Heinz Czechowski: Was mich betrifft

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Heinz Czechowski: Was mich betrifft

Czechowski-Was mich betrifft

KUNŠTÁT IM REGEN
Für Ludvík Kundera und Jan Skácel

Ob die Wolken abdrehen, Wind
Den Himmel freilegt, oder
Der Regen die Feldsteine weißwäscht –
Wer weiß es?

Substantielle Gespräche, Tee,
Von Kennern in Tassen gebrüht –
Löffelweise
Stiehlt sich die Wahrheit
Nachtwärts
Ins Nichts.

Wie über die getöteten Linden
Hat über uns
Schon die Zukunft
Entschieden:

Man kommt nicht umhin
Von Halas zu sprechen.

 

 

Gedichte,

als „Ausdruck eines Betroffenseins“, mit „unverstellter Stimme“ zu uns sprechen zu lassen, war schon immer Bestreben des Lyrikers Heinz Czechowski. Verse solchen Betroffenseins sind diese Gedichte, gekennzeichnet von unbedingter Ehrlichkeit gegen sich selbst, geben sie Erfahrungen unvermittelt wieder allergisch-erregt, nachdenklich-elegisch, entwaffnend menschlich.
Landschaften um Dresden und Halle werden Schauplätze innerer Auseinandersetzungen, wie Reisestationen in Polen und Frankreich, in Böhmen angerufen werden – Ausdruck „allen Leids, aller Freude“, die sich nicht auf einen bekannten Begriff bringen lassen, sondern in ihrer lebendigen Bewegung erfaßt werden.
Der Vers Instrument dringlicher Befragung, auch wenn die eigene Existenz dabei in frage gestellt wird, zu „begreifen / was nicht zu begreifen ist“. Czechowski hat mit diesen Gedichten zu seiner poetischen Sprache gefunden, die schlicht sagen kann, was ihn so traf, daß es uns betrifft.

Mitteldeutscher Verlag, Klappentext, 1981

 

Gedächtnisprotokolle

Gedächtnisprotokolle – der Begriff scheint geeignet, auf die Besonderheit der neuen Gedichte von Heinz Czechowski hinzulenken. Er läßt die spannungsvolle Beziehung von Objekt und Subjekt anklingen, Innenwelt und Außenwelt, Tatsache und Gefühl. Protokollieren steht für das Wahrnehmen, Aufnehmen von Realität. Aber das, was wahrgenommen wird, unterliegt der subjektiven Auswahl. Warum gräbt sich etwas ins Gedächtnis ein? Man kann vermuten, daß allein das, mit dem wir nicht fertig sind, uns bewegt.
Immer wieder wendet sich der Lyriker dem Gebiet um Halle, dem Anhaltinischen zu, einer „von unzählbaren Geschlechtern um- und umgewendeten Landschaft“. (Doch ist dies nur ein Exempel seiner Erkundungen geschichtsträchtiger Räume, nicht minder sind es beispielsweise Dresden oder – wie im vorliegenden Band –, Paris, sind es die geographisch-historischen Landschaften Böhmens und Mährens oder Polens, die er uns erschließt.) Er forscht den Zeugnissen vergangenen werktätigen Lebens nach, den Spuren der Rebellen und Revolutionäre, ihres auf andere Weise werktätigen Daseins.

Bauerngeschlechter,
Grabgelegt hangwärts: der Toten Blick
Gerichtet ins Tal. Wer
Bewahrt ihre Gedächtnis?

(„Im Seekreis“)

Die Frage, eine Kernfrage des Bandes, ist an uns gerichtet. Nicht nur unseretwegen, der Kinder und Kindeskinder halber streiten wir für ein besseres, menschlicheres Leben, auch unserer Vorläufer wegen, daß sie uns nicht verlorengehen. Und nur insofern wir Gedächtnis haben, wird unser gedacht werden.
In einem aufschlußreichen Gespräch, das Christel und Walfried Hartinger mit dem Lyriker führten und der Reclam-Auswahl Ich, beispielsweise beisteuerten, sucht Heinz Czechowski die subjektive Verfassung, aus der heraus sein vierter Gedichtband entstand, zu bezeichnen:

Hier gibt es sicher einen Prozeß innerhalb der Bände zu erkennen – ein Abstreifen von Illusion, von Wunschdenken, von ideologisch flächig überlagerter Vorstellung, ein Annehmen der Existenz, wie sie eben nicht anders ist.

So lesen sich die neuen Gedichte als Dokumente einer Selbstgewißheit, die, paradox formuliert, alle Ungewißheiten als ihr Eigenes, ihr zukommendes annimmt.

Auf mich also verwiesen
Im Guten und Schlechten,
Teile ich mit:

Was mich betrifft,
So bin ich ich.

Die Existenz, schutzlos und schutzbedürftig, löst sich nicht auf in Essenz, ist nicht restlos eingefaßt von größeren kollektiven, geschichtlichen Bewegungen, und so schwingt in Czechowskis Gedichten gleichsam Fassungslosigkeit mit angesichts des Lebens zwischen Sinn und Widersinn.
Bevor man zu bedenken gibt, ob sich nicht neue Leitsätze ideologisch verfestigen, muß man festhalten: In diesem Band bringt Czechowski seine Eigenheit vollkommen zur Sprache, erreicht er eine Meisterschaft des poetischen Ausdrucks, die Bewunderung abverlangt. Der Wechsel von Anschauung und Abstraktion, wie er der großen Tradition der Odendichtung Klopstocks und Hölderlins entstammt, prägt seine Verse. Sie ergreifen zugleich das „Gelegenheitsmoment“, hier sieht Czechowski seine Chance gegenüber anderen Lyrikern, und suchen es zu erhalten und zu vermitteln. Die Genauigkeit und Konkretheit im Benennen der Dinge verschmilzt mit der eindringlichen Einfachheit, mit der Czechowski von seinem Befinden spricht. Seine Gedichte bergen das Einfache, das schwer zu finden ist. Doch ist es nicht mit dem Einschichtigen zu verwechseln; wer seinen Worten nachlauscht – nehmen wir nur die Titel der beiden letzten Bände, Was mich betrifft und Ich, beispielsweise –, wird gleichermaßen Töne der Bescheidenheit und der „Anmaßung“, der Demut und des Stolzes vernehmen. Die Präzision, mit der der Lyriker das notiert, was ihn betrifft und betroffen macht, sein Lakonismus lassen an Günter Eich denken; die Begegnung Czechowskis mit dessen Werk ist eine Selbstbegegnung.
Indiz dafür ist das Bild vom Regen in einer Reihe von Gedichten; die „Botschaften des Regens“, wie sie das Gedicht „Testament“ zitiert, sind „Botschaften der Verzweiflung“ (Eich). Das Gedicht zeichnet das Bild einer Geschichte, in der Krieg und Schrecken wiederkehren. „Die Zukunft, sie kommt wie der Regen“ („Die Hinterlassenschaft“). Das Gefühl von Ausgeliefertsein wird zweifellos genährt vom gegenwärtigen bedrohlichen Weltzustand, hat aber tiefere Wurzeln. Czechowski gibt im schon erwähnten Gespräch Auskunft darüber. Er spricht von der Bombardierung Dresdens, die er als Kind erlebte, und bezeichnet sie als eine Grunderfahrung:

Ich habe nicht Geschichte gemacht, Geschichte hat mich gemacht, ich bin Objekt gewesen.

Diese Erfahrung wird übermächtig, da ihm die Aussicht auf Zukunft verhangen ist.

Die Menschheit
Ihrer Vergangenheit müde und
Ihrer Zukunft nicht froh,
Damit beschäftigt,
Sich selbst zu vergessen..
.

(„The Shark“).

Oder:

Ungeschminkt
Ist die Wahrheit kaum zu ertragen:
Eine perspektivlose Welt,
In der der Tod auf und ab geht

(„In den schmalen Seitentälern der Saale“).

Und wiederum:

Ging ich und sah
Daß die Welt von altersher
Nicht für den Menschen und für sein Glück
Zu eignen sich scheint

(„Und es fiel ein Wort aus Stein“).

Geschichte wird zum Kreislauf, in dem wieder und wieder die uralten negativen Erfahrungen, die Bilder des Leides und der Zerstörung vorüberdrehen. Den Preis des Fortschritts sieht der Dichter in Umweltzerstörung und Zerstörung des historischen Gedächtnisses, das sich in Landschaften und Lebensräumen und Bauwerken vergegenständlicht hat, der Preis ist ihm zu hoch. Man erinnere sich an Walter Benjamins Beschreibung von Paul Klees Bild Angela novus: Der Sturm des Fortschritts treibt den Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft, er aber kehrt ihr den Rücken, blickt mit angstgeweiteten Augen auf eine versehrte und zertrümmerte geschichtliche Landschaft. So kann Glück nur noch als Täuschung, als „Kehrseite aller Verhängnisse“ beargwöhnt werden („Gute Woche“). Fremdheit und das Gefühl von Vergeblichkeit ziehen den Vanitas-Gedanken an Vergänglichkeit und Tod nach sich, der melancholisch die Verse schnürt. Das lyrische Ich dieser Gedichte ist eins mit der Welt, indem es zutiefst uneins mit ihr ist.
Man darf davor nicht die Augen verschließen, will man den Grundwiderspruch des Bandes erkennen und benennen. Wenn die Geschichte dieser Kreis- und Leerlauf ist, dann ist der Verführung zur Gedächtnis- und Geschichtslosigkeit nichts entgegenzusetzen. Und so heißt es am Schluß des Bandes, im Gedicht „Lessing in Meißen“ – wenn auch inkonsequent, also nicht ohne Hoffnung –:

Das Beste also ist vielleicht
Sich
nicht zu erinnern.

Sich nicht erinnern hieße aber beizutragen zur Zerstörung von Gedächtnis und Geschichte, dem eigenen, selbstgestellten Auftrag zu entsagen, einem Auftrag, dem zu genügen Heinz Czechowski Unersetzliches in unsere Literatur und Dichtung einbringt. In einem älteren Text, dem Gedicht „Widerruf“ aus dem Band Wasserfahrt, hieß es:

Doch noch das Vergebliche
Will ich widerrufen.

