Heiner Müller: MÜLLER MP3

Müller- MÜLLER MP3

im spiegel mein zerschnittener koerper
in der mitte geteilt von der operation
die mein Leben gerettet hat wozu
fuer ein kind eine frau ein spaetwerk
leben lernen mit der halben maschine
atmen essen verboten die frage wozu
die zu leicht von den lippen geht der tod
ist das einfache sterben kann ein idiot

 

THEATERTOD

Leeres Theater. Auf der Bühne stirbt
Ein Spieler nach den Regeln seiner Kunst
Den Dolch im Nacken. Ausgerast die Brunst
Ein letztes Solo, das um Beifall wirbt
Und keine Hand. In einer Loge, leer
Wie das Theater, ein vergessenes Kleid.
Die Seide flüstert, was der Spieler schreit.
Die Seide färbt sich rot, das Kleid wird schwer
Vom Blut des Spielens, das im Tod entweicht.
Im Glanz der Lüster, der die Szene bleicht
Trinkt das vergessne Kleid die Adern leer
Dem Sterbenden, der nur sich selbst noch gleicht
Nicht Lust noch Schrecken der Verwandlung mehr
Sein Blut ein Farbfleck ohne Wiederkehr.

 

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

 

im spiegel mein zerschnittner koerper und Theatertod

− Lesung aus der Reihe DCTP-Magazin 10 vor 11. −

Diese Aufnahmen sind Auszüge aus dem Fernsehgespräch Mein Rendezvous mit dem Tod, das Alexander Kluge und Heiner Müller im Krankenhaus in Feldafing kurz nach Müllers Operation an der Speiseröhre im November 1994 geführt haben. Es wurde mit folgendem Vorspann gesendet: „Heiner Müller beschreibt einen dramatischen Eingriff in sein Leben: Die Entfernung der Speiseröhre / Ein Mensch, der so operiert wird, muß neu lernen, wie er leben will / ,Lernen mit der halben Maschine‘, sagt Heiner Müller / Ein Erfahrungsbericht“. Müller muß nach der Operation auch neu sprechen lernen, er spricht leise und flüsternd. Seine dem Gedicht im spiegel mein zerschnittner koerper entlehnte Formulierung „Lernen mit der halben Maschine“ kommentiert er im Gespräch so: „Ich weiß nicht, ob die Formulierung stimmt, aber jedenfalls ist das eine reduzierte Maschine. Ich hatte mal so die Vorstellung, also du wohnst in einem Hochhaus, und da gibt’s einen Fahrstuhl, das war die Speiseröhre. Und jetzt ist nur noch das Seil übrig, und du mußt mit dem Seil auskommen, hangelst dich hoch und runter.“ (W12, S. 594–595).
In dem Gespräch spricht Müller zudem von der Notwendigkeit der strengen Formulierung als Bastion gegen Schmerzen: „Interessant war eigentlich für mich auf der Intensivstation, daß ich im Kopf geschrieben habe, auch Sachen notiert. Auch bei bestimmten Eingriffen, die immer wieder kommen und Schmerzen verursachen, habe ich immer wieder versucht, mich an eigenen Texten festzuhalten gegen die Schmerzen. Das geht aber eigentlich nur mit ganz dichten Texten, lyrischen. Mit Prosa geht das ganz schwer. Das muß sich reimen. Das muß sehr dicht sein oder sehr geformt, dann hilft es gegen die Schmerzen. Aber es muß eben sehr geformt sein.“

Kristin Schulz, aus dem Begleitheft

Für die Reservoire der Zukunft. Play. (& Rewind)

36 Stunden Heiner Müller O-Ton, anderthalb Tage und/oder Nächte, sich der „allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“ hinzugeben, die Müller in der Nachfolge Kleists und dessen „Hebeammenkunst der Gedanken“ praktiziert. In diesen Stunden werden uns zahlreiche Figuren aus Müllers eigenen Stücken und Texten begegnen: der Neubauer Ketzer, dessen Selbstmord das Fragezeichen zum Neuanfang setzt, Merteuil und Valmont in ihrem exzentrisch-radikalen Kartenspiel ums große Ganze (des Geschlechterkampfs), Hitler in der Götterdämmerung seines Bunkers, Friedrich II., da ihm die Augenlider abgerissen werden, der Findling „in einer nicht vergessnen Sommernacht“ ’68, der Mann im Fahrstuhl in der rasenden Schwebe von Zeit und Ort, Dascha Tschumalowa im Kampf gegen die Festlegung auf Bett und Kochtopf, der weiße Neger Woyzeck, der weiße Neger Müller – aber auch Brechts Galilei und Virginia im Sinnen (und Schweigen) über Montaignes Inschriften, Pasolinis „Ali mit den blauen Augen“ und seine Gefährten, wie sie „mit den roten Fahnen Trotzkis im Wind“ die Küsten des Nordens ansteuern, Benjamins „Bettler und Huren“, Kafkas fliehender Landarzt, Brechts Fatzer und dessen Untergang:

Und von jetzt ab und eine ganze Zeit über
Wird es keinen Sieger mehr geben
Auf eurer Welt, sondern nur mehr
Besiegte.

Alle diese Figuren und Figurationen (des Verrats, der Lust, der Zerstörung, des Aufstands…) der Texte finden ihr Echo, ihren Ausdruck – einen möglichen Ausdruck –, wenn Müller ihnen seine Stimme borgt und sie liest, sie spricht. Die Stimme ist das Instrument und Medium der Anwesenheit und Unmittelbarkeit – keine Barriere steht im Weg, keine abstrakten Schriftzeichen müssen übersetzt werden – die Stimme verkündet Nähe, und wenn die Figur spricht, ist sie präsent, in aller Deutlichkeit und Lebendigkeit. Die Texte werden damit nicht länger im Museum der Bibliotheken aufbewahrt (wo sie mitunter zur Umzingelung und zum Hemmnis werden – wie in Mommsens Block), sondern nehmen – in Form eines anderen Mediums – ihren Weg in die Gehörgänge des Hörers. Und auch damit wird diese Edition aus den Tonarchiven der Forderung Müllers gerecht, die Toten vom Schweigen über sie zu befreien (vgl. Track 61–63) – indem die Figuren (wie auch Müller) beginnen, selbst das Wort zu ergreifen – und wir, die Hörer, sind ihr Gegenüber, zu denen, mit denen sie sprechen.
„Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist seine Sprachlosigkeit [vor] der Tatsache des Todes. Was man nicht begreift, darüber soll man schweigen. Bei der Nachricht von Fritz Cremers Tod war Schweigen m[ein] erstes Bedürfnis. Aber die Nachricht erreichte mich aus einem Büro der ehemaligen DDR-Akademie der Künste […] und damit zugleich die dringende Aufforderung, zu diesem Tod etwas zu schreiben, einen sogenannten NACHRUF. Das Wort steht für die Hoffnung, daß es eine Brücke zwischen den Lebenden und den Toten gibt, bis das Vergessen sie abbricht.“ (1993, W8, S. 461) Müller gibt seinem formulierten Bedürfnis nach Schweigen nicht nach, sondern schreibt Nachruf und Trauerrede auf den Bildhauer. Er erfüllt damit eine doppelte Funktion: einerseits als Präsident der Akademie stellvertretende Worte zu finden, andererseits als Autor die Worte gegen die Sprachlosigkeit zu setzen. Vergleicht man Zeitungsnachruf und Trauerrede, so merkt man dem Nachruf die Professionalität, aber auch die Pflicht des Schreibers und der Trauerrede den Wunsch nach Verbindlichkeit an. Die Rede wird jedoch zur poetischen Umschrift des Nachrufs, zur dialogischen Variation und sogar zur Andeutung einer (Selbst-)Kritik – und dieser Vorgang ist paradigmatisch, für das, was davon zurückbleibt, für uns, die Rezipienten: „Von dem ersten Satz des eilig geschriebenen Nachrufs: Der Tod eines K[ünstlers] reißt eine Lücke in d[ie] moralische Welt, weiß ich, daß Cremer ihm widersprochen hätte: für den Bildhauer waren alle Tode Gegenwart.“ (Ebd.) Mit diesem Einwand gegen den ersten Satz im Nachruf durch den behaupteten Einspruch Cremers imaginiert Müller einen Dialog mit dem Verstorbenen; der Text tritt aus dem Schatten seiner Funktion heraus – er wird Drama – im Sinne einer inszenierten Handlung, die ohne ihr Gegenüber nicht auskommt. Zugleich wird der Text dabei zum Brückenbau gegen das Vergessen. Das ist genau jene Lücke, in der der Leser/Hörer zum Zuge kommt. Rede und (imaginierte) Widerrede stehen synonym für den Wunsch, die Brücke möge von beiden Seiten betretbar sein. Die Annäherung wird zweifach vollzogen – formal durch die Vorstellung des Textes als Gespräch, das die Anwesenheit (des Toten) behauptet, und inhaltlich durch die Arbeit an der Erinnerung, die in der Trauerrede beispielhaft sowohl für den Verstorbenen als auch für den Autor selbst zentral gesetzt wird. Müller schreibt über Cremer: „Seine Arbeit war ein Kampf gegen das Vergessen: von den Zusammenbrechenden unter der Last der von den jeweils Stärkeren geschriebenen Geschichte zu den Aufsteigenden gegen ihren Alptraum. Seine Skulpturen sind im Wortsinn Denkmäler, für Monumente hatte er keinen Sinn, für die Sieger keinen Blick.“ (Ebd.) Auch Cremers graphisches Schaffen liest Müller als „Grenzübertritt in die Provinz des Menschen, des eigentlichen und zunehmend vergeßnen Gegenstands von Politik, in das Asyl der Erinnerung als Reservoir, und hoffentlich nicht Reservat, von Zukunft“. (Ebd., S. 462) Erinnerung ist der einzig denkbare, fruchtbringende Nährboden für die Zukunft, die ihrer Toten gewiß ist. Erinnerung ist zugleich Widerstand gegen eine „gedächtnislose Gegenwart“, die nicht mehr sucht, und damit zugleich Aufgabe der Überlebenden (und der Kunst). Müllers zahlreiche Widmungstexte (und auch seine Einführungen zu Jewtuschenko oder Berger sind solche Widmungen, vgl. die Tracks 40, 78), die nur die (frühe) Rückseite der Nachrufe sind, zeugen von dieser Arbeit, die sich dem Dialog mit den Toten als „Asyl der Erinnerung“ und „Reservoir von Zukunft“ verschreibt. Trauer als Gedächtnis ist, Müller zufolge, „das Gegenteil v[on] Wehleidigkeit (Nostalgie) + eine Arbeit der Kunst“; sie ist notwendig angesichts des „würdelose[n] Wegwerfens einer Erfahrung k Müll der Geschichte“, ein Vorgang, in dem Müller eine „neue Unfähigkeit zu trauern die in dumpfe Gewalt umschlägt“ erkennt. (HMA 5275) Dieser Gefahr, die Müller vor allem in dem Mißverständnis ansiedelt, Geschichte als vergangen zu begreifen – er spricht in diesen Notizen von der „ewige[n] Gegenwart der Geschichte die nicht war, sondern ist“ – muß sich die Kunst stellen, denn sonst kann es passieren, daß „Brocken von Unverdautem […] hochkommen + Begrabnes […] aufsteht (Hand aus dem Grab)“. (Ebd.) Diese Vorstellung des nur scheinbar Toten, das weder tot noch befriedet ruht, sondern unverdaut zurückdrängt, ist im doppelten Sinn Potential der Literatur, da sie sich, nach Müllers Ansicht, aus dem Unverdauten der Geschichte speist, denn „die Zukunft nährt nicht“, sie wird genährt. Mit dem zitierten Bild der „Hand aus dem Grab“ ruft Müller das Grimmsche Märchen vom eigensinnigen Kind auf – erst nachdem die Mutter auf dem Friedhof erscheint und den Arm ihres Kindes, der aus dem Grab ragt und nicht begraben werden kann, mit der Rute schlägt, zieht sich der Arm endgültig zurück. Diese Geste der Züchtigung noch im Tod entspricht dem Ritual des Begräbnisses, Erde auf den Sarg zu werfen, einem Müller zufolge „barbarischen Brauch, der dazu dienen soll, die Toten niederzuhalten und den Skandal der Auferstehung abzuwenden, der das Ende unserer Welt bedeuten würde“. (W2, S. 177) Unter anderem gegen diesen Brauch richtet sich Müllers Konzept der Erinnerung als Dialog, Gedächtnis wird somit zur Anerkennung des Grundes, aus dem die Toten drängen – nicht zuletzt auch im Widerstand gegen die Haltung, Erfahrungen auf dem Müllberg der Geschichte zu entsorgen. Müllers „Engel der Geschichte“, mit seinem über die Jahrzehnte wechselnden Antlitz, wohnt von nun an „auf d[en] Friedhöfen“ (HMA 5275) und kündet von der Zukunft mit den Toten, die womöglich bald in der Mehrheit gegenüber den Lebenden sein werden.

Alexander Kluge beschreibt Müllers Werk in seiner Trauerrede folgendermaßen: „Er hatte eine Fülle von Ideen, die das Theater bereitmachen für den Erfahrungstransfer zwischen 20. und 21. Jahrhundert. Und er sagt, wenn ein Jahrhundert endet, muß man Bilanz machen. Eine Bilanz, die überhaupt nicht aus Zahlen besteht, wie im Geschäftsverkehr, sondern sie besteht aus Metaphern, aus Behältern, Flächen, Tiegel, Kannen, in denen man menschliche Erfahrung durch die Wüste transportieren kann.“ Auch in diesem Sinn ist die Edition Speicher und Fundus von Erfahrungen, aufgehoben und transportiert für und in jede Gegenwart, die damit an der Zukunft arbeitet, ohne die Vergangenheit aus den Augen zu verlieren. An uns ist es, den Speicher zu nutzen, den Dialog weiterzuführen.

Alle die Ophelias, Julias,
bekränzt, silbern, auch mörderisch –
alle die weichen Münder, die Seufzer,
die ich aus ihnen herausmanipulierte –
die ersten Aktricen längst Qualm,
Rost, ausgelaugt, Rattenpudding –
auch Herzens-Ariel bei den Elementen.
Die Epoche zieht sich den Bratenrock aus.
Diese Lord- und Läuseschädel,
ihre Gedankengänge,
die ich ins Extrem trieb –
meine Herren Geschichtsproduzenten
alles Kronen- und Szepteranalphabeten
Großmächte des Weltraums
wie Fledermaus oder Papierdrachen!

Sir Goon schrieb neulich an mich:
„der Rest ist Schweigen
: –
ich glaube, das ist von mir,
kann nur von mir sein,
Dante tot – eine große Leere
zwischen den Jahrhunderten
bis zu meinen Wortschatzzitaten –

aber wenn sie fehlten,
der Plunder nie aufgeschlagen,
die Buden, die Schafotte, die Schellen
nie geklungen hätten –:
Lücken – ?? Vielleicht Zahnlücken,
aber das große Affengebiß
mahlte weiter
seine Leere, vermählt mit Zugluft –
die Stubben sind naß
und der Butler schnarcht in Porterträumen.

Dieses Gedicht Gottfried Benns las Müller mehrfach (vgl. Track 71), stellvertretend für Gewisse Lebensabende, und so ist die Reihe der Texte anderer Autoren, die Müller im Rahmen dieser Edition liest, auch ein Gang durch Müllers Bibliothek geschätzter Bücher und sprechender Texte, eine Erweiterung der Müllerschen Texte, nicht im Sinne einer Erklärung, sondern einer weitergegebenen Erfahrung – aufgehoben in den Worten anderer und gültig wie die eigenen – „ich glaube, das ist von mir, kann nur von mir sein“. Und der Rest, der bleibt, der nicht aufgeht, ist zu behalten – „wie auf den Schultern eine Last von Scheitern“ (Hölderlin). Müller liest genau jene Texte, über die er in zahlreichen Gesprächen immer wieder anfängt zu reflektieren, jene Autoren, die Stichwortgeber und Garanten eigener Überzeugungen und Thesen sind, und er liest seine Lieblings- und Grundlagentexte. Er liest sie im Original (wie Benn, Kafka, Brecht…) und in eigener Version (wie Shakespeare, Lessing, Kleist…), wobei auch hier die Grenzen unscharf gezogen sind, denn die Stimme eignet sich jeden Text an, den sie spricht.
Den Texten dabei weder die eigene Persönlichkeit noch die aktuelle (Rollen-)Befindlichkeit beim Lesen mitzugeben ist Eigenart und Besonderheit der Müllerschen Vortragsweise, die ihn grundsätzlich von anderen lesenden Autoren oder Schauspielern unterscheidet. „Müller ging nämlich mit dem von ihm Geschriebenen selbst um wie mit einem Material, bestehend aus Lauten, Buchstaben, Bedeutungen, die dem Lesenden beim Lesen nicht verfügbar schienen. Die emotionale und gedankliche Ladung, das Pathos und die Verzweiflung der Texte drängte er dem Hörer niemals auf.“ (Hans-Thies Lehmann) Und so beschreibt auch Heiner Goebbels seinen Zugang zu Müllers Texten: „Die Sprache Müllers hat neben vielen anderen Qualitäten den Vorzug, selbst schon musikalisch zu sein. Mit großer Rhythmik ist sie durch Auslassungen, Zäsuren – in der Musik würde man sagen: Pausen und Schnitte – strukturiert und darüber hinaus auch in Klängen komponiert, die nicht privaten Obsessionen geschuldet sind, sondern Schichten des Inhalts reflektieren, und zwar nicht die oberflächlichsten. […] Müllers Texte sind also selbst schon musikalisch im strengen Sinn; eher verwandt der Musik Bachs oder Schönbergs als der Chopins oder Strawinskys. Wort für Wort ist einzeln, doch mit Körperlichkeit gesetzt, wie Ton für Ton. Die Texte evozieren Bilder und arbeiten mit ihnen nicht durch atmosphärische Textmasse oder Überwältigung, sondern durch den knappen Anstoß, der der Aufnahme des Lesers oder Hörers die Richtungen weist, in der Erfahrungen möglich sind. Was ich damit meine: Die Vertonung von Müller-Texten kann leicht so etwas sein, wie eine Bach-Fuge für großes Orchester einzurichten, um nicht zu sagen: aufzublasen, mit Effekten auszustatten, dort mit Dramatik und Pathos auszufüllen, wo es Sache des Hörers/Lesers wäre, sie als selbständigen Akt zu erleben. So ist es übrigens auch mit Müllers Komik, mit seinem Humor. Wenn dieser inszeniert, vorgeführt, gespielt wird, stellt er sich nicht ein, dort, wo er noch die Chance hat, entdeckt zu werden, kann er sich entfalten.“ Somit eröffnet Müllers kontinuierliche, beinahe ton- bzw. ausdruckslose Art des Vortrags den Worten jenseits vorher gewußter, schwerwiegender Bedeutung einen eigenen Klangraum – im Idealfall im Kopf des Zuhörers. „Mein Text ist ein Telefonbuch, und so muß er vorgetragen werden, dann versteht ihn jeder. Denn dann ist es eine Erfahrung, die man mit einem fremden Material macht. Erfahrungen machen besteht doch darin, daß man etwas nicht sofort auf den Begriff bringen kann. Daß man später beginnt, darüber nachzudenken.‟ (W10, S. 240) So bleiben die vorgetragenen Texte produktive Zumutung und aktive Herausforderung an den Hörer, sich der Stimme des Dramatikers in ihrer unmittelbaren Anwesenheit zu stellen und sich in einen fortgesetzten Dialog zu begeben.
Neben eigenen Texten und Texten anderer Autoren ist Müller in der Edition in zahlreichen Gesprächen und Reden präsent. Seine Lust an der Zuspitzung, die Lust, sich auf Gedanken einzulassen und ihnen auch noch ins Unterholz zu folgen, verweigert sich kurzen Schlüssen und langen Formeln nicht, ohne dabei die Vorläufigkeit des Gedachten, das zu einem anderen Zeitpunkt anders gedacht werden kann, außer acht zu lassen. Es sind Beispiele einer Praxis, die sich der Gerinnung des Denkens zu Formeln einer Theorie verweigert.
„Du, der Lesende, weilst noch unter den Lebendigen. Ich der Schreibende aber habe längst meinen Weg ins Reich der Schatten genommen.“ So der Beginn der Poeschen Parabel Schatten (vgl. Track 91). In diesem Text antwortet der Schatten, der am Fuße des Toten bei den Totenwache Haltenden auftaucht, auf die Frage nach seiner Herkunft: „Ich bin SCHATTEN, und ich hause bei den Katakomben von Ptolemais und dicht an den düstern Feldern von Helusion, die an die trüben Wasser des Charon grenzen.“ Die Anwesenden springen bei dieser Aussage entsetzt auf, doch nicht die Antwort läßt sie erschauern, sondern die Stimme selbst: „denn die Klänge in der Stimme des Schattens waren nicht die Klänge irgendeines Wesens, und von Silbe zu Silbe die Laute wechselnd, trafen sie dunkel an unser Ohr im unvergeßlichen, vertrauten Tonfall vieler Tausender dahingegangener Freunde.“ Stephan Hermlin formuliert in seinem Nachruf auf den Dichterkollegen: „Vor einiger Zeit sagte Heiner Müller, er habe eines Tages begriffen, daß er leise zu sprechen habe, um seine Gesprächspartner zu zwingen, ihm zuzuhören. Nun ist er verstummt, vielleicht zur Zufriedenheit mancher Leute, die ihrerseits laut geredet hatten, solange sich ihnen die Gelegenheit dafür bot. Die Tragik unserer Epoche wollte es, daß Heiner Müllers leises Wort erst wirklich hörbar wurde, als es mit der versuchten Verwirklichung der Idee, von der er ausgegangen war, immer schneller zu einem Ende kam.“ In der Hoffnung, daß diese Edition Müller (wieder) hörbar macht: Heiner Müller: Play ➤

