Ivor Indyk (Hrsg.): Hochzeit der Elemente

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ivor Indyk (Hrsg.): Hochzeit der Elemente

Indyk (Hrsg.)-Hochzeit der Elemente

KÜCHENGRAMMATIK

Das Verb in einem Satz auf Sanskrit
oder Persisch, auf Latein, auf Japanisch
kommt zumeist an letzter Stelle,
als könne man die Zutaten und Gewürze
erst nach dem Sammeln, Messen,
sogar Einmachen kochen.
Mit all diesen Küchen ist Ruhm verbunden.

Es ist der Anfang eines keltischen Satzes,
ist ein Verb. Und es gab sehr oft für uns
weit mehr Feuer und Topf als Zutaten.
Hätten wir unsere abgeschlagenen Häupter nicht mit Lyrik gefüttert.
endgültig hätte es sein können, das Verhungern unseres Ruhmes.
Die Kochkunst für uns erhalten tun die Franzosen
um in Zwanzigern zu zählen und gallisch zu heißen.

Auf Englisch und in vielen anderen, auf Chinesisch
umringt sich das Verb auf Zellkernart
mit seinen Subjekten und näher bestimmten Worten.
Jede Seite des Woks rutschen sie herunter
auf die zischende Mitte zu, gewürzt zu werden,
geschöpft, bedeckt, gedämpft, wieder gewendet,
oft selber werdend zu Verben

und das ruhige Ei zentriert den falschen Hasen.

Les Murray
übersetzt von Margitt Lehbert

 

 

