Hendrik Röder (Hrsg.) Vagant, der ich bin

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Hendrik Röder (Hrsg.): Vagant, der ich bin

Röder (Hrsg.)-Vagant, der ich bin

VAGANT

Den Himmel,
glühendes Korn, im inneren Aug,
er sass seit wieviel Jahren
vor der befragten See!
Hohlschädel hallend,
jenseitiges Weiss: die Wellen.
In seiner Brust nachtönend ihre
der Meerkiesel Rollen.
Am Schwarzkliff
beiseite gespült
Kaltschaliger Auswurf.
Seine Finger spielten darin
muskeltotblau mit der Zeit.
Als ob Zeit etwas ändert,
am Rand, fern,
die Wolke stieg.
Kein Schiff seit
Ein Vogelknochen fror da,
wie ihm, (Hat je
ein Stein da gesungen).
Horchend: wie Schwertstoss in Fels,
Schaufeln oben
gruben den Schrei aus:
Er kennt das.
Sass, immer, die Wölbung
im Aug, … rücklings
wie Todesharken Antennen:
Sie sangen ein
tausendjährig verjährtes Lied
unter das Dach.
Dann, vor der Hütte,
hölzernes Schweigen, er stand:
Frauen − wer streift noch
die Haut − dörrten
auf eisernem Rost die nachtviolett
sandentrissene
Früchte, bis sie
runzlige Brüste von
Negerinnen, dalagen.
Salzwasser am Gaumen, er
ass, trank Bittres
den haarigen Fischern zu. Als (dann) spät
im rissigen Zement das Dach
ausschlief den Tod,
seine Adern, sagt man,
sollen in fremdem Fleisch noch
gesungen haben oder war da
der Seewind, der in die
nackten Schalen der Muscheln
am Nachtrand der Klippe griff?
Kinder lasen
gross in den (…) Sand geschrieben
(am Morgen)
Euri −
da fehlt was, meinte
ein Mund

Erich Arendt

 

 

Der Sterbende Dichter

Tagebuchblätter, Aufzeichnungen aus dem Winter 82/83 vor allem, einige Monate nach Erich Arendts Schlaganfall; das in diesen Blättern erwähnte Buch Héroes findet sich dokumentiert in dem zwei Jahre nach Arendts Tod im Hinstorff Verlag Rostock 1986 erschienenen Band Spanien Akte Arendt. (Zugestimmt hätte der Publikation der Dichter mit Sicherheit nicht.)

Spaziergänge
Regelmäßiger Morgenspaziergang bei jeglichem Wetter mit dem sauerstoff- und bewegungsbedürftigen Erich Arendt, zeitlupenhaft langsame Spaziergänge, in der Regel zwischen elf und zwölf Uhr absolviert (nach einer Dreiviertelstunde baut Arendt spürbar auch körperlich ab): Vier bis fünf Straßenecken, vielleicht sechshundert bis siebenhundert Schritte insgesamt, das Viertel ist umwandert und Arendt wieder vor seiner Tür in der oberen Raumerstraße, die er allein nicht mehr findet; einige Male haben wir uns auch über die verkehrsreiche Prenzlauer Allee geschlängelt (ein Abenteuer, der Überquerung eines klippenreichen Flusses gleich), um die schmale Grünanlage neben dem an ein altes Schulgebäude erinnernden Stasi-Trakt zu erreichen – Bezirksverwaltung der Stasi o.ä.? −, zweihundert Schritte von Arendts Ladenwohnung entfernt … zweihundert, sechshundert, tausend Schritte sind es bis zu den bröckelnden und schimmligen Quartieren des literarischen und künstlerischen ,Underground‘, darunter auch meines, bis zu der Dachwohnung des dauerrenitenten Protest-Menschen Gerd Poppe, bis zu den Kneipen der desperaten Säufer und ,Assis‘ des Viertels. In dieser Gegend liegt alles ganz nah zueinander geschoben und wie ineinander verkeilt, politischer oder literarischer Konspiration ebenso dienlich wie außergewöhnlicher sexueller Promiskuität: „Habe ich Ihnen schon einmal von der ,Prenzlauer-Berg-Krätze‘ erzählt, Herr Arendt? Das zentrale Thema zur Zeit!“ Bei fast jedem Spaziergang treffen wir ein halbes Dutzend Bekannte, Rüdiger Rosenthal etwa – der gerade aus politischen Gründen seines ,Vertrauenspostens‘ als Krankenwagenfahrer verlustig gegangen ist, bis 1980 ist er noch ein „geachteter“ Ingenieur gewesen −, den Lyriker und Erzähler Bernd Wagner (ehemals Lehrer) mit Manuskripten für die Underground-Zeitschrift Mikado unter dem Arm, den staksig humpelnden Alkoholiker-Zar Mühle, der sich als „siebtbesten, wenn auch gescheiterten Architekten der DDR“ bezeichnet, die Gebrauchsgrafikerin und Medaillengestalterin „Ganovenpaula“ beim hastigen Vorbeimarsch in Richtung ,Tripperburg‘, in Richtung Christburger Straße, zum wieder einmal fällig gewordenen ,Abstrich‘, die ehemalige FDJ-Sekretärin Ulrike Poppe auf der Suche nach Unterschriften für irgendeines der zahlreichen Protest-Papiere dieser Zeit, für einen eindringlich mahnenden oder vorwurfsvollen Brief an Breshnew oder ,Honni‘ z.B. – unsereins tendiert eher zu undiplomatischen Schmähungen und „Pfui“-Gedichten −, die bestechliche graue Maus Frollein X. von der Kommunalen Wohnungsverwaltung (auch ehemals schon bestechlich); und wir treffen nicht wenige mysteriöse Gestalten ohne Schatten, flatterhaft hierhin und dorthin surrend, als suchten sie ihn, den verlorenen, unter dem oder jenem Hinterhofbaum unseres Kiezes … Erich Arendt und ich bereichern das pointillistisch schwirrende Gemälde um eine neue bedenkenswerte Nuance: Nach mehreren Wochen zähen täglichen Spaziergangs, höre ich ringsher, zählen wir zu den bekanntesten und meistdiskutierten ,Kiezoriginalen‘, zwei müßiggängerisch-müde, zuweilen haltlos kichernde ,Straßenbegeher‘ unterschiedlichen Alters, sinnvollabsurde Antwort auf die Zumutungen des Jahrhunderts, (Oh dieses arendtsche Lachen, bei dem sein Greisengesicht zu dem eines alten alpenländischen Bauern zerknittert – und Arendt stammt doch aus Neuruppin −, eines schlauen Bäuerleins, das soeben auf dem Viehmarkt jemanden ’reingelegt hat: Aus welchen Tiefen ist es gekommen nach dem Schlaganfall?), Prenzlauer Allee, dann in die Stubbenkammer oder Hiddensee (wo früher B.K. Tragelehn gewohnt hat), die Senefelder zurück, insgesamt sechshundert, höchstens siebenhundert Schritte; in der Raumer dann der kurze Halt vor den Auslagen der Bäckerei – „Es gibt keinen richtigen Marzipan mehr!“ −; kurz darauf die arendtsche Ladenwohnung. Erich Arendt: „Hier wohne ich? … Wo wohne ich denn? Hier soll ich wohnen? … Hier wohne ich doch nicht“ – Oder will er seine Wohnung nicht finden? Auch das wäre möglich.
29.10.82

