KAVAFIS’ HAUS
6 Rue Lepsius:
War dein Alexandria die See?
Oder war sie der Kreis
wo die Gasse enger wird
und das Licht verstreut ist wie zerkochte Schnecken?
Vielleicht war dein Alexandria
dieses Portal
das ich nicht sehe
Vielleicht war sie dieses verwirrte Murmeln
das nicht über die Lippen ging…
Vielleicht war sie die Vase
oder der Balkon des Palastes wo Gott
Antonius verließ…
6 Rue Lepsius:
Woher kamen die nächtlichen Griechen?
Woher kam der Wein?
Und woher dieser schwankende Gesang?
Diese zersprungene Kithara?
Diese Melodie, die leider! sagt, leider! leider!
Diese Melodie, die ein Ach! ist im Abgrund des Ach
6 Rue Lepsius:
Der Balkon verdüstert sich…
Das Zimmer macht sich davon durch den Spiegel des Kleiderschranks
Das Hemd flattert auf die See zu
Die See verschwindet…
……………………….
Falls du Antonius bist so warte
ein Gott mag dich durch die geborstenen Spiegel rufen.
Saadi Yousef
und der Herbsttagung 2003 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über „Arabische Poesie“ hat sich ein reger und kontinuierlicher Austausch zwischen deutschsprachigen und arabischen Schriftstellern entwickelt. Im Zentrum vieler Gespräche standen die Schwierigkeiten, die eine Übersetzung arabischer Gedichte bereitet, wenn sie die großartige Fremdheit der arabischen Poesie für das Verständnis des mitteleuropäischen Lesers aufschließen will. Die neuere Dichtung in den arabischen Ländern zehrt ebenso von ihrer reichen Tradition wie auch von der Auseinandersetzung mit der Moderne des Westens, sie ist ein Schauplatz im Ringen um die kulturelle – und politische – Identität in dieser Region. Die Anthologie zeichnet mit den in ihr versammelten Gedichten und Essays die Spur des Verständigungsprozesses nach und öffnet den Blick in die Werkstatt des deutsch-arabischen Kulturdialogs.
Carl Hanser Verlag, Klappentext, 2007
versammelt die neuere Dichtung arabischer Länder. Erläuternde Essays und Kommentare führen den Leser in die großartige Fremdheit der arabischen Poesie ein. Eine Dichtung, die ebenso von der Auseinandersetzung mit der Moderne des Westen wie von dem Ringen um kulturelle und politische Identität in der Region geprägt ist.
Carl Hanser Verlag, Ankündigung
Ilma Rakusa: Begegnungen mit arabischen Dichtern
Mohammed Bennis: Das erste Wort ist Freiheit. Zur Einführung
Katharina Mommsen: „Für Liebende ist Bagdad nicht weit“. Zur Faszination deutscher Dichter durch die arabische Erzählkunst und Poesie
Abdessalam Ben Abdelali: Auffrischung der Poesie
Fuad Rifka: Hinweise auf die Sprach-Form des arabischen Gedichts
StefanWeidner: Dichtung Koran. Warum und wie der Koran übertragen werden müßte, nebst Proben
Abdelfattah Kilito: Kann man die arabische Poesie übersetzen?
Klaus Reichert: Läßt sich Lyrik übersetzen?
Harald Hartung: Lob der Phanopoeia. Stichworte zur Einleitung einer Diskussion zur Übersetzbarkeit von Lyrik
Faisal Darraj: Hindernisse des Dialogs
Joachim Sartorius: Was rührt uns an? Zum Verständnis der arabischen Lyrik
Abbas Beydoun: Der deutsch-arabische Dialog
Mohammed Bennis: Das Gedicht und die Stille
Im Oktober 2003 kamen in Darmstadt, anläßlich der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, acht Dichterinnen und Dichter aus sieben arabischen Ländern mit ihren deutschen Kollegen zusammen. Während im Saal der Orangerie das Publikum der Vortragskunst von Mahmud Darwish oder Nabilah Al-Zubair begeistert lauschte, zerrütteten die täglichen Kämpfe im Irak die Hoffnungen auf Frieden und einen demokratischen Neuanfang nach dem offiziellen Ende des zweiten Golfkriegs. Der Schock, den der 11. September 2001 hinterlassen hatte, die Sorgen, die sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt sowie den Kriegen in Afghanistan und im Irak verbanden, hatten die Deutsche Akademie zu dieser Begegnung angeregt. Sie wollte ein Zeichen setzen, ohne damals ahnen zu können, wie schwierig sich die Beziehungen zwischen der arabischen Welt und dem sogenannten Westen in den nächsten Jahren entwickeln sollten, mit welcher Wucht der kulturelle Austausch von politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interessen überrollt werden würde. Darmstadt 2003, das war der Versuch, die reiche Tradition arabisch-deutscher Kulturbeziehungen gegen den Druck der Ereignisse zu behaupten, den arabischen Dichtern im öffentlichen Raunen über terroristische Gefahren, arabischen Ölreichtum, zivilisatorische Missionen und imperiale Ambitionen das Wort zu geben. Die Stimme der Poesie sollte ein ganz anderes ,Arabien‘ hörbar werden lassen.
Die Darmstädter Begegnung verlief derart glücklich, daß sich in der Folgezeit ein regelmäßiger Austausch entwickeln konnte. Als besonders fruchtbar erwiesen sich diese Zusammenkünfte immer dann, wenn das Gespräch konkret wurde, beispielsweise über einzelne Gedichte und ihre Übersetzung geredet wurde, über die Schwierigkeiten, die Gedanken des anderen zu verstehen, über scheinbare Nuancen der Bedeutung, in denen aber eine ganze Vorstellungswelt, Geschichte und Geschichten verborgen waren. Und genau an dieser Aufmerksamkeit für das Besondere, für das beredte Detail, entwickelte sich ein „Dialog der Kulturen“, der sich von allgemeinen Floskeln und Grundsatzerklärungen befreien und allmählich ein gegenseitiges Verständnis befördern konnte. Daß dieser kontinuierliche Austausch überhaupt möglich war, verdanken wir dem Auswärtigen Amt, ohne dessen großzügige Unterstützung wir die Regelmäßigkeit der Begegnungen kaum hätten aufrechterhalten können.
