UNWIRTLICHES EXIL
kein Urstromtal
sogar die Steine sind ausgewandert
in einem mecklenburgischen Maisfeld
zwischen märkischen Kiefern traf ich
noch diesen und jenen ich dachte
oft darüber nach wie glatt sie sind
jetzt sitze ich ratlos im Exil
auf einem Haufen Eis auf einem Haufen Grude
auf einem Haufen Holz auf einem Haufen Glas
auf einem Haufen ausgedienter Säcke
oder ich gehe ins Watt und bestaune
meine fetten Spuren voller Meerwasser
ich will mich nicht schleifen lassen
dafür ertrinke ich hier im Schnaps
die Steine sind weg nach Deutschland
ach Urstromtal
Bilder stellen sich ein: Helga Novak und Sarah Kirsch, wie zwei schöne Raddampfer zwischen unbedeutenden Bootchen in den Menschenströmen der Buchmesse. So müssen Dichterinnen aussehen. Lang her. Oder auf einer Bühne, irgendwo in Offenbach, Helga ketterauchend und den fassungslosen Feuerwehrmann derart isländisch anschauend, daß der zu keiner Intervention fähig war.
Das Leben war schwer, damals, chaotisch und wollte sich nicht fügen zu Glück und Leichtigkeit. Und ziemlich oft kam einem beim Anschauen und Anhören der Dichterin Helga M. Novak das eigene Unglücksgetue und Weltrettungsbegehren ziemlich ärmlich und wie abgeschrieben vor. Da war eine Biographie voller Schürfwunden zu spüren, zu lesen auch, in Lyrik und Prosa. Und in ihrem Gesicht konnte man sie schon früh erkennen. Vielleicht deshalb gab es im ganzen deutschen Literaturbetrieb keinen schöneren Kopf zu sehen, die allseits anerkannte Lyrikikone Bachmann sah neben Helga glanzlos aus.
Als ich sie kennenlernte, hat mir als erstes neidvoll gefallen, daß sie tatsächlich so kompromißlos war, wie wir zu sein immer behaupteten. Daß ihr das Materielle offenbar auf königliche Art wurscht war, ihr Liebesleben von prachtvollsten Komplikationen umgittert, ihre Kunst unzeitgeistig und keine Magd der Politik, was man damals gern einforderte. Beim heutigen Lesen der frühen Gedichte entdecke ich natürlich Spuren der hoffnungsvollen Jahre, aber bei ihr sind sie in die Gedichte eingewachsen und nicht aufgepfropft.
Die Jahre haben ihnen nicht geschadet. Viel anderes aus dieser Zeit ist längst verdorrt und ein bißchen peinlich. Eine Flüchterin war sie, konnte nirgends bleiben, war rastlos. Auch das löste bei einem Menschen von so fürchterlicher Seßhaftigkeit wie ich es bin eine Art bewundernden Neid aus. Ahasverisch wollte ich immer gern sein, das war nicht so spießig. Daß die Rastlosigkeit auch Last sein kann, Suche ohne je zu finden – das wußte man nicht, als man jung war.
Wiederkehrende kleine Heimaten in ihren Gedichten sind die Fundstücke aus der Natur, bei Vogel oder Igel, Pfauenaugen oder der Kaiserkrone im Berger Garten kann man innehalten, ohne Schmerz zugefügt zu bekommen. Ein Zug sanfter und unauffälliger Lebewesen bewegt sich durch ihre Gedichte, es ist ein tröstlicher und schwacher Zug.
Merkwürdigerweise stößt mich die trockene Qual in ihren Gedichten nicht zurück, sondern zieht mich an. Merkwürdig ist das deswegen, weil ich monochrome Trauer in jedweder Kunstäußerung meide wie der Teufel das Weihwasser, ja, genau so. Monochrom oder larmoyant ist sie eben nicht, manchmal schwer auszuhalten, aber das gehört sich bei Gedichten.
Über Jahre war sie nicht zu hören, ihre Gedichte gut aufgehoben bei zu wenig Menschen, ihre Prosa schon klassisch und erst kürzlich wieder zugänglich geworden. Man soll auch jetzt nicht herausfinden, wo sie ist.
