Hans Magnus Enzensberger: Leichter als Luft

Enzensberger-Leichter als Luft

LEICHTER ALS LUFT

Besonders schwer
wiegen Gedichte nicht.
Solange der Tennisball steigt,
ist er, glaube ich,
leichter als Luft.

Das Helium sowieso,
die Eingebung, dieses Kribbeln
in unserm Gehirn,
auch das Elmsfeuer
und die natürlichen Zahlen.

Sie wiegen so gut wie nichts,
von den transzendenten,
ihren vornehmen Vettern,
obwohl sie zahllos sind,
gar nicht zu reden.

Soviel ich weiß, gilt das auch
für den Strahlenkranz des Magneten,
den wir nicht sehen,
für die meisten Heiligenscheine
und für ausnahmslos alle Walzerklänge.

Leichter als Luft,
wie der vergessene Kummer
und der bläuliche Rauch
der endgültig letzten Zigarette,
ist natürlich das Ich,

und, soviel ich weiß,
steigt der Geruch des Brandopfers,
der den Göttern so wohlgefällig ist,
immer gen Himmel.
Der Zeppelin auch.

Vieles bleibt ohnehin
in der Schwebe.
Am leichtesten wiegt vielleicht,
was von uns übrigbleibt,
wenn wir unter der Erde sind.

 

 

 

Inhalt

Was haben Gedichte gemeinsam mit dem Helium, den Heiligenscheinen und dem Ich? Daß sie leichter als Luft sind, behauptet Enzensberger; und in der Tat sind seine Verse nie durch bleierne Füße aufgefallen. Die mürrischen, die schrillen, die jammernden Töne gefallen ihm nicht.
Leichter als Luft heißt nicht, daß er auf der Flucht nach oben wäre, in die menschenleeren Sphären des Idealismus. Den Ballast der Gegenwart über Bord zu werfen – dazu war Enzensberger nie bereit. Auch der Untertitel seines erfolgreichen Gedichtbandes gibt dies zu verstehen: Die Moral, von der die Rede ist, verzichtet auf philosophische Daumenschrauben. Sie hält sich ans Konkrete. Auch am Anfang des Jahrhunderts ist das einzig Richtige nirgends in Sicht.
„Wer über Enzensberger spricht“, sagte Wolf Lepenies unlängst, „gerät unweigerlich in Versuchung, sich ein wenig von seiner Verstandesheiterkeit zu borgen. Er hat so viel davon. Doch zugleich durchzieht seine Schriften ein Ernst, der sich hinter allem Spaß nur mühsam verbirgt. Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich.“

Suhrkamp Verlag, Ankündigung

 

Die Großartigkeit des Geringfügigen

– Hans Magnus Enzensbergers lyrische Lufthoheit. –

Leicht sein. Sich erheben wie Robert, das will der Dichter Enzensberger schon lange, seit dem Band Zukunftsmusik (1991) vermehrt und expressis verbis:

Was der Berg ist, weiß ich nicht zu sagen.
Aber ich sitze auf dem Berg.
Für den Blitz bin ich entbehrlich.
Er ist mir gegeben.
Das genügt.

Höhenlage, Leichtigkeit und Lobpreis der ungedeuteten Phänomene gehören zusammen. Und das Dichtersein.

Ein Wort in die Luft werfen
das Wort schwer
ist leicht.
[…] Aber selber so leicht zu werden
wie ein Strich
eine Silbe
ein Zeichen
am Himmel
eine Minute lang

zu schweben
ist schwer.

Unmöglich
so hoch oben
zu atmen

während hier unten
Banditen
[…] wüten

hieß es damals. Dann träumte der Dichter einmal von einem schwindelfreien und zauberkundigen alten Dachdecker, „der hoch oben / ein unscheinbares Wunder / zu vollbringen“ hat. Jetzt, im neuen Band, der sich die Leichtigkeit gleich auf den blitzdurchzuckten Himmel des Umschlagsfotos setzt, wird alles so leicht, daß die Passion für die Höhe nicht mehr von Verbrechen bedroht wird, sondern nur noch mit einem aus dem Ringelnatzärmel geschüttelten Reim bestraft:

Allen Ballast
glatt über Bord zu schmeißen,
selten genug
sich einfach loszureißen:
Selbstbetrug,
oder ein paar Minuten
einsamer Flug
im Schimmer des Absoluten?
Ein Atemzug,
dann kommt das Nasenbluten.

„Minuten – Absoluten – Nasenbluten“, Peter Rühmkorf, der erste Mann im Lande, wenn es um den tollen Reim geht, hätte es nicht besser machen können.

Man scheut es sich zu sagen angesichts des noch immer jugendlich quirligen Enzensberger, aber es liegt etwas von Alterswerk in den Gedichten der neunziger Jahre. Nicht des bißchen Lebensmüdigkeit wegen, die zwischendurch auftaucht, nicht der letzten Dinge wegen, die jetzt naturgemäß zur Sprache kommen. Das war, wenn auch nur in Schlieren und Spuren, schon vor vierzig Jahren da, zwischen all dem Hader mit den Zeitgenossen und der Wohlstandswelt. Nein, Altersstil möchte man es nennen wegen der heiteren Nachlässigkeit, mit der gedichtet wird, der Sparsamkeit, der weggefallenen Scheu, irgend jemanden noch beeindrucken zu müssen, vor allem aber des vermehrten Hanges zum Selbstzitat wegen: Je gelassener man sich vom Tagesgeschäft entfernt, umso genüßlicher das Spiel mit den selbstproduzierten Dingen von einst. Das Lob bundesdeutscher (Urlaubs-)Normalität wird zehn Jahre nach den Essays noch einmal angestimmt, nur unangestrengter und zynismusfrei:

Sympathisch nicht unbedingt,
Sonnenschutzfaktor sechzehn,
aber glücklich sind wir, ausgestreckt
in unseren Liegestühlen, jeder
für vierzehn Tage ein kleiner Tiberius.

„Der Satz ,Dieser Satz ist sinnlos‘ / ist nicht sinnlos“ hieß es einst – jetzt taucht das als „Ein Kreter sagt: ,Alle Kreter lügen‘“ geläufige antike Paradox auf als „Poetik der Lüge“. Vor zehn Jahren listete ein Enzensbergerstück verschwundene Berufe auf, vor fünfen eines ausgestorbene Krankheiten (und eines ausgestorbene Wörter wie „Nimbus“), ein neues ist eine Litanei verschwundener politischer Reiche („Länderkunde“). Vor ein paar Jahren bedauerte der Dichter, daß „weit und breit kein Piranesi“ mehr sei, um das „eigentümlich erhabene Schauspiel“ einer Fabrikruine, die unter der emporsprießenden Botanik nach und nach friedvoll begraben wird, in bleibende Kunst zu verwandeln. Heute fängt ein (zauberhaftes) „Grünes Madrigal“ so an:

Plutonium und Beton
natürlich gewinnen die Pflanzen
immer, im großen und ganzen.

