Hellmut Seemann: Zu Wulf Kirstens Gedicht „durchsichtig“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Wulf Kirstens Gedicht „durchsichtig“ aus Wulf Kirsten: Was ich noch sagen wollte. 

 

 

 

 

WULF KIRSTEN

durchsichtig

letzte reise mit freund Brod,
der schon neun bücher vorweisen
konnte, während Kafka, wohl-
vorbereitet zu Goethe unterwegs,
die pilgerfahrt als literarischer nobody
antrat, eine woche in spartanischer kammer
genächtigt hoch oben für zwei mark,
in einen backfisch verschossen jählings,
namens Gretchen, eben sechzehn geworden,
das unterricht nahm im weißnähen,
bei hochsommerhitze sah Kafka
sie leichtgewandet ziehn
die Erfurter straße hoch, erotisiert
von ihrem durchsichtigen kleid.

 

Kafkas Gretchen

durchsichtig – hat Wulf Kirsten über die 14 Zeilen, mit denen er das Jahr 2014 begrüßte, geschrieben. Durchsichtigkeit ist keine Qualität von Gedichten. Durchsichtig nennt man untaugliche Versuche: Nachtigall ick hör Dir trapsen. Durchsichtig sind Fehlleistungen: unvergessen jener Schulabend, an dem der Freund der versammelten Schüler- und Elternschaft die fotografische Ausbeute einer Schulfahrt an die Nordsee zeigte – auf jedem Bild, ob Strand, Leuchtturm oder Sonnenuntergang, war immer dieselbe Klassenkameradin zu sehen… Durchsichtig können Stoffe sein. Gedichte sollen undurchsichtig sein, sollen eine verdichtete, hermetische Qualität haben. Wulf Kirsten pfeift auf gedichtete Gedichte. Sein Gedicht ist durchsichtig bis zur Offensichtlichkeit. Die Namen, einzig sie mit großen Buchstaben geschrieben: Brod, Kafka, Goethe, Gretchen, Kafka, Erfurter, diese Namen lassen auf den ersten Blick durchscheinen, worum es hier geht: um eine kulturgeschichtliche Episode in Weimar, ungenannt bleibend, aber ersichtlich der Ort des Geschehens.
Tatsächlich kam Kafka als Pilger, seinen Freund Max Brod im Gepäck, 1912 hierher, mietete sich in der Geleitstraße günstig ein, besuchte das Haus am Frauenplan und verliebte sich Hals über Kopf in ein Mädchen, die Tochter des Hausmeisters vom Goethehaus, ein Mädchen, das, um das unglückliche Ende gleich anzudeuten, auf den Namen Gretchen hörte. Es war heiß in Weimar, der junge Mann Kafka fühlte sich wie von langer Hand, wie von Goethe selbst, in diese ungleiche Beziehung mit der eben 16-jährigen hineingezogen. Verantwortungslose, schicksalhafte weimarische Verquickung, Verstrickung, Erlösung. Leben und Werk: Wenn schon kein literarischer Erfolg, dann doch immerhin Gretchen von Goethe. Werk und Leben: Jener Freund Brod, der erfolgreiche, er sollte es sein, der das Werk Kafkas rettete, wenn schon Gretchen das Leben nicht retten konnte. Durchsichtig, dieser historische Stoff, dem Kirsten ein leichtes, luftiges Sommerkleid übergestreift hat. Das Kind, das Mädchen, die Frau, sie zieht die Erfurter Straße hoch, es ist heiß, das Nachmittagslicht, in das sie hineinläuft, lässt sie wie eine Erscheinung durchsichtig werden. Nur ganz leicht steigt die Straße an. Aber für den sehnsüchtig ihr nachschauenden Franz ist es wie ein Aufsteigen zum Licht, zur Liebe, zum Leben. Auch das Licht der Verklärung ist durchsichtig.

Hellmut Seemannaus Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

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