Wieder, soviel müssen ihre Leser doch wissen, eine Einöde. „Ich beneide mich selbst um meinen Garten“, hat sie kürzlich in einem Brief geschrieben. In der jetzigen Einsamkeit ist sie schon lang, seßhaft? Über Blumenzwiebeln, Schafskäse und Kriminalromane, die man auf verschwiegenen Wegen zu ihr schafft, freut sie sich.
Immer wieder spürt man sie über die Jahre in ihren Gedichten, die fadendünnen Rinnsale von Vertrautheit: „Ich wünsche mir Regen der bleibt in den Lachen / Da rein will ich meine traurigen Füße stecken“ – keine Metaphern. Sie steckt die Füße wirklich in die nächste Pfütze.
Als ich sie damals jemandem zu beschreiben versuchte, habe ich gesagt: Es ist ihr vollständig egal, ob sie jemandem gefällt oder nicht. Heute weiß ich nicht mehr so genau, ob das gestimmt hat. Denn sie ist eine fürsorgliche Gastgeberin und kocht sehr gut. Sowas verlernt man nicht, auch nicht in der Wildnis.
Vielleicht hat sie einfach schon früh gemerkt, daß man, wenn man eine Dichterin sein will, nur in der Einöde leben kann, unerkannt von Talkmeisterinnen, Lokalreportern, Quartettspielern, ISDN-Anschlüssen, Morgenmagazinen und der ganzen sonstigen Topographie des kulturellen Lebens. Eine altmodische Sache, so eine verborgene Dichterexistenz, eingefangen von der Unveränderlichkeit poetischer Gegenstände: Liebe, Tod, das alles, Sie wissen schon. Und ohne das Mäntelchen der Industrie, die ihre vielfältigen gesellschaftlichen Tröstungen bereithält, ohne die unsereiner vielleicht gar nicht mehr auskommt.
Nein, sein wie sie kann man sich vielleicht nicht wünschen – aber es ist notwendig, daß es eine wie sie gibt. Die sich immer wieder bündelt zu solchen Gedichten, wie vor nicht langer Zeit in dem Band Silvatica, der vielleicht deswegen so erfolgreich war (ach, was ist ein Erfolg in der Poesie? Statt einer Handvoll ein paar Hundert Hände voll begreifender Leser), weil einige Leute dieses seltsam lustvolle schlechte Gewissen überkam, das sich bei der Lektüre von etwas sehr Fremdem und Kraftvollem einstellt. Sie merkten, daß man diese Gedichte nicht runterschlucken konnte, sie hörten die Knochen knirschen, wenn sie auf die Wörter bissen.
Hat man derlei verdient? Hat man nicht. Wird es beschützt? Aber kein Gedanke. Wissen genügend Leute, daß sie Gedichte brauchen? Woher denn? Helga Novak macht sie trotzdem – Kunst ist seit jeher ein ziemlich unverdientes Geschenk an undeutliche Menschen. „Ein jedes soll seine Farbe tragen / Wer keine hat ist dem Tode geweiht.“
Noch mehr Bilder von früher: Helga, in ihrer Wohnung hoch über dem Frankfurter Westend, mir, der Sentimentalen, die Wahrheit über das Landleben verkündend. Wie kann man auch an einen Ort ziehen, der Grabfeld heißt? dachte ich und traute mich nicht, es zu sagen. Zu feurig sah Helgas schönes Gorgonenhaupt auf mich herab.
Sie fiel auf, ohne was dafür zu tun. Auch nicht dagegen, wohlgemerkt – ihre Unangepaßtheit war nicht, wie bei so vielen damals, diese fatale Mischung aus Koketterie und schlechten Manieren: Sie war und ist, denke ich, ganz mörderisch anders. Eine Zwiebelfischin, eine Troglodytin von trauriger und kluger Art.