Der Absicht, wiewohl sie nicht mehr pathetisch-programmatisch vorgetragen wird, ist nicht aufgekündigt, eines seiner jüngsten Gedichte, „Sic transit gloria mundi“ (enthalten in Ich, beispielsweise), definiert sich in den Schlußzeilen als „Gedicht, geschrieben gegen die Vergeblichkeit“. Ob nun verbal kundgetan oder nicht, alle Gedichte Czechowskis sind, insofern überhaupt geschrieben, gegen die Vergeblichkeit gesetzt: Gedächtnisprotokolle, die Ungelöstes, Uneingelöstes, Unerlöstes zur Sprache bringen – Und damit nicht ohne ein Gran Hoffnung. Der Widerspruch von Vergeblichkeit und Hoffnung regiert, uns betreffend und uns bewegend, die Verse Czechowskis. Dieser Widerspruch wirkt in seinen Gedichten, dieser Widerspruch ist sein Gedicht.

Jürgen Engler, neue deutsche literatur, Heft 5, Mai 1983

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Eberhard Haufe: Illusionslos und konsequent. Zu Gedichten von Heinz Czechowski
Thüringer Tageblatt, 12.8.1982

Ursula Heukenkamp: Heinz Czechowski: Was mich betrifft
Weimarer Beiträge, Heft 6, 1983

 

Gefangen in den Ruinen des Anfangs

Als die Angst hätte vorbei sein können, traf sie ein. Erst spielten die Nerven nicht mehr mit. Dann machte das Herz schlapp. Ein Herzschrittmacher sollte helfen. Heinz Czechowski sagt:

Seit 1989 ging es mit mir absolut bergab.

Seine zweite Ehe scheiterte. Von Leipzig zog der gebürtige Dresdner nach Limburg, von Limburg ins westfälische Schöppingen zwischen Münster und der holländischen Grenze, wo er nach einem Stipendiatenaufenthalt eine Dreizimmer-Wohnung mietete und blieb. Endlich fühlte er sich wohl. Der Kopf war wieder frei. Da kam der Herzinfarkt. Das ist der Tod, dachte er. Es war der Tod. Aber diesmal nicht im metaphorischen Gewand einer unverwechselbaren Lebensleistung – im Sinne Rilkes oder Ungarettis –, sondern ganz unverhüllt als Aufscheinen des eigenen existentiellen Schlußpunkts. Wie sonst nur noch Wilhelm Rudolph als Zeichner hatte der Dichter Heinz Czechowski den Tod des alten Dresden, das im Februar 1945 in Schutt und Asche versank, zum Leben verholfen, hatte er die Ruinierung der Stadt in seinem literarischen Werk lebendig gemacht. Was seit 1990 in Dresden an Rekonstruktion geschieht, wird nie erreichen, was Heinz Czechowski an rückwärtsgewandter Zukunft Dresden erhalten hat.
Selbst im Kontext all seiner Fluchten fand die Wirklichkeit Dresdens ihren Text bei ihm. In der größten Entfernung die intensivste Annäherung:

Die Gezeichneten
Erkennen sich untereinander, auch
In entlegenen Orten…

Wo immer Heinz Czechowski zu DDR-Zeiten hinkam, nach Amsterdam, London, Paris, Florenz, sammelte er Welt für seine Stadt, die einmal Weltstadt war. „Alle meine Gedichte / Sind Liebesgedichte“, heißt es bei ihm im Gedicht. Und all diese Gedichte sind verzögerte Heimkehr:

Am Ende
Kehrn wir zurück
In die Wohnungen,
Die wir uns nicht erwählten.

Im Schlaglicht des Todes erkannte Heinz Czechowski 1996 die tödliche Gefahr seiner Dresden-Obsession: ein Sinnverlangen, das sich ohnmächtig gegen ihn selbst richtet. Sich selber suchend und zugleich sich selbst fliehend, hatte er gelebt. Mit Rilke ewig auf der Suche nach einer „letzten Ortschaft der Worte“, einem letzten „Gehöft von Gefühl“, und mit Joyce der Ankunft ausweichend im „stetem Schweifen mit hungerndem Herzen“. Schließlich ein erschöpftes Zurücksinken, als säße er in Rimbauds „Bateau ivre“. Czechowskis jüngste Metaphorik unterstreicht diese Situation:

… Am Horizont
Der Fliegende Holländer
Bringt Kunde von der Unmöglichkeit
Irgendwo anzukommen.

Katastrophe heißt, wörtlich genommen: Umwendung. Alles hatte Heinz Czechowski gefunden, nur sich selbst nicht. Er selbst war seine eigene Erfindung. Die Katastrophe wurde 1993 sichtbar in seiner ersten Antwort auf die Wende von 1989. Czechowskis Nachtspur, wie der Titel des Gedicht- und Prosabandes heißt, kennt keinen Morgen. Sie führt in die Anfänglichkeit des eigenen Lebens, mit dem etwas nicht stimmt. Panisch versichert sich da einer eines Ortes, dem sich plötzlich alle Orte entziehen: auch die Orte der Freundschaft und der Liebe.
Da heißt es:

Vielleicht
Verzehrn wir am Ende
Nur ein Linsengericht:
Den Preis
Unserer Feigheit und des Verrats
An unserer Tugend…

Und:

Unser Gewissen
Hat seine Stimme verloren, doch so,
Merken wir plötzlich,
Geht es ja auch…

Das ist nicht seine Haltung, also übernimmt er Tatschuld, Unterlassungsschuld, Redeschuld, Schweigeschuld und schreibt:

Morgens stehe ich auf
Und beginne von vorn:
Es wird nichts verziehen.
Ich schreibe

Verliert sich Czechowski fast in der Nachtspur, so erreicht er in seinem 1997 erschienenen Gedichtband Wüste Mark Kolmen höchste Konzentration, schreibt er sich der absoluten Wahrheit seiner Existenz entgegen:

DIE BITTERKEIT AUF MEINER ZUNGE
Rührt nicht von der Orange, die ich soeben verzehrte.
Es ist eine Bitterkeit, die nicht vergeht. Für sie
Habe ich keinen Begriff. Ich glaube,
Ich hab sie als Kind während des Krieges
Mit einer Handvoll Schnee,
Die meinen Durst stillen sollte,
Zu mir genommen. Es gab
Keine Märchen, aber es war damals immer
Ein großes Geflüster um mich: die Erwachsenen
Erzählten sich hinter vorgehaltenen Händen
Vom Kriege, vom damals gewesenen Kriege,
Von Grünen Minnas und von Soldaten,
Die beinlos aus Stalingrad wiederkehrten.
Ich sah auch den Hitlergruß
Des Blockwarts und hörte,
Während ich mir das Haar schneiden ließ,
Von dem an die Wand spritzenden Blut
Galizischer Juden. Der schier endlose Zug
Der Russinnen abends den Wilden-Mann-Berg empor,
Wenn sie vom Goehle-Werk
Sich in ihr Lager zurückschleppten,
Und schließlich die Panjewagen,
Beladen mit den Toten des Bombenangriffs,
Das alles muß in dieser Handvoll
Schnee gewesen sein, die ich mir
In den Mund steckte, um meinen Durst
Zu stillen, diesen kindlichen Durst,
Der mich nie verließ, und von dem
Diese Bitterkeit auf der Zunge zurückblieb.

Die Bitterkeit: Heinz Czechowski hadert mit seinen Schriftstellerfreunden von einst, Karl Mickel, Rainer Kirsch, Volker Braun, Adolf Endler, Elke Erb, Wulf Kirsten, die sich auf eigenes Versagen nicht einlassen wollen. In druckreifen Sätzen sprudelt er Psychogramme von ihnen hervor, zeigt die Freunde in den finstersten und den hellsten Eigenschaften. Dazwischen nichts. Diese antipodische Sicht hat etwas Frappierendes für sich: Sie trifft zu – so und so. Vor allem: Sie trifft. Heinz Czechowski liebt, was er haßt, und haßt, was er liebt. Sein Selbsthaß ist beträchtlich und das Geliebtwerdenwollen auch. So hat er allen Ernstes geglaubt, in der 6.000 Einwohner zählenden Gemeinde Schöppingen heimisch werden zu können. Im dortigen Künstlerdorf, das seit 1989 besteht und in das er 1995 als Stipendiat kam, vermittelte ihm dessen Leiter Rolfrafael Schröer diesen Eindruck. Schröer, ebenfalls ein Dresdner, 1928 geboren, unter dem SED-Regime Häftling in Meißen und Bautzen, seit 1952 im Westen, hat seinen Posten inzwischen abgegeben, ist pensioniert. Der intensive Kontakt zur Künstlereinrichtung ist abgebrochen. Eine jüngere Generation käme nie auf die Idee, sich wie Czechowski nach dem Stipendium in Schöppingen anzusiedeln.
Streben nach Glückserfüllung ist für Heinz Czechowski und sein Werk immer ein Zurück in die Geschichtlichkeit. Die erhoffte Reinigung der Geister und Herzen, wie er sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR vorgestellt und wie sie in seinen frühen Gedichten zum Ausdruck kommt – hier in dieser Gegend war sie auch einmal versucht worden. Das täuferische Gottesreich in Münster mit seinem christlichen Kommunismus – hier hatte das junge Luthertum seine aktivste und kühnste Schar preisgegeben.
Heinz Czechowski sagt:

Das ist hier schon eine tolle historische Ecke. Johannes von Leyden hat in Schöppingen auf seinem Wege nach Münster übernachtet. Obwohl der Katholizismus im Münsterland siegte, sprechen die Leute heute noch mit Bewunderung über die Wiedertäufer.

