Hilde Spiel: Zu Ingeborg Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ingeborg Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“ aus Ingeborg Bachmann: Werke. Band 1. –

 

 

 

 

INGEBORG BACHMANN

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

 

 

Das Neue droht, das Alte schützt nicht mehr

Ich liebe das Titelgedicht des Bandes Die gestundete Zeit, weil es alles enthält, was sich in anderen Gedichten Ingeborg Bachmanns findet, und durch seine Fülle und Dichte eben mehr. Was ergreift uns denn an einem Werk der Lyrik? Die Vielfalt der möglichen Assoziationen, die Eindringlichkeit der Aufrufe, die an uns ergehen, mitzuschauen, mitzudenken, mitzuempfinden, verwandte Erlebnisse heraufzubeschwören, so lange, bis dieses Wortgeflecht ein Teil von uns geworden ist.
An Bildern, Gedanken, Gefühlen und Analogien sind die vierundzwanzig Zeilen überreich. Mitleidlos werden wir zu Beginn in eine Lage des Ausgesetztseins, der wachsenden Gefahr gestoßen. Unsere Dauer ist begrenzt, schon zeichnet sich das Ende ab. Trotzdem müssen wir weiter, müssen dem Unausbleiblichen noch entgegeneilen, statt es in vertrauter Umgebung zu erwarten. Das Neue droht, aber das Alte schützt uns nicht mehr.
Und nun sogleich das Bild des ausziehenden Odysseus: jene Hunde, die den ermatteten Rückkehrer begrüßen, jagt er hier zurück in den Hof. Doch es ist keine übermütige Eroberungsfahrt, auf die er sich begibt. Dieser Odysseus wird nicht wiederkommen. Unter verhangenem Himmel, im Nebel und Wind, vorbei an den dörrenden Fischen – ich sehe sie an Schnüren hängen, die zwischen Pfosten gespannt sind, ihre Eingeweide, aus denen Böses voraus gesagt wurde, in Bottichen auf der Erde – und bedrückt vom verblassenden Blau der Lupinen, macht er sich zur Reise zum Abbruch seiner Zeitspanne auf.
Jetzt aber der Anblick, der ihn das Unausweichliche, Unrettbare seiner Bestimmung erkennen läßt. Was er liebt, beginnt vor seinem sehenden Auge schon hinabzugleiten, und er kann nichts dagegen tun, muß es dulden, darf sich dem Marschbefehl nicht entziehen. In dieser Vision ist die antike Landschaft einer Dalí-Wüste gewichen, Sand ringsum, eine gelbe rieselnde Öde, in der die Süße seines Lebens, gleich Minnie in Becketts „Glücklichen Tagen“, langsam versinkt.
Zuletzt noch einmal, wie Hammerschläge, die Sätze seines Auftrags. Sie sind an ihn gerichtet, den Wanderer und Dulder, der mit der vierten Zeile des Gedichts, stellvertretend, unser aller Schicksal auf sich nimmt. Nichts darf bleiben, was an das bisherige Dasein erinnert. Und keine Hoffnung diesmal. Kein Stern. Nur die Verfinsterung und der Weg an die Grenze. Ein existentielles Gleichnis, im Jahr des „Godot“ entstanden und nicht minder profund bewegend als alles, was man später bei Beckett und Thomas Bernhard las.

Hilde Spiel, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

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