Heinrich Detering: Wrist

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Heinrich Detering: Wrist

Detering-Wrist

NEUE ZEIT

Post hoc est propter hoc
rufts aus der Ferne
Sehn Sie hier is’ was, Doc
Post- und Moderne

Telosschwund Ichverlust
Schrift Differenz
Nachtfrost auf Sommerblust
Lau war Ihr Lenz

weicht das Erhabene
(Ich in der Landschaft)
das der begrabene
Schiller mit Kant schafft

spottet der Mommsenblock:
Sterne, Laterne
Praxisschock, Praxisschock
hörn Sie’s nicht gerne?

 

 

 

„Seine Gedichte sind faszinierend

wie seine Essays“, schrieb Helmuth Nürnberger über Heinrich Deterings Band Schwebstoffe. Die neuen Gedichte erkunden Metropolen und entlegene Landschaften und vergewissern sich ihrer Geschichte. Lakonisch und neugierig vermessen sie die Welt zwischen Berlin und Boston und dem Borgo-Pass in den Karpaten, wo die Hunde als Wölfe in die Wälder zurückkehren. Sie begleiten einen Luftschiffer in Oxford auf einer Zeitreise und lassen Dutschke, Duce und Dubcek in einem Vers zusammentreffen, sie sehen Chuck Berry den Blues spielen und gehen den sterbenden Piraten der Schatzinsel nach ins Unbekannte. Formbewusst und mit großer Leichtigkeit halten diese Verse die Schwebe zwischen Alltäglichem und Metaphysik, zwischen romantischer Sehnsucht und Spielwitz.

Wallstein Verlag, Klappentext, 2009

 

Chuck Berry rockt zu Rilke

− Kurzweilige Andacht: Heinrich Detering, Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler, weiß um die sentimentalen Schlagseiten der Andachtsästhetik. Wiederverzauberung der Welt durch poetische Askese lautet deshalb sein poetologisches Programm. −

Seit der Romantik hadert die Literatur mit einem besonders anspruchsvollen Wahrnehmungsmodell: einer Ästhetik, die auf Andacht, Ergriffenheit, hohe Töne, große Gefühle zielt und dem Betrachter so lange Geduld abverlangt, bis er sich erweckt fühlt. Wilhelm Heinrich Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796) mit ihren frommen Geschichten über Kunst, Malerei und Literatur verkörperten diese Ästhetik eindrücklich, und prompt zog Goethe gegen das „klosterbrudisierende Unwesen“ ins Feld. Heinz Schlaffer brachte das Problem einmal auf den Punkt. Seit den Desillusionierungen der Moderne gelte die Andachtsästhetik als Kitsch. Er setzt stattdessen auf Flüchtigkeit, auf eine Schönheit, die sich nur zufällig einstellt und schnell wieder vergeht.
Dabei könnte man es belassen, wäre nicht gerade ein Gedichtband erschienen, dem die Kritik an der Andachtsästhetik zugleich sympathisch und unbefriedigend erscheint. Heinrich Detering, Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler, weiß um die sentimentalen Schlagseiten der Andachtsästhetik. Wiederverzauberung der Welt durch poetische Askese lautet deshalb Deterings poetologisches Programm. Es ist ein Programm für eine Welt, der mit dem Religiösen auch ihre Ausdrucksformen, das Pathos, der hohe Ton, abhandengekommen sind. Sie kann sich ihren Mysterien nur auf umgekehrtem Weg, durch Ironie und nüchternes Silbenzählen nähern.

Wenn das Weltgericht anbricht
Mit kurzen Texten und heiterem Trotz reibt sich der Dichter Detering an einer prosaischen Welt ohne Gott und Teufel, einer Welt, die sich mit dem materiellen Hier und Jetzt zufriedengibt. Die Texte sind lose thematisch miteinander verbunden und in vier Gruppen gegliedert: Eine erste Gruppe („Semiotik in Erlangen“) handelt von Reisen, Legenden, eigentümlichen Ereignissen, eine zweite von Vergangenheit und Tod („Leichenschatten“), eine dritte über Historisches („unter den Pappeln“) und eine vierte über die letzten Dinge. Sie ist nach dem gleichnamigen Gedicht „Königstür“ überschrieben und zeigt den nicht unerheblichen Spannungsbogen des Bandes an: Bei der Königstür handelt es sich um den wichtigsten liturgischen Baukörper der orthodoxen Kirche. Sie öffnet sich, so heißt es, wenn das Weltgericht anbricht.
Wer so hoch greift, muss genau prüfen, welche poetischen Traditionen er beerben will. Die metaphysischen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts etwa zählen nur bedingt dazu. Bei aller Bewunderung möchte Detering kein John Donne sein: „die Metaphysik as we know it / is often hard to share / doch ein metaphysical poet ist auch nicht irgendwer“, heißt es lakonisch. Metaphysischen Dichtern stand offenkundig zu Gebote, was den Gegenwärtigen nicht mehr zukommt: „betörende Wörter / wie Pan und parasakral“.