Friedrich Heer hat in seiner Europäischen Geistesgeschichte geschrieben:

Der Untergang der lutherischen Linken – wesentlich in den Jahren 1522 bis 1536 – verdrängt deren Geistigkeit in den Untergrund, aus dem er alle deutschen geistigen Bewegungen bis zur Romantik nährt, verzerrt und mit den Stigmen des schiefen Blicks, der Neurose, der seelischen Preßlage zeichnet.

Welch ein Thema für Heinz Czechowski! „Ich kann sagen, ich möchte im Moment nicht woanders leben“, höre ich ihn in seiner Schöppinger Wohnung sagen.

Ich fühle mich im Münsterland ausgesprochen wohl. Ich weiß nicht, ob ich anderswo überlebt hätte. Ach, es ist ein Sumpf drüben. Ein einziger Sumpf, ich würde mich zugrunde richten, wenn ich da rüberginge. Schauen Sie doch mal raus aus dem Fenster!

Der Blick vermittelt Weite – hin zu den Weiden mit den Pferden. Die Schweine sieht man nicht. Sie werden nachts nach Schöppingen angefahren zur größten Schlachtfabrik Deutschlands. Wenn der Wind ungünstig steht, kann Czechowski die ganze Nacht Todesschreie hören.
Von den negativen Seiten Schöppingens erzählt er bei meinem zweiten Besuch. Seine Versuche nach dem Infarkt, das Rauchen einzustellen, sind gescheitert. Er wirkt deprimiert, spricht von neuen Herzattacken und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. „Im Herzen bin ich irgendwo in Sachsen“, sagt er nun.

Ich kann nicht hier leben, ohne alle vier Wochen da mal runterzufahren. Ich muß in Dresden nach dem Rechten sehen und mich ärgern.

Im Gedicht heißt es:

In einem schalltoten Raum
Sing ich mein Lied
Auf die Alt-alt-Stalinisten, in meinen Träumen
Führe ich erbitterten Kleinkrieg
Mit meinen Freunden: Ach bald sind wir alle tot,
Dann endlich wird niemand mehr wissen,
Was einmal gewesen ist…

Heinz Czechowski zwischen Schöppingen und Dresden:

Die Asche der Vergangenheit zwischen den Zähnen, unter den Füßen schwankender Boden, wie damals in meiner Kindheit, als die Bomben fielen und das Weltende längst beschlossen war… Und vom Küchenfenster aus: die Sterne über dem Münsterland, dahinter der Gleichmut des Universums, eine längst vergessene Weltidee, angelegt unter den Stichwörtern LIEBE; GLAUBE; HOFFNUNG.

Das Bedrohliche seiner derzeitigen Situation ist hier aufgelöst in souveräne Resignation. Auch das Projekt, an dem er saß, als er den Herzinfarkt bekam, verrät auf den ersten Blick keinerlei existentielle Gefahr: In der fiktiven Begegnung mit Johann Christoph Gottsched (1706–1766), dem Mann der Frühaufklärung, der in Leipzig wirkte, wollte Czechowski, der Leipzig nach dem Ende der DDR verließ, seine Lebensgeschichte erzählen. Das Projekt erinnert in der Methodik, ein aktuelles Thema mit einer Figur der Geschichte zu verbinden, an seinen Prosaband Herr Neithardt geht durch die Stadt (1983), der Czechowskis Zeit in Halle ins Zentrum rückte. Für die Titelgeschichte des Buches hatte er sich damals Matthias Grünewald, der eigentlich Neithard hieß und 1528 in Halle starb, als Weggefährten gewählt.
Auf den zweiten Blick ist das Heranführen Gottscheds an die Wirklichkeit der DDR ein geschickter Kunstgriff, um den SED-Staat in der Kontinuität eines kleinkarierten deutschen Rationalismus zu zeigen. Denn der Kampf gegen den Nonkonformisten, der Harlekin oder Hanswurst heißt, wurde im 18. Jahrhundert von Gottsched eröffnet, der diese Figur vom Theater der Aufklärung verbannte. Eine Figur, in der die letzte Inkarnation des „heiligen Narren“ steckte, mithin auch des enthusiastischen Poeten. Deutsche Aufklärung versteht sehr früh schon keinen Spaß – im Gegensatz zur französischen, die sich ihres irrationalen Untergrundes sehr bewußt ist.
Dem geschlossenen deutschen Rationalismus ist das Poetische unheimlich. Ständig wird die Forderung erhoben, die Einbildungskraft einzuschränken. Wolfgang Promies schreibt in seiner Untersuchung Die Bürger und der Narr oder das Risiko der Phantasie mit Blick auf die deutsche Situation:

Der aufgeklärte Mensch des 18. Jahrhunderts ist schon einmal der kurze Voralarm des neuen, perfektioniert modernen Menschen gewesen: in seinem radikalen Anspruch, sich selbst zu genügen, abgeschnitten von Mythos, Ammenmärchen, Volkstum, Religion.

Heinz Czechowski erklärt seine Vorstellung von dem neuen Buch bei einer Flasche Rotwein – der ist ihm ärztlich erlaubt – im Gasthof Alte Post, der seiner Wohnung gegenüberliegt. „Es steckt etwas in dem Material, das ich nicht kenne oder immer noch nicht wissen will“, sagt er.

Wer ist schon geneigt, letzte Wahrheiten herauszuholen. Man braucht ja nicht nur Härte gegen sich selbst dabei, sondern auch noch die Kraft dazu. Die Kraft nimmt ab. Ich werde alt und sehe kein Land.

„Was ich mir antue, schlägt in die Kindheit zurück“, heißt es in seinem letzten Gedichtband.

Die Schatten der Kindheit verlängern sich täglich.

Ja, er sei in Wüste Mark Kolmen bereits dicht am Kern jener Wahrheit gewesen, die nun das neue Buch notwendig mache. „Es müssen Dinge passiert sein im Haus meiner Eltern“, höre ich ihn fast zu sich sprechen.

Diese Scheinbürgerlichkeit: Es geht uns gut. Dahinter das Elend.

Mein Vater starb unversöhnt. Ich
Wartete auf das wirkliche Leben.
Dann starb meine Mutter. Der Schnee
Hielt den Zug fest, endlich
Lief ich über das Eis, die Tür
Des Altenheimes war schon verschlossen, schließlich
Stand ich vor dem Bett. Wie lange
Stand ich vor ihrem Bett. Wie lange
Hatte sie auf das wirkliche Leben gewartet?
Es kamen die Söhne. Und schweigend,
Wie sie gekommen, sind sie gegangen. Jetzt
Sind wir wir, und die Luft
Zwischen uns zittert. Unabweisbar
Werden wir älter, wir folgen,
Wie durch den Schnee,
Der Spur der Gestorbenen, dorthin,
Wo uns das wirkliche Leben erwartet.
Ich stelle mir vor,
Ich wäre dort, wo ich nicht bin,
Und weiß keine Antwort.

Die Möglichkeiten des Lebens als Unmöglichkeiten. Heinz Czechowskis sieben Jahre älterer Bruder nahm sich das Leben. Der Bruder war Pädagoge. Gründe für den Selbstmord fallen Heinz Czechowski ein, aber nicht der Grund aller Gründe, der sein eigenes Lebensdilemma in dem des Bruders sieht.
„Jetzt müßte ich Einblick nehmen in meine Akte, die irgendwo schwelt in ihrem inneren Feuer, das sie verzehrt, das Papier der Papiere im gepanzerten Schrank“, hat Czechowski 1987 geschrieben.

Und doch ist es letzten Endes nichts als der Widerspruch, der in mir sitzt und der hinaus will ins Leben, das an der runden Ecke abprallt und eingesogen wird vom immerdar arbeitenden Apparat. Schwarze Vögel. Schwarze Slips. Das schwarze Geheimnis, das mich umgibt und in das ich eintauche in die schwarzen Wasser um mich.

Wo liegt die Kränkung, die Heinz Czechowski schreibend überspielte und die nun nicht mehr zu überspielen ist? Wie er das in seinem literarischen Werk gemacht hat, macht seine Größe aus. Im Wie seiner Dichtung liegt seine existentielle Not. Das Wie war bisher das Was der Kränkung, die ihn vorantrieb und seine Welt schaffen ließ.
Die Frage nach der Kränkung ist für Czechowski die Frage:

Was ist in der Familie abgelaufen? Lügen. Zudecken von Verhältnissen. Der Vater ist nicht zu Hause in Dresden. Als Offizier der Wehrmacht in Böhmen. Die Mutter hat getrunken. Ich habe die Schnapsflaschen hinter dem Buffet entdeckt. Nächtliche Besuche. Ich habe Männerstimmen gehört. Das sind alles Abgründe. Ich habe mir eingeredet, daß meine Kindheit schön war. Ich habe in der Kindheit keine Liebe erfahren. Deshalb bin ich kein großer Liebhaber. Man muß es sich endlich eingestehen. Liebesunfähig.

Seit zwei Jahren ist Heinz Czechowski geschieden. Seine Frau, die er als Lektorin im Mitteldeutschen Verlag in Halle kennengelernt hatte, ist heute Sekretärin der Leipziger Freien Akademie der Künste. Der gemeinsame Sohn, vierzehn Jahre alt, lebt bei der Mutter. „Eine kluge Frau“, sagt Heinz Czechowski über sie.
Eine Germanistin. In der Stasi-Akte kann ich das lesen: Sie war tapfer, sie hat widerstanden. Eine Seltenheit im Mitteldeutschen Verlag. Sie ist für mich die letzte Frau meines Lebens.

Im Liebesverlust des Anfangs findet er den des Endes. Für Czechowski ist Endzeit. Nicht das erste Mal für einen, der sich nach Sicherheit in einer Beziehung sehnt und sie nicht aushält. Aber dieses Mal könnte es das letzte Mal sein, so achtlos, wie er mit seiner Gesundheit umgeht. Der Aufflug, der seinen Gedichten das Leichte, Lockere, Lakonische gibt, fällt ihm zunehmend schwer. Doch immer noch hält er seinen unverwechselbaren Ton, der Jung-Frau – und natürlich sich selbst – gehuldigt in aller Vergeblichkeit.