Die nun vorliegende Anthologie gibt einen Zwischenbericht aus diesem Dialog, der, hierin sind sich alle Beteiligten einig, unbedingt fortgeführt werden muß. Die einleitenden Texte im Buch dokumentieren Etappen auf diesem Weg der Verständigung und Selbstvergewisserung. Sie berichten von einem Prozeß des gegenseitigen Kennenlernens, erkunden die Schwierigkeiten des Dialogs und befragen dessen Ziele, und sie gehen den Möglichkeiten nach, Dichtung und die in ihr geborgene Welt aus einer Sprache in die andere zu übersetzen. Die Auswahl arabischer Gedichte im zweiten Teil beansprucht nicht, einen repräsentativen Querschnitt arabischer Dichtung zu geben. Ihre Zusammenstellung ist gleichfalls aus den Begegnungen hervorgegangen und zeichnet die Spur der Einladungen, Diskussionen und der gemeinsamen Arbeit an Texten nach. Die jetzt vorgelegten deutschen Übersetzungen der Gedichte knüpfen an diese Diskussionen an, und sie sind weit entfernt davon, eine fertige, gültige Form für sich zu reklamieren. Sie sind, was in gewisser Weise ja für jede Übersetzung gelten mag, bewußt unfertig, offen für die immer wieder erneute Begegnung mit der anderen Sprache und einem zuweilen für deutsche Leser fremden dichterischen Tonfall. Sie belegen den manchmal schwierigen Annäherungsprozeß. Ich danke dem Übersetzer Mustafa Al-Slaiman und seinen deutschsprachigen Dialogpartnern Volker Braun, Harald Hartung, Ilma Rakusa und Joachim Sartorius herzlich dafür, daß sie sich auf dieses Wagnis eingelassen haben. Ebenso danke ich Günther Orth für seinen Rat bei der Bewegung zwischen den Sprachen. Mein herzlicher Dank gilt selbstverständlich auch Mohammed Bennis und Ilma Rakusa, die dieses Buch herausgegeben, und allen Autorinnen und Autoren, die sich daran beteiligt haben. Schließlich gebührt der (damaligen) Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Christina Weiß, die diese Arbeit großzügig gefördert hat, mein aufrichtiger Dank.
Am Ende muß ein ganz besonderer Dank stehen, an Hafid Boutaleb Joutei, den Präsidenten der Universität Mohammed V-Agdal im marokkanischen Rabat. Denn der arabisch-deutsche Dialog, der in dieser Anthologie seinen Niederschlag findet, ist von einer ernsthaften Gegenseitigkeit geprägt: Der Verlag Dar Tubqal wird, unter der Ägide der Universität und betreut von Mohammed Bennis, eine Reihe mit arabischen Übersetzungen deutscher Texte eröffnen, deren erste Veröffentlichung das arabischsprachige Pendant zu diesem Buch sein wird: eine Anthologie zeitgenössischer deutscher Dichtung, hervorgegangen aus dem Dialog der vergangenen Jahre.
Klaus Reichert, Vorwort
„Und ein kleiner Fleck Erde genügt, daß wir uns treffen
Und der Friede sich niederläßt.“
Mahmud Darwish
„Und die Brücke dehnt sich aus
Von Meridian
Zu Meridian“
Adel Karasholi
Es war an einem Frühsommertag des Jahres 2000. In gebrochenem Deutsch fragte mich eine Stimme am Telefon, ob ich Lust hätte, an einer Dichterbegegnung im Jemen teilzunehmen. Die mir unbekannte Stimme gehörte der exil-irakischen Lyrikerin Amal Al-Jubouri. Vor Überraschung fand ich keine Worte. Dann beeilte ich mich zu sagen, daß ich liebend gern fahren würde. Wann und mit wem, erschien mir zweitrangig angesichts der Tatsache, daß dieses wie vom Himmel gefallene Angebot mir einen lange gehegten Wunsch erfüllte, eine Reise in die Arabia felix, in das Land von Weihrauch und Myrrhe und der sagenumwobenen Königin von Saba.
Was sich in Kinderjahren einprägt, haftet fest. Der Zauber von Tausendundeiner Nacht, die biblischen Geschichten der frühen Schulzeit. Meine Orientbegeisterung wurzelte dort, setzte sich in Lektüren fort und führte mich später von Marokko bis Usbekistan, mit einer längeren Station auf dem Sinai. Der neugierige Blick galt Wüstenlandschaften, dem bunten Treiben der Märkte, der Moscheenarchitektur, während das Ohr sich von der melismatischen Musik und den arabischen Kehllauten verführen ließ. Es war etwas Vertrautes in dieser Fremde, als erinnerte sie sich an mich oder ich mich an sie, etwas nur Halbkodiertes, dem ich auf der Spur bleiben wollte. Noch erschlossen sich die arabischen Lettern erst als Bild, doch die Dattel war längst zu meinem Grundnahrungsmittel geworden.
Jemen also, eine Dichterreise. Am 7. September 2000 treffen wir uns am Frankfurter Flughafen: Hans Magnus Enzensberger, Joachim Sartorius, Volker Braun, Durs Grünbein, Harald Hartung, Oswald Egger, der syrisch-deutsche Lyriker Adel Karasholi, die exil-irakischen Dichter Amal Al-Jubouri und Ali Al-Shalah, die Übersetzer Mustafa Al-Slaiman und Stefan Weidner, Journalisten und Orientalisten. Es kommt zu ersten Begegnungen. Vieles steht noch bevor.