Der alte Vagant

Wieder mit Erich Arendt spazieren gegangen heute mittag. – Abends, die dunkle Raumerstraße hinauf, komme ich am Fenster der arendtschen Parterrewohnung vorüber, weit geöffnet die Flügel, obwohl das Thermometer sinkt und sinkt; mildes Lampenlicht im Hintergrund des Zimmers, das Bild einer kolumbianischen schwarzen Schönheit über Arendts Schlafstätte gerade noch erkennbar. Am Fenster steht Arendt, mit halbblindem oder abwesenden Blick aufs Trottoir hinunter starrend, nach vorn geneigt, fast wie stürzend, als zöge ihn eine unsichtbare Kraft heraus, als wolle er sogleich … (Tatsächlich darf man den alten Dichter selbst in seinen vier Wänden nicht mehr allein lassen; wenn man es dennoch tut, findet man die Wohnung schon nach kurzer Zeit leer; Arendt, u.U. in verwahrloster Kleidung, irrt in der Gegend umher und weiß nicht mehr zurück.) Irgendetwas zieht oder treibt ihn in die Straßen der Stadt hinaus bzw. heraus; und es ist keinesfalls die Stampe, die Eckkneipe des Dr. Benn, sondern etwas Weithorizontiges, Fernes, schwer zu Benennendes, etwas ohne genau erfaßbares Zentrum, wie die vagen Auskünfte Arendts erahnen lassen. Was ihm geblieben ist: Die Spaziergänge mit behutsamer Begleiterin, mit lenkendem Begleiter, zuweilen zwei bis drei solcher pedestrischen Bemühungen am Tag, doch jede nur ein paar hundert Meter weit reichend und selten mehr als eine Dreiviertelstunde lang (dann schwankt, dann wankt er); ganz, ganz langsames Gehen, aber kein krankes Geschlurf, wie man es von Greisen kennt, die der ,Schlag‘ getroffen hat, kein widerwilliges und zerquältes Dahingeschlurf, sondern Gehen! Doch auch bei diesen winzigen Touren um drei Straßenecken herum wird es spürbar: Im Grunde will er weit weg, sozusagen „ins Freie“, wie es ihn sein Leben lang in die Ägäis, nach Kolumbien, nach Nordafrika zu flügeln verlangt hat (ja, auch Nordafrika!, vor wenigen Jahren von Arendt ,illegal‘ bereist, ohne Genehmigung der DDR-Behörden also, ein kiezbekanntes Geheimnis), wie einem suggestiven Zwang ausgeliefert, „… zu leben im Zwielicht der Geschichte / unglücklich glücklich“, um aus Feuerhalm zu zitieren, und „verschworen den offenen Horizonten“. Hannelore Teutsch hat den ihr nahen Erich Arendt in ihrem schlichten Bild Ein Vagant begegnet sich als ein mit keck gezipfelter Baskenmütze dahinfliegendes und gleichzeitig sich spiegelndes Schwebewesen gemalt, ungewissen Fernen zustrebend, da sie ihn schon nicht als den Anarchisten malen konnte, der er endlich geworden, vielleicht sogar unausgesprochen immer gewesen ist. Das Bild hat Arendt dank intimster Kenntnis besser erfaßt, als es mir früher erschienen … Jetzt erst leuchtet es mir ein nicht nur als Spielerei, da ein Bild Der gefesselte Vagant gemalt werden müßte.
Das alles resignativ, traurig und ein bißchen ironisch bedenkend, fällt mir wieder ein, wie Erich Arendt in den Monaten vor seinem Zusammenbruch häufiger davon gesprochen hat, er wolle „in den Busch“, die antiquierte Formel für das äquatoriale Afrika verwendend, eine appellhafte Selbstaufforderung geradezu, „in den Busch“, und zwar einigermaßen endgültig, als ginge es um den Tod, um das Sterben, um das Sterbenwollen, um die Modalitäten des Sterbens, außerdem vielleicht darum, sich nun doch angesichts des leprösen Zustands des Landes „in die Büsche“ zu schlagen: Nur weg von hier! Einmal oder zweimal hatte Verzweiflung sein Mienenspiel durchkreuzt, da er von seinem noch undeutlichen Plan zu erzählen begonnen hatte (auch J. hatte diesen Verzweiflungsschimmer bemerkt); wir „blockten“ sie rasch mit irgend einer läppischen Bemerkung ab, sicher im Sinn Erich Arendts … „In den Busch“ also wollte er; und er hatte, wie wir dann erfuhren, Borneo oder Papua-Neuguinea, kurz, die Südsee im Sinn, und tatsächlich speziell die magischen Todes- bzw. Sterberiten gewisser Eingeborenen-Stämme, von denen ihm ein holländischer Freund detaillierten Bericht erstattet hat: Ja, im schwellenden Dicht-Grünen zu sterben!, nein, nicht zu sterben recht eigentlich – oh!, der Todesangst des Sinnenmenschen Erich Arendt! -, sondern sozusagen ein- und überzugehen ins Dichtgrüne, ins Lichtgeflirr, umwuchert von pausenlosem hölzernen Getrommel! – Ist er nun angelangt dort unten „im Busch“?, da er zu keinem Buch mehr greift, kein Bild mehr ins eingetrübte Auge faßt, keinerlei Musiken lauscht, da sich in der Ecke des Zimmers auch Die Zeit stapelt, unberührt und verstaubend, die ihm dank Fritz J. Raddatz regelmäßig übermittelt wird? Wo ist er, wo treibt es ihn umher, da er im Sessel sitzt und in seine müden Hände hinab blinzelt?
Dieser Tage, plötzlich auftauchend aus undefinierbarem Gemurmel, die hoffnungslos-hoffnungsvolle Bemerkung: „Ich habe noch drei Adressen, wo ich unterkommen kann …“ Nein, wahrlich, die Adressen der Akademie der Künste, des Schriftstellerverbandes, des Kulturbunds etc. sind nicht gemeint, „Adressen“, die ihn so vollständig vergessen zu haben scheinen, als wäre er schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Arendt meint, wenn er von seinen „drei Adressen“ spricht, wie sich dann ergibt, die von drei ihm wichtigen Frauen; er nennt die Vornamen (immer nur die Vornamen), ordnet sie dieser oder jener Ortschaft zu, verhaspelt sich dabei, verwechselt die Frauen gelegentlich, wie es scheint. Eine der drei, schließe ich aus Arendts widersprüchlichen Signalen, muß allerdings „sehr weit weg“ wohnen – „zu weit weg“, läßt sich Arendts Äußerung interpretieren −, wo genau, bleibt ungeklärt bis zum Ende des Gesprächs: Denkt er vielleicht an das fern-ferne huchelsche Wilhelmshorst bei Potsdam und das Mädchen R.? Nein, es muß eine in noch größerer Ferne auf ihn wartende „Adresse“ im Spiel sein, möglicherweise jene nicht-existente und nur für die Visa-Polizei der DDR erfundene Nichte o.ä. in München, mählich sich materialisierend in Arendts Tagträumereien, möglicherweise jene stolze griechische Inselschönheit, die er vor wenigen Jahren ernstlich zu heiraten gewillt war (samt ihres bäuerlich-kargen Anwesens auf schroffem Eiland) … Ich überlege: Es deutet sich ein gleichsam vorzivilisatorisches „Orientierungssystem“ an; es wäre zu prüfen, ob es nicht für Arendts ganzes Leben und Schreiben eine Rolle gespielt hat und vor allem natürlich in den Jahren des Exils mit seinen u.U. lebensrettenden „Adressen“ auf diesem oder jenem Kontinent, eine Art „Adressen“-Geographie, die ihm seine Fahrten durch die Welt erst ermöglicht hat, dem Exilanten, dem Vaganten, ja, sprechen wir es ruhig aus, dem Heimatlosen bis heute …
Nebenher gesagt: Es wird mir zuweilen etwas peinlich, solche Notizen hinzukritzeln, fast so, als würde ich mich eines Vertrauensbruchs schuldig machen. Pardon, Erich Arendt!

Geschlossen
„Entmannt / steht / das Licht.“ – „Bald vorm Gesicht / das Leersegel, breit gespannt …“ – „… dies warf nichts als und / unabänderlich Nirgendwo / Haltlos Verschweben.“ (Verse aus Arendts Feuerhalm von 1973) – Und Erich Arendt versteht nach Schlaganfall und Hirnverwüstung die eigenen Gedichte nicht mehr, und nicht etwa nur die riskant-komplizierten, die seinen Zustand so hellsichtig wie undurchdringlich-rätselhaft vorwegzunehmen scheinen; auch der sogenannte ,Einstieg‘ über die schlichteren Texte des Bandes Feuerhalm mißlingt, nachdem Arendt von D. dazu angehalten worden ist. Für den nun bald Achtzigjährigen ist die Tür zu seinen eigenen Gedichten, zu all seinen Gedichten, ob einfach oder hoch-artifiziell, jählings zugeschlagen. – „Was bedeutet das?“, sieht er einen mit verschleiertem Blick ratlos und hilfesuchend an, „ich verstehe das nicht! Was soll das?“ (Manchmal begreift er noch nicht einmal, daß er selber es verfaßt hat.) Trotz der Traurigkeit solcher Momente ist man geneigt zu witzeln: „Jetzt also auch Sie, Herr Arendt!“ – Solcherlei kühne Vertraulichkeiten, sarkastisch-verschwörerische „Grenzüberschreitungen“ und Taktlosigkeiten, wie ich sie mir zuweilen gegenüber dem Dichter erlaube, sind mir nur möglich, weil ich immer beim distanzierenden „Sie“ geblieben bin und Arendts Angebote, ihn zu duzen, zurückgewiesen habe, und zwar mit dem auch ihm einleuchtenden Argument: „Wissen Sie, Herr Arendt, das ,Du‘ ist so unpersönlich geworden; ich bleibe lieber beim intimeren ,Sie‘, wenn Sie erlauben…“ – Da es also mit Feuerhalm oder selbst dem früheren Gesang der sieben Inseln nicht klappt, kaufen wir während unseres obligatorischen Spaziergangs um den Block herum in der Volksbuchhandlung an der Prenzlauer etwas Einfacheres, ein ABC-Buch der Lyrik gleichsam; wir erwerben eine philologisch penible neue Nachdichtung der wahrlich auf bravste Weise verschlüsselten un-braven Sappho-Fragmente: „lch habe ein schönes Kind, so anmutig wie / Blumen aus Gold…“ Da Arendt keine Anstalten macht, das Buch zu öffnen, versuchen wir es zu Dritt mit dem Dichter zu lesen; kein Ergebnis; Arendt bleibt ,abgetreten‘ und unverständig. Wahrscheinlich begreift er nicht einmal mehr – aber begreift man das jemals ganz? -, weshalb ein Mensch dazu kommt, Gedichte zu schreiben, ein Dichter zu werden und zu sein. (Die quälende Grundangst jeder Poeten-Existenz bis in die Träume hinein: Daß von einem Moment zum anderen vergessen werden könnte, was ein Gedicht recht eigentlich darstellt oder der Welt bedeuten soll; und da nützt auch der Gedanke an’s ,Handwerk‘ und die penibelste Metrik-Schulung nicht mehr, Peter G., Rainer K.!; die Angst davor, aus den ,Hexenringen‘ des Poetischen herauszufallen oder auch hinausgestoßen, herausgezerrt zu werden, um jenseits dieses magischen Zirkels nur noch als frierender Kümmerling dahinzuleben.) Glücklicherweise wird der Vorgang dem zerfallenden Erich Arendt nicht mehr so recht bewußt; ein bauernschlaues Grinsen hin und wieder nur, das einen stutzig macht und für Sekunden verunsichert; dann wieder Pupillen, wie von grauem Regengewölk „gesättigt“ … Leersegel, Leersegel!, mit den Feuerhalm-Gedichten hat der damals etwa Siebzigjährige vor zehn oder zwölf Jahren die letzte (für mich interessanteste) Phase seiner Arbeit eingeleitet und gleich in die Richtung weisend seiner jetzigen Auflösung (könnte man spekulieren), da Arendt seine riesige poetische Welt allein gelassen hat…
Dabei wollte man vor Kurzem noch hoffen, ihn über das Lesen schließlich auch wieder zum Schreiben zu bringen: Keiner wollte akzeptieren, daß Arendt nicht mehr der alte luzide Grandseigneur sein kann, „der letzte dieses Schlages“, wie Elke Erb gemeint hat. Mit Arendt verliert man eine Dimension des Lebens, will es manchem erscheinen, eine bestimmte souveräne Lebens- und Denkweise, auch eine Kultur des Genießens, wie sie uns Zerschlagenen und Verdorbenen nicht mehr erreichbar erscheint (auch dann, wenn sich eine fragwürdige Variante in der Nachfolge Brechts hier und da aufgeplustert ausstellt) … Wenn wir uns um Erich Arendt bemühen, bemühen wir uns auch um unser eigenes Restchen Hoffnung, eines Tages vielleicht das Sublime und Weltläufige zurückzugewinnen, das sich in Arendt verkörpert hat. Es ist, als zerfiele diese Möglichkeit vor unseren Augen zu Nichts, als hätte das Freche und Verlogene, das uns regiert und verdirbt, demnächst endgültig triumphiert. „Ich werde nichts mehr schreiben“, hat Arendt vor einigen Wochen gesagt; jetzt denkt er nicht einmal mehr daran (ist vielleicht nicht mehr dazu fähig), solch eine Entscheidung zu formulieren. Trotzdem versucht der engere Kreis der Freundinnen und Freunde Arendts wie in eifernd-unermüdlicher Polemik von Tag zu Tag neu, ihm die eine oder andere Literatur wieder aufzuschließen; Dorothea – deren Namen Arendt leicht amerikanisiert als „Dorothy“ ausspricht, wie er überhaupt die deutschen Frauennamen gern fremdsprachlich ummodelt −, Dorothea hat ihm z.B. vergeblich Musil vorgeschlagen – weshalb gerade Musil?, weil dem geistigen Rang Arendts gemäß? −, in dieser Woche Robert Walser (was mir auch keine glückliche Wahl zu sein scheint): Arendt blickt zu „Dorothy“ hoch, dann blickt er zur Seite … irgendwohin! Zuweilen lacht er listig auch über derlei Angebote und in einer Weise, als wäre ihm Unsittliches präsentiert worden. Ja, lesen mag er (oder kann er) nicht mehr; aber hintergründig zu grinsen oder zu lachen, wie schon gesagt, das gelingt ihm noch ganz gut, mir kommt es sogar vor, häufiger und besser als früher: Ganz und gar unglücklich scheint er nicht zu sein „dort drüben“.

