Hendrik Rost: Im Atemweg des Passagiers

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Hendrik Rost: Im Atemweg des Passagiers

Rost-Im Atemweg des Passagiers

DICHTE

Der Punkt, an dem etwas gelingt, ist null,
von hier aus geht’s ins Negative oder zurück
zu den Lebenden an der Oberfläche. Sie dümpeln
in einem Kahn auf innerer Dünung, Geschrei
von Möwen kommt hier vom Band, keine Küste
bricht die Brandung aus kleinen Ewigkeiten
seit dem letzten Sturm. Wie tief du warst,
ist schwer zu beweisen – so ganz ohne Maß.
Es wurde dunkler dort, Licht fiel in Streifen ein
und verlor sich dann in höchster Auflösung.
Weit unten war dein Gewicht gleich dem der Welt,
kühle Balance, bevor sie Blasen wirft im Blut.
Beschreib das Aufgehobensein im Fall der Fälle,
Wörter ritten auf einer stehenden Welle.

 

 

 

Der dichterische Blick

des Lyrikers Hendrik Rost ist genau: seine Aufmerksamkeit gilt immer wieder der Natur, dem menschlichen Miteinander und den Medien. so entstehen Alltagsgedichte neuen Typs, die stets neugierig die eigene Wahrnehmung betrachten. Rost erfaßt die Bewegungen der Wirklichkeit im Moment und verleiht ihnen Festigkeit in streng gebauten, dabei spielerisch leichten Versen. Empfindung, Reflexion, Darstellung – dieser Dreisprung seht für den Reiz und den Zauber dieser Gedichte.

Wallstein Verlag, Klappentext, 2006

 

Hendrik Rost: Im Atemweg des Passagier

Hendrik Rost ist einer der beharrlichsten, konsequentesten Dichter der jüngeren Generation. In der Umschlagsbiographie steht u.a. „Wellenreiter“ angegeben, ein entsprechendes sportliches Engagement kennzeichnet auch seine Lyrik: Von Anfang an (Vorläufige Gegenwart, 1995; Fliegende Schatten, 1999; Aerobic und Gegenliebe, 2001) fiel an seinen Gedichten auf, dass sie nicht nur einfallsreich, bildstark, geistvoll waren, sondern eben auch gut gearbeitet, eine ganz eigene Signatur hatten, was zu mehreren Auszeichnungen führte, u.a. dem Dresdner Lyrikpreis 2003. Der neue Band ziert auch den Verlag – er ist schön gesetzt (aus der Stempel Garamond), und das Umschlagbild von Susanne Gerhards spielt mit der Verwendung eines Röntgenfotos von Fluggepäck geistreich auf den Duktus dieser Gedichte an, die unsere Wirklichkeit in allen Zufallspackungen auf unausgesprochenen Sinn hin durchsichtig zu machen suchen. „Jedem Riß ein Zusammenhang“, das klingt freilich harmonistischer, als es die Texte erlauben. Sie erzählen Geschichten, und wenn sie zeigen, was an den Seiten der Risse liegt, kann man das auch „Zusammenhang“ nennen: Es ist der Leser, der ihn stiften muss. Die schönen Textspiele Rosts leiten dazu an, das mit eher munter-aufgeweckter Sprach- und Fabulierlust zu tun.
„Jedes Gespräch hat sein Reh“, so beginnt ein Gedicht: „es äst am Rand der Gespräche, / wendet den Kopf wenn einer was sagt“, und so werden Reaktionen des Rehs beschrieben – schweigen, warten, fliehen, bis es am Ende von den Gesprächsteilnehmern (an)erkannt wird:

Da am Rand des Gesprächs ein Reh.

Die zyklische Bauform führt hier die surrealistische These in ihre Wahrheit. Es ist die unbezwingliche Logik der Morgenstern-Gedichte, auf die wir hier, als Text-Mitspieler, verpflichtet werden; zugleich ein munteres Spiel mit abendländischem Tiefsinn: Die Hypothese wird in Evidenz überführt, der ästhetischen Wahrheit Raum gegeben. Das Gedicht heißt „Die Lichtung“, was auf Heidegger anspielt; und man darf auch an den „Geisterblick“ denken, das dunkelstrahlende (Erkenntnis)Licht der Romantik. Aber charakteristisch bleibt doch der spielerische Charakter dieser lyrischen Diatribe, in der das so ausdrücklich randständige Reh letztlich die Hauptposition besetzt. Ein andermal können das Kartoffeln sein:

Lange vergessen, keimen sie,
ganz Zuversicht, natürliche
Gegenwehr
.