„Restlicht“ waren einst Verse überschrieben, die vom Abend, der zugleich der Abend des Lebens ist, sprachen. Jetzt werfen auf einem Nachtflug „die Wolken, der Haß, / der Wüstensand, die Begierde […] ein Restlicht zurück / aus einer Quelle, die du nicht siehst.“ Damals war ein altes Ehepaar „hartnäckig / wie der Schachtelhalm“, heute ist dieses hartnäckige Pflänzlein („Equisetum“) zum humorvollen Emblem des Bleibenden in der Evolution schlechthin geworden. Das urgeschichtliche Ding aus dem „Devon, Perm, Keuper – / das waren noch Zeiten! // Später dienten der Großmutter / seine zierlichen Triebe, / die schmutzigen Töpfe zu putzen.“ Und wieder, wie einst „Unter der Haut“, brodeln Organe und Materie unablässig vor sich hin, alles ächzt und pocht voran unter der Haut der Erde und der des Menschen, innen und außen, ob wir es wollen oder nicht („Es tut sich vieles“). Wieder hat es ihm die Bifurkation angetan („Genial“), wenn auch jetzt eher deren Erfinder. Auf den letzten Seiten von Kiosk (1995) kam ein Engel vorbei auf „Visite“ und erklärte dem Dichter, wie unnütz er doch ist, so im Ganzen gesehen; am Ende des neuen Buches kommt erneut Besuch („Wo ist ihr Ausweis? / Ich habe sie nicht bestellt.“) – diesmal ist es der Tod. Oder der Erlöser? Oder Satan? Das wissen wir nicht, und der Dichter weiß es wohl auch nicht. Er braucht keine letztgültigen Welterklärungen mehr. Ihm genügen jetzt die Phänomene und die Fragen.
Sein Mausoleum hat Enzensberger auch in diesem Band um ein weiteres (ebenbürtiges) Denkmal bereichert. John von Neumann – „Doppelkinn, Mondgesicht, leichtes Watscheln – / das muß ein Komiker sein / […] / Aber wehe, wenn er anfängt zu denken!“ – steht nun dort zwischen Alan Turing und Kurt Gödel. Doch Enzensberger ist bei allem Textspiel mit Enzensberger auch weitergegangen. Er hat seinen geradezu Brockes’schen Glauben an die poetische Kraft des unscheinbaren, handgreiflichen und wehrlosen Dinges in Natur und Alltag radikalisiert. Er spielt das Nächste, Naturwüchsige und Gewöhnliche jetzt gerne (und ein bißchen mechanisch) gegen das Gewagte, Ferne, Abstrakte, Spekulative aus. Die Vogelfeder, die der Reisende im „Terminal B, Abflughalle“ findet, ist „vollkommener […] als der hinter dem Isolierglas / auf Position 36 lautlos dröhnende / Jumbojet, den du versäumt hast.“ „Wie klein du bist“, spricht der Dichter nach Sonettenart beim Anblick eines „Aesculus hippocastanum“, „wie kindisch, im Vergleich / zu ihrer Majestät, und sie ist reich. / Millionen weißer Hauben streut sie hin, / diskret getüpfelt, gelb und karmesin.“ Moderne „Zahlungsmittel“ sind „Wunder“, wenn auch „lästige“. „Nichts gegen den Mikroprozessor, / aber wie stünden wir da / ohne das Wasser?“, beginnt ein Gedicht. Es trägt eine Überschrift, die wir als Programm verstehen dürfen: „Das Einfache, das schwer zu erfinden ist.“ Und unter der nicht weniger programmatischen Überschrift „Leisere Töne“ finden sich die Schlußzeilen:

Überhaupt, auf die geringfügigeren Gefühle
ist am ehesten Verlaß.

Es ist eine regelrechte Vollkommenheitslehre des Geringfügigen:

Nein, dem Frühstücksei
kann ich nicht das Wasser reichen.
Es ist perfekt.

Nicht, daß derlei Glaube an die Überlegenheit des Dinges ganz neu wäre bei Enzensberger – daß das „zarte Erdherz, die Sellerie, / menschlicher als der Mensch“, hieß es schon vor vierzig Jahren –, doch ein Glaube ohne den Vorbehalt der Ironie ist erst im Alter draus geworden. Nur eine Prise Humor ist darin, so, als ob der Dichter selbst noch nicht ganz daran glauben kann, wie einfach das Leben und das Dichten manchmal sein kann.

Sebastian Kiefer, neue deutsche literatur, Heft 530, März/April 2000

Springprozession des Denkens

– Hans Magnus Enzensbergers lyrische Wechselströme. –

Gestern noch war er jung: der angry young man der deutschen Gegenwartspoesie. Nun, im vorletzten Monat unseres bewegten Jahrtausends, wird er siebzig. Wie das? Wo sind die Jahre geblieben?

Darauf gibt, wenn auch sibyllinisch genug, der Heilige Augustinus eine Antwort, die Hans Magnus Enzensberger einmal als Zitat beibringt:

Was ist Zeit? Wenn mich keiner danach fragt, weiß ich es genau; soll ichs aber erklären, kann ich es nicht.

Wer solche Aussagen ins Spiel reflektorischer Möglichkeiten bringt, irritiert zwangsläufig die Erwartungshaltung derjenigen, die auf der Autopista des Fortschritts voranstürzen und in der Zukunft nichts als einen Erfüllungsort konsumorientierten Glücksstrebens sehen.
Enzensberger hat erkannt, daß die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen ein Prinzip ist, daß überall waltet: in der Wissenschaft, in der Politik, auch in der Kunst, die gegenwärtig einen „Kostümball der Nostalgien“ veranstaltet und das trostlose Geschäft von „Retro, Remake, Recycling“ betreibt, eine Art Vampirtätigkeit, die sich vom Lebenssaft vergangener Epochen nährt. Für ihn, der klug wie die Eule, sein Lieblingsvogel, ist, scheint mir weniger Descartes’ Maxime „Cogito, ergo sum“ zu gelten als die abgründigere Definition „Dubito, ergo sum“, „Ich zweifle, also bin ich.“ Enzensbergers Entfaltung hat sich nicht als gradlinige Entwicklung vollzogen, sondern als Springprozession des Denkens, die zwar nie der Vernunft entraten, ihr aber die Kompetenz streitig gemacht hat, den Überblick über sämtliche Prämissen – und damit über alle möglichen Eventualitäten – zu besitzen.
Schon der Novize, der über das Wirtschaftswunderland Deutschland mit einem Hornissenschwarm aggressiver Verse und wohldurchdachter Aufsätze herfiel, war nicht nur Gesellschafts- und Zivilisationskritiker; er war auch (immerhin hatte er über Brentano promoviert) Romantiker, Elegiker, sogar, wenn auch noch verkappt, Metaphysiker:

die schöpfung nimmt nicht mehr
von uns notiz. für immer
verstummt sie aus ekel vor uns