Kristin Schulz, Vorwort

Editorische Prinzipien

Ausgangspunkt der Edition war eine Tondokumentenübersicht zu Heiner-Müller-O-Tönen, die Christine Standfest 1999 im Auftrag von MDR KULTUR/Matthias Thalheim angefertigt hatte und die eine Ahnung von dem verfügbaren Material gab, ohne den Umfang bereits vollständig auszuloten. Danach folgte eine erste Sichtung bzw. Sammlung von Müller-Ton-Material durch Stephan Suschke (2008), die durch einen systematischen Gang in die Archive erheblich erweitert wurde (2008–2010). Hierfür wurden die für Tonaufnahmen in Frage kommenden Medien (Tonbänder, Tonkassetten, Videokassetten, CDs und DVDs) mit verfügbaren Müller-O-Tönen in den entsprechenden Akademie-Archiven (Heiner Müller Archiv; Archiv des Verbands der Theaterschaffenden; Bestand Audiovisuelle Medien; Zentrales Akademiearchiv) komplett gesichtet, ebenso wurden alle in Frage kommenden, verfügbaren Quellen des Deutschen Rundfunkarchivs Potsdam sowie des Verbundkatalogs der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten vollständig durchgesehen, die einzelnen Sender und Theater wurden angeschrieben und aus sämtlichen Materialien eine maximale Auswahl von 36 Stunden getroffen.
Dabei wurde auf Wiederholungen von Lesungen derselben Texte generell verzichtet (andernfalls hätte sich die Abspieldauer der Edition insgesamt erheblich erhöht) – mit Ausnahme einiger doppelter Stückszenen, die sich aufgrund der Gesamtdramaturgie einer Lesung ergaben, die erkennbar bleiben sollte. Müllers Lesungen von eigenen und fremden Texten wurden (abgesehen von gegebenen Wiederholungen) grundsätzlich in die Edition hereingenommen (mit Ausnahme der Lesung von Texten Andrej Wosnessenskis am 18.10.1995 in der Akademie der Künste, Berlin – aufgrund der Rechtelage). Bei den Gesprächen hingegen wurden Dopplungen zu der Suhrkamp-Werkausgabe prinzipiell vermieden; denn hier ist der Fundus verfügbarer Mitschnitte am umfangreichsten, und zugleich liegen etliche dieser Gespräche mehrfach publiziert vor; zum Kriterium der Publikation wurde daher gerade die Bereitstellung unbekannten bzw. nur verstreut publizierten Materials, beispielsweise einmalig gesendeter Gespräche. Auch hier gibt es wenige, für das Gesamtbild nötige Ausnahmen: ein frühes Gespräch mit Horst Wandrey war im Sendungswortlaut ausführlicher als in der Nachlaßversion und erweitert damit das bekannte Gespräch um eine zusätzliche Dimension (vgl. Track 13), ein anderes schriftlich ausformuliertes Gespräch – mit Frank Raddatz – wurde nachträglich von Müller und Raddatz gelesen, aufgenommen und gesendet, so daß sich die einmalige Form eines gelesenen Gesprächs ergibt, dessen Inszenierung sich nicht aus der spontanen Frage-Antwort-Konstellation ergibt, sondern aus der vorgegebenen Form der Lesung von vorher Fixiertem (vgl. Track 84).
Müllers Autorenlesungen sind immer komplett zu hören (mitunter wurde jedoch aufgrund von inhaltlichen Dopplungen das nachfolgende Gespräch weggelassen). Schnitte in den Tracks ergaben sich nur, entweder wenn Müllers Wort-Anteil vergleichsweise gering war (beispielsweise in einem Feature oder einer Podiumsdiskussion), jedoch auf diesen O-Ton nicht verzichtet werden konnte, oder aufgrund zwingender technischer Mängel. Versprecher, Pausen und Nebengeräusche wurden aufgrund der zu erhaltenden Authentizität der Gespräche prinzipiell nicht herausgeschnitten.
Manche O-Töne mußten leider entfallen aufgrund der verweigerten Zustimmung zur Publikation (beispielsweise das Gespräch zwischen Müller, A.R. Penck und Sascha Anderson am 6.1.1990 im Berliner Fernsehturm) oder wegen zu schlechter Audioqualität (u.a. das Gespräch zwischen Susan Sontag und Heiner Müller am 1.10.1990 – hier wurde mit nur einem Tonkanal aufgenommen, so daß Übersetzung, O-Ton und Nebengeräusche immer simultan und gleichwertig zu hören sind). Dennoch wurde in bezug auf die technischen Kriterien und Sendestandards der Umfang der ausgewählten O-Töne größtmöglich gehalten und immer zugunsten des Inhalts entschieden, so daß beispielsweise auch jene (Nachlaß-)Gespräche Aufnahme in die Edition fanden, die ursprünglich nicht zu Publikations-, sondern zu reinen Arbeitszwecken unter provisorischen Bedingungen aufgenommen wurden, d.h. technische Standards sind dabei nicht eingehalten worden. Oftmals standen auch einfach nur die in der DDR handelsüblichen Aufnahmegeräte (mit eingebautem Mikrofon) zur Verfügung oder es wurde der optimale Mikrofonabstand nicht beachtet, der Ton nicht nachgeregelt oder durch das offenstehende Fenster drangen Nebengeräusche aller Art.
Dennoch vertrauen wir darauf, daß der O-Ton sendefähig wird und bleibt, solange der Empfänger/Hörer sich angesichts des Gesagten über das atmosphärisch störende Rauschen, Knistern, Knacken (inkl. Trinken und Rauchen) sowie nicht mehr korrigierbare technische Mängel und Fehler in den Vorlagen (beispielsweise die Tracks 15–16 mit kurzen Aussetzern/Schnitten oder die Tonfehler in den Tracks 41–42) hinwegzusetzen vermag, zumal der Sinn auch aus dem Kontext erschließbar bleibt. Denn ohne diese O-Töne bliebe das Gesamtbild (und damit die Edition) unvollständig, da gerade in diesem privaten Rahmen Müller sich oftmals unverstellt bzw. ausführlicher und ausschweifender äußert, als es in einer Pressekonferenz oder einem Radio-Statement möglich ist. (Vgl. etwa die Tracks 4–9, 17, 22–23, 61–63).
Unter dieser Prämisse der Unverzichtbarkeit mancher O-Töne wurden auch einige ausgewählt und in die Edition aufgenommen, die ursprünglich Filmaufnahmen sind. Da eine komplette Mischedition technisch nicht möglich war (zumal der Umfang bei Heiner-Müller-Filmen noch einmal erheblich steigen würde, wollte man auch dem anderen Medium gerecht werden), ist bei diesen Ausnahmen nur die Tonspur zu hören. (Hier wären vor allem die Auszüge der Müller-Kluge-Gespräche bzw. Pflugschar des Bösen selbst zu nennen, vgl. Tracks 118, 119, 101 u. a. )
Die Reihenfolge ergab sich aus der chronologischen Abfolge, wobei das Aufnahmedatum entscheidend für die Plazierung war. Den Auftakt jedoch bildet ein spätes Gespräch (mit Frank Schirrmacher aus der Reihe Zeugen des Jahrhunderts), das aufgrund seines bündelnden Charakters einen leichten Einstieg und Zugang in die Edition ermöglicht.
Zu den einzelnen Tracks gibt es nachfolgend umfangreiche Anmerkungen und Materialien, die eine Einordnung der Quelle ermöglichen und Hintergrundinformationen liefern. Originaltitel der Veranstaltung oder Sendung wurden dort jeweils kursiv gesetzt, fehlten diese, wurden Herausgebertitel mit Anführungen markiert (wenn es sich um ein Zitat handelte) und außerdem gerade gesetzt. Nicht immer wurde ein Aufnahmedatum überliefert, daher fehlt diese Angabe mitunter. Wenn kein Sendedatum vermerkt wurde, handelt es sich immer um eine als Tondokument unveröffentlichte Aufnahme.

36 Stunden O-Ton Heiner Müller

„Das schönste wäre ein interview, das alle Fragen sammelt, auf die man überhaupt keine Antwort hat.“
Heiner Müller

Bei Heiner Müller wird das gesprochene Wort zur eigenständigen Kunstform.
Erstmals liegt eine umfassende Sammlung von Interviews, Gesprächen und Lesungen eigener wie fremder Texte vor, die Heiner Müller als sprechenden Dichter, schlagfertigen Redner, außergewöhnlichen Vorleser und brillanten Aphoristiker vorstellt. Soe gut wie keines dieser Dokumente liegt bislang in gedruckter oder anderer Form vor.
Das ausführlich kommentierende Begleitbuch enthält neben Beiträgen von Mitarbeitern und Gesprächspartner aus dem Umfeld Heiner Müllers zahlreiche Abbildungen.

Alexander Verlag, Klappentext, 2011

 

Gestatten, Heiner Müller, Witzeerzähler!

− Von der Kolonialismus-Anekdote bis zum Kafka-Text: Eine CD-Edition präsentiert 36 Stunden Heiner Müller im Originalton – und zeigt den Dramatiker und Lyriker von einer unbekannten Seite. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Herausgeberin über den Dichter als Leser. −

John Goetz: Frau Schulz, Sie haben gerade vier MP3-CDs mit 36 Stunden O-Tönen von Heiner Müller herausgebracht.Mittlerweile liegt aber schon eine 12-bändige Heiner-Müller-Werkausgabe im Suhrkamp Verlag vor, nicht zuletzt mit drei dicken Bänden Gesprächen. Ist da nicht alles längst enthalten?

Kristin Schulz: Seine Gedichte, Prosatexte und Szenen oder Stücke sind natürlich in der Werkausgabe enthalten. Aber gerade die ausgewählten Reden oder Gespräche sind unbekannt beziehungsweise unveröffentlicht. So wird zum Beispiel Müller auf Englisch kurz nach dem Mauerfall in New York über die Ereignisse in der DDR befragt, und er erklärt das Ganze als eine Art Jugendrevolte. Die Situation ist völlig absurd, zumal der Interviewer von außerhalb des Studios eingespielt wird. Es ist vielleicht so, als versuche ein Amerikaner einem Marsbewohner den Begriff „science fiction“ zu erklären. Da trifft einfach die Differenz zweier Erfahrungen aufeinander, die sich nicht miteinander vermitteln lässt.

GoetzWas erwartet den Hörer der CDs genau?

Schulz: Da sind vor allem Müllers eigene Stücke, zum Beispiel „Der Auftrag“, „Quartett“, „Germania Tod in Berlin“ oder „Die Umsiedlerin“, neben Prosatexten und Gedichten wie „Todesanzeige“, „Bilder“ oder „Theatertod“. Hinzu kommen unveröffentlichte Gespräche aus dem Nachlass, etwa mit Ginka Tscholakowa, Margit Bendokat oder Hanns Zischler; neben Veranstaltungsmitschnitten von Lesungen, öffentlichen Reden, kurzen Statements, aber eben auch Müllers Lesungen fremder Autoren: Berger, Benn, Kafka, Brecht, Benjamin und andere mehr. Nicht zu vergessen zwei Bonusfilme und das umfangreiche Booklet mit 190 Seiten Zusatz-Material!

Goetz: Warum bringen Sie die O-Töne als Tondokument heraus und nicht als Text?

Schulz: Nun, es gibt verschiedene Wege, Erfahrungen zu speichern und so für die Gegenwart und Zukunft verfügbar zu halten. Aber das Besondere dieser Edition ist eben auch, dass über die Präsenz der Stimme die Anwesenheit von Heiner Müller erlebbar ist.

Goetz: Wie spricht beziehungsweise liest Müller?

Schulz: Vor allem leise. Damit zwinge er seine Gesprächspartner, ihm zuzuhören, behauptete er einmal. Aber das Besondere an Müllers Art des Vortrags ist wirklich: Er lässt einfach das Übliche weg, nämlich den Zeigefinger der Bedeutung und schon wird, was er da erzählt, alltäglich oder zumindest verständlich, selbst wenn es sich um die Russische Revolution der Zwanziger oder die Bauernkriege als Dilemma der deutschen Geschichte handelt. „Müller ist der beste Sprecher seiner Texte, weil er nicht so tut, als ob er sie versteht.“ Dieser Spruch Jürgen Kuttners fasst vielleicht am besten zusammen, warum man Müller so besonders gut zuhören kann.

GoetzAber sind 36 Stunden nicht einfach zuviel Material?

Schulz: Vermutlich haben wir uns von der Aufführungsdauer der Großen Dionysien leiten lassen, auch wenn wir die unterschritten haben – aber dadurch würde Theater wieder zum Fest, und ein anderer Raum eröffnete sich. Natürlich sind die 36 Stunden nicht unbedingt zum Durchhören gedacht, sondern zum Reinspringen und Querhören. Wer einmal anfängt, wird kaum wieder aufhören können.

GoetzWarum? Ist Heiner Müller nicht ein alter Hut?

Schulz: Das Material ist einfach zu vielfältig und unbekannt. Von der Kolonialismus-Anekdote bis zum Spiegel-Witz, ist einfach von jedem Müller etwas dabei, dem Lyriker, dem Dramatiker, dem Entertainer, dem Leser, der fremde Werke zum Best-Of kompiliert, dem Gesprächspartner, der sich den wesentlichen Fragen des 20. Jahrhunderts stellt, um die wir auch heute nicht herumkommen.

Goetz: Und das wären?

Schulz: Müller benannte als Tragödie des 20. Jahrhunderts das Scheitern des Sozialismus. Wiederum haben die Verlierer der Geschichte den Siegern das Scheitern als Erfahrung voraus, etwas, was auch den Siegern bevorstehen wird. Um die Gegenwart zu verstehen, müssen wir die Vergangenheit kennen, so vielleicht das Hauptcredo Müllers.

Der Spiegel, 19.3.2011

Speiseeis vom Staat ist einfach Wahnsinn

„Ich halte mich für einen völlig primitiven Autor“ – ein Leben in O-Tönen: 36 Stunden Heiner Müller im Gespräch, als Redner, eigene und fremde Texte lesend.-

Am 15. Oktober 1989 war noch nichts entschieden. Zwar hatte die Polizei sechs Tage zuvor in Leipzig nicht geschossen und die unerwartet zahlreichen Demonstranten um den Ring ziehen lassen, aber keiner konnte wissen, wie lange die Zurückhaltung andauern würde. Es gab keine Aushandlungsmechanismen zwischen Staat und Gesellschaft, keine Routine für solche Fälle. Die Parteiführung schien weiterhin in ihrer eigenen Welt zu verdämmern, die Wirklichkeit im Lande ignorierend. Vier Tage hatten die Tumulte am Dresdener Hauptbahnhof gedauert, als dort die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag in die Bundesrepublik durchfuhren. Täglich wurden neue Einzelheiten über die Brutalität bekannt, mit der in der Nacht des 40. Jahrestags Zugeführte von Polizei und Staatssicherheit verhört und misshandelt worden waren.

