Hans-Ulrich Treichel (Hrsg.): Neue Liebesgedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Hans-Ulrich Treichel (Hrsg.): Neue Liebesgedichte

Treichel-Neue Liebesgedichte

VIELE LEIDEN VIELE LIEBEN

viele Leiden viele Lieben
mein Gräberfeld ach kalte
sonnige Stadt am heftigen Wasser
und keine Straße die ich nicht
beweint belacht
habe vor Jahrzehnten
laute lautlose Stadt hat mich gelehrt
ICH zu sagen und noch mal ICH
auf allen vieren bin ich gegangen
stand eines Tages auf
um meine Leiden meine Lieben
zu begraben unter Schnee
der schmilzt und schmilzt

Helga M. Novak

 

 

 

Nachwort

Neue Liebesgedichte lautet der Titel der vorliegenden Sammlung, und neu sind diese Gedichte insofern, als alle in dieser Auswahl versammelten Texte in den letzten drei Jahrzehnten erstmals publiziert und zumeist wohl auch geschrieben worden sind. Es sind Gedichte von Zeitgenossen. Ob die Erfahrung der Liebe, die sich in diesen Gedichten mitteilt, eine neue ist und sein kann, ist eine ganz andere Frage. Denn das würde schließlich voraussetzen, daß die Liebe zu Zeiten der Sappho, des Minnesangs, des Barockzeitalters oder Goethes nicht die war, die sie heute ist.
Überlassen wir die Antwort auf die Frage nach der Geschichtlichkeit der Liebe besser den Historikern, Anthropologen, Psychologen, Kulturwissenschaftlern und Mentalitätsforschern. Zumal sie möglicherweise anders ausfällt als die der Literatur und der Dichtung, zu deren Eigenschaften es ja oft genug zählt, uns über große Zeiträume hinweg und aus der Vergangenheit heraus noch immer unmittelbar anzusprechen und Gegenwärtigkeit zu suggerieren. Mehr als zwei Jahrtausende ist es schließlich her, seit beispielsweise die griechische Dichterin Sappho ihre Verse schrieb, von denen nur wenige Fragmente überliefert sind. Die wohl berühmtesten davon lauten (in der Übersetzung Wolfgang Schadewaldts):

Untergegangen ist die Mondin
Und die Pleiaden. Mitternacht ist
und vorüber geht die Zeit.
Ich aber schlafe allein
.1

Wer würde in diesen Zeilen nicht eine ganz gegenwärtige Empfindung spüren? Als sei die zweitausendjährige Vergangenheit nur einen Atemzug, nur einen Seufzer von uns entfernt. Und wer, um ein ebenfalls historisches, aber weitaus jüngeres Beispiel zu nennen, verstünde nicht die Emphase und das Glücksgefühl, von welchem Goethe in seinem aus den Sesenheimer Liedern stammenden Gedicht „Mir schlug das Herz“ noch im Moment des Abschieds von der Geliebten spricht:

Du gingst, ich stund, und sah zur Erden
Und sah Dir nach mit nassem Blick;
Und doch, welch Glück! geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück
.2

So gehören denn auch die Klage über die unerfüllte Liebe und der Lobgesang auf das erfüllte Liebesglück zum Grundbestand jeglicher Liebeslyrik. Und das gewiß auch, weil Liebesglück und Liebesschmerz, Erfüllung und Entsagung zu den Grunderfahrungen unseres Lebens gehören.
Daneben freilich gibt es noch eine dritte Variante, denn unsere Gefühle wissen manchmal zwischen dem Glück und dem Unglück, der Erfüllung und der Versagung nicht so recht zu unterscheiden. So kommt es zu dem, was man psychologisch Ambivalenz und umgangssprachlich gemischte Gefühle nennt. Wahrscheinlich sind diese gemischten Gefühle universeller Natur und gehören zu den menschlichen Emotionen schon immer dazu. Uns aber erscheinen sie sehr modern, was vielleicht auch daran liegt, daß die Erfahrungen der Ambivalenz, die sich bis zu der des Zerrissenseins steigern können, im Leben wie in der Literatur und eben auch im Gedicht gewiß häufiger anzutreffen sind als die von Liebesglück oder Liebesunglück in Reinkultur.
Doch letztlich kommt es in der Literatur gar nicht so sehr darauf an, welche Erfahrungen wir machen und ob wir glücklich, unglücklich, beständig hin- und hergerissen oder womöglich gar empfindungslos sind. Viel wichtiger ist das Wie. Nicht daß wir Liebende sind, sondern wie wir es sind, nicht daß wir verlassen, enttäuscht oder gar hoffnunglos sind, sondern wie wir es sind, ist Gegenstand der Literatur und zumal des Gedichts.
Und nicht zuletzt deshalb wird man beim Lesen der hier versammelten Texte einmal mehr erfahren können, daß sich in jedem Gedicht mit der allgemein menschlichen Erfahrung der Liebe zugleich eine jeweils ganz eigene, subjektive und höchst persönliche Liebes- und Lebenserfahrung ausspricht. Und insofern darf jeder Text und jedes Gedicht zweierlei für sich beanspruchen: dem Leser wohlbekannt und gänzlich neu zu sein.