Solche Annäherungen an die negative Theologie Gottfried Benns und Günter Eichs waren beim jungen Enzensberger noch etwas Seltenes. Der Hauptstrom seiner Gedichte folgte geschichtsoptimistischen Vorstellungen. Und in reziproker Weise zu den Parolen der Adenauer-Ära nannte er die überall aus dem Boden wachsenden Neubauten der prosperierenden Bundesrepublik „ruinen auf verrat“. Oder er spottete über die darwinistische Habitualität, die im gehobenen Management herrschte:

hier schießt der leitende herr den leitenden herrn mit dem gesangbuch ab

Auf die militärische Aufrüstung reagierte der lyrische Kombattant mit einer „poetischen wiederaufrüstung“, und als Replik auf „abschußrampen, armeebischöfe, security risks“ brachte er seinen Abscheu zur Sprache in der Frage:

… wer kann noch
soviel haß in terzinen wickeln?

Hier stellte Enzensberger einen direkten Bezug zu Benn her, der in seinem Gedicht „Was schlimm ist“ sarkastisch gesagt hatte:

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers wickeln kann,
wie es die Professoren tun.

So wie Brecht mit seiner streitbaren Didaktik das offensichtlich zutage liegende Schreibmuster für Enzensbergers frühes Schaffen gebildet hat, lieferte Benn (am überzeugendsten vielleicht in dem Gedicht „candide“) das eher heimliche Vorbild.
Nützlicher als Federico García Lorca, von dem er lediglich die Äußerlichkeit des Romancero-Stils und einige Romantizismen („laß mich heut nacht in der gitarre schlafen“) übernahm, war für den Senkrechtstarter HME der chilenische Poet Pablo Neruda, der in seinen Elementaren Oden von 1954 einfache Dinge wie die Zwiebel oder den Rohstoff Kohle besang. Enzensberger begriff früher als andere, daß man kein der Epoche hinterherstolpernder ,Pflanzenbewisperer‘ war, wenn man ein Loblied improvisierte mit dem Titel „ehre sei der sellerie“: oder wenn man, wie in dem Gedicht „gespräch der substanzen“, die mineralische Beschaffenheit unseres Planeten auszuspionieren versuchte, um dahinterzukommen, was die Welt im Innersten zusammenhält:

… niemand liest die manifeste der seltenen erden,
das geheimnis der salze, in drusen versiegelt,
bleibt ungelöst, unbesungen der alte zwist
zwischen links- und rechtsdrehenden aldehyden…

Es war der Blick aufs Naturgeschichtliche, der Enzensberger davon abbrachte, die Menschheit für das Maß aller Dinge zu halten und fortgesetzt Injurien beizusteuern: „immer dieselbe vettel, history“; oder aber Anweisungen zu erteilen:

lab dich an deiner ohnmacht nicht,
sondern vermehre um einen zentner
den zorn in der welt, um ein gran…

Mit blindenschrift, seinem dritten Gedichtband von 1964, kam eine neue Gefühls- und Bewußtseinslage zum Ausdruck. Der Ton wurde beiläufiger, parlandohafter, während die einzelnen Texte geschlossener wirkten – mehr psychisch assoziiert als gedanklich arrangiert. Auch inhaltlich machten sich Veränderungen bemerkbar: Der sarkastische Zungenschlag der Sammlungen verteidigung der wölfe (1957) und landessprache (1960) wich einer verhaltenen Ironie. Es wurde kein „ratschlag auf höchster ebene“ mehr erteilt, und es erfolgten auch keine imperativischen Eintragungen „ins lesebuch für die oberstufe“. Alles ging gelassener zu, weniger aufrührerisch, polemisch – selbst wenn vom doomsday die Rede war, dem atomaren Finale, oder (in dem Text „rädelsführer“) vom „konspirativen Apparat“ des Gehirns, dem „todfeind all dessen, / was uns heilig zu sein hat…“

Enzensberger hatte sich nicht von der Problematik des Politischen verabschiedet. Aber er behandelte die großen gesellschaftlichen Fragen jetzt lässiger… wie jemand, der weiß, daß Patentlösungen nicht ins Haus stehen und daß dem, was es zu beanstanden gibt, mit Versen nicht beizukommen ist:

wir können nicht klagen.
wir haben zu tun.
wir sind satt.
wir essen.

das gras wächst,
das sozialprodukt,
der fingernagel,
die vergangenheit…

(Auftakt des Gedichts „middle class blues“).

Wie Büchner, der in Leonce und Lena gesagt hat „Ich werde mich nächstens in den Schatten meines Schatten stellen“, wendet sich Enzensberger der Sphäre des Abgedunkelten zu:

hier sehe ich noch einen platz,
einen freien platz,
hier im schatten.

Der Autor schreibt einen ganzen Zyklus solcher Gedichte – durchweg von lakonischer Kürze, und obendrein noch zwei längere, alle sehr behutsam und leise, geradezu resignativ:

… die kämpfe von gestern
sind schattenkämpfe
die frauen von gestern
frauenschatten…

Die auftrumpfende Haltung, mit der Enzensberger anfangs in der literarischen Szene aufgetaucht war, ist im dritten – und wichtigsten – Zyklus von blindenschrift völlig verschwunden. Man spürt eine Verletzlichkeit und Sublimität, die untypisch ist für das Politklima jener Jahre. An die Stelle parolenlauter Verkündungen ist eine Verbrüderung mit der Natur getreten, etwa in der Suite „Mehrere Elstern“, aus der hier zwei Abbreviaturen stehen sollen:

vii
nicht nützlich sind meine elstern,
sie sind klug.
sie lassen sich nicht
von mir zähmen.

xv
mich, meine herren,
könnt ihr vielleicht widerlegen,
aber mehrere elstern im schnee
sind ein beweis.

Kann man diese Miniaturen womöglich noch als Projektionen von Enzensbergers persönlicher Intelligenz auf das Konterfei eines Schwarms von Elstern ansehen, so verliert sich jeder Anflug anthropomorpher Übertragung angesichts der Texte von flechtenkunde, in denen der allerbescheidenste Bewuchs unseres Globus als Synonym für das Vortrefflichste, Bescheidenste und Ausdauerndste steht:

vi
niemals strauchelt die flechte.
ihre werke mißlingen nicht.

vergesellschaftet hat sie,
höre ich, ihre produktionsmittel,
die ehrwürdige kommunistin.

vii
isländisch moos, grauhaar,
wer hat dich verschleppt
in unsere hausapotheke?
gleichmütig stehst du uns bei
wenn wir blut spucken.