Die Situation war völlig offen, als sich DDR-Theaterschaffende im Deutschen Theater Berlin trafen, um über Verhaftungen, polizeiliche Übergriffe, über Willkür und die Dramen der Wirklichkeit zu sprechen. Auf dieser Versammlung hielt Heiner Müller die politische Rede seines Lebens. Er war nach Schiller, Kleist, Büchner, Hebbel, Brecht der vorerst letzte Geschichtstragiker der deutschen Literatur. In den späten siebziger und achtziger Jahren hatte er die Erstarrung aller Bewegung in der Blockkonfrontation beklagt. „Mein Drama findet nicht mehr statt“, hieß es 1977 in der „Hamletmaschine“. Der Autor war seitdem zum berühmtesten deutschen Dramatiker geworden. Seine Texte schienen auf Geschichte zu warten, auf Tauwetter, Bewegung, Lockerung, Lösung.
Nun fand Geschichte als dramatisches Ereignis statt, und Heiner Müller hätte am liebsten geschwiegen, wie er sagte. Schweigen wollte er nach vierzig Jahren DDR, aber das würde feige aussehen. Daher sprach er dann. Kaum einer kennt diese Rede. Berühmt ist Müllers verunglückter Auftritt auf der großen Demonstration am 4. November. Er konnte das Triumphgefühl der Massen auf dem Alexanderplatz nicht teilen, er verlas einen Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften, er wurde ausgebuht.
Der Aufruf zur Großdemonstration des 4. November war am 15. Oktober im Deutschen Theater beschlossen worden. Der Mitschnitt dieser Versammlung ist erst im Herbst 2010 veröffentlich worden (Antrag auf Demonstration. Die Protestversammlung im Deutschen Theater am 15. Oktober 1989. Herausgegeben von Hans Rübesame. Christoph Links Verlag, Berlin, 2010.) Jetzt kann man die Rede auch hören: Sechs Minuten und achtundvierzig Sekunden von insgesamt 36 Stunden mit Heiner Müller.
Er beginnt, wie es einem Dramatiker gebührt, mit einer Anekdote. Vor einem Vierteljahr etwa sei er mit dem Taxi nach Hause gefahren. Sie seien an einem Kino vorbeigefahren mit „einem Plakat für einen sowjetischen Film“. Der Taxifahrer habe auf das Plakat gezeigt und gesagt: „Ick bin keen Kommunist. Aber Gorbatschow is n’juter Mann. Zum ersten Mal sagt een kommunistischer Staatsmann, was wir seit vierzig Jahren wissen.“
Das Drama des deutschen Kommunismus, mit Panzern und auf fremden Bajonetten gekommen zu sein, hatte Heiner Müller mehrfach beschrieben, er hatte den Vorgang dargestellt, wie man im Handumdrehen sich dem eigenen Feindbild anverwandelte. Die Textblöcke der „Wolokolamsker Chaussee“ und des Revolutionsstücks „Der Auftrag“ (nach Anna Seghers) ließen Hoffnung kaum noch zu. In Müllers Dramen war die Geschichte des Kommunismus nichts, was sich abtun, aufarbeiten, bewältigen ließ. Sie war so gegenwärtig wie die Hexen in Shakespeares „Macbeth“.
Im Beiheft dieser ausführlichen, sorgfältig ausgewählten Sammlung von Tondokumenten sind Notizen aus dem Revolutionsjahr 1989 zu lesen:

Schrecken über Aussagen
der Flüchtlinge: Das haben wir gemacht –
Freude, Hoffnung über
durch Demonstrationen
Dialog statt Verhaftungen
richtig daß DDR nur existiert als sozialistisch –
aber was heißt Sozialismus
heute –.

Illusionslosigkeit ist ein Fluch in revolutionären Zeiten. Die Kraft zur Veränderung, zum Neuen, lebt von Hoffnungen, Träumen, Illusionen. Nur nüchtern und pragmatisch wird das nichts. Heiner Müller erinnerte an Brechts Ideen für ein Revival der Agit-Prop-Kunst und an ein Transparent der chinesischen Studenten. Ihr Protest auf dem Platz des himmlischen Friedens war im Juni 1989, kurz nach den Kommunalwahlen in der DDR, mit Panzern und blutig niedergeschlagen worden. „Wir haben genug Brot, wir brauchen Gesetze“, stand auf dem Transparent, dass Heiner Müller faszinierte, das er im Oktober 1989 zitierte.
Die Legitimation der Bevormundung durch die Brot- und Magenfrage, war damit erledigt. Als fürchte er, nicht deutlich genug geworden zu sein, setzte Heiner Müller noch eins drauf und zitiert einen namentlich nicht Genannten: „Speiseeis vom Staat ist einfach Wahnsinn“. Die DDR habe all die Jahre mehr Produktivkräfte hervorgebracht, „als sie gebrauchen kann“, und mehr „Kreativität, als sie gebrauchen kann“. Zwei Drittel der Energie gehe drauf, „die zu knebeln oder vom Westen absaugen zu lassen“.
Heiner Müller hat diese Spannung für sein Werk ausgenutzt. Er gilt vielen als ein komplizierter Dichter, schwer verständlich. Er selbst sah das anders: „Ich halte mich für einen völlig primitiven Autor“, sagt er. Wer sich die 36 Stunden in Ruhe zu Gemüte führt, wer ihn lesen, argumentieren, reden, streiten, albern, kontern oder ausweichen hört, der wird ihn nicht primitiv finden, aber gut zu verstehen. Man lernt und übt mit ihm einen ganz eigenen, erhellenden Blick auf die Welt. Und auch der Müller-Fan erfährt dank dieser Auswahl Neues, die meisten der Gespräche sind nicht gedruckt.
Die Auswahl beginnt mit einem Rückblick auf das eigene Leben. Im April 1995 hat Frank Schirrmacher Heiner Müller für das ZDF interviewt. Dann aber führt die Archivedition in historische Tiefen, die uns akustisch kaum noch gegenwärtig sind. Man hört Müller im Gespräch mit Gottfried Fischborn und Gerda Baumbach von der Leipziger Theaterhochschule Hans Otto. So offen und ausführlich hat er selten über sich gesprochen, so ernst und vorsichtig zugleich, vage fast wurde wohl selten gefragt. Stückeschreiben, sagt Müller, sei für ihn der „Versuch, in einen Dialog zu kommen, wenigstens mit mir selber oder mit der Realität, weil ich ziemlich isoliert aufgewachsen bin“.
Auf ähnliche Weise verfährt, formuliert er auch im Gespräch, auf ähnliche Weise entwickelt er seine Reden. Er tritt zurück aus der Unmittelbarkeit der Situation und bleibt doch anschaulich. Er erzählt eine Anekdote, zitiert einen Dichter, einen Aphorismus und schafft sich so ein Gegenüber. Beim Hören lernt man Zwischenstufen kennen, die er für eine Druckfassung wohl gestrichen hätte. Besonders aufschlussreich ist ein Gespräch mit Frank Raddatz. Der schrieb an einer Dissertation über Müller und traf ihn 1988 im West-Berliner Hotel Interconti. Das Gespräch lief sehr gut, Müller beschwerte sich über den Zigarrenabschneider, ihm auf goldenem Pappteller gereicht. Mit diesem Abschneider gelang kein glatter, gelang nur ein Kerbschnitt. „Nackte Barbarei“, sagte Müller. „In einer solchen Atmosphäre überhaupt nur über Genuß reden zu wollen grenzt schon an Wahnsinn!“
Solche Sätze – kulturkritischer Boulevard – druckte man Ende der achtziger Jahre gern, die Konstellation Raddatz-Müller wurde ein Markenzeichen. Eines Tages im Jahre 1991 wollte der Bayerische Rundfunk ein Gespräch der beiden senden. So wie gedruckt, hatte der Dialog jedoch nie stattgefunden: Raddatz hatte umgestellt, gekürzt, verknappt. Heiner Müller korrigierte, feilte, polierte noch einmal. Für den Rundfunk mussten die beiden das Gespräch also noch einmal „aufführen“ – sie setzten sich vors Mikrofon und lasen es ab. Die Künstlichkeit spürt man bis heute, Müller wechselt aus seinem sehr lebendigen, weil ungeheuer konzentrierten Gesprächs- in den Lesemodus – sanft, entspannt, aber festgelegt.
Dem Menschen und Autoren Heiner Müller kommt man derzeit wohl nirgends so nah wie mit dieser Auswahl.

Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung, 15.3.2011

aufgelesen

Viele Haltungen und Positionen Heiner Müllers lasse sich auf einen der schwierigsten Begriffe Brechts zurückführen: den des „Einverständnisses“. Das man etwa einen Text auch dann schreiben muß, wenn sich alles in einem dagegen sträubt, oder dass man ein Ding nur dann (vielleicht) verändern kann, wenn man sich ihm ganz aussetzt – all das sind Praktiken des Einverständnisses. Und noch eine, berüchtigte, Haltung Müllers generiert sich aus Einverständnis: seine Bereitschaft, grundsätzlich „mit jedermann“ zu sprechen.
Nun entsprangen, je bekannter Müller wurde, immer mehr dieser „Jedermanns“ den Medienmaschinen des deutsch-deutschen Kulturbetriebs. Und so existiert eine Unzahl von Tonaufnahmen, die der Alexander Verlag der Öffentlichkeit nun in einer großartigen Auswahl zugänglich macht: Müller mp3 heißt die insgesamt 36 Stunden (!) umfassende Sammlung, an der man sich – wie Editorin Kristin Schulz zu Recht verspricht – rasch süchtig hört. Das liegt nicht nur an Müllers Vorliebe für schlagende Witze und Anekdoten. Auch nicht daran, dass hier noch im Angesicht des stumpfesten Interviewers gedacht wird, Müller also selbst beim banalsten Anlaß eine Produktionsenergie verbreitet, die schon beim Hören ansteckend wirkt. Es liegt bereits an der unverwechselbaren Stimme Müllers, dem Leisen, aber unerbittlich Insistierenden seines Sprechens – „Die Wahrheit, leise und unerträglich“, hat Müller sein „Idealprogramm“ mit Grund umschrieben.
Bewundernswert ist in der Gesamtschau, wie Müller immer wieder versucht, (mindestens) einen unverträglichen Gedanken gegen die zwänge der Formate zu retten, was auch heißen kann, vorerst kryptisch zu bleiben. Oft führt das zu Positionen, die Müller den Vorwurf des Zynismus einbrachten, die tatsächlich aber genuin ethisch sind. Etwa wenn er wiederholt erklärt, seine „erste moralische Verpflichtung“ gelte seinem Schreiben, und in diesem Punkt unerbittlich bleibt wie Antigone in ihrem Anspruch, den Bruder auch gegen die vernünftigsten Interessenbekundungen des Gemeinwesens zu begraben. Speziell hier läßt sich darum von Müller etwas lernen, das man, um ein neoliberales Modewort zu wenden, „asoziale Kompetenz“ nennen könnte und das gerade heute mehr denn je nottut, wo angebliche oder wirkliche „Sachzwänge“ einen beständig zu allen möglichen Kompromissen verführen wollen.
Das heißt nicht, dass Müller keine Kompromisse gemacht hätte. Zweifellos gibt es Momente, in denen er sich etwa um nötige Stellungsnahmen zur DDR drückt. Es gibt auch zahlreiche Gesprächsrunden, an denen Müller vielleicht teilzunehmen hatte (oder die er sogar suchte?) – etwa realsozialistische Literaturdebatten, an denen von heute aus bemerkenswert ist, dass die Anlässe wie aus der Steinzeit wirken, Müllers Repliken aber frisch sind wie eh. Denn wo die Zensurhirne der DDR noch immer über ästhetische Erziehung im heruntergekommensten Sinn debattieren, da wartet Müller mit Argumenten auf, die man genauso gegen die Zensurmechanismen des „kapitalistischen Realismus“ wenden kann – etwa wo Konsumierbarkeit mit angeblicher „Aktualität“ oder „Relevanz“ von „Themen“ verbunden werden soll.
Allerdings ist auch zu betonen, dass Müller natürlich anderes geschrieben hat als Heiner gesagt – und die Gefahr einer solchen Sammlung liegt natürlich darin, dass sie den Blick auf das Werk Müllers verstellen kann. Umso nachdrücklicher sind die faszinierenden Lesungen zu erwähnen, die die CD auch noch enthalten: Zuweilen zweistündige Mitschnitte, in denen Müller „Quartett“, „Auftrag“ oder „Leben Gundlings“ liest, aber auch Benjamin, Brecht oder Benn. Schon deswegen muß man diese Sammlung haben.

Sebastian Kirsch, Theater der Zeit, Juni 2011

Der Mensch als Summe seiner Tondokumente

− Heiner Müller, einen der bekanntesten deutschen Dramatiker kann man jetzt auf 36 Stunden größten Teils unveröffentlichte Tonmaterials hören. Auf vier CDs spricht er über seine Zeit als Künstler in der DDR und im Nach-Wende-Deutschland. −

Mich stört ein bisschen die Vorstellung, dass es harmonische Persönlichkeiten gibt. Ich kann mir das nicht wünschen, eigentlich.

Man kann’s auf eine Formel bringen: In 50 Jahren ist nicht wichtig, wo und wann ich mich wie ein Schwein verhalten habe. Es ist wichtig, wo ich wie ein Schwein geschrieben habe.

Wenn ich gesagt hätte, ich reise nicht, bevor nicht alle reisen können, hätte ich eine ganze Menge Dinge nicht schreiben können, die ich geschrieben hab, weil ich reisen konnte. Und meine erste moralische Verpflichtung ist die meiner Arbeit gegenüber.

Das einzige Territorium, was mich interessiert, bin ich.

Versuchsanordnung: Der Mensch als Summe seiner Tondokumente. Möglich seit Beginn der akustischen Aufzeichnungstechnologie, also frühestens auf Biografien des 20. Jahrhunderts anwendbar. Ein Mann Jahrgang 1929 muss freilich schon prominent gewesen sein, um für diese Versuchsanordnung etwas herzugeben. Nicht nur Dramen und Gedichte, Bücher und Reden, sondern Magnetbänder muss er hinterlassen haben, verrauschte, verhallte, verzerrte Aufnahmen von Gesprächen, Diskussionen, Interviews, mal mit, mal ohne Publikum. Ohne Publikum, im engen Kreis von Theaterwissenschaftlern, spricht es sich anders als vor laufender Kamera. Aber das gehört zur Versuchsanordnung dazu:

Ich zitiert mal jetzt was ganz Schlimmes, einen Satz von Bloch, den ich immer sehr einleuchtend fand, aus der Zeit, als er noch hier war: „Die moralische Überlegenheit des Kommunismus beruht darin, dass er für den Einzelnen keine Antwort hat.“ Das finde ich einen sehr guten Satz.

Was spricht eigentlich gegen ein schlechtes Gewissen als Schreibimpuls oder als ein Schreibimpuls? Das gehörte zu diesem Erfahrungsdruck in der DDR, und das schlechte Gewissen schärft auch den Blick für das eigene Bewusstsein oder Gefühlsleben und auch den Blick für gesellschaftliche Strukturen.

Und ich finde positiv auf jeden Fall, dass bei uns die Scheidungsquote so hoch ist, das ist ein sehr gutes Zeichen, und dass die meisten Scheidungsanträge von Frauen ausgehen. Das spricht sehr für die DDR, glaube ich.

Die Versuchsanordnung ist unfair, ja konsequent auf unser Medienzeitalter angewandt sogar erschreckend. Wer will schon haften für Sätze, die er irgendwann einmal in irgendeiner Situation gesagt hat? Wer will überhaupt, dass diese Sätze bleiben? Nie hätte Heiner Müller mit einem Massenpublikum rechnen müssen, als er die Scheidungsquote hinter dem Eisernen Vorhang als Zeichen vorgeschrittener Frauenemanzipation pries. Zudem mit einem Massenpublikum, das anderen Wertmaßstäbe als jene des Dichters 1972 in der DDR besitzt. Die Frage nach den Wertmaßstäben stellt sich immer wieder:

Wir haben eine ungeheure Selbstmordquote in der DDR, das spricht einmal für die Dynamik unserer Entwicklung und so, auch die Selbstmordquote. Spricht auch für einiges andere, ist auch klar. Andererseits ist das eigentlich schon beinah ein gesunder Instinkt, finde ich, dass das bei uns nicht so ernst genommen wird, diese Selbstmordquote.

Das Urteil könnte klar sein: Ein Zyniker und unbelehrbarer Anhänger jener Spielart des Kommunismus, die sich um individuelles Leid nicht schert, so lange das Kollektiv keinen Schaden nimmt. Aber dieser Eindruck hält nicht lange vor, denn die 36 Stunden der gigantischen Originaltonedition des Alexander Verlags unterminieren alle vorgefassten Meinungen über diese schillernde Figur der deutschen Nachkriegsliteratur, an der sich nach wie vor die Geister scheiden. Das wird die Edition Müller MP3 nicht ändern. Müllers Anhänger und Jünger finden hochintelligente Kommentare zu Kunst, Geschichte und Zeitgeschehen, böse Apercus und noch bösere Zynismen – und in jeder Lebensphase ein klares Bekenntnis zum Kommunismus, freilich zu einem, der mit der DDR wenig gemein hatte. Seine Gegner erleben einen Mann, der diese Kommunismusträume nicht zu konkretisieren vermag, der sich prinzipiell übers Dagegensein definiert – ob gegen die SED-Führung im Osten oder gegen die Marktwirtschaft im Westen −, der mit Worten laviert und immer, wenn er Farbe bekennen muss, auf Formeln wie „Alles eine Frage der Definition“ ausweicht und sich in launige Anekdoten flüchtet. Ein Mauerbefürworter und Wiedervereinigungsgegner – aber dann doch wieder ein scharfer, den kleingeistigen Funktionären überlegener Opponent des DDR-Systems. Kann es staatstragenden Widerstand geben? Bei Heiner Müller gibt es alles, sogar etwas, das man angesichts der Tiefgründigkeit seiner Texte – oder Tiefgründelei, wie die Gegner argwöhnen – gar nicht erwartet: Unterhaltungswert.

Ich les jetzt doch mal mein kürzestes Stück noch vor, sind zwei Clowns:

Zugegeben, das „Herzstück“ ist unter den sonst auf den vier MP3-CDs vorhandenen Müllerlesungen – sie machen etwa zwei Drittel der Edition aus – nicht nur die kürzeste, sondern auch die lustigste und damit wenig repräsentativ fürs Gesamtwerk. Die häufigen Anwürfe, er schreibe unverständlich, kontert Müller mit der für einen selbstbewussten Autor einzig möglichen Entgegnung:

Keiner glaubt, dass einfach das gemeint ist, was da steht. Alle denken, da ist noch was dahinter. Der meint noch irgendwas ganz Schlimmes, was er nicht direkt sagt. Und ich hab eigentlich immer das geschrieben, was ich meine. So weit ich das beurteilen kann, das ist ja wieder eine andere Sache, das Verhältnis zwischen Intension und Text, das ist für den Autor selbst auch nicht ganz durchschaubar.

Tatsächlich beantwortet auch diese mit umfangreichem Begleitbuch vorzüglich ausgestattete Edition keiner der vielen Fragen, die sich zum Werk oder zur Person Heiner Müllers ergeben. Ungeschnitten und unkommentiert – das ist ihre eigentliche Stärke! – führt sie vor, wie sich einer gekonnt selbst inszenierte, als Vierzigjähriger Formulierungen fand, die er als Mittsechziger noch immer wirkungssicher verwendete. Viel Narzissmus ist im Spiel, aber auch erstaunlich viel Aufrichtigkeit. Der westdeutschen Hörerschaft erschließt sich vor allem im dreistündigen, nichtöffentlichen Gespräch von 1972 jener Resonanzraum, in dem Heiner Müller seine Provokationen in der DDR platzierte. Selbst der metasprachliche Teil der Aufzeichnungen erweist sich da als aufschlussreich. Wenn die Universitätsangestellten über scharfe Pointen hinter vorgehaltener Hand lachen, als wüssten sie, die Stasi höre mit, erkennt man auch 40 Jahre später ihre Ängstlichkeit. In der Summe aller Dokumente dürfte der „Meister“ selbst seinen Verächtern sympathischer werden, was nicht zuletzt an seinem funkelnden Intellekt liegt, und ganz zum Schluss beweist er etwas, wofür er wirklich nicht berühmt war: Selbstironie. Er liest eine Satire des Autorenkollegen Bernd Wagner über den Müller-Personenkult – der übrigens in der Kulturschickeria des Westens größer war als im ernsthaften Osten – und findet die Verhohnepipelung seiner selbst richtig komisch:

Wir müssen in seinem eigenen Interesse und dem der Allgemeinheit verhindern, dass er weiter Interviews gibt. Ich halte es nicht mehr aus! (lacht) Welche Zeitung oder Illustrierte man auch immer aufschlägt, es steht ein Interview mit ihm darin. (lacht) Welche Talkshow man auch einschaltet, der neue Meister sitzt dabei, erzählt Anekdoten und hat alles schon immer gewusst. Mir reicht es!