Im Hinblick auf die schicksalsvergessenen Sprossen wird das Ich ratlos, „ihr entwurzelter Idealismus rührt“. Die Pointe setzt Rost so, dass sie weder der Kulturverfallstheorie Beifall zollt noch simplem Hedonismus huldigt:

Vielleicht lade ich eine Frau ein
auf Diät, um gemeinsam
dem Verfall beizuwohnen.

Die Signatur der Gedichte von Hendrik Rost ist ihre geistreiche Bildlichkeit, die an barocker Emblemkunst geschult sein könnte. Die Suche nach einer kühlen Balance des Lebens führt den in Hamburg lebenden Dichter auf maritim inspirierte Denkbilder. Während die Lebenden ansonsten an der Oberfläche bleiben („Sie dümpeln / in einem Kahn auf innerer Dünung“), zieht es das lyrische Ich, das sich klassisch mit du anredet, nach unten. Der gewitzte Lyrikleser weiß bald, dass es kein tödliches Unternehmen wird, die Form des Alexandriners (sechsfüßige Jamben mit Zäsur in der Mitte) steht für die berufene Balance:

Es wurde dunkler dort, Licht fiel in Streifen ein…
kühle Balance, bevor sie Blasen wirft im Blut.

Den geheim-offenbaren Zauber der Form beschreibt Rost im zitierten Gedicht „Dichte“ als ein „Aufgehobensein im Fall der Fälle“ und konterkariert dies mit einem Surfer-Bild, das er mit dem Daktylus als fallendem Metrum verknüpft – es geht um den Moment, nicht das Dasein schlechthin:

Wörter ritten auf einer stehenden Welle.

Der Bilderreichtum ist bemerkenswert und wirkt doch nie zu gesucht, Rost könnte ein eifriger Leser von Hans-Jürgen Heise (gewesen) sein. Sein Blick fällt auf „ein gestrandetes Schiff, / von dem die Möwen behaupten, / es gehöre ihnen“, und Fisch trocknet auf Leinen / in der Sonne, aufgeschlagen wie Bücher / im entscheidenden Kapitel“. Die Fotografie, der Fußball, das Wartezimmer, das Autofahren und die Tieropfer, die Landschaftsbilder, bekannte Motive, ganz innovativ eingesetzt: „Der Sommer ist entsichert“, heißt es, und dann:

in letzter Sonne eine Klinge
von Regenbogen
aus infantilen Waffen

Es gehört zu dieser Lyrik, dass sie kaum elegisch ist. Sie bezeugt ein Ich, das sich in der Produktivität erfährt, „behauptetes Ich“ sagt Rost dazu. Das könnte gegen Gottfried Benns „verlorenes Ich“ gesetzt sein, gegen dessen Verführung zu Rausch und Untergang. Behauptet: das meint das Ich als Vorschlag, Vorgabe, Hypothese, es klingt aber immerhin auch so, als ob die viel bezweifelte Subjektstellung des (lyrischen) Ich sich hat behaupten können.
Das begründet einen hervorstechenden Formzug, die Neigung Rosts zu Witz, Ironie, Sarkasmus, Humor. Sarkastisch sind die gekonnt eingesetzten Verkürzungen:

Ich komme zu selten ans Wasser, um ein Urteil zu haben
über Landgewinn und andere Verluste.

Eine norddeutsche Landschaft wird mit „Exvokabeln fürs Schöne“ gewürdigt, was ihr nicht bekommt. Ironisch wird noch – woanders – der Vorteil für den Künstler betont:

Morgens riecht der Fluß aseptisch,
Schaumkissen driften, beim Aquarellieren
geht es um Übergänge.

Rost setzt noch einen darauf:

Die Gegend reinzuzeichnen, ich kann irren,
ist unnötig. Sie läßt sich fotokopieren.

So möchte man im Zitieren fortfahren. „Die Kunst ist der insgeheime Verrat / am Vorhaben“, schreibt Rost (in: „Brandungsangeln“), und das mag denn auch für das Vorhaben einer Rezension gelten.