Héroes
Wieder Spaziergang zwischen elf und zwölf mit Erich Arendt, der heute besonders schnell ermüdet und sehr blaß aussieht (Witterungsumschwung). – Später, wieder bei sich zu Hause, beginnt er in Bruchstücken von einem verschollenen Buch zu erzählen (seinem ersten?), einem vermutlich propagandistischen Prosabuch, das er während des Spanischen Bürgerkriegs als Berichterstatter der Division „Carlos Marx“ geschrieben hat; es scheint damals auch veröffentlicht worden zu sein. Héroes, er nennt grübelnd den Titel und nickt dann und nickt: „Das habe ich geschrieben, Eddi!“ Weder aus Arendts noch aus anderem Mund habe ich bis heute von diesem Buch gehört; in keinem Essay, in keiner mir bekannten Werkliste scheint es auf. Alarmierend, wie dieses ganz Frühe, vielleicht sogar von ihm Verdrängte, aus den Tiefen der Erinnerung aufsteigt, während er nahe liegende Ereignisse restlos zu vergessen scheint: „Héroes, Héroes; wo ist das denn nur…?“ (Denn auch er selber hat das Buch offenkundig nie wieder irgendwo auftreiben können, trotz aller Reisen. Man darf annehmen, daß er gar nicht danach gesucht hat. Aber jetzt quält ihn der Verlust, als habe er seinen Paß, seine Ausweispapiere verloren: „Irgendwo muß es das doch noch geben!“) Und immer wieder gebetsmühlenartig die gleiche Frage, mit bedrängender, ängstigender Körpergestik gestellt, als hinge von der Wiederauffindung dieses Früh- oder Erstlingswerks seine künftige Existenz ab: „Héroes…, wo ist das denn? Wo ist das denn eigentlich geblieben?“ – „Mann wird es schon finden in der nächsten Zeit“, versuche ich ihn zu beruhigen, „irgendwo, in Spanien vielleicht, in Moskau! Der Jan Gielkens fahndet ja nach Ihren frühen Publikationen!“. Freilich, daß Jan Gielkens vom International Instituut voor Sociale Geschiedenis in Amsterdam (in diesem Institut gibt es erstaunlicherweise auch ein Archief Georg Weerth), daß dieser junge alte Freund Jan Gielkens mit seiner Frau vor etwa zehn Tagen hier im Prenzlauer Berg und bei ihm zu Besuch gewesen ist, das hat Arendt vollkommen vergessen: „Jan Gielkens, ja, Jan Gielkens, richtig, wann kommt der denn? Ja, mit dem muß ich darüber sprechen. Wo… ist… das… denn?,… dieses HÉROES? Der Jan Gielkens, wann kommt der endlich?“ – Ich wage nicht, Arendt darüber aufzuklären, daß der schon längst da gewesen ist.
Am Fenster der Ladenwohnung Uwe Kolbe, der hereinblickt, mehrmals zum Gruß ansetzt und dann weitergeht… Trauer.
5.11.82

In der Watte des Tags
Erich Arendts Gedicht Hahnenschrei; es ist, wenn man den Angaben in dem Sammelband Aus fünf Jahrzehnten trauen will – und man sollte es wenigstens in diesem einen Fall besser nicht tun −, im Jahr 1940 entstanden. Nicht gerade einer der stärkeren Texte Arendts, handelt er vom Mißtrauen, vom Verrat, von der Bespitzelung:

Hahnenschrei

Ganz
in der Watte des Tags
die Straßenbahnen.
Verstummt. Wandleere
Gesichter, Kalk
in Kalk.
Das Glockengeläut war
am Grund der Ungesichtigen
nicht mehr vernommen.
Frührot wie Senkblei
im Auge, die Menschen,
an Morgentischen,
haben die Sprache verloren haben
die Sprache des Steins:
gewonnen!
aaaaaaaaaa
Der Mann dort,
den Hahnschrei, dreifaches Messer,
im Rücken:
„Das Segel! das – “ Schon
erblinden die Straßenspiegel.
Einblickt
das Spitzelgesicht.

Die zutiefst stutzen machenden Verse findet man untergebracht bzw. versteckt in der Abteilung „Nicht nur von ungefähr getrieben und verschlagen“ (ein bezeichnender Titel nebenher, es hätte ja auch „Vertrieben und geschlagen“ heißen können), mitten unter den konventionell-aktivistischen Gedichten aus der letzten Zeit des französischen Exils. Auf den ersten Blick scheint Hahnenschrei nicht nur auf das Neue Testament, sondern auch auf Paris verweisen zu wollen (auch pariserische „Straßenbahnen“ soll es dazumal noch gegeben haben); ihm vorausgeschickt ist das Sonett Die Bastille (1939), in dem die Erinnerung an die Große Französische Revolution zusammenfließt mit aktueller Bedrohung und desperater Prognose: „Volk von Paris, mit ahnungslosem Angesicht, / bald hämmern sie für dich die Guillotine!“; eine vollkommen andere Qualität der Symbolsprache als die andeutungsschwanger verschlüsselte (keinesfalls visionär-prophetische) in dem angeblich nur wenige Monate später entstandenen Spitzel-Gedicht… Man stutzt und grübelt: Ist ein nazistischer Spitzel gemeint, an denen im damaligen Paris kein Mangel geherrscht haben soll, oder vielleicht ein stalinscher, den „Schwankenden“, den eventuell abtrünnigen oder „unzuverlässigen“ Kommunisten belauernd? Des Rätsels Lösung war einfach; glücklicherweise hat Arendt auf unsere Fragen noch antworten können (heute könnte er’s vermutlich nicht mehr): „Ach Sie haben es bemerkt? Ist bis jetzt niemandem aufgefallen, nicht einmal dem Czechowski!“; dem Herausgeber des Sammelbands Aus fünf Jahzehnten also! (In der bei Rowohlt zwei Jahre vorher erschienenen Auswahl Unter den Hufen des Winds fehlt das Gedicht.) Und Arendt, ironisch blinzelnd, gesteht: „Das Gedicht ist von jetzt!“ (Also aus der DDR-Zeit.) „Ich habe es ganz einfach falsch datiert … Hätte ich es anders unterbringen können in dem Band?“ Da ich Arendts Auskunft weitergebe, fällt mir plötzlich ein: Ist dieses in Tarnfarben changierende bittere Gedicht Hahnenschrei nicht vielleicht sogar das einzige, das Arendt in den letzten 25 Jahren einem DDR-Thema im engeren Sinn gewidmet hat? „Einblickt / das Spitzelgesicht…“; und damit war der Fall DDR abgehakt?
Hahnenschrei muß entstanden sein um 1967, vielleicht sogar erst im entscheidenden Jahr 1968; und es drückt etwas aus, was neben anderen und schöneren Ingredienzien Arendts Wesen (und seine Poesie) mitbestimmt hat: Seine in der Tat stete und häufig zur Sprache gebrachte Sorge, auf vielfältige Weise überwacht zu werden – ,konspirativ überwacht‘, wie der Fachausdruck lautet −, sein nie versiegendes Mißtrauen auch in Bezug auf viele seiner Besucher (wobei er mancherlei Ungerechtigkeiten riskiert hat wie wir alle), das vergiftete Gefühl, selbst bei seinen Spaziergängen einen Bewacher auf den Fersen zu haben; Befürchtungen, die so tief sitzen, daß sie sich sogar jetzt noch, obwohl Arendt nicht mehr ganz bei Bewußtsein ist, in allerlei kleinen Gesten des Mißtrauens gegenüber dem und jenem zeigen, vor allem aber abzulesen sind an der abweisenden Versteinerung seiner Gesichtszüge, wenn ihn auf der Straße X. oder Ypsilon begrüßen. (Gegenüber dem Staat und dessen Einrichtungen ist dieses Mißtrauen all-umfassend.) – Welch zermorschenden Widersprüchen zwischen dem Erhabenen einerseits und dem Banalen und Miserablen andererseits Arendt ausgesetzt ist!; hier seine empfehlenden und strahlenden Loblieder auf die Weltpoesie und die Landschaften seiner Sehnsucht, dort die Berichte über alltäglich-graue Mißlichkeiten: „Sehen Sie, ich stehe an der Prenzlauer Allee, wo der Lampenladen Lichtquelle ist, und ich spüre deutlich, daß irgendwer hinter mir steht. Ich gehe ein kleines Stück, halte jäh inne, warte, blicke nach unten … Was gewahre ich? Wildlederschuhe, ganz merkwürdige Wildlederschuhe, langsam an mir vorbei … Eine Ecke weiter das gleiche Spiel: Wieder die Wildlederschuhe unten an mir vorbei. Und dann noch einmal: Die Wildlederschuhe … Ich habe dann regelrecht gespielt mit dem Genossen!“ Nicht selten wurde man von Arendt befragt: „Was ist das für einer, der mit dem X. gekommen ist? Haben Sie den schon ‚mal gesehen? Kennen Sie den? Also, irgendwie kommt der mir nicht ganz stubenrein vor!“ … Daß die Stasi in den vergangenen Jahren tatsächlich ein ziemlich enges Verhältnis zu Arendt unterhalten haben muß, ist mir auf schwer zu erklärende Weise deutlich geworden, als ein mit Sicherheit der Sicherheit nahe stehender Typ von Erich Arendt als dem „Ete Arendt“ gesprochen hat, ja, als dem „Ete“, eine kesse und gewissermaßen kriminalisierende Profanierung seines Vornamens, die selbst der dem Dichter nächste Mensch niemals gewagt hätte, niemals gewagt hat. Für die Stasi ist Erich Arendt u.U. der nicht ganz ernst zu nehmende „Ete“; was ich kurioserweise nicht ohne Wut notiere.
Weiter ausgeholt: Die Schwierigkeiten des späten arendtschen Werkes liegen sicher nicht zuletzt darin begründet, daß es sich über weite Strecken hin quasi um Gespräche mit Toten, mit Umgebrachten, mit Verschollenen, mit Unbekannten handelt („innere Dialoge“, wie Arendt es selber genannt hat, mit dem Rücken zu uns gesponnen); der Dichter hat so seine Geheimnisse mit seinen in der Regel toten Freunden, und er tauscht sich mit ihnen über diese Intimitäten aus; wir finden uns oft nur halb eingeweiht, wenn überhaupt:  … stolzer Name Ben Wolff – vergessen, Sand rinnt durch die aufhaltbare Uhr…“; wer mag Ben Wolff gewesen sein?, ein Mitkämpfer in Spanien? Die Schwierigkeiten vergrößern sich dank unterschiedlicher Verschlüsselungstechniken, einem ganzen System solcher Techniken, das zu erklären der Hinweis auf die Furcht vor dem Zensor nicht ausreicht – oft naiv ausgeheckt, oft wie schlafwandlerisch in Gang gesetzt, gründen derlei Geheimniskrämereien wohl vor allem in der während langer Jahre verinnerlichten und nicht mehr aufzulösenden Angst vor dem stalinschen Terror, wie sie viele ältere Kommunisten, ich betone: Kommunisten!, so oder so geprägt hat. Manchmal nimmt das bei Arendt geradezu skurrile Züge an, z.B. in dem Prosagedicht Hafenviertel (in Memento und Bild von ’76), einem durch Zeiten und Räume schweifenden Text, in vielem eine Auseinandersetzung mit der Niederschlagung des Prager Frühlings, poetische Prosa, in der es an einer Stelle heißt: „Allende starb nicht…“ – „Irgendwer müßte einmal meine Gedichte seit 1960 unter politischen Gesichtspunkten zusammenstellen“, hat Arendt seinerzeit wie beiläufig, aber allen Ernstes fallen lassen, „haben Sie bemerkt, daß ich eigentlich Dubček gemeint habe, als ich von Allende geschrieben habe… ?“ – „Herr Arendt, das merkt wahrscheinlich kein Mensch… !“ – „So? Aber deutlicher durfte ich doch wohl nicht werden.“ Hin und wieder beschleicht mich das unbehagliche Gefühl, daß die Mühsal und die manische Konsequenz, der sich Arendt bei der Verschlüsselung, der „Verfremdung“, ja, auch Einnebelung seiner „Botschaften“ unterzogen hat, nicht ganz unschuldig sind an seinem jetzigen Zusammenbruch; natürlich nicht allein −

