Heinrich Olschowsky: Zu Wisława Szymborskas Gedicht „Glückliche Liebe“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Wisława Szymborskas Gedicht „Glückliche Liebe“ aus dem Band Wisława Szymborska: Vokabeln.

 

 

 

 

WISŁAWA SZYMBORSKA

Glückliche Liebe

Glückliche Liebe. Ist das normal,
ernst zu nehmen oder gar nützlich –
was hat die Welt von zwei Menschen,
die blind sind für Welt?

Emporgehoben zu sich ohne jedes Verdienst,
erstbeste aus einer Million, doch fest überzeugt,
es mußte so kommen. Belohnung wofür? Für nichts.
Licht fällt von nirgendwoher:
warum gerade auf sie und nicht auf die andern!
Kränkt das nicht die Gerechtigkeit? Ja.
Verletzt das nicht die sorgsam gestapelten Prinzipien,
verstößt die Moral vom Sockel? Das tut es fürwahr.

Schaut, euch diese Glückseligen an:
wenn sie sich wenigstens ein bißchen maskierten,
die Niedergeschlagenen mimten zur Aufmunterung ihrer Freunde!
Hört, wie sie lachen, entnervend,
welche Sprache sie sprechen, zum Schein nur verständlich.
Und ihre Zeremonien, dieses Gehabe,
diese ausgeklügelten Rücksichtnahmen
gleich einem Komplott im Rücken der Menschheit!
Schwerlich wohl abzusehen, was geschähe,
wenn sie Schule machten.

Womit könnten rechnen die Religionen, vor allem die Dichter,
was würde erinnert und was beiseite geworfen,
wer würde bleiben im Kreis.

Glückliche Liebe. Ist sie vonnöten?
Takt und Vernunft gebieten sie zu verschweigen
als einen Skandal aus den höheren Sphären des LEBENS.
Propere Babys kommen ohne ihr hilfreiches Zutun zur Welt.
Niemals hätte sie zu bevölkern die Erde vermocht,
Liebe, die nur sehr selten geschieht.

Mögen die Menschen, die glückliche Liebe nicht kennen, verkünden,
es gebe die glückliche Liebe niemals und nirgendwo.

Mit diesem Glauben können sie leichter leben und sterben.

Übertragung: Jutta Janke

 