In blindenschrift hat sich Enzensberger der Natur auf gleichsam demütige Weise genähert. Selbst ein Gedicht, das „historischer prozeß“ betitelt ist, versucht sich nicht in der Deutung von Geschichte und Sozietät, sondern vergegenwärtigt nur einen zugefrorenen norwegischen Fjord, angesichts dessen der Mensch zu einem Beinahe-Nichts an Bedeutung schrumpft. Natürlich konnte das gemeinschaftskundliche Interesse bei einem Schriftsteller wie Enzensberger nicht lange bei Elstern und Flechten verweilen. Dieser Intellektuelle, der auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe das komplette Spektrum des Regenbogens nennt, ist viel zu neugierig – und damit zu unstet –, um bei einer Sache oder einem Standpunkt zu bleiben.
Als Leser macht er sich früh mit der Weltliteratur vertraut, als Reisender mit den Ländern dieser Erde. Über die „Geschichte des Fortschritts“ schreibt er 37 Balladen, die er Mausoleen nennt – Grabmäler bedeutender Figuren, für die alle mehr oder weniger jene Bildunterschrift gilt, die Goya einem seiner „Capriccios“ beigegeben hat:

Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Enzensberger, das Chamäleon unter den deutschen Dichtern und Denkern, ist in keiner der Gestalten zu fassen, denen er sich wie ein Naturforscher nähert. Die Einfühlung – das, was die Psychoanalytiker Übertragung nennen – dient lediglich dazu, dem Gegenüber irgendwie auf die Schliche zu kommen, sein Wesen zu durchschauen, ihm die Maske abzunehmen… dann setzt ein unbarmherziger Durchleuchtungsvorgang ein, und das Seziermesser des Erkenntnisdrangs wird erst aus der Hand gelegt, wenn das letzte verifizierbare Geheimnis entlarvt ist. Der Fortschritt: nur „ein kollektiver Mythos“; und die Politik, die Wissenschaft, die Kunst, die Technik: ausschließlich Angelegenheiten von Angehörigen der besitzenden Klasse:

Revolutionäre und Astronomen, Musiker und Ingenieure, Mathematiker und Zauberkünstler, Mönche und Bürokraten…

Dieser Autor ist ein Profi des Scharfsinns, der viel zu vivende ist, um heute noch dort angetroffen zu werden, wo man ihn gestern mit einer Denkaufgabe beschäftigt sah. Eine Zeitlang machte es ihm Spaß, den harmlosen Nierentisch zum Inbegriff einer ganzen verspießerten Epoche werden zu lassen. Dann, während der Studentenrebellion, tat er mancherlei, was naive Zeitgenossen glauben ließ, er sei eine Art ideologischer Feldkaplan Che Guevaras. Doch bald schon, nach einem Aufenthalt auf Kuba in den Jahren 1968 bis 1969, zeigte der Poet, daß er ein Renegat war, der sich rigoros auf den anarchischen Verfasser der Hauspostille hätte berufen können, den „armen B. B.“, der gesagt hat:

In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.

Mit wachsender Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse entledigte Enzensberger sich seiner weltanschaulichen Illusionen. In seinem allegorischen Langgedicht „Der Untergang der Titanic“, das er als Komödie klassifizierte, machte er 1978 Schluß mit jedweder Form von Zukunftsgläubigkeit. Die Titanic, der als unsinkbar geltende Luxusliner, symbolisierte nicht nur den technischen Fortschritt, sondern – jedenfalls bei Enzensberger – auch den Sozialismus, der sich im Mythos seiner geschichtlichen Zwangsläufigkeit transzendierte. Die Havarie war eine doppelte: die des berühmten Schiffs, aber auch die der eigenen Hoffnungen, die Enzensberger in Havanna hatte, als er eine erste, später verloren gegangene Fassung seiner „Titanic“ schrieb:

Schuhe gab es nicht und keine Spielsachen
und keine Glühbirnen und keine Ruhe,
Ruhe schon gar nicht, und die Gerüchte
waren wie Mücken. Damals dachten wir alle:
Morgen wird es besser sein, und wenn nicht
morgen, dann übermorgen…

… und da sah ich ihn…
ich allein sah ihn und niemand sonst,
in der dunklen Bucht… den Eisberg, unerhört hoch
und kalt, wie eine kalte Fata Morgana
trieb er langsam, unwiderruflich,
weiß, auf mich zu.

Der Aufenthalt auf Kuba hat Enzensberger offensichtlich demoralisiert. Noch in seiner 1991 erschienenen Lyriksammlung Zukunftsmusik setzt er sich in „Alte Revolution“ mit Castro und der Zuckerrohrinsel auseinander:

Ein Käfer, der auf dem Rücken liegt.
Die alten Blutflecken sind noch da, im Museum.
Jahrzehnte, die sich totstellen.

Ein Somnambule vor zehn Mikrophonen.

Nach mir kommt nichts mehr…

Enzensberger, der, wie viele engagierte Dichter, nie Lust verspürt hat, handelnd in die Geschichte einzugreifen oder aber, wie ein Cohn-Bendit, den Marsch durch die Institutionen anzutreten, hat einige Spottgedichte auf die siebziger Jahre und ihre lädierten Veteranen geschrieben. Dann hat er „Die müde Sache“ so nach und nach beiseitegeschoben, hinter sich gelassen, und Gedichte und Aufsätze verfaßt, die in der deutschen Gegenwartsliteratur ihresgleichen suchen.
Als einer der besten Kenner der Weltlyrik standen und stehen ihm so viele Schreibmodelle vor Augen, wie er nur brauchen kann, wenn es darum geht, mit einem Dutzend Stimmgabeln vorm Ohr den einzig richtigen Ton herauszuhören. Im Nachwort zu Geisterstimmen, einem Auswahlband von ihm übersetzter Gedichte aus vielerlei Sprachen und Kulturen, macht Enzensberger zwei Bemerkungen, die auch für sein individuelles Schaffen von exemplarischer Wichtigkeit sind:

Ohne eine Spur von Skrupellosigkeit geht es nicht.

Und:

erst im Sakrileg zeigt sich, was einer ernst nimmt, so wie die Blasphemie nur dem Frommen etwas bedeutet.

Der späte Enzensberger ist ein Universalist, der über ein geradezu enzyklopädisches Wissen verfügt. Die ihm vielleicht ähnlichste Gestalt der Geistesgeschichte ist der französische Philosoph Denis Diderot, mit dem er, kostümiert als moderner Reporter, ein Zwiegespräch führt, in dem die Worte fallen:

Wir sind doch nichts anderes als Klaviere mit Empfindungsvermögen und Gedächtnis. Unsere Sinne sind soundsoviele Tasten, die von der uns umgebenden Natur angeschlagen werden.

