Heinrich Detering: Wundertiere

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Heinrich Detering: Wundertiere

Detering-Wundertiere

KRITIK DER URTEILSKRAFT

als Reinhard Brandt von der Erleuchtung
der Moral durch die Erfahrung des Schönen sprach
schaltete ganz hinten an der Tür
Werner Hofmann das Licht aus

es war nur ein Versehen gewesen
alle lachten auch wurde es
gleich wieder hell
nur anders als vorher

 

 

 

In seinen neuen Gedichten

greift Heinrich Detering aus in eine Geschichte, die in die Natur vor dem Menschen zurückreicht. Er führt Gespräche mit den Toten, erkundet den Alltag aus der Perspektive von Kindern, fragt nach den Vögeln von Golgatha und nach den Grottenolmen, die bei acht Grad im Dunkeln ihr Dasein fristen. Er beobachtet so unterschiedliche Gestalten wie den Konstrukteur einer Sprechmaschine im England des 18. Jahrhunderts, den vom Blitz erschlagenen Erfinder des Blitzableiters oder den Papst, der auf dem Petersplatz seine Umgebung vergisst. Im leichten Umgang mit strengen Formen entfaltet er eine Poesie, die mit Demut, Neugier und Spielwitz nach den ersten und den letzten Dingen fragt – und nach dem Alltag dazwischen.

Wallstein Verlag, Klappentext, 2015

 

Als der Augenblick seinen Namen bekam

– Die Möglichkeit eines Einklangs zwischen innen und außen beschwörend: In seinen neuen Gedichten sucht Heinrich Detering nach besonderen Momenten in der Geschichte und der Gegenwart. –

Arnold Gehlen interessierte sich für Lyrik, weil er darin Anschauung für ein Grundproblem der Anthropologie fand, nämlich die Angleichung von innerer und äußerer Welt des Menschen. In der Entwicklung der Lyrik im Bezug auf das Schicksal der „Seele im technischen Zeitalter“ diagnostizierte Gehlen allerdings eine Tendenz zur „Intellektualisierung und Entsinnlichung“, die sich in einer Distanzierung „von der unmittelbaren inneren und äußeren Natur“ zeige. Das habe zur Folge, dass es im Publikum nurmehr „eine kleine Zahl interessierter Laien von wirklich erzogener Kennerschaft“ geben könne.
Das ist für das Werk etwa Gottfried Benns eine plausible These, unter den Bedingungen der fortgeschrittenen Virtualisierung scheint sich jedoch, wenn nicht alles täuscht, eine Wende in dieser Tendenz abzuzeichnen. Der Preis der Leipziger Buchmesse für Jan Wagner mag darauf hindeuten, dass eine Lyrik zunehmend Beachtung findet, die zwar nach wie vor historisch und poetologisch reflektiert ist, sich aber dennoch auf die Restitution einer sinnlichen Erfahrung der Dinge und Wesen in der Wirklichkeit, in der wir alle leben, richtet; und das mit Witz und Charme.
Auch in den in Wundertiere versammelten neuen Gedichten von Heinrich Detering zeigt sich das lyrische Ich als belesen und reflektiert, gleichwohl zielen die Texte immer aufs Neue auf den Moment, in dem innen und außen glückhaft, erschütternd oder erkenntnisfördernd aufeinandertreffen. Dass es im Deutschen das schöne Wort „Augenblick“ gibt, dafür ist Detering dem Barockdichter Philipp von Zesen dankbar, der die Marotte hatte, lateinische Bildungen einzudeutschen.

ja wirklich es war ein glücklicher Moment
als Zesen zum Augenblick Augenblick sag-
te.