Ihre Biographie ist in ihrer Prosa nachlesbar, findet sich auch in den Gedichten, aber verschlüsselter. Dichten, das weiß Helga Novak genau, ist eigentlich ein merkwürdiger Beruf, nicht von dieser Welt, aber mehr als manche anderen Künste ihr ausgeliefert. Mit den Hervorbringungen einer technisch hoch gerüsteten, dem Vergnügen verpflichteten Schreibgeneration haben ihre Gedichte absolut nichts zu tun. Sie sind präzise und reich wie Höhlenbilder und, wenn man sie nach Jahren wieder liest, ebenso bewegend wie fremd. Nicht von dieser Welt: Nicht von dieser Welt. Die Dichterin hat sich in die Wildnis zurückgezogen, nicht zum erstenmal in ihrem Leben, und sie verzichtet damit auf Beifall, auf das sogenannte Feedback, auf die Gemeinde, die eigene Ausgestelltheit, die Vermarktungsmusik, ohne die kein Beruf mehr zu funktionieren scheint, nicht einmal der des Poeten. Oder gerade der nicht.
Ich denke, dieser Verzicht ist nicht leicht, und Fuchs und Hase sind zwar eine angenehme, aber vielleicht nicht immer ganz genügende Gesellschaft für eine Frau, deren Arbeit im Ersinnen von Botschaften besteht. Natürlich verschafft sie sich irgendwie doch Antworten, die sie braucht, Stimmen von weit her, um Wochen und Monate verzögert. Das macht aber nichts, denn ihre Wörter sind keine leicht verderbliche Ware.
Natürlich sind das die alten Themen, die auch in den frühen Jahren durch politische und der aufgeregten – damals sagten wir aufregenden – Zeit verhafteten Gedichte hindurchschimmern. Liebe und Tod, na klar. Die eine in den jungen Jahren noch verzweifelt, der andere fern und seltsam. Das dreht sich dann irgendwann sachte um.
Die Liebe in den späteren Gedichten der Helga Novak ist ein ganz neuer und doch vertrauter Kontinent, betreten mit dem Wissen, daß all die schönen und schrecklichen Sachen endlich sind, mitsamt einem selber. Vielleicht schafft es nur die Poesie das klar zu machen.
Vorsichtig auf den Wörtern balancierend lernt der Leser, sich dem Unerhörten zu nähern, das ihn genausoviel angeht wie den Dichter. Das ist natürlich keine leichte Sache, und wer Unterhaltung durch kleingehackte Zeilen sucht, wird bei Novak bitter enttäuscht werden. Die beliebte elegante und tänzerische Bewegung durchs Leben, parfümiert höchstens mit einem dezenten Hauch Melancholie, findet sich in ihren Gedichten nicht. Auch nicht die modische Rabenschwärze oder ein Überangebot an Naturgottheiten.
Streng ist sie, aber auch üppig. Sie verbindet die Liebe der späteren Jahre mit der Jagd, dem notwendigen blutigen Handwerk.
Getroffen bin ich flüchtig abgegangen
Und ohne Nachsuche gelaufen in die Irre
Das Unterholz hat meine Decke zerrissen
Wo ich jetzt bin kommt keiner mehr vorbei.
Das hat in der Zerstreutheit der Städte nicht entstehen können, nicht angesichts des Luxus und der Moden. Kann sein, daß es wenige verstehen. Kann sein, daß der Ton archaisch ist im Wortsinn, nicht in der kostümierten Variante antikisierenden Plauderns, mit dem man sich in intellektuellen Kreisen gern ein bißchen aus der Frühzeit bedient, wenn es nicht weh tut.
Noch ein paar Bilder von früher: Für Attitüden hatte sie keine Zeit. Daß man, wenn man gradewegs geht, auf viele Zehen tritt – geschenkt. Man wird ja auch selber getreten, nicht zu knapp. Aufgepaßt hat sie nicht auf sich, meines Wissens bis zum heutigen Tag nicht.
Natürlich hat sie in die Welt müssen, Lesungen, Interviews, Entgegennahmen von Preisen. Das hat sie auch gefreut, gleichzeitig aber so angestrengt, daß mans ihr ansah.
Vor Jahren habe ich sie in einem Studio in Berlin erlebt, ganz starr vor Konzentration, und gleichzeitig genau wissend, daß all diese Ausgestelltheiten müßig sind, aber lebensnotwendig. Sie sah dabei aus wie ein Einhorn, das man in eine Schafherde gesperrt hat.
