgeistkritik an den „Apokalyptikern“ und den „Evangelisten“ der Medienwelt. In Enzensbergers rhetorischem Feuerwerk verglühen die Diagnosen vom digitalen Sinnverlust des Menschen ebenso wie die Visionen vom Cyberspace und von den Chatrooms der vollkommen egalisierten Kommunikation – von der Postmoderne, diesem „Kostümball der Nostalgien“, ganz zu schweigen.
Um seine Kritik zu begründen, kann es der Dichter nicht vermeiden, sich entschieden auf die Seite der Wirklichkeit zu schlagen. Gegenüber den Medien lasse sich die „Wahrheitsfrage“ nicht „einfach ausklammern“. Das ist zwar eine Binsenwahrheit. Aber man horcht doch auf, wenn ausgerechnet dieser anti-metaphysische Poet sie äußert. Ob ihm klar ist, was er da sagt? Schließlich steht im selben Band seine längst zum Glaubensbekenntnis geronnene These, dass es weder Wahrheit noch Wirklichkeit gebe: „Alles verkehrt, vermutlich auch dieser Satz.“ Erneut lesen wir sein „erkenntnistheoretisches Modell“, das die Welt zu einer „leeren Schachtel“ deklariert. Das stand bereits 1978 im Untergang der Titanic und war schon damals nicht mehr als ein Erklärungsmodell für eine selbst gebastelte Welt aus Pappe. Oder sollte das Schiff eine leere Schachtel gewesen sein, die in einer leeren Schachtel unterging, die sich in einer leeren Schachtel befand?
Begriffliche Konsequenz ist Enzensbergers Tugend nicht. Das belegt der jüngste Text: „Putschisten im Labor“. Über die neueste Revolution der Wissenschaften. Gemeint sind die Biowissenschaften. Mit ihnen rechnet Enzensberger ab – ganz auf der Höhe von 1968. Da werden die kalifornischen Medien-Evangelisten als Zeugen aufgerufen, um alle jene zu blamieren, die sich ernsthaft um die Nutzung der neuen Technologien bemühen. Die von der Mehrzahl der Wissenschaftler praktizierte Verantwortung ist nur eine „Spiegelfechterei“, mit der es ihnen nicht gelingt, sich von den „Scharlatanen und Hochstaplern der Branche“ unterscheiden. Alle werden einen „katastrophalen Preis“ zu zahlen haben, und die neuen Wissenschaften werden an „ihren eigenen Widersprüchen“ zugrunde gehen.
So fällt der Poet, der eben noch die Apokalyptiker mit der Wahrheitsfrage ernüchtert hatte, durch eine Überdosis Fantasie in seine alte apokalyptische Starre zurück. Aber wir sind sicher, dass die Elixiere der Poesie ihn jederzeit daraus befreien werden.

Volker Gerhardt, Die Welt, 1.6.2002

Poesie und Putsch im Labor

– Hans Magnus Enzensberger blickt den Wissenschaftlern über die Schulter. –

Aus zornigen jungen Männern werden oft wütende alte Esel. Doch das gilt nicht immer, zumindest nicht für H.M.E., Hans den Großen, für Hans Magnus Enzensberger. Dieser Dichter war von Anfang an widerspruchsvoll und wandelbar. Nie stieg er ein zweites Mal in den gleichen Fluß, und das nicht nur, weil er seinen Heraklit kannte, sondern weil Wiederholung und Starrheit seine Sache nicht waren.
Enzensberger, diese springende Quecksilberkugel der deutschen Nachkriegsliteratur, mußte zwangsläufig seine politischen Mitstreiter gegen die Adenauer-Ära enttäuschen, als er der Studentenrebellion den Rücken kehrte und sich über einige ihrer Vertreter lustig machte. Etwa in dem Gedicht „Die Dreiunddreißigjährige“, in dem sich Verse finden wie:

Sie hat sich das alles ganz anders vorgestellt.
Immer diese verrosteten Volkswagen.
Einmal hätte sie fast einen Bäcker geheiratet.
Erst hat sie Hesse gelesen, dann Handke.
Jetzt löst sie öfter Silbenrätsel im Bett.
Von Männern läßt sie sich nichts gefallen.
Jahrelang war sie Trotzkistin, aber auf ihre Art…