Sein Wahnfried heißt Wrist
Auch eine neue Kunstreligion hat der Dichter nicht zu bieten. Sein Wahnfried heißt Wrist: Im wirklichen Leben ist Wrist ein kleiner Ort an der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Kiel; im Gedicht wird er zur Chiffre für ein unentdecktes „Zwischenreich / aus Himmeln und aus Mooren“, wo – wie alte Landkarten schreiben – die Löwen wohnen. Deterings Sprecher hat sich hier schnoddrig und mit Chuzpe eingerichtet, um zu sehen, was nach der Welt kommt: „Hier werd ich sein wenn nichts mehr ist / nicht Löwe Land noch Karte / Die Ewigkeit sieht aus wie Wrist / Ich habe Zeit Ich warte“.
Das Bild vom Moor und der widerständige Ton des Textes lassen unweigerlich an Annette von Droste-Hülshoff denken, auch wenn die lyrischen Gesprächspartner Deterings Hans Magnus Enzensberger, Harald Hartung und Dirk von Petersdorff heißen. Als zurückgezogener, mönchischer Dichter stellt er die Naturordnung Norddeutschlands auf den Kopf. Er erneuert die Physikotheologie. Bäume baumeln (auch grammatikalisch in umgekehrter Reihenfolge) vom Himmel herab; Newtons Fallgesetze gelten nicht mehr. Beim Abstieg ins Tal der Kraniche hingegen heißt es:

als ich vom Abhang die Herrlichen sah
und ihre klagenden Schreie hörte
wusste ich: das hier ist das Paradies
im Augenblick des Sündenfalls
und kehrte um

Schreiende Hasen und die Apo
Doch schreckt der Dichter vor der Sünde nicht nur nicht zurück, sondern sie erweist sich als notwendiges Gegenstück zum Heiligen. Die Begeisterung für das Dunkle und Gefährliche lässt den Dichter zum Piraten, zum Geschichtenerzähler werden. Er träumt sich in das Personal der „Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson hinein und fragt, was nach Verschwörung, Meuterei, Schatzsuche und Mord kommt. Jim Hawkins, der jugendliche Held des Romans, versprach sich, nie wieder auf die Schatzinsel zurückzukehren. Doch glücklich zu Hause angekommen, quält ihn noch Jahrzehnte später die Abenteuerlust, die Sehnsucht nach dem Ort, den er floh: „der Rentner träumt im Admiral Benbow / krank vor Heimweh jede Nacht jede Nacht“.
Auf die Abenteuer des Kultbuches antwortet „1967“, ein Gedicht über das Aufwachsen auf dem Land, über schreiende Hasen und die Apo, deren blasphemische Ansichten, so fürchteten die Dörfler, die Jugend in der Gestalt einer jungen Lehrerin bedrohten. „Oxford, Deadman’s Walk“ hingegen blickt weit in die Geschichte zurück und erzählt von der ersten Ballonfahrt auf englischem Boden im Jahr 1784. Der Luftschiffer James Sadler startete aus den Wiesen Oxfords und landete nur sechs Meilen vom Abflugort entfernt. „Jenseits der Themse hatte er Mordor / erblickt in endloser Ferne“. „Flüchtige Hirngespinste“ wie dasjenige vom Land des Schreckens aus J. R. R. Tolkiens Herrn der Ringe begleiten den Luftschiffer auf der Fahrt ins Ungewisse, in die Einzugsgebiete von Wrist.