Was soll ich hier, hat sie sehr leise gefragt, wen, war nicht klar. Das ist eine Dichterfrage: Was soll ich hier? Sie müssen es immer wieder fragen, vielleicht sind Gedichte vorläufige Antworten. „Strafe hat wirklich keiner verdient / Mein Herz aber wird zerfallen schade“.
Eva Demski, Nachwort
solange noch Liebesbriefe eintreffen vereint Helga M. Novaks gesamtes lyrisches Werk, vom ersten Gedichtband über die Bücher, die den Rang der großen Lyrikerin begründeten und über die Jahrzehnte bestätigten: Ballade von der reisenden Anna, Colloquium mit vier Häuten, Balladen vom kurzen Prozess, Margarete mit dem Schrank, Legende Transsib, Märkische Feenmorgana, Silvatica.
Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Ankündigung
-Kehrgericht im Lande Sta: Helga M. Novak in allen ihren Versen.-
Wenn ich ein Gegenstück zu Hans im Glück nennen sollte, so wüsste ich jetzt eins. Die Schlusszeilen eines Gedichts, das Anfang der sechziger Jahre geschrieben wurde, entwerfen das Bild einer einprägsamen Figur: „ich bin ostdeutsch und ziehe / einen Klumpen Hoffnung hinter mir her.“ Verfasserin der Zeilen war eine junge Ostberlinerin, die nach Island geheiratet hatte und dort in Fischfabriken und Webereien arbeitete. 1963 veröffentlichte sie in Reykjaviik einen Gedichtband. Er trug einen ebenso knappen wie merkwürdigen Titel: Ostdeutsch.
Man darf annehmen, dass dieser im Selbstverlag erschienene Band kaum Leser fand. Doch als ihn zwei Jahre später ein westdeutscher Verlag, wenig verändert, unter dem Titel Ballade von der reisenden Anna publizierte, machte er die Verfasserin mit einem Schlag bekannt. Seitdem gehört Helga M. Novak zu den wichtigen Namen der deutschen Literatur.
Heute, fast vier Jahrzehnte später, liest man die bitter-stolzen Zeilen „ich bin ostdeutsch und ziehe / einen Klumpen Hoffnung hinter mir her“ in einem opulenten, schön gedruckten Band mit 800 Seiten Lyrik. Er präsentiert uns unter dem Titel Solange noch Liebesbriefe eintreffen Helga M. Novaks Gesammelte Gedichte wie ein Vermächtnis. Denn die Dichterin fasst nicht bloß ihre Einzelbände zusammen, sie gibt jetzt in Druck, was sie lange in ihren Mappen verwahrt hat. Es sind immerhin 140 Gedichte, die hier zum ersten Mal erscheinen. Unter ihnen auch das schon erwähnte Gedicht. Übrigens das einzige, über das die Autorin den Titel „Bekenntnis“ setzte.
Also der Klumpen Hoffnung. Man lässt ihn fahren, oder man zieht ihn lebenslang hinter sich her. Helga M. Novak entschied sich für das Ziehen. Für die Hoffnung wider alle Hoffnung. Das Bild vom Klumpen hat es in sich. Denn er, der sich mit der Materie von Leben und Erfahrung anreichert, kann nur immer schwerer werden und den Ziehenden erschöpfen. Es ist eine Mutter Courage, die da zieht, ein weiblicher Sisyphus, der sich seinen Stein nicht aussuchen konnte. „Ich bin ostdeutsch“, heißt es in diesem frühen „Bekenntnis“, „solange Misstrauen und Spitzel / die hausgemachten Soßen würzen.“
Heute, nach dem Kollaps der Utopien, sieht man leicht, dass Hoffnung nicht bloß Prinzip, sondern auch Pech, Schwefel und Dreck bedeutete. Umso erstaunlicher, wie umstandslos offen und selbstkritisch die junge Novak sein konnte. Wer ihre Lyrik ernst nahm, den konnte der offene Brief nicht überraschen, den die Autorin im Oktober 1991 an Sarah Kirsch, Wolf Biermann und Jürgen Fuchs richtete und in dem sie sich dazu bekannte, 1957 zu einer Verpflichtungserklärung für die Stasi gepresst worden zu sein. Es stand alles schon in ihren frühen Gedichten. 1965, in ihrer Ballade von der reisenden Anna, handelt eine Abteilung vom „Kehrgericht im Lande Sta“, in der stalinistischen DDR. Gleich das erste Gedicht zählt unter dem Titel „Lernjahre sind keine Herrenjahre“ all die Dinge auf, die sie das „Vaterland“ gelehrt habe, etwa:
Zwanzigjährig
mit der Maschinenpistole gut zu treffen
dreiundzwanzigjährig
meine Mitmenschen zu denunzieren.