Hochzeit der Elemente

Der Titel dieser Anthologie zeitgenössischer australischer Lyrik – Hochzeit der Elemente – ist dem Gedicht ‚Der wandernde Albatros‘ von Anthony Lawrence entnommen. In diesem Gedicht entwirft Lawrence ein Bild von der Küste Australiens, von den Tiefen bis zu ihren Höhen, umtost von den Strömungen des Ozeans und des Windes. Ein großer Vogel zieht seine Kreise, ein aus den Elementen geformter Vogel, seine Flügel „gehämmert von großen Entfernungen“, seine Federn gezeichnet von den Ursprüngen und Abflügen, die „Sinnesverkörperung von Meer und Luft“ in seinen Augen lebendig.
Dem Leser wird das Wissen um die elementaren Gewalten sogleich als Merkmal dieser Gedichtsammlung auffallen. Und darin spiegelt sich, dass die Besiedlung in Australien weiträumig, doch größtenteils an den Rändern des Kontinents stattfand, und sich die ungezähmte Natur stets in unmittelbarer Reichweite befindet. Hinzu kommt die komplexe Zusammensetzung der australischen Gesellschaft, die durch aufeinanderfolgende Einwanderungswellen sowie durch häufige interne Umsiedlungen geformt und umgeformt wurde. So besteht für viele die wahre Quelle australischer Identität in der Reaktion auf die elementaren Imperative der Landschaft, des Ortes selbst.
Und es gibt noch einen weiteren, einen dritten Grund für die starke Energie der Lyrik in diesem Band, der nicht außer Acht gelassen werden sollte, auch wenn er wie ein Klischee klingen mag.
Viele der Einflüsse auf zeitgenössische australische Kultur haben zwar einen weit zurückreichenden Ursprung, doch ist die Zusammensetzung ihrer Bestandteile einzigartig und neu – die australische Kultur ist jung, provisorisch und aufstrebend – und Vitalität eines ihrer geschätzten Charakteristika.
Diese Energie ist in den Gedichten von Anthony Lawrence, Luke Davies, Dorothy Porter und Judith Beveridge besonders spürbar, wenn auch nie in einfacher Form. Bei Anthony Lawrence besitzt die Welt der Elemente moralische Größe, sie birgt Entsprechungen menschlichen Verhaltens. Bei Luke Davies steht die Fähigkeit zu staunen an erster Stelle, eine Offenheit für alle Lebensäußerungen, seine Lyrik zelebriert die Wechselbeziehungen, ist weltliche Verehrung. Dorothy Porters Lyrik wohnt eine dionysische Qualität inne – ein wiederkehrendes Thema ist der Trieb und das Risiko des sexuellen Begehrens. Ihre Gedichte nähern sich bewusst den Grenzen der menschlichen Erfahrung. Dabei wird die Gegenwart einer hemmenden Gegenkraft deutlich, die von Konvention und Konformität ausgeht, und die unbedingt überwunden werden muss. Es gibt einen heidnischen Aspekt der australischen Kultur, dem alle diese Dichter Zeugnis tragen, andererseits aber auch die traditionellen Gegner des Heidnischen, die moralischen Vorschriften des Christentums., die sich gegen Luxus und Exzess richten, sie werden ebenfalls in den Gedichten anerkannt, konfrontiert und umgewandelt.
Dem Europäer mag dieser Handel mit den Elementen, dieser Austausch über die Grenzen der Welten des Menschen und der Natur hinweg, wie Primitivismus erscheinen. Und es ist eine Art Primitivismus, aber eine, die vorsichtig und zurückhaltend gehandhabt wird. Besonders in der Lyrik Judith Beveridges ist dieses Zusammenspiel von Energie und Form kraftvoll und fein ausgearbeitet, ständig wird die Disziplin auf die Probe gestellt, mit der die Gedichte entstanden sind. Dies wird in der Aneinanderreihung klanglicher Metaphern in ‚Jachten‘ deutlich, in den rituellen Handlungen in ‚Mann, der sich auf einem Bahnsteig vor den Toren Delhis wäscht‘, in den eigentümlichen und bisweilen bizarren Analogien in ‚Die Raupen‘ oder ‚Die Häuslichkeit der Giraffen‘. In all diesen Gedichten ist die Einfachheit der Themen bemerkenswert, doch wird das alltägliche Detail zum komplexen Sinnbild voller Würde und Ausdruckskraft. In ‚Neun Stunden‘ schreibt Luke Davies: „Wir können wohl nichts Großes tun, / Nur mit der großen Liebe Kleines“, dieser Gedanke erfasst das Gefühl der Beschränkung und damit Bescheidenheit, die die Beziehung der Australier zur Welt der Natur bestimmt, und durch die Betonung auf „tun“ gewinnt die Strophe eine ethische Qualität.