Den Moment noch einmal im Zeilenbruch erscheinen zu lassen ist eine der manirierten Spielereien, die sich Detering augenzwinkernd leistet, aber nicht ohne „Leidenschaft“ (bei Zesen deutsch für „Passion“).
In der Tradition romantischen Denkens evozieren einige der Gedichte hintergründig die vielsagende Welt vor der Entstehung einer Intellektualkultur, in der die Natur auf Maß, Zahl und Formel reduziert wurde und nunmehr zu viel war, um noch etwas zu bedeuten.

die ersten Menschen sahen die Fülle noch
den Sternenhimmel blenden im fremden Glanz
die Wasser wimmelnd Wälder voller Tiere
Inseln erfüllt von süßen Klängen

Dabei geht es aber weniger um die Klage um den unwiederbringlichen Verlust als um die Frage, wann dieser Verlust an Bedeutsamkeit sich ereignete und wer das wohl zuerst bemerkte. Vielleicht war das ja der Moment des ersten Lyrikers, indem er sich auf die Restitution des Verlorenen verwiesen sah. So geht auch Detering zuweilen zurück auf die Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, in denen der Mensch nach der Überzeugung des Novalis die Sprache der Blumen und Tiere verstand, er ruft den schwedischen Hausgeist Tomte auf, wie ihn Astrid Lindgren unvergesslich dargestellt hat, oder die Wundergeschichte des Thomas, nach der Jesus kleine Vögel aus Lehm erschuf.
Viele Gedichte in dem Bändchen beziehen sich auf historische Ereignisse oder literarische Texte; wo es dem Verständnis dient, ist Detering mit kurzen Anmerkungen behilflich. Es geht ihm aber nicht darum, mit exquisitem historischem Wissen zu beeindrucken, in der Geschichte wie in der Literatur sucht er eher den manchmal kuriosen Moment, die Plötzlichkeit, in der sich etwas erhellt. Wortwörtlich im Gedicht über den Erfinder des Blitzableiters Georg Wilhelm Richmann, der vom Blitz erschlagen wurde. Im Anklang an den klassischen Vers der Elegie setzt das Gedicht Jupiters Liebling und seinesgleichen ein Denkmal:

wir sehen euch im Blitzlicht ihr scheiternden Sieger
wir hören euch nachts wenn der Gewitterregen rauscht.

Den schönen Augenblick aber suchen diese Gedichte auch in der Gegenwart auf. Die Möglichkeit des Einklangs zwischen innen und außen erscheint aber manchmal nicht ohne die Bedrohung durch Angst, Einsamkeit und Sorge. Das zeigt sich im erschütternden Anblick als Projektion. Im plötzlichen Licht der Roboterkamera wird die Seegurke zur Allegorie absoluter Einsamkeit, der Grottenolm aber einer Art Leben, das wir nicht verstehen. Einige Gedichte sind auf bewegende Weise persönlich oder familiengeschichtlich, reden von nächtlichen Besuchen, von Tod, Verlust und Sprachlosigkeit. So zeigt sich Detering in der Tradition einer Moderne seit Baudelaire, die Dichtung als Gedächtnis des Leidens begreift und in der zum Dichter wird, wer nicht vergessen kann, was doch unwiederbringlich verloren ist.
So gibt es Ansätze der Rückkehr zu einer andächtigen, beinahe frommen Naturbetrachtung, aber die moderne Technik wird dabei nicht ausgeblendet, wenngleich sie meist wortspielerisch und humorvoll ironisch behandelt wird, so wenn die „automatische Ansage“ des Anrufbeantworters als „unaufhörliche Absage“ gedeutet wird. In einem Bravourstückchen antwortet Detering schließlich auf die provokative Frage des englischen Dichters Simon Armitage, ob auch profane Haushaltsgeräte ihren Platz im Gedicht haben können. Da wird dann der Blick auf „die zartblauen Blüten im Gras die zwischen / den rosa Blüten des Apfelbaums hervor- / leuchten“ synchronisiert mit dem „Signalglöckchen des Mikrowellenherds“. Ob das Menschen gefällt, die aus gastronomischem Prinzip keinen Mikrowellenherd besitzen, ist eine andere Frage.
In der kleinen Anspielung auf Mörikes „Auf einer Wanderung“ wird deutlich, dass Detering im Bewusstsein einer klassisch-romantischen Tradition schreibt, aber eben nicht rückwärtsgewandt, was sich auch in seiner freien Handhabung überkommener Gedicht- und Strophenformen zeigt, die er unter Vermeidung des Reims und glatt aufgehender Versmaße auf syntaktische Rhythmisierung reduziert, sondern ganz gegenwärtig und ohne kulturkritischen Groll gegen die Wirklichkeit der Smartphones. In einem Gedicht über Papst Benedikt XVI. wird aber gleichwohl eine weltabgewandte, über die Schrift gebeugte Lebensweise mit großer Sympathie dargestellt.
Auch Detering ist ein Wanderer im Sinne Goethes. Wissen erscheint bei ihm daher wie selbstverständlich als Bedingung einer intensiven Wahrnehmung des Augenblicks. Schwierig oder esoterisch im Sinne einer verbreiteten Aversion gegen die Lyrik der Moderne sind diese Texte aber nicht, vielmehr oft ganz unprätentiös. Vor allem aber haben sie etwas leise Humorvolles und wesenhaft Freundliches, das vielleicht auch jene von Gehlen erwähnten „berufstätigen gebildeten Menschen“, die der Gattung fernstehen, wieder ansprechen könnte.