Hans-Ulrich Treichel, Nachwort

 

Sie hört nicht auf,

die heitere und schmerzliche, die tröstliche und untröstliche, die glückliche Liebe und die zum beinahe Wahnsinnigwerden. Und mit ihr das Gedicht, das ohne die Liebe nicht sein kann. Daran hat sich auch in den vergangenen mehr als zwei Jahrtausenden nichts geändert. Liebesglück und Liebesschmerz, Erfüllung und Entsagung gehören zu den Grunderfahrungen unseres Lebens und werden schon in den Versen der griechischen Dichterin Sappho besungen.
Neue Liebesgedichte lautet der Titel des vorliegenden Bandes, den Hans-Ulrich Treichel zusammengestellt hat. Es sind Gedichte von Zeitgenossen, Gedichte, die in den letzten drei Jahrzehnten geschrieben wurden – von Elisabeth Borchers, Sarah Kirsch, Ulla Hahn, Friederike Mayröcker, Durs Grünbein, Robert Schindel, Hans Magnus Enzensberger, Albert Ostermeier, Volker Braun u.v.a.

Insel Verlag, Klappentext, 2008

 

„In meinen Armen liest du ohne Brille

und manchmal mit geschlossen Augen.“ (D. Leupold)

Hans-Ulrich Treichel hat im vorliegenden Büchlein wundervolle Liebesgedichte aus den letzten drei Jahrzehnten zusammengestellt. Die Verfasser sind deutschsprachige Lyriker/innen, die sich in ihren Versen mit dem Liebesglück und Liebesschmerz sowie der Erfüllung und Entsagung auseinandersetzen. Dies tun sie allerdings vielleicht ein wenig desillusionierter als die Dichter in vergangenen Jahrhunderten.
Zu Wort kommen u.a. Elisabeth Borchert, Volker Braun, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Durs Grünbein, Ulla Hahn, Friederike Mayröcker, Christoph Meckel, Ralf Rothmann, aber auch Peter Turrini und viele andere mehr.
Die Gedichte sind untergliedert in: „Liebende“, „Am Tag danach“, „Über das Zusammensein“ und „Wintermusik“.
Hans-Ulrich Treichel beendet mit einem eigenen Gedicht die Sammlung und lässt den Leser in einem knappen Nachwort wissen, dass zwar die Klage der unerfüllten Liebe und der Lobgesang auf das erfüllte Liebesglück zum Grundbestand jeglicher Liebeslyrik gehören, aber auch der dritten Variante Beachtung geschenkt werden muss: der Ambivalenz!
Diese gemischten Gefühle, die sich bis zur Zerrissenheit steigern können, sind gerade in modernen Gedichten häufiger anzutreffen als die von reinen Liebesglück oder Liebesunglück.
Das liest sich dann wie folgt:

LIED VOM ZUSAMMENSEIN

Immer möchte ich lachen
Wenn wir zusammen sind
Manchmal bin ich zu müde
Und manchmal zu blind

Manchmal kommt diese Blindheit
Auch ein bisschen vom Sehn
Manchmal seh ich uns beide
nirgendwohin gehen

Manchmal schließt mich die Trauer
in ihr Herz aus Stein
Wir könnten fortan zusammen
Immer alleine sein

(Werner Söllner)

Im Anhang des Büchleins finden sich die Quellennachweise aller darin enthaltenen Gedichte.
Empfehlenswert!

Helga König, amazon.de, 27.2.2008

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
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