Innokentij Annenskij: Wolkenrauch

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Innokentij Annenskij: Wolkenrauch

Annenskij-Wolkenrauch

KEK-UOK AUF DER ZITHER

Klöppel krallen, zupfen zäher,
Stöckchen hallen, rupfen näher,
aaaaahängen einmal
aaaaahängen zweimal
aaaaain den Saiten fest.
Klöppel tappeln, hämmern enger,
falsche Töne, dämmern länger,
aaaaaTupfer, Schlag,
aaaaadieser Tag
aaaaaist unser Fest.
Kling Klang, tappeln, tappeln,
Kling Klang, tippeln, zappeln,
aaaaaschwärmen auf,
aaaaalärmen laut,
aaaaaklirrendes Kristall.
Saiten klimpern, hallen, hallen,
Wellen krachen, schallen, prallen,
aaaaauferlos,
aaaaagrenzenlos,
aaaaadonnern in das All.
Kek-uok auf der Zither,
im Lokal Klanggewitter,
einen Mokka, einen Bitter,
Kellner hier, Kellner dort,
jederzeit an jedem Ort,
ohne ihn kämen wir nicht fort,
endlich sind wir satt,
aaaaaer ist unser Schatz.
Klöppel tupfen, schiefe Klänge,
tappeln auf der Stelle, klemmen,
aaaaaSchlag auf Schlag,
aaaaaLeben, ach… frisch gewagt,
aaaaadas war unser Fest.

 

 

„… lichtdurchflutet: der Augenblick

Innokentij Annenskijs Lyrik beschreibt das Flüchtige, das Auftauchen von Dingen und ihr Verschwinden: das Flackern eines Sterns, die Lichttupfer im Park und den Wolkenrauch über den Bergen. Sie ist Mysterium und Melancholie. Die exzentrischen Metaphern und der Gegensatz von eisiger Gedankenklarheit und tiefer Schwermut riefen bei Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes „Stille Lieder“ (1904) ganz verschiedene Reaktionen hervor. Das Buch erschien unter dem Pseudonym Nik. T-o. Es enthielt auch Gedichte der französischen Symbolisten und Poètes maudits – namentlich von Baudelaire, Leconte de Lisle, Mallarmé, Rimbaud und Verlaine, die Annenskij ausgewählt und ins Russische übertragen hatte.
Walerij Brussow, russischer Symbolist und Literat mit großem Einfluß, äußerte sich zurückhaltend, lobte indessen die Musikalität der Verse, die von „großer Bildhaftigkeit sind, das Banale scheuen, einen kraftvollen und neuen Eindruck hinterlassen“. Alexander Blok, Wortführer des Symbolismus und Lyriker, gestand trotz einiger kritischer Randbemerkungen in seiner Rezension von 1906 ein, daß „gleich einer Begegnung mit einem Unbekannten sein Interesse gänzlich unerwartet geweckt“ worden sei. Er sei auf wahrhaftig Ungewöhnliches und auf neuartige Metaphern gestoßen.
Annenskijs erste Veröffentlichung erschien, als er achtundvierzig Jahre alt war. Trotz seines ersten Erfolgs blieb er den literarischen Kreisen fern, die vornehmlich von den Auseinandersetzungen der Symbolisten geprägt waren. Er ging seinem Beruf als Pädagoge nach, wurde zum Direktor des kaiserlichen Gymnasiums in Zarkoje Selo berufen und reiste später als Kreisinspektor des Petersburger Schulkreises durch Rußland. Nebenher widmete er sich seinem literarischen Werk. In den 1880er Jahren gab er eine Reihe literaturkritischer Aufsätze über Gogol, Dostojewskij, Turgenjew oder auch Lew Tolstoi heraus, die 1906 als „Das Buch der Spiegelungen“ und 1909 als „Das zweite Buch der Spiegelungen“ erschienen. Unterdessen trat er vornehmlich als Übersetzer hervor und erhielt große Anerkennung für seine kommentierte Edition der Tragödien des Euripides.
Gegen Ende seines Lebens erweiterte sich Annenskijs Bekanntenkreis in der literarischen Welt. Diesem gehörten Literaten wie Wjatscheslaw Iwanow, Michail Kusmin oder Maximilian Woloschin an. So kam er, als er 1909 die Zusammenstellung und Veröffentlichung seines poetischen Hauptwerkes „Das Zypressenkästchen“ vorantrieb, mit Sergej Makowskij, dem Herausgeber der Kunst- und Literaturzeitschrift „Apollon“, ins Gespräch…