Friedmar Apel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.4.2015

Der Grottenolm im Nirvana

– Die Einsamkeit der Seegurke und das historisch verbürgte sprechende Automatentier des Erasmus Darwin, Großvater Charles Darwins, das nicht wie erwartet das Vaterunser, aber „Mama“ sagen konnte, sind Sujets des Dichters Heinrich Detering in seinem Band Wundertiere, gerade im Wallenstein Verlag erschienen. Es sind kluge Gedichte, federleichte kleine Wortmaschinchen, die dem nachspüren, was Leben ist. –

Erasmus Darwin beschrieb und erforschte auch Schmetterlinge. Dichtung und Forschung liegen mitunter nahe beieinander. Besonders für einen Dichter wie Detering, der auch Universitätsprofessor ist. Lebt ein Grottenolm, der nicht sehen und nicht hören kann, in seiner stets acht Grad kalten Meereshöhle im Nirvana? Was bedeutet ihm Leben? Worin liegt mehr Einsamkeit als in dem Ruf, der einzig bekundet, dass das rufende Wesen da ist – wie die Rohrdommel, auf Norddeutsch „Moorochse“, mit ihrem nächtlichen Muhen! Oder schaffen Sprechen und Benennen erst die Einsamkeit? Isolierte sich der Mensch für immer, dadurch dass er den Tieren einen Namen gab?
Georg Wilhelm Richmann, der im 18. Jahrhundert mit dem Blitzableiter den Blitz einfangen wollte und so mit 24 Jahren in Petersburg umkam, wird zu einer mythischen Gestalt in Deterings Versen. Ikarus mit seinem Selbstversuch mutiert zum Künstler auf Ego-Trip im modernen Sinne. Maßstab ist das Alltägliche; auf Bruegels imaginierten Ikarus-Bild und in Heinrich Deterings Versen.
Deterings eingängige Zeilen fügen sich oft in klassische Formen, zum Beispiel dem Ghasel. Sie reimen sich mitunter, weisen auch manchmal wie ein perfektes Uhrwerk tickend mit didaktisch erhobenem Zeigefinger. Meist aber erkunden sie Räume, immer ein wenig auf der Flucht. Manchmal beinahe erschrocken, wenn da fremdes Leben Autor und Leser ins Auge sieht. Und bekümmert genauso über den möglichen Tod des Waschbären, der in eine Mülltüte verheddert über die Vorstadtstraße taumelt, wie über den Sperling, dem unachtsame Füße die Flügel brechen.
Aber in Deterings Reimen kommen auch der Mikrowellenherd, der Anrufbeantworter und der Computer vor. Das Poetische muss neben ihnen, ja, im Umgang mit ihnen bestehen. Und will doch gleichzeitig immer die Stille hörbar machen, in der Leben sich selbst und anderem Leben begegnet, und Erinnern ist an das, was vor uns war. Daraus erwächst den Zeilen eine eigene unbestimmte Offenheit, wie die der Nebellandschaften von Deterings schleswig-holsteinischer Heimat.