Der Dichter als Fan und DJ
Wrist liegt überall und nirgends, ist ein imaginärer und realer Ort, eine Sichtweise und Daseinsform. „Wristen“ drückt sich durch running gags wie den Verweis auf das schon aus dem Vorgängerband Schwebstoffe von 2004 bekannte Autohaus Elmshorn, durch Fankult und Spaß am Sampeln aus. Als Fan und DJ schreibt der Dichter über Künstler wie Bob Dylan, Irmgard Keun, Chuck Berry und über Friedrich Nietzsche. Es geht um Alter und Ekstase, „Heliumhirn / und bleierner Bauch“, um das Überleben und Sterben von Legenden.
„Duck Room, Blueberry Hill“ spielt in Chuck Berrys gleichnamigem Restaurant in St. Louis, wo er selbst noch Konzerte gibt und sich in seinem berühmten „Duck walk“ versucht. In Wrist gerät dieses Szenario zum negierten Sonett: Der alte, aber energiegeladene Chuck Berry trifft mit seiner E-Gitarre auf den ekstatischen späten Rilke der „Sonette an Orpheus“. Rilkes „O reine Übersteigung“ aus dem ersten Sonett wird zur Tonspur für den dreiundachtzigjährigen Chuck. Seine E-Gitarre verhallt mit rilkeschen Zuckungen: „Rom in Ruinen Und noch immer Rom“.
Detering ist kein Poeta philologus, kein Philologendichter. Er will bewegen – als Mönch, Pirat, Geschichtenerzähler, Fan, DJ und ohne das große klosterbrudisierende Rad zu drehen. Wenn Andacht so kurzweilig ist, hat sie ihre moderne Form gefunden.

Sandra Richter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2009

Sich selbst ins Wort gefallen

Heinrich Detering lockt die Leser nach Wrist

bei Hamburg ging endlich die Sonne auf
über der Alster das rosige Winterlicht
über der Elbe die lautlose Explosion
später über Hannover
lagen die braunen Rauchschwaden wie im Krieg.

Der das geschrieben hat, kennt dank seiner späten Geburt (1959) die Rauchschwaden im Krieg allenfalls vom Hörensagen. Aber dieses plötzliche „wie im Krieg“, woher es auch kommen mag, lässt aufhorchen. Dem Autor Heinrich Detering gelingt eine poetische Aussage, welche in der Imagination der Leser nun ihre eigenen Wege geht.
Als Detering vor fünf Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlichte, fand sich darin auch schon eine Reiseminiatur:

bei Kassel kreuzten wir die Wettergrenze
im Radio Satchmos lässige Eleganz

endlos unter der Brücke die glitzernde Werra im Wald
dann der Regen

Auch das war gelungen: lässige Eleganz auch im Gedicht, schicke Langweiligkeit als Thema … und kein Risiko. Diese Manier ist auch in dem neuen Band noch zu finden, wenn „der Regen einsetzt“, in „Husum, kurz vor sieben“. Aber sehr viel öfter als damals gibt es nun Themen und Wendungen, die dafür sorgen, dass die Gedichte nach dem letzten Vers im Kopf der Leser erst richtig anfangen, wie der zitierte „Reisebericht“.
Dazu muss der Autor sich spalten, sich beobachten und doch er selber bleiben. Ironisch und beinah frech geschieht das gleich im zweiten Gedicht mit dem Titel „Wrist“, das dem Band seinen geheimnisvollen Namen gegeben hat: Wer weiß schon, dass es sich dabei um eine 2504 Seelen zählenden Gemeinde in Schleswig-Holstein handelt, ein „Zwischenreich / aus Himmeln und aus Mooren“? Volkstümlich rhythmisiert und gereimt, ist es ein kleines Meisterwerk. Darin lässt das lyrische Ich demonstrativ seinen vielbeschäftigten Autor hinter sich: „Die Ewigkeit sieht aus wie Wrist / Ich habe Zeit Ich warte“. Schärferer Sarkasmus schafft den nötigen Abstand in „Neue Zeit“, einem umwerfenden Insider-Gedicht mit akademischem Modejargon.
Ein unüberbrückbarer Abgrund trennt den Autor von dem Kind, das er einmal war und in dessen Perspektive das lyrische Ich in „1967“ spricht (er war also gerade acht): „wir gingen Hasen jagen mein Vater und ich“, ein Gedichttyp, für den Durs Grünbein mit seinem „Schweißausbruch“ („Und immer geht die Katze mit mir mit, der blutige Kadaver…“) hohe Maßstäbe gesetzt hat.
Wieder anders, aber sehr eindringlich hören wir ihn in nächster Nähe sprechen, wenn er ganz still ist beim Sterben einer Neunzigjährigen „im halbleeren Bett“. Auch politische Themen meistert Heinrich Detering , obwohl sie nie ohne eine dezidierte Meinung des Autors auskommen können: Josef Weinhebers, des „Faschisten“, Selbstmord wird zu seinem letzten Vers, nachdem er den vorletzten schrieb: „Dies alles ist furchtbar“.
Johannes R. Becher, der Dichter und später kaltgestellter Kulturminister der DDR, bekommt eine jämmerliche und doch tragische Aura: „seine Stimme im Chor zu hören / heißt nicht allein zu sein / und es klingt wie ein unreiner Reim“. 
Heinrich Detering ist nicht nur ein Fachmann, was Metrik und poetische Formen betrifft, er besitzt auch eine feine Sensibilität dafür, dass die Form anmaßend werden kann. Nicht umsonst sind die Dichter der Moderne gegen Strophen und Reime allergisch geworden.
Die radikale Silbenzählung scheint eine Form zu sein, welche Wortwahl und Satzbau unbehindert lässt, aber dem Dichter doch die Kompetenz einräumt, seinem Werk einen poetischen Stempel ohne inhaltliche Vorgaben aufzudrücken. 
In einer schönen Skizze „zehn Silben” wird so eine flüchtige Empfindung poetisch gespiegelt und erhebt sich dadurch über eine private Plauderei:

das Herzklopfen beim Nachhausekommen
jede Woche draußen vor der Haustür
das leichte Kribbeln wieder da zu sein
schon ulkig nach fast vier Jahren Pendeln

nur zehn Silben lang aber immerhin

Eine etwas ausführlichere Reflexion in zwei vierzeiligen Strophen (je ein Vers mit 11 und drei Verse mit 10 Silben) unter der Überschrift „einwandfrei“ schildert, vielleicht etwas selbstgefällig, das zwiespältige Verhältnis zwischen dem der spricht und seiner Rede.
Der Dichter verschont auch seine eigenen Texte nicht mit diesem Misstrauen – und verdankt ihm seine besten Gedichte:

so höre ich mich manchmal Sätze sagen
von denen ich nicht weiß woher sie kommen
sie klingen einwandfrei Den der sie sagt
möchte ich nicht kennenlernen müssen

er redet gut für seine Verhältnisse
mit denen ich nichts zu schaffen habe
wenn ich ihm jetzt ins Wort fallen könnte
ich würde es tun So höre ich mich

Hans-Herbert Räkel, Süddeutsche Zeitung, 14.11.2009

Über Heinrich Deterings Gedichte

− Einführung zu einer Lesung. −

Wrist lautet der Titel, einfach Wrist. Er wirkt merkwürdig, ebenso rätselhaft wie konkret. Was hat es damit auf sich? Was können wir erwarten? Ich halte es mit Lessing. Buchtitel – hat Lessing wunderbar konzis gesagt – sind keine Küchenzettel. Also Wrist.
Wer nachschlägt, findet, daß Wrist eine alte Bezeichnung für „Rist“, das Hand- oder Fußgelenk ist. Aber etwas anderes hilft uns eher auf die Sprünge: Wrist ist ein kleiner Ort an der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Kiel. Ich weiß nicht, ob Heinrich Detering, der passionierte Bahnfahrer, je dort ausstieg; vielleicht ging es ihm wie dem polnischen Dichter Zbigniew Herbert, der über das oberitalienische Rovigo schrieb: „Nie hat mein Fuß diesen Ort berührt / stets nahte Rovigo oder es blieb zurück.“ Doch es heißt bei Herbert auch: „x-mal und beim x-ten mal hab ich verstanden / daß dies in meiner inneren Geographie ein besonderer / Ort ist.“ Offenbar ist Wrist für Detering solch ein Ort, und er könnte es auch für uns werden:

WRIST

Wenn irgendwo die Schrift erscheint
Hic habitant leones
Dann ist vermutlich Wrist gemeint
Ich weiß es Ich bewohn es

Ich lebe hier im Zwischenreich
Aus Himmeln und aus Mooren
Die Welt ist mir inzwischen gleich
Der Welt ging ich verloren