Da diese Erkenntnis, einmal gefasst, etwas Niederschmetterndes haben mochte, rettete die Dichterin sich in den Moritatenton. Ihre „Tragoballade vom Spitzel Winfried Schütze in platten Reimen“ setzt auf die alte Weisheit vom Denunzianten als dem „schlechtesten Mann im ganzen Land“ die geschärfte Einsicht: „Der schlechteste Staat auf dieser Welt / ist der der sich die Spitzel hält.“
Die Dichterin zog die Konsequenz: „Dahin will ich gehen / wo es trostlos ist.“ In ihrem Nachwort entwirft Eva Demski ein sympathetisches Porträt Helga M. Novaks. Sie spricht von einer „Biografie voller Schürfwunden“. Das ist womöglich noch milde ausgedrückt. Es ist eine Biografie der unwirtlichen Exile und der immer wieder enttäuschten Hoffnungen. Der Staat, der sich die Spitzel hielt, hatte der Dichterin 1966 die Staatsbürgerschaft aberkannt. Eine Rubrik mit Island-Gedichten ist „Unwirtliches Exil“ überschrieben. Eine Zeit lang mochte es ihr scheinen, als ließe sich die bundesdeutsche Realität durch linke „Balladen vom kurzen Prozeß“ erfassen. Anders als die Genossen, die die Leiche Literatur zu Grabe zu tragen glaubten, hielt Helga M. Novak in den siebziger Jahren an der Poesie fest. Auch darin war sie in ihrem spezifischen Sinn „ostdeutsch“. Etwas wie Heimweh kam in ihre Verse. Ihre „Bittschrift an Sarah“ forderte die Adressatin auf: „Geh los und such meine Freunde / sag ihnen – ich lebe ich sterbe ich lebe.“ Und die Verse nannten Orte wie Friedrichshagen, Erkner, Grünau, Buckow, aber auch die Chaussee von Weimar zum Ettersberg hinauf.
All das sammelt der opulente Band, auch die späten Gedichtzyklen auf die sibirische Eisenbahn und die märkische Landschaft. Dazu den jüngsten hochpoetischen Zyklus „Silvatica“, darin die im ländlichen Polen lebende Dichterin Jäger und Gejagte im Netz ihrer mythisch-märchenhaften Walderfahrung zappeln lässt.
Schön, dass den Leser, der all dies kennt und schätzt, noch eine Überraschung erwartet. Denn auch aus jüngerer Zeit gibt es einige unbekannte Gedichte; und das schönste gibt dem Sammelband seinen Titel. Wie die Metapher vom geschleiften Klumpen spricht es von Hoffnung, aber nun in Bildern von Sehnsucht und Liebe. Man muss es ganz zitieren:
Solange noch Liebesbriefe eintreffen
ist nicht alles verloren
solange noch Umarmungen und Küsse
ankommen und sei es in Briefen
ist nicht alles verloren
solange ihr in Gedanken
nach meinem Verbleib fahndet
ist nicht alles verloren.
− Die Dichterin, die Trost sucht, ist in Wahrheit diejenige, die ihn spendet. Solange noch solche Gedichte abgeschickt werden, Briefe an uns, die es angeht, ist nicht alles verloren.
Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999
-Eine poetische Selbstbehauptung, die bleiben wird: Die Gesammelten Gedichte von Helga M. Novak in einer erweiterten Ausgabe.-
Die Aufnahme dreier unvergleichlicher Dichterinnen der Sächsischen Dichterschule ist sehr verschieden. Sarah Kirsch lebt mit literarischem Ruhm, Elke Erb gilt selbst den Jungen Wilden etwas, aber Helga M. Novak, anhaltend ungestüm, scheint seit dem „Deutschen Herbst“ mehr oder weniger vergessen. Daran konnte auch der Gedichtband wo ich jetzt bin in der bekenntnishaften Auswahl durch Michael Lentz wenig ändern. An ihrem Verlag liegt es nicht. Bei Schöffling erschienen vor fast zehn Jahren die Gesammelten Gedichte als solange noch liebesbriefe eintreffen. Diese von Rita Jorek umsichtig betreute Sammlung liegt jetzt neu vor, um hundertvierzig zumeist frühe Gedichte erweitert. Beeindruckend, wie hier ein Verlag zu seiner Dichterin steht.
Helga M. Novak, 1935 in Berlin geboren, verliert mit der Nachkriegszeit in Adoptivfamilie und Internatsschule alle Illusionsgeborgenheit. In der Leipziger Dichtergruppierung geht von ihr die größte Unruhe aus, als Frau und als Dichterin. Immer heißt es, was wird der nächste Tag aus ihrer Spontaneität machen? Verse wie im jetzt erstmalig publizierten „Honigleckerlied“ provozieren die Staatsräson. Schon 1966 wird sie ausgebürgert und kommt über einen isländischen Umweg gerade recht zu den Verheißungen der folgenden Jahre. Mit der Ankunft im Westen ist es nicht getan, aber sie trifft den Ton im Lärm des Aufbruchs. Im Frankfurter Westend ist sie von Anbeginn dabei. Sie lebt und schreibt in Überschwang und Ernüchterung, Aufbruch und Rückzug. Eva Demski berichtet im Nachwort von dieser Aura in den bewegten Jahren.
Aus jener Zeit, den siebziger Jahren, stammen die meisten der unveröffentlichten Gedichte. Ein Hinweis wäre zwingend, warum sie seinerzeit in der Sammlung Margarete mit dem Schrank (1978), der sie jetzt unter anderem zu geordnet werden, nicht zu finden waren. Wertabstufungen zählen hier in den wenigsten Fällen. So spricht auch nichts gegen die „Bittschrift an Sarah“, dieses Signal in den Osten:
erkundigt euch auch in Laucha an der Unstrut
nach der Segelfliegerschule
schreitet die Chaussee von Weimar zum Ettersberg hinauf
schreibt mir einen Brief von zu Hause.
Auch ihr Gesang vom verfehlten Verlangen im „Liebesgedicht einer Kirchenräuberin“ ist neu:
den Salbei erntet man im weißen Hemd
und darf kein Metall an sich haben
den Geliebten reißt man aus
der Erinnerung
im schwarzen Hemd
und braucht eine Seele aus Eisen.
Aus den letzten Jahren zeigen sich nur wenige Gedichte, seit „wo ich jetzt bin“ scheint nichts Neues aufgenommen. Aber ein unverwechselbares Gesamtwerk wird wieder gegenwärtig. In diesen Gedichten ist vieles, was im Leben als verloren gilt, in aller Unschuld zurückgeholt. Eine poetische Selbstbehauptung, die bleiben wird.
Jürgen Verdofsky, Badische Zeitung, 9.8.2008
Günter Navky: Liebe und andere Schmerzen.
Saarbrücker Zeitung, 28.12.1999
Undine Materni: Eine Dichterin, die nicht gefallen will.
der literat, 2000, Heft 10
Eva Demski: Nie zu alt.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2000
Die Dichterin Helga M. Novak. Ein Feature von J. Monika Walther
Die verlorene Tochter. Ein Skandal: Helga M. Novak darf nicht nach Deutschland
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Michael Braun: Schöne Verwilderung.
Neue Zürcher Zeitung, 8.9.2005
Fries, Fritz Rudolf: Versuch einer Liebeserklärung.
Neues Deutschland, 8.9.2005
Thomas Poiss: Dichtermut, Dichterjubel.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.9.2005
Ulf Heise: Anarchin in polnischer Klausur.
Märkische Allgemeine Zeitung, 7.9.2010