Der Flug mit der Yemenia-Airline von Frankfurt nach Sanaa dauert sechseinhalb Studen. Eine Skizze auf dem Bildschirm unterrichtet regelmäßig über die Richtung von Mekka. Wir überfliegen weite Teil Ägyptens und in der Abenddämmerung das Rote Meer. Dann wird es auf einen Schlag dunkel. Sanaa kündigt sich als lange, diskrete Lichterkette an. Aus fahlen Punkten wird eine zartgelbe Girlande, links und rechts davon Finsternis. Es ist Nacht im Morgenland, doch die Luft auf der in 2300 Meter Höhe gelegenen Piste vor dem Flughafengebäude lau. Zum Empfang warten eine freundliche Delegation, ein weicher Teppich und ein Täßchen Tee mit Zucker und Kardamom. Marhaba, willkommen! Ob soviel Herzlichkeit kümmert keinen mehr, wie lange die Einreiseformalitäten dauern. Irgendwann sitzen wir in Minibussen und fahren durch schwach erleuchtete Straßen. Vorbei an Ladenbuden und Cafés, an bärtigen Gestalten hinter Funzeln, vorbei an Eseln, Lastkarren, halbfertigen Häusern, die im Erdgeschoß bewohnt sind. Unser Ziel ist das Hotel Sheraton, die Nobeladresse der Stadt. Immerhin sind wir Gäste des Kulturministers. Doch die Kontraste tun weh. Und wer wie die flinken Hotelboys täglich zwischen Arm und Reich pendelt, weiß davon ein Lied zu singen.
Für eine Dichterbegegnung ist das farblose Luxusghetto des Sheraton ein befremdlicher Ort. Der westliche Gast findet allzu Bekanntes vor, während die Einheimischen Berührungsängste zeigen. Dennoch kommt ein erstaunlich großes Publikum zu den Lesungen, bei denen abwechselnd arabische und deutschsprachige Dichter auftreten. Der mehrtägige Lesemarathon unter den Auspizien von Goethes West-östlichem Divan findet in einem fensterlosen Kongreßsaal bei Scheinwerferlicht und Weihrauchduft statt. Der dunkelhäutige Tagungssekretär – in hellem Turban, Zanna und grauem Jackett – ist für Ordnung und Wohlgeruch zuständig. Den Rest besorgt die Poesie, machtvoll im Mund der Araber, zünftig im Mund der Deutschen. So verschieden die Sprachen, so unterschiedlich die Metaphorik. Orientalisch blüht „der Keuchhusten der Trauer“, während die deutschen Verse kohärenter im Bild bleiben. Doch lassen sich die Differenzen mehr ahnen als ermessen, weil die Übersetzungen in beide Richtungen wie Notbehelfe wirken. Zuletzt verlasse ich mich nur noch auf mein Ohr, lerne pathetische Rhetorik von gehaltvoller Schlichtheit zu unterscheiden. Bei Nabilah Al-Zubair horche ich auf: die junge Jemenitin, hager und ganz in schwarz, hat einen Ton, der authentisch verbürgt scheint. Später kommen wir ins Gespräch: Nabilah ist geschieden und alleinerziehende Mutter, ihren Lebensunterhalt verdient sie als Leiterin des universitären Zentrums „Dialog der Literaturen“. In einer Stammes- und Sippengesellschaft wie der jemenitischen stellt sie einen seltenen Typus dar. Nur das städtische Milieu erlaubt ihr solche emanzipatorische Freiheit. Zu der selbstredend auch das Schreiben gehört.
In Sanaa wird mir zum ersten Mal bewußt, welch hohen Stellenwert die Poesie im Leben der Araber hat. Hatte ich bis dahin die Russen für Weltmeister in Sachen Lyrikbegeisterung gehalten, erfahre ich nun, daß die meisten Araber gerne Dichter wären, daß mit Poesie Stadien zu füllen sind und jeder auch nur halbwegs Gebildete zahllose Gedichte auswendig weiß. Poesie gilt als Inbegriff des Wahren, Schönen und Guten, jenseits religiöser Wertvorstellungen; die Verehrung, die man ihr entgegen bringt, hätte Joseph Brodsky aus dem Herzen gesprochen.
Unvergeßlich unter den Zuhörern im Sheraton ist mir ein etwa sechsjähriger Junge, der nicht nur lange Koran-Suren auswendig konnte, sondern jedes gehörte Gedicht sofort memorierte. In den Pausen umstehen die Jemeniten das Wunderkind, das – halb schüchtern, halb vorwitzig – auch Eigenes extemporiert. Vorgewölbte Stirn, tagblind, ein Kind von unten, Sohn des Zimmermanns Joseph sozusagen. Der Vater jedenfalls drückt sich verlegen herum, als könnte er nicht begreifen, was ihm da geschieht. Die Menschen klatschen. Der Junge lacht. Und fragt mich plötzlich auf englisch nach meinem Alter.
In Sanaa hätte ich es fast vergessen, so verwirrend ist die Vielzahl der Zeiten. Es gibt die Jetztzeit des Sheraton und jene andere in der legendären Altstadt. Wo sich in den wabenartigen Läden des Suk die ganzen Herrlichkeiten des Orients türmen: Kaffee, Sesam, Gewürze, Myrrhe, Weihrauch, Datteln; wo in dunklen Gewölben Sesamölpressen von Kamelen angetrieben werden; wo sich Bettler, Derwische, Dolch- und Silberhändler, Ziegen und Milizionäre, Kinderhorden und Bauersfrauen durch die labyrinthischen Gassen drängen; wo in den Nachmittagsstunden die Backen der Khat-Kauer zu Tennisballgröße anschwellen; wo am Abend durch die Buntglasfenster der weißverzierten Lehmturmbauten warmes Licht glost. Verwunschen ist das und alt wie ein Märchen. Während in der Neustadt, extra muros, der Verkehr tost und Computerreklamen an die globalisierte Gegenwart erinnern. Die Sanaa-Erfahrung gleicht einem Torkeln durch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Beim Scheich aller Scheichs, Abdillah Al-Thor, der die große Dichterrunde zu einem üppigen Mittagessen einlädt, finden Tradition und Kosmopolitismus scheinbar harmonisch zusammen. In fließendem Englisch, das er in Oxford erlernt hat, erläutert der Scheich seinen fünftausendjährigen Stammbaum. Zu seinen Ahnen zählt er auch Alexander den Großen. Zu seinen Gästen aber gehörten namhafte Politiker und Kulturschaffende aus aller Welt. Wir dürfen uns geehrt fühlen. Sitzen auf weichen Kissen auf flauschigen Teppichen, umgeben von Getränken, Brettspielen und Büchern. Die Begrüßung dauert lange. Sehr viel kürzer dann das Mittagsmahl, das eine Etage höher, kniend oder im Schneidersitz, mit bloßen Händen eingenommen wird. Die Speisen sind köstlich, mit Kardamom, Minze und Koreander gewürzt. Joghurt und Honig mildern das Bitter-Scharfe mancher Zutaten. Gegessen wird zügig und fast schweigend. Der gesellige Teil folgt eine Etage tiefer, bei Kaffee, Tee und Khat. Ich erinnere mich an die glückliche Entspanntheit dieser „Diwangespräche“. Mustafa Al-Slaiman bringt mir arabische Redewendungen bei, Verszeilen machen die Runde. Poesie ist mehr als ein Apropos. Sie erscheint hier vital und allgegenwärtig wie die Gastfreundschaft. Und großzügig wie die Zeit.