Florian Felix Weyh, Deutschlandfunk, 21.4.2011

Heiner Müller: eineinhalb Tage

Die Hinterlassenschaft Heiner Müllers (1929 bis 1995), der sein Werk ebenso wie dessen Motive und Sprache stets als „Arbeit am Material“ verstand, liegt nun in einer umfassenden auditiven Ausgabe vor: Mitschnitte von Lesungen, Gesprächen und Podiumsdiskussionen, Selbstauskünfte in Radio-, TV- und privaten Tonaufnahmen. Die 36 Stunden umfassende Monumentalausgabe titelt treffend Müller MP3, das Monolithische von Müllers Œuvre betonend. Müllers Dramatik reicht bis in die späten fünfziger Jahre zurück, spätestens ab 1961 gibt es Konflikte mit dem Regime. Allerdings weist Müller verschiedentlich darauf hin, dass er mit der DDR-Bürokratie einen produktiven Feind für sein Schreiben fand. Unter diesen Umständen, so Heiner Müller, müsse Theater, müsse Literatur „stören“. Als dann die Mauer gefallen war und sich noch kein klarer Feind ausmachen liess, attestierte sich Müller einen „writer’s block“. Umso mehr wurde der Autor in Dutzenden von Interviews und Fernsehrunden nach den Themen seines Theaters befragt beziehungsweise zur „conditio Germaniae“ vor und nach der Wende. Das strikt Dokumentarische der Edition bietet hinlänglich Gelegenheit, Heiner Müllers – erstaunlich leiser – Stimme nachzulauschen und einer Lesekunst, die sich jedes emphatische Moment versagt. Nicht zuletzt ist es der immer wieder durchblitzende Humor, welcher auf befreiende Weise das Pathos der „grossen Geschichte“ hintertreibt. Phänomenal ist das knapp 200 Seiten starke Textbuch, welches penibel nicht nur jede einzelne Aufnahme nach Zeit und Ort verzeichnet, sondern jedem Einzeltrack Paraphrase und Kommentar beigibt. Besser geht es nicht.

Christiane Zintzen, Neue Zürcher Zeitung, 6.5.2011

Wäsche aufhängen mit Heiner Müller

Der Alexander Verlag hat eine Höredition mit bislang unzugänglichen Originaltönen des Dramatikers herausgebracht. Kommenden Samstag werden sie als Klanginstallation im Kleinen Wasserspeicher zu hören sein.

36 Stunden O-Töne von Heiner Müller – da darf man schon mal fragen, wer sich das eigentlich alles anhören soll. Der Alexander Verlag hat jetzt eine umfassende Sammlung von Tonaufnahmen des Dramatikers herausgebracht: Vier CDs, auf denen Müller eigene und fremde Texte liest, Interviews gibt, Gespräche führt, Reden hält. Es sind Mitschnitte und Aufzeichnungen aus den Jahren zwischen 1972 bis zu seinem Tod 1995, das meiste davon war – im Gegensatz zu seinem bei Suhrkamp bestens edierten literarischen Werk – bislang nicht zugänglich. Anderthalb Tage und Nächte bräuchte man, um alles anzuhören. Das macht natürlich kein Mensch, jedenfalls nicht am Stück.
Müller mp3 präsentiert einen Heiner Müller zum Zappen. Das ist nichts weniger als abwertend gemeint. Es ist ein Heiner Müller, den man beim Wäsche aufhängen mit Gewinn hören, den man sich einfach ins Wohnzimmer holen und ein Weilchen reden lassen kann, und man braucht nicht mal eine Zigarre, um sich ihm dabei nah zu fühlen. Weil es ein lebendiger, präsenter (oder zumindest lebendig und präsent wirkender) Redner ist, dem man hier begegnet – und eben kein ferner, papierner, längst toter Schreiber.

Belegexemplar-Schmuggler
Nun war die Erinnerung an Heiner Müller gerade in den östlichen Bezirken Berlins schon immer lebendiger als anderswo. Zwanzig Jahre lang, von 1959 bis 1979, wohnte er am Kissingenplatz 12. Das ist ganz in der Nähe, in Pankow. Auch als er später nach Lichtenberg zog, blieb er vielen und viele ihm verbunden, die hier in der Gegend lebten und arbeiteten. Der Lyriker Bert Papenfuß zum Beispiel, der heute die Kneipe Rumbalotte continua in der Metzer Straße betreibt, wollte zwar nie zu dem „Pulk“ gehören, von dem Heiner Müller immer umgeben gewesen sei. „Dennoch sind wir uns an bestimmten Punkten nahe gekommen,“ so Papenfuß gegenüber den Prenzlauer Berg Nachrichten. „1985 erschien mein erster Gedichtband in Westberlin, Heiner Müller hat den großen Stapel Belegexemplare für mich nach Ostberlin geschmuggelt.“ Zwei Jahre darauf habe Müller bei einer Veranstaltung in der Akademie der Künste (Ost) auch die Publikation von Papenfuß’ Texten in der Zeitschrift Sinn und Form durchgesetzt.
Grund genug für Papenfuß, sich nun mit seiner „Kulturspelunke“ an der „Langen Heiner-Müller-Nacht“ zu beteiligen, mit der das Erscheinen der neuen Hörbuchedition am kommenden Samstag im „Kleinen Wasserspeicher“ gefeiert wird. Es lohnt sich aber sicher auch ohne persönliche Verbundenheiten, die Veranstaltung zu besuchen – schon allein, weil man sich bei dieser Gelegenheit einen kostenlosen Eindruck von dem mit 78 Euro nicht ganz billigen Hörbuch verschaffen kann. Vor allem aber wird man sich dank des gesprochenes Wortes der schönen Illusion hingeben können, Heiner Müller sei hier und jetzt leibhaftig im Raum anwesend. Das kann die beste Textedition nicht leisten.

Der meint noch irgendwas ganz Schlimmes“
Von dem erhebenden Gefühl der Unmittelbarkeit, das sich beim Hören der Tondokumente schnell einstellt, braucht man sich aber den analytischen, wissenschaftlichen Blick auf sein Werk keineswegs eintrüben zu lassen. Den Interpretationshinweisen, die Müller bisweilen zu eigenen Werken gibt, braucht man ja nicht zu folgen; was andere über ihn sagen und sagten – Journalisten, Germanisten, Historiker, Freunde, Schauspieler, Theaterintendanten – bleibt genau so wahr. Aber statt immer nur beschrieben, gelesen, kommentiert, interpretiert, klassifiziert, eingeordnet, idolisiert oder verteufelt zu werden, darf Müller jetzt halt einfach mal selbst zu Wort kommen:

Keiner glaubt, dass einfach das gemeint ist, was da steht. Alle denken, da ist noch was dahinter. Der meint noch irgendwas ganz Schlimmes, was er nicht direkt sagt. Und ich hab eigentlich immer das geschrieben, was ich meine. So weit ich das beurteilen kann. Das ist ja wieder eine andere Sache, das Verhältnis zwischen Intention und Text. Das ist für den Autor selbst auch nicht ganz durchschaubar.

Der Text als Telefonbuch
Langsam und bedächtig spricht er meistens, mit vielen Auslassungen, Zäsuren, Pausen. Und bewusst leise. Als „Genuschel in Schlammfarben“ bezeichnete eine ungnädige Kritikerin 1989 einmal seine Vortragskunst. Doch er liest bewusst so, um seine Gesprächspartner zum Zuhören zu zwingen. Vor allem bei seinen eigenen Texten klingt das mitunter seltsam distanziert, fast als würde er sie zum ersten Mal lesen. „Mein Text ist ein Telefonbuch,“ schrieb er einmal, „und so muß er vorgetragen werden, dann versteht ihn jeder. Denn dann ist es eine Erfahrung, die man mit einem fremden Material macht. Erfahrungen machen besteht doch darin, daß man etwas nicht sofort auf den Begriff bringen kann. Daß man später beginnt, darüber nachzudenken.“
Was hätte Heiner Müller selbst wohl von einem solchen Audiobook gehalten? Es gibt Hörspiele von ihm, aber sonderlich medienversiert war er wohl nicht. Im DDR-Fernsehen habe es kaum Auftritte von ihm gegeben; die wenigsten wussten damals, wie er aussah, erzählt er dem Journalisten Frank Schirrmacher 1995 in einem Interview. Später war er dann zwar recht präsent in den Medien, dennoch konnte er nicht damit rechnen, dass alles, was er je vor einem Mikrofon sagte, irgendwann jedem zugänglich sein würde. „Was aber überliefert ist, kann jetzt jeder hören,“ schreibt sein Weggefährte B.K. Tragelehn im Booklet; „und vielleicht wird er es schwernehmen, und das wäre falsch. Diese Töne sind Bruchstücke lauten Denkens. Sie denken in diese Richtung und sie denken in jene, entgegengesetzte Richtung, und in noch eine und noch eine… Sie sind also immer lebendig, immer noch, nicht feststellend und nicht beharrend, sondern beweglich und bewegend.“
Kann also schon sein, dass er es schwer nimmt, der Heiner Müller, wenn ihn kommenden Samstag viele sprechen hören werden. Aber falls sich deswegen beim ein oder anderen Besucher ein – laut Tragelehn unnötiges – schlechtes Gewissen einstellen sollte, lässt es sich mit einem ordentlichen Schluck Whisky sicher ganz schnell betäuben.

Brigitte Preissler, prenzlauerberg-nachrichten.de, 11.5.2011

„Bevor man etwas sagt, muß man schweigen“

Einmal im Monat lädt die Akademie der Künste am Pariser Platz zum Fünf-Uhr-Tee mit Gesprächen über Theater und die Welt. An diesem Sonntag wurde dor die Edition müller mp3 präsentiert, ein Audiobuch mit 36 Stunden O-Ton Heiner Müller. Texte, Interviews, Reden, die größtenteils noch nicht in gedruckter Form vorliegen. Drei Jahre hat die Herausgeberin und Heiner Müller-Expertin Kristin Schulz recherchiert und herausgekommen ist eine beeindruckende Sammlung, die Müller in Reinform zeigt.
Doch bevor es die ersten Hörproben gibt, erinnern sich auf dem Podium der Dramaturg Alexander Weigel und die Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich an den Theatermann Heiner Müller. Viel ist von seiner Ruhe die Rede, die allerdings manchen Schauspieler in die Verzweiflung getrieben hat. Die Regieanweisungen waren spärlich und nicht immer für jeden verständlich. Die Ansage „Sie müssen das sprechen wie kaltes Feuer“ dürfte selbst für den größten Profi eine Herausforderung gewesen sein. Er sagte einmal: „Der Alptraum bei Schauspielern ist, dass sie immer versuchen Übergänge zu spielen. Es gibt aber keine Übergänge.“
Müller wollte so wenig Spiel wie möglich. Die Texte sollten nicht überlagert werden von Ausdruck, von einem Ausdruck, der die Texte platt walzt, wie Margarita Broich es sagt. Diesen Anspruch hat Heiner Müller selbst in seiner Vortragsweise zur Perfektion getrieben. Alle Wirkung überläßt er den Worten. Auch in seinen Interviews ist das hörbar. Er spricht langsam, zieht an der Zigarre, denkt. „Bevor man etwas sagt, muß man schweigen. Es muß entstehen“ zitiert ihn Alexander Weigel. Er sagt, es gibt etwas zu lernen aus diesen Gesprächen: Die Kraft der Argumente und die Nichtnotwendigkeit von Zorn und Eifer.
Als im Saal eine Aufnahme eingespielt wird, die kurz nach Müllers Speiseröhren-OP 1994 entstanden ist, ist das kaum zu ertragen. Als liege die Narbe direkt auf seiner Stimme. Beim Hören zieht sich der eigene Brustkorb zusammen, wenn er spricht: „Das Leben gerettet wozu? Für ein Kind, eine Frau, ein Spätwerk? (…) Der Tod ist das Einfachste. Sterben kann ein Idiot.“ Es ist lange still danach. Margarita Broich stockt sichtlich der Atem. Besonders bei ihren Erinnerungen wird deutlich, wie präsent Heiner Müller immer noch ist. Seine Sprache, sagt sie, sei eine, die zu heiß gewaschen wurde. Die Texte sind so dicht, dass man sie immer wieder hören kann und immer wieder etwas Neues hört. Und als Heiner Müller schließlich über die gesamte Etage ertönt, stellt sich genau dieses Gefühl ein, dieser Wunsch ihn immer wieder und immer wieder von vorn zu hören. Auf der Terrasse der ADK bleiben einzelne Worte in der Luft hängen: Die Wahrheit ist konkret. Ich atme Steine. Herzfleisch.
Jürgen Kuttner hat es wohl am treffendsten formuliert, als er sagte: „Müller ist der beste Sprecher seiner Texte, weil er nicht so tut, als ob er sie versteht.“

Lucy Fricke, Berliner Morgenpost, 12.4.2011

36 Stunden Heiner Müller

− Auf vier MP3-CDs legt der Alexander Verlag nun sämtliches Tonmaterial von Heiner Müller aus den Jahren 1972 bis 1995 vor. −

Heiner Müller konnten die westdeutschen Intellektuellen, die von der Wiedervereinigung überrascht wurden, nur leidtun. Sie hätten einfach die Bild-Zeitung lesen sollen, da stand alles drin, höhnte Müller ein paar Jahre nach dem Ende der DDR in einer Diskussion: „Als die Bild-Zeitung anfing, DDR ohne Anführungszeichen zu schreiben, wusste man eigentlich: Es ist vorbei.“ Und überhaupt sei die Bild-Zeitung derzeit ohnehin das beste, was die deutsche Literatur zu bieten habe. Was natürlich kein Kompliment für die Bild-Zeitung, sondern eine Ohrfeige für die Gegenwartsliteratur war. Müller schließt in seinen Interviews und Statements immer wieder kalten Ekel, rasiermesserscharfe Analysen und tiefschwarzen Humor kurz. Jetzt kann man ihm dank einer heroischen Edition des Alexander Verlages dabei zuhören: Auf 4 MP3-CDs ist alles gesammelt, was sich an Müller-Lesungen, Interviews und Diskussionsbeiträgen in diversen Rundfunk-, Fernseh- und Privatarchiven erhalten hat, Tonmaterial von 1972 bis 1995. Insgesamt 36 Stunden Heiner Müller, samt dem berühmten Räuspern, den verblüffenden Gedanken- und Assoziationssprüngen und der Lakonie, die ungerührt von der Brutalität des Faktischen ausgeht. Man hört Heiner Müller beim Denken zu. Und das ist wesentlich faszinierender als das Gemurmel des gesamten derzeitigen Kulturbetriebs und abgründiger als etwa 99 Prozent dessen, was so im Theater läuft. Wer sich diese CD-Edition entgehen lässt, ist selber schuld.

Peter Laudenbach, tip, 31.3.–13.4.2011

Zart wie ein Stein

− Denkbewegungen wie ein Mahlstrom, der Literatur, Geschichte, Welt unaufhörlich in Sprache verwandelt: 36 Stunden Heiner Müller auf CD – Ein Wiederhören mit dem großen Dramatiker. −

Da ist sie wieder: Die fast unbewegte Stimme, die immer wieder Pausen und ein kurzes Räuspern einlegt, um sich sehr ruhig und mit zwingender Logik durch Sätze zu arbeiten, die mit größter Selbstverständlichkeit alle Denkgewohnheiten zur Implosion bringen. Sechzehn Jahre nach seinem Tod begegnet man dem Dichter Heiner Müller wie einem vertrauten Bekannten. Ein Gespenst, das aus einer mal nahen, mal sehr fernen Vergangenheit zu einem spricht.
Die Literaturwissenschaftlerin Kirstin Schulz hat die Archive durchforstet und im Berliner Alexander-Verlag sämtliche erhaltenen Tondokumente Müllers herausgegeben: Lesungen eigener und fremder Texte, kurze Statements, lange Interviews, von denen einige wirken, als könnte man dem Dramatiker beim Denken zuhören.
Es sind Aufnahmen aus einem Vierteljahrhundert, von 1972 bis kurz vor Müllers Tod 1995, insgesamt 36 Stunden auf vier MP3-CDs, 36 Stunden des coolen Sounds des Apokalyptikers. Diese Edition ist der inoffizielle letzte Band der kürzlich beendeten Suhrkamp-Werkausgabe.
Hört man Müllers Stimme zu, geschieht etwas, was er immer als zentrale Funktion des Theaters verstanden hat. Ein Dialog mit den Toten. Seine Denkbewegungen gleichen einem Mahlstrom, der Literatur, Geschichte, Welt unaufhörlich in Sprache verwandelt und dabei einen Sog entwickelt, dem man sich schwer entziehen kann. Manchmal schrumpft Geschichte in Müllers Interview-Performances zur zynischen Pointe, etwa wenn er gut gelaunt erklärt, das Ende der DDR sei im Prinzip klar gewesen, als die Bild-Zeitung das Land anerkannte und darauf verzichtete, die DDR in Anführungszeichen zu setzen. Ein Sozialismus, den sogar Bild respektiert, ist erledigt.
Die einzigen, die das nicht mitbekommen hätten, seien die westdeutschen Intellektuellen gewesen, erklärt Müller. Sie hätten in ihrem unbegründeten Hochmut den Fehler gemacht, die Bild nicht zu lesen, dabei sei das Trash-Blatt doch das Beste, was die westdeutsche Literatur zu bieten habe. Sein Gesprächpartner, der Theaterwissenschaftler Henning Rischbieter, hat keine Chance gegen Müllers sarkastische Volten.
Aber oft haben Müllers Sätze auch die Härte und Beständigkeit von Steinen, keine bösen Witze, sondern apodiktische Setzungen, die klingen, als hätte nicht ein Einzelner, sondern Jahrhunderte Menschheitsgeschichte sie geformt. Diese unerschütterlichen Gewissheiten, die in Stein geschlagenen Müller-Orakelsätze, klingen heute gelegentlich etwas absonderlich. Etwa wenn Müllers marxistische Geschichtsteleologie den blühenden Kapitalismus ungerührt zur barbarischen Vorgeschichte erklärt, nichts als eine bunte Leiche, während er die Tristesse der sozialistischen Diktatur zum Vorschein Utopias verklärt. Einerseits. Andererseits ist Müller seiner Zeit Jahrzehnte voraus, etwa wenn er sich 1974 mit Leipziger Theaterwissenschaftlern über „die Spezifik unseres Wohlstandsbegriffs“ unterhält. Nichts anderes meinen die heutigen Debatten, die das Verständnis von Lebensqualität vom materiellem Wachstum abkoppeln wollen.
War Müller schon zu Lebzeiten ein Fremdkörper in Theater wie Literatur, fallen seine alten Interview-Statements heute erst recht aus dem Geblubber eines saturierten Kulturbetriebs heraus. Die Konsequenz, mit der er über Theater nachdenkt, ist das Gegenteil der gegenwärtigen, unverbindlichen Theatermoden. Für Müller ist Theater keine nette Abendunterhaltung, sondern der zentrale Ort, an dem eine Gesellschaft ihren Nachtseiten, ihren Konflikten und Träumen begegnet. „Dramatiker haben zunächst das Bedürfnis, zu erschrecken“, erklärt der Schreckensmann der deutschen Dramatik, der so höflich sein konnte. „Das Drama spielt sich eigentlich zwischen Bühne und Zuschauerraum ab.“ Wer sich auf Müllers Denken einlässt, ist für den Großteil des gegenwärtigen Theaters erstmal verloren.
Noch über die Schrecken der Kindheit spricht Müller mit größter Sachlichkeit: „Ich habe angefangen, Stücke zu schreiben, mit 14 oder so. Das war zunächst wahrscheinlich ein Versuch, in einen Dialog zu kommen, wenigstens mit mir selber oder mit der Realität, weil ich ziemlich isoliert aufgewachsen bin und mir dann wahrscheinlich die Dialogpartner selber herstellen wollte.“ Die Verhaftung seines Vaters, eines Sozialdemokraten, durch die Nazis schildert Müller ungerührt als „erste Szene meines Theaters.“ Das ist nicht Gefühlskälte, sondern die zur sachlichen Formel geronnene Verletzung.

