Henning Heske: Zu Durs Grünbeins Gedicht „Traum vom fliegenden Fisch“

Im Kern

Im Kern

– Zu Durs Grünbeins Gedicht „Traum vom fliegenden Fisch“ aus Durs Grünbein: Nach den Satiren. 

 

 

 

 

DURS GRÜNBEIN

Traum vom fliegenden Fisch

Ein Fisch, der fliegt – so fing Columbus’ Traum
An einem Morgen an, mit einem Willkürakt.
Ist da ein Indien, das westwärts liegt,
Sticht man von Spanien aus in See?
Er sah, und traute seinen Augen kaum,
Wie aus dem Wasser Fische stiegen. Neptuns Vögel,
Schrieb er ins Tagebuch. In Wüsten Schnee
Entdecken war gewöhnlicher als diese Tiere,
Die aus den Wellen schnellten wie von Bögen
Die Pfeile jener Wilden, die er nackt
Am andern Ufer fand und Indios nannte.
Was las er auf den Helmen seiner Kanoniere,
Stumm nach der Landung? Dieses Unbekannte
War ihm unheimlich wie ein Fisch, der fliegt.

 

Entdeckung des Fremden

Die Natur muß gefühlt werden; wer nur sieht und abstrahiert… wird die Natur zu beschreiben glauben, ihr selbst aber ewig fremd sein.

Diese Quintessenz des einzigartigen Naturforschers Alexander von Humboldt nach seiner fünfjährigen Reise in die Neue Welt findet sich in einem Brief an Goethe aus dem Jahre 1810. Noch weit entfernt von Humboldts Erkenntnis, war Christoph Columbus gut dreihundert Jahre zuvor mit der Santa Maria und zwei kleineren Karavellen zu seiner ersten Reise aufgebrochen. Im Kopf ein eurozentrisches Weltbild und die Vorstellung eines westlichen Seewegs nach Indien. Am 12. Oktober 1492 kommt Land in Sicht: eine der Bahama-Inseln, doch Columbus wähnt sich in Ostasien.
An dieser Stelle setzt Grünbeins Variante eines Sonetts ein. Die klassische Strenge dieser lyrischen Form wird durch einen Verzicht auf die Einteilung in zwei Quartette und zwei Terzette, eine eigenwillige Reimstellung und einen permanenten Wechsel der Silberzahl in den Zeilen aufgebrochen. Während die beiden Assonanzen in der fünften und neunten Zeile („traute… Augen“ und „Wellen schnellten“) die Versform stärken, knackt es spür- und hörbar im Gebälk durch den unreinen Endreim „Vögel… Bögen“. Hier läuft das Sonett quasi aus dem Ruder. Ein Beispiel für Grünbeins Dichtkunst, der auf diese Weise dafür sorgt, daß Form und Inhalt des Gedichts miteinander korrespondieren.
Ein kürzerer Weg zu Gold und Gewürzen ist das Ziel dieser Reise, finanziert vom Königreich Kastilien. Doch der Traum von Ruhm und Reichtum entwickelt sich für Columbus zu einem Anflug eines Albtraums: fliegende Fische und nackte Eingeborene, die mit Pfeil und Bogen schießen. Sein christliches Weltbild gerät ins Wanken, und er muß eine römische Gottheit bemühen, um zu beschreiben, was er „seinen Augen kaum“ traut: Neptuns Vögel. „Ein Fisch, der fliegt“, übersteigt seine Vorstellungskraft. Mit diesem Bild beginnt und endet das Gedicht. Auch dazwischen läßt Grünbein noch zweimal die Fische aus dem Wasser steigen, um durch diese mehrfache Wiederholung, die im weiteren Sinn auch dem Kreislauf der Natur entspricht, das schockartige Erlebnis des italienischen Seefahrers zu verdeutlichen. Indios, das zweite wörtliche Zitat aus dem Tagebuch, erweist sich ebenfalls als unzutreffender Begriff. Diese Bezeichnung, die Columbus für die amerikanischen Ureinwohner prägt, ist Ausdruck seines Irrglaubens, am Ziel seines Traumes angelangt zu sein.
„Stumm“ folgen ihm seine „Kanoniere“ an Land, materiell gerüstet und mental überfordert mit dieser „unheimlich(en)“ Entdeckung des „Unbekannte(n)“. Knapp drei Jahre später läßt Columbus die ersten Indios als Sklaven nach Spanien verschiffen. Der Ausverkauf der Tropen beginnt. Wissenschaftlich seziert und beschrieben wird aus dem fliegenden Fisch die zoologische Art Exocoetus volitans. Erst auf seiner dritten Reise erkennt Columbus 1498, daß er eine den Europäern unbekannte „Neue Welt“ gefunden hat. Diese Entdeckung verändert nachhaltig die gesamte Weltanschauung.
In den Tropen begegneten die Europäer vor allem sich selbst, ihren Träumen und ihren Ängsten. Ehe man sich versah, waren ungezählte Kulturen, Tier- und Pflanzenarten vernichtet. Es dauerte lange, bis endlich Alexander von Humboldt in seinem „Kosmos“ ein ganzheitliches, vom Humanitätsideal geprägtes Weltbild entwarf. Die „Traurige(n) Tropen“, wie sie Claude Levi-Strauss in seinem ethnologischen Reisebericht darstellt, waren längst geschaffen:

Nie wieder werden uns die Reisen, Zaubertruhen voll traumhafter Versprechen, ihre Schätze unberührt enthüllen.

1492 ist eine der wenigen Jahreszahlen historischer Ereignisse, die ich seit der Schulzeit nicht vergessen habe. Grünbein gelingt es, diesen folgenreichen Beginn der Neuzeit in einer lyrischen Beschreibung der ersten Momente der Wiederentdeckung Amerikas durch Columbus eindrucksvoll zu verdichten.

Henning Heske, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 26, Insel Verlag, 2003

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