Hwang Chi-Woo: Die Schatten der Fische

Hwang-Die Schatten der Fische

DER WEG

Das Leben, denk ich,
ist ein Weg, den nur passieren kann,
wer Demütigungen zollt, die fällig werden.

Choeson, die acht Provinzen,
schaue ich mich hier nur einmal um:
Wachposten besetzen die schönsten Plätze.

Auf dem herrlichen Südküsten-Kurs
ein Binnenschif, seine Spur.
Ein Weg bleibt wohl zurück,
nur ist er dann aus Schaum.

Kommt hierher, die aus aller Welt,
die selbst sich quälen, weil sonst nichts sie quält.
Hier, wo der Weg, den man nimmt, zu Schaum wird,
wird aus dem Anker, den ich selbst geworfen,
meine Falle.

 

 

Zu einer Auswahl der Gedichte Hwang Chi-Woos

Auf einer Tagung in Seoul im Jahr 2000 hatte ich mehrfach Glück. Zunächst einmal wurden alle ausländischen Teilnehmer – Dichter, Professoren, Philosophen – selbstverständlich persönlich betreut. Mein Betreuer war tolerant und entließ mich auf eigene Faust in die 14-Millionen-Stadt. Dann war da die herzerfrischende Begegnung mit Pierre Bourdieu im Fahrstuhl. Auch der Empfang durch Präsidenten Kim Dae-Jung, von dem es bereits vor der Verleihung hieß, er würde für seine „Sonnenschein-Politik“ im Umgang mit Nordkorea demnächst den Friedens-Nobelpreis erhalten, tat mit seinem offenen Gespräch wohl. Es wurde vor allem vom Ehrengast Wole Soyinka und, eben, Pierre Bourdieu bestritten. Mein größtes Glück aber war die Begegnung mit meinem koreanischen Co-Referenten Hwang Chi-Woo. Wir sprachen zum selben Thema, zur Lage des Dichters in der massenkulturellen Gesellschaft. Unser Zugang war zu meiner Verblüffung ganz ähnlich. Da draußen war alles anders, roch und schmeckte fremd, sprach eine exotische Sprache (die nur in Lehnbegriffen und im Gebrauch der Schriftzeichen mit der chinesischen verwandt ist und in gewissen alten Substantiven mit dem Japanischen, sonst aber eher mit gewissen Dialekten aus dem Altaigebirge) und berief sich auf eine Tradition, von der wir zu den Tagen der Seidenstraße vielleicht mehr wussten als heute. Hier drinnen aber, auf dem Podium, gab es kein Verständigungsproblem.
Wir gehörten, wie ich rasch begriff, einer Generation an (Hwang wurde 1952 in Haenam im Süden der koreanischen Halbinsel geboren), weniger vom Alter als von der Erfahrung her: Zunächst die Diktatur und das Aufbegehren gegen sie, dann die rapide Öffnung, das Zunehmen unerhörter ökonomischer Zwänge sowie – sozusagen als Begleitmusik, als unvermeidliches Design und permanentes Gesprächsangebot der weltweite Siegeszug der Popkultur und der elektronischen Medien in sehr kurzem Zeitraum prägten uns.
Das übergreifende Thema der damaligen Tagung war die Globalisierung, damit eines, das für Südkorea von immenser Bedeutung bleibt. Das Land, noch eben die im 20. Jahrhundert vielfach missbrauchte Jungfrau Ostasiens, ist ein Global Player geworden, etwa als – nach Japan – zweitgrößter Automobilexporteur Asiens. Damit hat es sich selbst und wurde es sozialen und kulturellen Schockwellen ausgesetzt. Kontraste prägen das Land, und wenn wir von dem grundsätzlichen zwischen Tradition und Modernisierung sprechen, dann sind wir mitten im Thema. Dieser prägt als ein produktiver Umwandlungsfaktor die Dichtung, die in der Lage ist, sich auf den Riss einzulassen, der eklatanter und dramatischer nicht sein könnte. Für dieses Sich einlassen, sich der Erfahrung stellen, sie aushalten und zu fassen suchen stehen Leben und Dichtung Hwang Chi-Woos.
Sie sind darin und in der vorliegenden Qualität einzigartig in der Literatur des Landes. Kein ins Deutsche übersetzter koreanischer Gegenwartsautor befindet sich so auf der Höhe von zeitgeschichtlicher Aktualität und literarischer Meisterschaft. Keiner hat die Poesieentwicklung der letzten einhundert Jahre so rezipiert, während er zugleich – wie eher gewohnt – der gegebenen Tradition treu bleibt. Bei keinem trifft sich der Lakonismus der westlichen Poesie seit William Carlos Williams mit der genuin tradierten Anwesenheit des Buddha und den Prägungen des Konfuzianismus. Bei keinem ist der Rhythmus der Großstadtstraße so zu spüren wie das Innehalten angesichts der existentiellen Katastrophe. Das traditionelle Liebeslied trifft hier in seiner Karaokeversion auf realistisch und/oder symbolisch erfasste Landschaft. Zugleich wächst aus traditionell anmutenden Tableaus eine Privatmythologie, die ihr Geheimnis nicht preisgibt und den Leser in ihren Bann zieht. Wir reisen mit dem Kamel und der Schildkröte, treffen Lemminge in der Form helmbewehrter Krebse und staunen den fischlosen Schatten der Fische an. Ted Hughes mag da herübergrüßen mit seinen Krähen und Füchsen, nicht minder unergründlich und zugegebenermaßen gedanklich anspruchsvoll im mageren Vers.
Hwang Chi-Woo ist ohne Zweifel ein aussagefähiger Zeitzeuge der jüngeren koreanischen Geschichte. Sein erstes Studium in Seoul beendete er mit einer Verzögerung, weil er nach Teilnahme an studentischen Protestaktionen – noch zu Zeiten des Diktators Park Chung-Hee – zum Militär zwangsrekrutiert wurde. Seinen MA-Kurs, in Kwangju begonnen, musste er an einer dritten Universität fortsetzen, weil er in der Protestbewegung von 1980/81 als einer der Studentenführer verhaftet und zwangsexmatrikuliert worden war. Das literarische Debüt und die erste Anerkennung als Dichter fielen in dieselbe Zeit, ein Widerspruch, wie er typischer nicht sein könnte für ein gärendes und an der Schwelle zur Selbstbefreiung stehendes Land. Die Biografie Hwangs zeigt ohnehin signifikante Parallelen zur Öffnung des Landes. Nach dem MA-Abschluss 1985 steht seiner akademischen Karriere nichts mehr im Wege. Den Gedichtbänden gesellen sich Theaterstücke und Essays hinzu. Er promoviert und wird schließlich Professor an der Koreanischen Gesamtakademie der Künste.