Peter Laudenbach, Der Tagesspiegel, 12.5.2011

Geniales Genuschel

− 36 Stunden Heiner Müller total in Rede, Gespräch und Interview. −

„Mit Realismus geht’s nicht.“ Zwanzigmal vor sich hin gestammelt habe er, der 32-jährige Jungdramatiker, diesen Satz in einer Ost-Berliner Kneipe im Jahr 1961, kurz nachdem sein Stück „Die Umsiedlerin“ von der Partei verboten worden war. So erzählt es Heiner Müller 1987 im Gespräch mit Hanns Zischler. Es liegt nahe, diese Sentenz als simples Motto über das Gesamtwerk des 1995 verstorbenen Dramatikers zu setzen, der zeitlebens aus Blut und Gewalt zwischen Antike und zwanzigstem Jahrhundert seine theatralen Allegorien knetete.
Dieser Müller-Satz, den man gerne so viele Autoren mindestens zwanzigmal an die Tafel schreiben lassen würde, dieser Satz könnte jedoch in ironischer Wendung ebenso über einem Projekt stehen, das jedem Realismus spottet und dessen Ergebnis man nun dennoch, deshalb auf vier MP3-CDs hören kann: alles, was von Heiner Müller akustisch überliefert ist, sämtliche zwischen 1972 und 1995 entstandenen Tonaufnahmen, also ausführliche Interviews und Gespräche mit prominenten und unbekannten Zeitgenossen, Reden und Lesungen, kurze Auftritte, Bonmots und theoretische Exkurse zwischen West und Ost, Homer und Hitler, Shakespeare und Stalin, mit Gehuste und Gelächter bei plätscherndem Whisky im Glas, 36 Stunden lang. Heiner Müller total.
Die junge Germanistin Kristin Schulz hat für diese Sammlung, die in der bisherigen Literatur-Geschichte ohne Beispiel ist, ausdauernd Archivkeller durchforstet; kundig kommentiert sie das Müller-Material im mit Fotos und Dokumenten üppig ausgestatteten Booklet. Hörbar wird noch einmal, wie Heiner Müller zur einzigen gesamtdeutschen Intellektuellenikone werden konnte. Denn neben seinem beachtlichen visuellen Selbstinszenierungstalent (markanter Schädel, Brille, Zigarre) war es ja paradoxerweise sein oft beschriebenes Genuschel, das ihn so charismatisch machte; er selbst hat von seinem Beschluss erzählt, leise zu reden, damit ihm andere genau zuhörten. Müllers Mündlichkeit machte dem hohen deutschen Dichterton den Garaus – nur um erst recht mit einem Pathos ganz eigener Art die Diskursbühnen zu erobern.
Doch die Aufnahmen präsentieren nicht nur die unermüdliche Anekdotenmaschine oder den weise vor sich hin brabbelnden Schamanen. Vielmehr erweist er sich zwischen herrlichem „Hmhmhm“ als unablässiger Produzierer und Austester von Worten, Ideen und von ihm frisch gemixten fremden Gedanken – das Sprechen wird zum Teil des künstlerischen Schaffens. Vor allem aber ist Müller ganz einfach ein ungemein scharfsichtiger und gehaltvoller Kopf, für den Lessing viel näher an Kleist als an Goethe und Schiller liegt oder der schon im frühesten Gespräch das Streben nach künstlerischer Harmonie nicht nur ablehnt, sondern geradezu tödlich für die Kreativität findet: „Mich haben Lösungen nie interessiert.“ Seine erwünschte Rolle war die des Störers: „nach oben und unten, nach beiden Seiten“, Ost und West. Und in seinen Aperçus steckte ohnehin ein Reflexionsniveau, das man heute unter Intellektuellen hierzulande schmerzlich vermisst.
Insofern ist diese Sammlung von O-Tönen für Müller-Maniacs ein muss, zumal sie sich nicht mit den drei ja bereits voluminösen Gesprächsbänden in der Suhrkamp-Werkausgabe dieses deutschen Klassikers doppelt. Und wer sich beeilt, bekommt dieses neue Material, das unzählige ästhetisch-intellektuelle Störfaktoren enthält, noch zum Subskriptionspreis.

Alexander Cammann, Die Zeit, 24.3.2011

Die Abwesenheit von Harmonie

− Geschichte im mp3-Format: Heiner Müller hören. −

„Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktritt, darf auf Demonstrationen getanzt werden“, beendet Heiner Müller seine Rede am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Zukunftsbesorgt hatte er davor zur „Gründung freier Gewerkschaften“ aufgerufen − die Volksstimme buht. Jetzt jubelt sie, eine halbe Million, deren „Euphorie“ und „Bedürfnis nach einem Befreiungsrausch“ Müller nicht teilen kann. Als eine unfassbar knappe Woche später dann tatsächlich die Menschen tanzen – und zwar völlig unerwartet über die Mauer hinweg –, ist Müller auf dem Weg zu seinem eigenen Drama nach New York: „Der Auftrag“, als szenisches Konzert von Heiner Goebbels.

Mehr als ein Medienwechsel
In Distanz zu den dramatischen Ereignissen um den nur so genannten Eisernen Vorhang erneuert er sein Bekenntnis zu einem demokratischen Sozialismus, der als Alternative zur „stalinistischen Kolonie“ vor wenigen Tagen noch möglich schien. Der sechsminütige Fernsehmitschnitt, der die gerade im Alexander-Verlag herausgegebene Sammlung von O-Tonmaterial ergänzt, zeigt einen privilegiert Dienstreisenden, der die Löcher im imperialistischen Schutzwall längst durchschaut: „This revolution now in East Germany is mostly a movement of young people; they didn’t experience the Nazi-time, they grew up in this perverted socialism… I feel a lot of sympathy… but I don’t know what happens to the dreams, my generation had or still has.“
Theater, lautet die auch historische Antwort, sogar in amerikanischen Fernsehstudios: Während er sich bei der Probe gewohnt unaufgeregt vor Zukunft und Kapital fürchtet (und das wortkarg präzise für die Aufnahme wiederholt), richtet ein Studioarbeiter gerade den repräsentativen Gesprächshintergrund ein: die nächtliche Skyline des Kapitals, die in Nahaufnahme zu Müllers Worten sichtlich wankt…
Aber auch die 36 Stunden müller mp3 davor bedeuten mehr als einen Medienwechsel zur ebenfalls gerade abgeschlossenen Werkausgabe, schon weil die meisten Gespräche hier erstmals veröffentlicht werden. Mit Inhaltsangaben, Dokumenten und Müller-Handschriften füllt die Herausgeberin Kristin Schulz zusätzlich knapp 200 Buchseiten, rahmt die 127 Tracks, aufgenommen zwischen 1972 und 95, auf denen Müller eigene Texte oder Kafka, Poe und Horváth liest, öffentlich Reden hält oder Gespräche führt. Dazu hört man private Aufnahmen mit dem Lowfi-Kassettenrekorder, die manchmal wie Müller selbst so leise und schwer verständlich sind, dass man sich mit größter Geduld und Anstrengung auf sie konzentrieren muss.

Der Text als Telefonbuch
1929 im sächsischen Eppendorf geboren, den Kinderblick auf den Vater hinterm Sachsenburger KZ-Zaun ins Gedächtnis gebrannt, arbeitet sich Müller dramatisch – und mit Erfolg im Westen – am manchmal tödlichen Unterschied zwischen politischer Idee und Wirklichkeit ab. Theater, das ist auch ein Raum, um diese Toten zu begraben („Das war Heiners Verständnis von Demokratie − die Toten sind absolut in der Mehrheit“, Matthias Langhoff). Die Eltern verlassen 1951 die DDR, Müller bleibt, „weil alle Trennlinien der Welt durch dieses Land gehen. Das ist der wirkliche Zustand der Welt, und der wird ganz konkret in der Berliner Mauer“.
Dort lebt er notwendig und gern mit den „Problemen der Müller-Rezeption“ − gleich zweimal zu hören im Gespräch mit dem Cheflektor des Henschel-Verlags Horst Wandrey 1975/76 −: der „völligen Abwesenheit von Harmonie“ („Ich hab’ Geschichte nie harmonisch erlebt“), der „Grausamkeit“ („Peter Brook hat einmal gesagt, das einzige Theater, was er je gesehen hat und das im Sinne Artauds grausam war… waren die Inszenierungen von Brecht am BE“), und „mangelnden Verständlichkeit“ („Wenn dieser Eindruck entsteht, liegt’s an den Inszenierungen“). Als Opfer hat er sich selber nie preisgegeben: „Ich wusste,… dass ich als Autor größer bin als die DDR“, sagte er 1995 rückblickend.
„Mein Text ist ein Telefonbuch, und so muss er auch vorgetragen werden, dann versteht man ihn auch“, sagte Müller einmal über das Müller-Sprechen. Sein eigener Sound ist Kult: Wort für Wort, maximal ungestaltet in Höhen wie Tiefen, fremd, und vor allem nicht einfühlend − unpathetisch bis zum Pathos. Wenn Müller im marxistischen Revolutionsspiel „Zement“ (uraufgeführt von Ruth Berghaus am Berliner Ensemble 1973, und neben Karge/Langhoffs Inszenierungen an der Berliner Volksbühne ab 74 ein Neubeginn des Autors auf dem DDR-Theater nach Aufführungsverboten seit 61) die Repliken der Protagonistin Dascha exekutiert, können Tragik und Tragweite weiblicher Emanzipation plötzlich wieder wirklich verstören.

Was außerhalb des Textes liegt
Grandios misslingt Müller dagegen sein legendäres Leseunverständnis im heimischen Wohnzimmer bei Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“: Wenn Margit Bendokat ihre Agnes in weicher, weiblicher Tonlage durch- zitiert, fühlt er sich beziehungsnah in Alfred ein − Ginka Tscholakowa, Katja Lange-Müller und Margit Bendokat lachen sich (akustisch) schief und lassen ihn den Alfred so lange wiederholen, bis er trocken ist… Die Wohnung, Straßenlärm, das Ticken einer Uhr, das Einatmen, Ausatmen von Zigarrenrauch verwandeln auch das Inszenierungsgespräch zwischen Müller und Tscholakowa über „Quartett“ in ein Hörspiel, bei dem die (ehemalige Liebes-)Beziehung der beiden das Drama überformt: Er zerkleinert es in „Akte“ und „Gelenkstücke“, sie bleibt bei ihrem „Bedürfnis nach etwas, das außerhalb des Textes liegt.“ − Unbedingt hören.

Anja Quickert, Theaterheute, Mai 2011

Abgehört

Keiner nuschelt so schön wie er. Und kaum ein Autor beschert – ob nun genuschelt oder nicht – so viele erhellende, irritierende und beglückende Momente, wenn er einfach nur spricht. Natürlich wäre es übertrieben oder gar anmaßend, die Interviews und Gespräche von Heiner Müller großartiger zu nennen als sein literarisches Werk. Aber diesem genialen Denker und Beobachter beim Sprechen und Lesen zuhören zu können, was die Sammlung und Zusammenstellung von Kristin Schulz nun endlich und über 36 Stunden hinweg möglich macht, ist – Ausdauer vorausgesetzt – wahrlich ein Erlebnis.

Das Magazin, Mai 2011

Alles Müller, oder: Telefonbuchtexte

„Ich, wer ist das?“ Auch 36 Stunden Heiner Müller (1929–1995), handlich geschrumpft auf vier MP3-CDs, können diese Frage nur verkomplizieren. Vom gigantischen Ausmaß dieser Originaltonedition des Alexander Verlags mit Lesungen eigener und fremder Texte, Gesprächen und Kommentaren sollte man sich nicht abschrecken lassen – und auch nicht mäkeln, dass sie nur ein Nischenpublikum erreichen wird.
Vielmehr ist Jubel angesagt, weil die Idee, den Dramatiker aus Ton­dokumenten zusammenzusetzen, irrwitzig ist. Sie wäre wohl auch im Sinne Heiner Müllers, der sagte: „Mein Text ist ein Telefonbuch, und so muss er vorgetragen werden, dann versteht ihn jeder. Denn dann ist es eine Erfahrung, die man mit einem fremden Material macht. Erfahrungen machen besteht doch darin, dass man etwas nicht sofort auf den Begriff bringen kann. Dass man später beginnt, darüber nachzudenken.“
Statt erneut Belege zu sammeln für Verschmelzungs- oder Gegen­positionen zu dem stets kontrovers diskutierten Autor, bleibt dem Rezipienten zweierlei: eineinhalb Tage ohne Schlaf in Müllers Aura meditierend zu verbringen oder Fragmente vom Bodensatz dieser Sammlung zu heben. Es finden sich darin Sätze zum Brückenbau gegen das Vergessen, gegen die Unfähigkeit zu trauern und gegen eine „gedächtnislose Gegenwart“.
Daneben stehen freilich auch Textstrecken, die Geduld einfordern, weil sie selbst einer Verlangsamung abgetrotzt sind. Müller, so erinnerte Alexander Kluge in seiner Trauerrede 1995, sagte, wenn ein Jahrhundert endet, müsse man Bilanz ziehen. Eine Bilanz, die nicht aus Zahlen besteht, sondern aus Metaphern, Behältern, Flächen, Tiegel, Kannen, in denen man menschliche Erfahrungen durch die Wüste transportieren kann.
Kaum eine andere Form eignet sich als Rahmen für Metaphern so gut wie das hier gefeierte Gespräch. Heiner Müller wird als versierter, poetischer Redner präsentiert, der Finten nicht schmäht, Selbstironie kennt, Abgründe mit unbeirrter Klarheit benennt. Wie eine zweite Tonspur legt sich diese Edition über das bereits gedruckte Werk. Ob sie den Blick hinter Müllers Masken verändert, wird sich zeigen.

Anja Hirsch, Falter, 10.8.2011

Tonsache Müller

− Ein Spaziergang durch die Klassenkämpfe und die Kulturpolitik: 36 Stunden Heiner Müller im MP3-Format. −