Als ich einzusehen begann,
Was ich nicht einsehen konnte,
Sah ich das Nichts
In Gestalt eines Einhorns.

Czechowskis Name fehlte in keiner Literaturgeschichte der DDR und der Bundesrepublik. Doch seine „Evokation der Provinz“ (Günter Kunert) fand im Westen erst spät Gehör. In der DDR gehörte der am 7. Februar 1935 in Dresden geborene Autor mit sechs Gedicht- und zwei Prosabänden sowie einem Buch mit Essays zu den zwar nicht vom Regime favorisierten Dichtern, aber zu denen, die man mit Widerwillen gewähren ließ. Politisch unterlief der Lyriker nach seinem Debut mit Nachmittag eines Liebespaars 1963 die Zwecke der Kulturpolitik wie Sarah Kirsch. Zwei gleichrangige Landschafter. Sarah Kirsch verließ die DDR 1977. Heinz Czechowski blieb und wäre doch am liebsten gegangen.

„Heimat – / Was für ein Wort / Im Mund / Der Geschichtslosigkeit“, schreibt er.

Entferne Dich nicht
Zu weit
Von der immerwährenden
Gegenwart:
Hier ist dein Jetzt,
Blick
Durch die Gitter,
Verbirg
Dein Erschrecken.

Er denkt an die Worte Ossip Mandelstams:

Und tatsächlich, was ist denn der Fortschritt, dieses Lieblingskind des 19. Jahrhunderts, anderes als das Sterben der Geschichte…

Und Czechowski weiß sich einig mit Joseph Roth aus Brody, dem Chronisten auf Wanderschaft.

Begabt
Mit jener Fähigkeit
Zur genauen Beschreibung,
Hinter der sich der tiefe Glaube
An die Unfähigkeit des Menschen verbirgt,
Sein Schicksal
selbst zu bestimmen.
Aus der Spiegelschrift
seiner Wahrheit,
Die wir noch immer entziffern,
Tritt der Geist der Gesetze hervor,
Die ihm ein uralter Gott,
Dem er glich,
Hinterließ…

Heinz Czechowski bekennt:

Ich bin durch und durch Ostler. Meine ganzen Einschränkungen und Idiosynkrasien haben immer etwas mit dem Osten zu tun. Auch meine Überschätzung des Westens. Vielleicht ist der bekennende Westler in mir eine etwas lächerliche Figur. Ich war für die ganz schnelle Vereinigung, in der Angst, die Chance geht vorbei und die DDR erholt sich wieder. Aber ich sage auch, ohne die DDR wäre ich nicht Schriftsteller geworden.

Eben mit dem Glauben, In diesem besseren Land zu leben, wie der Titel der berühmten Lyrikanthologie von 1966 lautet. „1968 mit dem Ende des Prager Frühlings war es aus mit diesem Glauben“, sagt Czechowski.
„Ich / Bin verschont geblieben, aber / Ich bin gebrandmarkt“, schreibt der 46jährige in seinem programmatischen Gedicht „Ich und die Folgen“. Sein Vater war ein preußischer Staatsbeamter für Steuer- und Finanzfragen aus Pleß in Oberschlesien, seine Mutter die Tochter eines Kupferstechers aus Kleinzschachwitz am Rande Dresdens.
Die Abgründe der Kindheit, wie Czechowski sie in Schöppingen benennt, sind früh angesprochen. In seinem Gedicht „Auf eine im Feuer versunkene Stadt“ erscheint der „Mordgrund“, den es als Flurbezeichnung in Dresden gab, in metaphorischer Bedeutung:

Zwischen den Kurven der Mordgrund, da
Bin ich gezeugt, wo ein Beamter erlag,
Und eine Frau wusch noch in nächtlicher Stunde
Die Wäsche, da war sie Beamtin.

Da war die Stadt schon den Feuern geweiht.

Keine Wiege. Kein Lied.
Goebbels’ Empfänger, auf Zimmerlautstärke gestellt,
Schrie. Und hinein gings
Ins fröhliche Leben, in
Diese Stadt…

Wie Czechowski seine Dresden-Gedichte erst nach dem Weggang in der Distanz zu seiner Geburtsstadt schrieb, so erlebte er Dresden als Kind aus der Distanz der Hochsprache. Zu Hause wurde das saubere Schlesierdeutsch seines Vaters gesprochen. „Meine Mutter befleißigte sich, dem nachzukommen“, erinnert sich Czechowski.

Ich war schon als Kind ein Fremdkörper. Als ich 1941 eingeschult wurde, sprach ich überhaupt nicht sächsisch.

Seine Mutter sieht er zeitlebens als Monarchistin:

Die hat bis zu ihrem Tode mit 86 Jahren nur von ihrem König gesprochen.

Sohn Heinz verweist lachend hinsichtlich seiner Haltung zum sächsischen Königshaus auf August den Starken, der auch die polnische Krone trug und der an zwei Stellen beerdigt ist: in Dresden das Herz, in Warschau der Körper. „In diesem Sinne verstehe ich mich als Sachsen“, sagt er, „als eine Symbiose von Sachsen und Polen.“ Von einem polnischen Großvater spricht er und zieht kühn die Linie bis ins Jahr 1830, sich auf den polnischen Dramatiker Stanislaw Wyspiański (1869–1907) berufend, dessen Theaterstück Novemberschlacht er 1979 übersetzt hat ins Deutsche.

Da gibt es eine Stelle, wo Pallas Athene dreimal den Speer auf den Boden stößt und sagt: „Leutnant Czechowski, nimm deine Leute und zieh gegen den Zaren zu Feld.“

So erzählt der Dichter Heinz Czechowski über den polnischen Freiheitshelden Leon Czechowski (1797–1887), der bis 1864 in allen polnischen Aufständen dabei war – von Niederlage zu Niederlage, in einem Scheitern, das keine Vergeblichkeit kennt. Der Dichter ist da näher jener böhmischen Haltung, die Rilke in die Worte faßte:

Was heißt schon siegen. Überstehen ist alles.

Auch hier hat er die Herkunft auf seiner Seite: Die Czechowskis waren ursprünglich Tschechen.
Die Czechowskis in Dresden wohnten in der Burgdorffstraße am Wilden Mann. Mittelstandsgegend. Der Vater war Sozialdemokrat. Man hatte eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Schaut man in die Prosatexte und Gedichte Heinz Czechowskis, die er über seine Kindheit geschrieben hat, so ist da einer, der sich die Welt im Alleingang aneignet. In der Schule nannte man ihn einen Sonderling. Alles, was er für diese Rolle brauchte, stand in Zweierreihen zu Hause in einem Biedermeierschrank, neben dem wir in Schöppingen sitzen.
„Der Bücherschrank meines Vaters war voller guter Literatur“, erinnert er sich.

Keinerlei Ramsch. Die zehnbändige Storm-Ausgabe habe ich noch heute. Mit acht Jahren fiel mir dieser Schatz in die Hände, und ich habe alles gelesen.

Die Dresdner Innenstadt lernte er bei seinen Besuchen der Tante kennen, die in der Prager Straße eine Schneiderwerkstatt betrieb – und eine Künstlerpension, in der die berühmte La Jana wohnte. Das war die Traumwelt für den Jungen: die Barockmöbel, Gobelins und die Masken aus Venedig, mit denen der Eingangsraum dekoriert war.
Doch dann war da auch das:

Die Russinnen wohnen oben am Wilden Mann im Arbeitslager für Frauen. Täglich laufen sie die Großenhainer Straße entlang bis zum Göhlewerk am Riesaer Platz. Einmal bittet eine der Frauen meine Mutter um ein paar Zwiebeln. Sie gibt ihr welche. Der Blockwart erfährt es. Es gibt Krach…

Bei der Zugfahrt zum Vater, der als Offizier in Böhmisch-Leipa stationiert war, wurde ein Mann in Eisenbahneruniform „von zwei Soldaten abgeführt, die messingsche Halbmonde an Ketten auf der Brust tragen“. Seine Fragen stoßen auf Schweigen.
Doch dann hört er 1943 seinen Vater sprechen:

Der Krieg ist verloren.

Der Vater war zu Besuch seiner Verwandten in Oberschlesien gewesen. Und Heinz Czechowskis Onkel, Holzlieferant für das KZ Auschwitz, hatte erzählt, was dort mit den Juden geschieht. „Das ist verbrecherisch“, hatte der Onkel gesagt.

So kann man den Krieg nicht gewinnen.

Dresden, 13. Februar 1945, der Tag, an dem die Stadt unter den Fliegerangriffen von Engländern und Amerikanern im Feuer versank: Fasching. Der zehnjährige Heinz Czechowski lag fiebernd im Bett. Neben sich auf einem Stuhl sein Indianerkostüm, das er dieses Jahr nicht tragen kann. Dann der Fliegeralarm in der Nacht des Faschings. Der Weg in den Luftschutzkeller. Bisher war die mit Flüchtlingen aus dem Osten vollgestopfte Stadt von Flächenbombardements verschont geblieben.
Czechowski erinnert sich an das Dröhnen der Flugzeugmotoren, das Welle für Welle über das Wohnhaus zieht. Nach der Entwarnung öffnet irgendwer die Türe zum Boden:

Wir stehen auf dem Dach und sehen hinter dem Schwarz der Silhouetten gegenüberliegender Dächer und Türme das Feuer. Hier ist es fast windstill. Aber die Pappeln auf dem Platz vor der katholischen Kirche in Pieschen biegen sich unter den Böen eines Sturms. Wie eine riesige Glocke wölbt sich weiße Glut, die höher am Himmel in Rot und undurchdringliches Schwarz übergeht, dort, wo die Stadt steht. Denn noch erheben sich aus dem Glutmeer, unversehrt, wie es scheint, die berühmten Türme.