Hier werd ich sein, wenn nichts mehr ist
Nicht Löwe Land noch Karte
Die Ewigkeit sieht aus wie Wrist
Ich habe Zeit Ich warte

Wrist ist offenkundig ein Topos, vielleicht der zentrale Topos von Deterings Poesie – etwa auf der Mitte zwischen Mörikes Orplid und Herberts Rovigo. Dessen Begriff von der inneren Geographie hilft uns vielleicht, die Topographie der Gedichte Heinrich Deterings zu begreifen. Ich spreche kurz über drei Markierungen: Über den Landschaftsmaler Detering, über Detering als Porträtisten, über den lyrischen Metaphysiker – „Die Ewigkeit sieht aus wie Wrist / Ich habe Zeit ich warte.“

*

Detering ist wenn nicht ein Naturlyriker, so doch ein Landschafter. Er kennt und liebt die norddeutsche Landschaft. Er besucht in Cathrinesminde das Gelände einer alten Ziegelfabrik und beschreibt, wie das Werk von drei Generationen von der Natur zurückgenommen wird. Er sieht die Feldlerche im Blau über den Düppeler Schanzen von anno 1849 und 1864. Er sieht beim Eidersperrwerk das unmerkliche Zusammenfließen der Gewässer – Zeit als Zeitlosigkeit: „Es geht sehr langsam hier mit den Flüssen“ heißt eine Zeile, die wiederholt wird.
Schneller – messbar schneller – geht es mit den Spuren von Geschichte, zumal Zeitgeschichte. In Menetekel heißt es: „Ulrike lebt stand auf dem Haus bis es / vor fünf Jahren der / Irish Pub renovieren ließ.“ Und das Gedicht zieht einen expliziten, fast lehrhaften Schluss: „die Menetekel veralten / es wird nicht gewogen die Gewichte / lösen sich einfach auf.“
Aber dann ist doch erstaunlich, wie stark Zeit und Zeitgeschichte in die norddeutsche Landschaft hineinspielen. Und das schon biographisch, geradezu autobiographisch. Das längste Gedicht des Bandes trägt eine Jahreszahl im Titel, 1967, und ist eine Erinnerung an eine Kindheit, in die das Erleben von Gewalt eindringt. Es spricht von der schockhaften Erfahrung einer Jagd, einer Hasenjagd, und vom Aufkommen historischer Umbrüche. Von einer Junglehrerin heißt es, sie sei von der APO, und dem kindlichen Protagonisten gehen die Namen „Dutschke Duce und Dubcek“ durcheinander.
Anders als Gottfried Benn formuliert Detering keine Verdammung der Geschichte, kein Ecce historia. Die Daten der Geschichte ergeben nur die Vordergrundsszenen. Dahinter steht immer etwas anderes, schwer Benennbares. In dem Gedicht über das Jahr 1967 gibt es ein Zeilenpaar, das sich dreimal durch das Gedicht zieht. „der dunkle Fluss unter den Pappeln / hinter der dunklen Koppel im dunklen Licht.“
Man beachte die dreifache Dunkelheit: die von Fluss, Koppel und Licht. Ja, auch das Licht ist dunkel. Die Szene von Jagd, Tod und Gewalt ist so etwas wie eine biographische Urszene. Eine Szene, die nach Auflösung, ja Erlösung verlangt. Das Gedicht bietet sie nicht – und das zu seinem ästhetischen Vorteil. Das Kind weiß nicht, was es mit all dem Dunkel auf sich hat. Und der Dichter: Er lässt das dreifache Dunkel für sich stehen. Diese dunkle Trias schließt sein Material für weitergehende Deutung auf.

*

Und so bin ich bei meinem dritten Gesichtspunkt, bei der These: Heinrich Detering ist ein metaphysischer Poet. Doch Vorsicht! Ich habe da ein Donnerwort in den Mund genommen; und Donnerworte sind Deterings Sache nicht. Dazu hat er zu viel Diskretion, Ironie, Humor – schwer zu sagen, was dominiert. Und wiederum muss ich ihn zitieren, wenn auch nur eine Strophe:

die Metaphysik as we know it
is often hard to share
doch ein metaphysical poet
ist auch nicht irgendwer

Der Titel lautet: ein Metaphysiker spricht. Wir haben also ein Rollengedicht –sagen wir wie Mörikes Lied des verlassenen Mägdlein. Es lässt die Frage offen, ob sein Autor sich mit der Rolle identifiziert. Auch ich lasse die Frage offen. Gedichte, die keine Fragen offen lassen, sind ohne Interesse.