Marzipanlippe
… verweht auch und wie nie gewesen, kaum noch vermittelbar die langwierigen Fachsimpeleien Erich Arendts mit der Bäckersgattin von nebenan über die Welt des Marzipans, über die wahrlich weit auseinanderklaffenden Welten des Marzipans und des Marzipanverschnitts PERSIPAN! „Es gibt kein richtiges Marzipan mehr!“, das Problem hat ihn durchaus besorgt, auch dann noch, als ihm der Arzt von Süßigkeiten abgeraten hatte. (Im kolumbianischen Exil haben Arendts Frau Katja und er selber eine Weile von der Herstellung und dem Verkauf hoch exquisiten Marzipans gelebt; Arendts Fleiß – und Genußsucht? – hatten ihn zum kennerischen Marzipan-Rezensenten gemacht.) „Das ist ja lächerlich, was die uns hier als Marzipan anzubieten wagen; eine ganze Palette von Zutaten fehlt – und die Mandeln fehlen natürlich, die vor allem, die Mandeln … Er steht gestikulierend im Hausflur in der Raumerstraße, in Schenkelhöhe geschmückt dieser mit einem Jugendstilfries aus viereckig stilisierten Blütenblumen (Gladiolen?), die mir plötzlich auch ziemlich marzipanig vorkommen: „Oder die exportieren das bessere Marzipan…“ Daß ich ihn aufgrund solcher Gespräche in einer Prenzlauer-Berg-Story als Erich „Marzipanlippe“ Arendt habe auftreten lassen, das hat ihm allerdings trotz seiner Aufgeschlossenheit für ironische Rippenstöße der endlerschen Machart nicht sonderlich behagt: Ein Schrittchen zu weit gegangen … Einmal, auf dem Nachhauseweg, visitiere ich kurz Arendts favorisierte Konditorei/Bäckerei und frage nach Marzipan; die Bäckerin böse und scharf wie ein Messer: „Marzipan ist gesperrt!!!“ – Dieses Land ist dem Untergang geweiht.
12.2.83

Adolf Endler
(Weitere Wegbeschreibungen zu Erich Arendt findet man in dem Adolf Endlerbuch Tarzan am Prenzlauer Berg.)

„Erinnerung ist Danksagung“

− Ein Geburtstagsband für den Dichter, Übersetzer und Globetrotter Erich Arendt. −

Der 90. Geburtstag ist ein schwieriges Datum für eine Ehrung: Ist der Kandidat noch am Leben, gilt es, die Feier so gut wie möglich von der Gewißheit fernzuhalten, daß dies nicht lange mehr so sein wird. Ist er aber schon gestorben, bekommt das Datum ein Gewicht, gegen das nur die lebendige Erinnerung ankommt: Erich Arendt ist vor gerade einmal neun Jahren gestorben.
Die meisten Beiträger zum Geburtstagsband für Arendt haben den Lyriker persönlich gekannt, sind Dichterkollegen wie Heinz Czechowski, Elke Erb, Karl Krolow, Adolf Endler, Fritz Rudolf Fries und Richard Pietraß, oder Publizisten und Literaturwissenschaftler wie Gerhard Wolf, Fritz J. Raddatz, Andreas F. Kelletat und Peter Böthig.
Der kurze Blick ins Inhaltsverzeichnis macht deutlich, daß es sich um keine akademische Festschrift handelt; vielmehr sind Texte der verschiedenen Genres vertreten: biographische Skizze, Tagebuchaufzeichnung, Brief, Dokumentation, Gedicht und poetische Studie stehen nebeneinander. Der zeitlebens engen Beziehung des Dichters zur bildenden Kunst entspricht der Band mit einer Reihe von Graphiken u.a. von Gerhard Altenbourg, Christoph Meckel und Wieland Förster.
In einem biographischen Abriß zeichnet der Arendt-Herausgeber Gerhard Wolf den Lebensweg des Lyrikers nach: Kindheit im preußisch-öden Neuruppin, Flucht nach Berlin, erste Gedichte in Herwarth Waldens Sturm, KPD-Mitgleidschaft, Bürgerkrieg in Spanien, Exil in Kolumbien und Rückkehr in die DDR, das sind die Eckpunkte, die den äußeren Verlauf von Arendts Biographie markieren.
Angefangen hatte er Mitte der 20er Jahre mit Gedichten im Stil des Spätexpressionismus. Wie irreführend diese Stilbezeichnung jedoch im Einzelfall sein kann, illustriert Andreas F. Kelletat am Beispiel einer Interpretation des „Venus-Gedichts von 1928“. Die Frage, ob es sich dabei um die epigonal-expressionistische Beschreibung einer Archipenkov-Plastik oder um eines der wenigen gelungenen erotischen Gedichte in deutscher Sprache handelt, hängt ganz davon ab, ob man den Expressionismus als ephemere „Weltanschauung“ oder als „Wendepunkt in der Geschichte der Dichtung begreift.
Wenn aber der Expressionismus wirklich die Tür aufgestoßen hat für eine neue Art von Dichtung, würde man sich mit dem Vorwurf der Epigonalität den Blick auf eine inzwischen reich gewordene Lyriktradition verstellen. Der einzige Beitrag im Band, der sich auf die Exilzeit von Erich Arendt und Ehefrau Katja konzentriert, ist ein Bericht über Katjas Tagebücher von Suzanne Toliver.
Die Literaturwissenschaftlerin aus Cincinnati stellt in der kommentierten Auswahl der Tagebuchaufzeichnungen Katja Hayek-Arendt als Autorin, Übersetzerin sowie Mitverfasserin einer Reihe von Reisereportagen vor – als Ehefrau eines Lyrikers, die sich nebenbei um das praktische Überleben im Exil zu kümmern hatte. Im Alter zerbrach die Beziehung, da sich Arendt immer wieder jüngeren Frauen zuwandte, Katja hat diese Trennung nie verwunden und starb, verbittert, fünf Jahre früher als Erich Arendt.
Verschiedene Aufsätze beschäftigen sich mit der Poetologie Arendts, mit der „Ontologie der Schlüsselwörter“ (Kaszynski) oder der „Spiegelung des lyrischen Subjekts in sich sich selbst“ (Naaijkens).
Diese Beiträge wirken, ebenso wie der Aufsatz des Germanisten Theo Buck ein wenig wie Fremdkörper im Geburtstagsband, man wünschte sie sich eher in einer Neuauflage des Arendt-Bandes Text und Kritik. Peter Böthig dagegen ist es gelungen, in kurzen Sätzen eine Art poetisches Prinzip der Arendtschen Dichtung zu destillieren, ohne dabei wie Reinhard Kiefer, auf die Christologie des Neuen Testaments von Bultmann zurückgreifen zu müssen.
Kiefers Beitrag ist denn auch das einzig wirkliche Ärgernis im Band. In Sätzen wie „Wenn die Vorstellungen des neuen Testaments einer existentialen Interpretation unterzogen werden (…) werden sie existenzrelevant“ entlarvt der schlechte Stil die Unverbindlichkeit des Inhalts: der Titel des Beitrags, „Die große Leere Gott“, ist wohl eigentlich um ein Wort zu lang geraten.
Entschädigt wird der Leser durch die Tagebuchaufzeichnungen von Adolf Endler, worin von den häufigen Spaziergängen mit dem hilflos gewordenen greisen Dichter durch die Prenzlauer-Berg-Gegend zu lesen ist, vom geistigen und physischen Abbau Arendts, vom Spitzelmißtrauen, von „Marzipansperren“ und der Verschlagenheit des Dichters.
Mit einigen sehr privaten Briefen ist die Freundschaft dokumentiert, die sich aus der Begegnung eines ostberliner Studenten mit dem DDR-Nationalpreisträger Arendt 1950 in Rostock entwickelt hat. Ein paar Jahrzehnte später kümmert sich der ehemalige Student im Westen um Publikationsmöglichkeiten und schickt regelmäßig Die Zeit: „Erinnerung ist Danksagung“ heißt der Beitrag von Fritz J. Raddatz, der Arendt als einen seiner Ziehväter bezeichnet.
Flüssig ist der Band zu lesen, sieht man von den schon erwähnten Stolpersteinen ab. Eine (wenn auch läßliche) Sünde im Layout ist die mangelnde Konsequenz bei der Angleichung der zitierweise in den unterschiedlichen Beiträgen. Und eine Chronologie der wichtigsten Lebensstationen des Lyrikers im Anhang wäre für den Arendt-unkundigen Leser sicherlich hilfreich gewesen. Trotzdem: ein schönes Geschenk.

Peter Walter, Potsdamer Neueste Nachrichten, 17.4.1993

„Das Schreiben beginnt lange vor dem Schreiben…“

− Der Dichter Erich Arendt wäre heute 90 Jahre alt geworden. −

Das ist er, der Alte. Wandernd im Birkenweg von Wilhelmshorst oder im Berliner Häusergeviert. Und wehmütig: das war er. Damals, als wir als Jüngere in Verehrung zu ihm kamen. In einigen Beiträgen eines soeben im Janus-press-Verlag von Gerhard Wolf erschienenen Buches werden Zeugnisse seiner Jugendzeit zusammengetragen. Frühe Gedichte. Vorbilder. Der Expressionist Erich Arendt. Kenntnisreiche Exkurse über seine Sprache. Man erfährt Neues über die zwanziger Jahre und über die Annäherung an den Stil der damaligen Avantgarde, und man liest, wie andere mit einem Gedicht umgehen. Man darf staunen, sich vergleichen. Man gewinnt.
Arendt, der Kommunist, der Flüchtling: Frankreich, Spanien, Kolumbien. 1986 wurde als letztes Buch Spanien-Akte Arendt mit frühen Gedichten und Erzählungen publiziert. Nun gleichsam die Fortsetzung bzw. Ergänzung. In anderer Tonart. Erich Arendts Frau Katja spricht. Tagebuchnotizen aus jenen Jahren in Kolumbien. Einblicke in den Alltag. Verletzungen, über die die meisten Menschen nicht sprechen können, die sie verdrängen. Erich Arendt versuchte, sie zeitlebens im Gedicht zur Sprache zu bringen. Katja Arendt schrieb Tagebuch. Einige Tagebuchblätter stammen aus späterer Zeit, als sich das Paar längst getrennt hatte.