Man denkt, daß bestenfalls ein paar Häuser im Zentrum Dresdens brennen, und zieht sich zurück in die Betten:

Kaum einer hier draußen, fünf Kilometer vom Stadtkern entfernt, ahnt, daß auf den Straßen Menschen verbrennen.

Dann kommt die zweite Angriffswelle:

Der zweite Angriff verschweigt uns nichts mehr. Diesmal, ich weiß es genau, rollen nicht nur die Wellen der Flugzeugmotoren übers Dach des Hauses. Das Licht ist erloschen. Die Dunkelheit bebt. Die Türen springen schreiend aus den Riegeln. Ein riesiges Rauschen und Dröhnen, in das sich wie dunklere Punkte die Detonationen einzelner, ganz in der Nähe einschlagender Bomben mischen, ist um uns. Meine Mutter hat mich an sich gepreßt. Die Angst macht uns stumm. Dann, irgendwann, ist es zu Ende. Niemand weiß, wie. Nur die Berichte jener Leute, die bald danach aus der brennenden Stadt hierherkommen und die nicht mehr und nicht weniger als ihr nacktes Leben retten konnten, sagen uns, daß es die Stadt nicht mehr gibt.

Der Schock, als Opfer ausersehen gewesen zu sein, saß tief. Heinz Czechowski hat sich von ihm nie lösen können. Im Grunde ist seine ganze Dichtung ein Versuch, diesen Schock aufzulösen. „Ich bin Objekt gewesen“, so beschreibt er die Grunderfahrung seines Lebens.

Dieses Zusammentreffen von geschichtlich determinierten Ereignissen öffnete einem die Augen, wenn man sehen wollte. Von dort aus laufen alle Fäden, öffneten sich alle Perspektiven, in welche Richtung ich immer blicke. Es ist das eigentliche Maß, mit dem ich messe. Wenn ich mich auch bemühe – und ich habe durchaus versucht, mir dieses Sehen von dorther auszureden, neue Anfänge als ein neues Maß zu fassen –, es gelingt nicht, die Reflexion, das Gedicht kehren dorthin zurück.

Über dem Schicksal der einzelnen
Wölbte die Glutglocke sich,
Und die vorher Gestorbenen
Und die nachher Gestorbenen –:
In den Grüften und Gräbern
Von Zschachwitz, Meuselwitz, Zschertnitz,
Von Zitzschewig und Kötzschenbroda,
Von Klotzsche, Räcknitz und Wilschdorf
Halten die Stadt sie umzingelt

Mit ihnen begreif ich den Satz,
Daß Neues niemals begann,
Doch ich bezweifle zugleich,
Ob er wahr ist, denn auch Wahrheit
Hat niemals begonnen…

Heinz Czechowski erlebte die Welt als eine Totalität des Stummen. Wohin sich der Zehnjährige wendete, er roch den süßlichen Leichengeruch, er sah verkohlte Leichen. Er erlebte Menschenlandschaft als tote Natur. Mit dem Augenblick dieser Stummheit lebt er noch heute. Mehr noch: Er lebt gegen ihn an, vom Tode infiziert. Die Tatsache, daß Deutschland mit diesem Krieg begann und die Vernichtung ganzer Menschengruppen planvoll betrieb, ändert nichts daran, daß das Trauma des zehnjährigen Czechowski das Trauma der vom Holocaust Betroffenen war. Die Rache der Sieger hat ihn gleichgemacht mit den Opfern seines Alters, die Auschwitz überlebten und Hiroshima und Nagasaki überleben werden – in jenem Feuerball, der von Auschwitz ausging.

Ich ging ins Dunkel. Niemand
Ging mit mir, und niemandes Name
Wohnte in meinem Gedächtnis. Aus den Ruinen
Zog der Geruch brennenden Fleisches. Riesige Plätze,
Durchgestrichen von Straßenbahngleisen,
Mußt ich überqueren, steil
Standen die Wände gestorbener Häuser.
Die mondlose Nacht
Tönte vom Rollen sehr ferner Züge, drohend
Ragte ein letztes Geschützrohr.
Als ich das andere Ufer erreichte,
Höhnte mich eine leuchtende Wolke,
Ein tanzender Engel. Feurige Messer
Durchtrennten Himmel und Erde: in ihrem Licht
Erkannte ich das Haus meines Vaters,
Während ein sprachloser Zug,
Der im Vergessen verschwand,
Sich versammelt.

Was schwelte in den Ruinen? Hatte er in ihnen nicht bereits gelebt, als die Stadt noch stand? „O Mutter“, schreibt Czechowski über seine Kindheit, „Deine Abwesenheit / Leerte die Zimmer, / Eine unendliche Pause / Hat jetzt das Leben…“ In einem anderen Gedicht heißt es:

Einmal muß
Beglichen werden die Rechnung:
Auch die Liebe
Ging ihren Weg in die Massengräber-Asche
Häuft sich auf Asche,
Und selbst die schwache Stimme
Der Hoffnung
Kennt kein Erbarmen.

Heinz Czechowski, gefangen in den Ruinen des eigenen Anfangs. In einer Ruinierung, die Privatestes einschließt, das nach Ausdruck drängt. Verlassen, verloren, verraten. „Der heimlichen Ängste immer gewärtig“, schreibt er:

Die Bäume sterben,
Es stirbt, was wir lieben,
Unaufhörlich in uns,
Im Schatten
Der einmal geflüsterten Worte,
Wenn der Schmerz kompromißlos
Die Liebe zerstört.

Dies ist der Grundton der Lyrik Heinz Czechowskis:

Wenn wir sterben,
Sterben wir an unseren Erinnerungen, unsere Krankheiten
Sind unsere Erinnerungen an die Krankheiten andrer…

Und:

Der Tod in uns lacht. Er lacht
Das Lachen in uns. Das Lachen in uns
Ist das Leben, von dem wir träumen.

Der Traum in uns ist das Leben des Todes
Davon lesen wir,
Reden wir,
Schreiben wir.

Das ist zu begreifen.

Das ist nicht zu begreifen.

Das ist alles.
Das ist.
Das.

Gegen die Schwärze dieses Bewußtseins wehrt sich Czechowski mit einem leichtfüßigen Parlando:

Ich habe den Sommer getrunken.
Der Sommer ist in meinem Blut.
Wie weit
Bin ich fortgelangt jetzt
Aus dieser Stadt,
Aus diesem Land?
Der Wein ist in meinem Blut.
Zweihundert Kilometer
Oder zweitausend von dir
Sitz ich mit Leuten
Unter den Lampen
Umgeben von
Gerüchen und Stimmen…

Die ebenfalls vom Kriege traumatisierte Lyrikerin Inge Müller, die sich 1966 das Leben nahm, durchschaut die Täuschung, mit der sich Czechowski leicht macht, und reagiert auf dieses für die DDR epochemachende Gedicht, das mit der Schlußzeile den Titel hergibt für die Lyrikanthologie In diesem besseren Land.

Du hast den Sommer nicht getrunken
Als Sommer war
Warst du zu alt
Und kalt (Schnee in der Retorte)
Soviel Worte
Schlaf mal auf dem Asphalt.

Eine böse Antwort ist dies, aber sie trifft mitten ins Dilemma Czechowskis. Inge Müller sieht nicht, wie sich da jemand mit Worten über dem Abgrund hält, um nicht zu sterben wie sie. Dem „Brief“ – so heißt das von Inge Müller attackierte Gedicht – folgt 1968 Czechowskis „Widerruf“, in dem es heißt:

Verzweifelnd
Nehme ich an
Die zerbrochene Freundschaft,
Den Gashahn, der Tröstung Fossil.
Ich widerrufe mich selbst,
Denn meine Unschuld ist leer,
Endlos die Schuld: Fluß, der ich bin,
Widerruf ich die Mündung, bin
Wie der Baum nach der Frostnacht: taub
Steh ich im Frühling…

Soviel Worte Czechowskis sind angelegt darauf, liebenswert zu erscheinen. Die Sprachskepsis, die er später zum Gegenstand seiner Gedichte macht, ist nichts anderes als die Rebellion gegen seine Versuche, sich zu retten entgegen seiner Bestimmung:

Ich bin geboren, zu widerstehen.

Das Wort, das sich zu retten versucht, „beginnt zu erbleichen und stinkt, / Ein verfaulender Fisch, / Der nicht ausschwärmen kann…“
In seinem grandiosen Lebensresümee Wüste Mark Kolmen (1997), in dem das „Ziellos / Doch nicht ohne Hoffnung“ abgetan ist und das „Hoffnungslos mit Ziel“ noch nicht erreicht ist, heißt es:

Wenn ich das alles
Zu Ende denke, dachte ich noch,
Während ich, verschollen
Wie andre Verschollne,
Durch den grauen
Winterwald ging, Italien
Im Rücken, vor mir
Der Abgrund: Bin ich
Der Welt abhanden
Gekommen oder
Sie mir?