Diesem Ethos liegt ein Egalitarismus zugrunde, die Erkenntnis von der Gleichwertigkeit aller großen und kleinen Dinge angesichts der Gewalten der Existenz. Das ‚egalitäre Ethos‘ bestimmt das Leben in Australien, aber es durchdringt die australische Lyrik nicht als politisches Glaubensbekenntnis oder als gesellschaftliche Ideologie. Stattdessen kommt es in einer Haltung der Offenheit und Aufmerksamkeit am stärksten zum Ausdruck. Diese Haltung wird in Les Murrays ‚Erste Abhandlung über Interesse’ widergespiegelt, sie wird als „unser Selbst beim Verschwinden in seine eigene Bereitschaft“ beschrieben. Was uns in solchen Momenten der Aufmerksamkeit begegnet, ist keine Vision, die über die vertraute Vorstellung hinausgeht – sondern sie ist im Gegenteil „ganz und gar alltäglich“, Murray nennt sie in einer bezeichnend häuslichen Wendung „die gewöhnliche Post des Jenseits“.
Die Details sind bei ihm zu Hause gesponnen – so wie die „Hosen“ als Metapher für Armut in ‚Die blecherne Waschschüssel‘ oder die Beschreibung seines Vaters als „eine gebeugte/grüne Hütte aus Rinderfutter“ in ‚Gewichte‘. Auch wenn die entstehenden Bilder großen Einblick hinterlassen, so scheinen sie doch provisorisch, wie in ‚Küchengrammatik‘. In diesem Gedicht wird die Stellung des Verbs im englischen Satz mit spritzendem Öl auf dem Boden eines Wok verglichen, und dann, in einem unerhörtem Angriff auf poetisches Dekor, mit dem „ruhigen Ei“ in der Mitte eines Hackbratens. Murrays Dichtung offenbart ihren egalitären Charakter in der Form wie auch in der Materie: Sowohl durch die Respektlosigkeit wie auch durch die Weise, mit der die Konstruktion des Gedichts Erfindungsreichtum und Vielseitigkeit hervorhebt, diese Stärken der australischen Pioniere.
Es ist faszinierend, die verschiedenen Formen nachzuvollziehen die hier durch Konzentration auf die Gleichwertigkeit und das alltägliche Detail entstanden sind:
Zum Beispiel in Robert Grays ‚Neun Schalen voll Wasser‘, in Peter Skrzyneckis Porträt seines Vaters ‚Feliks Skrzynecki‘, oder in Joanne Burns ‚fleischliches wissen‘. Das erste Gedicht befasst sich, mit einer vom Buddhismus inspirierten Aufmerksamkeit auf das Detail, mit dem Leben von Arbeitern. Das zweite verleiht einem eingewanderten Hilfsarbeiter eine göttliche Aura, die man mit orthodoxen christlichen Ikonen assoziiert, ein Zeugnis der polnisch-katholischen Herkunft Peter Skrzyneckis. Das dritte Gedicht kommentiert die primitive australische Männlichkeit auf ironische Weise und stellt die Türsteher eines Striptease-Clubs so dar, als handle es sich um Götter einer urbanen Mythologie, einen Augenblick lang sind sie „anabolika-typen“, im nächsten „pausbäckige babys“.
In jedem dieser Gedichte wird das Gewöhnliche zu etwas Ungewöhnlichem.
Die Landschaften in den Gedichten sind nicht natürlich, sondern urban, aber die Elemente sind ebenso stark aufgeladen, und ebenso großartig umgesetzt. Wie bei Beveridge und Murray ist auch hier bemerkenswert, mit welchem Geschick die Lyriker ihre Themen entwickeln, wie sie Allgemeines in Außerordentliches verwandeln, Vertrautes (wie bei Burns) in Bizarres, indem sie gewöhnliche Details mit umfassenderer Bedeutung ausstatten. Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel ist Robert Grays Gedicht ‚Das sterbende Licht‘, dieses surreale Porträt der alten Mutter des Dichters, die unter Alzheimer leidet. Grays surreale Analogien bringen die Würde der alten Dame zur Geltung, indem sie den Bezug auf andere Welten zulassen, und ihren Gesten und Äußerungen dadurch eine Bedeutung geben, die ihnen in der WeIt, in der sie lebt, abgesprochen wird.
Der Surrealismus und andere Erscheinungsformen symbolischer Verdichtung wie das Phantastische der Gothic Novels und das Barocke sind in der australischen Literatur äußerst gegenwärtig. Gerade wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft nehmen die Autoren mit ihren Interpretationen dessen, was in der ihnen gemeinsamen Welt als gewöhnlich oder alltäglich gilt, auf unterschiedliche Bedeutungswelten Bezug. In der Lyrik Peter Skrzyneckis und Antigone Kefalas kommen diese Unterschiede deutlich zum Tragen, sie sind in ihren Landschaften nie wirklich heimisch, die Elemente werden mit einer allegorischen Intensität aufgeladen, die einladend oder bedrohlich sein kann, je nach emotionalem Blickpunkt. Die Lyrik Samuel Wagan Watsons verbindet Formen aus Urban-Psychodelischem, aus den Massenmedien und aus der Geisterwelt der Aborigines, er beschreibt dieses Testament als „mein halbgeschossiger geist und dessen widersprüchliche geister“.