Alexander von Bormann, Deutsche Bücher, Heft 3, 2006

Reflektorische Gedichte

Hendrik Rost, Jahrgang 1969, ist kein unbekannter Dichter mehr: er hat einige renommierte Stipendien und Preisen bekommen und in zehn Jahren vier Bücher veröffentlicht, jedes in einem anderen Verlag. Was einiges über die Verkäuflichkeit von Lyrik im Allgemeinen und der von Hendrik Rost im Besonderen aussagt. Seine Gedichte sind alles andere als eingängig; aber auch alles andere als hermetisch.
Es sind reflektorische Gedichte, die ihre Impulse über unspektakuläre Situationen, Beobachtungen und Wahrnehmungen empfangen. Keimende Kartoffeln etwa, „ganz Zuversicht, natürliche Gegenwehr“. Eine solch profane Kleinigkeit genügt, um Gedanken in Gang und das Netz des Wissens und der Vermutungen unter Strom zu setzen. Was die Kartoffel betrifft, heißt das dann:

Ihr entwurzelter Idealismus rührt.
Und ich ohne Patentrezept.

Hier, wie in den meisten Gedichten ist es das dichterische Ich, das auf solche Weise Regie übernimmt und sich ins Benehmen setzt mit den verschiedenen Aspekten der Welt: Ihren natürlichen und kreatürlichen zumeist, aber eben auch höchst zeitgeistigen, kulturgeschichtlichen, beziehungsweise kulturgegenwärtigen.
Vor allem die Naturgedichte zeichnet die zarte Akuratesse von Aquarellen aus. Auf diesem Gebiet gelingen Rost auch die schönsten Bilder („Ein später Igel kam in den Garten, als Versteck / blieb ihm nur das vertraute Rund des Rückens“), hier entfernt er sich weit genug von allem, was die skeptische Zeitgeistdichtung an Klischees produzieren mag.
Nicht alle Gedichte in diesem Buch schaffen den Sprung von der ins Dichterische gewendeten Notiz zu dem was man gerne Dichtkunst nennen würde. Aber es sind doch einige und beim Lesen entwickelt man ein sehr deutliches Gefühl für das Gelingen des künstlerischen Quantensprungs.

Katharina Döbler, Deutschlandfunk Kultur, 20.6.2006

 