Enzensberger hat es nicht gern, wenn man ihn als Verstandeslyriker bezeichnet. In der Tat ist seine Dichtung nicht diskursiv, nicht angekränkelt von des Gedankens Blässe. Ihm gelingt es, zwischen Intellekt und Emotion kommunikativen Wechselstrom fließen zu lassen, und so kann er Verse gestalten, die ihrer Thematik und ihrem Vokabular nach kaum noch etwas Lyrisches haben: „Ein Hase im Rechenzentrum“, „Hymne an die Dummheit“.
Als ein Metaphysiker, der nicht glauben kann, wohl aber gern glauben würde, beschäftigt sich Enzensberger sogar mit der Seele – unter dem Titel „Die Grablegung“. Einmal, in dem Gedicht „Die Visite“, taucht im Zimmer des Poeten ein leibhaftiger Engel auf, doch keinesfalls eine Lichtgestalt. vielmehr: „Ein ganz gemeiner Engel“, der den Heimgesuchten wissen läßt:

Sie können sich gar nicht vorstellen,
… wie entbehrlich Sie sind.

Enzensberger ist an einen Punkt der Reflexion und der Fertigkeit gelangt, an dem er seine Mitteilungen buchstäblich auf dem Handteller balancieren kann. „Immer schwerer“, bekennt er in seinem bisher letzten Gedichtband Leichter als Luft, „gelingen mir / Haß, Neid und Verachtung, / diese jugendlichen Gefühle…“ Der Dichter ertappt sich neuerdings dabei, zu bewundern. Doch das hält er für ein „Zeichen der Schwäche“.
Bei einem Relativisten wie Enzensberger kann man nur vermuten, was seine tiefsten Empfindungen und profundesten Gedanken sind. Ansichten und Einsichten stehen in dialektischem oder auch assoziativem Bezug zueinander. Gedanken und Gefühle geben sich Stichworte, und zarte Regungen koexistieren mit Chiffren höherer Mathematik. Sogar ein „Krankenkassenbescheid“ kann sich neben dem Kleingedruckten einer Packungsbeilage lyrisch behaupten, nicht anders als das kosmische „Mikro und Makro“, das unser Dasein bestimmt:

von der Darmflora
bis zu den Galaxien, so weit
das Auge reicht und noch viel weiter

Allenthalben verschwistert sich Erhabenes mit Trivialem, und natürlich bleibt auch die Frage nach der Kohärenz unseres Ego nicht aus: „daß das Ich keine Tatsache ist, sondern ein Gefühl“ – diese Vermutung beschleicht den Dichter, dem im Zusammenhang mit sich selbst allerhand Sonderbares durch den Kopf geht, etwa der Verdacht, womöglich nur „eine Schnittmenge aus gemischten Gefühlen“ zu sein.
Enzensberger weiß: „Auch die Wissenschaft ist porös“; und er lästert:

auch er,
der Biologe, lernfähig und verirrt
wie sein Meerschwein, sucht,
bis er, selten genug, ach,
die erlösende Taste drückt.

Wo laborgesicherte Forschungsresulate an die Grenzen der Unwissenheit stoßen, bleibt weiterhin der Ort, von dem aus das Wissenschaftsdenken zurückkehrt zu (semi)religiösen Welterklärungsmodellen :

SITZSTREIK

Der Buddha nimmt die Beine in die Hand.
Der Eilbote zockelt hinterdrein.
Die Fixsterne wallen.
Der Fortschritt zappelt in der Warteschleife.
Die Schnecke verrennt sich.
Die Rakete hinkt.
Die Ewigkeit setzt zum Endspurt an.

Ich rühre mich nicht.

Die Mystik des Fernen Ostens grüßt das entseelte Abendland, unseren heruntergekommenen, doch technisch und ökonomisch hochgestylten Westen, von dem Hans Magnus Enzensberger sagt, er breite sich in alle Himmelsrichtungen aus.

Hans-Jürgen Heise, neue deutsche literatur, Heft 528, November/Dezember 1999

Über die Ohnmacht der Vernunft

Leichter als Luft heißt der bislang letzte Lyrikband, den Hans Magnus Enzensberger 1999 zu seinem 70. Geburtstag bei Suhrkamp veröffentlichte. Leichter als Luft, das bedeutet freilich nicht, Enzensberger habe sich in die menschenleeren Sphären des Idealismus begeben. Den Ballast der Wirklichkeit wirft er auch in diesem Gedicht nicht über Bord, das einen Bogen vom antiken Mythos zur Gegenwart schlägt. Die trojanische Königstochter Kassandra war die einzige, die den Untergang ihrer stolzen Stadt im Krieg mit Griechenland voraussah. Doch ihre Warnungen wurden, wie der blinde Sänger Homer in der Ilias erzählt, in den Wind geschlagen. Seither steht der Begriff „Kassandra-Rufe“ sprichwörtlich für vergebliche Warnungen. Enzensberger weitet ihn zur Metapher auf die Taubheit nicht nur der Mächtigen gegenüber dem Unheil, das hybride Selbstüberschätzung anzurichten vermag. Seine Kassandra-Variante geißelt die vorsätzliche Arglosigkeit, mit der wir uns heute der Unbill des Alltags verschließen: Den Zweitwagen sicher geparkt, genießen wir den Feierabend im Biergarten – dabei sprechen Börsenkurse und Spätnachrichten eine deutliche Sprache. Seit seinem ersten Lyrikband, der schon legendären verteidigung der wölfe (1957), hat Hans Magnus Enzensberger den geistig politischen Diskurs in der Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt. In der Rolle Kassandras reflektiert der „Moralist ohne ideologische Scheuklappen“ die Ohnmacht seiner Zunft: Es ist die Ohnmacht der Vernunft.

Hans Jansen, WAZ, 2.2.2002

Der Gedichtband Leichter als Luft

ist anlässlich von Hans Magnus Enzensbergers 70. Geburtstag 1999 im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erschienen. Er umfasst 132 Seiten und besitzt die gleiche Ausstattung wie die beiden Gedichtbände Zukunftsmusik und Kiosk, welche 1991 und 1995 erschienen sind. Leichter als Luft ist in vier Zyklen gegliedert, welche jeweils mit einer römischen Ziffer (I–IV) betitelt sind. Der Band enthält 78 Gedichte unterschiedlicher Thematik und in verschiedener Form. Auf dem Umschlag ist ein Text abgedruckt, der etwas zu dem Titel des Buches sowie zum Inhalt und zur Person des Autors sagt:

Was haben Gedichte gemeinsam mit dem Helium, den Heiligenscheinen und dem Ich? Daß sie leichter als Luft sind, behauptet Enzensberger; und in der Tat sind seine Verse nie durch bleierne Füße aufgefallen. Die mürrischen Töne gefallen ihm nicht. Auch zeichnet sich, was er schreibt, nicht durch Unverständlichkeit aus. Leichter als Luft heißt nicht, daß er auf der Flucht nach oben wäre, in die menschenleeren Sphären des Idealismus. Den Ballast über Bord zu werfen – dazu war Enzensberger nie bereit. (ebd.)