Glückliche Liebe unter Anklage gestellt

Daß ich das Gedicht der Polin Wisława Szymborska auch im Original kenne, bleibt für die folgenden Bemerkungen ohne Belang. Obwohl es reizvoll wäre, das zu tun, was die mit zuviel Aufmerksamkeit hierzulande keineswegs verwöhnten Übersetzer und Nachdichter ungeduldig erwarten – die vorliegenden deutschen Varianten der Nachdichtung zu analysieren und miteinander zu vergleichen. Vielleicht später, und dann müßte nicht nur ein Gedicht, sondern der ganze Band Vokabeln (Berlin 1979) her. Jetzt und hier lese ich, als sei die Übersetzung die einzige Fassung, vor allem das Liebesgedicht. Das tut man nicht voraussetzungslos, lebendige Erfahrung und literaturgeschichtliche Kenntnisse haben bestimmte Erwartungen aufgerufen.
Da fällt einem ein, daß diese besondere Art lyrischer Reflexion schärfste Veränderungen durchzumachen hatte, um mit dem tiefgreifenden Wandel der sozialen Praxis und des kulturellen Habitus im 20. Jahrhundert Schritt zu halten. Ein Landsmann der Szymborska, Tadeusz Róžewicz, brachte diesen Vorgang auf die zugespitzte Formel: frühere Liebesgedichte hätten „dieses und jenes“ eines Körpers beschrieben, heute dagegen sei „Mangel Hunger / Abwesenheit / des Körpers“ die anschaulichste Beschreibung der Liebe („Entwurf eines zeitgenössischen Liebesgedichts“). Dies ist der radikalste Vorschlag, durch einen negativen, problematischen Ansatz der lyrischen Aussage den Ausdruck der Leidenschaft wieder überzeugend zu machen. Denn soviel scheint gewiß: Eine bestimmte poetische Sprechweise ist unglaubwürdig geworden. Die (nach-)romantische Verhimmelung der Liebe, die nur das absolut gesetzte Gefühl kennt, Hindernisse und Zwänge, denen es ausgesetzt ist, überspielt, ohne sie tatsächlich außer Kraft setzen zu können, eine solche Betrachtungsweise kam einem nüchternen, emanzipierten Wirklichkeitsverhältnis in die Quere. Über das schwärmerische Ansingen von Liebesglück und Liebesleid hat sich der rosige Nebel des Rührseligen gesenkt. Ein Liebesgedicht heute, das die idealisierende Überhöhung meidet, muß auch darauf achten, nicht einer anderen Verführung zu erliegen; dem bloßen Ausstellen erotischer Reizworte, das sich damit rechtfertigt, Befreiung von Sexualtabus zu bringen.
Szymborska hält zu beiden Extremen deutlich Distanz. Sie gehört zu jenen Lyrikern, deren Sensibilität die Vernunft nicht fürchtet, zur Logik braucht sie nicht angehalten zu werden. „Glückliche Liebe“ (1971) ist ein relativ spätes Gedicht. In früheren Texten traten die Umrisse erlebender Personen unmittelbarer hervor, kleine Stücke Handlung strahlten Stimmung aus; hier ist das Stimmungshafte zurückgenommen, es überwiegt das gedankliche Fazit über die Dialektik des Gefühls. Sinnlichkeit teilt sich nur über sublime Andeutungen mit, Geschlechtsunterschiede kommen hauptsächlich grammatisch vor.
Der Titel verspricht einen odischen Lobpreis der Liebe. Die Stimme, die sich im ersten Quartett vernehmen läßt, gibt sich aber nicht als die eines von Liebe Betroffenen zu erkennen. Hier spricht sich die im Alltag geschulte pragmatische Vernunft aus, die auch Empfindungen an ihren Zwecken mißt, die der großen Leidenschaft mißtraut, weil sie sich in den Raster normal, ernst zu nehmen, nützlich nicht fügt. Diese Stimme entfaltet sich in der Art eines musikalischen Themas und organisiert den weiteren Text. Ihre Einwände stellen die glücklich Liebenden gleichsam unter Anklage. Wessen werden sie beschuldigt? Sie verhöhnen die Grundsätze von Gerechtigkeit und Gleichheit in der Zuteilung von Glück, ihre unverdiente und dazu unverhohlen gezeigte Glückseligkeit irritiert die mit ernsteren Sorgen beschäftigte Mitwelt. Die Rücksicht der Liebenden füreinander macht die sonst unmerkliche Rohheit im Umgang der Leute plötzlich sichtbar. Wozu das? Auch ist glückliche Liebe so hoffnungslos einmalig, daß sie sich nicht nachahmen läßt und folglich auch als erbauliches Vorbild für normale Liebe nicht taugt. So selten wie sie vorkommt, wäre sie nie in der Lage, die Fortpflanzung der Menschheit zu sichern. Mithin: Sie ist durch und durch entbehrlich. Die verärgerte Gereiztheit im Ton sollte niemanden dazu verleiten, die Einwände auf den Horizont jener Sprüche festzulegen, wie sie an Kaffee- und Biertischen die Runde machen. Wo das Klischee anklingt bringt sich auch darin eine reale Erfahrung aus dem Alltag der Gefühle zur Geltung: die domestizierte Liebe. Durch Zwänge geprüft und gestutzt, hat sie sich, bescheidener geworden in ihrem Glücksanspruch, positiv in die Ordnung des Normalen eingepaßt. Szymborska, für filigrane Ironie und ihre Steigerung ins Paradoxe stets empfänglich, meidet hier sorgsam jede satirische Überzeichnung; sie gibt uns keine Handhabe, den Standpunkt des Alltags verächtlich zu finden.