*

Werfen wir aber noch einen Blick auf die anderen Masken und Stimmen, auf die Figuren, derer sich Detering bedient, um das Seine zu sagen. Die Skala ist beträchtlich. Sie ist keineswegs aufs Hohe, Gebildete beschränkt: Zwar finden wir Figuren wie Karl IV., Grünewald, Nietzsche, und Wilhelm Raabe, Josef Weinheber, Johannes R. Becher und Irmgard Keun, aber wir stoßen auch auf die Pop-Ikone Chuck Berry. Das ihn betreffende Gedicht riskiert den Synkretismus von Pop und Hochkultur – es macht den Barden zum Doppelgänger von Rilkes Panther und Orpheus zugleich. Ich zitiere zwei Splitter aus dem Gedicht „Duck Room, Blueberry Hill“:

Nur manchmal wenn die blue note explodiert
geht durch der Glieder angespannte Stille
ein jäher Stoß

und: „Chuck Berry singt Oh hoher Baum im Ohr.“ Was Detering an solchen – vielleicht sogar anstößigen – Synkretismen interessiert, hat nichts der Forcierung von Trivialmythen zu tun. Es ist, wenn ich recht sehe, die Vorstellung, dass das Metaphysische, sagen wir ruhig: Religiöse sich in sehr verschiedenen Gestalten und auf höchst unterschiedlichen Niveaus zeigen kann – in Konstellationen, die unseren Kultur-Kanon ignorieren oder übersteigen. Oder wie es im Chuck-Berry-Gedicht, wiederum mit Rilke-Pathos heißt:

der Duck Walk deutet eine schwache Neigung
nur eben an O reine Übersteigung
Das Instrument noch immer unter Strom.

Das ist – nicht erst seit Wrist – überhaupt ein starkes Motiv im Schreiben Heinrich Deterings. Es kennt die stiften Wasser Norddeutschlands, doch er liebt auch die Stromstöße der musikalischen Übersteigung. Und nicht bloß der musikalischen, sondern auch der metaphysischen, ja religiösen. In seinem ersten Lyrikband Schwebstoffe gibt es ein Gedicht mit dem Titel Phantom, Schmerz, das auf eine Deutschland-Tournee von Bob Dylan rekurriert. Dort rekapituliert das lyrische Ich mit einem bestimmten Jugenderlebnis einen prägenden, fast stigmatisierenden Schmerz. Er wird ihm zugefügt durch das explodierende Feuerzeug in der Hand des ekstatischen Zuhörers: „wie er (nämlich Bob Dylan) Saving Grace sang und tauben Ohren predigte und ich zum ersten Mal dachte das / ist nun Dylan in Deutschland und meine Brandwunden leckte die ich / Immer noch spüre.“ (In diesem Kontext ist natürlich der Hinweis auf zwei Reclam-Bändchen unabweislich: auf Deterings Monographie Bob Dylan und auf seine Ausgabe der Lyrics, der Songtexte und Gedichte Bob Dylans.) Dylan erscheint als eine Kunstfigur von eigenen Gnaden, als Jünger des großen Dylan Thomas, und seine Vita als die Geschichte eines synkretistischen und doch authentischen Gottsuchers. Oder soll ich sagen: als eine Maske des gegenwärtigen Dichters? Wie viel wäre unter diesem Aspekt über Heinrich Detering noch zu sagen! Ich flüchte mich noch einmal ins Zitat:

die eine Frage ist: was wahr ist
die andere: was mich betrifft
wenn für die erste alles klar ist
bleibt für die zweite noch die Schrift.

Halten wir uns an die zweite Frage. Denn nicht wahr: die Gestalt erledigt das Problem. Hofmannsthals Diktum gilt für jeden Dichter. Halten wir uns also an die Schrift – wie sie jetzt laut wird, wenn Heinrich Detering liest.

Harald Hartung, 2010

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Stefan Höppner: Wo die Löwen wohnen
literaturkritik.de, November 2009

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Georg Langenhorst: Germanist, Katholik, Poet – Heinrich Detering wird 60
feinschwarz.net, 17.102019

Fakten und Vermutungen zum AutorIMDb
Porträtgalerie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.