Fünfzehn Jahre nach dem Tod Müllers sind die Archivgänge beendet. Die Werksausgabe ist abgeschlossen. Jetzt kommen die O-Töne dran. Räuspern, Schmauchen und Sprechen im MP3-Format. 36 Stunden Müller sind das Ergebnis der Recherche von Kristin Schulz, die nun als „Audiobuch“ im Alexander Verlag erschienen sind. Die Sammlung bestätigt das eingebrannte Bild: Müller war ein Kämpfer für die Revolte, gegen gesellschaftlichen Stillstand. Im Westen zu marxistisch, im Osten zu kritisch. Müller war konsequent, er forderte Gerechtigkeit und glückliche Umstände für alle. Seine Texte stören und polarisieren noch heute. Er rieb sich an den Unzulänglichkeiten der neuen Gesellschaft. Die Wunden des Faschismus prägten seine Haltung zur Welt. Er hatte Verständnis für die Regierenden im armen Teil Deutschlands, sah die ökonomischen Zwänge des Mauerbaus und die stalinistische Prägung der Moskauer Emigranten.
19 Jahre nach der Lebensbeichte Krieg ohne Schlachten kommt der Findling der deutschen Dramatik als Zeitzeuge und Lesender eigener und fremder Texte wieder zu Wort. Ein voluminöses Gemisch aus Interviews, Diskussionen, Reden, Briefen und Lesungen aus der Zeit zwischen 1972 bis 1995. Auch unveröffentlichtes ist dabei. Im Begleitheft finden sich Kommentare von Weggefährten, Fotos und Zeugnisse der Müllerschen Arbeit am Text. Die meisten Gespräche liegen schon als Tonaufnahme oder in einem der vielen Gesprächsbände als Text vor. Waren früher die Pointenblitze in Zeitschriften oder als Taschenbuch-Bände in der Reihe Gesammelte Irrtümer erhältlich, sind sie nun auch für Hörbuch-Liebhaber verfügbar; leider werden diese Materialien noch nicht als Allgemeingut anerkannt und als kostenloser Download bereitgestellt.
Der Einstieg erfolgt als Rückblick. In der Reihe Zeugen des Jahrhunderts hatte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher den Literaten Müller nach einer Operation 1994 befragt. Die TV-Ausstrahlung folgte 1995. Es ist ein typisches Müller-Interview und umkreist die Themen: den Anlaß zum Schreiben, die Erfahrungen in der Nazizeit, Kommentare zum Arbeiter- und Bauerstaat, das Privileg des Dauervisums und die Dramatik-Blockade nach dem Mauerfall.
Nach den DDR-Produktionsstücken arbeitete sich Müller an griechischen Tragödien ab und wurde in der Bundesrepublik gern auf Werkstattbühnen gespielt. Regisseur und Freund Robert Wilson machte den Ostberliner international bekannt. Er war DDR- und Kapitalismuskritiker zugleich, verschenkte Anekdoten und Zitate, ein gefundenes Fressen für den Amüsierbetrieb des Feuilletons. Ob im Radio oder Talkshows, Müller schmauchte Zigarre, trank Whisky und pflegte seinen Ruf als Zyniker.
Die meisten Aufnahmen können dieses Bild nicht bestätigen. Meist höflich, fast stoisch begegnet Müller seinen Interview-Partnern, Fragenden, Zeitgenossen, Künstlerkollegen. Ihren Gedanken folgt er mit Geduld, Verständnis, Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen. Auch die Begrenztheit oder Verstiegenheit der Fragenden bringen Müller nicht aus der Ruhe. Mit Whisky und Zigarren bleibt er freundlich und bei sich. Einfallslosigkeit und Linearität erhellt er gern mit Wissen und Witz. Natürlich führen der Umfang des Materials und die Entgrenzung der Speichermöglichkeiten zu Wiederholungen, und so einige Fragen („Wie stehen Sie persönlich zu Erfolg und Mißerfolg?“) nerven. Denn dank der Fülle des Materials werden auch unwesentliche Momente präsentiert, ob Küchengespräche, Paffgeräusche oder Konzeptionsbesprechungen, die an Beziehungskämpfe erinnern. Insgesamt jedoch sind diese Gespräche ein spannender Spaziergang durch die deutsche Geschichte der Klassenkämpfe, der Kulturpolitik und des Theaters.
Müller pflegte das listige Understatement: „Interviews sind Performances, sie haben mehr mit Theater zu tun als mit Literatur. Man produziert sich auch in dem Sinne, wie sich Leute auf der Bühne produzieren.“ Auch hätte er meist gar nicht versucht, sie zu redigieren. Doch die Prägnanz des Interview-Textes „Das Label – Müller“ überrascht. Der Grund ist einfach. Ursprünglich für die Zeitschrift Lettre International redigiert und verdichtet, lasen Müller und Frank Raddatz den Text noch mal für den Rundfunk ein.
Die Reduzierung eines Dramatikers auf die Tonspur ist aber auch schmerzhaft. Theaterfreunden fehlt alles, Bühnenraum, Darsteller und Schwesterkünste. Dies gilt auch für Kenner der Müllerschen Hörspiele. In der Edition gibt es nur ein paar Hinweise und Dankesreden zu dieser Kunstform. Deshalb sei auf die Hörspiel-Kreationen von Heiner Goebbels oder die Müller-Regie des »Fatzer«-Fragments als Hörspiel hingewiesen und diese zum Hören angeraten. Beim Fatzer-Brecht-Hörspiel (Musik: Blixa Bargeld) stellt sich sofort die Müller prägende Sehnsucht nach Gestaltung und Assoziation ein.
Die CD-Edition ist die Tonspur einer deutschen Biographie, Zeugnis offener und versteckter Repressionen sowie gewährter Privilegien. Es ist auch eine Geschichte des Befragens, der Verschiebung vom Allgemeinen ins Voyeuristisch-Private. Kommentare von Neidern, Vorwürfe zu Stasi-Kontakten fehlen. Die 36 Stunden für Müßiggänger berichten vom Dichterfürsten, Grenzgänger, Akademiepräsidenten, Unterhalter, Regisseur, Raucher, Freund, Mann.
15 Jahre nach Müllers Tod sind seine Statements noch relevant. Der Röntgenblick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte, den Mauerbau und die Verhältnisse im gesamtdeutschen Theater ist aufklärerisch. Müller beschäftigte sich mit der Wirksamkeit von Kunst. Er wollte stören, prüfen und einhaken. Stummes Konsumieren, die Operettenbesuche der Funktionäre im Ostberliner Metropoltheater, war nicht seine Sache. Schon in den 80er Jahren erschienen eingelesene Stücke Müllers auf Tonkassetten. Als Vorleser ließ er Räume zum Denken. Auch in der vorliegenden Zusammenstellung sind viele Gedichte und Stücke präsent. Manche Texte sind in Diskussionen versteckt und nicht explizit im Begleitheft angegeben. Auf der letzten CD war noch Platz für Videoschnipsel im MP4-Format. Fünf Minuten Müller ohne Worte, auf dem Postenweg zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz. Ein Mann in Jeans schreitet sinnierend umher, beobachtet Kinder, Gras und Wind.

Christoph Woldt, Junge Welt, 26,8.2011

Rituelles Räuspern

Klassiker zu Lebzeiten: Das wären sicher viele Schriftsteller gerne. Und wenn schon nicht zu Lebzeiten, dann zumindest posthum. Beliebtes Mittel dazu, sich den ultimativen Status zu sichern, ist die Werkausgabe bereits zu Lebzeiten. Günter Grass und Martin Walser fallen einem dazu ein – zwei Autoren, die sich vermutlich für Klassiker halten, ohne es aber vielleicht je zu werden. Wenngleich man sich täuschen kann, naturgemäß. Oder nehmen wir zwei Österreicher: Thomas Bernhard war tatsächlich ein Klassiker zu Lebzeiten, bei Peter Handke hingegen stehen die Chancen weniger gut.
Heiner Müller, um den es hier gehen soll, hat sich zu seinen Lebzeiten kaum als Klassiker verstanden. Ihm war schon suspekt, ein Großschriftsteller zu sein – aus ästhetischen wie politischen Gründen. Dennoch ist er ein Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden. Seine Werkausgabe zu Lebzeiten, ab 1974 im Westberliner Rotbuchverlag erschienen, war freilich ein selbst zusammengestelltes „Best-of“ seiner Texte. Orientiert an den Arbeitsheften seines Vorbilds Brecht, besaßen die sieben Bände einen eher provisorischen, offenen Charakter, indem sie nach groben thematischen Schwerpunkten sortiert waren und Texte aus unterschiedlichsten Genres entgegen jeder chronologischen Ordnung versammelten.

(…)

O-Ton-Dokumente
Ein Kennzeichen des Klassikerstatus, um auf die einleitenden Überlegungen zurückzukommen, ist ja der kommerzielle Impuls, alles Mögliche auszuschlachten, das in Verbindung mit einem Autor steht. Von Thomas Bernhard ist das hinreichend bekannt: überflüssige Bildbände, unzählige Erinnerungssammlungen, usw.
Zugleich mit dem Ende der Werkedition gibt es auch bei Heiner Müller eine Neuerscheinung zu vermelden, die jedoch alles andere als überflüssig ist, sondern eine ganz wesentliche, ja unverzichtbare Ergänzung darstellt, nämlich eine exzellente Hör-Edition von O-Ton-Dokumenten aus den Jahren 1972 bis 1995. 36 Stunden Hörmaterial der unterschiedlichsten Art enthält diese von Kristin Schulz mustergültig edierte Box: Radiogespräche und Podiumsdiskussionen, Mitschnitte öffentlicher Reden, sowie Lesungen fremder und eigener Texte.
Unzählige Stunden muss die Literaturwissenschafterin, die als Leiterin des Heiner Müller-Archivs an der Berliner Humboldt Universität und Mitarbeiterin der Werkausgabe als Expertin hinreichend ausgewiesen ist, in den Archiven verbracht haben, um das vorhandene Material zu sichten, bzw. zu „horchen“. Ihre Arbeit hat sich gelohnt: Das Ergebnis ist kaum weniger als eine akustische Form von Werkausgabe, nicht nur weil damit über zwei Jahrzehnte von Müllers Schaffen abgedeckt sind, sondern weil eine eigenständige Dimension der Begegnung mit seinem Werk ermöglicht wird: eben nicht über die „tote“ Schrift, sondern durch die faszinierende Stimme Heiner Müllers.
Dadurch entsteht eine Lebendigkeit und oft geradezu unheimliche Präsenz, die Müllers Texte zu einer Erfahrung werden lassen – auch und gerade dann, wenn die Aufzeichnungstechnik sich durch Bandrauschen bemerkbar macht oder Hintergrundgeräusche hörbar werden. Das gilt besonders für privat entstandene Aufnahmen, die einen ganz anderen, unverstellten Zugang ermöglichen, während es ein Erlebnis ist, nun auch die bei öffentlichen Veranstaltungen gehaltenen Reden hören zu können, wie etwa Müllers kontroverse Ansprache „Die Wunde Woyzeck“ anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises im Jahr 1985 oder seinen berühmten Auftritt vor Hunderttausenden Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989.
Die vielen Gesprächsaufnahmen erweitern noch einmal den Fundus an gedruckt vorliegenden Interviews bzw. sie liefern – etwa was die Dialoge zwischen Müller und Kluge betrifft – das akustische Originalpendant zum transkribierten Text; mit dem zusätzlichen atmosphärischen Mehrwert von Trink- und Rauchgeräuschen, sowie dem geradezu rituellen Räuspern, mit dem Müller die Entwicklung seiner Gedanken beim Sprechen skandiert. Musterhaft wird hier der intellektuelle Prozess erfahrbar, den Kleist in einem berühmten Aufsatz als die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ beschrieben hat.

Müller liest Benjamin
In dem ausufernden Wust der über vier mp3-CDs verteilten Audiodateien der Hör-Edition sind also viele Schätze vergraben, die aber schnell geborgen sind dank einem als formidable Orientierungshilfe dienenden Begleitheft. So enthält das Hörwerk die gesamten, zuvor nur auf separaten CDs erhältlichen Lesungen eigener Texte Müllers, wie etwa „Wolokolamsker Chaussee“, aber auch die Lesung von Texten Walter Benjamins, sowie eine einstündige Lesung aus dem Werk von Franz Kafka oder eine fast vollständige Lesung von Brechts Lehrstück „Die Maßnahme“ (1930), das Müller in dem 1975 uraufgeführten Text „Mauser“ fortgeschrieben hat.
Über Heiner Müllers merkwürdig monotone Vortragsweise ist viel gerätselt worden. Betonungslos, mit gleichbleibendem Tonfall trägt er seine Stücke, Prosa- und Lyriktexte vor. So, als ob es sich dabei um ein Telefonbuch handelte. Das war Absicht: Müller sei der beste Sprecher seiner Texte, so lautet eine Einschätzung, „weil er nicht so tut, als ob er sie versteht“. Genau so ist bzw. war es.
Und wie an Rätseltexte sollten auch wir an sie herangehen: als Botschaften, die uns wie eine Flaschenpost erreichen. Von einem Absender, der unbekannt in den Tod verzogen ist. Was wir mit ihnen anfangen, bleibt uns überlassen. „Der SIEG DES KAPITALISMUS geht die Banken an, nicht die Literatur“, schrieb Müller 1989.

Uwe Schütte, Wiener Zeitung, 8.7.2011

Heiner Müller: 36 Stunden

Zur Moderation
Viel hat die Post nicht verdienen können an dem Dramatiker Heiner Müller. Denn Briefe schrieb er kaum. Aber wenn es darum ging, im Fernsehen und im Radio Interviews zu geben oder mündlich Fragen von Fans oder Wissenschaftlern zu beantworten, dann sagte Heiner Müller nicht nein. Gerade im letzten Jahrzehnt seines Lebens erwies sich der sanfte Mann, der kurz vor dem Silvesterabend 1995 gestorben ist, als sprechende Müller-Maschine.
Nun ist im Alexander Verlag eine umfangreiche Sammlung von Gesprächen und Lesungen erschienen: 36 Stunden. Titel:

Heiner Müller mp3. Tondokumente 1972-1995. Wie sagte ein Freund über den bedeutendsten deutschen Dramatiker seit Brecht? „Müller ist der beste Sprecher seiner Texte, weil er nicht so tut, als ob er sie versteht.“

Jürgen Werth über einen Meister der leisen Töne.

Musik Hanns Eisler: Ernste Gesänge
Ich halte dich in meinem Arm umfangen
Wie ein Saatkorn ist die Hoffnung aufgegangen

O-Ton Heiner Müller liest / darüber

Nichts Neues
Unter der Sonne, schreibst du. Du schreibst nichts Neues.

AUTOR
Heiner Müller liest ein Gedicht. Zeilen ohne Illusion. Worte ohne Hoffnung. Frühe Fotos zeigen ein ängstliches Kind. Dabei wollte doch auch der kleine Heiner leben, ohne Angst zu haben.
In einem großen Fernseh-Gespräch fragte der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, ob Müller nach 1945 von einer Repression in die nächste geraten sei.

O-Ton Heiner Müller
Ja. Ja. Natürlich war die nächste Repression viel interessanter als die erste. Weil ich natürlich infiziert war. Auch durch meinen Vater. Als ich fünf oder sechs, sieben Jahre alt war, hat er mir die Internationale vorgesungen. Das war eigentlich auch ein sehr starker Eindruck.

Autor
Auch Bertolt Brecht war Zeit seines Lebens von der Internationale beeindruckt. Anfang der fünfziger Jahre wurde er  von einer Gruppe so genannter „Junger Pioniere“ besucht. Stocksteif stellten sie ihre abgelesenen Fragen. „Wie ist Ihr Leben, Herr Brecht?“ Der verärgerte Brecht erwiderte: „Mein Leben ist hart.“ So ging es zu bei dem verunglückten Versuch, miteinander zu sprechen.
Ganz anders Heiner Müller. Er wusste, dass er in seinem Beruf als Dramatiker auf Frage und Antwort angewiesen war. Was Müller am Ende der achtziger Jahre bis zu seinem Tod  entwickelte, war eine neue Kunst- und Spielform: das Gespräch. So konnte er mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er durfte seiner Faulheit Zucker geben und konnte mit wenig Aufwand produktiv sein.

O-Ton Müller liest Hamlets Monolog

Sein oder nicht sein
Das ist die Frage

Autor darüber
Wann immer er konnte, trug Müller Texte seiner Lieblingsautoren vor: Lessing, Kleist und Brecht. Walter Benjamin, Gottfried Benn und Kafka. Oder Shakespeare.

O-Ton Müller liest Hamlet zu Ende
Oder in Waffen gegen eine See von Plagen
Enden im Aufstand

Autor
Der Vorleser eigener Werke. Der Interviewpartner und Statement-Geber. Und der Vorleser der Klassiker, die Müller als seine Kollegen anerkannte. Dieser dreifache Müller ist nun auf CD zu hören. 36 Stunden. Aber ist es nicht schade, dass Müller in den letzten zehn Jahren seines Lebens nur mit Gesprächen verbracht hat, weil er keine Kraft hatte, Stücke zu schreiben? Nein, sagt Kristin Schulz, die Herausgeberin:

O-Ton Schulz
Ich kann das eine gar nicht gegen das andere aufwiegen. Die Reden, die find ich genauso wichtig und maßgeblich und literarisch. Dass die mir als Werk ausreichen.

Autor
Müller und der Humor.

O-Ton Müller liest: „Kentauren“
Ich hatte einen Traum. Es war ein Alptraum.
Ich wachte auf und alles war in Ordnung.
(Gelächter)

Autor
Ist Müllers Werk doch keine humorfreie Zone?

O-Ton Schulz
Er selber hat das immer anders gesehen. Er sieht sich als auch Komiker. Und hier in der Edition ist er auch zu hören als der Anekdoten-Erzähler, der Witze-Erzähler.

O-Ton Müller
Dann erzähl ich jetzt einen Witz. (Lachen) Den kennen Sie vielleicht schon. Zu einem russischen Bauern kommt eine gute Fee und sagt ihm: „Du hast einen Wunsch frei. Aber du musst wissen, dass ich diesen Wunsch deinem Nachbarn zweifach erfülle.“ Und nach langem Nachdenken sagt er mit finsterem Entschluss: „Reiß mir ein Auge aus.“

O-Ton Alexander Weigel
Die Witze waren aber recht tiefgründig.

Autor
Der Dramaturg Alexander Weigel.

O-Ton Weigel
Er hat Witze sehr gemocht.

Autor
Die Edition des Alexander Verlags hat mit ihrer wunderbaren Fundgrube etwas verfügbar gemacht, was hinter dem Dramatiker versteckt war: den sprechenden Müller.

O-Ton Schulz
Jürgen Kuttner sagte: „Heiner Müller ist der beste Sprecher seiner Texte, weil er nicht so tut, als ob er sie versteht.“ Er liest relativ monoton, trocken, aber auf eine sehr verständliche einfache Art.

Autor
Kurt Tucholsky hat einmal den Rat gegeben, wenn einer nicht zuhören wolle, dann müsse man sich eben auf ihn setzen. Heiner Müller wusste etwas Besseres: Damit man ihm zuhörte, sprach er leise. Das kann man als Gärtner oder als Musiker schon machen. Aber Müller wollte ja auch Regisseur sein. Einmal nahm er seinen Dramaturgen zur Seite.

O-Ton Weigel
Du, ich weiß, als Regisseur muss man ab und zu brüllen. Und ich kann das nicht. Das musst du übernehmen.

Autor
Dabei hat sein Lehrmeister Brecht immer gebrüllt.

O-Ton Brecht (brüllend)
Was ist das für eine Frechheit! Schweinerei!

O-Ton Schulz
Und Müller genau das Gegenteil davon. Sehr leise.

Autor
Eine seiner Frauen sagte über Müller: „Er war ein großes Kind, das nicht erwachsen werden wollte.“
Wie am Anfang zu hören war, beklagt Müller in einem frühen Gedicht, nichts Neues schreiben zu können. Viel später ist davon die Rede, Gras werde über die Hoffnungen und Utopien wachsen.
Der Dichter nimmt „Abschied von morgen“ und zitiert Hölderlin.

O-Ton Müller
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt
Im Winde
Klirren die Fahnen

Autor
Am Ende scheint Heiner Müller der Zukunft doch noch „Guten Morgen“ zu sagen. Auf Fotos, aufgenommen kurz vor seinem Tod, hält der Dichter seine dreijährige Tochter Anna im Arm. Als hätten sich zwei Menschen gefunden. Als wäre es wieder möglich: Leben ohne Angst zu haben.
Einer der schlimmsten Sätze über die deutsche Vereinigung stammt von  Müller: „Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche.“ Angesichts des Fotos, auf dem der große Heiner und die kleine Anna zu sehen sind, möchte man sagen: „Zwei Deutsche sind natürlich glücklicher als einer.“

O-Ton Weigel
Das ist irgendwie auch ein anderer Heiner Müller. Plötzlich wird die Welt zu einer ganz persönlichen Welt. Und plötzlich wird die tiefe Sorge eines zärtlichen Vaters merkbar. Das hab ich ihm sehr gegönnt. Weil er im Laufe seines komplizierten und langen Dramatikerlebens und auch eines Lebens, das ihm von anderen schwergemacht worden ist, das nie erleben konnte.

Musik Hanns Eisler: Ernst Gesänge klingen aus
Leben ohne Angst zu haben. Leben ohne Angst zu haben.

Jürgen Werth, Westdeutscher Rundfunk 3, 4.4.2011

Heiner Müller hören

Anmoderation:
Der Lyriker und Dramatiker Heiner Müller war ein unbequemer Autor, der die DDR kritisierte. Doch ausreisen wollte er nicht. Müller blieb, obwohl viele seiner Dramen in der DDR  erst spät, und manche, wie die „Hamletmaschine“, überhaupt nicht aufgeführt wurden. Der 1929 im sächsischen Eppendorf geborene Autor starb am 30. Dezember 1995 in Berlin. Wer die Erst- oder Wiederbegegnung mit einem der bedeutendsten Nachkriegsdramatiker sucht, der kann sich in einen wahren Heiner Müller Rausch hineinhören. Der Alexander Verlag hat Hördokumente von Müller auf 4 CDs versammelt. 36 Stunden lang kann man O-Ton des Whiskytrinkers mit der Zigarre hören, wenn er sich für Preise bedankt, auf Fragen antwortet oder aus seinen Texten und den Texten von anderen Autoren liest. Michael Opitz hat sich die Sammlung angehört.