Als Dichter beginnt Czechowski wie viele andere auch mit Anempfindungen. Von Klopstock und Hölderlin über Brecht zu Huchel und Eich reicht der Bogen. Das Gebirge der Expressionisten besteigt er und kommt zurück mit deren Anfänglichkeit, einer Sozialismushoffnung, die auf den Scheiterhaufen des Mai 1933 landete und doch überlebt zu haben schien in jenen Dichtern, die nach 1945 aus dem Exil zurückkehrten und sich zumeist in der DDR ansiedelten. Czechowskis Anempfinden – das unterschied ihn von anderen seiner Generation – entsprang existentieller Not.
Aus der Stummheit der Todeslandschaft Dresdens suchte er sich einen Weg in Landschaften, in denen er sich seiner Lebensfähigkeit versichern konnte. Es waren die Orte um Dresden, die überlebt hatten. Dann Halle und seine Umgebung. Der offene Weg nach Mähren zu Ludvík Kundera und Jan Skácel. Der sich Ende der siebziger Jahre für ihn öffnende Weg in die Bundesrepublik, nach Holland, Frankreich, Italien, England. Nach der Wende nun erlebt er die Welt so offen, daß sie zur Heimkehr drängt.
Aus der Anempfindung des Anfangs, die er nach den ersten zwei Gedichtbänden überwunden hatte, gelang es ihm, eine Erinnerungsspur ins Lebendige zu schaffen, das sich gegen die Enttäuschung durch Verrat absichern ließ. In der Leidenslandschaft des Jahrhunderts schuf er der Dichtung und sich einen Verständigungsfaden zu Kafka, dem Besucher von Dresdens Gartenstadt Hellerau, zu Paul Celan, Theodor Kramer, Isaak Babel und Jessenin, Anna Achmatowa und Majakowski, Ivan und Claire Goll, Uwe Greßmann und Sarah Kirsch, um nur einige zu nennen.
Heinz Czechowski bedurfte und bedarf eines Kreises wohlmeinender Freunde, um lebensfähig bleiben zu können. Wenn er heute über frühe Freunde enttäuscht ist umd mit Verbitterung reagiert, so ist das eine Verbitterung, die sich im Kern gegen ihn selbst richtet. Er hat das Unverträgliche an ihnen damals erkannt und einfach unter Selbstzensur gestellt. Eine Schwäche, die er sich nicht verzeiht und die in ihm rumort, wie einst das Gedicht der Inge Müller.

Die Schützenhofstraße
Die steile Treppe.
Die Polizeikaserne. Die Häuser
Auf der Neuländersraße.
Der Birkenweg,
Der zur Baumwiese führt. Dort
Ging ich an der Hand meines Vaters.
Der kaufte mir
für 50 Pfennig
Ein Eis, das
aus dem gackernden Blechhuhn fiel.
Machmal
Erinnre ich mich: In diesem Ei
War ich.

Heinz Czechowski erlernte nach der Grundschule in Dresden den Beruf des graphischen Zeichners und Reklamemalers, fand im Atelier der Deutschen Werbe- und Anzeigen-Gesellschaft (DEWAG) Künstler, die ihn von Cervantes bis Tschechow mit Büchern versorgten, die er noch nicht gelesen hatte. Als Vermessungsgehilfe des VEB Wasserwirtschaft Obere Elbe verdiente er sich bis 1958 seinen Lebensunterhalt. „Man wuchs in Dresden auch nach dem Kriege in eine wirklich gute Kunst- und Kulturatmosphäre hinein“, erinnert sich Czechowski. Er gehörte der Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren an und fand in der aus dem englischen Exil zurückgekehrten Kinderbuchautorin Auguste Lazar (1887–1970), Kommunistin und Jüdin, seine große Förderin, der er seinen Studienplatz am Literaturinstitut verdankte.
Der Vater war, nach der Vereinigung von Sozialdemokraten und Kommunisten, nun SED-Mitglied. Der Sohn erinnert sich daran, wie der Vater am Stadtrand all jene Bauern steuerlich beriet, die sich den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften verweigerten. Heinz Czechowski war für die LPG-Bewegung.
Heinz Czechowski wollte zu diesem Staat gehören. „Ich war lange in dem Glauben, daß alles, was ich tat, mit dem Staat verträglich ist,
ohne daß ich arglistig war. Ich war naiv und habe gedacht, alles was ich schreibe, hilft ja diesem Staat“, sagt er und fügt hinzu:

Ich hätte mich auch gern mit dem Staat arrangiert, als ich diesen naiven Blick verloren hatte. Doch das ging nicht. Es reichte nie aus, um von diesen Funktionären akzeptiert zu werden.

Als Heinz Czechowski 1958 am Literaturinstitut in Leipzig sein Studium aufnahm, trieb es ihn noch wochenlang Abend für Abend zu den Bahnsteigen, von wo die Züge nach Dresden fuhren. Am Literaturinstitut lernte er seine erste Frau kennen, die dort als Bibliothekarin arbeitete. Aus der ersten Ehe, die 1960 geschlossen wurde, gingen zwei Söhne hervor, die heute als Graphiker arbeiten. Über den aus Rumänien stammenden Institutsleiter Georg Maurer (1907 bis 1971) sagt Czechowski:

Bei ihm wurde nicht böswillig all das negiert, was in der Poesie nach Rilke geschehen war, nicht ideologisch um den Begriff der Moderne gerungen, sondern nach dem genauen Ausdruck gesucht.

„Genauigkeit“, so hört er Maurer noch heute sprechen, „ist eine Kategorie, die bei uns verwildert ist.“
Zu dem Dichter Maurer hatten seine Schüler ein reserviertes Verhältnis. Zu dem Lehrer Maurer gab es keinerlei Einschränkungen:

Maurers Nähe zu Hans Mayer und Ernst Bloch, von der die Studenten wußten und über die man nicht weiter sprach, Maurers Herkommen selbst aus „Rilkes Mantel“ waren Garantien, daß man nicht mit Erklärungsversuchen aus der Kiste des ,Sozialistischen Realismus‘ abgespeist wurde.

Natürlich war das nicht der ganze Georg Maurer, der wie alle anderen am Institut letztlich seine dogmatischen Richtlinien einhielt. „Insgesamt war es schlimm am Institut“, sagt Czechowski, „denn das Programm hieß stur: Zuerst kommt die Partei, dann die Kunst. Bis man riskiert hat, etwas Durchdachtes gegen diese Linie zu sagen, das dauerte. Meldete man sich dann: ,Ja, aber die Erfahrungen der Kunstgeschichte, die besagen, daß die Kunst doch etwas anderes ist…‘ Wumm. Da wurde sofort dazwischengefahren, da wurde belehrt, wie man zu denken habe. Immer zuerst die Partei.“ Czechowski setzte gegen diese Auffassung seine Dresden-Erfahrung, stumm im Studium, schimpfend privat unter Freunden:

Aus Dresden kannte ich meinen Dix und nicht nur ihn. Ein Hofer-Original hängt noch heute über meinem Bett. Ich habe als Kind meinen Bach gehört, war in Oratorien und Konzerten. Ich hatte meinen Maßstab. Dresden war schon ein wichtiger Ort künstlerischer Selbstfindung. Diese Erfahrung habe ich mir nicht nehmen lassen.

Die Staatssicherheit hat Czechowskis frühe Abweichungen, im privaten Kreis geäußert, säuberlich festgehalten. 1961, im Abschlußjahr am Literaturinstitut, begann die Überwachung, wie der Schriftsteller in der Gauck-Behörde aus dem gegen ihn gerichteten Operativen Vorgang ersehen kann. Was da als Abweichung festgehalten wurde, klingt aus der heutigen Perspektive nur noch komisch, war es aber in jener Zeit nicht; denn den Schluß, den die Stasi aus seinen damaligen Äußerungen zog, lautete:

Konterrevolutionär.

Da wurde notiert, daß Czechowski Hölderlin als den „revolutionärsten Dichter Deutschlands“ bezeichnet habe und nicht Otto Gotsche oder Willi Bredel. Da habe man sich über Sexualprobleme unterhalten und westliche Literatur als Kriterium herangezogen. Es sei Knut Hamsun, der Kollaborateur der Nazis, gelobt worden „als literarische Potenz, die man nicht wegwischen kann“. Da wurde festgehalten, wie Czechowski dem SED-Hofmaler Heinrich Witz „jegliches Können“ abgesprochen und ihn einen „Stümper“ genannt habe.
„Witz ist der größte Kunjunkturritter unserer Zeit“, wird Czechowski zitiert. Die Stasi verweist darauf:

Witz ist der Vorsitzende des Verbandes Bildender Künstler in Leipzig.

In der Beurteilung des Dichters Czechowski heißt es, seine literarische Arbeit sei „betont eigensinnig“ und benutze die Negation als „Gleichnisfaktor“.
Die Aufzeichnungen der Stasi stammen exakt aus jener Zeit, in der Czechowski Kandidat der SED wurde. Er erinnert sich, wie ihn damals drei Kommilitonen des Literaturinstituts zu einem Umtrunk in den Leipziger Ratskeller einluden:

Sie nahmen mich ins Gebet: „Lieber Czecho, wir müssen dir mal erklären, wie es in der Partei zugeht. Wenn einer in der Bezirksleitung Erfurt so diskutiert wie du manchmal im Seminar, da kriegt er links und rechts was in die Fresse, und am nächsten Tag spurt er wieder.“ Und dann schwenkten sie im Gespräch über zu ihren Werwolf-Biographien am Ende des Krieges, und die Begeisterung war nicht zu überhören.

Czechowskis Reaktion:

Aha, hab’ ich gedacht, so geht es in der SED zu, und wäre am liebsten am nächsten Morgen wieder ausgetreten. Das hat dann aber bis 1976 gedauert.

Seine erste Anstellung als Lektor fand Czechowski beim Mitteldeutschen Verlag in Halle von 1961 bis 1965. Deren Autor blieb er bis 1990. Von 1966 bis 1968 arbeitete er als Außenlektor für den Hinstorff-Verlag in Rostock. Von 1971 bis 1973 war er literarischer Mitarbeiter der Städtischen Bühnen Magdeburg. Seine letzte feste Anstellung nahm er 1975 bei Reclam Leipzig als Lektor an und blieb bis 1977. All die Jahre wohnte er in Halle. Als Dichter machte er sie zu seinem zweiten großen Topos. 1980 verließ er die Stadt und ließ sich mit seiner zweiten Frau in Leipzig nieder.
Seine Qualitäten als Dichter entwickelte Heinz Czechowski in Halle. Die ideologischen Beimischungen in seiner Lyrik waren von Anfang an gering. Sie blieben gerichtet auf eine politische Ökonomie der Liebe, die das Gefühl nicht in den Schmutz der Macht zieht. Daran änderte sich nichts bei Czechowski. Allerdings wurde aus der Kampflinie des jungen Dichters eine Abwehrlinie:

Das soziale Gewissen ist eine Notdurft der Seele.