Der Lyriker Enzensberger ist stets gern aufs Feld der Wissenschaften und auch des Journalismus hinübergewechselt. Er schrieb, sozusagen als Privatgelehrter, über die unterschiedlichsten Themen, und während manche seiner Gedichte Titel wie „Foschungsgemeinschaft“ und „Fachschaft Philosophie“ tragen, macht er seine erkenntnistheoretischen Essays durch sprachliche Gelenkigkeit und bildhafte Vergegenwärtigungen anschaulich.
Die Bücher dieses Autors, die Prosawerke ebenso wie die Lyrikbände, sind spielerisch aufgebaute Versuchsanordnungen, in denen bei höchster geistiger Anspannung vieles zusammengetragen, begutachtet und kritisch oder spöttisch benotet wird. Enzensberger hat seit je gern beide Karten gezogen, die der Dichtung und die der Wissenschaft.
Das tut er auch in seiner neuen Publikation, der er den Untertitel Seitenblicke in Poesie und Prosa gegeben hat. Was bei anderen Autoren konträr, ja unvereinbar ist, geht bei diesem Experten des Denk-Fühlens eine ebenso plausible wie elegante Verbindung ein.
Nicht unzutreffend ist die Bemerkung:

Immer mehr Poeten thematisieren in ihrem Werk wissenschaftliche Ideen.

In diesem Zusammenhang hält Enzensberger nach Verbündeten Ausschau. Er nennt die Dänin Inger Christensen, seinen – wirklich wesenverwandten – jüngeren Kollegen Durs Grünbein, aber auch Lars Gustafsson, Alberto Blanco und Miroslav Holub, von den letzten drei bringt er sogar Textproben bei.

Unterwegs im Nebenuniversum
Aus dem kritischen Unruhestifter von einst ist ein existentieller Relativist geworden, der die Positionen der Linken nicht weniger hinterfragt als die ihrer neo-liberalen Kontrahenten, die nach dem Ende des Kalten Krieges zur ökonomischen und wissenschaftlichen Globalisierung aufrüsten und den (längst nicht mehr freien) Typ des Forschers zu einem integralen Bestandteil des Systems machen:

aus selbstbestimmten Gelehrten werden so Teilhaber und Unternehmer des rasant wachsenden wissenschaftlich-industriellen Komplexes, die Patentanwälte, Emissionsbanken, Börsengurus und Public-Relations-Agenturen beschäftigen. Die Geldströme, ob Aktienkapital oder Subventionen, verschärfen den Konkurrenzkampf und den Mediendruck. Wer dabei nicht den kürzeren ziehen will, muß mehr versprechen, als er halten kann.

Ungeachtet aller Neugier, die Enzensberger für die „Putschisten im Labor“ hegt, stellt er sich auch metaphysische Fragen, und zwar, versteht sich, auf agnostische Art:

… Wie viele Götter, wenn überhaupt?
Woher diese plötzliche gute Laune
in der Badewanne?
Unbezwingliche Dummheit: zu klein
das Primatenhirn, oder zu groß?
Komisch, immer noch hie und da
ein Schmetterling ohne Nutzungsentgelt.

Warum ,ich‘, und wozu?
Was, bitte, soll diese ewige Fragerei?

Gab es vor dem Big Bang
auch schon so viele Depressionen?

Warum ist nicht vielmehr weniger,
oder mehr? Und warum ist
nicht vielmehr nichts?

Für den poeta doctus Enzenberger ist die Wissenschaft ein gleichberechtigtes Nebenuniversum, und in der modernen relativistischen Welt gibt es eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Der Dichter erfreut sich an der luziden Schönheit der Mathematik und ihren logisch nicht aufkündbaren Regeln, zugleich jedoch bezeichnet er sich selbst im Reich der Zahlentheoretiker als „hoffnungslosen Laien“, der den Spezialisten nur von Ungefähr folgen kann.

Ein Köcher voller Pfeile
Enzensberger stellt die konträrsten Vermutungen an, auf der Grundlage eines enormen Potentials an Wissen, das er assoziativ verknüpft. Das „Abrakadabra der Physiker“ geht mühelose Verbindungen ein mit der Frage nach den letzten Dingen, und Genetik und Künstliche Intelligenz sind ihm ebenso geläufig wie Quantenmechanik und New Economy. Auch über „Das digitale Evangelium“ und dessen Propheten, Nutznießer und Verächter hat der quicke Aficionado zugespitzte Formulierungen bei der Hand:

Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlaß. Das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben.

