Harald Hartung: Zu Johannes Bobrowskis Gedicht „Der Muschelbläser“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Johannes Bobrowskis Gedicht „Der Muschelbläser“ aus Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Band I: Die Gedichte. 

 

 

 

 

JOHANNES BOBROWSKI

Der Muschelbläser

Der schöne Luftgeist bläst auf dem Muschelhorn,
dem rötlichen, gespitzten, er teilt den Schall
mit seiner Hand, der hier- und dorthin
fliegt, soviel anders als Ufervögel.

Mein Freund, der Luftgeist, liebt in den Weiden dort
zu schlafen, und ich lernte schon dies und dies
bei ihm, nun lern ich nicht, wie er so
leicht nur zu ruhn, an den Rand gelehnt nur

der Dunkelheit und immer im Lichten noch,
und kindlich runden Augs zu erwachen bald.
Wie soll ich meinem Freunde gleichen:
nur mit der Lieb, ohne Schlaf, im Regen?

 

Sein Freund, der Luftgeist

Stünde „Der Muschelbläser“ hier ohne Verfassernamen – wer käme sogleich auf den Namen Johannes Bobrowski? Klopstock!, würde man vielleicht raten; auch weil es sich um eine Ode handelt. – Oder ein Poet aus dem Hainbund? Hölty vielleicht? Dafür sprächen die Zartheit der Verse und ihr mythologischer Anklang. – Doch Hölty hätte ungescheut von „Ariel“ und vom Muschel blasenden „Triton“ gesprochen, während unser Dichter auf mythologische Ausstattung verzichtet. – Wo aber der Luftgeist „ kindlich runden Augs“ erwacht, ist man mehr als bloß ein Jahrhundert weiter. Trakls Elis ist „ein Ruhender mit runden Augen“. Ende des Ratespiels: Der hier dichtet, dichtet nach Trakl, aber in einer Weise, wie man vor Trakl dichtete – er nannte Klopstock seinen „Zuchtmeister“.
Johannes Bobrowski schrieb den „Muschelbläser“ am 8. Juni 1958, drei Jahre vor Errichtung der Mauer, drei Jahre vor Erscheinen seines ersten, so lang ersehnten Gedichtbandes Sarmatische Zeit. Aber mit dem sarmatischen Projekt, mit dem groß angelegten Versuch, die „Schattenfabel“ von der Verschuldung des deutschen Volkes an den Völkern des Ostens zu dichten, hat „Der Muschelbläser“ aus Bobrowskis zweitem Band Schattenland Ströme so gut wie gar nichts zu tun. „Der Muschelbläser“ ist ein Solitär.
Wir hören eine zarte, eine filigrane Musik, erzeugt auf einem Muschel- oder Tritonshorn, wie es die größte Schnecke des Mittelmeeres hinterläßt. Der Elementargeist, der darauf spielt, hat so viel Körperlichkeit, daß er „schön“ genannt werden kann; und so viel Atem, daß er den Ton, den er erzeugt, absichtsvoll mit seiner Hand modulieren und über die Szene lenken kann – anders, nämlich kunstvoller als die Ufervögel. Ähnlich graziös folgen diesem Spiel die Zeilen der alkäischen Strophe: zweimal in Elfsilblern aufsteigend, im Neunsilbler die erreichte Höhe haltend, endlich in Daktylen und Trochäen zum Strophenschluß fallend. Schön gegliederte Atemeinheiten, die keines Reims bedürfen, um als Kunst zu erscheinen.
Da auch der Dichter nach alten Regeln der Kunst seinen Ton gliedert, nimmt er sich heraus, den Luftgeist vertraulich seinen Freund zu nennen. Diese Vertraulichkeit ist überaus zart. Sie achtet die Überlegenheit des schönen Freundes, dem er nur nachstreben kann. Und wenn er auch betont, „dies und dies“ gelernt zu haben, so fehlt ihm doch das Entscheidende: die Leichtigkeit des Seins. Aber der Dichter drückt sich nicht in Begriffen, sondern in Analogien aus, um das Besondere, Bewundernswürdige jenes Geist-Natur-Wesens zu verdeutlichen, das zwischen Dunkel und Licht seine Ursprünglichkeit zu erneuern vermag.
Und wieder gelingt das Paradox der Kunst. Was dem Menschen versagt ist, bildet sie nach. Ein einziger Satz, der Vers- und Strophengrenzen anmutig überflutet, ist Ausdruck jenes schönen Seins. Er stößt auf die Barriere einer Frage, die ihren traurigen Befund schon vorwegnimmt:

Wie soll ich meinem Freunde gleichen:
nur mit der Lieb, ohne Schlaf, im Regen?

Noch einmal hebt sich der Ton, doch der Schlußvers fällt in drei Stufen herab. In der Trauer und Ratlosigkeit ist aber auch so etwas wie Selbstbehauptung zu spüren: Der Mensch hat etwas, was dem Luftgeist abgeht.
Wir wollen nicht erklären, warum es gerade diese drei Dinge sind, die ihn, den schwerblütigen Menschen, daran hindern, einem Muschel blasenden Luftgeist zu gleichen. Die dunkle, schwermütige Coda gehört zur heiter-schönen Evokation der luftigen Kunstfigur. In dieser fast rokokohaften Pièce erleichterte der gedankenvolle Bobrowski, noch fern vom ersehnten „kleinen Ruhm“, sein Gemüt. Elementargeister gelten als dem Menschen freundlich gesinnte Geister – außer wenn sie gereizt werden. So ist die Ode vielleicht auch ein Stück Beschwörung, Gegenzauber.

Harald Hartungaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2000

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