Diese Linie wurde folgerichtig weitergezogen in die Gesellschaft der Bundesrepublik: Die Ökonomie rationalisiert den sozialen Betrieb durch und leistet sich eine Aushöhlung des moralischen Erbes, von dem sie lebt.
Erstmals sichtbar als Lyriker wurde Czechowski 1961 in der Anthologie Bekanntschaft mit uns selbst. Es hätte der Aufstieg in die Literaturrepräsentanz der DDR sein können, den Christa Wolf, ebenfalls damals Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag, ging. 1961 erhielt Czechowski den Kunst-Preis der Stadt Halle. Ausfahrt, Prüfung, Bewährung und Ziel der ersten beiden Gedichtbände Czechowskis, Nachmittag eines Liebespaares (1962) und Wasserfahrt (1967), waren bestimmt von der Vision der Erneuerung des Daseins. Die Forderung des Systems zum Mitleben innerhalb der ideologischen Grenzen wurde noch nicht gestört durch den Wunsch zu einem Selbstsein, das die Grenzen unterläuft.
„Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß.“ So begann ein Sonett des 32jährigen Czechowski in seinem Debütband, das er später so fragmentiert, daß nur diese eine Zeile bestehen bleibt. Eine Erkennungsmelodie bis heute für jeden Czechowski-Leser. Eine Zeile, die Literatur machte. Karl Mickel, Volker Braun und B.K. Tragelehn haben sie aufgenommen in ihre eigene Lyrik. In dieser Melodie steckte sehnsuchtsvolle Selbstbeschwörung nach einer Ausgeglichenheit, die Czechowski nicht hat und nie erlangen wird. Sie ist eine Zweckbotschaft allein für ihn selbst, der bereits weiß von der Dynamik der Bewegung, die in ihm steckt, ihn hin und her reißt, ihn immer wieder gefährlich einstrudeln wird, die ihn unruhig hält. Eine Bewegung, die ihn von allen und allem trennt, der er Einhalt zu gebieten versucht, um allen und allem nah zu sein. Aufgebrochen zu einer Urfahrt in die Geschichte, in die Geschichte des Existentiellen, ist er sich selbst und den anderen Gefahr. Und in dieser Gefahr geht er letztlich geschützt durch die DDR bis zu deren Zusammenbruch.

Als das Stromtal der Dämmerung bebte,
das meine Kindheit geprägt,
hatten stählerne Schreie
die alten Kastanien zersägt.
Haus und Kindheit zu Asche.
Frühes Erinnern zu spät.
Letzte Tage der Kindheit
zwischen Nußbaum und Gartengerät.

So stand Heinz Czechowski bereits in seinen ersten Gedichtbänden da. Seine Kosmotheologie rückte Dresden in den Schöpfungsmittelpunkt. In seiner Trauer erweckte er das Verlorene zum Leben. In seinem Widerstand gegen den erfahrenen Tod, der ihn 1945 überleben ließ, schaffte er Gegenbilder. Gegenbilder, die ihn vor dem Letzten bewahren: den eigenen Tod zur Welt zu bringen.

Das Erwachen nachts
Und der Glaube,
Es müsse noch da
Noch jemand in der Wohnung sein.

Und dann
Diese Stille, kaum gestört
Von irgend einem Knacken des alten
Schranks in der Ecke, der
Seine Jahrhunderte ausatmet,
Als wolle er sagen: Überlisten
Das Vergängliche, vergiß
Was zu vergessen ist, nimm
Das Unabänderliche
In deinen Besitz.

Zum Unabänderlichen seiner Lebensreise, auf der Czechowski selbst in der Resignation an eine Ökonomie des Heils appelliert, gehört, daß er nicht nur Verlorenes aufspürt, sondern zugleich permanent Verlorenheit produziert. Auf der Suche nach der Liebe blieb er ihr nur treu, wenn er sie der Verlorenheit anheimgab. Allein in seiner Dichtung fand und findet das Verlorene Geborgenheit. Grundlegung eines Liebesverrats in der Kindheit. In einem Jahrhundert der Untreue, über das Czechowski schreibt:

Aber noch die letzten beiden Menschen, die überlebten, würden sich wahrscheinlich mit Mißtrauen begegnen.

Im Gespräch ist dieser Heinz Czechowski ein lustiger Geselle, der seinen depressiven Untergrund virtuos zu verdecken versteht: mal mit Ironie, mal mit Witz, mal mit Sarkasmus. In der DDR hat man gesagt, Mickel dichte aus dem Hirn heraus, Czechowski aus dem Bauch. Wenn dieses Wort eine Bedeutung hat, dann die: Mickel denkt sich existentielle Not aus, Czechowski lebt in ihr. Dichtung ist bei ihm ein ständiger Kampf mit der Bedrohung. Siegt dieser lustig sich gebende Geselle, dann siegt er in der Art des geborenen Verlierers, der er ist. Und er weiß, daß er einer ist.
Diesen Tatbestand hat er ein Leben lang vor anderen abgeriegelt. Das kostet Kraft. Das machte und macht reizbar und nervös. Doch anders wäre es auch kein Leben gewesen:

Ich weiß: alles ist eine Täuschung.
Hat man gelebt, um zu sein?
Man schreibt. Und gezeichnet
Ist man doch immer allein.

Da gab es die schöne Zeit in Halle, wo Rainer Kirsch und Sarah Kirsch in die Literatur starteten. Man saß in der Parteigruppe, hatte seine Einwände und fürchtete die so gar nicht strategisch geäußerten von Czechowski:

Heinz, hör auf, du bringst uns alle ins Unglück mit deinem Gequatsche.

Machte man nun Konzessionen an die Partei, oder glaubte man an das, was man ihr ablieferte? Mal da eine Kantate, mal da ein Kampflied, mal da eine Seite Dorfchronik im Sinne der LPG. Auch andere waren dabei: Manfred Bieler, Reiner Kunze und Günter Kunert in der Anthologie Nimm das Gewehr.
Wegstrecken, über die Czechowski nach der Wende sagte:

Die historischen Ursachen der intellektuellen Kalamitäten manifestieren sich am deutlichsten in der Lyrik der DDR. Fast mühelos ließe sich eine lyrische Anthologie des Widerstands zusammenstellen, die freilich in der paradoxen Tatsache kulminierte, daß auch die Autoren, die man heute mit Recht zum Widerstandspotential zählen kann, dem Sozialismus zunächst gehörigen Tribut entrichteten.

„Man glaubte, aus dem System etwas machen zu können“, erinnert er sich. Aber das System glaubte nicht an Czechowski, und zwar sehr schnell. Im Mitteldeutschen Verlag wurde er von den Genossen der Belegschaft zum Parteisekretär gewählt und am nächsten Morgen auf Anweisung der SED-Bezirksleitung abgesetzt. Es gab Schwierigkeiten mit seinen Lyrikbänden, Er nahm einige Gedichte heraus und gab andere hinein, die nicht weniger anstößig waren. Die blieben merkwürdigerweise drin. Ebenso merkwürdig: Nachdem Czechowski 1977 aus der SED ausgetreten war, durfte er in den Westen reisen, vorher nicht. Doch ein Dauervisum erhielt er nicht. Mit dem Gedichtband Schafe und Sterne aus dem Jahre 1975, seinem dritten, war Czechowski nicht mehr reklamierbar für die DDR.
„Nach einer anderen Sprache verlangen / Die nicht geschriebenen Sätze“, heißt es da, und er schrieb sie. Das Gedicht „Hubertusburg“:

Oleander
Die Pferdeschwemme begrinst
Von einem sächsischen Faunskopf,
Schollentreu
Von Oschatz bis Wurzen

Auferstehungsstationen
Hinter vergitterten Fenstern.
Ein Habicht
Steht in der Luft
Überm beschnittenen Taxus.

Im Kreisgang des Zeigers
Gehen die Kranken
Auf knirschendem Kies.

Keiner
Zählt mehr die Stunden, keiner
Die Jahre.

Nur die Minuten
Sind hier endlos
Wie der freie Fall
In die netzlose Tiefe.

Anruf als Aufruf, dem Letzten entgegenzugehen. „Den Bewegungen unter der Erde, / den heimtückisch reißenden Flüssen“, die ihn im Schlaf suchen, „wehrlos geliefert“, schreibt Czechowski:

Was sich verlief,
Ließ seine Spuren: tote Natur,
Was einst lebte.
Steine glühten
Und Sterne sprangen empor
In die Nacht.
Schreie
Rollten wie Steine zu Tal.
Aus Schatten
Lösten sich Schatten
Und wurden zu Schatten.

Zwei Jahre nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, ein Jahr nach dem Weggang Sarah Kirschs wollte Czechowski eine Lesereise in die Bundesrepublik nutzen, um im Westen zu bleiben. Seine erste Ehe war geschieden. Bei einem Kunsthändler im badischen Oberrimsingen fand er eine freizügige Unterkunft. Bernd Jentzsch im schweizerischen Küsnacht, wegen seiner Solidarisierung mit Biermann in der DDR mit Haft bedroht und deshalb von einem Studienaufenthalt nicht zurückgekehrt, hatte ihm einen Lektorenposten beim Walter-Verlag in Olten besorgt. Czechowski ließ sich einen westdeutschen Paß ausstellen und fuhr zu ihm.
„Niemand wußte, wo ich bin“, erzählt Czechowski.

Die Stasi wußte es. Die müssen entweder ihre Leute in der Bundesrepublik gehabt oder in der Bundesrepublik geführte Telefonate abgehört haben. Jedenfalls rief mich Paul Wiens an.

Wiens, dessen Stasi-Karriere laut den Forschungen von Joachim Walther 1961 begann, forderte Czechowski auf:

Komm zurück. Du gehst straffrei aus. Ich habe alles vorbereitet.

Heinz Czechowski ließ seinen Gastgeber in Oberrimsingen erzählen und faßte das Gehörte in die Worte:

Nach dem Krieg war er gelähmt. In letzter Verzweiflung ließ er sich von seinem Vater im Rollstuhl an den Rand eines Schwimmbassins fahren, dort, wo es am tiefsten ist. Es war in der Frühe, niemand in der Nähe, der Vater gebrechlich. Er stürzte sich in das Wasser und wußte: er würde ertrinken oder – schwimmen. Er schwamm und genas.