1. O-Ton H. Müller:
Der Terror von dem ich schreibe, kommt nicht aus Deutschland, es ist ein Terror der Seele. Edgar Allen Poe. Der Terror von dem ich schreibe, kommt aus Deutschland.

Autor:
Heiner Müllers Interesse galt den Glücklosen, jenen, die Opfer des politischen Terrors wurden und denen keine Zeit blieb, ihre Träume zu leben. Der Totenbeschwörer der deutschen Literatur, der auch international als legitimer Nachfolger von Bertolt Brecht und Samuel Beckett galt, hat in seinen Texten immer wieder den Dialog mit den Toten gesucht.

2. O-Ton H. Müller:
Zum ersten Mal in der Weltgeschichte gibt es mehr Lebende als Tote. Die Lebenden die Majorität. Kultur ist immer auf Geschichte, auf die Toten bezogen.

Autor:
Nicht die Perspektive der Sieger, sondern die der Besiegten interessierte Müller. Die Toten sollten hergeben, was mit ihnen begraben wurde. Diesen schonungslosen Blick auf die Geschichte teilte Müller mit Georg Büchner. Auf dessen Stück „Woyzeck“ ging er 1985 in seiner Dankrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises ein.

3. O-Ton H. Müller:
Woyzeck ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt. Der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden, wenn die Sonne im Zenit steht, ist er eins mit unserm Schatten. Beginnt in der Stunde der Weißglut Geschichte. Nicht eh Geschichte passiert ist, lohnt der gemeinsame Untergang im Frost der Entropie oder, politisch verkürzt, im Atomblitz, der das Ende der Utopien und der Beginn einer Wirklichkeit, jenseits des Menschen sein wird.

Autor:
Auf 4 CDs kann man nachhören, zu welchen Themen sich Heiner Müller in seinen letzten 23 Lebensjahren geäußert hat und welche Texte ihm wichtig waren. Zu den Hördokumenten, die von der Herausgeberin Kristin Schulz zusammengetragen wurden, zählen neben Interviews auch Mitschnitte von Lesungen, auf denen Heiner Müller eigene Texte las.

4. O-Ton H. Müller:
Nämlich die Worte müssen rein bleiben. Denn ein  Schwert kann zerbrochen werden und ein Mann kann auch zerbrochen werden, aber die Worte fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar kenntlich machend die Dinge oder unkenntlich. Tödlich dem Menschen ist das Unkenntliche.

Autor:
Zu entdecken ist er aber auch als Interpret, wenn er in seinem unverkennbar sachlich-kühlen Ton Texte von Edgar Allen Poe, Franz Kafka, John Berger, Danil Granin oder Jewgeni Jewtuschenkow vorträgt. 1990 erinnerte er im Deutschen Theater an Walter Benjamin.

5. O-Ton H. Müller:
Woran einer seiner Stärke erkennt. An seinen Niederlagen. Wo wir erfolglos durch unsere Schwäche waren, da verachten wir uns und schämen uns ihrer. Worin wir aber stark sind, da verachten wir unsere Niederlage, da beschämen wir unser Mißgeschick.

Autor:
Obwohl Heiner Müller kein Brecht-Schüler war, hat er zu verschiedenen Zeiten immer wieder Brecht-Texte gelesen. In den bewegten Nachwendezeiten verstand sich Müllers Hinweis auf Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ durchaus als zeitgeschichtlicher Kommentar und er war ein Beispiel für eingreifendes Denken.

6. O-Ton H. Müller:
Laßt nur eure Hoffnungen fahren
daß ihr zu Präsidenten ausersehen seid.
Aber legt euch ordentlich ins Zeug.
Ihr müsst euch ganz anders zusammennehmen
daß man euch in der Küche duldet.

Ihr müsst das ABC noch lernen
Das ABC heißt:
Man wird mit euch fertig werden.

Denkt nur nicht nach, was ihr zu sagen habt:
Ihr werdet nicht gefragt.

Autor:
Heiner Müller ist mit Vorliebe unorthodoxe Denkwege gegangen. Welche Richtungen er dabei eingeschlagen hat, das ist nun aus den Tondokumenten zu erfahren, die eine schöne Ergänzung zu der gerade abgeschlossenen Ausgabe mit Heiner Müllers Werken bilden. Müller war im Gespräch ein Freund der leisen Töne – blinder Eifer war ihm fremd. Bestens verstand er sich auf feinste sarkastische Nuancen, mit denen er seine stets originellen Ausführungen zum Zeitgeschehen anreicherte. Wenn man Müller hört, dann wird deutlich, wie wenig die Zeit seinen Texten anhaben konnte. Er ist hoch aktuell geblieben. Die Herausgeberin Kristin Schulz hat einzigartige Tondokumente gefunden und ein fast 200 seitiges Begleitbuch mit Kommentaren und Verweisen verfasst, das einen verlässlichen und über die Maßen hilfreichen Kompass darstellt, um im Müller-Hallraum nicht die Orientierung zu verlieren.

Michael Opitz, Deutschlandradio Kultur, 18.3.2011

Heiner Müllers Sprechen und Schweigen

− Mit MÜLLER MP3 legt der Alexander-Verlag eine opulente Heiner-Müller-O-Ton-Sammlung vor. −

Im Alexander-Verlag ist im Frühjahr 2011 die Heiner-Müller-O-Ton-Sammlung MÜLLER MP3 erschienen, die Tondokumente aus den Jahren 1972 bis 1995 versammelt. Den grauen Schuber ziert ein überdimensionales Konterfei des Autors, das an eine schwarz-weiß Fotographie, einen groben Rasterdruck oder das Negativ eines Bildes erinnert, zugleich jedoch an ein viel zu nah heran gezoomtes, viel zu groß aufgelöstes Digitalbild. Darunter prangt in großen roten elektronischen Leuchtbuchstaben, deren Segmente je nach Programmierung jeden beliebigen Schriftzug ergeben, der Titel MÜLLER MP3, in Müller-Manier in Versalien gesetzt.

Die Schrift wird unlesbar Nur die Schreibmaschine
Hält mich noch aus dem Abgrund dem Schweigen
Das der Protagonist meiner Zukunft ist

heißt es in einem 1995 geschriebenen Gedicht aus dem Nachlass Müllers. Dessen Titel „Ende der Handschrift“ markiert einen Schlusspunkt: Nachdem er den Untergang zweier deutscher Staaten überlebt hatte, wurde Müllers Schweigen immer lauter – trotz der Flut von Interviews und Gesprächen, die er in seinen letzten Lebensjahren gegeben hat. Heiner Müller, die letzte große Handschrift der deutschen Literatur, dem das Telefax eine gespenstische Erscheinung war, ein Phänomen des bereits vom jungen Bertolt Brecht gesehenen neuen Tieres, das Zukunft und Ende des Menschen zugleich ist, sträubte und sträubt sich gegen das Digitale. In einem Zeitalter, in dem die Schreibmaschine längst Relikt einer vergangenen Epoche ist, heißt Müllers Sprechen immer auch sein Schweigen hören, das der Abgrund ist, über dem er sich schwebend zu halten versucht, vielleicht jedoch auch der Grund seiner Sprache, wie er es einmal für das Theater formulierte.
Herausgegeben von Kristin Schulz enthält MÜLLER MP3 auf vier CDs mit weit über 100 Tracks an die 36 Stunden Material, begleitet von einem Booklet, mit 190 Seiten Umfang beinahe ein Buch, das jedem der Tondokumente über die formalen Informationen hinaus einordnende Kommentare und ergänzende Abbildungen zur Seite stellt: Neben zahlreichen Fotos eine Reihe faksimilierter Manuskripte und Dokumente wie Zeitungsartikel, Buchcover, Briefe. Zu hören gibt es Heiner Müller in Lesungen und als Redner, in Gesprächen, Diskussionen und Interviews – und zwar solchen, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis dato im Dickicht der Archive verborgen und nur schwer zugänglich waren. Bei den ausgewählten Lesungen handelt es sich überwiegend um Veranstaltungsmitschnitte, nur selten um Studioaufnahmen, wie im Falle der ersten drei Teile von Wolokolamsker Chaussee oder einiger Passagen aus der unter Müllers Leitung entstandenen Hörspielfassung von Brechts Fatzer-Fragment. Beide Arbeiten entstanden Mitte bis Ende der 1980er Jahre, zu einer Zeit, als der längst zur Institution gewordene Autor immer weniger schrieb und immer mehr sprach. Entsprechend stammt der Großteil der auf MÜLLER MP3 enthaltenen O-Töne aus dem Zeitraum 1980 bis 1995. Müller liest seine dramatischen Texte, teils komplett, teils in Ausschnitten (eine namentliche Aufzählung käme guten Teilen eines Werkverzeichnisses gleich; exemplarisch seien die Lesungen von Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande und Germania Tod in Berlin genannt); Prosa, nicht selten in Stücke montiert veröffentlicht, gelesen häufig einzeln, wie der  Hydra-Text aus Zement oder Teile aus dem synthetischen Fragment Traktor; einige Gedichte, darunter die späten Langgedichte Mommsens Block und Ajax zum Beispiel; sowie essayistische Texte wie Die Wunde Woyzeck oder Deutschland ortlos. Daneben tauchen einige Autoren aus Müllers literarischem Kosmos auf: Franz Kafka und Walter Benjamin, beide vertreten mit großen Lesungen, hier und da ein Fetzen Shakespeare, Poe, Marx, Benn – und immer wieder Brecht, von dem unzählige Gedichte und Szenen gelesen werden.
Gelesen – und damit gesprochen: Ein Medienwechsel für einen Schriftsteller. Müller liest stets gleichbleibend monoton, auch seine eigenen Texte spricht er wie die eines Fremden. Dieses Lesen stellt die Texte aus ohne zu interpretieren oder neutralisieren, es gibt den gesprochenen Texten Raum und macht sie als gesprochene hörbar. Müllers Sprechen eröffnet einen Raum und in diesem Raum des Textes sucht der Leser Müller das Gespräch. Dies gilt gleichermaßen für alle gelesenen Texte: Der Leser Müller ist nicht der Autor, Autorschaft kommt ihm nicht mehr zu als jedem anderen Rezipienten. Und in jedem Fall ist der durch die Texte eröffnete Raum ein Raum des Dialogs und der Auseinandersetzung. Hier findet Müller Formulierungen wie jene vom konstitutiven Krisenbewusstsein der modernen Dramatik, einer „Krise der Gesellschaft, die sich auch ausdrückt in einer Krise der Form und der Gattung“, „einer Krise des Dialogs“ und „des Dramatischen überhaupt“. Im Bezug auf Georg Büchner wird hier zugleich ein Ausgangspunkt des Müllerschen Schreibens benannt.
Mehr als ein Drittel der O-Töne der Edition besteht aus Gesprächen und Diskussionsbeiträgen, gespickt mit Sätzen, die funktionieren wie „Verstärkerspulen für den Kaltstart des Hirns“ – so beschrieb Klaus Theweleit seine Erfahrung mit den Müller-Interviews mit Blick auf dessen berühmte Gespräche mit Alexander Kluge. Von diesen werden erfreulicherweise ebenso wenige reproduziert wie von den nicht minder prominenten aus den Bänden mit Frank Raddatz oder der Reihe der Gesammelten Irrtümer. Erfreulich ist dies, weil der Platz auf  MÜLLER MP3 so für anderes Material offen steht, wie ein 1972 mit Gottfried Fischborn und Gerda Baumbach zu Forschungszwecken geführtes und ausdrücklich nicht zur Publikation vorgesehenes Gespräch von über drei Stunden Länge; oder ein in privatem Rahmen aufgenommenes Arbeitsgespräch Müllers mit seiner damaligen Frau, der Regisseurin Ginka Tscholakowa, zur Vorbereitung einer nicht zustande gekommenen Inszenierung seines Stückes Quartett. Interessant an den Gesprächs-Aufnahmen ist, dass die Denkpausen, das Stocken und Stottern erhalten bleiben, die Brüchigkeit einer nach Worten suchenden Stimme, die Ungereimtheiten und Momente des Schweigens, die redigierte Transkription nicht herausgeben und auslöschen. Das entzaubert nicht den Gesprächspartner Müller; vor allem eröffnet es „[d]ie Möglichkeit, Heiner Müller beim Denken zuhören zu können“, wie Stephan Suschke es in einem der von Wegbegleitern Müllers verfassten Beiträge zum Booklet formuliert.
Der in Berlin und neuerdings auch in Köln beheimatete Alexander-Verlag setzt mit MÜLLER MP3 seine Arbeit an der Eröffnung von Müllers Schreib- und Denkhorizont fort. Nach der ersten, von Müller selbst besorgten Edition seiner Gedichte aus dem Jahre 1992, der von ihm während seiner Zeit am Berliner Ensemble herausgegebenen  Drucksache-Reihe sowie der Veröffentlichung einiger Audio-Materialen eröffnen die auf MÜLLER MP3 vorgelegten O-Töne einen weiteren Teil des Müllerschen Erbes – nicht nur, aber auch komplementär zur bei Suhrkamp erschienen Werkausgabe, an deren Redaktion die Herausgeberin beteiligt war.
Nicht selten haben posthume Editionen Teil an der Stilisierung eines Autors zur autoritären Größe, zum die Zeit überdauernden Klassiker, dessen Werke und dessen Werk sie wie Monumente repräsentieren. Heiner Müller in einem Gespräch mit Frank Raddatz:

Wer mit sich identisch ist, der kann sich einsargen lassen, der existiert nicht mehr, ist nicht mehr in Bewegung. Identisch ist ein Denkmal. Was man braucht, ist Zukunft und nicht die Ewigkeit des Augenblicks. Man muß die Toten wieder ausgraben, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen.

Im schlimmsten Fall wird eine Edition zum Grabstein, der solche Grabungsarbeiten unterbindet, der Texte zum Werk konserviert und ihre Wirkung verhindert; im besten zu einer Edition „in losen Enden“, deren Buchdeckel keine abschließenden Begrenzungen sind, sondern Öffnungen, „Bücher ohne Haut“, wie Barbara Hahn es für die im Rotbuch Verlag erschienene Texte-Serie beschrieben hat. MÜLLER MP3 ist nicht das noch fehlende Stück eines Grabsteins; stattdessen wird hier ein Material eröffnet, das Terrain einer Archäologie der Zukunft sein kann.

Moritz Hanneman, fusznote. Bochumer Literaturkritik, Heft 3, 2011

Ein Mann, mehr als ein Wort

− Sechsunddreißig Stunden mit Heiner Müller im Ohr: Eine Edition sämtlicher Interviews, Reden, Lesungen und Kommentare des Dramatikers aus den Jahren 1972 bis 1995 ermöglicht und erzwingt eine Auseinandersetzung auf mehreren Ebenen. −

Es gab eine Zeit kurz nach der Wende, da brauchte man nur das Radio oder den Fernseher einzuschalten – und es dauerte nicht lange, schon war Heiner Müller auf Sendung. Er schrieb nach dem Fall der Mauer kaum mehr, sondern repräsentierte lieber seinen eigenen Mythos, indem er in jedes Mikrofon, in jede Kamera, auf fast jedem Podium sprach: Keine Feier ohne Müller, wurde in Berlin der Werbespruch einer Lebensmittelkette namens „Meyer“ abgewandelt.
Gewiss hat es ihm nicht wenig geschmeichelt, endlich die große Öffentlichkeit – ob über Deutschlandfunk oder über das Frühstücksfernsehen – zu erreichen, zumal ihm doch sein Publikum in der ehemaligen DDR entschwunden war und er in der Bundesrepublik nicht länger als einer der seltenen real existierenden Mauerspringer glänzen konnte. Und die Medien freuten sich über den sächsischen Unterganghofer mit seinen geistreichen, apokalyptischen Sprüchen, selbst wenn sein – dank viel heiseren Hüstelns noch bedeutsamer wirkendes – Genuschel nicht immer so genau zu verstehen war. Deswegen war es nachvollziehbar, dass die Gesamtausgabe von Müllers Werken 2008 mit drei Bänden „Gespräche“ abgeschlossen wurde, die damit zum Bestandteil seines literarischen Schaffens gerieten.
Als lieferten die mehr als 2500 Seiten nicht genug an Redebeiträgen, hat sich die Literaturwissenschaftlerin Kristin Schulz auf die Suche nach Tondokumenten gemacht. Bei ihrer Ausbeute Müller MP3, die Tondokumente aus den Jahren 1972 bis 1995 versammelt, soll es sich um alles handeln, was von ihm an Interviews, Lesungen, Reden, Kommentaren existiert. Die vier MP3-CDs haben eine Laufzeit von 36 Stunden, also 2160 Minuten. In Maßen sind sie durchaus anregend, in Summe freilich eine ziemliche Herausforderung, gibt es editorisch doch bloß einen chronologischen, keinen roten Faden, der die Aufmerksamkeit inhaltlich fesseln würde. Natürlich ist auch nicht jedes Wort, jeder Satz unvergesslich und kostbar, aber Müller wäre nicht Müller, ließe sich in der Kompilation nicht einiges an Bonmots, Aphorismen und an seinen üblichen klugen, charmanten Flapsigkeiten finden. So etwa 1990 im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Titel „Afrikanische Welten“, in der er eine schöne kleine Kolonialismus-Anekdote vortrug. Oder auch die paar einleitenden Worte zu John Berger, dem 1990 ein Abend in der Berliner Akademie der Künste gewidmet war, in die Müller die typische Krankheit der DDR-Bürger einflocht, „nicht zu denken, was wir sehen, und nicht zu sehen, was wir denken, und damit zu leben“.
Interessant und wohltuend ist es, Heiner Müller dabei zuzuhören, wie er seine eigenen Texte oder die von Bertolt Brecht, Jewgenij Jewtuschenko und anderen Autoren völlig ungerührt, nüchtern und ohne jedes Pathos liest – ein Duktus, der heutzutage leider weitgehend von den Bühnen verschwunden ist.
In der Menge der zum Teil recht kurzen Aufnahmen ist das umfangreiche Begleitbuch unverzichtbar, in dem die einzelnen Tracks ausführlich, kompetent und gut lesbar erläutert werden. Trotz der Fülle des Materials sind die wesentlichen Informationen deshalb schnell und prägnant nachzuschlagen und mit einem Werk- und Personenverzeichnis ergänzt.
Je länger man sich Müllers früher helleren, leichteren, später nikotindunkleren, behäbigeren Ausführungen widmet, desto mehr zieht einen der alte Barde erneut in seinen Bann – und man erkennt die intellektuelle Höhe seiner Reflexionen, Anmerkungen, Einwände. Das Niveau der Äußerungen lässt beinahe auch die akustische Rumpelpiste vergessen, denn die Tonschwankungen, die sich bei dieser stundenlangen Aneinanderreihung von klangtechnisch sehr unterschiedlichen Beiträgen zwischen Reden, Publikumsdebatten, Rundfunkaufzeichnungen, sogar privaten Mitschnitten ergeben, sind verständlicherweise beträchtlich. Aber was könnte man einem Dichter verübeln, der sich zu dem Spruch aufschwang: „Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche.“ Am kuriosesten freilich ist ein Interview von Müller mit dem Dramaturgen und Publizisten Frank Raddatz, das – von beiden redigiert – 1991 zuerst in der Zeitschrift Lettre International gedruckt worden war und zwei Monate danach von ihnen für den Bayerischen Rundfunk gelesen wurde. Es scheint geradezu, als würde Müller sich da selbst parodieren und seinen typischen Sound ironisch übersteigern.
Der hohe dokumentarische Wert dieser Edition von Müllers Gesprächen einerseits wie der des Hörbuchs andererseits ist unbestreitbar, doch erinnert das Sprechen erst recht an die Ebene der Schrift und der durchgearbeiteten Texte. Insofern gebührte es dem Schriftsteller Heiner Müller, über seine Stücke im Gedächtnis zu bleiben – und die werden inzwischen eher selten gespielt. Lesen kann man sie freilich immer noch und sollte es auch tun.