Eine knappe Woche dauerte das jemenitische Dichtertreffen. Mit einem Abstecher in den ehemals kommunistischen Süden, nach Aden, wo mich einheimische Lyriker auf russisch ansprachen und das Hotel „Rambow“ an Monsieur Rimbaud gemahnte, der hier sein Händlerglück versucht hatte. Eine heiße, ruinöse Stadt am Kap, mit rostroten Kliffs und unguter Ausstrahlung. Das Gedächtnis setzte sie in Parenthese.
Alles andere erwies sich als enorm beflügelnd. Nachhaltig wirkten vor allem einige Begegnungen. Ich kehrte mit neuen Freunden zurück, die mir die Tür zur arabischen Welt, insbesondere Kultur, weiter aufschlossen. In der Hand hielt ich Stefan Weidners frisch erschienene Anthologie moderner arabischer Dichtung Die Farbe der Ferne. Und mir war klar, daß ich am Anfang einer weit über den Jemen hinausführenden Entdeckungsreise stand.
*
Auf den Fährten der Lektüre stieß ich auf Mahmud Darwish und Adonis, auf Unsi Al-Hadj und Qassim Haddad, auf Mudafar Al-Nawab und Fuad Rifka, dessen lakonische Verse etwas kindlich Abgeklärtes haben:
Nach dunklen Regengüssen
auf den Seen
ein durchsonnter Himmel,
Bienen färben die Karten
für das Augensegel.
Rifka, so las ich bei Weidner, sei ein wichtiger Vermittler deutscher Literatur ins Arabischen, er habe in Tübingen über Heidegger promoviert und später Rilke, Trakl, Goethe und Hölderlin ins Arabische übersetzt. Rifka, ein möglicher Friedrich-Gundolf-Preisträger? Weitere Recherchen bestärkten mich, den syrisch-libanesischen Dichter in der Gundolf-Jury vorzuschlagen. Anfang Mai 2001 bedankte sich Rifka in Freiburg i. Br. mit ergreifenden Worten für die Auszeichnung, indem er seine Rede in ein
„Schweigegedicht“ münden ließ:
An der Quelle
rauscht der Fluß
in den Tälern
teilt er sich,
in den Ebenen besinnt er sich,
in der Nähe des Meeres
zittert er,
im Meer
schweigt er.
Die Deutsche Akademie tat gut daran, diesen stillen Wanderer zwischen den Welten zu ihrem Mitglied zu machen. Ein kleines Startzeichen für den kulturellen Dialog zwischen „Arabiya“ und „Germaniya“.
Es sollte weitergehen.
Und erst recht nach dem 11. September 2001, da die arabische Welt – unter dem negativsten aller möglichen Vorzeichen – in den Fokus geriet, rassistische und andere Vorurteile massiven Auftrieb erhielten und der allgemeine Diskurs in ein dumpfes Schwarz-Weiß-Muster verfiel; da „War on terrorism“ und „Clash of civilizations“ zu unhinterfragten Standardparolen avancierten.
Jenseits von Aktualitätsdebatten schlagen Harald Hartung und ich für die Herbsttagung 2003 ein Treffen mit arabischen Dichtern vor. Im Zentrum soll das lyrische Wort stehen, eingerahmt von Vorträgen zur Geschichte deutsch-arabischer Kulturbeziehungen. Die Idee eines Festes arabischer Poesie findet Anklang. Wobei das Unternehmen nicht einfach ist, angefangen bei der Auswahl der Dichter. Doch engagierte Helfer und Ratgeber sind zur Stelle: Mustafa Al-Slaiman und Stefan Weidner, Adel Karasholi und Fuad Rifka, deren Schriftstellerkontakte von Marokko bis Bahrain reichen.
Am 23. Oktober 2003 ist es soweit: In der orientalisch dekorierten Darmstädter Orangerie treten die Exil-Syrerin Salwa Al-Neimi und die Jemenitin Nabilah Al-Zubair, der Marokkaner Mohammed Bennis und der Palästinenser Mahmud Darwish, die in Paris lebende Ägypterin Safaa Fathy und der bahrainische Lyriker Qassim Haddad, ferner Adel Karasholi und Fuad Rifka auf. „Der Klang, die Melodie, schafft die Seele des arabischen Gedichts“, kommentiert Rifka, was das Ohr schon verstanden zu haben glaubt, lauscht es doch gebannt der Musik dieser Poesie, indem es den Sound über den Sinn stellt. So werden die Lesungen zum Hörerlebnis, dem Stefan Weidners Feststellung, die arabische Dichtung der Gegenwart habe „viel von ihrem althergebrachten, betörenden Charme eingebüßt“, kaum Abbruch zu tun vermag. Noch lange hallt die Stimme Mahmud Darwishs, des begnadeten palästinensischen homo poeticus und politicus, nach:
Ich kenne die Wüste nicht
Aus ihren Rändern aber wuchs ich als Wort
Die Worte sprachen die Worte und ich ging
Wie die geschiedene Frau ging wie der gebrochene Mann
Nichts lernte ich auswendig außer den Rhythmus
Den ich hörte
Dem ich folgte
Den ich wie eine Taube trug
Auf dem Weg zum Himmel
meines Liedes…
Der parabelhaften Archaik solcher Verse mag man nicht kleinlich auf den Leib rücken. Dennoch stehen viele Fragen im Raum, die zum Gegenstand nachfolgender Round-table-Gespräche und Diskussionen werden. Die Fragen kreisen um ästhetische Positionen und Traditionen, um Tabuthemen und sprachliche Zensur. Bald kristallisiert sich heraus, daß die arabische Gegenwartslyrik noch immer am Bruch zwischen Tradition und Moderne laboriert. Die Spaltungen sind profund, die Lager nicht selten zerstritten.