Tatsächlich sind die Gedichte leicht zugänglich. Doch obwohl sie leicht geschrieben sind, entfliehen sie nicht „in die menschenleeren Sphären“ (ebd.), denn hinter ihrer scheinbaren Leichtigkeit ist stets eine kritische Äußerung oder eine Wahrheit zu finden, die alles andere als heiter und leicht, sondern eher schwerwiegend und ernst ist. Enzensberger verwendet die Leichtigkeit, um das Schwerwiegende deutlicher hervorzuheben, denn „am Ende des Jahrhunderts ist das einzig Richtige [für Enzensberger] nirgends in Sicht“ (ebd.). Enzensberger sieht „Politik und Alltag“, „Krieg und Liebe“, „Wahnsinn und Vernunft“, „Idyll und Katastrophe“ „unauflöslich ineinander verknäult“ (ebd.) und deshalb bleibt ihm nur noch die Möglichkeit durch das Tragikomische auszudrücken, was Tatsache und Wahrheit ist. Darauf gründet auch die Vielfalt und Uneinheitlichkeit der poetischen Mittel in diesem Gedichtband. Man findet in Leichter als Luft reimlose Lyrik, unregelmäßige Rhythmen, Schlager, Kalendersprüche, Terzinen, Ghaselen und Lyrik im Hip-Hop-Stil. Die Themen sind sehr vielfältig, sie sind aus dem aktuellen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Weltgeschehen gegriffen. Man findet Gedichte zum bosnisch-serbisch-kroatischen Krieg (Länderlexikon), zur Globalisierung (Fehler), zum Rechtsradikalismus, zur BRD und ihren Krisen in den 90er Jahren. Auch ein Gedicht, das als Nachtrag zu Enzensbergers Mausoleum verstanden werden kann, ist zu finden: Porträt des Mathematikers John von Neumann. In dem Umschlagtext zu Leichter als Luft findet man ein, meiner Meinung nach, wirklich sehr treffendes Zitat von Wolf Lepenies:

Wer über Enzensberger spricht, gerät in die Versuchung, sich ein wenig von seiner Verstandesheiterkeit zu borgen. Er hat soviel davon. Doch zugleich durchzieht seine Schriften ein Ernst, der sich hinter allem Spaß nur mühsam verbirgt, durchzittert seine Sätze eine Unruhe, die nicht nur etwas mit dem Temperament des Schreibenden, sondern auch mit seinen Themen zu tun hat. Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich.

Hans Magnus Enzensberger-Projekt

Desertierter Dichter  

Enzensberger wollte man auch vereinnahmen. Als Sprecher der bundesdeutschen Linken. Als Stimme der Sozialisten aller Länder. Man wollte es nicht besser wissen. Dichter sind nicht zu vereinnahmen! Auch, wenn sie so was vortäuschen. Einmal Dichter – immer Dichter! Selbst, wenn sich Dichter auf der Straße sehen lassen. Sie sind nicht die Straße. Sind nicht mal Stellvertreter der Straße hinterm Schreibtisch. Hans Magnus Enzensberger ist immer der feine, edle, kluge Mann, der sich im geheizten Feuilleton-Redaktions-Zimmer wohler fühlt als auf der zugigen Straße der Sozialisten. Dem Dichter genügt’s, mal dagewesen zu sein – auf der Straße –, ohne ein Dabeigewesener zu sein. Die Annäherung machte das Werk welt-an-schau-licher, weil mehr Weltanschauung war, die mehr Verallgemeinerung zuließ. Der Grundlinie treu, ist dem älter werdenden Dichter das grandiose Gottes-Werk zur kläglichen, täglichen Tat einer „Großen Göttin“ geworden. Der Lyriker sagt:

Mit ihrem Fingerhut tastet sie
nach den Löchern der Welt
und flickt und flickt.

Mehr Hoffnung mag Enzensberger nicht mehr geben. Weil er mehr nicht mehr hat? Bescheidenheit ist die breiter gewordene Basis seiner Gedichte. Längst ist die Gewißheit: „Besonders schwer/ wiegen Gedichte nicht“, wie das Gedicht „Leichter als Luft“ beginnt, das einer Alters-Vers-Sammlung den Titel gibt. Das Versilbern der Vokabeln ist Enzensberger wichtiger als das Vergolden der Worte. Vokabeln wie Ende, Ruhe, Müdigkeit, Flüchtigkeit, Flicken, Schlaf, Stille trommeln ihre Verwandten zusammen und bilden die Stammsätze der Verse, in denen „das erste Bett“ als Erfindung gefeiert wird. Sieht so das Resümee eines Dichters aus, der die Option für Dichter folgendermaßen formuliert: „Mit anderen Worten/ dasselbe sagen / immer dasselbe“? Wird so das Ende aller Möglichkeiten eines Selbstredners markiert? Ist der Lyriker bar jeder besseren Moral, die er den Bewohnern des blauen Balls predigen könnte? Der Poet ist kein Prediger. Seine poetischen Sonntags-Worte sind keine Worte zum Sonntag. Der Dichter räumt sich das Recht ein, zu fragen, wenn er keine Antwort parat hat. – „Man wird doch noch fragen dürfen!“ – Eine Lektion des länger werdenden Lebens ist wirklich gelernt: Die Frage hat die höhere Moral. Auf die ist Enzensberger aus. Er nennt seine Verse „Moralische Gedichte“. Ob die Deklarierung die eines Dennoch-Optimisten ist, der die Lippen spitzt, um das Pfeifen im Walde zu hören? Vielleicht ist nur noch das Pfeifen mehr als das Nichts. Für Hans Magnus Enzensberger ist es das Mehr wie das Wir, das er auch dann lieber sagt, wenn er  i c h  meint. Sagt er dann doch  i c h, zieht er den bekenntnishaften Strich unter seine Biographie:

Ich desertiere gern.

Das hätte man zumindest ahnen können. Von Anfang an!