Bis hierher habe ich das Gedicht einäugig gelesen. Habe vorsätzlich übersehen, daß durch die Kette nüchterner Vorbehalte hindurch sich ein positives Bild davon fügt, was glückliche Liebe sei: elementare Gewalt und unbedingter Anspruch des Gefühls. Die trockene Genauigkeit der Anklage verbirgt und enthüllt den tiefliegenden Wunsch nach dem Wunder. Der Text eröffnet von Anfang an einen Dialog von Stimme und Gegenstimme, in den der Leser seine Erfahrungen und Vorstellungen einbringen kann. Die Machart dieses Gedichts, vom Erleben in der Ordnung des Alltags ausgehend, voller Skepsis das Lob des außerordentlichen Liebesglücks vorzutragen, zeigt eine kluge Wirkungsstrategie. Sie entspricht der wissenden Zurückhaltung der Dichterin gegenüber allem Überschwang, und sie überfordert den Leser nicht mit einem idealen Anspruch, sondern nimmt seine durchschnittliche Erfahrung ernst. Diese freilich wird nicht einfach bestätigt, sondern in ihrer Beschränktheit stets in Frage gestellt. Szymborska sinnt darüber nach, wie zweierlei Gefühlserfahrung, das Normale und das Normen-Sprengende, zueinanderkommt.
Was die Autorin als glückliche Liebe in den Blick rückt, ist der exemplarische Fall einer gleichberechtigten, erfüllten Partnerbeziehung. Das Muster ist uralt. Was es der Dichterin heute bedeutet, reflektiert sie in Zusammenhängen, die auch sonst ihr Werk bewegen; unter anderem in der Dialektik von Zufall und Notwendigkeit, von Einzelexistenz und dem Gesetz der großen Zahl, von Vergänglichkeit und Dauer. Wie ein Prisma sammelt und bricht der Text die Reflexe der anderen (Liebes-)Gedichte.
Liebe, in der zwei unter Millionen sich so sehr bestätigt und bereichert finden, daß sie unerschütterlich gewiß sind, seit je füreinander bestimmt zu sein, solche Liebe ist für alles globale Denken eine Provokation. Die Statistik und die Geschichte runden die Zahlen ab; tausendundeins gilt eben als tausend. Aber Szymborskas Vorstellungskraft „kommt schlecht mit den großen Zahlen zurecht, denn / immer noch rührt sie das unverwechselbar Einzelne an“ („Die große Zahl“). Darum sucht sie Halt in einer Beziehung, in der einer sich dem anderen rückhaltlos öffnet, seine Identität dadurch aber nicht einbüßt, sondern bereichert. Die Liebesbeziehung gilt der Dichterin als Chance gegen die in „Gruppenbild“ (eine unglückliche Übersetzung, die besser „Massenfoto“ hießen) beschriebene Tendenz, durch eine globale Perspektive den einzelnen in der Masse aufzulösen, bis sein Antlitz zum statistischen Jedermannskopf wird, der „keinerlei Eigenheit“ mehr besitzt.
Liebende sind so, wie sie erscheinen. Zwischen Empfindung und Gebaren hat sich keine Differenz geschoben; ihr glückliches Aussehen ist geradewegs Ausdruck ihres Glücks. In Szymborskas Augen ist das ihre besondere Bestimmung: Sie kennen keine Verstellung, brauchen weder Sorge noch Argwohn vor anderen zu maskieren. Einander nicht entfremdet, sind sie gut zueinander und zu anderen – nicht aus tugendsamer Anstrengung, sondern als Folge ihres ansteckend freigiebigen Glücks („Die Verliebten“). Das Einvernehmen, das das Gefühl stiftet, bedient sich auf andere Art der allgemeinen Sprache und kennt überdies andere Zeichen, Gesten, Blicke, Berührungen und die schöne Nutzlosigkeit der Wiederholung: „Ich liebe dich“. Dies alles, für Außenstehende dunkel und verwirrend, gehört dazu. Diese Art Kommunikation entschleiert plötzlich die üblichen Sprachmuster, in denen wir uns eingerichtet haben, wo Gefühl eher verborgen und verdrängt wird, das schlichte Aussprechen des Gemeinten aus taktischer Rücksicht besser abgepolstert wird, wo Sätze weniger gelten als Stellen und Nebenbedeutungen. Innerhalb solcher Gewohnheiten sprachlichen Umgangs erscheint die Sprache der Liebenden in der Tat als unverständlich und störend.
Schließlich und letztens: Liebe, die keinen Grund hat, mit der keine besondere Leistung vergolten wird, deren Nutzen fragwürdig bleibt, ist der pragmatischen Vernunft ein Graus. Das Doppelspiel, wie durch dieselbe sprachliche Wendung Liebe zugleich verachtet und gerühmt werden kann, drücken treffend folgende zwei Verse gegen Ende des Gedichts aus:

Takt und Vernunft gebieten sie zu verschweigen
als einen Skandal aus den höheren Sphären des LEBENS.

Die Wortgruppe „Skandal aus den höheren Sphären“ motiviert ihre Kritik an der Liebe durch Anspielung auf eine reiche Kitschliteratur zum einschlägigen Thema. Erst durch die (graphisch hervorgehobene) Ergänzung „höheren Sphären des LEBENS“ erfährt das Wort „Skandal“ einen Bedeutungswandel, das biblische Ärgernis klingt stärker an. Die Aussage der ganzen Wortgruppe umschreibt jetzt den unerhörten Vorgriff auf ein glücklich entfaltetes Menschsein, der der Alltagsroutine anstößig erscheint, weil er deren Halbheiten ins grelle Licht rückt.
In den letzten drei Zeilen des Gedichts erreichen beide Stimmen ihren Wendepunkt. Die Autorin gibt das Rollenspiel des Anklägers auf. Nun spricht das dichterische Subjekt unvermittelt: Wer glückliche Liebe nicht erfahren hat, mag behaupten, es gebe sie nicht. Szymborska weiß etwas von dem Wunsch nach gleichberechtigter Teilhabe – an der unbelebten Natur („Gespräch mit dem Stein“) wie am konkreten Schicksal anderer Leute („Monolog für Kassandra“). Der siebente „Sinn der Teilhabe“ gilt ihr als Möglichkeit, die Spanne zwischen dem Einzeldasein des Menschen und seiner sozialen Natur, zwischen der Beschränkung des Individuums und seinem grenzenlosen Erkenntnisdrang nicht nur abstrakt zu schließen. Wer nur Beobachter „glücklicher Liebe“ war, aber an ihr nicht teil hatte, dem gilt ihr Wunder als leerer Wahn, und den Anspruch, der von ihr ausgeht, seine bisherige Existenz umzustülpen, wird er als Zumutung abweisen. Diese Haltung bewahrt ihn davor, der unwägbaren Herausforderung großer Liebe standhalten zu müssen, und ist Schutz dagegen, der ausgebliebenen Leidenschaft als eines unwiederbringlichen Verlustes innezuwerden. So ist es wohl leichter, ein Leben in der Norm zu leben, und leichter auch, aus ihm zu scheiden.
Keine Spur von Ironie – nur die verhaltene, eindringliche Trauer der Autorin, daß der Sehnsucht so vieler Leute und der beglückendsten Möglichkeit der menschlichen Gattung nur im geringen Zufall Erfüllung widerfährt.

Heinrich Olschowsky, neue deutsche literatur, Heft 8, August 1981

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