In einem Nest von Freunden
Er, einsam, dennoch aufgehoben, schreibend – in einem Nest von Freunden. Sie, Katja Arendt, wahrscheinlich mit ihren Erinnerungen allein. Das Tagebuch erzählt von der Suche nach einem verlorenen Menschen, der bis in die letzten Tage Lebensmittelpunkt blieb, um den sich alle Gefühle und Gedanken drehten.
Die ersten Arendt-Gedichte las ich nach dem berüchtigten August 1968. „Prag, fern, es läutet auch hier in den Dünen, Tod, seit Tagen die Ätherwellen, die nisten von Lug und Macht…“
Wie ich ihn persönlich kennengelernt habe, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an die zweite Begegnung auf der Friedrichstraße. Wir beschlossen, im Lindencorso einen Kaffee zu trinken. Er erzählte, daß er gerade im Urheberrechtsbüro vor den Augen des Direktors einen West-Hunderter zerrissen habe. Honorar vom Kölner Rundfunk, das sollte er umtauschen in Ost. Der ältere Herr, ein Aussteiger? Er erzählte von seiner letztunternommenen Reise. War es Griechenland, Italien, eine französische Insel? Jedenfalls spielte das Meer eine Rolle. Da ich das Meer nur als Ostsee kannte, fragte ich nach dem Strand, den Bademöglichkeiten. – Mich traf ein tiefer, mein kleines Weltverständnis tadelnder Blick. Das Meer ist keine Badewanne. Nach Bali müßte man reisen! Er wußte, daß es für mich nahezu unmöglich war, und auch für ihn versagte bei mir die Phantasie: Ein Herr mit lichtweißem Haar, grauen Socken, dunkelblauem Dufflecoat und Ostmark, wie wollte der nach Bali gelangen, und was wollte er dort?

Bali so weit wie West-Berlin
In Holland, erklärte er, habe er sich lange mit einem alten Kapitän, den er auf einer Parkbank kennengelernt habe, unterhalten. Man könne nach Bali noch günstig unterkommen. Was sollte ich dazu sagen? Einfach nur lachen? Er gab mir seine Telefonnummer von der Raumerstraße in Berlin und die von Wilhelmshorst. Ich gab ihm meine.
Ich reiste nicht nach Bali – aber nach West-Berlin. Das war, an den Umständen gemessen, beinahe genauso weit. Ich meldete Erich Arendt mein Unternehmen. Eine Lesung. Er arrangierte auf den Tag ebenfalls eine Dienstfahrt. Nach den Pflichten wollten wir uns dort unbedingt in einem Café treffen. Ein seltsam konspiratives Hin und Her deswegen. Wo steckte da eigentlich der Sinn? Ich konnte ihm helfen, das schwere Büchergepäck auf den U- und S-Bahnsteigen zu tragen.
Im Café Paris suchte ich nach einem einzelnen älteren Herrn. Ich entdeckte Erich Arendts weißen Kopf in einer Wolke junger Leute. Rotwein und muntere Debatte. Er winkte mir zu. Wollte längst noch nicht heim. Bali beinahe. Da steckte der Sinn. Er lebte anders. Geld zerreißen. Für Außenstehende war er damit vielleicht ein Tölpel. Für die, die ihn kannten, war er ein Vagant, ein herumziehender Student, ein Geistlicher unterwegs, ein Spielmann.
Sein Haus eine Insel. Die Regale, die Tische, die Wände voll Fremde. „Starrend von Zeit und Helle.“ Die Räume wie seine Gedichte. Sehen und Hören. Er las mir Gedichte vor. Er verlangte kein Urteil. Einmal gab er mir seinen Hausschlüssel. Er wollte für längere Zeit nach Griechenland reisen. So lebte ich sechs Wochen auf seinem Terrain.
Im Erinnerungsbuch lese ich Notizen von Adolf Endler. Er schreibt über die Spaziergänge mit Erich Arendt, Ausflüge mit dem Kranken, dem sterbenden Dichter. Mühselige Wanderungen um ein Berliner Straßenkarree. Seine sonst freudig begrüßten und in seine Gedankenwelt einbezogenen Bekannten ziehen nun als Rätselgestalten vorbei. Die Bäckerei am Wege läßt Kolumbien aufdämmern. Marzipan. Mit Marzipanherstellung und Verkauf hatten sich die Exilanten Erich und Katja damals über Wasser gehalten. Marzipan. Der wirr gewordene Greis sinniert vor seiner Haustür. Wo bin ich? Wohne ich hier? Drei Adressen habe er, da könnte er unterkommen. Ich erinnere mich, daß ich genau diesen Satz aus seinem Munde gehört hatte. In seinen lichten Tagen. Ich wunderte mich damals über das Wort „unterkommen“, noch mehr aber über seine Zuversicht, und ich frage mich gleich auch beschämt, woher meine Zweifel kamen.

Angewiesen auf Güte und Hilfe
Die Erfahrung des Exils und der Flucht, das hatte ihn in diesem Sinne gläubig gemacht. Er war oft auf Güte und Hilfe angewiesen. Unterkommen in Not und Krankheit, als Vertriebener oder eben als Vagant. – Er glaubte also auch noch in den letzten Lebenswochen an seine drei Adressen. Das vorliegende Buch ist eine Wiederbegegnung. Heiter und schmerzlich. Ja, das ist Erich Arendt, der seine Besucher fragte: Kommst du zu Erich oder zu Arendt? Beide grüßen aus den Zeilen.

Seine Dichtung in den Hinterhöfen
Erich Arendt hat in Wilhelmshorst, im Hause des anderen Dichters, dem, der weggehen mußte, gewohnt. Er hat sich diesen Ort Peter Huchels kraft seiner Sprache entgrenzen können. entgrenzen, der Titel eines Gedichtbandes. Seine späten Gedichte schaffen eine artistische Exterritorialität. Es sind Beschwörungen einer intensiven Erfahrung. Sie verlangen diese Intensität beim Lesen. Die Exkurse des Erinnerungsbuches helfen Arendts Gedichte verstehen. Arendt hat niemanden in seinen Bann geschlagen, das heißt, er hat keine Epigonen. Aber von seiner Geisteshaltung wurde mancher junge Dichter angeregt und befördert.
„Die Weltbürgerlichkeit und der weite poetologische Horizont, das Ende der ästhetischen Paradigmen, der Autonomieanspruch und die Heterotopie der Kunst – waren Arendts Mitgift für die jüngere Literatur.“ Die Jüngern versuchten, sich mit Arendts Dichtung die Welt in die Hinterhofstuben zu holen, und sie nervten nach seinem Vorbild die Behörden mit Reisebegehren, schlugen mithin gegen den Beton.

Weltläufigkeit zurückgewinnen
Von einer Lesereise zurückgekehrt, erzählte mir Erich Arendt, wo er wieder einmal unterwegs untergekommen sei. In einer Kommune. Auf der Rückreise habe er, da er nun etwas Geld hatte, die jungen Leute mit einem Frühstück erfreuen wollen, denn „die hatten ja immer Hunger“. Niemand habe geöffnet, es sei wohl noch zu früh gewesen. So habe er das Geld und einen Gruß unter der Tür durchgeschoben. „Sie waren noch so jung, höchstens sechzehn.“
Wenn wir uns um Erich Arendt bemühen, bemühen wir uns auch immer um unser eigenes Restchen Hoffnung, eines Tages vielleicht das Sublime und Weitläufige zurückzugewinnen, das sich in Arendt verkörpert hat. Es ist, als zerfiele diese Möglichkeit vor unseren Augen zu Nichts, als hätte das Freche und Verlogene, das uns regiert und verdirbt, demnächst endgültig triumphiert…“ Schreibt Adolf Endler in Erinnerung an Herrn Arendt. Er ist mit ihm aus Hochachtung beim Sie geblieben. Während die Stasi Erich Arendt „Ete“ nannte. Auch über das Kapitel sagt Adolf Endler etwas. Ihn beschäftigten die lebenslangen Ängste des Dichters, seine naiven und manchmal schlafwandlerisch in Gang gesetzten Verschlüsselungstechniken. Die pfiffigste Methode war noch, einfach das Entstehungsdatum eines Gedichtes zu „fälschen“. Das Gedicht zum Prager Frühling hat er einfach Jahrzehnte vordatiert. Oder die Namensänderungen. Statt Dubček setzte er Allende. „Herr Arendt, das merkt wahrscheinlich kein Mensch…! „So? Aber deutlicher durfte ich doch wohl nicht werden.“
„Hin und wieder“, so schreibt Adolf Endler, „beschleicht mich das unbehagliche Gefühl, daß die Mühsal und die manische Konsequenz, der sich Arendt bei der Verschlüsselung, der ,Verfremdung‘, ja, auch Einnebelung seiner ,Botschaften‘ unterzogen hat, nicht ganz unschuldig sind an seinem jetzigen Zusammenbruch, natürlich nicht allein…“
Gleich zwei Essays im Erinnerungsbuch meditieren über sein letztes publiziertes Gedicht. „INS OFFENE“ – Meditieren soll heißen: sinnendes Betrachten zur Erfahrung deines inneren Selbst. Wie du das Gedicht immer in Besitz nehmen willst, der Dichter hat an seine drei Adressen geglaubt, das sollst du wissen.

Schöpfungskraft eines Kindes
Der Dichter Erich Arendt spricht über seine Gedichte, oder er rätselt einfach nur über eine Form der Weltbetrachtung, er schaut in die Kindheit, beschreibt die Schöpfungskraft des Kindes:
„… Schnee ist gefallen. Nackt, unheimlich kahl stehen im Garten Stämme und Äste in die Luft. Unverrückbare Wesen. Doch da fallen aus dem Himmel die Schwarzgeflügelten ins bedrohte Geäst ein. Flatternde schwarze Schwingen. Festwachsende schwarze Früchte, die er nicht kennt. Die Stirn unentwegt an die Scheibe gepreßt, lassen die Augen das Bild der Krähenbrut in sein Inneres ein. Dort werden sie nisten, weiterleben. Inmitten der spielerischen Freuden, die kommen werden, ein dunkles Revier.“
Gedichte, Tagebuchblätter, Erinnerungen, Versuche gedanklicher Annäherung an sein Werk – die Teile bündeln sich zu einer Gestalt.