Wirklich näher kommen wir uns in persönlichen small und big talks.
Hier brechen die Temperamente auf, entfalten sich die Erzähltalente. Mahmud Darwish brilliert mit jungenhafter Verschmitztheit und herrlichen Anekdoten, die Araber und Nicht-Araber zum Lachen bringen. Die späten Hotel-Gesprächsrunden sind um ihn gruppiert, der als unumstrittene künstlerische und moralische Autorität gilt. Doch flößt seine Gegenwart keinen falschen Respekt ein: Adel Karasholi hält mit eigenen Anekdoten nicht zurück, sekundiert von Salwa Al-Neimi. Während Nabilah Al-Zubair, in Jemen bis auf das schmale Gesicht in undurchdringliches Schwarz gehüllt, lachend ihr hennafarbenes Haar schüttelt und Qassim Haddad, ein freundlich wortkarger Riese, mit den Augen lächelt. Die Stimmung ist offen, fröhlich, entspannt, lebendig. Alle arabischen Gäste fühlen sich geehrt, weil ernstgenommen, und wünschen eine Fortsetzung und Vertiefung des begonnenen Dialogs.
Mit Mohammed Bennis kann ich mich auf französisch unterhalten. „Es gäbe noch viel zu tun“, sagt Bennis. „Wir sollten mit Texten arbeiten, Details diskutieren und Übersetzungsprobleme.“ Das Thema Übersetzung leuchtet spontan ein, läßt sich doch an konkreten Fallbeispielen am besten zeigen, wie kompliziert der sprachlich-kulturelle Transfer zwischen dem Arabischen und dem Deutschen (sowie umgekehrt) ist. „Was soll man sich mit Gemeinplätzen herumschlagen“, so Bennis, „das besorgen die Zeitungen. Wir sind zu Genauigkeit verpflichtet.“ Damit ist die Idee eines weiteren Treffens geboren.
*
Dieses findet ein Jahr später, im Anschluß an die „arabische“ Frankfurter Buchmesse, in den Weiberhöfen statt, als anderthalbtägige Arbeitstagung. Beteiligt sind – auf arabischer Seite – Mohammed Bennis und sein Philosophenkollege Abdessalam Ben Abdelali, die jemenitischen Lyriker Ibtisam Al-Mutawakkil, Nabilah Al-Zubair und Mohammed Haitham sowie der Dichter und ehemalige jemenitische Kultusminister Hassan Al-Lawzi und der palästinensische Literaturwissenschaftler Faisal Darraj, auf deutscher Seite Klaus Reichert, Harald Hartung, Angela Schader und Erica Pedretti, ferner die Übersetzer Stefan Weidner, Günther Orth und Mustafa AI-Slaiman. Die interessantesten Diskussionen entzünden sich, wie vermutet, nicht an Thesenpapieren, sondern an konkreten Gedichten, wo semantische Details zu verschiedenen Interpretationen Anlaß geben. Anhand eines eigenen Gedichts erläutert Bennis die Bedeutung des vorislamischen Wortschatzes für seine Lyrik und straft damit nicht nur die vorhandene Übersetzung Lügen, sondern die Behauptung, daß die arabische Poesie weitgehend von der Sprache des Korans geprägt sei.
Auf dem hitzigen Höhepunkt der Debatten, die vom Einzelwort zu Mentalitätsfragen führten, ist die Tagung zu Ende. Worauf Mohammed Bennis sich ein Herz nimmt und eine Fortsetzung der Gespräche in seiner Heimat, im marokkanischen Rabat verspricht.
*
Es sollte keine Floskel sein, die Gegeneinladung kommt zustande. Im Mai 2005 sind wir an der Universität Mohammed V-Agdal in Rabat versammelt: Klaus Reichert, Volker Braun, Joachim Sartorius, Harald Hartung, Stefan Weidner, Mustafa Al-Slaiman – umgeben von zahlreichen marokkanischen Dichtern, Journalisten, Germanistikstudenten. Nicht nur Herzlichkeit schlägt uns entgegen, sondern großer Respekt: Die Universität fühlt sich durch den Besuch von Mitgliedern der Deutschen Akademie geehrt und erhebt diesen zum kulturpolitischen Ereignis.
Was der Besuch wirklich bedeutet, zeigen die folgenden Tage: die angeregten Diskussionen über Gedichte und deren Übersetzungen, die Pausengespräche mit wißbegierig-wachen Zuhörern, die gemeinsamen Lesungen. Das Bedürfnis nach offenem Austausch ist vor allem auf marokkanischer Seite vital. Manches deutet darauf hin, daß sich die arabischsprachige einheimische Intelligenzija vernachlässigt und verkannt fühlt. Doch welches immer die Gründe für Minderwertigkeitsgefühle und Frustration sein mögen, die Begegnung in Rabat soll gegensteuern. Sind wir doch nicht als Überlegene gekommen, sondern als Lernwillige, um uns – vor Ort – mit der arabischen Kultur und Lebensweise auseinanderzusetzen.