Diese drei Dichter stammen aus Aborigine- oder Einwandererfamilien, sind sich der verschobenen Realitäten, aus denen die australische Kultur, besteht, höchst bewusst, und dieses Wissen wird weitgehend geteilt. In ‚Die blecherne Waschschüssel‘ schreibt Murray der Erfahrung der Armut ein ähnliches Bewusstsein zu. In Gig Ryans Lyrik wird der Bezugsrahmen ständig verrückt und die Aufmerksamkeit verlagert, charakteristisch für gegenwärtiges urbanes Erleben. Einige Dichter versetzen mit einer Geste, die in der australischen Literatur eine lange Tradition hat, ihre Vorstellungswelten an Orte, die nicht erkennbar australisch sind. So bewegen sich John Tranters Gedichte mühelos von den Guarani-Indianern in Paraguay zu den Swimming-Pools in Los Angeles und verweisen auf Realitäten, die durch amerikanische Filme und Fernsehen so allgegenwärtig geworden sind. Sein Ensemble, Personal im schmierigen Medium zweitklassiger Liebesgeschichten, besteht aus desillusionierten College-Lehrern mittleren Alters, Schauspielern von Nebenrollen, heruntergekommenen Berühmtheiten und Kellnerinnen in Kleinstädten. Sie ermöglichen eine schonungslosere Konfrontation mit der Gewöhnlichkeit als vertrautere Figuren an australischen Schauplätzen. In der Lyrik Emma Dews wirkt eine ähnliche Ironie, in ihren Gedichten beschwört sie einen theatralischen Raum herauf, in dem verkrachte Künstler, unzulängliche Prinzen, herrische ältere Frauen und verwirrte bürgerliche HeIdinnen aus dem verlorenen Mitteleuropa mit ihren melodramatischen Gesten eine Bedeutsamkeit ausdrücken, die sich außerhalb ihrer Reichweite befindet.
Ironie ist ein weiteres Hauptmerkmal der Lyrik in Hochzeit der Elemente. Wie könnte man sonst die unterschiedlichen Forderungen von Energie und Form verbinden, Elementares mit Künstlichem, Gewöhnliches mit Bedeutsamem, wenn nicht mit einer Haltung, die selbst widersprüchlich ist und die es gleichsam vermag, Gegensätze in sich aufzunehmen?
So taucht schließlich Peter Rahbit, eine Figur aus einem englischen Kinderbuch, in diesem Buch auf, auch wenn es zwischen Australiern und Engländern reichlich Streitpunkte gibt und es sich hier gewiss nicht um ein Kinderbuch handelt. Die Ironie, die durch JS. Harrys naiven, aber entschlossenen kleinen Hasen zum Ausdruck kommt, ist typisch dafür, wie diese Dichter Ironie einsetzen, und weshalb sie in ihren Werken so bedeutsam ist. Die Perspektive des Hasen ermöglicht dem Dichter, die Wunder der Welt zu erfassen und gleichzeitig ihre Komplexität anzuerkennen. Durch sie wird Kleines zu Großem und Alltägliches wird als höchst eigenartig wahrgenommen. Macht und Unterdrückung werden von diesem bescheidenen Standpunkt aus verspottet, in den einfachen Dingen wird der Schlüssel zum Sinn des Lebens gefunden. Es ist vor allem die provinzielle Perspektive par excellence, unschuldig und wissend zugleich.
Wieviel davon kann in der Übersetzung aus dem australischen Englisch ins Deutsche übertragen werden? Der Hauptteil der Gedichte in diesem Band wurde im Verlauf einer dreitägigen Übersetzungswerkstatt Ende Juni 2003 übersetzt, bei der zehn der australischen Dichter mit zehn deutschsprachigen Dichtern zusammentrafen, die in ihren Herkunftsländern jeweils alle sehr bekannt sind, einander jedoch nicht kannten. Die Dichter arbeiteten paarweise, jeder Dichter Übersetzte die Gedichte des anderen in seine Sprache, dabei entstanden neue, eigene Gedichte. Zum Abschluss der Werkstatt wurden die Originale und Übersetzungen in zweisprachigen Lesungen der Öffentlichkeit präsentiert. Die Intensität und das Engagement der australischen und deutschsprachigen Dichter und die Kraft des Vortrags der Arbeiten des anderen zeigten, dass in den Übersetzungen die Energie, Fantasie und Ironie der Originale nicht nur bewahrt wurden, sondern diese Qualitäten noch stärker zur Geltung kommen können, wenn ihnen neues Leben zuteil wird.
Die Übersetzungswerkstatt wurde von der literaturWERKstatt berlin organisiert und durchgeführt, als Teil ihres jährlichen Poesiefestivals Berlin…

Ivor Indyk, Aus dem Vorwort

 

Eine Hochzeit der Poesie

− eine Werkstatt der Dichtung im Rahmen des Poesiefestival 2003 der literaturWERKstatt berlin: 14 australische Lyriker trafen auf 14 Deutsche Lyriker, und aus der Herausforderung einer Übertragung in die andere Sprache erwuchs „Hochzeit der Elemente“. Mit dieser zweisprachigen Sammlung, verantwortet von Aurélie Maurin, Thomas Wohlfahrt und dem Herausgeber Ivod Indyk, kann die weitgehend unbekannte zeitgenössische Dichtung des australischen Kontinents endlich entdeckt werden.

Dumont, Klappentext, 2004

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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