Irene Bazinger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.1.2012

Heiner Müller en voix multiples

Il avait choisi après la guerre de rester en République démocratique allemande (RDA). Il est l’un des auteurs dramatiques les plus importants de notre époque. Son questionnement des formes théâtrales possibles pour un temps vivant à la fois le déchirement de l’idéal communiste et l’usure des vieux idéaux esthétiques a rayonné dans toute l’Europe. Heiner Müller (1929-1995), qui fut aussi metteur en scène et, après la réunification, directeur du Berliner Ensemble, laisse une œuvre de plus d’une trentaine de pièces et quelque deux cents poèmes, des essais et des entretiens. S’y déploient son travail pour faire advenir le théâtre comme scène expérimentale, où „l’Imagination collective s’exerce à faire danser les rapports sociaux pétrifiés (Heiner Müller, Fautes d’impression, L’Arche, Paris, 1991.)“, sa formidable relecture des mythes et des tragédies et son sens réjouissant de la provocation. Il faut aujourd’hui y ajouter ce que l’on pourrait appeler des actes de parole, avec l’édition de Müller MP3 (Heiner Müller et Kristin Schulz, Müller MP3. Heiner Müller Tondokumente. 1972-1995, Alexander Verlag, Berlin, quatre CD + un livret, 78 euros. Prix allemand du livre audio 2012.): une collection de trente-six heures de documents sonores (entretiens, lectures, discours). Selon Kristin Schulz, cheville ouvrière de l’édition allemande des œuvres complètes, puis éditrice de Müller MP3, les entretiens sont pour Müller „des productions artistiques“, où il tient souvent à „préserver la possibilité de changer de point de vue en fonction du contexte, de ses interlocuteurs, du lieu ou de la situation“. Cette singularité efface les genres.

Bernard Umbrecht, Le Monde diplomatique, septembre 2012

Le SauteRhin : Drei Fragen an Kristin Schulz über Müller MP3

1. O-Ton

Wenn man von Politikern eine schriftliche Rede erhält, steht meistens darauf geschrieben: es gilt das gesprochene Wort. Für einen Schriftsteller wäre es nicht eher umgekehrt, es gilt das Geschriebene? Wie und warum ist diese O-Ton-Sammlung zustande gekommen?

Kristin Schulz: Es gibt natürlich mehrere Gründe für die O-Ton-Sammlung, ein Grund ist, dass es einfach diese wunderbaren Materialien gibt, die normalerweise in den Archiven schlummern und es nur in den prominentesten und also seltensten Fällen ins Licht der Öffentlichkeit schaffen – wie zum Beispiel Müllers Gespräche mit Alexander Kluge, die sämtlich im Internet zu finden sind (und die deswegen in meiner Edition, die sich vor allem den unbekannten Materialien widmete, nur auszugsweise vorkommen). Zum  anderen ist Müller als Autor ja nicht ausschließlich über sein dramatisches Werk zu definieren, wie es immer noch häufig geschieht – das macht die Werkausgabe mit drei Bänden Gesprächen mit mehr als 2700 Seiten anschaulich. Zu Müller gehören, vor allem in den späten 80er und 90er Jahren, auch diese öffentlichen Gespräche und Auftritte, die Performances gleichen und sehr unterschiedlich sind – je nach Situation, Ort und Gesprächspartner. Diese Reden, Podiumsauftritte und Gespräche sind keine Zufalls- oder Nebenprodukte,  sondern als Inszenierungen Bestandteil des poetischen Werks, denn sie gehen nie  in ihrem Anlass auf. Man denke beispielsweise an einen Text wie „Die Wunde Woyzeck“, Müllers Büchnerpreisrede von 1985 – einen Text, der in seiner Assoziations- und Bezugsdichte jeden Menschen bei nur einmaliger Lese- oder Hörerfahrung überfordert. Der ist natürlich mit Absicht als eine Art Verweigerung gefasst und sperrt sich der schnellen Vereinnahmung im Westen. Solche Auftritte in Ost und West lenken die Rezeption, aber sie erzählen eben auch sehr viel über den Autor selbst, und das kann man in der chronologisch aufgebauten Edition gut nachverfolgen. Bei dem Umfang von 36 h über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren wird Müller in seinen verschiedensten Facetten offenbar – als Witze- und Anekdotenerzähler, Dramaturg, Autor, der fremde und eigene Werke zu bezugreichen Lesungsdramaturgien zusammenstellt, und als gefragter Gesprächspartner, der Auskunft und Zeugnis über Zeit und seine Wahrnehmung gibt. Dieses Material ist jetzt zugänglich und damit auch für spätere Rezipienten aus den Archiven geborgen und – als „Reservoir von Zukunft“, müsste man mit Müller sagen, in einer Art Speicher von Erfahrungen aufbewahrt und verfügbar.
Zum anderen hält sich ja hartnäckig das Vorurteil, dass Müllers Texte schwer verständlich sind – und hier ist auffällig, dass Müller in seiner leisen,  ausdruckslosen, relativ gleichförmigen Art zu lesen und zu sprechen leichter verständlich ist als beispielsweise ein Schauspieler, der über seine Betonung den Wörtern immer eine Bedeutung aufzwingt. „Müller ist der beste Sprecher seiner Texte, weil er nicht so tut, als ob er sie versteht.“ So hat es Jürgen Kuttner auf den Punkt gebracht. Und somit können auch Menschen mit dieser Edition einen Zugang zu Müller finden, die ihn vielleicht erst einmal nicht lesen würden. Zumal mithilfe der Stimme auch eine Nähe geschaffen wird, die den Autor anwesend sein lässt. Im Idealfall ergibt sich daraus ein Dialog – nämlich im Kopf des Zuhörers – Müllers vielbeschworener Dialog mit den Toten. „Du, der Lesende, weilst noch unter den Lebendigen; ich, der Schreibende aber, habe längst meinen Weg ins Reich der Schatten genommen.“ So sagt Müller es mit E.A. Poe – und das gilt auch für den Hörenden, auch er kann in einen Dialog treten und sich mit dem Gehörten auseinandersetzen.

2. Über die Lektüren

Was kann man vermuten über den Sinn für einen Autor Texte von anderen Autoren zu lesen? Was verbindet diese literarischen Texte. Was für einen Zusammenhang könnte man herausfinden? Bilden sie eine Art Selbstporträt?

Schulz: Es sind ja verschiedene Anlässe und Gründe, aus denen heraus Müller Texte anderer Autoren liest. Es gibt den Fall, dass er dort formuliert findet, was er selbst nicht besser sagen kann – etwa wenn er einen langen Auszug aus dem Pasolini-Gedicht „Prophezeiung“ auf einem Kongress über Rassismus, Gewalt und Ausländerhass zitiert, in dem „Ali mit den blauen Augen“ und seine Gefährten heraufbeschworen werden, wie sie „mit den roten Fahnen Trotzkis im Wind“ die Küsten des Nordens ansteuern – hier steht das Zitat stellvertretend für die eigene Formulierung, insofern ist es eine Art Selbst- oder Wunschporträt. Aber es gibt natürlich auch Veranstaltungen, die ganz der Hommage eines anderen Autors gewidmet sind, beispielsweise anlässlich eines  Jubiläumsgeburtstages, der begangen wird. Da ist auffällig, dass Müller so etwas nur macht, wenn er einen Bezug zu den Autoren hat – wie das u.a. bei Bertolt Brecht, Walter Benjamin oder Franz Kafka der Fall ist. Interessant ist hier, dass Müller die Texte selbst auswählt,  die gelesen werden, und diese dramaturgisch baut – so wenn er Brechts spätes Gedicht von 1956 „Als  ich in weißem Krankenzimmer der Charité“, das dessen nahen Tod reflektiert, bewusst ans Ende der Lesung setzt. Oder wenn er eigene Texte einbaut, die denen der gelesenen Autoren antworten – man denke beispielsweise an den Text „Der glücklose Engel“, der Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ variiert. Man erfährt somit immer etwas über die Bedeutung und Lesart der gelesenen Texte. Und oftmals sind es auch genau diejenigen Texte, die er für die Lesung auswählt, aus denen er in den Gesprächen oft und gern zitiert. Sie setzen damit auf andere Art das Gespräch mit den Toten fort. Um die Gegenwart zu verstehen, muss man die Vergangenheit kennen – dafür steht auch hier die Beschäftigung mit den Toten.

3. Gespräche und Literatur
Gespräche seien auch Literatur, hört man. Was für eine? Eine improvisierte Literatur? Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen aber ich würde gerne versuchen zu verstehen, wie man das rechtfertigen kann.

Schulz: Wie ich es schon angedeutet habe, sind Gespräche bei Müller insofern Literatur, da sie ein stark performatives Element kennzeichnet, damit stehen sie natürlich auch dem Theater nahe. Die Gespräche sind Kunstprodukte und oftmals keine authentischen Äußerungen. Müller ist zwar mitunter auch Interpret und gibt scheinbar Auskunft über sein Werk wie im klassischen Autorengespräch, aber oftmals entzieht  er sich auch der Vereinnahmung und beharrt auf der Änderung seiner Positionen, je nach  Kontext, Gesprächspartner, Situation und Ort. So sind beispielsweise große Unterschiede in seinen Äußerungen zwischen Ost und West zu finden – wenn er in NY im November 1989 den Fall der Mauer in Berlin erklären soll, so ist das ein hilfloses Unterfangen: Es ist, als wolle er Marsbewohnern den Begriff „Science fiction“ erklären, aber er versucht es dennoch, mit aller Geduld und Nachsicht, und wenn er dafür mit den Bauernkriegen als Dilemma der deutschen Geschichte argumentieren muss, was sicherlich kein Mensch dort versteht. Zeitgleich in Berlin hat er dafür keine Worte oder Erklärungen mehr übrig, da  lässt er die anderen sprechen, beispielsweise wenn er am 4.11.1989 auf dem Berliner Alexanderplatz statt eines eigenen Textes einen Aufruf zur Gründung freier Gewerkschaften vorträgt.
Außerdem sind auch seine Gespräche – wie alle anderen Texte – in der Regel einem längeren Arbeitsprozess unterworfen, zumindest dann, wenn sie für eine schriftliche Veröffentlichung vorgesehen sind. Müller sieht sie durch, korrigiert, ändert und schreibt somit weiter. Ein augenfälliges Beispiel dafür wären die Gespräche mit Frank Raddatz – da entstehen Kunstprodukte, die jeder Mündlichkeit und Spontaneität entbehren. Und das hört man auch – wenn zum Beispiel eines dieser Gespräche im Radio gesendet werden soll, so lesen es die beiden im Nachhinein noch einmal zu genau diesem Anlass vor. Damit wird es aber eine Lesung und ist kein Gespräch mehr – es ist reine Performance.
Klammerte man also die Gespräche oder auch Reden bei Müller aus dem literarischen Werk aus, würde man gerade der Besonderheit des Müllerschen Oeuvres nicht gerecht, denn die Genres sind bei ihm nicht mehr eindeutig voneinander abzugrenzen: Gedichte werden als Theatertexte aufgeführt, Prosatexte finden Eingang in die Stücke und die Autobiographie ist ein langes Gespräch. Es ist kein geschlossenes Werk mehr – wie auch bei anderen Autoren der Moderne –, sondern ein Steinbruch mit verschiedenen Schichten, in denen das Material arbeitet und brauchbar wird. Damit sind es nicht mehr „einsame Texte, die auf Geschichte warten“, wie Müller es 1977 in einem Brief an Reiner Steinweg formuliert hat, sondern Texte, die auf Verwendung warten. Und da sind Müllers Gespräche auch heute nicht weniger geeignet als seine Stücke, Prosatexte oder Gedichte.

Hier die Fragen und Antworten auf Französisch.

Ellen Schweda im Gespräch mit Kristin Schulz über Heiner Müllers Lyrik.

 

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Deutscher Hörbuchpreis 2012 in der Kategorie „Beste Information“ für MÜLLER MP3.

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin

 

Beiträge zum 75. Geburtstag des Autors:

Christine Richard: 75 Jahre Heiner Müller: Dichtung & Drugs
Basler Zeitung, 8.1.2004

Gunnar Decker: Das Messer im Herz der vertrauten Lüge
Neues Deutschland, 9.1.2004

Ulrich Seidler: Im Besitz der Dichtung
Berliner Zeitung, 9.1.2004

Rüdiger Schaper: Die Explosion der Bilder
Der Tagesspiegel, Berlin, 9.1.2004

Michael Bienert: Manschetten sind keine Sprengsätze
Stuttgarter Zeitung, 12.1.2004

B.K. Tragelehn: Heiner Müller 75
neue deutsche literatur, Heft 553, Januar/Februar 2004

Beiträge zum 10. Todestag des Autors:

Jörg Sundermeier: Stumme Worte
die tageszeitung, 30.12.2005

Arno Widmann: Ein Freigänger beider Systeme
Berliner Zeitung, 31.12.2005/1.1.2006

Frauke Meyer-Gosau: Das Denkmal weiß nichts von Geschichte
Literaturen, Heft 1/2, 2006

Beiträge zum 80. Geburtstag des Autors:

Hans-Dieter Schütt: Auf der Gegenschräge die Toten
Neues Deutschland, 8.1.2009

Jens Bisky: Deine Braut heißt Rom.
Süddeutsche Zeitung, 9.1.2009

Matthias Heine: Nicht so tot, wie viele glauben
Die Welt, 9.1.2009

Peter Laudenbach: Das Orakel spricht
Der Tagesspiegel, Berlin, 9.1.2009

Ronald Pohl: Bonmots und Schamottöfen
Der Standard, Wien, 9.1.2009

Stephan Schlak: Neue Gespenster am toten Mann
die tageszeitung, 9.1.2009

Beiträge zum 20. Todestag des Autor:

Peter von Becker: Das Licht der Finsternis
Der Tagesspiegel, 29.12.2015

Alexander Kluge: Was hätte er in dieser Zeit geschrieben
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2015

Peter Jungblut: Heiner Müller zum 20. Todestag
Bayerischer Rundfunk, 30.12.2015

Heiner Müller – Weltautor mit DDR-Prägung
MDR, 30.12.2015

Wolfgang Müller: Wie aus Reimund Heiner wurde
Deutschlandradio Kultur, 30.12.2015

Tom Schulz: Dramatiker des Aufstands
Neue Zürcher Zeitung, 1.1.2016

Fakten und Vermutungen zum AutorArchiv + Interviews +
Homepage + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde OhlbaumGalerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Heiner Müller:  Die Zeit 1 + 2 ✝ Der Spiegel 1 + 2 + 3 ✝
TdZ

 

Trauerrede von Alexander Kluge am 16.1.1996 im Berliner Ensemble.

 

Thomas Assheuer: Der böse Engel
Frankfurter Rundschau, 2.1.1996

Lothar Schmidt-Mühlisch: Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. Vom Irrglauben der Revolution zur sprachgewaltigen Weltverachtung: Zum Tode des Dramatikers und Theaterregisseurs Heiner Müller
Die Welt, 2.1.1996

Gerhard Stadelmeier: Orpheus an verkommenen Ufern. Unter deutschen Irrtrümmern. Zum Tode des Dramatikers Heiner Müller
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.1.1996

C. Bernd Sucher: Zur Weltliteratur gezwungen.
Süddeutsche Zeitung, 2.1.1996

Jürgen Busche: Mit ihm war kein Staat zu machen. Zum Tod von Heiner Müller
Wochenpost, 4.1.1996

Fritz-Jochen Kopka: Ein Kern, der unberührt blieb
Wochenpost, 4.1.1996

Hansgünther Heyme: Reflexe aus westlicher Ferne Eine Hommage an Heiner Müller
Süddeutsche Zeitung, 9.1.1996

Birgit Lahann: Nun weiß ich, wo mein Tod wohnt
Stern, 11.1.1996

Gisela Sonnenburg: Oberlehrer und Visionär. Heiner Müller verstarb
DLZ 11.1.1996

Martin Wuttke: In zerstörter Landschaft. Meine Erinnerungen an Heiner Müller
Süddeutsche Zeitung, 16.1.1996

Stephan Hermlin: Zum Abschied von Heiner Müller. Rede zur Totenfeier für Heiner Müller im Berliner Ensemble am 16. Januar 1996
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.1.1996

Friedrich Dieckmann: Trauersache Geheimes Deutschland. Wanderer über viele Bühnen im zerrissenen Zentrum: Totenfeier für Heiner Müller in Berlin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.1.1996

Hans Mayer: Der Hund, der mir ein Stück Brot hinwarf
SoirÈe, 
S2 Kultur, 27.4.1996

Uwe Wittstock: „Ich bin ein Neger“
Neue Rundschau, Heft 2, 1996

Frank Hörnigk u.a. (Hg.): Ich wer ist das/Im Regen aus Vogelkot Im/KALKFELL/für HEINER MÜLLER. Arbeitsbuch
Theater der Zeit, 1996

Michael Kluth:Apokalypse mit Zigarre. Der Dramatiker Heiner Müller
SFB/NDR/ORB/DW, 1996

Jürgen Flimm: Zwischen den Welten
Theater heute, Heft 2, 1996

Thomas Langhoff: Der rote Riese.
Theater heute, Heft 2, 1996

Günther Rühle: Am Abgrund des Jahrhunderts. Über Heiner Müller – sein Leben und Werk
Theater heute, Heft 2, 1996

 

 


 

Bestiarium der deutschen Literatur-Müller

 

Heiner Müller liest Texte und spricht über Inge Müller.

Share on Facebook0Email this to someoneShare on Google+0Tweet about this on TwitterPin on Pinterest1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.