Der Anschauungsunterricht, die sinnliche Tuchfühlung mit der Umgebung sind – neben den Gesprächen – die große Chance dieses Marokko-Aufenthalts. Wir nutzen sie, nicht zuletzt dank der Großzügigkeit unserer Gastgeber, die sich als wunderbare Stadtlotsen und kundige Führer erweisen. Überraschend die Gänge durch das weiße Rabat, durch seine überdachten Suks und weitläufigen Parks, durch die antiken Ruinen der Nekropole Chellah, wo die Marabus scharenweise in ihren Baumnestern hocken. Unvergeßlich der Tagesausflug nach Fes, ins lehmbraune Labyrinth der Medina mit ihren feinverzierten, hinfälligen Privatpalästen, ihren mit Fayencekacheln geschmückten Innenhöfen, ihren mittelalterlich anmutenden Gerbereien und Färbereien, ihren Brunnen und Moscheen, ihren abschüssigen Gassen und winzigen Handwerksbuden. Mohammed Bennis kennt seine Vaterstadt wie seine Westentasche, er führt uns in die Innenwelt der Außenwelt, in sein geheimes Fes, das sich hinter verschlossenen Holztüren verbirgt und mit Dichterworten gesättigt ist. Während wir verstohlene Blicke in höhlenartige Buchhandlungen werfen, im winzigen „Café des poètes“ Minzentee trinken, später im „Palais Dar Tazi“ fürstlich bewirtet werden, sind wir längst im Bann einer jahrhundertealten, vielfältig verzweigten Kultur, die Andalusien mit dem Maghreb, Europa mit Nordafrika verband. Ist das nicht einleuchtend? fragt Mohammed Bennis Blick. Läßt sich daran nicht anknüpfen?
*
Es hat der marokkanischen „Initiation“ bedurft, damit vorliegende Anthologie entstehen konnte. Als Frucht eines begonnenen Dialogs versammelt sie poetische Texte und poetologische Reflexionen, Gedanken zu Übersetzungsproblemen und Rezeptionsfragen – im Sinne eines Denkanstoßes, eines Etappenresümees auf dem Weg zu vertieftem Verständnis. Daß sie auch ein Zeichen gegenseitiger Achtung und Freundschaft ist, macht sie besonders wertvoll.
Ilma Rakusa
-Eigentlich kann man es nicht mehr hören: Wie hat der 11. September die Welt und die Kunst verändert? Ein Sammelband mit arabischer Lyrik aber gibt nicht nur darauf Antworten, die man so noch nicht kannte.-
Wer sich heute mit arabischer Dichtung befasst, dem muss sie mehr denn je als Phänomen einer märchenhaften Welt erscheinen; einer Welt, in der das Böse über das Gute, Schöne, Wunderbare herrscht. Dort zählt Poesie noch zu den wesentlichen Ausdrucksformen der Gebildeten, wenn sie nicht von der Zensur verboten wird. Poeten gelten etwas, sofern Verfolgung, Diktatur und Krieg sie nicht ins Exil treiben. Arabische Gedichte zeugen von dieser so reizvollen wie schwierigen Position: Sie leben von einem unermesslichen Formenschatz und fordern die poetische Kunst, ihre Traditionen, ihre Festlegung auf das Heilige und Besondere zugleich heraus. Anklagen, existentielle Fragen, Witz und sogar Erotik senken den hohen Ton ab. Gleichwohl gibt er, von wenigen Ausnahmen abgesehen, den Stil vor: Wie ein schwerer Teppich dämpft der erhabene Vers Schrilles und Kontroverses im Gedicht.
Dieser Kontrast lässt arabische Gegenwartslyrik westlichen Augen und Ohren fremd erscheinen. Man erwartet anderes: Experimente mit der überlieferten Vers- und Strophenstruktur, um die dramatischen Erfahrungen der arabischen Gegenwart angemessen auszudrücken. Doch wäre es verfehlt, arabische Dichtung als rückständig zu beurteilen. Deshalb reagiert Ilma Rakusas und Mohammed Bennis’ Textsammlung Die Minze erblüht in der Minze auf die vom arabischen Muster abweichende Erwartungshaltung des westlichen Publikums. Der Band führt in die lyrische Welt nach Tausendundeiner Nacht ein und dokumentiert zugleich, wie professionelle Leser, Kritiker und Autoren beider Welten einander begegnen.
Bei der Minze handelt es sich um den ausgesprochen lesenswerten und informativen „Zwischenbericht“ (so Klaus Reichert) eines faszinierenden Austauschprojektes. Es begann im Frühsommer 2000 mit einer spontanen Anfrage aus dem Jemen (Ilma Rakusa). Seitdem treffen sich prominente Dichter aus sieben arabischen Ländern regelmäßig mit Dichter-, Kritiker- und Übersetzerkollegen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt.
Als erste gemeinsame Anthologie zeigt die Minze, wie sich die arabische und die deutsche Seite einander annähern. Ausgewählte Essays beschreiben die Probleme und Chancen des lyrischen Dialogs. Was die Parteien trennt, gehört in die Literaturgeschichte der vergangenen einhundert Jahre: Die Moderne fand im arabischen Raum nicht statt, oder sie wurde, wie die Texte emigrierter Libanesen, die sogenannte Machdschar-Literatur, an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt (Faisal Darraj). Allenfalls kennt man Ezra Pound und T.S. Eliot (Fuad Rifka). Der Koran ist stilistisches Vorbild selbst der säkularisierten arabischen Dichtung. Es gibt aber keine Übersetzung des Korans, die Verständnis für dessen Qualitäten wecken könnte; die Übertragung Friedrich Rückerts erscheint als nicht mehr zeitgemäß (Stefan Weidner).
All das ist Anlass zum Gespräch: Die Überzeugung, dass die Auseinandersetzung mit der fremden Kultur nicht nur unter humanitärem Aspekt wünschbar, sondern auch für die Weiterentwicklung der eigenen Zivilisation notwendig ist, vereint die Dichtergruppen. Im Fall der Lyrik bedeutet „Auseinandersetzung“ zunächst einmal „Übersetzung“ – aus deutscher Perspektive ein schwieriges Unterfangen, da das Deutsche weniger Möglichkeiten zum Wortspiel und zur Reimakrobatik bietet als das Arabische mit seinen häufig gleichlautenden Wortendungen (Harald Hartung, Fuad Rifka). Aus arabischer Sicht kommt eine weitere Anforderung hinzu: Im Fall der arabischen Lyrik fragt sich, wie arabisch sie überhaupt noch ist (Abdelfattah Kilito).