Helga Schütz, Märkische Allgemeine, April 1993

Eine längst fällige Wiederentdeckung

− Ein Band zum 90. Geburtstag Erich Arendts. −

Nachdem offenbar eine Renaissance des Dichters und Sinn und Form-Chefredakteurs Peter Huchel eingesetzt hat, reagiert die literarische Öffentlichkeit nun auch verstärkt auf das Leben und das Werk des Lyrikers Eich Arendt. Anläßlich seines 90. Geburtstages – er verstarb am 25. September 1984 in Wilhelmshorst – erschien in Gerhard Wolfs janus press ein umfänglicher Sammelband unter dem Titel Vagant, der ich bin.
Herausgeber Hendrik Röder versammelte im Rahmen eines wissenschaftlichen Kolloquiums eine stattliche Anzahl von Autoren, deren Beiträge sich nun in gebundener Form präsentieren. Die illustre Schar reicht von Adolf Endler, Elke Erb, Fritz Rudolf Fries, Wieland Förster, Karl Krolow über Richard Pietraß und Fritz J. Raddatz bis hin zum Herausgeber und Gerhard Wolf.
Es sind sehr persönliche, geistige wie konkrete Bindungen, die hier reflektiert werden, so z.B. bei Fritz J. Raddatz („Erinnerung ist Danksagung“), bei Adolf Endler („Der sterbende Dichter“) oder in Richard Pietraß’ „Grabworte für Erich Arendt“.
Wer Arendts Werk näher kennt, ist nicht verwundert über den gewichtigen Stellenwert, den jene Beiträge einnehmen, die sich der weltliterarisch vermittelnden Rolle des Dichters widmen. So konzentrieren sich die Beiträge von Hendrik Röder und Suzanne Toliver auf den iberoamerikanischen Raum und seine Wirkung auf das Arendtsche Werk, während Ton Naaijkens die Poetik der Insel einer subtilen Analyse unterzieht.
Den theologischen Denkstrukturen im Spätwerk Erich Arendts wendet sich in einem umfänglichen Aufsatz Reinhard Kiefer zu. Durchsetzt ist der Band mit Texten des Dichters, die die einzelnen Beiträge präzise konterkarieren, mit interessanten Fotodokumenten und Beiträgen bildender Künstler.
Wer sich ein Bild deutscher Lyrik unseres Jahrhunderts entwerfen will, wird das Werk Arendts zur Kenntnis nehmen müssen. Das von Röder herausgegebene Buch bietet dazu mehr als nur einen guten Einstieg.

Peter Görlich, POTZ, Mai 1993

Ein Vagant im Meer der Zeit

− Texte und Beiträge des Dichters Erich Arendt erschienen im Verlag Janus press Berlin. −

Erich Arendts Gedicht „Ins Offene“ ist sein letztes veröffentlichtes – es gilt als Vermächtnis und zieht mit der zeit- und raumübergreifenden Schlußzeile „die große Leere Gott“ poetische Bilanz. Der 76jährige Dichter schrieb es 1979, fünf Jahre vor seinem Tod, zweifellos in Anlehnung an Hölderlin, mit seherischem Blick auf den sterblichen Menschen, der, von Masken und Hüllen befreit, sich wieder entblößt der Erde nähert. Der Mensch, im Leiden aufbegehrend, ist eine Triebkraft im Arendt’schen Kosmos, der sich aus Natur, Zeit und Geschichte fügt.
1994, zehn Jahre nach Arendts Tod, richtet sich der Blick auf ein Werk, dem in der deutschsprachigen Lyrik leider ein zu bescheidener Platz zugewiesen wurde. Vor allem das gewichtige Spätwerk harrt noch mancher Entdeckung und wirkt in einem „schöpferischen“ Stromkreis“ weiter. Die offizielle DDR-Literaturkritik charakterisierte Arendt vorrangig als sozialistischen Dichter und bedeutenden Nachdichter südamerikanischer und spanischer Dichtungen (Neruda u.a.) – oberflächlich betrachtet paßte die Biographie (Exil, Spanienkampf, 1950 Rückkehr in die DDR, 1952 Nationalpreis) in die Norm.
Daß seine erlittene und erlebte Realität bestimmten Wurzeln entsproß, bemerkt der Leser eindrucksvoll in dem Widmungsband bei Janus press. Arendt, bei dem sich in den 50er Jahren Kantorowicz oder Bloch trafen, sah sich 1977 so: „Ich bin zuhause, wo ich Freiheit spüre. Ein Stück Heimat sind mir die Tropen, auch das Mittelmeer. Eigentlich aber bin ich ein Vagant. Heimat ist für mich überall dort, wo ich Kontakt zur Landschaft habe, Bezug zu den Menschen, und wo ich Verständnis finde…“
Diese praktizierte Weltoffenheit, getragen von einer Utopie, die heute allmählich abhanden kommt, zieht sich wie ein Ariadnefaden durch die Poesie. Diese Weltoffenheit, vielleicht auch die darin spürbare exotische Ferne, faszinierte vor allem junge Menschen. Deshalb kann man sich gut vorstellen, mit wieviel Verve Arendt auf andere wirkte. Fritz J. Raddatz erklärt sich in einer Danksagung, denn für ihn stieß Arendt das Fenster zur Welt auf. Richard Pietraß wurde „euphorisiert durch den kontaktfreudigen, rosigen Weltbürger und sein kunstträchtiges Gehäuse…“
Gerhard Wolf, der zu Lebzeiten des Dichters eine wichtige, gründlich zusammengestellte Querschnittssammlung im Leipziger Reclam-Verlag herausgab, vermied jegliche Einordnung Arendts als Natur- oder Weltanschauungslyriker, und fand zur akzeptabelsten Porträtierung, die er in seinem Text bestätigt: Arendt als existenzieller Sprachschöpfer. Herausgeber Hendrik Röder faßt zusammen: „Kaum ein anderer Lyriker, der in der DDR verblieb, ließ auf so ungewöhnliche Weise die Welt in seine Sprache hinein. Eine Welt, die eben unteilbar war und ist, deren Existenzprobleme wie Liebe und Tod sich überall finden lassen“.
Die zum 90.Geburtstag Arendts entstandenen Beiträge von Schriftstellern, Germanisten, von Malern, Grafikern, Dichtern, von Menschen, die ein Stück persönlicher Wegbegleiter wurden oder aus dem Werk Rückschlüsse ziehen, gestalten sich zur Annäherung an einen Dichter, der die „Autonomie des Gedichts als moralische Qualität“ bejahte. Ob Analyse des poetischen Textes oder Weltbildes, ob schlichte Erinnerung, Dokument (z.B. Spitzelbericht eines deutschen Spanienkämpfers aus dem Jahre 1936), Essay oder Ausschnitt einer Korrespondenz – die Summe der Stimmen (u.a. Carlfriedrich Claus, Elke Erb, Wieland Förster, Fritz R. Fries, Christoph Meckel, Fritz J. Raddatz) formiert eine weiträumige Sicht, verflochten mit den Gedächtnisintentionen des Dichters. Die Sammlung ist zudem ein beachtlicher Versuch, in die Konstruktion des Wortes einzudringen. Wobei nicht vergessen wird, daß für Arendt das Schreiben lange vor dem Schreiben beginnt, in einer Welt der Odyssee, im Meer der Zeit.
Gerhard Wolf beschließt seine einleitenden Ausführungen mit einem Satz, der noch einmal die Unbeirrbarkeit eines rebellischen Vaganten und auch dessen skeptischen Blick respektvoll zur Sprache bringt: „Von seinen früheren Mitstreitern unterscheidet er sich, daß er längst jeder Fortschrittsgläubigkeit entsagt hat und ihrer historischen Selbstgewißheit seine ,Geschichtsschreibung von der Leidseite her‘ entgegensetzt, ihre Opfer als Zeugen aufruft, ihren Prozessen in seinem poetischen Tribunal Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“.

A. Angerbauer, Ostthüringer Zeitung, 19.2.1994

Schädelfühlig

− Erinnerung an den Dichter Erich Arendt, einen Autor der extremen Eigenart. −

Der 90. Geburtstag ist ein schwieriges Datum für eine Ehrung: Ist der Kandidat noch am Leben, gilt es, die Feier so gut wie möglich von der Gewißheit fernzuhalten, daß dies nicht lange mehr so sein wird. Ist er aber schon tot, bekommt das Datum ein Gewicht, gegen das nur die lebendige Erinnerung ankommt: Erich Arendt ist vor gerade einmal neun Jahren gestorben.
Nicht viele kennen, noch weniger lesen ihn. Die Zeit, da hermetische Dichtung von modischem Interesse war, ist längst vergangen. Geblieben sind ein paar Namen – die bekanntesten, Paul Celan und Ernst Meister, findet man in Lyrikanthologien und Schulbüchern wieder, ihre Verse („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“) geben bisweilen das Stichwort für politische Aktionen ab.
Erich Arendt hat im Windschatten dieser Öffentlichkeit gelebt, in der DDR. Hier wurde er mehr geduldet als geschätzt; seiner undoktrinären Kunstansichten und der auf den verschiedenen Stationen des Exils erworbenen Weltläufigkeit wegen war er der Kulturbürokratie suspekt. Daß er dennoch Arbeits- und Veröffentlichungsmöglichkeiten im Osten fand, hängt mit seiner Vergangenheit zusammen.
Aufgewachsen ist Arendt im preußisch-öden Neuruppin, hat dort mit Erfolg ein Lehrerseminar besucht, ohne jedoch an einer bürgerlichen Karriere wirklich interessiert zu sein. Er schlägt sich als Gehilfe in einer Bank und als Kulissenmaler durch, reist hin und wieder nach Berlin, wo er auch die Sturm-Ausstellung mit Bildern von Chagall und die Nachwehen des Expressionismus erlebt. Mitte der 20er Jahre siedelt Arendt nach Berlin über. In Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm erscheinen erste Gedichte, die sich formal an die expressionistische Lyrik von August Stramm anlehnen.
Natürlich liegt der Verdacht nahe, der Jungzwanziger aus Neuruppin habe den Aufstand in der Dichtung um einige Jahre verschlafen. Aber dann findet er einen eigenen Ton, für den etwa das von der Plastik des ukrainischen Bildhauers inspirierte Gedicht „Die Venus von Archipenko“ steht, ein spielerisches erotisches Gedicht, formal dem Expressionismus verpflichtet, jedoch frei vom Gestus weltumfassender Auflehnung.
Die Anregung von der Sprachkreativität des Expressionismus hat für das Werk Arendts (anders als zum Beispiel bei Johannes R. Becher) zeitlebens Bestand: ihr entspringen solche arendttypischen Neubildungen wie „augt“ und Komposita wie „schädelfühlig“ oder „lichtentschält“. Auch kommen schon in seinen frühen Gedichten solche Wörter wie „Insel“, „Fels“ und „Meer“ in auffälliger Häufung vor, die auf eine archaische Bedeutungsstufe zurückgeführt werden, um sie dem nur eindeutigen Verständnis zu entziehen. Sie werden im Laufe der Jahrzehnte zu Schlüsselwörtern seiner Dichtung.
Das Berlin der zwanziger Jahre war nicht nur die pulsierende Kulturmetropole, sondern auch Hauptaustragungsort politischer Konflikte in Deutschland. Arendt tritt in die KPD ein und wird Mitglied im „Bund proletarisch-sozialistischer Schriftsteller“. Seine politische Parteinahme für die Kommunisten ist alles andere als Koketterie, andererseits unterscheidet ihn doch ein spielerisches Verhältnis zur Wirklichkeit vom strammen Parteisoldaten: wollte er doch mit dem KPD-Beitritt nebenbei auch einer Freundin imponieren.
Als Vagant hat er sich selbst bezeichnet, einen „lockeren Zeisig“ hat Peter Huchel ihn genannt. Doch für die vor 1933 gefällte politische Entscheidung trägt er die Konsequenzen und beteiligt sich – nach seiner Flucht aus Deutschland über die Schweiz, Italien und Frankreich – auf der republikanischen Seite am Bürgerkrieg in Spanien. Hier entstehen tagespolitische Aufsätze und eine Reihe von Versen, deren propagandistische Absicht kaum verhüllt ist. Nach dem Sieg Francos gelingt es Arendt und seiner Frau Katja, nach Kolumbien auszuwandern. Beide können sich mit der Herstellung und dem Verkauf von Pralinen über Wasser halten. Die Zeit des Exils bringt für den Dichter zugleich die prägende Begegnung mit den Lebensweisen und der Natur des Südens. In der Rückschau verschmelzen in seiner Lyrik Natur und Menschen mit dem Mythos.
Die Arendts kehren erst fünf Jahre nach Kriegsende nach Deutschland zurück. Vor allem persönliche Kontakte in die DDR spielen eine Rolle bei der Entscheidung nach Ost-Berlin zu kommen. Arendt wird Mitarbeiter bei Peter Huchels Sinn und Form und verdient seinen Unterhalt unter anderem mit Übersetzungen der Lyrik von Raffael Alberti und Pablo Neruda, die er gemeinsam mit seiner Frau Katja anfertigt, sowie mit der Herausgabe von insgesamt fünf Text-Bild-Bänden.
Zugleich sind die folgenden Jahrzehnte, die er in materiell einigermaßen gesicherten Verhältnissen verbringt, seine künstlerisch produktivsten. Bis 1981 erscheinen acht Gedichtbände und zwei Auswahlbände der Lyrik Erich Arendts, zu seinem achtzigsten Geburtstag 1983 gibt der (West-)Berliner Agora-Verlag die Festschrift Der zerstückelte Traum heraus, und ein Band aus der Reihe Text und Kritik wird dem Dichter gewidmet.
Der Gedichtband Tol (1956) markiert nach dem spätexpressionistischen Anfängen und den alltagsnahen Texten der Spanienzeit den Beginn einer neuen Periode in der Lyrik Arendts. Der Band versammelt die im Exil entstandenen Gedichte, in denen jedoch das Exil als Problem oder Heimweh als Motiv nirgendwo vorkommt. Die poetische Landschaft Arendts liegt fern von Deutschland oder der DDR. So sucht man auch vergebens nach Stellungnahmen etwa zu den neuralgischen Geschichtsdaten 1956 und 1968. Soziale Konflikte werden im Gedicht an die Natur delegiert, so kommt es, daß sich die Metaphorik der Arendtschen Lyrik im Laufe der Jahre verdunkelt. Ein frühes und beeindruckendes Zeugnis davon findet sich im Band Flug Oden von 1959:

Erdenkahl,
wie es dich anweht! stumm
aus dem tiefen Alter der Welt: gesichtslos,
ein Denken, öd,
von Fels und mondleerer Flut!
Und vor dem hartbeflügelten Licht,
undurchdringbare Himmel mauernd,
die Weltengewoge von Stein: Du
Zeitloses: starres
Grauen! Wo nie ein Mensch
seine Stunde litt
noch aufsah einer, hoffend.
(erste Strophe aus „Ode I“)

Arendt wollte ursprünglich Maler werden. Von je her haben ihn Plastik, Malerei und Graphik inspiriert, in späterer Zeit gehörten bekannte Künstler wie Christoph Meckel, Wieland Förster und Gerhard Altenbourg zu seinen Freunden. Gedichte wie „Goya III“ (nach den „Desastres“), „Rembrandt“ oder „David vor der Leiche Marats“ belegen die enge Verbindung des Dichters zur bildenden Kunst. Schule hat Arendt als „Autor der extremen Eigenart“ (Adolf Endler) nicht gemacht, doch gerade für viele jüngere Autoren war er ein Mentor, der eine poetische Alternative zur Tristesse im Mauerstaat anbot. „Frühlingsaster“ heißt ein Gedicht von 1982, zwei Jahre vor seinem Tod:

aaaaaLetzte Gründe, dunkel
hinter den Augen
aaaaaaufgeht dennoch
im Fleisch
Geheimnis
aaaaainnen bewimpert

aaaaadu willst ich will
(blütenoffen)
es sein

aaaaaSie fischen aber
aus dem Fluß
die geopferte

aaaaaLieblosigkeit

aaaaaTod.

Peter Walter, die tageszeitung, 15.4.1993

Wandernde Flaschenpost

− Ein Erinnerungsbuch für den Dichter Erich Arendt. −

Im April dieses Jahres wäre Erich Arendt 90 geworden. 1903 in Neuruppin geboren, hatte er seine ersten Gedichte in Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm veröffentlicht. In den zwanziger Jahren lebte er als Lehrer an einer sozialistischen Versuchsschule in Berlin; 1928 tat er dem Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller bei. 1933 verließ er Deutschland. Über die Schweiz ging Arendt nach Spanien und kämpfte gegen Francos Truppen im Bürgerkrieg. In den Jahren 1940 bis 1948 lebte er in Südamerika, in Kolumbien, dann kehrte er in die DDR zurück. Erich Arendt starb 1984 in Berlin, umsorgt von einem Kreis von Freunden und Weggenossen.
Einer von ihnen, Gerhard Wolf, hat zum 90. Geburtstag von Erich Arendt in seinem 1991 gegründeten Verlag janus press einen Erinnerungsband herausgebracht. Darin hat Hendrik Röder Erinnerungen, Würdigungen und theoretische Aufsätze zusammengetragen, die ein lebendiges Bild von Leben und Werk dieses weitgehend vergessenen Dichters wiedererstehen und deutlich werden lassen, wie sehr Arendt ein Singulärer, Exterritorialer geblieben ist, der auch in den Zeiten strengster Zensur in der DDR seine solitäre Position zu wahren verstand.
Umtriebig und ruhelos umherschweifend, fühlte er sich keiner ideologischen oder ästhetischen Richtung je verpflichtet. 1966 erhielt er zwar den Johannes-R.-Becher-Preis. Nie jedoch ließ er sich in das Spektrum der behördlich sanktionierten DDR-Literatur zwängen. Auch in seiner Rede bei der Preisverleihung trat er für die „Autonomie des Gedichts als moralische Qualität“ ein.
Ein künstlerisch Exterritorialer, ein einsamer, ein Vagant, wie er sich selbst nannte, blieb Arendt zeit seines Lebens ein Außenseiter. Die Dichter der europäischen Moderne, Arthur Rimbaud, Saint-John Perse, Guilleaume Apollinaire, haben ihn beeinflußt. Er setzte auf die evokative Kraft der Dichtung; seine Gedichte sind poetische Beschwörungsformeln persönlicher, intensiver Lebenserfahrung. Seine prägendsten Einflüsse erfuhr Eich Arendt aus der Lyrik des hispano-amerikanischen Sprachraums, die er gemeinsam mit seiner Frau Katja Hayek-Arendt übersetzte.
Seine eigenen Gedichte sind getragen von einer melancholischen, elegischen Grundstimmung. Es sind meditative, natur- und landschaftsorientierte Gedichte in einer surrealen, häufig auch barocken Bildsprache, in denen Arendt Fragen nach Zeit, Schuld und sühne nachgeht:

Kein Wort
erreicht
das algengeschmückte
Haupt
die vom Grunde aufsteigt
die Flaschenpost
sie wandert
durchs Gedenken.

Mit seinen Gedichten, die von Weltoffenheit und poetologischer Entgrenzung zeugen, wurde der Lyriker Erich Arendt schließlich wegweisend. Er wurde zum Vorbild für jene junge Generation von Untergrunddichtern der Berliner Prenzlauer-Berg-Szene, deren Dichtung in den achtziger Jahren als erste Avantgarde-Bewegung in der Literatur der DDR von sich reden machte.

Cornelia Staudacher, Stuttgarter Zeitung, 9.7.1993

Rebellisch und mit skeptischem Blick

− Vagant der ich bin, Beiträge zum Leben und Schaffen von Erich Arendt. −

Daß sich renommierte Künstler und Wissenschaftler zusammentun, um einen Dichter zu würdigen, der den größten Teil seines schöpferischen Lebens in der DDR verbracht hat, muß heute wohl ein seltenes Ereignis genannt werden. Und wenn daraus ein gediegenes Buch entsteht, ist das nicht nur der Initiative des Herausgebers und dem Mut des Verlegers geschuldet, sondern kann schon als ein kleines Wunder angesehen werden. Ohne Sponsoren geht so etwas nicht. Der so Geehrte ist allerdings kein Geringerer als Erich Arendt. Er galt schon lange über allzu enge Grenzen hinweg als Meister avantgardistischer Wortkunst. Dieser Sammelband nun trägt dazu bei, seinen Rang als „einen der wenigen großen Lyriker deutscher Sprache im 20. Jahrhundert“ genauer zu bestimmen.
Von verschiedenen Seiten beleuchtet, entsteht das faszinierende Bild eines komplizierten Menschen und Künstlers. In einem dichten Text aus dem Nachlaß beschreibt er selbst die konstituierende Bedeutung von unauslöschlichen Kindheitseindrücken – Arendt wurde in Neuruppin geboren – für seine Arbeit am poetischen Wort und Bild. Sein expressionistisches Frühwerk wird an die Stelle gerückt, die ihm, das Gesamtwerk dauerhaft prägend, zukommt. Eine Germanistin aus den USA läßt mit Hilfe der Tagebücher von Arendts seinerzeitiger Lebensgefährtin Katja das schwierige und schöne Leben im kolumbianischen Exil vor den Augen des Lesers entstehen. Den Werken der Reifezeit sind eingehende Analysen gewidmet, die der Spannung zwischen den Begrenztheiten seiner Existenz in der DDR und seinen Ausbrüchen vor allem in den mittelmeerischen Raum, einschließlich der damit verbundenen weltanschaulichen und ästhetischen Konsequenzen, aufschlußreich nachgehen. Im krassen Kontrast dazu die Schilderungen des alten, kranken Dichters, der am Arm hilfreicher Freunde durch seinen Kiez im Prenzlauer Berg schlurft.
Ein früher Rebell schon, Kommunist, entschiedener Antifaschist und Kämpfer für ein demokratisches Spanien, hat Arendt dann in späteren Jahren durch den Gang der Geschichte belehrt, jeglicher blinden Fortschrittsgläubigkeit abgesagt und „die Welt als ein tragisches Phänomen“ erfaßt. Es liegt im Zug der Zeit, daß hier besonders diese zweite Seite betont wird. Höchst anschaulich wird Arendts Position als Außenseiter, als Unbehauster, Flaneur und Vagant. Das Ungewöhnliche und Unbequeme dieses Lebens und Dichtens ist wohl noch nie so sichtbar geworden wie in diesem facettenreichen Buch.
Dabei geben die Künstler-Beiträge in ihrer biographisch-anektodischen Orientierung mehr her als die weitschweifige akademische Zerpflückung von Gedichten. Freilich ist es gerade bei Arendts Lyrik unerläßlich, den Motivzusammenhängen, Schlüsselwörtern und Symbolen nachzuforschen, wenn man in diese Bilder- und Metaphernflut eindringen und ihre Schönheiten genießen will. Übereifrigen Interpretationsakrobaten hat Arendt jedoch selbst Warnschilder aufgestellt. Er rückt Eindruck und Erlebnis als Anstoß für seine Bildsprache in den Vordergrund. Dem vermag etwa Adolf Endler gerecht zu werden, wenn er solche Bezüge mit Blick auf Arendts Erfahrungen mit Spitzeln und Denunzianten ohne großen terminologischen Aufwand herausarbeitet. Tiefe Verbundenheit mit dem Dichter spricht aus Wieland Försters präziser Deutung von Arendts Existenz und Künstlersein. Knapper kann man das kaum formulieren, sieht man von den bildkünstlerischen Wahrnehmungen eines Gerhard Altenbourg oder Carlfriedrich Claus ab, deren Verwandtschaft mit Arendt im Geiste eines radikalen Kunstavantgardismus unübersehbar ist. Auch die reproduzierten Fotografien sagen viel. Der alte Karl Krolow schließlich grüßt den Zeitgenossen mit einer treffenden, analytisch-scharfen, pessimistischen, aber nicht hoffnungslosen poetischen Reflexion des gegenwärtigen Weltzustandes. Von da ist es nicht weit zu Arendts Aufgabenstellung, die er als die seine ansah: Der Intellektuelle haben „das Auge offen zu halten, rebellisch und mit skeptischem Blick“.
Eine aktuelle Lektüre also, anspruchsvoll, aber lohnend. Mit der letztlichen Einsicht auch, daß es für diesen „Welt“-Dichter in der DDR alles andere als leicht war, er in ihr aber doch – wie Gerhard Wolf feststellt – „sein sicheres Auskommen“ hatte, das sich ihm sonst nicht bot“.

