Hendrik Jackson: Dunkelströme

Jackson-Dunkelströme

RAUSCHEN

Regen schuf sich sein Meer und das Meer seine
aaaaaWellen, schwollen
Wolken über der weißen Gischt des Meeres – helle
aaaaaTöne –
und wie Staub auf der Tonbandspur alles ineinander
aaaaavermischt
die Stimmen, flüsternd, treten hervor aus dem
aaaaaGestern, aus
toten Gesprächen, eingewoben ins Moiré anschwellender
…sch…wellender Interferenzen, wohin der Wind geht, ob er sacht
aufbraust aufrauscht abflaut, lau oder leicht anhebt, wie Flausch
verraschelt oder aschgrau in grau verstummt – eine Handbewegung
wenn wie nach langer Krankheit alle Gleichzeitigkeiten endeten
alle Böen sich wendeten aufgebäumt Fragen sich leichthin erhöben

 

 

 

Die Gedichte Hendrik Jacksons

zeichnen Spuren scheinbar unmerklicher Vorgänge, machen sichtbar, was vielleicht nur hinter geschlossenen Augen geschieht, in Traum, Erinnerung, Vorstellung, Poesie. Und sich doch niederschlägt, ablesbar wird, heraufragt aus dem mannigfachen Strom des Vorüberziehens, Passierens. Was geschehen sein, geschehen könnte. „Skizzen von Flüchtigkeit“ konkretisieren sich „in rasender Grabung. Gesang“, sprechen aus einem „Rauschen“ heraus, rufen ins „Gespräch um Zuneigung“, das ein Auftauchen aus Ohnmacht und Unverbindlichkeit gewährt, eine Teilhabe an gestalteter Gegenwart, die auch den Leser umfasst, ihn einbezieht. Dunkelstrom – dark current – bezeichnet die spontane Bildung von Ladungen durch Wärme in lichtempfindlichen Detektoren, etwa CCD-Chips. Sie erzeugen ein so genanntes Rauschen, auch wenn keine Belichtung vorliegt, und erhöhen den Schwarzwert. Ihr Entstehen ist nicht vorhersagbar.

kookbooks, Ankündigung

 

Hendrik Jacksons Lyrik will Stillstand

Ein Spätling spricht in diesen Gedichten: Wörter werden wie Bildungspreziosen sorgfältig, ja etwas maniriert behandelt, der Dichter gehört nicht zu denen, die das Sprachmaterial – sei es spielerisch, sei es bitter ernst – verändern und mit neuer Bedeutung aufladen wollen. Stifters Wort „sanft“ bestimmt das Gedicht „Witiko“, „Müdigkeiten“ heißt es gleich zu Beginn, im kleinen Zyklus „Verschwommene Ränder“, wie beim jungen Hofmannsthal, oder das lyrische Subjekt ruft biblisch:

Ich werde euch die Herzen weit machen.

Kommt der Eingriff nicht von der Sprache, dann gilt die Wahrnehmung, und so ist das lyrische Ich ständig in Bewegung auf der Suche nach der Abwechslung, dem Neuen (wie viele Sprachvariationen für Veränderung findet der Autor!). Die Filmästhetik Hendrik Jacksons sorgt vorerst für die Gestalt: Blickschnipsel, schnell erhascht, mit „verschwommenen Rändern“, werden ohne Reim, doch in leichtem Rap-Rhythmus aneinandergereiht:

Fahrten lauter Lichter, Eisentüren, über uns Cassiopeia, unwillkürliche
Reflexe verwischten die Momentaufnahme.

Gedichte können eine Form finden, wenn sie die Bewegung, der sie folgen, vorher schon kontrolliert haben. Dafür gibt es in der zeitgenössischen Lyrik viele Beispiele. Hier ist es anders: Der laut vertretenen Maxime, man sei den Phänomenen ausgeliefert, wird auch nicht förmlich widersprochen. Und die Beobachtungen selbst finden sich – wie in Eichendorffs Landschaften – in einem Code wieder, der die abstrakte Distanz will: Das Wort „Fahrt“ benennt keine konkrete Fahrt, und der Plural „Fahrten“ erst recht nicht. Diese Abstraktion führt zu jenen schönen, gebildeten Wörtern zurück, und Jackson bekennt sich zu seiner systematischen Ausweglosigkeit, aus der nur ein Wahrnehmungsfehler, das falsche Detail herausführt:

ein Detail verlagerte
seine Referenz. die ganze Weite ringsum riß auf

Die damit verbundene Sehnsucht heißt Stillstand, dem das Gedicht „freeze frame“ den filmischen Namen gibt.
Doch solcher mystischer Stillstand geschieht allenfalls unwillkürlich, das Ganze ist nicht zu steuern. Vermutlich daher nennt Hendrik Jackson seinen Lyrikband auch Dunkelströme. Das sind Ladungen in lichtempfindlichen Detektoren, deren Entstehen nicht vorhersagbar ist. Für die Gedichte gilt das ebenso: Wenn sie über ihr Geschehen, über ihren sprachlichen Ablauf wie über das Geschehen, das sie einfangen, nachdenken (gern in kursiv gesetzten, eingeschobenen Kommentaren), so ist das meistens nur ein blasses Staunen.

Christoph König, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2006

Poetische Weltenforschung mit sagenhaften Waffen

Hendrik Jackson zählt zu den wenigen Dichtern seiner Generation, denen es gelingt, formal und inhaltlich kontinuierlich auf höchstem Niveau zu schreiben. Diese Texte bergen einen unerhörten sprachlichen Reichtum, ohne je an Präzision und Dichte zu verlieren. Dies verdankt sich gewiss auch der poetischen Erfahrung, die sich der Autor als (ausgezeichneter) Übersetzer russischer Dichtung erworben hat. Selten findet man poetische Forschung, Sprachenergie und emotionale Tiefe so enggeführt und kongenial kompiliert wie in diesen Werk, das überdies mit einem den Texten ebenbürtigen Design und sorgfältiger Gestaltung aufwartet. Der – nicht nur monetäre – Erwerb wird sehr ans Herz gelegt.

Karl Mauch, amazon.de, 16.5.2006

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Ulrike Matzer: Sirrende Drähte
literaturkritik.de, September 2006

Martin Endres: Unschärferelationen
lyrikkritik.de

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Foto Gezett + Dirk Skibas Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Hendrik Jackson liest bei WEST meets OST – Festival Der Freien Künste.

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