Arabische Lyrik lebt von den Erfahrungen des Exils und der Migration ebenso wie von den Traditionen des Dichterdialogs, unter anderem des arabisch-deutschen. Schon Goethe behauptete, „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“. Arabische Erzählkunst und Poesie jedoch stifteten nicht nur Anschauungsmaterial für einen spezifisch abendländischen Exotismus, Araber haben auch ihrerseits an der europäischen Literatur- und Geistesgeschichte Anteil. Es fehlt in Deutschland am Bewusstsein für diese Wechselwirkung, wie Katharina Mommsen zu Recht beklagt.
Konsequenterweise verstehen die in der Minze vertretenen arabischen Autoren ihre Dichtung weder als Dokument des Orients noch des Okzidents. Vielmehr betonen sie den Eigenwert des Gedichts als Ausdruck des Ich (Mohammed Bennis). Häufig stehen sie auch durch ihr persönliches Schicksal für den Geltungsanspruch einer Dichtung ein.
Die älteren Beiträger, der in Paris lebende Adonis (geboren 1930), der in London tätige Iraker Saadi Yousef (1934) und der in Leipzig ansässige Syrer Adel Karasholi (1936), teilen die Erfahrung des Exils. Politisch kontroverse Autoren wie der Palästinenser Mahmud Darwish (1941) leben zwischen Jordanien und Palästina. Wieder andere arbeiten in Europa, so die Lyrikerin Salwa Al-Neimi (1960). Hinzu kommt die große Gruppe derer, die sich in ihren Heimatländern für den kulturellen und literarischen Austausch einsetzen.
Den leichtesten Einstieg in die Poesie und zugleich die Ausnahme von der formalen Verpflichtung auf Erhabenheit bietet, was westlicher Lyrik am nächsten kommt: Saadi Yousefs eindrucksvolle Beat-Poesie. Sein Text für die Minze heißt passenderweise „Amerika! Amerika!“ Es handelt sich um eine bild- und aussagenreiche Erzählpoesie, die zugleich auf klassisch amerikanische Liedformen wie den Blues anspielt. „God save America / My home, sweet home!“, lautet der Refrain. Saadi Yousefs Sprecher-Ich stellt sich als Amerika-Freund vor, als jemand, der „Jeans, Jazz und die Schatzinsel“ liebt und das Amerika der „Kreuzzüge“ gegen die „Achse des Bösen“ vor sich selbst bewahren möchte: „Reicht es aus, kein Amerikaner zu sein, damit mich / der amerikanische Phantom-Pilot in die Steinzeit zurückbombt?“ Dann: „Aber höre Amerika! Wir sind keine Gefangenen / Und deine Soldaten sind keine Gotteskrieger.“ Saadi Yousef legitimiert seinen Protest mit seiner Vorliebe für die Kultur- und Konsumgüter Amerikas.
So befassen sich die allermeisten Gedichte mit Kriegen; der 11. September steigerte den Bedarf an Lyrik geradezu. Formbeherrschung und hoher Ton gehören zwar nach wie vor zum dichterischen Ethos, aber die erhabene Bildlichkeit trägt nicht mehr. Ahmad Al-Awadi, Lyriker und Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Beziehungen im jemenitischen Parlament, wendet sich gegen die romantische Auffassung, der Poet sei ein „Magier“. Der Dichter der Gegenwart beschwört mit den Verweisen auf den „heiligen Wahnsinn“ (Fuad Rifka) und die „Trunkenheit“ (Mohammed Bennis) zwar geheimnisvolle Kräfte, aber er gebietet nicht über sie. Wenn Mohammed Bennis formuliert:
Die Nacht heult
Wege weisen in irgendeine Richtung
Und ich
trinke aus Hölderlins Quelle,
dann sieht er auch arabische Verse von Umnachtung inspiriert. Als Utopie bleibt nur der zaghafte Traum vom „freien Wort“, das sich mit seiner unkontrollierbaren Dynamik gegen die „Unentschlossenheit“ der Menschen durchsetzt (Mohammed Al-Asri).
Das düstere Selbstbild wird nur durch wenige Texte aufgehellt. Zu ihnen zählt eine der größten Überraschungen aus diesem Band: ein dezenter Vierzeiler von Salwa Al-Neimi. Man muss ihn zweimal lesen, so hintergründig ist er:
Wenn ich plötzlich in den Himmel auffahre
empfängt am Eingang mich der Herr
Er schaut mich an als sehe er mich zum ersten Mal:
,Du hast schöne Augen, weißt du das?‘
− ein peinliches Kompliment. Zum einen entlarvt der Titel, „Pardon“, den Allmächtigen als Charmeur; zum anderen zeigt sich, dass er seine weibliche Schöpfung erst wahrnimmt, wenn sie ihn optisch anspricht. Was wie ein Himmelfahrtsgedicht beginnt, entpuppt sich als gewitzte erotische und religionskritische Lyrik – eine Kombination, die im deutschen Christentum so selten ist, dass man auf das siebzehnte Jahrhundert, auf Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus Sonette zurückgehen muss, um Vergleichbares zu finden.
Nun will der marokkanische Verlag Dar Tubqal das arabische Gegenstück zu der Minze veröffentlichen: eine Anthologie deutscher Gegenwartsdichtung, übersetzt ins Arabische, ebenfalls hervorgegangen aus dem Autorendialog mit der Darmstädter Akademie. Wie die wohl in der arabischen Welt wahrgenommen wird: als dekadent, konstruiert, kompliziert? Als eine Poesie, die ihre Traditionen zugunsten des immer Neuen, Marktgängigen verrät? Für die Minze lässt sich jedenfalls nur hoffen, dass sie ein großes Publikum findet.
Sandra Pott, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.4.2008
WUNSCH
Er träumt
eine Wolke
hinter den Wolken zu sein,
eine Quelle hinter den Quellen,
ein Stern hinter den Sternen,
eine Träne hinter den Tränen,
ein Weg hinter den Wegen,
eine Sprache hinter den Sprachen.
Er träumt
eine Frage zu sein
hinter den Fragen.