Im Dazwischen zu Hause

„Literatur muß etwas sein, das die Leute sagen läßt ,Oh ja, natürlich, ich weiß schon, was Du meinst‘. Es kann nicht darum gehen, ihnen etwas mitzuteilen, von dem sie bislang nichts wußten, im Gegenteil: Es muß etwas sein, dessen sie sich bewußt waren, das zu sagen ihnen bisher jedoch nicht in den Sinn gekommen ist. Es muß etwas sein, das sie wiedererkennen“, schrieb Robert Frost einst in einem Brief an John Bartlett. Paradoxerweise stellt sich der Effekt des Wiedererkennens, von dem die Rede ist, immer nur dann ein, wenn die Form des Gedichts – seine Sprache, seine Metaphorik, die ganze Art und Weise, in der ein Gedanke entwickelt und präsentiert wird – eine neuartige und so bislang nicht dagewesene ist. Dies kommt nicht oft vor, doch beim Lesen einer ganzen Reihe von Gedichten des Lyrikers Hendrik Rost ist es der Fall. Das mag zunächst erstaunlich anmuten, macht doch Rost kein Hehl daraus, daß lecture und écriture für ihn einander bedingende Tätigkeiten sind, daß das eigene Selbstverständnis als Dichter aus der fortgesetzten und durchaus kenntlichen Auseinandersetzung mit der Tradition erwächst. Mehr noch als andere Lyriker seiner Generation ist Rost ein lesender Dichter, und nicht zuletzt zur englischsprachigen Lyriktradition führen deutliche Spuren zurück. Viele Stimmen der neueren amerikanischen Poesie werden zum Mitschwingen geladen, wenn Zitate von Emily Dickinson, Wallace Stevens und John Ashbery vorangestellt werden, wenn aus der übernommenen Form eines Gedichts und eingestreuten Anspielungen eine Hommage an Robert Lowells „Skunk Hour“ erwächst oder gar eines der berühmtesten Gedichte der Moderne Modell steht: William Carlos Williams’ „This is just to say“ ist es, dessen Motive Rost in einem eigenen, mit „Pflaumen“ betitelten Gedicht spielerisch aufgreift und variiert. Das aus nur einem einzigen Wort samt Quellenangabe bestehende Zitat, mit dem sein Gedicht eingeleitet wird („Verzeih / William Carlos Williams“), läßt sich dabei auf zweierlei Art lesen: als knapper Verweis auf das Original, aber auch als Bitte an dessen Autor, dem Jüngeren das Spiel mit den fremden Versen nachzusehen. Eine Entschuldigung, bei der ein ironisches Augenzwinkern mitzudenken ist – denn was heißt schon fremd, wenn die Leseerfahrung so selbstverständlich und essentiell ist wie die Dinge der Welt um uns her, wenn die Erinnerung an Momente der Lektüre so präsent ist wie die an einen besonderen Tag, an ein persönliches Erlebnis? Der Reichtum an Literatur, den die großen Vorgänger hinterlassen haben, ist für Hendrik Rost ein ebenso selbstverständliches Material für das erst noch zu schreibende Gedicht (und immer gibt es ja nur dieses eine, noch zu schreibende Gedicht) wie die sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit. Der Dialog mit der Tradition und die eigene Erfahrung ergänzen einander, und schon deshalb ließe sich Rost, so belesen er ganz offensichtlich ist, keinesfalls auf die Rolle eines poeta doctus reduzieren. Die unmittelbare sinnliche Sensation hat – in der Bündigkeit einer Metapher, eines Vergleichs – ihren Platz, wenn sie auch stets hinterfragt und erst durch ein hohes Maß an Reflektion zwingend gemacht wird. Oft sind es Erinnerungen, die auf ihren poetischen Gehalt abgeklopft werden, auf ihre Möglichkeiten – wobei ein skeptischer Grundton und die Bedächtigkeit bei der sprachlichen Gestaltung dafür sorgen, daß die Gedichte offen für mehr als eine Lesart bleiben. Sie sind „irgendwo dazwischen und darin zu Hause“, wie es an einer Stelle heißt, und mithin, wie ihr Autor, ständig unterwegs: Seit er 1969 im westfälischen Burgsteinfurt geboren wurde, hat es Rost an die unterschiedlichsten Wohnorte verschlagen – nach Lüneburg wie nach Flensburg, nach Baden-Baden wie nach Berlin, nach Gotland ebenso wie in den amerikanischen Bundesstaat New York. Anlaß für diese Mobilität ist mal eines der vielen Stipendien, die, nebst anderen renommierten literarischen Auszeichnungen, Rosts Arbeit unterstützen, mal schlicht die Sehnsucht nach dem Meer, das erstaunlich häufig in seinen Gedichten zu finden ist:

Die Küste entfernt sich
im Kielwasser, während
der Horizont den Abstand
wahrt. Wasser, verstehe ich,
als die Leinen sich lösen,
begreift man nicht

Dieselbe Beharrlichkeit, mit der Rosts Gedichte sich trotzdem immer wieder dem nicht zu Begreifenden zu nähern versuchen, kennzeichnet auch den Umgang mit dem eigenen Metier, das Hinterfragen des Gedichts im Gedicht, wie es seit Beginn der modernen Lyrik immer wieder gepflegt wurde und wird; der wache Blick auf das eigene Tun, der Erlebtem und intellektueller Kontemplation eine Symbiose gestattet und mitunter den Eindruck erweckt, als verfolgte manches Gedicht bereits im Entstehen die eigenen Spuren:

Vielleicht ist es die junge Amsel,
die ich als Kind
von der Straße aufgelesen habe,
und das Gefühl

eines gestreichelten Vogels
in der Handfläche,
der vor Angst vergeht,

die den Text ausmachen,
mit dem ich mich
langsam vertraut mache

Jan Wagner, Ostragehege, Heft 33, 2004

 

Am 1.4.2014 sprachen Hendrik Rost und Ron Winkler untere der Überschrift Kontrastprogramm in der literaturwerkstatt berlin mit Insa Wilke über ihre Bücher und ihr Schreiben.

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Hendrik Rost liest sein Gedicht „Gesellschaftsvertrag“.

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