Herta Müller: Zu Theodor Kramers Gedicht „Abschied von einem ausreisenden Freund“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Georg Kramers Gedicht „Abschied von einem ausreisenden Freund“ aus Theodor Kramer: Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan

 

 

 

 

THEODOR KRAMER

Abschied von einem ausreisenden Freund

Meinem Freund, der seinen Paß schon hatte,
gab ich gestern das Geleit zur Bahn;
unsre Hände waren wie aus Watte,
als wir tief uns in die Augen sahn.
Dreimal winkte er mir aus dem Wagen
und ich winkte stumm ihm wie erschlagen:
denn ich selber war noch immer hier.

Aus der Halle fuhr mit ein paar Pfiffen
schon der Zug mit ihm, er reiste aus;
doch ich hatte es noch nicht begriffen,
ging vom Bahnsteig wie betäubt nach Haus.
So als säß er, wo er oft gesessen,
war mir, und mir mundete kein Essen:
denn ich selber war noch immer hier.

Hinter den vertrauten Fensterläden
immer noch vermeinte ich den Mann,
und ich rief ihn, um mit ihm zu reden,
heute zur gewohnten Stunde an.
Aus der Muschel kam ein kleines Knacken,
und ein Schauer lief mir durch den Nacken:
denn ich selber war noch immer hier.

 

Der leichte Klang des Schweren

In diesem liedhaften Rhythmus und Reim kommt in Kramers Gedichten der Schrecken daher. Sie sind so einprägsam und beklemmend, daß man sie nicht mehr vergißt. Hier spricht einer Klartext wie der Alltag und macht Poesie unterderhand. Das Unerhörte sagt sich wie nebenbei. Was da steht, als wäre es von sich selbst überrascht, ist besessenes Handwerk. Rigoros legt Kramer es ins Unauffällige, unter den Text, nicht hinein. Kein anderer Lyriker findet für das Schwere so leicht einen Klang. Die Last lernt fliegen, aber darunter ist die Tiefe der Celanschen Welt. 1936 schrieb Kramer einem Freund:

Ein großer Kummer von mir ist, daß meine Sachen noch nicht vertont wurden.

Und 1937 mußte er dem Freund schon schreiben:

Komponiert hat mich einer, schreibt mir aber „Mit deutschem Gruß“, das wird für uns beide peinlich werden.

Die Nazis setzten alle Bücher des Juden Theodor Kramer auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Schlag auf Schlag kamen Zwangsumsiedlungen, drohende Verhaftung, Verstecke in heimlichen Wohnungen, Nervenzusammenbruch, Selbstmordversuch, schwere Sehnenentzündung, nachdem ein SS-Mann ihm in der Warteschlange um Ausreisepapiere in den Knöchel getreten hatte. Dies war der Alltag. Erst Ende Juli 1939 gelangte er ins englische Exil. Er blieb achtzehn Jahre, schrieb über Fremdsein und Heimweh, Suff und Stundenhotels, Liebesgier im Alter, wenn der Körper abdankt. Bestürzende Themen und liedhafter Ton, der die zu dünnen Nerven zähmen sollte. Kurz vor dem Tod erst kehrte Kramer nach Wien zurück. In meinem Kopf haben sich Kramers Angstgedichte immer mit denen Celans verbunden. Exemplarisch zeigen die beiden Autoren, wie der gleiche Schmerz sprachlich ganz und gar verschieden ausgedrückt werden mußte und konnte.
Bei Kramer muß man lernen, daß der Skandal nicht erst mit der Vernichtung in Todeslagern begann, sondern Jahre vorher in den belebten Städten, in den Läden, Cafés, Parks und Straßenbahnen. Man wird aus Kramers Gedichten nicht entlassen ohne die Einsicht, daß im Nationalsozialismus nicht nur der Uniformierte, sondern auch der Nachbar, Briefträger, Passant Politik machte, da sie dem Bedrohten als potentielle Denunzianten zur leibhaftigen Politik werden mußten, ob sie es wollten oder nicht. Alle, die sich nicht als Gegner dieser Politik zu erkennen gaben, waren ein Teil von ihr geworden. Und daß Flucht nur im Vergleich zur Vernichtung als Glück bezeichnet werden kann, daß Exil ein Existenzrutsch ist, ein Marathon der Einsamkeit, das lernt man aus Kramers Gedichten.
Ich habe Celans und Kramers Gedichte von Anfang an mit Blick auf meinen Vater lesen müssen. Wie die meisten Söhne der Deutschen im Rumänien jener Zeit war er ein SS-Soldat. Und Jahre später, wie viele seiner Kameraden, ein Dorftrinker, der Nazilieder sang. Gerade beim Lesen, wenn ich ihn gern vergessen hätte, wurde er in der Rasanz des Poetischen der mir vertrauteste Vertreter der Tat, dessen Taschentücher und Schraubenzieher ich kannte.
Später hatte ich Bespitzelung, Hausdurchsuchung, Verhör, Todesdrohung durch Ceauşescus Geheimdienst als Alltag zu bezeichnen. Auch Fluchtversuche, die selten glückten und oft im Gefängnis oder im Tod endeten. Auch meine besten Freunde hatten schon den Paß und reisten aus. Das Gedicht vom ausreisenden Freund war plötzlich das Gültigste, was ich in Büchern zum Thema Abschied fand. Es ist verblüffend, wie Kramer es fertig bringt, lapidar Gesagtes erst im Kopf zu vergrößern. Das Gedicht nutzte sich nicht ab, seine Direktheit wechselte bei jedem Auswendigsagen ihr Geheimnis. Auch vor drei Wochen und am Flughafen in Budapest waren Kramers Gedichte wieder da. Am Flugsteig nebenan saß eine Familie aus dem Kosovo: Eine Großmutter weinte in ihr verknäultes Kopftuch, zwei Eltern sahen starr zu Boden, drei Kinder hatten aufgeblasene Plastikflugzeuge, summten und ließen sie über fremde Koffer segeln. Keiner der Angehörigen rief sie zu sich. Sie liefen weit weg, aber sie konnten beim Spielen hier nicht mehr verlorengehen.

Herta Mülleraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2000

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