Simone Guski, Humanistischer Pressedienst, 24.4.2015

Nachtbesuch auf Golgatha

„Ein wenig Grazie“, hat Hans Magnus Enzensberger einmal geschrieben, „wäre mir schon genug“. Mit stilistischer Grazie und sparsamen Effekten poetische „Schwebstoffe“ zu generieren, hat sich auch Heinrich Detering vorgenommen, der mit Wundertiere seinen insgesamt siebten Gedichtband vorgelegt hat. Diese neuen Gedichte beschäftigen sich mit einigen Urszenen religiöser Erfahrung.
Ein zentrales Gedicht evoziert die Geschichte der Kreuzigung, das Ausgesetztsein des Gemarterten auf der Schädelstätte. In der Erfahrung der absoluten Tortur, der Folter gibt es für den sterbenden Jesus eigentlich keinen Trost mehr. Deterings Gedicht hält dem Augenblick des Schreckens die Geschichte des Kindheitsevangeliums nach Thomas entgegen, wonach der kleine Jesus Spatzen aus Lehm geformt habe:

aus Staub und Schlamm hat er kleine Vögel gemacht
die auf sein Wort über die Straße fort flogen

Die heillose Todesszene wird in den Schlussversen mit einem Bild der Hoffnung aufgehoben:

und alle sehen Vögel kommen die Vögel
die hungrigen kleinen Vögel

Hier klingt eine weitere christliche Legende an, derzufolge alle Vögel um Jesus trauerten und während der Kreuzigung herbeiflogen, um mit ihren Schnäbeln die Nägel aus seinen Händen und Füßen zu ziehen. Dieses poetische Prinzip Hoffnung grundiert den ganzen Band, die subtilen Denkbilder, die um Tiere kreisen, ebenso wie die Totengespräche und Erinnerungsstücke des zweiten Teils. Deterings Tier-Gleichnisse changieren manchmal ins Märchenhafte, etwa wenn über den wolkenartigen Flug der „Nilpferde über Donauwörth“ nachgedacht wird. Im Kapitel „Nachtbesuch“ setzt sich der Autor mit den Traumata der Vätergeneration auseinander und tastet sich an die unabgegoltenen Schrecken des Krieges heran.
Detering widersteht als Dichter der Versuchung, in die ihn seine Gelehrsamkeit als Literaturwissenschaftler bringen könnte: indem er seine Gedichte von Belehrungen freihält. Ihr leichter Ton, ihr beiläufiger erzählerischer Gestus wirkt vertrauensbildend. Nur an wenigen Stellen wird die Lakonie der Gedichte an eine Selbstinterpretation verschenkt („wie ikarus es sah“) oder das Dämonische einer Erfahrung („Kleine Geister“) durch die allzu gefällige Form neutralisiert.
Ihre größte Intensität erreichen die Gedichte dort, wo sie jedes metaphorische Dekor abstreifen und auf die genaue Beobachtung vertrauen. Wie im „Selbstversuch“ über Vergänglichkeit:

als ich geboren war zählte Mutter
alle meine Zehen und Finger durch
dann sank sie beruhigt ins Kissen zurück

als sie es erzählt hatte gestern am
Telefon saß ich einen Moment still
dann zählte ich noch einmal langsam nach und

sank zurück in den Sessel es war tatsächlich
noch immer alles da

Michael Braun, Badische Zeitung, 15.6.2015

 

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Rainer Strobelt: Lagen am Seeufer / wir zählten nicht
fixpoetry.de, 18.6.2015

Joachim Seng: Von der Einsamkeit der Seegurke
literaturkritik.de, Juli 2015

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Georg Langenhorst: Germanist, Katholik, Poet – Heinrich Detering wird 60
feinschwarz.net, 17.102019

Fakten und Vermutungen zum AutorIMDb
Porträtgalerie

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