Hermann Burger: Zu Paul Celans Gedicht „Weggebeizt…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Paul Celans Gedicht „Weggebeizt…“ aus Paul Celan: Atemwende. –

 

 

 

 

PAUL CELAN

WEGGEBEIZT vom
Strahlenwind deiner Sprache
das bunte Gerede des An-
erlebten – das hundert-
züngige Mein-
gedicht, das Genicht.

Aus-
gewirbelt,
frei
der Weg durch den menschen-
gestaltigen Schnee,
den Büßerschnee, zu
den gastlichen
Gletscherstuben und -tischen.

Tief
in der Zeitenschrunde,
beim
Wabeneis
wartet, ein Atemkristall,
dein unumstößliches
Zeugnis.

 

Vom Genicht zum Gedicht

Von den vielen Gedichten Paul Celans, welche den schwierigen Weg zur poetisch gültigen Sprache als Landschaft, als Expedition vergegenwärtigen, ist mir „WEGGEBEIZT…“ aus dem Band Atemwende das wichtigste. Bis hin zur typographischen Gestalt, bis zur Brechung der Wörter an den Zeilenenden stellen die drei Strophen dar, was sie meinen, was sich als Poetik rational nicht formulieren läßt: die Befreiung des Dichters aus dem „Metapherngestöber“ und die Freisetzung des „Atemkristalls“, Die Wortschöpfung „Genicht“ macht deutlich, daß Scheitern und Gelingen an einem Konsonanten hängen können. Dem unumstößlichen Zeugnis in der Tiefe des Gletschers entspricht der Meineid, der in der ersten Strophe getilgt werden muß. Celan verwendet einen Ausdruck aus der Jägersprache, denn „beizen“ heißt nicht nur Wunden ausbrennen, sondern auch jagen, mit abgerichteten Raubvögeln. Durch den wuchtigen Einsatz mit dem Mittelwort der Vergangenheit ist die Wirkung des „Strahlenwindes“ bereits vorweggenommen. Das bunte Gerede verstummt. Wer in hundert Zungen spricht wie die Menschen nach dem Turmbau zu Babel, hat nach Martin Buber die „heilige Sprache“ verloren. Das wäre „deine Sprache“, im Gegensatz zur Lüge; althochdeutsch „mein“ heißt falsch, betrügerisch.
Dadurch wird der Weg, ähnlich wie in der Prosadichtung „Gespräch im Gebirg“, frei zu den Gletscherstuben. Er führt durch den „menschen- / gestaltigen… Büßerschnee“, was an die „schwarze Milch der Frühe“ in der „Todesfuge“ erinnert. Asche wird im Volksmund auch schwarzer Schnee genannt. Die Stelle – wiederum wird uns das Zerbrochene typographisch vor Augen gebracht – kann sich nur auf die Judenvernichtung im Dritten Reich beziehen. Celans Sprache pflügt sich durch Asche und Knochenmehl, seine Dichtung ist Totengedächtnis.
Die „Gletscher“-Chiffre hat eine vielschichtige Bedeutung im Spätwerk. Einerseits sind die Firner absturzbedrohte, katastrophenträchtige Zeugen der Erdgeschichte. Dann verweist die Zungenform auf den sprachlichen Bereich, die „lingua“. Drittens ist die kristalline Gitterstruktur zu beachten. Fügungen wie „Tausendkristall“ und „Schneegarn“, aber auch „Sprachgitter“ gehören zu diesem Celanschen Wortfeld. Unter „Gletschertischen“ versteht man in der Glaziologie Felsplatten, die auf Eisfüßen liegen. Hier werden sie in die Stuben versetzt und haben „gastlichen“ Charakter wie die „langen Tische der Zeit“ im Gedicht „Die Krüge“. Auch an der Gletschertafel zechen die „Krüge Gottes“, wird die Zeit aufgehoben: bewahrt und zunichte gemacht als Chronologie historischer Ereignisse.
Die letzte Strophe steht ganz im Zeichen des Kristalls und ist durch eine Gegenbewegung zur zweiten gekennzeichnet. Wird der Blick zuerst hinaufgelenkt zu den Firnern, stürzt er nun in die Tiefe der „Zeitenschrunde“, wo sich dem Dichter das kollektive Unbewußte seiner Epoche erschließt. Doch Fels und Gletscher blieben tot, wenn nicht der „Atem“ des Strahlers hinzukäme, der Lebenshauch, hinter dem der Pneuma-Begriff steht. Nach den Vorstellungen des palästinensischen Judentums schließt der Mensch und Tier eingegebene Odem Gottes auch die Geister der Verstorbenen mit ein. Erst wenn dieser „Wind“ zum „Atemkristall“ wird, organisch gewachsen und handwerklich geformt, liegt ein Gedicht vor als unumstößliches „Zeugnis“ der Wahrheit.
Nicht der Dichter selbst verfügt über die Gewalt des beizenden Strahlenwindes, aber in der Inspiration wird er von ihr erfaßt. Das Besondere, das Einzelschicksal, kristallisiert sich, wird zum allgemein Verbindlichen und Gültigen. Präziser kann ein Autor kaum sagen, woher sein Gedicht kommt, worauf es zielt, in seiner Zeit, über sie hinaus und hinter sie zurück.

Hermann Burgeraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebter Band, Insel Verlag, 1983

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