Bernd Heimberger, Berliner LeseZeichen, Heft 1, 2000

Öffne die Sinne und fliege! –

Schweben im Raum der Poesie

Es war der SPIEGEL Nr. 6 aus dem Jahre 1991, der mich erstmals auf ihn aufmerksam machte. (Genauer gesagt war es Helmut Montag, Cineast und kleiner großer Mann bissiger Ironien und politischer Provokationen im südwestlichen Rhein-Neckar-Kreis, der mich auf den genannten SPIEGEL aufmerksam machte.) – Es war die Zeit des ersten Golfkriegs, die Tage und Wochen davor, als Hans Magnus Enzensberger in dem Hamburger Nachrichtenblatt seinen vielbeachteten Artikel „Hitlers Wiedergänger“ veröffentlichte. Ich erinnere mich noch gut: Man kaufte sich damals den SPIEGEL unter anderem wegen dieses Aufsatzes. Enzensberger verglich den irakischen Diktator Saddam Hussein mit dem größten Massenschlächter der Weltgeschichte Adolf Hitler. Seither wusste ich, von wem die Rede war, wenn sein Name fiel. Hans Magnus Enzensberger.
Und irgendwann, so nach 1998, stand er dann auch in meinem Bücherregal: Hans Magnus Enzensberger, Leichter als Luft. Schwebend und davonfliegend, leichgewichtig wie ein Luftballon – Enzensberger selbst bedient sich der Helium-Heiligenschein-Parabel. Man musste das Buch erst einmal einfangen, um es lesen zu können.
In gewissem Sinne habe ich mich durchgequält, durch die 126 Seiten Enzensberger’scher Gedanken, die per definitione Gedichte (poéticas modernas) sein sollen. Das „Optimistische Liedchen“ macht eher schwermütig.

Hie und da kommt es vor,
dass einer um Hilfe schreit.
Schon springt ein andrer ins Wasser,
vollkommen kostenlos.

So muss es sein. Ist das nicht völlig normal? Und dass die Feuerwehr, „die schimmernde“, um die Ecke kommt und dass sie löscht, wie Enzensberger weiter sinniert – ist nicht auch das: völlig normal; sogar im dicksten Kapitalismus, den Enzensberger sich nicht verkneifen kann, ihn in dem optimistischen Liedchen zu zitieren? Warum also dieses Aufhebens? Es ist von Personen die Rede, „die ohne gezücktes Messer / hin- und herlaufen, (…) / auf der Suche nach Milch und Radieschen.“ Der Optimismus quillt aus allen Poren. Der Kapitalismus, fett und mittendrin. „Ein herrlicher Anblick.“
Enzensbergers Verlag, der damals noch in Frankfurt ansässige Suhrkamp-Verlag, legte Wert auf die Feststellung, dass Enzensbergers Verse nie durch bleierne Füße aufgefallen seien. Mürrische, schrille, jammernde Töne sind nicht die seinen. Auch zeichne sich, „was er schreibt, nicht durch Unverständlichkeit aus.“ Ich sehe das vielleicht ein bisschen anders. Es muss mir erlaubt sein.
Luftig leicht ist die Welt auch nicht in Hinterzimmern von Bierkellern, wo sich sieben Besoffene zwecks einer „Kriegserklärung“ treffen um den Krieg zu proklamieren. Oder war es doch in der Akademie der Wissenschaften, wo er ausgebrütet wurde? Enzensberger bietet uns in Summe Orte des Entstehens kriegerischer Gedanken und Lüste, den „Kreißsaal von Gori / oder Braunau“, wo sie gedeihen, oder „im Internet, / in der Moschee; das kleine Gehirn / des patriotischen Dichters schwitzt ihn“, den Krieg, „aus; / weil jemand beleidigt ist, weil jemand / Blut geleckt hat, in Gottes Namen, / wütet der Krieg, aus Gründen der Hautfarbe, / im Bunker, im Jux, oder aus Versehen; / weil Opfer gebracht werden müssen / für die Rettung der Menschheit“, und so weiter und so fort. Bis hin dazu, „weil uns nichts Besseres einfällt.“

Und Blum’ und Früchte weiß ich euch
Gar zierlich aufzutischen,
Wollt ihr Moralien zugleich,
So geb ich von den frischen.

Von den frischen was? – Schon im „Buch des Sängers“, im West-Östlichen Divan gibt uns Goethe die „Vier Gnaden“ des Heils und der Moral. Die Moral der Enzensberger’schen Luftblasen ist nicht weniger transparent als Goethes frische. Es steht die Frage, welche Sittsamkeit, welche Vernunft – Definitionen der philosophia moralis – den Autoren Enzensberger treiben. Immerhin gibt er der Moral einen bedeutenden Stellenwert im Untertitel seines Buches: Leichter als Luft – Moralische Gedichte.
Das, was vorher war“, beschreibt Hans Magnus Enzensberger in dem gleichnamigen Gedicht. Es erzählt von einer Kultur des Vergessens. Wenn niemand mehr weiß, wer was gewusst hat. Wenn „Von denen, / die etwas damit zu tun, / die es getan haben“ sich kaum noch jemand daran erinnern kann, dann ist kollektive Amnesie im Anzug. Daraufhin kommen die anderen, die nicht vergessen können, „Obwohl sie es nicht erlebt haben“. „Den wenigsten ist es gegeben, / ,Keine Ahnung‘ zu sagen. / Manche Forscher leben davon. / Dass es niemand verstehen kann, / dabei wird es bleiben.“ Gegen die Kultur des Vergessens – die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg stehen als Paten und Zeitzeugen in historischen Dimensionen zur Verfügung – setzt Enzensberger eine Kultur des Erinnerns.

Die meisten glauben,
es sei vorbei. Nur selten
sagt eine schwache Stimme
einem ins Ohr,
dass es kein Ende nimmt.

Und was ist nun die Moral der Geschichte der Gedichte? Hält sie sich ans Konkrete, wie zu hören und zu lesen war? Am Ende des vorigen Jahrhunderts – der Gedichtband ist von 1999 – sei das einzig Richtige nirgends in Sicht gewesen. Es heißt, „Wo Politik und Alltag, Krieg und Liebe, Wahn und Vernunft, Idyll und Katastrophe unauflöslich ineinander verknäult sind, lässt sich das, was der Fall ist, nur noch im Modus des Tragikomischen beschreiben.“ Es gilt, „Mit anderen Worten / Dasselbe sagen, / immer dasselbe. / Mit immer denselben Worten / etwas ganz anderes sagen / oder dasselbe ganz anders. / Vieles nicht sagen, / oder mit nichtssagenden Worten / vieles sagen. / Oder vielsagend schweigen.“ Mit diesen „Optionen für einen Dichter“ verwirrt uns Enzensberger einmal mehr. Doch Schweigen ist nicht sein Antritt, nicht sein Auftritt.
Wie schon angedeutet. Ich hatte mit dem Stil, teilweise auch den Inhalten, so meine liebe Not. Doch durch eine Immerwieder-Beschäftigung mit poetischen Notlagen können Gewöhnungseffekte eintreten. Plötzlich gefällt einem eine Kleinigkeit hier, eine Formulierung dort, ein aufgegriffener Gedanke, stille Einfalt, edle Größe (letzteres vergessen wir sofort wieder). – Ins Auge fällt die Vielfalt der poetischen Mittel. Neben der „reimlosen Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen“, treten andere Formen: bis hin zum Schlager und Kalenderspruch; alles vorhanden.