Martina Jakobson, aus dem Nachwort, 2010

 

Tod auf der Freitreppe

Vor 100 Jahren, am 30. November 1909 nach dem julianischen Kalender oder am 13. Dezember „des neuen Stils“, wie die Russen sagen (also nach der von den Bolschewiken 1918 eingeführten gregorianischen Zeitrechnung), starb in Sankt Petersburg, an der Freitreppe des vielleicht schönsten Jugendstil-Bahnhofs Europas, dem heutigen Witebsk-Bahnhofs, Innokentij Annenskij, Leiter des kaiserlichen Nikolaus-Gymnasiums in Zarskoje Selo und Kreisinspektor des Petersburger Schulkreises. Das Herz des 54-jährigen „zivilen Generals“ hatte versagt (sein Rang entsprach laut der berühmten von Peter I. eingeführten Rangtabelle, die die militärischen, höfischen und zivilen Dienstgrade des Russischen Reiches ordnete, der Würde eines Generals und verlangte nach der Anrede „Eure Exzellenz“).
Seine Exzellenz war auch ein kaum beachteter Literaturkritiker, ein nur Kennern vertrauter Übersetzer aus dem Französischen sowie dem Altgriechischen (den kompletten Euripides hat er übersetzt!) und ein nur einer Handvoll Petersburger Lyriker bekannter Poet. Sein einziger kleiner Gedichtband, Leise Lieder, 1904 erschienen, war mit Nik. T-o (auf Deutsch etwa „N. I. E. Mand“) unterschrieben, was wahlweise als Understatement oder als eine nüchterne Konstatierung seiner Lage gedeutet werden kann – oder als Anlehnung an den kleinen Scherz, den sich Odysseus mit dem Zyklopen Polyphem erlaubte. Kurz gesagt: Das Buch brachte seinem Verfasser nichts außer schlechten Kritiken.
Eben dieser „Niemand“ gilt heute, posthum, in der Geschichte der russischen Lyrik als einer der größten und einflussreichsten. Von seinen Qualitäten können sich jetzt auch noch einmal deutsche Leser überzeugen. Mit dem von Martina Jakobson herausgegebenen und übersetzten Auswahlband Wolkenrauch gibt er, zehn Jahre nach Die Schwarze Silhouette im Zürcher Pano-Verlag, wieder ein Lebenszeichen.
Annenskijs zweites Buch, Die Zypressenschatulle, erschien vier Monate nach seinem Tod. Bereits die Fahnen machten Furore unter Petersburger Lyrikern, besonders unter den jungen Lyrikern aus dem Kreis von Nikolaj Gumiljow und seiner Frau Anna Achmatowa; diese lebten übrigens selbst in Zarskoje Selo, einem prächtigen Petersburger Vorort, der auch Zarenresidenz war. Gumiljow hatte sogar das von Annenskij geleitete Gymnasium besucht. Achmatowa schrieb in ihren späten Erinnerungen:

Als man mir die Druckfahnen der Zypressenschatulle zeigte, war ich verblüfft und las sie und vergaß alles andere auf der Welt.

