Hartmut von Hentig: Zu Gottfried Benns Gedicht „Kommt −“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Gottfried Benns Gedicht „Kommt –“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Sämtliche Werke Band I – Gedichte 1.  –

 

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Kommt −

Kommt, reden wir zusammen,
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.

Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt, sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen.
wer redet, ist nicht tot.

Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun −
du einsamst – keine Büste,
kein Zwiespruch, keine Fraun,

und schon so nah den Klippen,
du kennst dein schwaches Boot -−
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.

 

 

Das Gefälle zum Tode

Der ist ein schlechter Interpret, der meint, sagen zu müssen, was ein Gedicht sagt. Das tut dieses selbst. Der „critic“, so habe ich in den Vereinigten Staaten gelernt, nein erfahren, erklärt, wie die Wirkung des Gedichts zustande kommt. Aber es kann nicht schaden, sich zu vergewissern. Das gute Gedicht wird es ertragen: Es ist die genaueste Aussage über seinen Gegenstand.
Das Gedicht „Kommt−“ handelt von Einsamkeit. Ich kenne drei Arten von Einsamkeit: wenn mich der Mensch verlassen hat, der mir alles bedeutet – dann flehe ich „Komm!“; wenn Fortunas Wagen an mir vorübergefahren ist, ich mich in „ungenügender Selbstsucht“ von den Menschen trenne, das Abseits suche, damit sie mich suchen dann sage ich „Bleibt mir vom Leibe!“ und denke: nun werden sie wohl von allein kommen; wenn es mich in die „Wüste“ verschlagen hat, an den abschüssigen dunklen Rand meines Lebens – dann möchte ich rufen „Kommt!“, aber ich tue es nicht, es macht diese Einsamkeit aus, daß man es nicht kann, daß man fürchten muß, sie sei endgültig.
Aus den ersten beiden Einsamkeiten entstehen die großen Gedichte: das Lied der Sehnsucht, das dem Schmerz Schönheit verleiht – das könnte den anderen rühren; das Lied des Mutwillens, das „dem Geier gleich“ über den Morgenwolken schwebt und nach Beute schaut – da könnte am Ende die elende Einsamkeit des Menschen in den herrlichen Einsamkeiten der Welt aufgehen, was sie in Goethes „Harzreise“ überschwenglich tut. Aber aus der Leere tönt kein Lied. Da kann nichts mehr ersungen, nichts mehr herbeigezaubert werden. Die Schwäche und das Schweigen fallen uns in den Rücken.
Gottfried Benn hat gleichwohl ein Gedicht daraus gemacht: aus der Unentrinnbarkeit dieses Zustands. Viermal ruft er das an niemanden, an einen wesenlosen Plural gerichtete „Kommt!“. Dreimal wirft er die allzu kurze Rettungsleine aus: „wer redet, ist nicht tot“. Mit jedem Wort vollzieht er eine Bescheidung, unterbietet er noch die dürftige Wirklichkeit: zusammen reden, um zusammen zu reden; das Banalste sagen: die Blauen – die von Schalke 04, die xy-Partei, eine Käfersorte; das Abstrakteste sagen: das Rot, einen Begriff vom Unbegreiflichen machen; hören, lauschen, schauen – ohne Objekt! Alles, alles ist er bereit hinzunehmen, nur das nicht: tot sein und also allein. Oder: allein sein und also tot.
Von den drei geläufigen Tröstern – dem Ruhm (keine Büste), der Freundschaft (kein Zwiespruch), der Liebe (keine Fraun) – ist nichts mehr zu erwarten. Das Einsamste hat begonnen: das Selbstgespräch. Das Ich muß mir auch Du sein. Gobigraun… Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg die Wüste Gobi zu Fuß durchmessen. Das Wort hätte ihm gefallen, er hätte gemeint, es zu verstehen: weitermarschieren müssen in dem Bewußtsein, daß man nirgends ankommen wird, daß man immer tiefer in die Rettungslosigkeit, die Unauffindbarkeit, die Vergessenheit gerät. Ein Gedicht, das die unsagbare endgültige Einsamkeit in dem letzten Augenblick davor aufscheinen läßt, in dem Aufschub, den die ohnmächtige Logik liefert, „wer redet, ist nicht tot“, in dem letzten aufflackernden Widerstand. Ein Gedicht, dessen wichtigste Wörter die unscheinbarsten sind, das zweifache „schon“ und das zweifache „doch“ – das Beschwören der Gefahr, die Ungeduld der Erwartung, die Inständigkeit des Bittens. Ein Gedicht als Vollzug: es ist selbst das Gefälle zum Tode. In den Sammlungen der Bennschen Gedichte steht es unter den letzten, die er geschrieben hat. Kommt! – Ich glaube nicht, daß er geglaubt hat, es werde einer kommen. Das macht das Gedicht so ergreifend.

Hartmut von Hentig aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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