Dieser allem Neuen aufgeschlossene Lyriker bewegt sich erkenntsnismäßig stets auf dem Level unserer Epoche, er verhält sich freilich skeptisch zur totalen Technologie-Bestimmtheit des zeitgenössischen Menschen, den er durch Phänomene wie „Leihmütter, Xeno-Transplantation, Klonen, pränatale Selektion und implantierte Gehirn-Chips“ ernsthaft bedroht sieht.
„Die Zukunft“, sagt Enzensberger, „ist als homogene Vorstellung undenkbar geworden“. So ist es nicht abwegig, daß er die Figuren des idiot savant, des Wissenschaftlers als Idioten, und des idiot lettré, des Schriftstellers als Idioten, einander gegenüberstellt. Beide, wie sehr sie sich ihrem Wesen nach ausschließen, bilden eine Symbiose und sorgen für jenen „Bruderzwist im Hause der Intelligentia“, ohne den die Evolution womöglich nicht von der Stelle käme.
Neben Essays, in denen Enzensberger die Elementarteilchen seines Denkens zusammenträgt, finden sich in Die Elixiere der Wissenschaft zahlreiche korrespondierende Gedichte: vertraute, darunter über die Hälfte der „Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“ (Mausoleum, 1975), doch auch neue, nach dem Manuskript gesetzte, beispielsweise „Fragen an die Kosmologen“. … ein Köcher voller Pfeile, mit denen der immer skeptischer werdende Dichter die – mittlerweile recht ratlosen – Erforscher des Universums beschießt:

Ob zuerst das Licht da war
oder doch eher die Dunkelheit;
ob es irgendwo nichts gibt,
und ob von etwas,
wenn ihr so weitermacht,
etwas übrigbleibt,
von der guten alten Materie,
außer einer Überdosis Mathematik?

Könnt ihr mir sagen,
ob es sein Bewenden hat
mit 22 Dimensionen,
oder sollen es ein paar mehr sein?…

Hier holt der vermeintlich Unwissende bei den vermeintlich Wissenden auf listige Weise Erkundigungen ein, auf die niemand eine Antwort zu geben vermag, weder der idiot lettré noch der idiot savant.
(…)

Hans-Jürgen Heise, die horen, Heft 206, 2. Quartal 2002

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Hans-Jürgen Heise: Bruderzwist im Hause Intelligentsia
Der Tagesspiegel, 28.4.2002

Dieter E. Zimmer: Die Welt ist eine Katze
Die Zeit, 4.4.2002

Jochen Hörisch: Die Renitenz der Wirklichkeit
Frankfurter Rundschau, 21.3.2002

 

DAS LEBEN DER ALCHIMISTEN
für Hans Magnus

Das Ziel war stets sich selber verschwinden zu lassen,
Als etwas völlig anderes wiederzukehren:
Das Kissen einer verliebten jungen Frau,
Ein Fusselknäuel, das sich als Spinne ausgibt.

Schwarze Öde ländlicher Regennächte,
Blättern in den Schriften berühmter Adepten –
Leitfäden wie sie durchzuführen sei, die Verwandlung
Eingebildeter Zeit in Ewigkeit.
Der wahre Meister, riet einer von ihnen an,
Braucht hundert Jahre um seine Kunst zu vollenden.

Bis dahin: Das kleine Arkanum der Bratpfanne,
Der Duft von Olivenöl und Knoblauch, der
Von Raum zu leerem Raum zieht, die schwarze Katze
Die sich an deinem nackten Bein reibt
Während du dem fernen Licht entgegenschlurfst,
Dem Klirren von Gläsern in der Küche.