Nicht nur Achmatowa, alle Akmeisten hielten Annenskij für „ihren Lehrer“. Im Prinzip kann man sagen, das der Akmeismus, die postsymbolistische Bewegung in der russischen Lyrik, zu der außer Gumiljow und Achmatowa unter anderem auch Ossip Mandelstam zählte, sich als solche eben dann konstituierte, als Annenskij aufmerksam gelesen wurde. Damit stellten sich junge Lyriker der Hauptströmung der Zeit, dem Symbolismus – den großen, berühmten Dichtern wie Alexander Blok, Andrei Belyj oder Wjatscheslaw Iwanow – entgegen.
Die Symbolisten waren mystisch und geschichtsphilosophisch gestimmt. Der gehobene Tonfall ihrer Poesie entsprach ihren Themen. Innokentij Annenskij, der sich abseits dieser Hauptströmung entwickelt hatte, schien andere Möglichkeiten zu sehen. Ossip Mandelstam sagte einmal über Achmatowas Gedichte, dass sie ihren Ursprung in dem psychologischen Roman des 19. Jahrhunderts haben, dass sie kleine Romane in Versen sind – in zwölf, sechzehn Zeilen. Ohne Annenskij könnte sie das nicht.
Er hat zwar keine besondere Sprache oder Methode und kein besonderes poetisches Verfahren erfunden, er hat „nur“ gezeigt, das man ohne bedeutungsschwere, allzu schöne Worte auskommen kann, ohne die poetische Sprache des 19. Jahrhunderts, die man quasi als Pausenfüller zwischen wirklich bedeutsamen Versen benutzte. Und nun kam der „zivile General“ aus Zarskoje Selo und zeigte, dass man auch die Literatursprache der großen russischen Prosa, im Gedicht verwenden kann. Er kam, um das zu zeigen – und ging.

Oleg Jurjew, tagesspiegel.de, 11.10.2009

Luzide Schwermut

Wolkenrauch – Gedichte des russischen Dichters Innokenti Annenski. –

Der russische Dichter Innokenti Annenski (1855–1910) gehörte zur stillen Sorte. Studierter Altphilologe und von Beruf Gymnasiallehrer, war er zunächst übersetzerisch tätig – er übertrug sämtliche Tragödien des Euripides –, bis er im Alter von 48 Jahren selber zur Feder griff. Unter dem Pseudonym Nik. t-o („niemand“) veröffentlichte er 1904 den Gedichtband Stille Lieder, der neben eigenen Versen auch Übersetzungen von Baudelaire, Verlaine und Mallarmé enthielt. 1909 folgten literaturkritische Betrachtungen; seinen wichtigsten Lyrikband, Das Zypressenkästchen, konnte Annenski nicht mehr selber herausgeben, er erschien postum – und sorgte für lang anhaltenden Nachruhm.
Was ist nun das Besondere an diesem schmalen, keiner Richtung oder Schule verpflichteten Œuvre, das von den jüngeren Symbolisten ebenso geschätzt wurde wie von den nachfolgenden Akmeisten (Anna Achmatowa, Nikolai Gumiljow) und das – viele Generationen später – so unterschiedliche Bewunderer wie Joseph Brodsky und Gennadi Ajgi fand?
Innokenti Annenski schreibt eine Stimmungslyrik, die sich weder im Gefühligen noch im Abstrakt-Mystischen verliert; kristallin, lakonisch, detailorientiert spricht sie von Liebe und Schlaflosigkeit, von Beziehungsschmerz und Naturbildern, spricht in Kälte- und Farbmetaphern (mit allen Schattierungen von Blau), ohne Hinweis auf eine tröstende Transzendenz. „Dreiblatt des Eises“, „Dreiblatt des Papiers“, „Dreiblatt der Einsamkeit“, „Dreiblatt des Verhallens“ heissen – in Anspielung auf die Form des Zypressenlaubs – einige Abteilungen des Bandes „Das Zypressenkästchen“. Angesichts luzid beschworener Aussichtslosigkeit ist zu lesen:

Lass uns fortgehen… Die Kälte
präziser Linien ist mir unerträglich,
dazu dies blaue Kartongewölbe…
Es werde Dunkel oder Licht!…

Oder trotzig:

Ich liebe alles auf der Welt, das weder
Gleichklang noch Widerhall kennt.