Wer über Enzensberger spricht, gerät unweigerlich in die Versuchung, sich ein wenig von seiner Verstandesheiterkeit zu borgen. Er hat so viel davon. Doch zugleich durchzieht seine Schriften ein Ernst, der sich hinter allem Spaß nur mühsam verbirgt, durchzittert seine Sätze eine Unruhe, die nicht nur etwas mit dem Temperament des Schreibenden, sondern auch mit seinen Themen zu tun hat. Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich.

Soweit Wolf Lepenies, Autor und Publizist, über Hans Magnus Enzensberger, Autor, Publizist und Herausgeber.

Helmut Schmid, amazon.de, 25.9.2010

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Ina Hartwig: Nachrichten aus der zivilisierten Welt
Frankfurter Rundschau, 31.7.1999

Kurt Oesterle: Die Grazie des Verschwindens
Süddeutsche Zeitung, 31.7./1.8.1999

Rolf Michaelis: Den Wolken zusehen
Die Zeit, 5.8.1999

Robin Detje: Ein Sanguiniker tanzt Menuett
Berliner Zeitung, 14./15.8.1999

Herbert Wiesner: Der mit der Tuschfeder meißeln kann
Der Tagesspiegel, Berlin, 15.8.1999

Angelika Overath: Relativitätspoesie
Neue Zürcher Zeitung, 19.8.1999

Lothar Müller: Erkenne die Lage
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.8.1999

Henning Ziebritzki: Unbeirrbarer Zickzackkurs
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 17.9.1999

Steffen Jacobs: Jetzt rede ich, und du hörst zu
Die Welt, 6.11.1999

Ludwig Hasler: Für Gedankenlose
Die Weltwoche, 28.6.2001

Viktor Schlawenz: Lichte Gedichte
literaturkritik.de, November 1999

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Eckhard Ullrich: Von unserem Umgang mit Andersdenkenden
Neue Zeit, 11.11.1989

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Frank Schirrmacher: Eine Legende, ihr Neidhammel!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.11.1999

Hans-Ulrich Treichel: Startigel und Zieligel
Frankfurter Rundschau, 6.11.1999

Peter von Becker: Der Blick der Katze
Der Tagesspiegel, 11.11.1999

Ralph Dutli: Bestimmt nicht in der Badehose
Die Weltwoche, 11.11.1999

Joachim Kaiser: Übermut und Überschuss
Süddeutsche Zeitung, 11.11.1999

Jörg Lau: Windhund mit Orden
Die Zeit, 11.11.1999

Thomas E. Schmidt: Mehrdeutig aus Lust und Überzeugung
Die Welt, 11.11.1999

Fritz Göttler: homo faber der Sprache
Süddeutsche Zeitung, 12.11.1999

Erhard Schütz: Meine Weisheit ist eine Binse
der Freitag, 12.11.1999

Sebastian Kiefer: 70 Jahre Hans Magnus Enzensberger. Eine Nachlese
Deutsche Bücher, Heft 1, 2000

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Hans-Jürgen Heise: HME, ein Profi des Scharfsinns
die horen, Heft 216, 4. Quartal 2004

Werner Bartens: Der ständige Versuch der Alphabetisierung
Badische Zeitung, 11.11.2004

Frank Dietschreit: Deutscher Diderot und Parade-Intellektueller
Mannheimer Morgen, 11.11.2004

Hans Joachim Müller: Ein intellektueller Wolf
Basler Zeitung, 11.11.2004

Cornelia Niedermeier: Der Kopf ist eine Bibliothek des Anderen
Der Standard, 11.11.2004

Gudrun Norbisrath: Der Verteidiger des Denkens
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 11.11.2004

Peter Rühmkorf: Lieber Hans Magnus
Frankfurter Rundschau, 11.11.2004

Stephan Schlak: Das Leben – ein Schaum
Der Tagesspiegel, 11.11.2004

Hans-Dieter Schütt: Welt ohne Weltgeist
Neues Deutschland, 11.11.2004

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Matthias Matussek: Dichtung und Klarheit
Der Spiegel, 9.11.2009

Michael Braun: Fliegender Robert der Ironie
Basler Zeitung, 11.11.2009

Harald Jähner: Fliegender Seitenwechsel
Berliner Zeitung, 11.11.2009

Joachim Kaiser: Ein poetisches Naturereignis
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2009

Wiebke Porombka: Für immer jung
die tageszeitung, 11.11.2009

Hans-Dieter Schütt: „Ich bin keiner von uns“
Neues Deutschland, 11.11.2009

Markus Schwering: Auf ihn sollte man eher nicht bauen
Kölner Stadt-Anzeiger, 11.11.2009

Rolf Spinnler: Liebhaber der lyrischen Pastorale
Stuttgarter Zeitung, 11.11.2009

Thomas Steinfeld: Schwabinger Verführung
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2009

Armin Thurnher: Ein fröhlicher Provokateur wird frische 80
Falter, 11.11.2009

Arno Widmann: Irrlichternd heiter voran
Frankfurter Rundschau, 11.11.2009

Martin Zingg: Die Wasserzeichen der Poesie
Neue Zürcher Zeitung, 11.11.2009

Michael Braun: Rastloser Denknomade
Rheinischer Merkur, 12.11.2009

Ulla Unseld-Berkéwicz: Das Lächeln der Cellistin
Literarische Welt, 14.11.2009

Hanjo Kesting: Meister der Lüfte
Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Heft 11, 2009

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Arno Widmann: Der begeisterte Animateur
Frankfurter Runschau, 10.11.2014

Heike Mund: Unruhestand: Enzensberger wird 85
Deutsche Welle, 10.11.2014

Scharfzüngiger Spätaufsteher
Bayerischer Rundfunk, 11.11.2014

Gabi Rüth: Ein heiterer Provokateur
WDR 5, 11.11.2014

Jochen Schimmang: Von Hans Magnus Enzensberger lernen
boell.de, 11.11.2014

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Hans Magnus Enzensberger Der diskrete Charme des Hans Magnus Enzensberger. Dokumentarfilm aus dem Jahre 1999.

 

Hans Magnus Enzensberger liest auf dem IX. International Poetry Festival von Medellín 1999.

 

Hans Magnus Enzensberger – Trailer zu Ich bin keiner von uns – Filme, Porträts, Interviews.

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