Charles Simic
(Aus dem Amerikanischen von Jan Wagner)

 

Hugo Loetscher: hans magnus enzensberger
DU, Heft 3, 1961

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Eckhard Ullrich: Von unserem Umgang mit Andersdenkenden
Neue Zeit, 11.11.1989

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Frank Schirrmacher: Eine Legende, ihr Neidhammel!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.11.1999

Hans-Ulrich Treichel: Startigel und Zieligel
Frankfurter Rundschau, 6.11.1999

Peter von Becker: Der Blick der Katze
Der Tagesspiegel, 11.11.1999

Ralph Dutli: Bestimmt nicht in der Badehose
Die Weltwoche, 11.11.1999

Joachim Kaiser: Übermut und Überschuss
Süddeutsche Zeitung, 11.11.1999

Jörg Lau: Windhund mit Orden
Die Zeit, 11.11.1999

Thomas E. Schmidt: Mehrdeutig aus Lust und Überzeugung
Die Welt, 11.11.1999

Fritz Göttler: homo faber der Sprache
Süddeutsche Zeitung, 12.11.1999

Erhard Schütz: Meine Weisheit ist eine Binse
der Freitag, 12.11.1999

Sebastian Kiefer: 70 Jahre Hans Magnus Enzensberger. Eine Nachlese
Deutsche Bücher, Heft 1, 2000

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Hans-Jürgen Heise: HME, ein Profi des Scharfsinns
die horen, Heft 216, 4. Quartal 2004

Werner Bartens: Der ständige Versuch der Alphabetisierung
Badische Zeitung, 11.11.2004

Frank Dietschreit: Deutscher Diderot und Parade-Intellektueller
Mannheimer Morgen, 11.11.2004

Hans Joachim Müller: Ein intellektueller Wolf
Basler Zeitung, 11.11.2004

Cornelia Niedermeier: Der Kopf ist eine Bibliothek des Anderen
Der Standard, 11.11.2004

Gudrun Norbisrath: Der Verteidiger des Denkens
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 11.11.2004

Peter Rühmkorf: Lieber Hans Magnus
Frankfurter Rundschau, 11.11.2004

Stephan Schlak: Das Leben – ein Schaum
Der Tagesspiegel, 11.11.2004

Hans-Dieter Schütt: Welt ohne Weltgeist
Neues Deutschland, 11.11.2004

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Matthias Matussek: Dichtung und Klarheit
Der Spiegel, 9.11.2009

Michael Braun: Fliegender Robert der Ironie
Basler Zeitung, 11.11.2009

Harald Jähner: Fliegender Seitenwechsel
Berliner Zeitung, 11.11.2009

Joachim Kaiser: Ein poetisches Naturereignis
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2009

Wiebke Porombka: Für immer jung
die tageszeitung, 11.11.2009

Hans-Dieter Schütt: „Ich bin keiner von uns“
Neues Deutschland, 11.11.2009

Markus Schwering: Auf ihn sollte man eher nicht bauen
Kölner Stadt-Anzeiger, 11.11.2009

Rolf Spinnler: Liebhaber der lyrischen Pastorale
Stuttgarter Zeitung, 11.11.2009

Thomas Steinfeld: Schwabinger Verführung
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2009

Armin Thurnher: Ein fröhlicher Provokateur wird frische 80
Falter, 11.11.2009

Arno Widmann: Irrlichternd heiter voran
Frankfurter Rundschau, 11.11.2009

Martin Zingg: Die Wasserzeichen der Poesie
Neue Zürcher Zeitung, 11.11.2009

Michael Braun: Rastloser Denknomade
Rheinischer Merkur, 12.11.2009

Ulla Unseld-Berkéwicz: Das Lächeln der Cellistin
Literarische Welt, 14.11.2009

Hanjo Kesting: Meister der Lüfte.
Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Heft 11, 2009

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Arno Widmann: Der begeisterte Animateur
Frankfurter Runschau, 10.11.2014

Heike Mund: Unruhestand: Enzensberger wird 85
Deutsche Welle, 10.11.2014

Scharfzüngiger Spätaufsteher
Bayerischer Rundfunk, 11.11.2014

Gabi Rüth: Ein heiterer Provokateur
WDR 5, 11.11.2014

Jochen Schimmang: Von Hans Magnus Enzensberger lernen
boell.de, 11.11.2014

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLGInterviews
Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer
shi 詩 yan 言 kou 口

 

 

 

 

Hans Magnus Enzensberger Der diskrete Charme des Hans Magnus Enzensberger. Dokumentarfilm aus dem Jahre 1999.

 

Hans Magnus Enzensberger liest auf dem IX. International Poetry Festival von Medellín 1999.

 

Hans Magnus Enzensberger – Trailer zu Ich bin keiner von uns – Filme, Porträts, Interviews.

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