Heinz Czechowski sah aber auch das desolate Leben seines Freundes Jentzsch, dessen Ehe gerade auseinanderbrach. Und er hörte ausweichende Antworten von anderen, die nun im Westen lebten und die er um Ratschläge gebeten hatte. Heinz Czechowski kehrte nach Halle zurück:

Als ich an die Grenze kam, verlangte die Grenzkontrolle nicht einmal meinen Paß. Die wußten, wer ich bin. Dann habe ich drei Tage in meiner Wohnung gelegen und habe gedacht: Die müssen dich doch abholen.

Nichts geschah. „Ich hatte meine Republikflucht verschenkt“, sagt Czechowski. Nach seiner zweiten Heirat 1980 durfte er seine Frau Ingrid zu Aufenthalten nach England mitnehmen. Aber ihren kleinen Sohn mußten die beiden in der DDR zurücklassen.

Im Jahre 1983 erschien bei Hanser in München unter dem Titel An Freund und Feind eine erste Auswahl von Gedichten Czechowskis in der Bundesrepublik, 1987 eine zweite, zusammengestellt von Sarah Kirsch für den Rowohlt-Verlag, darin „Zwei Nachtstücke“, die in der DDR im selben Jahr in dem Gedichtband Kein näheres Zeichen enthalten sind:

1
Im Traum sitzen Freunde und Feinde an meinem Tisch. Sie reden von sich, und das eint sie. Sie sprechen und sind mit der Zukunft im Bunde, die aber kennt weder Freunde noch Feinde. Sie hat eine silberne Zunge und goldene Zähne. Sie kennt keinen Reim. Sie ist die Zukunft, die meinen Feinden und Freunden gehört. Wie der Rattenfänger von Hameln geht sie, und es folgen ihr Freunde und Feinde. Wenn ich wieder allein bin, sitzt mir die Zukunft am Tisch. Hinter vorgehaltener Hand sagt sie: Ich bin die Zukunft. Dann geht sie. Ausgeträumt, sag ich zu mir, und folg ihr ins Labyrinth meines unerforschbaren Hauses, um den Faden zu suchen.

2
Die Nacht läßt mir nachstelln. Mit Feuer und Schwert. Geharnischte Kerle mit schweren Geschützen stehen vor meiner Tür. Ich höre meiner vertrauten Sprache fremde Wörter: Gleich wird die Tür gesprengt, dann sind sie bei mir, durchwühlen mein Bett. Ich steh an der Wand mit erhobenen Händen. Einer tritt mir ins Gesäß. Von meiner Stirn rieselt Blut. Das sind sie, die nächtlichen Reiter. Im Nebel sind sie gekommen. Ich hab sie erwartet. Sie suchen nicht Blei, nicht Silber, nicht Gold. Sie kennen nur Ja und Nein. Als ausgemacht gilt: Wer nicht für sie ist, muß gegen sie sein. Doch was ich auch sage: sie werden mich ohnehin foltern. Sie können die Zeitung des Tages nicht lesen. Alles, was wächst, ist ihnen fremd. Sie können nur eines: verfolgen, aufbrechen, töten. Die Liebenden reißen sie auseinander wie altes Papier. Die meisten widersprechen ihnen schon lange nicht mehr. Man muß auskommen mit ihnen, sagen sie leise. Und gehen auf Zehenspitzen.

Bei den Montagsdemonstrationen der Leipziger Wendezeit war Heinz Czechowski dabei. Im Wiedervereinigungsjahr 1990 erschienen Gedichte und Prosa zu seinem Thema Dresden aus allen Czechowski-Publikationen, zusammengetragen von Wulf Kirsten, unter dem Titel Auf eine im Feuer versunkene Stadt – mit Illustrationen des Dresdner Künstlers Claus Weidensdorfer. Das wunderbar gestaltete Buch fand keine Käufer und wurde verramscht. Der Mitteldeutsche Verlag gab die Rechte an allen Czechowski-Büchern an den Autor zurück.
Heinz Czechowski reiste nach Verona, dann nach Venedig, von dort übers Friaul nach Linz und Prag, von dort über Dresden und Leipzig nach Amsterdam:

Das Grab Ezra Pounds auf der Isola San Michele, Bruckners und Stifters Spuren in Linz, die Juwelen Prags, gespiegelt in Smetanas Moldau, der goldene Schrott des Grünen Gewölbes, das Leipzig derer, die geglaubt hatten, sie könnten eine neue Zeit herbeirufen. Das Amsterdam der Portugiesischen Synagoge, das des Linsenschleifers Baruch Spinoza, des von seiner Gemeinde Ausgestoßenen. Die europäische Achse – eine Friedhofslandschaft. Beinhäuser nicht nur in dem von Joseph Roth im Radetzkymarsch aufbewahrten Solferino. Kirchen, Paläste und Schlösser, angefüllt mit dem Moder zerfallener Reliquien. Die Geschichte einer Chronik von Kriegen, Seuchen, Entzweiungen…

Noch immer sucht Heinz Czechowski, wie er schreibt, „einen Ort für die Liebe“ und findet ihn nicht. „Wo ich zuhause bin, / Will ich nicht sein. / Wo ich hinkomme, / Will ich nicht bleiben. Gut / Das ist nicht neu“, weiß er. Und er weiß im westfälischen Schöppingen auch:

So kehre ich wieder
In meine Kindheit zurück, unbelehrt
Von der Geschichte,
Die in sich zurücknimmt
Das Ungeheure, das
Seinen Anfang nahm,
Schon lange bevor ich ein Kind war.

„Ich habe mich mit Dresden herumgeschlagen“, sagt er.

Man hat mich in England gefragt, ob ich Rachegefühle wegen der Angriffe auf Dresden habe. Ich habe nein gesagt. Irgendwie versuche ich, immer zu verstehen, warum die Engländer so gehandelt haben, obwohl es furchtbar war. Die Bombardierung war strategisch nicht notwendig. Ein Commander Harris ist sicher ein Unmensch gewesen. Ich denke aber auch an die deutsche Zerstörung, an Coventry und Rotterdam. Als ich in Coventry war und Swansea besuchte, stellte ich überrascht fest: Auch Swansea haben die V2 und V1 erreicht. Da gibt’s ja nichts mehr außer drei, vier Fachwerkhäusern. Und ich denke an jene englischen Piloten, die an der Technischen Universität Dresden vor dem Krieg studiert hatten und den Flug nach Dresden verweigerten.

An einem Schöppinger Haus an der Durchgangsstraße von Holland in Richtung Osten stehen unübersehbar die Worte:

Nach Auschwitz nur 969 Kilometer. Nie wieder!

Heinz Czechowski schreibt:

GEGEN ABEND ERTRANK ICH IN ALL DEM PAPIER
Wie ein Hecht in der Pfütze.
Echolos rollten die Wörter, ich hörte
Das Keuchen der Lokomotive,
Denn es war Herbst: jeder Laut
Kam über den Acker und brach sich
Am alten Gemäuer. Das Kupfer des Mondes
Hing überm Kessel, und lautlos
Dröhnte die Schlacht. Es war
Wie am Abend des Laubhüttenfestes: im Winde
Raschelten Blätter, doch keine Gebete
Stiegen zum Himmel. Worum
Soll der Mensch auch noch bitten?
Von allen Mißverstandenen einer
Sank in die Knie, sein Blut
Trank die Erde. Mit lässiger Hand
Warf der versinkende Tag noch sein Netz
Über den Vogellaut in der Tiefe der Bühne,
Eine späte Musik, die letzte vielleicht,
Ein Posthorn, verspätet um ein ganzes Jahrhundert.
Die Szene war nicht bestimmbar.
Kein Ort. Keine Zeit. Ein stummes
Nicht deutbares Zeichen, das
Von Gerechtigkeit sprach, während der Tote
Hinwegschlief, vergessen
In einem Finale, das uns verstörte.
Hinter uns grinste
Ein Vers aus der blutigen alten Komödie.

Jürgen Serke, aus Jürgen Serke: Zu Hause im Exil. Dichter, die eigenmächtig blieben in der DDR, Piper Verlag, 1998

 

Heinz Czechowski

Zurückgekehrt

verlaust verlassen zerstochen zerbröckelt
gelinkt entseelt entstellt vernarbt
geprügelt geplündert vertrimmt verstimmt
ausgelaugt ausgelutscht ausgelöscht
rotkäppchen rotkäppchen du musst wandern
von einem wolf zum andern
verloren verdorben verdurstet verdummt
unrasiert abkassiert ausradiert angeschmiert
geSÜDet erNORDet verOSTet angeWEST
lieg ich blank und bar wieder nieder
starr auf das zerschlissene mieder
am hoffnungshaken preisgegeben verraten
verbraten gehetzt verpetzt mal kalt mal bloßgestellt
passiert isoliert ruiniert früh verführt unberührt
ausgestorben aufgestöbert ungeehrt aufgezehrt
fortgetrieben totgerieben vom geknacke im ohr
tierische bisse im bauch wo opfer sich anschicken
aus mir über mich hinaus mich zum platzen drall zu wachsen
für judas lohn auf haariger kralle

Peter Wawerzinek 

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Jens Bisky: Vom Nichts begleitet
Süddeutsche Zeitung, 7.2.2005

Beatrix Langner: Schreiben im eigenen Schatten
Neue Zürcher Zeitung, 7.2.2005

Hans-Dieter Schütt: Rückwende
Neues Deutschland, 7.2.2005

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Nachrufe auf Heinz Czechowski: Die Welt ✝ poetenladen ✝
titelmagazin ✝ Der Spiegel ✝ Deutschlandfunk ✝
Berliner Zeitung ✝ Der Tagesspiegel ✝ Süddeutsche Zeitung

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Czechowski“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Heinz Czechowski

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