Hans-Ulrich Treichel: Zu Günter Eichs Gedicht „Inventur“

Im Kern

Im Kern

– Zu Günter Eichs Gedicht „Inventur“ aus dem Günter Eich: Gesammelte Werke. –

 

 

 

GÜNTER EICH

Inventur

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt.
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

 

Kein Neuanfang

Günter Eichs Gedicht „Inventur“ ist vielleicht neben Paul Celans „Todesfuge“ das berühmteste deutsche Nachkriegsgedicht. Und so fern die karge lyrische Bestandsaufnahme Eichs auch dem großen, sprachmächtigen Gesang Paul Celans zu sein scheint, so sehr verdankt sie sich doch in Wahrheit der gleichen Erfahrung, der sich – ob gewollt oder nicht – alle Literatur nach 1945 zu stellen hatte und in deren Zentrum der Name „Auschwitz“ steht.
Von Auschwitz allerdings und den gerade überstandenen Schrecken des Krieges ist in „Inventur“ nirgends die Rede. Der Autor, so scheint es, spricht geradezu vorsätzlich nicht davon, wovon er zu dieser Zeit, das Gedicht entstand 1945, doch eigentlich hätte sprechen müssen und doch nicht sprechen konnte und wohl auch nicht sprechen wollte. Als würde er hier seine ganz persönliche „Stunde Null“ erleben, so versichert sich Eich hier seiner Gegenwart als einer Gegenwart der elementarsten Dinge und stellt diese – die Mütze, den Teller, die Bleistiftmine – in das Zentrum seiner Erfahrung.
Es sind die gewiß lebenswichtigen Alltagsrequisiten des Kriegsgefangenen Günter Eich, der 1945/46 in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager interniert war, doch werden sie hier zu Dingen höherer Ordnung, zu Chiffren von existentieller Bedeutung. Aus ihnen entsteht „Welt“. Nicht nur die Welt des internierten Soldaten und Autors, sondern auch die Welt dessen, der sich vor der Übermacht traumatischer Geschichtserfahrung auf das wenige besinnt, über das er unmittelbar zu verfügen scheint und das nicht eingespannt ist in den verhängnisvollen Zusammenhang von Täter und Opfer, Schuld und Unschuld, individuellem Erleben und geschichtlicher Existenz.
Günter Eichs „Inventur“ entwirft, im Selbstvollzug gewissermaßen, ein poetisches Programm des literarischen Neuanfangs, das bescheiden, lakonisch, präzise und scheinbar voraussetzungslos ins Bild gesetzt wird. Diese Eigenschaften haben das Gedicht zum Paradebeispiel des literarischen „Kahlschlags“ werden lassen, der nach 1945 von einem Teil der jüngeren Autorengeneration propagiert wurde und sich zu einem gänzlich von der Last der Tradition befreiten dichterischen Sprechen bekannte.
Um so überraschender freilich ist die – von Ralph-Rainer Wuthenow zuerst bemerkte – Tatsache, daß das Eichsche Gedicht einen Vorläufer kennt, der ihm in Stil und Struktur zwillingshaft gleicht. Es handelt sich hierbei um das Gedicht „Jean-Baptiste Chardin“ des tschechischen Schriftstellers Richard Weiner (1884 bis 1937), das in der von Franz Pfempfert herausgegebenen Anthologie Jüngste tschechische Lyrik im Jahr 1916 in deutscher Sprache (Übersetzung: J. v. Löwenbach) publiziert wurde und die bürgerliche, behaglich-saturierte Welt des französischen Stillebenmeisters Chardin (1699 bis 1779) beschreibt, die in denkbar größtem Gegensatz zu der existentiellen Unbehaustheit steht, von der Günter Eich berichtet:

Dies ist mein Tisch
Dies meine Hausschuh
Dies ist mein Glas
Dies ist mein Kännchen

Dies meine Etagere
Dies meine Pfeife
Dose für Zucker
Großvaters Erbstück

Esse am liebsten
Spargel mit Sauce
Wildpret auf Pfeffer
Erdbeer mit Creme

Gut ist’s
zu Hause
Sehr gut zu Hause
Dies meine Ecke
Dies meine Hausschuh
(…)

Ob das Gedicht Weiners Günter Eich tatsächlich als Vorbild gedient hat, wissen wir nicht. Gewiß aber ist, daß es in der Literatur genausowenig wie in der Geschichte einen wirklichen Neuanfang gibt und daß die Möglichkeit der unschuldigen, voraussetzungslosen Annäherung an die Welt nur eine Utopie ist. Eine äußerst verführerische allerdings.

Hans-Ulrich Treichel, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.