Horst H. Lehmann, Neues Deutschland, 10.12.1993

Dichtung und Meldepflicht

− Erich Arendt und die Staatssicherheit. Der Lyriker unterwanderte den provinziellen Mief mit Übersetzungen. −

In den Recherchen über den Dichter, Weltenbummler und eben auch Gentleman Erich Arendt, 1984 im märkischen Wilhelmshorst gestorben, fehlte noch der Gang zur Gauck-Behörde: Für einen Beitrag in dem Sammelband Vagant, der ich bin. Erich Arendt zum 90. Geburtstag stieß der Verfasser in der Akademie der Künste (Ostberlin) auf eine schmale Akte aus dem Jahr 1963. Darin befinden sich ein Exposé für ein geplantes Reisebuch über Brasilien und der zähe Schriftverkehr mit dem damaligen Ministerium für Kultur, welcher den Arendts vierundzwanzig Stunden vor der Abreise die Ausreiseerlaubnis entzog. Es läge dem Ministerium „ein Brief vor mit eigenhändiger Unterschrift, der besagte, ich (Erich Arendt H. R.) wolle nicht zurückkehren“. (E. Arendt, handschriftliches Manuskript).
Der dazugehörige Denunziant hatte Arendt an einem Nebentisch im Pressecafé am Alexanderplatz belauscht und kam seiner „Meldepflicht“ nach. Der damalige Minister Hans Bentzien konnte sich an diesen Fall nicht mehr genau erinnern, gehörten doch Denunziationen zum „Alltag des Ministeriums“, wie er 1990 freimütig bekannte.
Arendt, als Spanienkämpfer (ohne Waffe) und Westemigrant, der zusammen mit seiner Frau Katja 1950 aus dem kolumbianischen Exil nach Ostberlin heimgekehrt war – verdächtig! Seither begann er den provinziellen Mief mit Übersetzungen zu unterwandern: Pablo Neruda, Rafael Alberti, Jorge Zalamea, Nicolás Guillén oder Vicente Aleixandre. Eine Akte über ihn mußte vorhanden sein.
Hinzu kommt: Arendt reagierte auf die neuralgischen Eckdaten der osteuropäischen und DDR-Geschichte auf die ihm gemäße Weise mit Lyrik: die Schauprozesse der späten fünfziger Jahre, Ungarn 56 und natürlich den Prager Frühling 68, nicht zu vergessen sein Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Am deutlichsten wohl in dem 1961 entstandenen Gedicht „Nach dem Prozeß Sokrates“ (später von ihm in „Nach den Prozessen“ umbenannt), einem bitteren Resümee des als Utopie getarnten Terrors:

Steingrauer Tag,
der sein Lid senkt.

Knie nicht
in den Schatten!
Spreu schleifen die Stunden,
Spreu, abermillion, die
halt nicht machen

vor deiner Stirn
– Trauerschafott —
schneller und
schneller, ohne
Geheimnis, und –
kein blutender Kern.

Verzweifelt die
chimärischen Fahnen,
sie blichen im jäh
verdämmernden
Rot.

Gleichgeschaltet
mit abwaschbaren
Handschuhn
gleichgeschaltet durch die
gezeichneten Finger
das erschöpfte
tausendströmige Herz.

Die da
handeln, an Tischen,
mit deiner Hinfälligkeit,
allwissenden Ohrs,
ledernen
Herzens ihr Gott, sie
haben das Wort:
Worte
gedreht und
gedroschen: Hülsen
gedroschen, der
zusammengekehrte Rest.
Gehend im Kreis
der erschoßnen Gedanken
− wie war
doch der Atem groß –
halt versiegelt den Mund,
daß der Knoten
Blut
nicht Zeugnis ablege!

Wo Freude und Recht
gemeuchelt lag,
an der Wand
der Geschichte
stets noch: Du

Gehend im Kreis – doch
der Meteor
Verfinsterung jagt
am ummauerten Himmel
knie nicht –
Blutwimper, schwarz:
das Jahrhundert.

„Allwissenden Ohrs“, das war überdeutlich, trotz Arendts in „Tarnfarben changierender“ (Adolf Endler) Rede. Ein anderes Gesicht aus dem Jahr 1967 mit dem Titel „Hahnenschrei“ wird von Arendt falsch datiert und in das Paris der Nazizeit verlegt, damit es in dem Band Aus fünf Jahrzehnten (herausgegeben von Heinz Czechowski) Platz findet. Da heißt es in der Schlußzeile weniger nebulös: „Einblickt / das Spitzelgesicht“. Adolf Endler vermutete 1983 nicht zu Unrecht, daß es sich bei diesem Gedicht vielleicht um das einzige handelt, „das Arendt in den letzten 25 Jahren einem DDR-Thema im engeren Sinn gewidmet hat“.
Bei Katja und Erich Arendt zu Hause, das wissen wir von Fritz J. Raddatz, trafen sich die „Renegaten“ Kantorowicz und Bloch neben den „Ausländern“ Simone Signoret, Renato Guttuso oder Jorge Amado. Anlaß genug, möchte man meinen, Beobachtungsposten zu installieren und die lyrischen Produkte einer eingehenden Analyse zu unterziehen.
Aber was soll das: „Hohl und offen / bis in die felsgrauen Sarkophage“?
Handfestes gibt die Lyrik nicht her, und so macht sich offensichtlich Resignation breit, wird ein Gutachter bestellt, der im Auftrag der Hauptabteilung XX/7 zu der Einschätzung gelangt, daß es sich bei „Arend (in der Schreibweise war sich die Abteilung selten einig) „um einen in der literarischen Qualität und politischen Aussage nicht über das Mittelmaß hinausreichenden Autor handelt“.
Und so führte die Einschätzung nur zu einem Aktenhäufchen, ohne „OV“ und „OPK“, und ein paar Beschattungen, wenn der tschechische Schriftstellerkollege Ludwig Kundera seine Freunde Stefan Heym, Rainer Kunze, Günter Kunert und eben Arendt daheim besuchte.
Arendt war nicht von dieser kleinen Welt DDR, seine fortwährende Abwesenheit, in den Sommermonaten trieb er sich als „weltbürgerliches Kamel“ (Sarah Kirsch) im Mittelmeerischen herum, strafte die Stasi mit mangelnder Aufsicht. Oder hatten sie nicht genug „Devisen“, um ihm zu folgen? Zudem haben sie es an den entscheidenden Stellen aufgegeben, seine lyrischen Botschaften zu entschlüsseln.
So konnten sie nicht wissen, daß seine klandestinen, weltoffenen Texte letztendlich, wenn auch bescheiden, an der Abschaffung der DDR mitgewirkt haben.
Nicht von ungefähr erfand er für seinen letzten publizierten Gedichtband 1981 die Überschrift: Entgrenzen.

Hendrik Röder, Neue Zeit, 4.12.1993

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

 

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Uwe Berger: Zwei Dichter unserer Zeit. Zum 50. Geburtstag von Peter Huchel und Erich Arendt
Aufbau, Heft 4, 1953

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Helmut Ullrich: Lobpreis irdischer Schönheit. Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Erich Arendt
Neue Zeit, 13.4.1963

Georg Maurer: Erich Arendt zu seinem 60. Geburtstag
Sonntag, 15.4.1963
Nachgedruckt in: G. M., Essay I. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1968

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Günther Deicke: Dichter und Weltfahrer. Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Berliner Zeitung, 16.4.1968

Elke Erb: Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Sonntag Nr. 16, 1968

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Günther Deicke: Poetische Sprache unserer Solidarität. Erich Arendt zum 70. Geburtstag
Neues Deutschland, 15.4.1973

Günter Gerstmann: Der geistigen Welt der Väter verpflichtet
Neue Zeit, 15.4.1973

Hinstorff gratuliert seinem Autor Erich Arendt zum 70. Geburtstag
trajekt 7, VEB Hinstorff Verlag, 1973

Zum 75. Geburtstag des Autors:

J(ürgen) Sch(midt): Ein lähmendes Gefühl ist das. Dem Dichter und Übersetzer Erich Arendt, fünfundsiebzig Jahre alt, zu Ehren
Stuttgarter Zeitung, 16.9.1978

Gregor Laschen/Manfred Schlösser (Hg.): Der zerstückte Traum. Für Erich Arendt zum 75. Geburtstag
Agora, 1978

H. U.: Kunde von Siegen und Niederlagen durch die Poesie
Neue Zeit, 15.4.1978

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hubert Witt: Der flutharte Traum. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sinn und Form, Heft 2, 1983

Hans Marquardt/Hubert Witt: Himmel und Erde. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sonntag, 17.4.1983

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Uta Kolbow: In Raum und Zeit
Berliner Zeitung, 15.4.1988

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Uwe Grünging: Erinnerungen an Erich Arendt
Ostragehege, Heft 30, II/2003

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv 1 + 2 + KLG
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