Fuad RIKFA
Hinter die Grenzen der Sprache führt dieser Band, der Einblick in die moderne arabische Lyrik gewährt, in den aktuellen, sehr lebendigen arabisch-deutschen Kulturdialog, der sich in den letzten Jahren zwischen deutschen und arabischen Schriftstellern und Lyrikern entsponnen hat, zwischen Sanaa, Darmstadt und Rabat. „Jeder Morgen dürfte zum Schreiben, nämlich zum Schreiben von Gedichten geeignet sein“, beginnt Mohammed Bennis, Marokkos bedeutendster Lyriker, seinen einleitenden Essay.
Mohammed Bennis versammelt 60 Gedichte aus der Feder von 17 AutorInnen, bekannten und unbekannten, alten und jungen: von Huda Ablan, Ahmed Al-Awadi und Nabilah Al-Zubair, Al-Mahdi Akhrif, Ibtisam A-Mutawakkil und Salwa Al-Neimi, Qassim Haddad, Hassan Najmi, Abdelkarim Tabbal und vielen mehr. Gedichte, die weit entfernt sind von jenem „hochpathetischen, abstrakten Raunen“, auf das man hierzulande, so Joachim Sartorius, fälschlicherweise die arabische Lyrik reduziert. Sondern die, im Gegenteil, auf weite Strecken betörend leicht daherkommen, verblüffend lakonisch, bestürzend aktuell, endgültig angekommen in der Gegenwart:
Farben
Ich schreibe nicht in Blau
damit das Meer nicht austrocknet
Ich schreibe nicht in Grün
damit der Garten nicht verdorrt
Ich schreibe nicht in Rot
damit kein Blut fließt
Ich schreibe in Schwarz
damit die Nacht vergeht
Huda ABLAN
Die Titel sprechen für sich: „Buch der Verluste“, „Trennung“, „Ein freies Wort“, „Krieg“, „Kalte Sonne“, „Fremde“, „Eine weiße Lust“, „Eine Rose aus Staub“…
Und immer wieder, ganz zeitgenössisch, die Reflexion über Form und Funktion des Gedichts, wie bei Adel Karasholi, dem Syrer aus Leipzig, dem einzigen deutsch schreibenden arabischen Lyriker der Anthologie.
„sage dem gedicht“
I. „ausgeblutet das gedicht
runzelig seine haut die sich spannte einst
wie auf einer trommel
eine erde das gedicht
von dolchen zerfurcht und von kehlen“[...]
V. sage dem gedicht
dem gedicht allein
sei eine bien
spring ab und zu
von lilie zu lilie
von ufer zu ufer
von augenblick zu augenblick
so leicht so unermüdlich
„Von Ufer zu Ufer“, vom Bouregreg an die Iser, hat die Texte dieser Anthologie Mustafa Al-Slaiman getragen: Volker Braun, Harald Hartung, Günther Orth, Ilma Rakusa und Joachim Sartorius sind ihm dabei zur Hand gegangen. Denn der Band ist Frucht des jüngsten deutsch-arabischen Dichtertreffens, das im Mai 2005 in Marokko stattfand und dem sich notabene eine weitere Preziose verdankt: Stefan Weidners meditativer Reisebericht Fez. Sieben Umrundungen (Amman Verlag: Zürich 2006). Mit seiner Anthologie moderner arabischer Lyrik Die Farbe der Ferne (München: Beck 2000) wies auch Ilma Rakusa, die Mitherausgeberin, anfänglich den Weg in die Welt arabischer Poesie. Einer Poesie, die noch heute Menschen begeistert und Fußballstadien füllt, die so „vital und allgegenwärtig wie die Gastfreundschaft“ ist, kaum vergleichbar mit hiesigen Gepflogenheiten.
Gedanken zum Stellenwert der Poesie in der arabischen Welt, zu den Grenzen und Möglichkeiten, arabische Literatur überhaupt ins Deutsche zu übersetzen, zu Rezeptionsproblemen und west-östlichen Begegnungen runden den Band in 13 lesenswerten Essays ab.
„Im Weimar Goethes und Herders wußte man mehr von den Metropolen arabischer Kultur und den geistigen Hervorbringungen der Araber, als man sich heute vorstellen kann.“ (Katharina Mommsen)
Man erfährt von der Faszination, die das 18. Jahrhundert für die arabische Literatur empfand. Wird erinnert an Goethe und sein Gedicht „Mahomets Gesang“. Ahnt, daß es – Stichwort Karikaturenstreit – Alternativen gibt zum westlich-schnöden Umgang mit dem Islam.
Und man wird neugierig auf eine andere Lesart des Islam, genau genommen des Korans. Der den Inbegriff an dichterisch vollendeter Sprache darstellt und doch bis heute einer ansprechenden Übersetzung ins Deutsche harrt. Die nicht „aus der Feder von Islamwissenschaftlern oder von Muslimen“ stammt, sondern von literarisch versierten Übersetzern. Wie das aussehen könnte, führt Stefan Weidner anhand einiger Koranverse vor.
„Was haben Weihrauch, Mond und Libanon miteinander zu tun? Sie sind ‚weiß‘ (mask. laban/fem. lebona)“.
Nicht minder spannend die Überlegungen zu Etymologie und Wortschatz, die Klaus Reichert anstellt. Zu den semantischen Netzen, die das Wurzelsystem des Arabischen über die Sprache wirft, den Beziehungsgeflechten, die daraus entstehen, zwischen Weihrauch (lebona), Vollmond (lebana) und Libanon (lebanon) zum Beispiel. Die sich im Deutschen natürlich nicht so abbilden lassen und eine beständige Herausforderung an den Übersetzenden sind.
Als „work in progress“ ist denn auch diese Anthologie zu verstehen, als erster Ansatz zu einem „Diwan der Weltpoesie“, als, so nochmals Bennis, und so eine mögliche Deutung des von Karasholi stammenden Titelverses „Gedicht auf dem Weg zum Gedicht“.
Regina Keil-Sagawe, arte.tv, 27.6.2007
Mohammed Bennis liest auf dem XI. International Poetry Festival von Medellín 2001.
Ilma Rakusa-Verleihung des Schweizer Buchpreises 2009.