Innokenti Annenski gehört zu den grossen Illusionslosen, doch genau dies machte ihn frei. Frei, sich in „Quälenden Sonetten“ und „Redefetzen“ auszudrücken, aber auch in einem hoch lautmalerischen Gedicht wie „Glöckchen klingen“ (1906), das futuristische Lautexeperimente vorwegnahm. „Ding-Dang-Dong, / Ding-Dang . . . / Dido Lado, Dido Lado / Lida fürs Ding-Dang-Dong herrichten, / Dido für Leda herrichten, / sichteten, richteten, / was mit Dido angerichtet . . .“ Martina Jakobson, die in der verdienstvollen Edition Rugerup erstmals eine repräsentative Auswahl von Annenski-Gedichten auf Deutsch vorlegt, hatte nicht wenige Schwierigkeiten zu meistern. Manches ist ihr vorzüglich gelungen, an andern Stellen, wo Annenskis Stil äusserste Lakonie verlangt, stören allzu häufige (erklärend-verunklärende) Füllwörter, mögen sie auch metrisch-reimtechnischen Überlegungen geschuldet sein. Der Entdeckung des bahnbrechenden Einzelgängers Innokenti Annenski steht aber nichts mehr im Wege.

Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung, 27.4.2010

Wolkenrauch

Lebte er heute, er träfe mit seiner Vorliebe fürs Ausgeblichene und Verglühende die Melancholie des Zeitgeistes nach dem Höhenflug der Illusionen: der russische Dichter Innokentij Annenskij (1855–1909). Im grünen Netzwerk eines Gartens treiben seine lyrischen Ich-Figuren schlaflos und ruhelos meditierend durchs Gestrüpp. Der seit der Kindheit herzkranke Grübler und Träumer, der vierzehn Fremdsprachen beherrschte und als klassischer Altphilologe sämtliche Tragödien des Euripides übersetzte, bewegte sich „zwischen den Welten“. Von den Symbolisten unterscheidet ihn die lakonische, manchmal ironische Gedankenschärfe. Mit Wladimir Majakowski konzipierte Annenskij eine Zeitschrift, doch zum Futurismus neigte er kaum. Anna Achmatowa betonte später, sie hätten Klarheit und alltägliche Dinglichkeit von ihm gelernt. Dabei hat der Russe zu Lebzeiten nur einen einzigen Gedichtband mit dem Titel Stille Lieder (1904) veröffentlicht. Der zweite erschien postum: Das Zypressenkästchen (1910). Die erste deutschsprachige Auswahl aus dem schmalen Werk setzt hier ihren Schwerpunkt. Besonders die wegweisenden „Dreiblätter“ lassen erkennen, dass der stille Einzelgänger keiner Richtung als der der eigenen Seelenbewegung verpflichtetet war. Die Dreiblätter des Feuerglühens, des Eises, des Papiers, der Einsamkeit, des Verhallens und der Verführung sind auf verblüffende Weise assoziativ und melodiös miteinander verwoben. Sind sie deshalb Vorgänger lyrischer Montagetechnik der Avantgarde? Zweifellos sind die lautmalerischen Gedichte Vorgänger moderner Lautpoesie. Vom „Quälenden Sonett“ bis zu „Redefetzen“ entwirft der Dichter neue Formen des Klangs und des Ausdrucks von Empfindungen. Welch ein merkwürdiger Gegensatz zwischen verschwenderischer Metaphorik von Eiseskälte und Blau-Schattierungen einerseits und akkurater Beschreibung prozesshaften Übergänge andererseits. Liebe, Schmerz, Glück, Tod und Traum zerstieben, verwischen oder schmelzen zwischen flirrendem Licht und Wolkenrauch.

Dorothea von Törne, welt.de, 22.7.2010

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.