Hwangs Lyrik enthält die Ingredienzien, derer es bedarf, uns mit dem Ursprünglichen zu verbinden. Ein elementarer Grund, überhaupt Gedichte zu lesen! Und unter koreanischen Gedichten, die in deutscher Sprache zugänglich sind, werden sie eine besondere Stellung einnehmen. Dieses Werk ist geeignet, ein Tor zu öffnen, das bisher nur angelehnt stand. Hwang Chi-Woo ist durch seine Biografie und den u.a. daraus resultierenden moderneren Zugriff auf seine Stoffe ein Autor, der für deutsche Leser direkter, unvermittelter zugänglich ist als andere seiner Landsleute. Es hat den Anschein, als spräche er auch auf uns Europäer zu. Als seien die Veränderungen in der südkoreanischen Gesellschaft, wie dieser Autor sie am eigenen Leibe erfahren hat, Motor für eine freiere und vielfältigere Sprache geworden. Dabei verleugnen die Gedichte keineswegs die Landschaft, der sie entstammen. Das meint nicht nur die reale Landschaft Koreas, die Natur (Vögel, Bäume, Berge, Schnee, Meer, Flüsse), das Dorf, das Kloster, die Brücke über den Fluss. Es meint andererseits ebensowenig nur die Urbanität der rasant wachsenden Metropole Seoul und anderer Großstädte. Es meint zugleich auch die poetische Tradition, die in Korea bekanntlich sehr gepflegt wird und sehr populär ist. (Zu jedem festlichen Essen können Gedichte rezitiert werden, die der Lotusblüte ihren Tribut zollen.) Hwang Chi-Woo scheut den Einbruch des realen und alltäglichen Lebens in die Dichtung nicht. Wir finden feine Kontemplation, Exerzitien der Einsamkeit neben drastischen Szenen, Reflexe blutiger politischer Auseinandersetzungen neben solchen der Sehnsucht nach der fernen Geliebten.
Die Form, in der in diesen Gedichten der alte lyrische Topos der Sehnsucht neu formuliert ist, ergreift direkt („Wenn ich auf dich warte“). Oder jene distanzierte Melancholie angesichts des alltäglichen Ganges der Dinge, welche die westliche Dichtung seit den Tagen Baudelaires notorisch durchzieht. Der europäische Leser muss mit seiner vielleicht existenziellen, assimilierenden Art, Gedichte zu lesen, hier endlich nicht mehr in Bildschichten halb schon vertrauter, halb noch exotischer Folklore auf die Suche gehen, deren Originalität auf der Folie der Tradition ihm eigentlich verschlossen bleibt. Er kann direkt fündig werden: „Mein Lieb, wenn es Dezember wird, das Leben ist dann schmutzig, tut dem Herzen weh, und mich macht es nervös, so wie die ausgestreckte Hand des Bettlers, der in der Unterführung kauert. Hoffnung ist doch bloß Versuchung. Die Dezemberbäume vor den Ladenfenstern schütteln ihre Blätter ab wie Schuldenberge oder Schuppen auf die Billigware, und die Straßenfeger kehren immerzu das Leben unter diesen Bäumen weg.“
Es handelt sich um eine universelle Bildsprache, deren Übersetzbarkeit und Lesbarkeit in einem anderen, hiesigen Kanon für uns außer Frage steht. Selbstverständlich konterkarieren andere Gedichte, andere Ansätze diese Universalität mit Details, die für uns fremd bleiben. Das Fremde wird auch nicht durch Fußnoten gemildert. Es muss erhalten bleiben. Die universelle, uralte wie ewig neue Botschaft der Poesie interessiert uns ja nur in ihrem konkreten Gewand. Sonst gingen wir nicht, indem wir lesen, auf wirkliche Reisen, aus denen tatsächliche Erfahrung resultiert. Dass in diesen Gedichten auch eine „Drahtharfe“ angeschlagen wird, die für uns schon Geschichte ist, illustriert noch einmal das oben zur Generationserfahrung Gesagte. Hwang Chi-Woo schreibt in einem seit 1953 geteilten Land: „Choseon, die acht Provinzen, schaue ich mich hier nur einmal um: Wachposten besetzen die schönsten Plätze.“ In anderem Zusammenhang, in dem über Brüder nachgedacht wird, deren einer buddhistischer Mönch, deren anderer Kommunist ist, schauen wir unversehens in eine tiefere Schicht: „Wir sind, weil wir abwesend sind.“
Das koreanische Verb, gleich wie lang der Satz sein mag, stets an sein Ende gesetzt, sagt immer etwas über das Verhältnis des Sprechers zum Angesprochenen aus, d.h. es variiert je nachdem, ob ein Kind, ein Erwachsener oder ein Höherstehender angesprochen werden. In den gelungensten Gedichten des Autors gehen Tradition und Zeitgenossenschaft die Synthese der Klarheit ein. Angesprochen ist der Leser, sind wir:

Wenn wir kein Schwert haben,
müssen es wenigstens Flügel sein.
So sei es, sagtest du jedes Mal,
wenn sie dich niederschlugen.
Wenn die Kerze brennt,
brennt die Seele der Kerze.
Wenn dir Flügel wachsen,
komm zu mir geflogen.

Uwe Kolbe, Nachwort

In den Gedichten Hwang Chi-Woos

treffen sich Lakonismus westlicher, insbesondere amerikanischer Poesie mit der Anwesenheit des Buddha und den Prägungen des Konfuzianismus.
„Das Werk von Hwang Chi-Woo ist geeignet, ein Tor zu öffnen, das bisher nur angelehnt stand“, heißt es im Nachwort des Lyrikers Uwe Kolbe, der sich als Generationsgefährte sieht. Natürlich markieren die Erfahrungen mit der Diktatur, das Leben in einem geteilten Land Parallelen in den Biographien beider Dichter, aber vor allem ist es der moderne Zugriff Hwang Chi-Woos auf seine Stoffe, der ihn für deutsche Leser direkter, unvermittelter zugänglich erscheinen läßt als andere seiner Landsleute. „Es hat den Anschein, als spräche er auch auf uns Europäer zu. Als seien die Veränderungen in der südkoreanischen Gesellschaft, wie dieser Autor sie am eigenen Leibe erfahren hat, Motor für eine freiere und vielfältigere Sprache geworden.“

Wallstein Verlag, Ankündigung

Autorengespräch zwischen Hwang Chi-Woo und Kurt Drawert in Darmstadt.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + KLG + Laudatio
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 


 

Bestiarium der deutschen Literatur-Kolbe

Uwe Kolbe liest auf dem XX. International Poetry Festival von Medellín 2010.

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