Hans Maier: Zu Reiner Kunzes Gedicht „Fahrschüler für Lastkraftwagen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Reiner Kunzes Gedicht „Fahrschüler für Lastkraftwagen“ aus Reiner Kunze: zimmerlautstärke.

 

 

 

 

REINER KUNZE

Fahrschüler für Lastkraftwagen

Ich spiele es das
dreipedalige klavier ihn den
dreitonnenflügel sie die
sechsregistrige orgel (jeder
ein solist an der kreuzung
aaader’s kann, noch
lächelt der dirigent)

Ich spiele, leicht
blaß (nicht
leichenblaß frau, noch
verreckt nur der motor)

Der doch der
sich nicht findet in simplem
aaaviervierteltakt kann
unter die räder geraten
mit seinen gedanken

Ein requiem üb ich für sie und
werde gelobt für
richtiges einordnen

 

Verstummende Musik

Es tuckert, dröhnt und lärmt ganz schön in diesem Stück aus dem stillen Gedichtband zimmerlautstärke. Fast martialisch wirkt der Auftritt des Fahrschülers am Steuer seines Lastkraftwagens. Freilich, so munter und aufgekratzt, wie er daherredet, ist der Mann gar nicht; er macht sich nur Mut. In Wahrheit hat er Angst. Wie jeder Novize im Straßenverkehr zieht er den Kopf ein, blinzelt nach dem Fahrlehrer und denkt an seine Frau, leicht blaß, wie man bei dieser Gelegenheit erfährt. Und seine Kraftsprüche („noch verreckt nur der motor“) können kaum verbergen, daß er alle Kraft zusammennehmen muß, um das Riesending mit den ungewohnten Abmessungen sicher vor der Keuzung zu postieren. Zum Glück gelingt es.
So weit diese ganz gewöhnliche Geschichte – aber weil der Mann am Steuer irgendwann Klavier oder Orgel spielen gelernt hat, redet er in der Fahrerkabine seines Lasters plötzlich nicht von Gaspedal, Kupplung und Gängen, sondern von einem dreipedaligen Klavier, einem Dreitonnenflügel, einer sechsregistrigen Orgel. Schier üppig entfalten sich die musikalischen Bilder, während die Fahrschülersituation nur mit sparsamen Markierungen angedeutet wird („kreuzung“, „räder“, „motor“, „einordnen“).
Ein gebildeter Lastwagenfahrer? Bilddraperien um Pleuelstangen und Dieselmotoren? Nichts weniger als das. Denn von Anfang an verschränkt der Autor zwei Bild- und Sprachwelten, eine technische und eine künstlerische, so konsequent miteinander, daß der Gedanke an bewußtes Verkleiden und Ästhetisieren gar nicht aufkommen kann. Der Fahrschüler verkleidet sich nicht als Klavierspieler – er spielt wirklich auf den Pedalen seiner verschiedenen Instrumente.
Freilich, ganz geht die Rechnung nicht auf; und daß sie nicht aufgeht, darin liegt die leise, nachdrückliche Pointe des Stückes. Es beginnt spielend, spielerisch, mit Lärm und Lustigkeit, ein richtiges Probierstück an drei Instrumenten; dann wird die Sache rasch ernster; die Peripetie liegt in der stockend vorgebrachten Zeile „der doch der sich nicht findet“ mit dem hart warnenden, „unter die räder geraten“; und am Ende steht das richtige Einordnen – das Requiem für die Gedanken, in dem Lärm und Technikfröhlichkeit ebenso verstummen wie die spielerische Musik am Anfang.
Reiner Kunze hat im Gespräch oft darauf hingewiesen, daß Worte wie „lenken“, „umlenken“, „ablenken“, „einordnen“ beim Publikum eines sozialistischen Landes – in einer rundum gelenkten Welt also – andere, sensiblere Resonanzen hervorrufen als im wortverzehrenden, berührungsstumpfen Westen. Daher beruht die große Wirkung des lyrischen Wortes in solchen Ländern gerade auf der unscheinbaren, fast tonlosen Präsenz im privaten und intimen Bereich („zimmerlautstärke“).
So bleibt zwar der munter dahinrollende Dreitonnenflügel schneller als erwartet vor der Kreuzung stehen – wohleingeordnet, nachdem sich sein Fahrer der gefährlichen Fracht schweifender Gedanken entledigt hat. Aber der Leser darf sich vorstellen, daß es mit der Einordnung in technische und politische Rationalitäten doch nicht sein Bewenden hat: neue Fahrschüler könnten kommen, die im Lastkraftwagen die Orgel entdecken, und neue Leser, die das Gedicht von vorn zu lesen beginnen. Beide könnten erfahren, daß ein Lastkraftwagen nicht immer ein Lastkraftwagen sein muß; und beide könnten in Reiner Kunzes Lyrik etwas entdecken, was zu entdecken bleibt: die Freiheit des Bildes in einer von Zwängen beherrschten Welt.

Hans Maieraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Fünfter Band, Insel Verlag, 1980

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